Die Plätze der Stadt

John Brunner
Die Plätze der Stadt

Heyne / Science Fiction & Fantasy Taschenbuch (3688)
343 Seiten
ISBN 3453306082
Originaltitel: The squares of the city (1965)
Erschienen: 1980
Übersetzer: Horst Pukallus
Titelbild: Ulf Herholz

Es ist unbestritten, dass Mr. Brunner zu den Großen des Genres zählt; er schreibt nicht schlecht, er schreibt engagiert, er schreibt – seit einigen Jahren – kritisch und bei über 40 in deutsch vorliegenden Büchern müssen ja auch ein paar weniger gute dabei sein. Und dazu zählt für mich auch „Die Plätze der Stadt“.

Das Werk stammt aus einer Zeit, in der der Autor anfing, sich einen Namen als gesellschaftskritischer SF-Autor zu machen und gesellschaftskritisch zieht er in vorliegendem Werk über die mehr oder weniger offenen Diktaturen in Südamerika her. Das liest sich nicht schlecht und als ehemaligen DDR-Bürger hat es mich richtig amüsiert, festzustellen, dass der in vorliegender Story das Land Aguazul regierende Potentat, Senor Vados, mehr als einmal Gelegenheit findet, sein Land als „das am besten regierte Land der Welt“ zu bezeichnen.

Zum Zwecke der Errichtung einer hypermodernen Verkehrstrasse quer durch die ebenfalls hypermoderne Hauptstadt Aguazuls importiert Senor Vegas einen bekannten Städteplaner aus Florida in sein Reich. Der heißt Boyd Hakluyt und alsbald fallen ihm zwei Dinge auf: Erstens ist die einheimische Bevölkerung aller Klassen mindestens genauso schachverrückt wie die Russen und zweitens soll seine Tätigkeit bei der Trassenkonzipierung nur dazu dienen, als Alibi für die Beseitigung der die Hauptstadt verunstaltenden Slums zu dienen. Denn leider gibt es im am besten regierten Land ein paar uneinsichtige und arbeitsfaule Typen, die lieber in Blechbuden als in sündhaft teuren Komfortwohnungen hausen.

Es dauert eine ganze Weile, bis sich unser wackerer Architekt dazu durchringt, bei so was wohl nun doch nicht mitmachen zu können und er mausert sich zu einer Art Widerstandskämpfer wider Willen, der zum Schluss mehr oder weniger zufällig den großen Schlussgag, nein, nicht direkt erkennt, aber immerhin vermutet. Eigentlich will er bloß Senor Vegas ärgern, und, aufgebracht, wie es jeder nach einem gerade auf ihn verübten Mordanschlag wäre, schreit er dem Diktator einen, wie er findet, sehr abwegigen Gedanken ins wohlgenährte Gesicht. Nur, dass sich diese Idee als gar nicht so abwegig entpuppt.

Diesen Gag werde ich natürlich nicht verraten, ein SF-Fan, der sich ein wenig mit Schach auskennt, wird ihn ohnehin meilenweit vor Mr. Hakluyt erkennen, zumal sich Schach als eine Art Leitfaden durch die ganze, ab und zu ein wenig holprige Handlung zieht. Gerade über Ungereimtheiten im Ablauf der Erzählung habe ich manchmal den Kopf geschüttelt, bis ich endlich auf J. Brunners Nachwort stieß (ja, ja, ich gehöre nämlich noch zu den Sonderlingen, die ein Buch vorn beginnen und sich ordentlich bis zur letzten Seite durchkämpfen). Und was lese ich da? Die Handlung hat der Autor nach einer 1892 in Havanna zwischen Steinitz und Tschigorin abgelaufenen Schachpartie ausgerichtet. Und ich hatte mich doch tatsächlich gewundert, wieso ein (oft wegen seiner Hautfarbe diskriminierter) Farbiger – Damebauer – über eine spitze Bemerkung eines Regierungsbeamten – Königsbauer – so in Wut gerät, dass er diesen gleich tot haut. Aber wenn damals in dieser Schachpartie gerade ein Bauer einen anderen geschlagen hat…

Im Prinzip habe ich nur eine winzige, dafür allerdings entscheidende Kleinigkeit vermisst, nämlich das SF-Element, das diesem Roman zu dem pompösen Titel „Tophit der Science Fiction“ (Zitat Umschlagseite) verhilft. Das Prinzip der „unterbewussten Wahrnehmung“ (kurze, vom Auge nicht zu erkennende Bilder werden in ein laufendes Fernsehprogramm für die Bevölkerung Aguazuls eingeschmuggelt) kann es ja wohl nicht sein, denn erstens ist es ein alter Hut und zweitens wurde es von Psychologen entdeckt und nicht von der SF-Literatur. (Norbert Danziger)

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Die Plätze der Stadt. Roman.

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