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Im Verborgenen

Erstellt von Michael Drewniok am 22. August 2010

John Ajvide Lindqvist
Im Verborgenen

Originaltitel: Pappersväggar (Stockholm : Ordfront Förlag 2006)
Übersetzung: Paul Berf
Deutsche Erstausgabe: August 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 16452)
508 S.
ISBN-13: 978-3-404-16452-3

Titel bei Buch24.de

Das geschieht:

Dünn wie Papier ist die Barriere zwischen der Realität und dem Phantastischen. In zehn Geschichten erzählt der schwedische Autor von Menschen (oder anderen Kreaturen), die es dorthin verschlägt, wo diese Grenze verschwimmt oder sich auflöst:

- Grenze („Gräns“), S. 9-95: Dass sich Tina in ihrem Leben nie wohlgefühlt hat, liegt womöglich daran, dass sie gar nicht von dieser Welt ist …

- Dorf auf der Anhöhe („By på höjden“), S. 97-132: Ein altes Hochhaus erweist sich als idealer Schlupfwinkel für eine Kreatur, die sich hier ihren Bau einrichtet …

- Äquinoktium („Equinox“), S. 134-168: Der Leiche kann die unzufriedene Frau endlich ihren Willen aufzwingen, doch als sie dies übertreibt, schlägt die Leiche zurück …

- Sieht man nicht! Gibt es nicht! („Syns inte! Finns inte!“), S. 169-189: Ist ein Wunsch stark genug, kann er zur Realität werden – und gleichzeitig unerfreuliche Hirngespinste real werden lassen …

- Die Vertretung („Vikarien“), S. 191-225: Was wäre, wenn die Welt von mehr oder weniger menschenähnlichen aber nur ansatzweise lebensechten Wesen bevölkert wäre …?

- Ewig/Liebe („Evig/Kärlek“), S. 227-288: Man kann zwar den Tod überlisten, aber er wird trotzdem das letzte Wort behalten – und sein Sinn für Humor ist bizarr …

- Dich zu Musik umarmen zu dürfen („Att få hålla om dig till musik“), S. 289-292: Endlich hat der verrückte Priester Helfer gefunden, die ihn Christus wie ersehnt nahebringen – am Kreuz …

Majken (“Majken“), S. 293-355: Vom System beiseitegeschoben und aussortiert, beschließen zwei alternde Frauen, buchstäblich mit einem Knall abzutreten …

- Pappwände („Pappersväggar“), S. 357-366: Eine Übernachtung im Wald konfrontiert den abenteuerlustigen Jungen mit dem wahren, grausamen Leben …

- Die Entsorgung („Sluthanteringen“), S. 367-497: Vor einigen Jahren stiegen 2000 Zombies aus den Gräbern Stockholms. Die Regierung hat ein Lager für sie eingerichtet. Einige misstrauische Bürger fragen sich, was dort vor sich geht. Ihre Nachforschungen enthüllen Geheimnisse und Gräuel, die sie veranlassen, sich dem Tod als Handlanger zur Verfügung zu stellen …

- Nachwort, S. 499-508

An einem Finger über dem Abgrund hängend

„Im Verborgenen“ heißt diese Sammlung von kürzeren und längeren Geschichten, denen ein Kurzroman beigegeben wurde. Vermutlich sollte der Titel wenigstens ansatzweise auf den Inhalt hinweisen, denn der deutsche Leser – und ganz besonders der Freund des Phantastischen – ist auf solche subtile Unterstützung angewiesen, da er in seiner Mehrheit zu unempfänglich (vulgo: zu dumm) für andeutungs- und subtextreiche Buchtitel ist.

Lassen wir die Ironie, bleiben wir sachlich: Hinter dem Titel „Pappwände“ mag man zwar nicht sogleich gerade eine Kollektion unheimlicher Geschichten vermuten. Dennoch trifft Verfasser John Ajvide Lindqvist mit diesem einen Wort den Nagel auf den Kopf: Es beschreibt die Konsistenz, die jene Grenze annehmen kann, die den ‚normalen‘ Menschen in seinem realen Leben flexibel umgibt. Er bemerkt sie in der Regel gar nicht, weshalb ihm ihre eigentliche Funktion erst aufgeht, wenn sie ihren Dienst versagt: Sie schützt ihn vor dem, was in den Sphären der anderen Seite lauert.

Aufruhr im Menschenhirn, verursacht durch persönliche Krisen, macht es empfänglich für Signale von ‚drüben‘. Die Sinne scheinen sich neu auszurichten; sie durchdringen die Grenze und fangen bisher unbemerkte Signale von der anderen Seite auf. Die Folgen sind fatal, denn jenseits der Grenze liegen die Reiche des Unerklärlichen und Unfassbaren. Auf ‚unserer‘ Seite manifestieren sich seine Bewohner meist von ihrer unfreundlichen Seite, wobei Lindqvist gern offen lässt, ob sich dahinter echte Bosheit oder fremdartige Gleichgültigkeit (wie in „Die Vertretung“) verbirgt.

