Das Science Fiction Jahr 2009

Bei Buch24.deDas Science Fiction Jahr 2009
(sfbentry)

Heyne Verlag 2009
1594 Seiten, ISBN 9783453525542

Ein Superbuch zu Superhelden – so könnte eine Einzeilen-Rezension im Twitter-Format zu diesem Buch aussehen. Da das Werk jedoch stolze 1594 Seiten hat, ist es angemessen, einige Worte mehr darüber zu verlieren.

Die Seitenzahl verweist gleich auf eine kritische Anmerkung, die regelmäßig in Rezensionen zu diesem jährlichen Science-Fiction Kompendium aus dem Heyne-Verlag gemacht wird und auch hier nicht fehlen darf: es ist zu dick. Der Anspruch, in einem Band einen Rundflug über die ganze Science-Fiction Szene vom Hörspiel über Filme, Bücher, Computerspiele bis hin zum Comic zu geben ist ambitioniert und einmalig, wirkt aber manchmal auch erschlagend. Immer wieder überlegt man, ob sich nicht einzelne Inhalte wie. z.B die Bibliographie der Heyne-Titel ins Internet verlagern ließen. Andererseits würden wahrscheinlich andere Leser gerade diese Themen vermissen.

Um sich nicht erschlagen zu lassen, muss man daher seine Leseeinstellung ändern – anstatt den Band wie einen Roman von vorne bis hinten durchzulesen, sollte man sich zum Rosinenpicken bekennen und nur die Teile lesen, die einen wirklich ansprechen. Wer sich erstmal darauf eingelesen hat, wird dann schnell feststellen, welch eine reiche Fundgrube dieser Band ist.
Denn kein anderer Verlag in Deutschland macht sich die Mühe, das Genre Science Fiction jedes Jahr mit so viel Energie zu begleiten und zu reflektieren, wie es Heyne mit diesem Band tut. Auch wenn einem nicht alles sinnvoll erscheinen mag, so kommt doch jemand, der die SF nicht nur als Badewannenlektüre konsumieren will, sondern auch ein gewisses Interesse an Geschichte, Kultur und manchmal auch Unkultur des Genres hat, nicht an diesem Band vorbei.

Zum Beispiel das Schwerpunkt-Thema dieses Bandes:  Superhelden. Selten einmal findet man so viel Lesenswertes zum Thema in einem Buch  konzentriert. Von der langen und schwierigen Geschichte des Watchmen-Filmes über das Verhältnis der Superhelden zu den USA bis hin zu historischen Vorläufern wie dem Graf von Monte Christo wird alles abgedeckt, was irgendwie mit Superheldentum zu tun hat.

Was leider schmerzhaft fehlt, ist jedoch eine Abrechnung mit dem gewöhnlichem Superheldentum das das Science-Fiction Genre seit seiner Entstehung wie ein chronisches Dauerleiden begleitet – ich meine damit das Faktum, dass die „Helden“ unserer geliebten Genre-Stories in aller Regel mehr mit Nietzsches Übermenschen gemein haben als mit den Nachbarn von gegenüber. Dies hat  Vorteile, erlauben doch die zahlreichen Weltraumhelden, Elitesoldaten, Psi-Adepten, Battle-Tech-Krieger etc. scheinbar interessantere Geschichten als unser langweiliger Alltag sie bieten könnte. Jedoch liegt genau hier das Problem: das Genre SF dient nicht als literarische Spiegelung der Wirklichkeit, sondern als Forum für pubertäre Projektionen, als Flucht aus dem Alltag. Somit stabilisiert es letztlich die Langeweile des Alltags, anstatt sie zu kritisieren.

Beim Thema „Superhelden“ hätte es sich angeboten, diesen tief verwurzelten Komplex des Genre einmal auseinanderzunehmen – eine Gelegenheit, die leider nicht richtig genutzt wurde. Zwar gibt es auch Beiträge, in denen Superhelden als Konzept kritisiert werden, meist jedoch nur jene in Strumpfhosen und nicht die alltäglich-unrealistischen Supercharaktere des gemeinen SF-Romans.

An anderer Stelle kommt die Kritik des Alltags jedoch um so geballter, etwa in einem sehr lesenswertem Aufsatz über Jack London, den die Meisten nur wegen seiner Goldgräbergeschichten kennen. Dass London auch eine gesellschaftskritische Ader hatte, überzeugter Sozialist war und mit dem Roman „Die Eiserne Ferse“ einen geradezu prophetische Untersuchung über die diktatorischen Tendenzen der „freien Marktwirtschaft“ lieferte, das erfahren wir aus diesem Artikel. Ein weiteres plus ist, dass auch hier Jack London nicht zum Superhelden unter den Abenteuerschriftstellern aufgeblasen wird . Problematische Tendenzen in seinem Werk werden durchaus benannt – konkret nämlich die Schilderung seiner Helden als „blonde bestie“ im Stil Friedrich Nietzsches. Hier tritt sich der Kritiker der Diktatur des Kapitals selbst auf dem Fuss, in dem er unreflektiert die diktatorischen und elitären Motive Nietzsches und anderer zeitgenössischer Autoren übernimmt.

Der Artikel über Jack London liefert also genau jene Kritik am Superheldentum, die im vorangegangenen Themenschwerpunkt leider fehlt: ein paar Argumente gegen den antidemokratischen, messianischen Führerkult, der fast jedem Superhelden-Mythos notwendig anhaftet. Man erinnere sich: im Film Watchmen gibt es einen Handlungsstrang, in dem das von der US-Regierung als Form der Selbstjustiz verboten wird. Diese, in Comic und Film eher negativ geschilderte Maßnahme sollte uns eigentlich zu denken geben: wollen wir wirklich von selbsternannten Übermenschen beschützt werden?

Solche Reflektionen sind das eigentlich Spannende an einer Literaturkritik der Science-Fiction – sie gehen jedoch manchmal unter in diesem Band, der an vielen Stellen einfach nur beschreibende Aufsätze zu diesem oder jenem SF-Inhalt liefert. Auch hier wäre weniger mehr gewesen. Weniger aufzählende Darstellungen und stattdessen mehr tiefenscharfe Analysen darüber, was für Motive in der SF eigentlich immer wiederkehren und in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang diese stehen. Kurzum: mehr Literaturkritik, weniger Sammelwut.

Trotz aller Kritik, trotz allem „zu viel“ – in diesem Kuchen gibt es genug Rosinen, das Picken lohnt sich. Wer also Science Fiction  nicht nur gerne liest, sondern auch mehr über Science Fiction erfahren möchte, ist mit diesem Buch gut beraten.

Copyright (c) 2010 by Ralf Hoffrogge

Titel bei Buch24.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.