Irrfahrt zur Venus

Philip Latham
Irrfahrt zur Venus

Originaltitel: Five Against Venus (1952)
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Awa-Verlag/Astron-Bücherei Nr. 2)
Übersetzung: Werner Gronwald
234 Seiten
[keine ISBN]
Neuauflage: 1964 (Arthur Moewig Verlag/Terra 363)
Übersetzung: Hans Kneifel
64 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

In einer nicht näher definierten Zukunft, vielleicht im 21. Jahrhundert, lernen wir die Robinsons aus Los Angeles im US-Staat Kalifornien kennen: Vater Paul, just zum Pressesprecher der Mondstadt Tycho ernannt, Mutter Helen, Kronprinz Jack (18 Jahre) und Brüderchen Frank (6) sind eine amerikanische Durchschnitts- und Bilderbuchfamilie, die fest zusammenhält und es deshalb überall schaffen wird.

Das muss sie rasch unter Beweis stellen. Der Umzug gerät wegen eines Defekts im Bordcomputer des Raumschiffs „Aurora“ zum Fiasko. Statt auf dem Mond finden sich die Reisenden im Orbit des wolkenverhangenen Planeten Venus wieder. Schnöde lassen der Kapitän und seine Mannschaft Schiff und Passagiere im Stich. Knapp gelingt eine Bruchlandung. Die Robinsons finden sich auf einer Albtraumwelt wieder. Heiß und feucht ist es auf der Venus, und unheimliche Tiere schleichen durch die ewig halbdunklen Urwälder.

Mit den aus dem Wrack geborgenen Lebensmitteln richtet sich die Familie in einer Höhle ein. Wichtiger ist der Fund zweier Gewehre, da sich herausstellt, dass es auf der Venus (halb) intelligentes Leben gibt: riesige Fledermäuse, die sich von Blut ernähren! Sie halten sich harmlose Dinosaurier als Spender, aber in der langen Venusnacht werden sie ihre Schlupfwinkel verlassen und auf Erdmenschen-Jagd gehen.

Auch sonst wartet die Venus-Natur mit unfreundlichen Überraschungen auf. Außerdem scheint es auf zu spuken: Immer wieder tauchen geheimnisvolle Warnungen auf, die ein Mensch geschrieben haben muss. Hält sich irgendwo in der Wildnis ein weiterer Erdling und damit ein potenzieller Verbündeter auf? Die Antwort auf diese Frage wird wichtig, als die Vampire den Unterschlupf der Robinsons entdecken …

Märchenwelt für Abenteurer

Jugendliche Leser dürfen nach Ansicht des Verfassers offenbar intellektuell keineswegs überfordert werden. Er legt die Latte sehr niedrig an, um vorerst vorsichtige Kritik zu äußern. „Irrfahrt zur Venus“ erzählt eine Geschichte auf Privatfernseh-Niveau; einen ärgeren Tadel kann es kaum geben. Sein kümmerliches schriftstellerisches Talent steckt Latham in eine astronomische Robinsonade und singt ansonsten das Loblied einer Hochtechnologie, die der Menschheit endlich Frieden und Glück beschert hat.

Die gesellschaftliche Entwicklung ist dagegen irgendwann in den 1950er Jahren steckengeblieben. Lathams Welt der Zukunft sind die USA der Eisenhower-Ära. Ihre Ideale werden propagiert und präpariert, und das mit einer plumpen Direktheit, die heute eher amüsiert als ärgert. Freilich darf man Latham das nur bedingt zum Vorwurf machen. Auch begabtere Schriftsteller-Kollegen entdeckten die „Social Fiction“ erst sehr viel später. Insofern ist „Irrfahrt zur Venus“ das Relikt einer Epoche, die in der Tat fest daran glaubte, dass Technik = Fortschritt und Weltfrieden bedeutet.