Der Schrecken hat viele Gesichter

Das Seltsame kann stofflich und handfest wie in „Dorf auf der Anhöhe“ oder „Pappwände“ daherkommen. Dann dringt es in eine Welt ein, die unvorbereitet ist, verbreitet Schrecken oder bringt den Tod. Manchmal ist es andersherum. „Grenze“ beschreibt das Drama eines Wesens, das über die Grenze ins Menschenreich kam und von dieser vereinnahmt wurde: Der Schrecken geht plötzlich von der diesseitigen Realität aus.

Noch stärker kommt dieser Aspekt in „Die Entsorgung“ zum Tragen. In dieser novellenlangen Fortsetzung des Romans „So ruhet in Frieden“ (2005) erzählt Lindqvist, was mit den Zombies geschah, die zwar aus ihren Gräbern gestiegen waren, aber eher Abscheu oder Mitleid als Angst erregten. Eine unbekannte Macht hatte sie aus ihrer Totenruhe geweckt. Gern wären sie zurückgekehrt, doch sie konnten es nicht. Stattdessen fielen sie den Lebenden in die Hände. In der Mehrheit erschrocken und angewidert aber nie bedroht, sperrten diese die „Wiederlebenden“ in ein Lager ein, das Lindqvist wie ein KZ der Nazi-Zeit beschreibt. Statt zu versuchen, Kontakt mit den Untoten aufzunehmen, werden sie isoliert, damit man mit ihnen experimentieren kann. Sie sind ja schon tot, weshalb man sich keinerlei Zurückhaltung auferlegt.

Lindqvist zeichnet ein überaus genreuntypisches Zombie-Bild. Diese sind eindeutig Opfer. In „Die Entsorgung“ verstärkt er den phantastischen Aspekt des Geschehens. Während er in „So ruhet in Frieden“ die Existenz übernatürlicher Entitäten nur andeutete, lässt er sie dieses Mal offen auftreten. Damit schwächt er allerdings den Eindruck des mystisch Rätselhaften, den er im Roman zu wahren wusste. Wie Stephen King – mit dem man Lindqvist gern vergleicht, wie er in seinem Nachwort amüsiert anmerkt – personifiziert der Autor das Fremde. Immerhin begründet er dies mit Hilfe von ‚Technobabbel‘, den es auch im Horror-Genre gibt, einleuchtender als befürchtet.

Wer mit dem Teufel am Tisch sitzen will …

Manchmal überschreitet der Mensch im vollen Bewusstsein seiner Tat die Grenze. Im Popcorn-Horror würden prompt Monster und andere Metzel-Mächte ihn dort erwarten. Lindqvist arbeitet subtiler: Der Übergang wirkt bei ihm zunächst verlockend, weil er einen Ausweg aus persönlichen Nöten zu bieten scheint. Allerdings bahnt sich typisch menschlicher Eigennutz sogleich seinen Weg. In „Äquinoktium“ findet die Hauptfigur endlich jemanden, an dem sie ihre Frustration auslassen kann. Aber die Kreaturen der anderen Welt lassen sich zumindest in ihrem eigenen Reich nicht instrumentalisieren. Dies gilt selbstverständlich erst recht, wenn man sich mit dem Tod persönlich anlegt („Ewig/Liebe“ – eine Geschichte, die wie eine Vorlage zu Lindqvists „Menschenhafen“ wirkt).

Die Grenze muss nicht zwangsläufig durch Zeit und Raum verlaufen. Sie existiert ebenso im menschlichen Hirn. Dort hält sie im Zaum, was ins Unterbewusstsein verbannt wurde, wo es nicht nur weiter lauern, sondern sich entwickeln kann. „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens“, lautet ein Sprichwort. Dieser Vater zeigt sich oft wenig fürsorglich. „Sieht man nicht! Gibt es nicht!“ nennt Lindqvist eine gelungene Geschichte, deren Handlung den Titel besonders eindrucksvoll Lügen straft.

