Ihre Gebeine

Howard Waldrop
Ihre Gebeine

Wir hatten dieses Buch bereits im Dezember 2013 rezensiert (Michael Drewniok). Doch wir wollten euch auch diese Rezi von Gunther Barnewald nicht vorenthalten. (Anm. d. Redaktion)

(sfbentry)
Originaltitel: Them Bones (1984)
Deutsche Übersetzung Margret Krätzig
München: Wilhelm Heyne Verlag 1996
Heyne Taschenbuch 06/4594
Umfang 236 Seiten
Umschlagbild: Andreas Reiner
ISBN 978-3-453-10933-9

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Als ein dritter Weltkrieg kurz nach der Jahrtausendwende auszubrechen und die USA zu vernichten droht, sollen mit einer unausgereiften Technik Soldaten in die Vergangenheit geschickt werden, welche den Lauf der Geschichte so verändern sollen, dass die große Katastrophe ausbleibt. Leider erfüllt die Technik nicht wirklich ihren Zweck, denn die Reisenden landen nicht in ihrer eigenen Historie, sondern offensichtlich in alternativen Zeitströmen, in denen die Geschichte einen völlig anderen Verlauf nahm.

Meisterhaft erzählt Autor Waldrop hier von den Erlebnissen des versprengten Kundschafters Leake, der in einer Welt landet, in der es nie ein Römisches Imperium gab, in der Alexander der Große unbekannt ist und in der ein Sohn Mohammeds den Islam begründete und Europa nie eine starke technische Entwicklung durchmachte. Deshalb beherrschen die Einheimischen den Nordamerikanischen Kontinent mit verschiedenen Stämmen, haben hier eine eigene Kultur etabliert, an die sich Leake anpassen muss und in der er zu einem großen Kampf gegen fremde Eroberer gezwungen wird. Währenddessen ist seine Truppe in womöglich wieder einer anderen Welt gelandet. Aus Tagebuchaufzeichnungen erfährt man vom schauderhaften Schicksal der 148 Personen starken Kompanie, die von perfekt organisierten Ureinwohnern belagert, eingekesselt und Soldat für Soldat aufgerieben werden, bis so ziemlich alle vernichtet sind.

Möglicherweise erklären sich so die ominösen Funde, die eine Gruppe von us-amerikanischen Archäologen um 1929 im Gebiet von Luisiana bei Ausgrabungen macht, nachdem sie einige Grabhügel geöffnet haben. Dort finden sie nämlich moderne Projektile, Pferdeschädel mit kreisförmig-ebenmäßigen Löchern und schlußendlich sogar eine Kassette mit Aufzeichnungen, bevor die Flut weitere Ausgrabungen unmöglich macht und alle Grabinhalte zerstört.

Ob eine dieser drei Welten unsere ist oder nicht, bleibt offen. Zumindest die Welt, in die es den Kundschafter Leake verschlägt, ist es definitiv nicht. Auch die Soldaten könnten in einem alternativen Universum gelandet sein, und ob die Ausgrabungen von 1929 in unserer Welt spielen und diese wirklich die Aufzeichnungen dieser scheinbar zeitgereisten (in Wirklichkeit aber alternativweltgereisten) Truppe finden…all dies ist sehr fraglich, und Waldrop lässt dies extra offen, um die Phantasie intelligenterer Leser anzuregen. Herausragend der dichte Stil des Autors, der den Leser packt und mit in fremde Welten nimmt, wobei vor allem Leakes Erlebnisse äußerst vergnüglich zu lesen sind.

Schade, dass so wenige Werke des begnadeten Erzählers in Deutschland vorliegen, die vorliegende Wundertüte von Roman und einige Kurzgeschichten zeugen von einem hervorragenden Erzähler mit tollen Ideen, der seine Leser mit Leichtigkeit in die seltsamsten Welten zu entführen vermag, wenn man sich auf seine überbordende Phantasie einlassen kann.

Sicherlich ist der vorliegende Roman kein Meilenstein der Science Fiction, aber ein wirklich tolles und sehr unterhaltsames Werk ist es allemal, auch wenn es leider viele Leser geben dürfte, die den eigentlich Plot nicht verstehen, denn eine genreübliche Zeitreise gibt es in diesem Buch definitiv nicht!

Copyright © 2014 by Gunther Barnewald

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