Der Weg nach unten

Norbert Stöbe
Der Weg nach unten

Heyne / Science Fiction & Fantasy Taschenbuch (4791)
458 Seiten
ISBN 345304987x
Erschienen: 1991
Titelbild: Dieter Rottermund

Das Thema
Das Abendland geht seinem Untergang entgegen. Dies ist mindestens seit Oswald Spengler ein Allgemeinplatz, wird aber von der SF gern und vielschichtig thematisiert. Orwell u.a. Dystopen zeigten dem weltkrieggeschockten Abendländer anschaulich die Konsequenzen großmannssüchtiger Weltmachtpolitik auf. Die New Waver sahen das Ende der Zivilisation schon in der Gegenwart keimen. Tendenzen der Verrohung, der Zerstörung der westeuropäischen Gesellschaft, des Verfalls der Sozialen Marktwirtschaft zum totalitär dirigierten, von Gewalt verzerrten Drama sind bei der gegenwärtigen Entwicklung eben nicht nur in der fernen Zukunft zu erwarten. Ihre organische Fortsetzung fand diese Art SF im Cyberpunk.

Insofern bot Norbert Stöbe mit seinem vierten Buch im Heyneverlag nichts Neues im Westen. Sein Roman reiht sich gleichfalls in die typisch westdeutsche „Punk“-Untergangsdreck-SF ein, die geprägt ist durch eine evolutionäre Konzeption.

Dominieren im englischsprachigen Teil der Welt-SF Postdoomsday-Geschichten, die ein Szenario der Welt im Abgrund nach der Katastrophe entwerfen, zeichnet sich meines Erachtens das westdeutsche Pendant eher durch ein Zukunftsbild aus, welches unmittelbar, im Laufe der Entwicklung, aus der heutigen westeuropäischen Zivilisation entstehen könnte. Beispielhaft dafür wären Karl Michael Armers „Die Eingeborenen des Betondschungels“, viele der Stories der in der DDR erschienenen Bände „Das Rheinknie bei Sonnenaufgang“ und „Gedankenkontrolle“, die übrigens als „Utopische Geschichten“ tituliert wurden, was doch irgendwie seltsam anmutet in der realsozialistischen Literaturrezeption: Schöne neue Welt…

Ob es ein Zufall ist, dass gerade im wohl(an)ständigen Deutschländle, in der Kronkolonie der postindustriellen Kultursphäre solcherart Ideen sprießen?

Der Roman
… besitzt eine Rahmenhandlung. Der Leser wird zunächst entführt in die recht bizarr anmutende Realitätsflucht einer kleinen Menschengruppe in einem seltsamen Theater, wo man nicht zuschauen, sondern mitspielen kann. Der beschriebenen Welt kann man auch nur entfliehen. Sie ist die grausame Verzerrung unserer heutigen gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten. Auf der einen Seite regiert der Konsumrausch, auf der anderen der totale Zerfall. Die Innenstädte wucherten wie Krebsgeschwüre aus Glas und Beton, entwickelten sich zu völlig zugebauten Gebäudekomplexen. Deren Bewohner entflohen diesen Betonburgen in die Vororte, die Cities starben aus. Wiederbelebt werden sie nun durch alle möglichen Freaks, die hier seltsamen Lebensweisen frönen oder ihre Freizeit verbringen.

Die „Theaterbesucher“ versetzen sich in eine märchenhafte Gedankenkulisse, agieren nach dem Willen des Regiesseurs, der sie in eine heldenhafte Alternativpersönlichkeit schlüpfen läßt. Da kommt es schon einmal vor, dass sich ein Mitspieler nicht mehr so leicht dem Surrogat entziehen kann.

Nun wird in einem Citybau eine solche Theaterveranstaltung gewaltsam durch eine Rowdygruppe unterbrochen, die Theaterleute zunächst eingesperrt. Sie stehlen sich voller Furcht vor den Heavies aus dem Gewahrsam fort, beginnen eine Irrfahrt durch den halbausgestorbenen Bau. Die Heavies werden in der Geschichte als Angst einflößende postmoderne Rocker eingeführt. Sie teilen das Terrain mit den Indis, Leuten, die sich vor der Konsumwelt in die ausgestorbenen Blöcke zurückzogen, um dort ihren Idealen von einem unabhängigen, rein ökologischen und absolut friedlichen Leben nachzugehen. Aufgestört werden alle Mann durch einen Mörder, der seinen Opfern den Kopf abzuschlagen pflegt. Die Heavies jagen ihn, stören dabei die Indis auf, die nun ihrerseits einen neuen, ungestörten Wohnplatz suchen, damit aus ihrer Utopie gerissen werden.

Alle drei Gruppen irren durch den Bau. Norbert Stöbe schafft durch eine glänzende Diktion eine schrecklich-faszinierende Atmosphäre, beschreibt psychologisch einfühlsam die Beweggründe der Menschen. Mit deutlichem Zynismus wird die verdorbene Konsummentalität der Theaterleute charakterisiert, mit schon fast schwülstigen Worten beschreibt der Autor die Indis, die durch ihre Lebensweise den Bau als gar nicht so unheimlich ansehen, sondern anfänglich als einen Ort, der ihnen alles zum Leben Wichtige liefert.

Die Heavies tauchen zunächst nur im drohenden Hintergrund auf. Der Hauptteil schildert die Suche der Theatergruppe nach einem Weg nach unten. Sie werden angeführt vom primitiven Gewaltmenschen Pack. In der Parallelhandlung suchen die Indis die neue Heimat. Dabei begegnen beide Gruppen stummen Hunden und den Spuren des Mörders und der Heavies.

Die Handlung kulminiert, als sich alle drei Gruppen begegnen und gegenseitig entdecken. So können die Indis ihre Aggressionen nicht hundertprozentig unterdrücken, und die Heavies erweisen sich als unbedarfte Holzköppe, die ihre Komplexe hinter Ketten rasselnden, martialischen Masken verbergen. Sie jagen von panischer Angst erfüllt den Mörder und wollen dazu die Indis um Hilfe bitten. Die jähe Wendung der Handlung besitzt ein gehörig Maß Seifenopermentalität; es geht zu schnell, zu glatt, zu harmonisch. Der Autor vergisst wohl selbst, dass er eben noch von Düsternis erzählte, nicht aber ein romantisches Märchen.

Bei der Auflösung des Rätsels um den Kopfabhacker verpasst der Autor dem Leser dann noch einen trivialen Tiefschlag. Eine neue Figur einzuführen, war ihm wohl zu mühselig, ergo muss die bisher am fiesesten dargestellte Gestalt als Täter herhalten. Und dann köpft dieser sich auch noch selbst…

So, und nun kann alles wieder vergessen werden, jetzt kommt nämlich das letzte Kapitel, mit dem der Autor wohl den Philip-K.-Dick-Memorial-Award kassieren will. Es wird auf einmal alles in Frage gestellt, es könnte alles eine raffinierte Theaterinszenierung gewesen sein. Zu empfehlen? Auf jeden Fall, doch sollte man lieber die Seiten 451 bis 459 herausreißen. (Thomas Hofmann)

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Der Weg nach unten. Roman.

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