Für Menschen verboten

Lloyd Biggle
Für Menschen verboten

Originaltitel: All the Colors of Darkness (Garden City/New York : Doubleday 1963)
Übersetzung: Tony Westermayr
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Zukunftsromane Z 59)
Cover: Eyke Volkmer
186 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Weltraum Taschenbücher 048)
Cover: Eyke Volkmer
186 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Jahre 1986 gelingt in diesen (alternativen) Vereinigten Staaten von Amerika die Entwicklung eines bahnbrechenden Verfahrens zur Materieübermittlung: Statt mühsam zu reisen oder transportiert zu werden, können Menschen und Fracht nun per Teleportation in Nullzeit an jeden gewünschten Ort geschafft werden. Diese Erfindung wird nicht nur das Verkehrswesen revolutionieren, sondern alle Aspekte des Alltagslebens verändern. Nicht alle Menschen scheinen davon begeistert zu sein. Privatdetektiv Jan Darzek wird mit einer perfiden Form von Sabotage konfrontiert. Angeheuert hat ihn Ted Arnold, leitender Ingenieur der Teleportations-Gesellschaft, nachdem Reisende zwar abgestrahlt, aber am Zielort nicht empfangen wurden.

Sind sie zwischen den Dimensionen ‚hängen‘ geblieben? Für die „Universal Teleport“, die das Monopol auf die neue Technik besitzt, wäre dies ein vernichtender Rückschlag. Darzek entdeckt allerdings, dass es immer dieselben, stets gut maskierten ‚Reisenden‘ sind, die auf die beschriebene Weise ‚verschwinden‘. Sein Erfolg bleibt den Verdächtigen nicht verborgen; sie versuchen, Darzek zu entführen und scheitern nur knapp. Der Detektiv geht in die Offensive. Als er das nächste Mal einen der Saboteure beschattet, folgt er ihm mit einem beherzten Sprung in den manipulierten Senderstrahl – und findet sich auf dem Erdmond wieder!

Außerirdische Intelligenzen fürchten, dass der Mensch per Materietransmitter ins All vorstoßen wird, wo man ihn noch lange nicht sehen möchte. Sie wollen die neue Technik in Verruf bringen. Darzek sieht sich in die Rolle eines unfreiwilligen Botschafters der Menschheit gedrängt; ein Himmelfahrtskommando, denn der ET-Mondstation geht buchstäblich die Luft aus, was seine Schuld ist und die Verhandlungen nicht gerade erleichtert …

Die Vergangenheit der Zukunft

Als Lloyd Biggle „Für Menschen verboten“ Anfang der 1960er Jahre schrieb, lag 1986 beruhigend weit in einer Zukunft, die der Autor nach eigenen Vorstellungen gestalten konnte. Als sich das Jahr X dann tatsächlich näherte, mag Biggle der Gedanke gekommen sein, einst lieber ein wenig großzügiger kalkuliert zu haben: Während sein Roman (zumindest im angelsächsischen Sprachraum) weiterhin präsent geblieben war, glänzte die Teleportation 1986 durch vollständige Abwesenheit.

Auch sonst hatte die Zeit Biggles Geschichte überrollt. Bahnbrechende Erfindungen wurden längst nicht mehr wie in der Ära Thomas Alva Edison im stillen Kämmerlein oder wie in unserem Roman in einem baufälligen, zum Abriss freigegebenen Lagerschuppen gemacht. Das denkende, mit Hightech ausgestattete Kollektiv hatte dem individuellen Genie weitgehend den Garaus gemacht.

Und sollte der Mensch irgendwann doch teleportieren können, ist davon auszugehen, dass die dafür gebauten Stationen in Konzept und Gestalt nicht den Bahnhöfen des 19. und 20. Jahrhunderts entsprechen werden. Dann wäre ein Jan Darzek allerdings arbeitslos als Detektiv, der sich zwanglos unter die abreisenden oder eintreffenden Gäste mischt und mit scharfem Auge statt moderner Überwachungstechnik ermittelt.

„Für Menschen verboten“ ist ein Unterhaltungsroman und kein Gedankenmodell für die Zukunft. Um dem eigentlichen Zweck gerecht werden zu können, musste Biggle vereinfachen. Die faktisch kaum absehbaren Umwälzungen, die eine Teleportations-Technik mit sich brächte, kann er nur andeuten, zumal Biggle mit dem eigentlichen Plot eine ganz andere Richtung ansteuert. Das Teleportieren ist nur Katalysator. Den sich darum drehenden Handlungsstrang bettet Biggle deshalb nicht harmonisch in eine detailliert dargestellte Zukunftsgesellschaft ein, sondern rammt ihn förmlich in den Alltag eines nur notdürftig modifizierten Jahres 1963.

Auf dem Mond wird alles besser

Altmodisches aber echtes Science-Fiction-Feeling kommt auf, sobald Darzek auf dem Mond gelandet bzw. gestrandet ist. Plötzlich wird deutlich, was Biggle sehr viel stärker interessiert als zukünftige Hightech: So filigran, wie man ihn bisher nicht kannte, schildert er die schwierige, behutsame, von beiderseitigem Misstrauen und Missverständnissen geprägte Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Außerirdischen.

Hier finden wir den Einfallsreichtum, der SF so faszinierend machen kann. Der Musikwissenschaftler Biggle nutzt die gesamte Spannbreite der Kommunikation: Der Sinn eines Wortes wird nur zum Teil durch seine Buchstaben definiert; ebenso wichtig ist der Klang; der Originaltitel spielt auf diese Entdeckung an. Sowohl Darzek als auch seine ‚Gastgeber‘ müssen lernen, zwischen den ‚Zeilen‘ zu lesen, um trotz „differierender Farben“ zu einer echten Verständigung zu kommen – ein Prozess, der hier nur zu Beginn von Gewalt begleitet wird und schnell in intensive, für den Leser gar nicht langweilige Diskussionen übergeht.