Mit „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ und „Majken“ geht der Autor noch einen Schritt weiter: Die inneren Dämonen müssen das Hirn nicht verlassen. Womöglich gibt es gar keine Dämonen, sondern eine zweite Grenze, die Vernunft und Wahnsinn trennt. In den beiden genannten Geschichten gibt es keine phantastischen Elemente. Die Figuren handeln aus eigenem Antrieb, und was sie dazu treibt, sind bekannte, nicht übernatürliche, sondern menschengemachte Schattenseiten. Die Schwachen werden von den Starken beiseite gedrückt. Faktisch befinden sich Majken und ihre Leidensgenossinnen in derselben Situation wie die Zombies aus „Die Entsorgung“. Im Unterschied zu ihnen sind sie jedoch in der Lage zu handeln. Ihr Fazit ist ebenso fatal wie nachvollziehbar: „Man kann Menschen nicht unsichtbar machen. Am Ende fordern sie, sichtbar werden zu dürfen, und dann knallt es …“ (S. 346/47)

Sanfter Transit in die Düsternis

Lindqvists Horror entsteht trügerisch langsam aber sicher. „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ bildet mit dem direkten Sprung ins Grauen eine Ausnahme. Der Vergleich mit Stephen King basiert sicherlich auf dem Geschick, mit dem beide Autoren den Alltag zu schildern vermögen, den sie anschließend ins Irreale kippen. Selbst wenn man die Hauptfiguren in „Äquinoktium“ oder „Sieht man nicht! Gibt es nicht!“ unsympathisch findet, nimmt man doch Anteil an ihrem Schicksal; sie lassen uns nicht gleichgültig. Das gilt erst recht für die ansprechenden Figuren. Um sie bangt man besonders intensiv, da Lindqvist sie nie schont. Selbst wenn sich das Böse wie in „Pappwände“ nur andeutungsweise zeigt, deutet der Autor an, dass es Folgen hinterlassen wird.

Lindqvist liebt es, Nachwörter zu schreiben, wie er selbst anmerkt. Allerdings lässt er sich kaum über seine Geschichten aus. Deren Interpretation überlässt er den Lesern. Dabei ist er bereit, Risiken einzugehen. So berichtet er, dass „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ seine Testleser durchweg ratlos zurückließ. Auch „Pappwände“ irritiert durch ein Ende, dessen ‚Sinn‘ offen bleibt.

Die Freunde des eher handfesten Horrors kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Lindqvist greift durchaus auf klassische Gruselgestalten zurück, die herz- und lungenhaft zulangen. Die detailreiche Schilderung, wie ein Menschenkörper mit welchen Folgen durch den Abfluss einer Norm-Toilette gezerrt wird („Dorf auf der Anhöhe“), ist idealer Stoff für Splatter-Filme (oder Albträume). Mit „Im Verborgenen“ deckt Lindqvist die gesamte Palette der Phantastik ab. Was die Werbung allzu gern behauptet, löst er nicht nur ein, sondern vermag dem Horror eine (moderne) Stimme zu geben.

Autor

John Ajvide Lindqvist wurde 1968 in Blackeberg, einem Vorort der schwedischen Hauptstadt Stockholm, geboren. Nachdem er schon in jungen Jahren als Straßenmagier für Touristen auftrat, arbeitete er zwölf Jahre als professioneller Zauberer und Comedian.

Sein Debütroman „Låt den rätte komma” (dt. „So finster die Nacht“), eine moderne Vampirgeschichte, erschien 2004. Bereits 2005 folgte „Hanteringen av odöda“ (dt. „So ruhet in Frieden“), ein Roman um Zombies, die in Stockholm für Schrecken sorgen. „Pappersväggar” (2006; dt. „Im Verborgenen“) ist eine Sammlung einschlägiger Gruselgeschichten. Lindqvist schreibt auch Drehbücher für das schwedische Fernsehen. Das prädestinierte ihn dafür, das Script für die erfolgreiche Verfilmung seines Romanerstlings zu verfassen, die 2008 unter der Regie von Tomas Alfredson entstand.

Als Buchautor ist Lindqvist in kurzer Zeit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt geworden. Übersetzungen seiner Werke erscheinen in England, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen und Russland. Über seine Werke informiert Lindqvist auf dieser Website.

[md]

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Der König der Komödianten

Erstellt von Werner Karl am 11. August 2010

Charlotte Thomas
Der König der Komödianten

(sfbentry)
Lübbe Ehrenwirth
in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-431-03807-1
Historischer Roman
Deutsche Originalausgabe 2010
Textredaktion: Gisela Günther, München
Mit Illustrationen von Jan Balaz
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau
Autorenfoto: Olivier Favre
Hardcover, 698 Seiten

www.lesejury.de
www.charlottethomas.de

Titel erhältlich by Buch24.de
Titel erhältlich by Booklooker.de

Zur Autorin:

Charlotte Thomas war Richterin und Rechtsanwältin, bevor sie sich ganz ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Der König der Komödianten ist der vierte große historische Roman der versierten Venedigkennerin, die bereits mit ihren Bestsellern Die Madonna von Murano, Die Lagune des Löwen und Die Liebenden von San Marco die Leser begeisterte. Charlotte Thomas lebt mit ihren Kindern am Rande der Rhön in Hessen.

