Das Tor der Zeit

Neal Asher
Das Tor der Zeit

Originaltitel: Polity Agent (London : Tor/Pan Macmillan Ltd. 2006)
Deutsche Erstausgabe: Mai 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-SF 23308)
Übersetzung: Thomas Schichtel
Cover: Fred Gambino
589 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-23308-3

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Das geschieht

Die „Polis“ ist in ferner Zukunft der von den Menschen und ihren Abkömmlingen und Verbündeten besiedelte Teil der Galaxis. Regiert wird das gewaltige Gebilde von künstlichen Intelligenzen (KIs), die über die gesamte Polis verteilt sind und mit „Earth Central“ in Verbindung stehen.

Die KI Celedon, die in einem vergessenen Winkel der Polis eine Raumstation steuert, zu einer unbekannten Sonne beordert. Dort steht die Öffnung eines „Runcibles“ bevor: Zwei Punkte im All werden durch ein künstliches Wurmloch verbunden, durch das sich gewaltige Strecken in Nullzeit überbrücken lassen. Diese Technik ist kompliziert und nicht ungefährlich, so dass weiterhin die ’normale‘ Raumfahrt dominiert. „Earth Central“ hält zudem geheim, dass die Runcibles auch Zeitreisen ermöglichen. Die „Celedon“ steuert ein Portal an, durch das Menschen aus der Zukunft eingetroffen sind.

„Earth Central Security“, die Sicherheitseinheit der Polis, schickt ihren Agenten Ian Cormac an Bord des Forschungsschiffs „Jerusalem“ zum Ort des Geschehens. Er kontaktiert er die Gäste und erfährt, dass diese den Auftrag hatten, eine fremde Intelligenz, den „Erschaffer“, zu bergen. Doch durch die Supertechnik einer versunkenen Hochkultur – der Dschaina – wurden alle „Erschaffer“ infiziert und assimiliert.

Den Suchenden gelang die Flucht in die Vergangenheit, doch unbemerkt hat sich Dschaina-Technik an ihre Fersen geheftet. Auf dem Planeten Celeron manifestiert sie sich als fünfte Kolonne und setzt zum Sturm auf die „Polis“ an. Ein verzweifelter Abwehrkampf setzt ein, in den sich Cormac einschaltet. Unbemerkt bleibt, dass eine allzu neugierige Wissenschaftlerin mit einem Dschaina-Artefakt experimentiert und Geister dort weckt, wo sich niemand ihnen rechtzeitig entgegenstemmen kann …

Ein Epos wälzt sich in den nächste Runde

Der Kampf mit der Dschaina-Technik geht in die nächste Runde, die erneut viele, viele hundert Seiten währt: Allmählich beginnt sich so etwas wie eine Story aus dem wüsten Getümmel herauszuschälen, das Ian Cormac und seine hartgesottenen Mitstreiter/innen an immer neue Brennpunkte führt. Erneut geht es höchst spannend und actionreich zu. Gewaltige Kämpfe toben im All und auf diversen Planeten. Der Tod kommt schnell in Ashers Zukunftswelt, wobei stets noch Zeit für liebevoll im Detail geschildertes, grässliches Sterben bleibt: Der Einfallsreichtum des Verfassers ist schier unerschöpflich.

Das trifft noch mehr auf Ashers Schilderung einer Zukunft zu, die nicht auf die Darstellung bemerkenswerter Hightech beschränkt bleibt. Die „Polis“ ist Heimat einer Gesellschaft, die sich neu definiert, indem sich die Grenzen zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz zu verwischen beginnen. Es gibt kaum noch Menschen, die sich nicht ‚verbessern‘ ließen, um stärker, schneller und vor allem besser informiert zu sein. Diese Entwicklung ist nicht unproblematisch; über diverse Zwischenfälle informiert Asher durch Ausschnitte aus fiktiven historischen Darstellungen bzw. Rückblicke auf zentrale Ereignisse der „Polis“-Geschichte.

