Gezeitenwechsel

Carl Reiner Holdt
Gezeitenwechsel

Südwestbuch, Stuttgart
1. Auflage 2011
ISBN 978-3-942661-76-8
Science-Fiction
Taschenbuch, 259 Seiten
Titelfotos: James Thew
Titelgestaltung: Julia Karl

www.swb-verlag.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Über den Autor:

Carl Reiner Holdt wurde 1958 in Rom geboren. Nach dem Studium der Mathematik und Allchemie arbeitete er als Gärtner, Krankenpfleger, Erzieher und Lehrer. 20 Jahre verbrachte er im Kloster. Seit sieben Jahren ist er verheiratet und lebt heute in der Nähe von Tübingen.

Klappentext:

„Der Himmel im Schwarzwald ist immer schwarz, kein städtisches Streulicht, nur Sterne. Normalerweise. Jetzt wurden die Sterne von einem runden Schatten gefressen, bis der ganze Himmel über Reuters’ Haus verschwunden war. Der Sieger war angekommen.“ Die Erde ist Zankapfel zweier galaxisweit konkurrierender politischer Systeme, der Liga und dem Kaiserreich der R’rall. Major a. D. von Reuters, Kampfpilot und Gentleman der alten Schule, hätte im Traum nicht gedacht, welche Dienste der Kavalleriesäbel seines Ur-Großvaters ihm noch leisten würde, als er zwischen die Fronten gerät. Er erobert im Duell mit einem R’rall -Admiral einen Ring, der als Insignie der Macht gilt. Mit diesem Ring, einer Truppe von Freischärlern und einer 320-jährigen Liga-Agentin schafft er das scheinbar Unmögliche: die Befreiung der Erde. Lokalkolorit, packende Kampfszenen mit ausgefeilter Nano-Technik, erotische Begegnungen der dritten Art und eine erstaunliche Interpretation der Geschichte von Luther und Napoleon machen diesen Sci-Fi-Thriller zum faszinierenden Gesamtkunstwerk.

Vorbemerkung:

Eine Rezension zu schreiben, scheint für Außenstehende eine einfache Sache zu sein: Du bekommst ein Buch, liest es und gibst deine Meinung dazu ab. Punkt. Fertig. Das Internet ist voll von solchen Stellungnahmen. Die Anzahl dürfte bei den großen Buchverkaufsplattformen Legion sein. Wenn man ein Genre, einen Autor oder einen Plot nicht mag, wird aus der Rezi schnell ein Verriss und das oft genug zurecht. Und den Verlagen ist ein Verriss sogar noch lieber, als wenn das Buch gar nicht besprochen wird.

Aber was tun, wenn der Plot an sich gut ist, der Autor nett, ja sogar freundschaftlich mit dem Rezensenten verbunden ist? Tut man ihm einen Gefallen, wenn man seinen Text lobt? Noch schlimmer: Wenn der Rezensent selbst schreibt und auch für sich selbst längst nicht in Anspruch nimmt, besser oder gar perfekt zu sein? Gilt hier nicht der Spruch: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“?

Oder ist es für beide – Autor und Rezensent – nicht ehrlicher, wenn man bei den Fakten bleibt und beide(!) daraus lernen und beim nächsten Roman besser, schlichtweg professioneller werden? Ich weiß, dass man es nicht allen Menschen recht machen kann und ich ohnehin schon den Ruf der Korinthe, des Oberlehrers und vielleicht sogar eines Meckerers weghabe. Aber ich kann nicht anders.

Zum Buch:

Ich will hier jetzt nicht noch einmal die Geschichte skizzieren, dafür genügt der Klappentext völlig. Jedes weitere Wort würde einem Käufer den Spaß verderben. Denn Lesespaß hat mir die Story tatsächlich bereitet. Der Grundplot ist gut, ja sogar außergewöhnlich: Zwei Alien-Rassen streiten sich um die Erde. Zumindest fällt mir auf Anhieb kein Roman ein, wo ich diese Idee schon mal gelesen hätte. Und viele kleine Ideen fand ich schlichtweg super, manchmal sogar witzig, z. B. die katzenähnlichen R´rall-Soldaten sind alle weiblich, haben vier Zitzen/Brüste und tragen bei passender Gelegenheit auch schon mal High Heels, welche perfekter zu ihrer Anatomie passen, als die gleichen Qualtreter für Menschenfrauen.

Auch das Lokalkolorit ist ein nettes Bonbon, aber nicht unbedingt für das Funktionieren der Story notwendig. Die Querverweise auf geschichtliche Verstrickungen treffen ohnehin eines meiner Lieblings-Untergenre und die Anklänge von Military-SF sowieso.

