Die Alpträume der Stevie Crye

Michael Bishop
Die Alpträume der Stevie Crye

Heyne / Science Fiction & Fantasy Taschenbuch (4810)
411 Seiten
ISBN 3453049993
Originaltitel: Who made Stevie Crye (1984)
Erschienen: 1991
Übersetzer: Irene Bonhorst
Titelbild: Andreas Reiner

Aber als ich so vor meiner Schreibmaschine sitze, geht es mir wie Stevie Crye. Wie füllt man leere Seiten mit etwas Sinnvollem? Natürlich hätte ich geschickt die Namen Nietzsche und Schopenhauer einstreuen können, und mein Buch wäre in der Reihe Philosophie, so es sie gäbe, bei Heyne erschienen. Zumindest ist es M. Bishop durch die Nennung einiger SF-Größen gelungen, sein Buch in die SF-Reihe zu torpedieren. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Zumal der Autor selbst von einem „… Roman voller amateurhafter sozialer Spekulationen und Freudscher Charakteranalysen“ spricht. Ein wenig Selbstironie – warum nicht, wenn´s der Wahrheit dient. Das zitierte Satzfragment deutet bereits auf den Schreibstil hin. Collagenhaft wird Alltägliches mit Traumsequenzen vermischt und sogar der vorliegende Roman als Medium Buch in die Handlung miteinbezogen. Diese Idee ist nicht ganz neu, wurde aber gut realisiert und es fehlt eigentlich nur, dass der Autor selbst noch in die Handlung eingreift. Muss ja aber auch nicht sein. Zumindest wird durch diese Schreibtechnik eine Art Kommunikation mit dem Leser erreicht, die ihm die Möglichkeit bietet, die Geschehnisse dieser – wohl am treffendsten als phantastische Geschichte bezeichneten – Handlung allein deuten und werten zu können.

Zur Handlung selbst: Die Witwe Stevie Crye, in ihrer Zerrissenheit über den zu frühen Tod ihres Mannes von Schuldgefühlen geplagt, hat Probleme, als Journalistin und Schriftstellerin sich und ihre zwei Kinder zu ernähren. Nicht wie die diversen Heroen gewisser billiger Bücher, denen in den unmöglichsten Situationen alles auf Anhieb gelingt, muss sie sich mit dem täglichen Kleinkram herumschlagen; und in dieser Krisensituation gibt auch noch ihre Schreibmaschine – ihr wichtigstes Werkzeug, Geld zu verdienen – ihren Geist auf, was sie in schiere Verzweiflung stürzt, die (fast schon) an geistige Verwirrung grenzt. Ihre Existenzangst vermischt mit ihren Schuldgefühlen und den täglichen kleinen Ärgernissen verdichten sich zu einer explosiven Mischung.

Nach der preiswerten Reparatur der Maschine durch einen seltsamen Typen gerät ihr Leben endgültig aus den Fugen, wobei es dem Leser überlassen bleibt, ob es sich um die Phantasien einer Schizophrenen (Psychologischer Gegenwartsroman) oder seltsame Erlebnisse (Phantastik) handelt. Da ich es hasse, wenn in einer Rezension der ganze Inhalt nacherzählt wird, will ich es dabei belassen und verkneife es mir, auf die einzelnen Begebenheiten einzugehen. Meiner Meinung nach verdirbt es nur den Spaß am Selbst entdecken eines Buches. (Wenn ich an die Nachworte einiger Bücher aus DDR-Zeiten denke, in denen der Versuch gemacht wurde, dem Leser einzureden, wie er diese oder jene Szene zu verstehen hat, wird mir einfach schlecht.)

Um aber bei Bishops Roman zu bleiben, so zeichnet er sich durch die gute Beobachtungsgabe und liebevolle Detailausarbeitung, sowie durch den flüssigen, gut lesbaren Stil und die gepflegte Sprache des Autors (die durch die Übersetzung nicht allzu sehr gelitten haben dürfte) aus.

Aufbauend auf der Handlung gibt Bishop seine Meinung zu den Lesegewohnheiten der breiten Masse (nicht gerade schmeichelhaft) und zum Gewinn orientierten Aktionismus der Filmindustrie preis. Auch das Verlagswesen, sowie viele andere Dinge werden abgehandelt, ohne dass es aufgesetzt wirkt oder ein erhobener Zeigefinger der Besserwisserei über allem schwebt. Gezeigt wird nur der „tägliche Wahnsinn“, wie es Bukowski wohl ausdrücken würde. Kurz: Eine gut geschriebene, unterhaltsame Geschichte. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. (Frank Gießmann)

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Die Alpträume der Stevie Crye. Roman.

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