Diese eingeschobenen Infos sind auch deshalb wichtig, weil sich ohne sie inzwischen kaum ein Neuleser in Ashers „Polis“-Chronik zurechtfände. Der Verfasser selbst hat seinen Stoff bemerkenswert gut im Griff. Er bezieht die erfundene Vergangenheit seiner Zukunft in das aktuelle Geschehen ein. Allerdings beginnt er sogar diejenigen Leser, die ihm treu gefolgt sind, zu überfordern – zu gewaltig ist die Geschichte, die Asher zwar in Episoden erzählt, die sich jedoch zu einem Opus reihen, dessen Finale noch lange nicht in Sicht ist.

Hier hat bereits die Kritik eingesetzt. Asher beginnt seinen Quark allzu breit zu treten, um es etwas salopp auszudrücken. Hat er wirklich eine Vorstellung davon, wohin es mit seiner „Polis“-Saga geht, oder entscheidet er dies erst, wenn er eine neue Episode schreibt? „Das Tor der Zeit“ ist ein 600-seitiges Werk, das trotz gewaltiger Effekte auf der Stelle tritt. Die wenigen neuen Erkenntnisse, die sich der Verfasser entreißen lässt, gehen in einem Meer grandioser, doch routiniert abgespulter Hit-and-Run-Szenen unter.

Lang, noch länger … viel zu lang

Lässt man sich davon nicht blenden, verlieren auch die detailreichen Schilderungen einer potenziellen Zukunft ihren Glanz. Asher serviert uns alten Wein in neuen Schläuchen, wenn er schon wieder von KIs und Sub-KIs und Sub-Sub- oder Als-ob-KIs usw. fabuliert. Die Dschaina-Knoten stellen erneut jeden Borg-Würfel in den Schatten, es wimmelt von bizarrer Kriegstechnik, Raum und Zeit werden zum gewaltigen Abenteuerspielplatz: Das kennen wir längst, und allmählich (er-) kennen wir, dass Asher auf Zeit spielt bzw. Buchseiten schindet. Viele Kapitel können – oder müssen – wir lesen, in denen sich Verräterin Orlandine ein kuscheliges Geheimversteck bastelt. Asher beschreibt die Bauarbeiten mit dem für ihn typischen, geradezu zügellosen Einsatz von Ideen. Trotzdem wirken diese Passagen so spannend wie eine Gebrauchsanweisung, und sie sind in ihrer Ausführlichkeit sinnlos für die eigentliche Handlung.

Asher outet sich (nicht nur) hier unfreiwillig als SF-Schriftsteller des 21. Jahrhunderts. Was die oft geschmähten Altmeister des Genres auf 250 Seiten sehr ökonomisch und ohne Längen realisiert hätten, walzt er auf Rekordumfang aus. Der routinierte Leser überrascht sich dabei, wie er (oder sie) bald ganze Textsequenzen überspringt und trotzdem den roten Faden nicht verliert. Schade um das investierte Hirnschmalz, denn Asher drischt wie gesagt Stroh, das ein wirklich engagierter Lektor abgeflämmt hätte. Im Zeitalter der Endlos-Serien ist so etwas freilich Vergangenheit, und Neal Asher ist definitiv kein Neuerer der SF, auch wenn er die Space-Opera entstauben konnte. Sein Technobabbel-Repertoire ist erstaunlich (und Thomas Schichtel, ein Fließbandarbeiter im Übersetzungsgewerbe, hält wacker mit), die beschriebenen Wunder wirken ‚realistisch‘.

Dazu verschweigt Asher bei allem „Sense of Wonder“ nie die negativen Seiten der schönen, neuen Welt. Damit sind nicht nur die spektakulären Krisen gemeint, für die z. B. die Dschaina-Relikte verantwortlich sind. In der „Polis“ geht schief, was auch im realen Leben schief zu gehen pflegt. KIs drehen durch, Separatisten begehren auf, Supertechnik versagt, im Gebälk des Systems knirscht es mächtig. Aber auch diese Haken und Ösen, die Ashers Welt plastischer wirken lassen, werden nur bedingt in die Handlung integriert und dieser stattdessen viel zu oft aufgepfropft.

Figuren ersetzten Personen

Vor der sich über Lichtjahre erstreckenden Front gegen die Attacken der Dschaina-Knoten wirken die Figuren notgedrungen wie Flöhe auf einem Hundefell. Individualität ist in Ashers Welt eine behauptete, vor allem durch Äußerlichkeiten wie bizarre Implantate oder den Naturgesetzen Hohn sprechende Fähigkeiten bestimmte Eigenschaft. Das lässt die meisten Personen weniger eingängig als grotesk wirken.