Zum Buch:

Auf einem Landgut im Veneto wächst er auf, der junge Marco Ziani. Im Haushalt seines Onkels Vittore fühlt er sich wohl, doch nach dem plötzlichen Tod Vittores soll Marco in ein Kloster. Bis zu seiner Volljährigkeit sollen ein Prior und ein Notar sein Erbe verwalten und dies scheint recht beträchtlich zu sein. Marco jedoch fühlt sich von Anfang an unwohl im Kloster und darüber kann ihm auch nicht der Mönch Iseppo hinweghelfen, der ihm von Anfang an zur Seite steht. Als Marco dann noch ein Gespräch belauscht ist er sich sicher: Man trachtet ihm nach dem Leben um an sein Erbe zu kommen. Was bleibt ihm also übrig? Er flieht. In Padua trifft er auf eine Theatergruppe, die Incomparabili, die ihm bereits auf dem Weg ins Kloster einmal begegnet sind. Marco ist von deren Künsten fasziniert und sogleich gewillt, sich der Truppe anzuschließen, als ihm dieses Angebot unterbreitet wird. 

Von nun an ist er einer von ihnen und Stück für Stück gelingt es ihm vom Bühnenhelfer zum Schreiber eines Theaterstückes aufzusteigen.

Mit wundervoll beschriebenen Charakteren schickt Charlotte Thomas ihre Leser auf eine Reise mit den Incomparabili von Padua Richtung Venedig. Dort treten der gerne dem Alkohol zusprechende Bernardo mit seiner Männer liebenden Ehefrau Caterina, der bunte Vogel Cipriano, die schwangere und in Bernardo verliebte Franceschina, der als Beschützer agierende Zwerg Rodolfo, der geschäftstüchtige Intendant Baldessare und dessen Enkelin Elena von nun an Abend für Abend auf. Aber nicht nur ihre Auftritte, sondern ihr gesamtes Alttagsleben mit den merkwürdigsten Verwicklungen sind einfach lesenswert.

Marco selbst, fühlt sich so wohl wie nie zuvor, wenngleich er erstmalig in seinem Leben lernen muss auf eigenen Füßen zu stehen. Und nicht nur das: Auch erste Liebe kommt ins Spiel. Darüber hinaus wird zwischenzeitlich auch nach Marco gesucht. Der Notar und der Prior haben sich aufgemacht Marco wieder nach Hause zu holen und so ist der junge Mann mehr als einmal gezwungen in Venedig zu fliehen und sich zu verstecken. Merkwürdigerweise scheinen ihn auch Personen zu erkennen, von denen Marco nie zuvor gehört hat und sie auch nie gesehen hat. Was wohl dahinter stecken mag?

Die Autorin präsentiert dem Leser hier eine Komödie in der Komödie und beschenkt die Leserschaft mit historischen Fakten, wundervollen Beschreibungen der Stadt Venedig und lustigen Verwicklungen der besonderen Art.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich by Buch24.de
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Die 13. Stunde

Erstellt von Werner Karl am 6. August 2010

Richard Doetsch
Die 13. Stunde

(sfbentry)
Originaltitel: The Thirteenth Hour (2009)
Bastei Lübbe Verlag
ISBN 978-3-7857-6036-9
Thriller
3. Auflage 17.06.2010
Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm
Übersetzung aus dem Englischen: Dietmar Schmidt
Umfang: 416 Seiten, Paperback

www.luebbe.de
www.richarddoetsch.com

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Die 13. Stunde ist eine rasante Zeitreise und erinnert stark an die Filme “Zurück in die Zukunft” in Kombination mit “Und täglich grüßt das Murmeltier”.

Zum Autor:

Richard Doetsch ist Inhaber einer Immobilien- und Investmentfirma. Während andere Autoren nur aufregende Thriller schreiben, führt er auch ein aufregendes Leben: Er ist Extremsportler und springt mit Fallschirmen und Gummibändern von Brücken, Klippen und Hochhäusern. In ruhigen Stunden spielt er Gitarre und Klavier. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Die dreizehnte Stunde soll in Kürze verfilmt werden.

Zur Handlung:

Nicholas Quinn ist ein erfolgreicher Mann: Guter Job, Haus, Geld und eine Frau, die die Richtige für ihn ist. Doch eines Tages schlägt das Schicksal zu: Seine Frau Julia wird in der hauseigenen Garage brutal niedergeschossen, er als Hauptverdächtiger durch den Fund der Tatwaffe in seinem Wagen zügig verhaftet und bei der Polizei relativ unsanft verhört. Im Verhörraum taucht nach einiger Zeit ein Unbekannter auf und verspricht ihm, dass er die Vergangenheit ändern und somit auch den Mord an seiner Frau bzw. den wahren Mördern  aufspüren kann. Hierzu erhält er eine Taschenuhr. Hiermit reist er zurück in die Vergangenheit, und zwar immer wieder zwei Stunden zurück, doch er hat nur eine Stunde Zeit um die Ereignisse zu beeinflussen. Doch dies passiert insgesamt 13 Mal.