Dieser Aspekt lenkt zudem davon ab, dass Biggle, der bisher primär Kurzgeschichten geschrieben hatte, der ‚lange Atem‘ für einen Roman noch fehlt. Die Handlung zerfällt in drei Episoden, die sich nicht wirklich einem Gesamtgeschehen fügen. Biggle beginnt mit einer Kriminalgeschichte, in der die wenigen SF-Elemente auf die weiter oben beschriebene Weise fremd wirken. Sehr abrupt schwenkt der Plot um; die SF bekommt auf dem Mond die Oberhand. Außerdem findet sie hier bereits ihr eigentliches Ende. Der lange Epilog, der noch folgt, ist für die eigentliche Handlung irrelevant; der Leser bekommt den Eindruck, Biggle müsse Seiten schinden, um sein Buch auf die mit dem Verlag vereinbarte Länge zu bringen.

Die Zukunft ist gar nicht so wild

Durch gute Detailarbeit kann Biggle die Defizite der Handlung wettmachen. Die friedliche Art des Erstkontaktes fand bereits Erwähnung. Hier sei noch angefügt, dass „Für Menschen verboten“ in der Zeit des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion entstand. Die daraus resultierenden Differenzen haben zwar keinen Einfluss auf die Handlung, fließen aber als jederzeit zu berücksichtigende ‚Realität‘ mehrfach in das Geschehen ein.

Die Handlung spiegelt zudem einen ausgeprägten Sinn für trockenen Humor wider. Viele Scherze zünden zwar nicht mehr, weil sie stark ihrer Entstehungszeit verhaftet sind, und manche gehen nach hinten los; Biggles Spiel mit Vorurteilen, die gern mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht werden, wirkt heute nicht einmal mehr plump, sondern nur noch altmodisch.

Freilich schließt die Überzeichnung sämtliche Figuren ein und macht auch vor den Außerirdischen nicht Halt. Ernst nehmen kann man den Masterplan der Außerirdischen wahrlich nicht. Für ihr sinnarmes Sabotieren findet Biggle eine charmante Begründung: Verwirrung stiftet auf der Erde kein Team qualifizierter ET-Spezialisten, sondern eine überforderte Not-Besatzung.

Zu ihrem Glück treffen sie auf Erdmenschen, die selbst keine Geistesleuchten sind. Biggle streut milde Kritik an verbohrten Politikern, auf den schnellen Dollar fixierten Geschäftsmännern, allzu wirklichkeitsfremden Wissenschaftlern und den normalen Durchschnittsmenschen ein, der lange partout nicht begreifen will, welche Vorteile die Teleportation bietet, sondern misstrauisch nach dem Haken an der Sache fragt. Als dann sogar die reisezeitlose Mondfahrt möglich wird, tummeln sich auf dem Erdtrabanten zum Ärger der Forscher immer neue Prominente, die sich einige vergnügte Stunden in verminderter Schwerkraft machen wollen und wie Fleisch gewordene Mondkälber durch die Krater tollen: Diese Passagen konnten ihren Witz bewahren!

„Für Menschen verboten“ gehört nicht zu den großen Klassikern der Science Fiction. Lloyd Biggle hatte aber den richtigen Ton getroffen: Seinen Lesern gefiel die Mischung aus nie bierernster SF und Krimi. Drei Jahre später kehrte Jan Darzek zurück, und in den 1970er Jahren ließ Biggle drei weitere Romane der Serie folgen.

Autor

Lloyd Biggle, jr., wurde am 17. April 1923 in Waterloo, US-Staat Iowa, geboren. Während des II. Weltkriegs diente er als Verbindungsoffizier bei der Infanterie, war u. a. in Deutschland stationiert und wurde dort zweimal im Gefecht verwundet. Nach dem Krieg studierte Biggle Musikwissenschaften an der Universität von Michigan in Detroit. Nach seiner Promotion war er in den 1950er Jahren Dozent für dieses Fach.

Parallel dazu begann Biggle 1955 eine Karriere als professioneller Schriftsteller. Er war erfolgreich, und nach der Veröffentlichung des Romans „All the Colors of Darkness“ (1963, dt. „Für Menschen verboten“) schrieb er hauptberuflich. Dabei fand er rasch seinen eigenen Stil, der „harte“ SF-Technik mit der Extrapolation zeitgenössischer Kunst, klugen Gedanken über mögliche gesellschaftliche Entwicklungen und vielschichtigen Figuren verband. Bekannt wurde Biggle zudem als Verfasser spannender, oft im viktorianischen England spielender Kriminalgeschichten. Mit Großvater Rastin oder Lady Sara Varnley schuf er eigene, recht populäre Protagonisten in diesem Genre. Biggle schrieb auch neue Geschichten um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes.

In den 1970er Jahren gründete Biggle die „Science Fiction Oral History Association“, um Reden und Diskussionen kompetenter Autorinnen und Autoren der SF aufzuzeichnen und zu sammeln, die sonst unwiederbringlich verloren wären (www.sfoha.org). Lange Jahre war er außerdem Schatzmeister der „Science Fiction Writers of America“ – ein ungemein rühriger, hochaktiver Mann ungeachtet dessen, dass er seit den frühen 1980er Jahren gegen eine Leukämie- und Krebserkrankung kämpfte, der er am 12. September 2002 schließlich zum Opfer fiel.

Copyright © 2010/2016 by Michael Drewniok (md)

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