„Science“ Fiction will Latham bieten, denn er schwadroniert in einem langen Nachwort über seine Verantwortung den Lesern gegenüber, denen er keine haltlosen Spekulationen zu liefern schwört. Doch ‚seine‘ Venus ist sogar eines astronomischen Laien unwürdig. Schon vor einem halben Jahrhundert wusste man, dass dort oben mit romantischen Urwelten nicht zu rechnen ist; die Venus ist ein Höllenplanet mit einer mörderisch heißen Schwefelsäure-Atmosphäre. Aber ganz genau wusste man es nicht bzw. es ließ sich nicht das Gegenteil beweisen. Also nutzte Latham die weißen Flecken und entwarf streng wissenschaftlich – so brüstet er sich – eine Ökologie, die den Fachmann zu brüllendem Gelächter reizt, aber als Abenteuerspielplatz ausgezeichnet funktioniert; nur meinte Latham es eben ernst mit seinem pädagogischen Auftrag.

Vergisst man diesen Unfug, bereitet „Irrfahrt zur Venus“ dasselbe Vergnügen wie ein alter SF-Filmheuler der 1950er Jahre. So war das nicht geplant von Latham, aber es hält sein kleines Werk, das zwischen den Zeilen unfreiwillig viel aussagt über Zeit und Leute, auch heute am Leben.

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Cover der dt. Erstausgabe von 1956 (Bild: http://www.sf-leihbuch.de)

Selten erschien einem die Zukunft vergänglicher als bei der Lektüre dieses Romans. Die Robinsons (Achtung: Hieb mit dem Zaunpfahl!) bieten ein herzzerreißendes (und hirnerweichendes) Abbild des mittelständischen US-Ideal-Familie. Strebsam, einig, obrigkeitshörig, dazu weiß und unverzagt an den amerikanischen Traum glaubend, wird sie jedes Hindernis meistern: Holzhammer-Pädagogik und dreiste Manipulation des Lesers zu seinem Besten (= dem Erhalt bestehender Verhältnisse) war ein prägendes Merkmal zeitgenössischer Jugendliteratur.

Es dauert einige Zeit, bis der moderne Leser einschätzen kann, wie alt Hauptfigur Jack Robinson eigentlich ist. Er gehört einem pfadfinderähnlichen „Astronauten-Club“ an, liest in seiner Freizeit zur Entspannung im Lexikon und mäht für Mutti den Rasen. Also wird er wohl um die 12 Jahre alt sein? Von wegen, 18 ist er, aber halt ein vorbildlicher junger Mann, der fleißig lernt und profanen Ablenkungen wie hartem Rock und bösen Mädchen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt: Aus solchem Holz sollte der US-Amerikaner geschnitzt sein – besonders am Kopf!

Dass im Robinson-Rudel Vater Paul der Alpha-Rüde ist, wird von niemandem in Frage gestellt. Überhaupt herrscht stets eitel Übereinstimmung in dieser Familie, was sich die Leser ebenfalls zum Vorbild nehmen sollten. Paul weiß noch in aussichtsloser Lage, was als nächstes zu tun ist. Jack konkurriert nicht mit ihm, sondern ergänzt ihn; als Team schützen Vater und Sohn das Allerheiligste der menschlichen Zivilisation: die Familie.

„The family that stays together …“

Ein harter Job ist das, denn Hilfe von Helen können sie nicht erwarten; tun sie auch gar nicht. Helen ist Ehefrau und Mutter. Das ist ihre Aufgabe im Leben, die sie mehr als genug fordert. Für Heldentaten auf fremden Planeten gibt es da weder geistig noch körperlich Kapazitäten. Das führt zu absurden Situation wie dieser: Jagdausflüge und Erkundungsstreifzüge können nur von Paul oder Jack allein unternommen werden. Zwei Gewehre besitzen die Robinsons, aber es ist kein Denken daran, sich eines zu greifen, zu zweit loszuziehen und die zurückbleibende Helen zu bewaffnen, denn „Ich habe ebensoviel Angst vor dem Gewehr, wie ich vor einem Venusbewohner hätte“. (Die krude Übersetzung komplettiert den unfreiwillig komischen Eindruck.)