Was „Gezeitenwechsel“ aber von einem sehr guten Roman trennt, ist zuallererst einmal das mangelnde Lektorat. OK, es wird in unserer schnelllebigen Zeit immer schwieriger, einen wirklich fehlerfreien Text zu erstellen. Aber genau dafür ist das Lektorat eben da; vor allem wenn noch betont wird, dass auch ein Korrektorat stattgefunden haben soll. Hier im Klappentext noch von einem „faszinierenden Gesamtkunstwerk“ zu schwadronieren, tut dem Text unrecht und leistet dem Autor einen Bärendienst, weil völlig überhöht und sicher nicht auf Bestreben des Autors so formuliert. Würde ein Verlag ähnliche Übertreibungen bei einem meiner Texte vorschlagen, würde ich sicher auf die Barrikaden gehen und für die Streichung solcher Wörter kämpfen.

Was man dem Autor als Einziges vorwerfen kann, ist schlichtweg, dass er seine tolle Idee so gerafft (magere 250 Seiten) erzählt. Holdt nutzt seine eigenen guten Einfälle nicht und nach der dritten oder vierten verpufften Chance fällt es immer mehr auf. An vielen Stellen ist er sprunghaft, nutzt an sich fesselnde Geschehnisse nicht, um sie auszuleben, den Leser mitzureißen, echte Gefühle zu zeigen und diese im Idealfall beim Leser zu wecken. Leider fehlt ihm die Fähigkeit, aus der packenden Geschichte eben auch einen packenden Text zu machen. Sicher ist „Gezeitenwechsel“ kein Liebesroman, aber die distanzierte Kühle der Erzählweise lässt es nicht zu, sich als Leser mit dem Protagonisten zu identifizieren, mit ihm zu kämpfen, zu sterben und … upps, beinahe was verraten.

Dramatische Ereignisse werden in zwei Sätzen abgehandelt, beinahe schon, als wäre es ihm peinlich, die Schrecken von Kampfhandlungen beim Namen zu nennen. Faszinierende, weil außerirdische Waffen müssen doch auch ihre überlegene Funktionalität zeigen dürfen. Natürlich verlangt niemand nach der detaillierten Beschreibung offenliegender Gedärme, aber kein einziger Protagonist ist geschockt, erschüttert, zeigt Anteilnahme, Verzweiflung. Ständig tauchte beim Lesen in mir das Bild von Bruce Darnell von DSDS auf, der die Hände in die Luft wirft und „Gefuhle! Gefuhle!“ ruft.

Fazit:

Hätte Holdt ein Lektorat nutzen können, dass diese Bezeichnung verdient, wäre „Gezeitenwechsel“ ein wirklich guter Roman geworden, hätte eine Länge von locker 550 oder 650 Seiten erreicht, ohne eine einzige Seite langweilig geworden zu sein. Auch der beabsichtigte Schwenk von Teil 1 aus der Stilform einfache Vergangenheit (Präteritum) in die einfache Gegenwart (Präsens) bei den Teilen 2 und 3 verwirrt mehr, als das es dem Lesefluss oder der Handlung wirklich nützt. Aber vielleicht musste sich hier der Titel niederschlagen; gebraucht hätte es das nicht.

Alles in allem zeigt mir doch dieses vorliegende Beispiel, wie wichtig ein zweites, drittes oder viertes Augenpaar ist, das einem Autor zur Seite steht. Einem guten Lektorat wären all die o. g. Punkte mit gnadenloser Sicherheit aufgefallen und der Autor hätte eine Chance erhalten, aus seiner guten Idee ein Hammerbuch zu machen. Und wenn das Ziel beim fünften Überarbeiten eben noch nicht erreicht wurde, dann eben beim sechsten oder siebten Mal.

Und es macht mir höllische Angst, dass es mir mit meinen Texten genauso gehen könnte. Ich wünsche mir Freunde, Kollegen, Lektoren und Agenten, die mir helfen, meine Fehler auszumerzen. Denn ich mache sie ganz sicher auch. Ich hoffe nur, das es immer weniger werden. Und Carl: ich würde mich freuen, wenn du einer dieser Freunde bist.

Ein Verriss? Nein, von meiner Seite aus nicht. Für das (schwache) Lektorat kann der Autor nichts, die Story ist wirklich gut und insgesamt hat sie mir gefallen. Kritik? Ja, und zwar eine ehrlich gemeinte. Ich kann das Buch Hardcore-SF-Fans durchaus empfehlen. Und ich werde auch weitere Titel des Autors lesen und sehen, wie er sich entwickelt.

Copyright © 2012 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Comments

  1. Lieber Werner,

    ich danke dir für die klare Ansage!
    Manches sehe ich naturgemäß etwas anders, aber was die Ausschmückung der Szenen angeht, hast du allemal recht: da kann noch mehr Butter bei die Fische!
    Dank vor allem deine aufmunternden Worte am Schluss!

    Dein Carl

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