Jede erneute Stunde nutzt Nicolas nun, die Hintergründe am Mord an seiner Frau aufzudecken, die sich um einen folgenschweren Einbruch in einer Villa, einen Flugzeugabsturz mit über 200 Toten und mehreren weiteren Opfern der skrupellosen Verbrecher drehen. Zu seinem Entsetzen muss er zudem feststellen, dass von der hiesigen Polizei keine Hilfe zu erwarten ist, denn auch hier befinden sich korrupte Polizisten. Die ersten Versuche schlagen komplett fehl, die Anzahl der Opfer wächst schlagartig, denn die veränderten Ereignisse beeinflussen die Zukunft in anderer Weise, als Nicholas sich dies zuvor gedacht hat. Es stellt sich daher mit jeder neuen Stunde und Chance die Frage, ob es Nicholas gelingen wird, seiner Frau das Leben zu retten und die Hintergründe aufzudecken…

Mein Fazit:

Die Grundidee dieses Buches ist toll, die immer erneut rückwärts laufende Zeit mit den ebenfalls rückwärts laufenden Seitenzahlen baut einen guten Spannungsbogen auf. Obwohl man natürlich alsbald merkt, dass sich die Geschichte letztendlich auch erst in der letzten 13.Stunde unabänderbar beeinflussen lässt und die vorherigen Stunden nur Möglichkeiten zum Austesten der Ereignisse bieten. Trotz einiger logischer Schwächen im Buch bietet dieses ein kurzweiliges Lesevergnügen, man fiebert und leidet mit Nicholas Quinn und seinen verzweifelten Versuchen, die plötzlich immer wieder doch die falsche Wendung nehmen. Die Charaktere sind relativ geradlinig strukturiert, so dass sich hier kaum Überraschungen ergeben, wenn man erkannt hat, auf welcher Seite sie stehen. Im Vordergrund steht letztendlich die Frage: Schafft Nicholas Quinn es, seine Aufgabe zu lösen und die Zeit auszutricksen…  

Meiner Meinung nach hätte man mehr aus der Idee der Zeitreise machen können. Trotz allem hat mich dieser Thriller insgesamt gut unterhalten und ich würde ihn auch sehr gerne weiterempfehlen, wenn man keine extremen literarischen Highlights erwartet.

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

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Schwarze Welt

Erstellt von Werner Karl am 11. Juni 2010

schwarze-weltPeter F. Hamilton
Schwarze Welt
2. Band der Void-Trilogie
(Teil der Commonwealth-Saga)

Bastei Lübbe, 2009
Originaltitel „The Dreaming Void“ (2007) Teil 2
Paperback
ISBN 978-3-404-28531-0
Science Fiction
Titelbild: Arndt Drechsler
Übersetzer: Michael Neuhaus
Umfang: 381 Seiten

www.luebbe.de
www.bastei.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Vorwort:

Diese Rezension ist in ihrer gesamten Aussage die erste – und hoffentlich die letzte – ihrer Art. Ich werde nämlich über den Inhalt kein Urteil abgeben. Die Gründe dafür folgen gleich. Lediglich die phantastischen Aussichten, welche der Klappentext und meine Recherche in anderen Besprechungen zum gleichen Buch ergaben, werde ich kurz aufführen, Das ist dem Werk und dem Autor gegenüber nur recht und billig. Denn Peter F. Hamilton ist ein guter, ein sehr guter Science-Fiction-Autor. In der Sparte Hardcore-SF vielleicht sogar einer der Besten.

Zum Buch:

„Schwarze Welt“ ist der zweite Teil der Void-Trilogie, welche wiederum zur Commonwealth-Saga zählt, allerdings etwa 1.500 Jahre später spielt (Einzeltitel siehe unten). Die Menschheit lebt auf tausenden Planeten in mindestens ebenso vielen Sonnensystemen. Die Lebenspanne eines Menschen umfasst rund 1.000 Jahre und doch zählt die Menschheit zu den jungen Völkern in der Galaxie. Inmitten dieses Commonwealth, im Zentrum der Galaxis, sitzt ein gigantisches Schwarzes Loch, das alles verschlingt. Und die Geschwindigkeit, mit der es die Milchstraße auffrisst ist weitaus schneller, als die Völker annehmen…

Bemerkung:

Zu allererst muss ich dem Verlag anlasten, dass er es auf dem Cover vermieden hat, auf den Gesamtzyklus, auf diese neue Trilogie und die Position dieses Buches innerhalb der Trilogie hinzuweisen. Erst auf den Innenseiten wird aufgelistet, was Hamilton schon beim Verlag publiziert hat, allerdings auch mit verwirrenden Angaben. Zum einen steht „Schwarze Welt“ als Band 2 einer nicht näher beschriebenen Reihe „Das Dunkle Universum“ aufgeführt da. Anstelle die originale „Void“-Bezeichnung oder „Pilger der Leere“ zu verwenden, was ich bei anderen Rezensenten fand, erfindet der Verlag etwas Neues. Kein Hinweis auf die Commonwealth-Saga. Diese wird weiter unten zwar aufgelistet, aber in keinem Zusammenhang mit Band 1 „Träumende Leere“ und eben Band 2 „Schwarze Welt“ der „Void“-Trilogie gebracht.

Grund für diesen Mangel an früher absolut üblicher Klarstellung ist eine „neue“ Verkaufsstrategie, welche nicht nur dieser Verlag, sondern meines Wissens fast alle Science-Fiction-Verlage seit einigen Jahren praktizieren: Sie glauben nämlich allen Ernstes, dass ein Kunde, ein Käufer sich alleine von einem tollen Cover und einem lockenden Klappentext zum Kauf animieren lässt. Und zweitens glauben sie, dass Zyklen- und Serien-Nummern die Käufer sogar davon abhielte, dieses spezielle Buch zu erstehen. Sogar die winzige Bezeichnung „SF“ steht schüchtern nur 1x auf dem Buchrücken, auf dem Cover wird tunlichst „Science Fiction“ vermieden, Titelbild hin oder her.

Verkaufen um jeden Preis! Das ist die Idee dahinter, nichts anderes. Und ich sage, der Schuss geht voll nach hinten los und ich kann es auch begründen! Also, liebe Verlage, hört schön zu:

Zielgruppe Hardcore-SF-Fans (zu denen ich mich zähle):

Ich will verdammt noch mal mit Band 1 einer Reihe beginnen. Man versteht nur Bahnhof, wenn man bei einem späteren Band in eine Reihe stolpert und ist völlig verwirrt, versteht die Handlung und die Motivationen der Protagonisten nicht, weil eben die Vorgeschichte unbekannt ist. Schließlich hat der Autor ja die Geschichte mit Band 1 begonnen und nicht mit 3 oder 4 oder 2. Ergo ist man gefrustet und legt das Ding beiseite. Und jetzt liebe Verlage, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie der Gefrustete reagieren kann: Im schlechtesten Fall wird er nie wieder zu einem Science-Fiction-Roman von diesem Autor greifen, weil er erst mal seine schlechte Erfahrung auf den Autor überträgt. Oder er legt das Buch beiseite, nimmt sich vor, die Vorbände zu erstehen und neu mit dem Lesen zu beginnen. Wenn Sie so kalkuliert haben, liebe Verlagsmanager, dann haben Sie übersehen, dass der Mensch sich viele Vorsätze auferlegt, sie aber in den seltensten Fällten auch durchführt (siehe Sport, Diät, Rauchen aufhören usw.). Dazu kommt, dass ihn trotz seines Vorsatzes Neuerscheinungen – auch von anderen Verlagen – ablenken. Und wieder haben Sie nichts verkauft.

Zielgruppe sporadischer SF-Leser:

Die sind ja noch mehr verwirrt, weil sie aufgrund seltenen SF-Konsums nicht so tief in die Materie eingelesen sind wie o.g. harten SF-Leser. Und gerade ein visionärer Autor wie Hamilton verlangt selbst eingeschworenen Fans einiges ab. Ergo wird der sporadische Leser noch weniger durchblicken und wahrscheinlich noch seltener zu SF greifen.

Zielgruppe genre-fremde Leseratten:

Das ist vielleicht die schlimmste Auswirkung, welche fehlende Reihenbezeichnung bewirken kann. Anstelle mit Band 1, einem tollen Cover, einem ansprechenden Klappentext und einem guten Autor wie Hamilton neue Käuferschichten und SF-Fans zu gewinnen, stoßen Sie diese Leser vor den Kopf, schubsen sie weg. Die werden doch einen Teufel tun und zugeben, dass sie nicht den Verstand haben, um einer Science-Fiction-Handlung folgen zu können, sondern sie werden ihr Vorurteil gegen das Genre bestätigt sehen und es kalt lächelnd jedem auf die Nase binden, der sie darauf anspricht. Hat denn von den Verlags-Managern noch niemand gehört, dass sich eine Negativ-Meldung 10x schneller verbreitet als eine Positive?

