Ewigkeit

Alastair Reynolds
Ewigkeit

(sfbentry)
Titel der Originalausgabe: Century Rain 2004
Heyne
ISBN 978-3-453-52440-8
Science Fiction, 2008
Übersetzung: Bernhard Kempen
Titelbild: Chris Moore
Umfang 802 Seiten

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Alastair Reynolds wurde mit seinem Offenbarungs-Zyklus einem breiten Publikum bekannt. Neben dem umfangreichen Hauptwerk schrieb Reynolds auch weitere Geschichten, die in dieser fernen Zukunft einer zwischen den Sternen verteilten Menschheit spielen. Das Hauptwerk zeichnet sich insbesondere durch seine vielschichtigen, miteinander verwobenen Handlungsfäden und einen anspruchsvollen Metaplot aus, der das mehrere Tausend Seiten umfassende Gesamtwerk miteinander verbindet.  [Buchtitel] ist jedoch völlig unabhängig von diesen Werken und spielt auch nicht im gleichen Universum.

Der Beginn des Romans führt den Leser gleich in eine dystopische Zukunft. Die Menschheit hat sich von der Erde entfernt und bewohnt den umliegenden Raum. Dieser Schritt ist jedoch weniger futuristischer Luxus, sondern vielmehr existentielle Notwendigkeit. Nachdem die Nanotechnik der Kontrolle ihrer Schöpfer entglitten war, wurde die Erde über Nacht entvölkert. Der im All lebende Rest der Menscheit teilte sich in zwei Parteien. Die [Technikkerfraktion] kontrolliert den Zugang zu einem von außerirdischen Intelligenzen angelegten Überlichtnetz. Unter den nanotechnikfeindlichen Stokern gelten die Zeugnisse der irdischen Vergangenheit gelten als kostbare Schätze und wagemutige Archäologen wie die dickköpfige Verity Auger forschen im vergletscherten Paris und anderorts nach diesen Schätzen.

Nach einem Zwischenfall in Paris wird Auger jedoch auf eine phantastische Mission geschickt. Im geheimnisvollen Überlichtnetz der Aliens sind Agenten der Stoker auf einen Zugang zu einer zweiten Erde gestoßen. Diese Parallelwelt, einfach nur Erde 2 genannt, scheint der Erde bis zu einem bestimmten Zeitpunkt während des zweiten Weltkriegs exakt zu gleichen. Dann jedoch nahm alles einen anderen Verlauf. Nicht nur Gesellschaft und Politik entwickelten sich auf E2 anders, auch die technische Entwicklung blieb auf dem Niveau kurz vor dem zweiten Weltkrieg stehen. Unter größter Geheimhaltung wird die Archäologin Auger in diese Welt entsandt, um ein paar Dokumente einer verschollenen Kollegin zu beschaffen. Was auf den ersten Blick sehr einfach klingt, stellt sich schnell als gefährliches Abenteuer heraus.

Reynolds Figuren sind spleenig und kantig. Ihre eigenwillige Entschlossenheit verbunden mit ihren menschlichen Schwächen verleiht ihnen die Tiefe, um die Geschichte zu tragen. Die Bedingungen der faschistischen Systeme auf E2 und das Spannungsverhälnis zwischen Stokern und [Nanofraktion] bringen sie immer wieder in Bedrängnis, so dass sie über sich selbst hinauswachsen müssen, um das Außergewöhnliche zu vollbringen. Dennoch lässt Reynolds seine Geschichte einen etwas holprigen und verworrenen Anfang nehmen und kommt erst langsam in Fahrt. Aus ein paar Ungereimtheiten, die den Mordfall White begleiten wird schließlich ein höchst beunruhigendes Mysterium. Reynolds verwischt das Mysteriöse in der Normalität seiner Figuren und ihrer alltäglichen Probleme. Dann verdichten sich einige Elemente jedoch und ein schleichendes Grauen betritt die Bühne, dass schon bald seine tödlichen Fänge zeigt.

Mit der Opposition in Gestalt der Kriegsbabys erschafft Reynolds wahre Alptraummonster, die in ihrer psychologischen Wirkung auf den Leser weitaus schrecklicher sind, als die meisten anderen Schrecken. Mit der Rückkehr zur originalen Erde scheint das Spiel von Neuem zu beginnen, nimmt jedoch sehr bald Fahrt auf und führt die Protagonisten auf die Spuren eines ungeheuerlichen Verbrechens. Nach dem eher schleppenden Beginn beschleunigt Reynolds immer weiter und lässt seinen Leser nicht mehr zur Ruhe kommen. Wie immer zeichnen sich seine Entwürfe dabei durch technische Finesse und plausible Gedankenspiele aus, die immer noch genug Science in der Fiktion lassen, um der Geschichte den entscheidenden Hauch von Realismus zu geben. Auch in [Ewigkeit] beschreitet die Menscheit wieder verschiedene Wege, denen verschiedenen Philosphien zugrunde liegen. Die Unterscheidung erfolgt hier am Beispiel der Nanotechnologie und wird ähnlich zugespitzt wie es [Brunner] einst in der Schismatrix erdachte.

Fazit

Alastair Reynolds verarbeitet in seiner Geschichte einige interessante Ideen, die er konsequent ausführt. Die Auflösung des eigentlichen Mysteriums entfällt jedoch, wodurch er immerhin vermeidet, das Geheimnis der Außerirdischen durch eine banale Antwort zu entzaubern. Die eigentliche Geschichte ist durchaus komplex, wird jedoch im Gegensatz zu einigen anderen Geschichten nicht parallel entwickelt, sondern linear erzählt. Vielleicht gestaltet sich auch dadurch die Dramaturgie etwas schwach. Nach einem lahmen Anfang und dem langsamen Aufbau des Mysteriums folgt ein atemloses Ende. Zumindest für meinen Geschmack ist der Spannungsbogen hier zu einseitig. Wen das nicht stört, findet hier einen Thriller auf Basis eines Nanocaust-Szenarios, das jedoch nicht im Vordergrund der Erzählung steht.

Copyright © 2010 by Johannes Heck

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.