Auch sonst misstraut sie allem, das ihren engen Horizont und damit ihren Seelenfrieden bedroht. Sohn Jack darf daher für die Anwendung seines angelesenen Wissens nur spärlichen Beifall erwarten: „‚Schon wieder dieses schreckliche Lexikon‘, sagte Mrs. Robinson klagend. ‚Lauter unangenehme Dinge stehen in solchen Büchern.‘“

Bleibt noch Bram Simmons, der lange unsichtbare fünfte Kämpfer gegen die Venus. Wohl mehr aus Versehen ist Latham hier eine Figur mit ambivalenter Persönlichkeit geglückt – kein „mad scientist“, sondern ein Aussteiger, der sich anders als die Robinsons tatsächlich auf der Venus akklimatisiert hat und dies auch wollte. Ohne Feuer und Flinte hat er sich den Vampiren angeschlossen und sogar Freundschaft mit ihrem König geschlossen. Deshalb bleibt er schließlich bei ihnen, auch wenn ihn die Robinsons und ihre Retter für endgültig übergeschnappt halten; sie werden niemals Simmons‘ Beweggründe verstehen, denn fremde Welten müssen in Einigkeit bezwungen und ‚zivilisiert‘ werden, wie es hier bis zum Exzess durchexerziert wird.

Anmerkung zur Science Fiction in Deutschland nach 1945

„Irrfahrt zur Venus“ ist SF-Lesefutter von kaum durchschnittlicher Qualität. Beinahe interessanter ist die Lektüre des Klappentextes. Er atmet ungefiltert den Zeitgeist und markiert exemplarisch die Schwierigkeiten der Science Fiction in den 1950er Jahren.

Schmutz & Schund hießen (neben den Kommunisten) die Schreckgespenster dieser Ära. Junge Leute sollten lesen, das schon, aber dann gefälligst dabei lernen. Alles andere war verschwendete Zeit oder gar sittenloses und damit verdächtiges Vergnügen. Da hatte es ein Genre schwer, dessen Protagonisten im Weltraum umherflogen. Also musste ein Feigenblatt gefunden werden. Dabei wurde zum Wohle des Profits gelogen, dass sich die Balken bogen. Heute unglaublich erscheinen die dreisten Behauptungen, die der Awa-Verlag auftischte, um besorgte Eltern und Jugendschutzwarte zu beruhigen:

„Die Zukunftsromane der Astron Bücherei bieten dem Leser:
– Die hohe Spannung des großen Abenteuers
– Exaktes Wissen aus Technik und Naturlehre
– Die Begegnung mit den Wundern des Kosmos
– Befruchtung der Phantasie im Erlebnis fremder Welten
– Kritische Bestimmung auf die ethischen Ziele der Menschheit
– Ein Heldentum ohne Gewalt und den Wettstreit der guten Kräfte des menschlichen Herzens“

Erstaunlich, dass angesichts solch systematischen Spaßverderbens überhaupt jemand zu diesem Buch griff … Zudem stimmt rein gar nichts von dem, was da behauptet wurde. Selbst Verfasser Latham machte in seinem Nachwort keinen Hehl daraus, dass er um der Story willen kräftig ‚extrapolierte‘. Schon damals war der Wissenschaft wie gesagt bekannt, dass sich unter den Wolken der Venus wohl keine saurierverseuchte Urwelt verbarg.

Auch der beflissene Anhang „Angaben und Zahlen zum Nachdenken“ – eine Art Grundkurs in Astrophysik – macht „Irrfahrt zur Venus“ nicht zur ‚guten‘ Literatur (was immer dies sein mag). SF kann niemals Blick in die reale Zukunft sein, sondern bleibt ein der Gegenwart verhaftetes Gedankenspiel. „Irrfahrt zur Venus“ macht diesen Aspekt so deutlich wie selten. (Weitere Infos und Bilder zu diesem Buch finden sich hier.)

Autor

„Philip Latham“ ist ein Pseudonym, hinter dem sich der Astronom Robert Shirley Richardson (1902-1981) verbarg. Er gehört ganz sicher nicht zu den Großen der Science Fiction. In den 1940er bis 1970er Jahren steuerte eine Reihe von Kurzgeschichten und Artikeln zum Genre bei. Als Romanautor beließ er es bei „Five Against Venus“, dem er nur noch „Missing Men of Saturn“ folgen ließ.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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