Fazit:

Als Verlag mit so einer Verkaufspolitik betreiben Sie Zensur, denn es ist Ihnen egal, in welcher Reihenfolge ein Autor sein Werk geschrieben hat. Sie verärgern Fans und stoßen neue Käuferschichten ab, anstelle neue zu gewinnen. Wenn Sie argumentieren, dass es „alle anderen auch so machen“, dann werden ALLE Science-Fiction-Verlage eine bittere Lektion lernen müssen: Die Verkaufszahlen werden weiter sinken!

Copyright © 2010 by Werner Karl
 
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Titel erhältlich bei Booklooker.de

Commonwealth-Saga:
Band 1: Der Stern der Pandora 978-3-404-23290-1
Band 2: Die Boten des Unheils 978-3-404-23293-2
Band 3: Der entfesselte Judas 978-3-404-23330-4
Band 4: Die dunkle Festung 978-3-404-23304-5
Band 5. Träumende Leere (Void-Trilogie 1) 978-3-404-28535-8
Band 6: Schwarze Welt (Void-Trilogie 2) 978-3-404-28531-0
Band 7: Im Sog der Zeit (Void-Trilogie 3) 978-3-404-28540-2 (ab 20.03.2010)

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Das Schloss der Schlange

Erstellt von Michael Drewniok am 4. Juni 2010

stoker-schloss-der-schlange-cover-2006-brcBram Stoker
Das Schloss der Schlange


(sfbentry)
Originaltitel: Lair of the White Worm (London : William Rider & Son Ltd. 1911)
Übersetzung: Ingrid Rothmann
Deutsche Erstausgabe: 1981 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur Nr. 72009)
203 S.
ISBN 3-404-72009-1
Diese Neuausgabe: November 2006 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15590)
252 S.
ISBN-13: 978-3-404-15590-3

Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Adam Salton, reich geworden im fernen Australien, folgt der Einladung seines Großonkels Richard Salton, der in Mittelengland das behagliche Leben eines betuchten Landedelmannes führen und seinem Hobby – der Archäologie – frönen kann. Richard hat sich dort niedergelassen, wo sich einst das alte Königreich Mercia erstreckte: ein denkbar geeigneter Ort für Altertumsforscher, denn Römer, Angelsachsen und Normannen haben ihre Spuren im Boden hinterlassen, die Richard und sein alter Freund Sir Nathaniel de Salis, Präsident der Archäologischen Gesellschaft von Mercia, begeistert ausgraben.

Gerade bietet sich den Forschern, denen sich Adam gern anschließt, eine einmalige Gelegenheit: Nachbar Edgar Caswall kehrte nach langer Abwesenheit auf sein Landgut Castra Regis zurück. Hier vermutet Richard die Ruinen einer Festung und Kultanlage der Römer, die fast fünf Jahrhunderte Britannien beherrschten. Doch Caswall stößt die Ausgräber nicht nur vor den Kopf, sondern verliert keine Zeit, den üblen Ruf seiner Familie – seine Vorfahren sollen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben – unter Beweis zu stellen. Heftig bedrängt er die junge Lilla Watford, Enkelin eines Pächters, obwohl sich die elegante, ihm gesellschaftlich viel näher stehende Lady Arabella March um ihn bemüht, die sich in einer finanziellen Notlage befindet.

Auch die Saltons suchen die Nähe der Lady. Diana’s Grove, jener Platz, auf dem ihr Landhaus steht, ist eine weitere historische Stätte. Sie wird im Volksmund die „Höhle des weißen Wurms“ geheißen, weil dort in grauer Vorzeit ein drachenähnliches Untier gehaust haben soll, das als Gottheit verehrt wurde. Dass diese Sage nicht eines wahren Kerns entbehrt, stellt Adam fest, als er sich auf die Seite der Watfords schlägt und sich dabei sowohl Caswell als auch Lady Arabella zu erbitterten Feinden macht …

Böse Überraschung für Gruselfreunde

Wie die Musik kennt auch die Literatur ihre „one hit wonder“: Schriftsteller, die nur ein Buch bzw. das Buch, den Überbestseller, schrieben, neben dem ihre übrigen Werke  verblassen und nicht zur Kenntnis genommen werden. Bram Stoker ist der Autor von „Dracula“. Trotzdem wurde auch er vom Schicksal geschlagen. Außer seinem Epos um den blutsaugenden Vampir-Grafen nimmt die Literaturkritik noch eine Handvoll kurzer Geschichten gnädig zur Kenntnis. Das Romanwerk nach „Dracula“ wird dagegen sehr unfreundlich beurteilt. Auch Verlegen gehen lieber auf Nummer Sicher: Werden Stoker-Bücher wie „Das Schloss der Schlange“ heute überhaupt neu aufgelegt, fehlt niemals der Hinweis darauf, dass der Verfasser Draculas geistiger Vater ist.