Dagegen fällt Ian Cormacs Charakterisierung eher konventionell aus. Der undercover arbeitende Agent im All ist ein Klischee der Science Fiction. Das wird hier unterstrichen durch Cormacs Verweigerung jener Aufrüstung, durch die sich Menschen in monströse Cyborgs verwandeln. Cormac fungiert als Figur, mit der sich die Leser des 21. Jahrhunderts identifizieren können und sollen, weil er relativ ’normal‘ geblieben ist. Die Zweifel, ob dies nach seinem letzten Kampfeinsatz und den sich anschließenden ‚Reparaturen‘ so geblieben ist, ziehen sich als eine von vielen Fragen durch das Geschehen. Außerdem findet Cormac dieses Mal eine Freundin, was einen weiteren Handlungsstrang in Gang setzt, der sich aus literarischen Mehrzweck-Modulen zusammensetzt. Hightech trifft auf altmodischen Sex; das Ergebnis liest sich vertraut und stellt in Ashers Interpretation keine Offenbarung dar.

Neben Cormac treten alte Bekannte wie Drachenkind „Narbengesicht“ oder Golem Thorn, die ebenfalls ihre sattsam bekannten Rollen spielen. Das Böse tritt in glitzernder Schale aber im Grunde sehr klassisch auf: Orlandine ist ein weiblicher „mad scientist“ mit den üblichen Anwandlungen von Größenwahn. Usurpator Thellant wird von der Dschaina-Tech besessen und tritt in die Fußstapfen des schier unkaputtbaren Skellor, dem Cormac & Co. ermüdend viele Buchseiten hinterher gejagt waren. Gut und Böse treten in immer neuen Masken auf, wechseln die Seiten, tarnen und täuschen manchmal sogar, ohne selbst davon zu wissen: Hier behält einmal mehr höchstens Verfasser Asher die Übersicht. Er schürzt die zahllosen Handlungsfäden zum finalen Knoten. Ist es soweit, stellt der Leser fest, dass er erschöpft und enttäuscht ist. Liegt es daran, dass die Auflösung wenig originell und das Ende schon wieder offen ist? Die Karawane schleppt sich weiter, die Fortsetzung ist bereits angekündigt. Da sich das Strickmuster bewährt hat, wird sie kaum neue Wege gehen und vor allem von den unerschütterlichen Fans der Serie ungeduldig erwartet werden.

Autor

Neal Asher wurde 1961 in Billericay in der englischen Grafschaft Essex geboren. Seine Kindheit und Jugend bezeichnet er als unspektakulär. Die Liebe zum Phantastischen erwachte früh; Ashers Eltern liebten das Genre, in dem ihr hoffnungsvoller Spross bereits im Alter von 16 Jahren recht unbekümmert erste Schritte sprich Schreibversuche unternahm.

Doch erst einmal holte die Realität den jungen Neal ein warf ihn u. a. in eine Firma für Stahlmöbel und andere obskure, in der Regel erfolglos ausgeübte Jobs, die offensichtlich in die Biografie jedes erfolgreich gewordenen Schriftstellers gehören. In der zweiten Hälfte der 1980er fasste Asher beruflich Fuß in der IT-Branche. Nebenbei begann er ernsthaft zu schreiben. Asher verfasste mit „Creatures of the Staff“ den ersten Band der Fantasy-Trilogie „The Infinite Willows“, schrieb Kurzgeschichten, Drehbücher und wurde langsam aber sicher eine feste Größe in der britischen Phantastik.

2000 wurde Asher vom Verlag Pan Macmillan für gleich drei Romane unter Vertrag genommen. Diese rasanten und mit überbordender Fantasie geschilderten Abenteuer ließen die Weltraum- und Planeten-Abenteuer der SF-Vergangenheit aufleben und fanden auch im Ausland begeisterte Leser.

Informationen über Leben und Werk gibt Neal Asher auf seiner Website. Diese ist aktuell, liebevoll gestaltet und prall gefüllt mit bio- und bibliografischen Angaben, die aber nicht gerade erschöpfend sind – Asher ist eine Plaudertasche, die sich gern in Anekdoten verliert und kräftig für sich die Werbetrommel rührt.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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