Dies schürt Erwartungen, die jedoch nicht erfüllt werden können. Stoker schrieb „Das Schloss der Schlange“ 1911 als kranker, ausgebrannter, von Geldsorgen geplagter Mann; nur wenige Monate später ist er gestorben. „Dracula“ war sein Lebenswerk, ein Roman, an dem er viele Jahre gearbeitet, gefeilt, gestrichen, ergänzt und korrigiert hatte. Die Romane, die Stoker später verfasste, entstanden in Eile und ohne jenen Enthusiasmus, der „Dracula“ trotz offensichtlicher literarischer Schwächen zum Bestseller für die Ewigkeit aufsteigen ließ.

Was will uns der Autor eigentlich erzählen?

Erneut lässt Stoker ‚unnatürliche‘ Figuren auftreten und bemüht (im schicklichen Rahmen) Sex & Thrill, aber beides ist anders als in „Dracula“ nur noch ein müder Reflex. Dabei ist die Idee, die dem „Schloss der Schlange“ zu Grunde liegt, durchaus interessant. Arthur Machen oder Algernon Blackwood haben den Einbruch vorzeitlicher Naturgeister in die moderne Welt mehrfach und sehr wirkungsvoll dramatisiert. Stoker vermag leider keine Funken aus diesem Konzept zu schlagen. Nur einige bildhafte Details haften im Gedächtnis. Der große Drache über Castra Regis gehört dazu, und auch die Schilderung des Wurms hat ihre Momente.

Dennoch ist „Das Schloss der Schlange“ ein schier unlesbares Dickicht begonnener, aber nie beendeter Erzählstränge, die erst recht nicht zu einem überzeugenden Finale zusammenfinden. Stoker hat die Kontrolle über seinen Roman verloren und wollte ihn schließlich nur noch irgendwie zu Ende bringen; ein trauriger Abschied für einen Mann, der beruflich wie privat anscheinend nicht viel Glück in seinem Leben hatte; selbst im Tod blieb ihm der Ruhm als „Dracula“-Autor verwehrt, denn fast zeitgleich versank die „Titanic“ in den eisigen Fluten des Nordatlantiks, und dieses Ereignis beherrschte die Schlagzeilen in aller Welt.

Die Lady und der Schlangen-Wurm

Dracula ist dieses Mal eine Frau? So einfach hat es sich Bram Stoker denn doch nicht gemacht. Zudem war diese Idee bereits 1871 Grundlage der Novelle „Camilla“ von Joseph Sheridan LeFanu gewesen. Lady Arabella March ist nicht durch den Biss eines Vampirs zur Blutsaugerin geworden. Ein vorzeitliches Wesen hat sich ihrer bzw. ihres Geistes bemächtigt. Das hat sie schamlos und mannstoll werden lassen, was einige aus zeitgenössischer Sicht eindeutig zweideutige Szenen heraufbeschwört: Auch 1911 galt bereits „Sex sells“, obwohl Stoker, der viktorianische Engländer, in dieser Hinsicht stark chiffriert arbeitete. Die ‚Stellen‘ wirken auf diese Weise sogar noch deutlicher, denn Künstler lernten zu allen Zeiten schnell, wie sich die Zensur austricksen lässt.

Sex ist nach Stoker unheimlich und ‚schmutzig‘ aber eben auch verführerisch und deshalb doppelt ‚schlecht‘: So schließt sich der Teufelskreis, dem der Verfasser schon in „Dracula“ Ausdruck verliehen hatte. Doch was dem gesellschaftlichen Bann verfällt und verdrängt wird, kehrt umso häufiger als Prüfung zurück, die selten bestanden wird. Für Stoker kann jedenfalls nur das Böse dahinterstecken, wenn brave Männer den Verlockungen des Weibes erliegen: Es ist eigentlich der Wurm, der Carswell über seine Sendbotin verhext und schwach werden lässt. (Sehr schön zeigt eine Illustration aus der Erstausgabe von 1911 übrigens, wie dieser „große, weiße Wurm“, der steil aufgerichtet Blitze aus seinen Augen schießt, auch gedeutet werden könnte ) Nach einer (allerdings umstrittenen) Theorie von Deborah Hayden litt Stoker an der Syphilis und schrieb „Das Schloss der Schlange“ im Endstadium dieser Krankheit als Mischung aus Roman und verschleierter Offenbarung.

Kaum verwunderlich ist übrigens, dass bei Stoker die ‚bösen‘ Figuren wieder wesentlich vielschichtiger wirken als die Helden. Onkel und vor allem Neffe Salton vertreten Gesetz, Glaube und Moral und wirken entsprechend steif und uninteressant. Sie müssen so sein, wie sie sind, weil das Gute zu siegen hat. Erstaunlich ist die Charakterisierung des Oolanga, eines afrikanischen Dieners, den Edgar Carswell von seinen Reisen ‚mitgebracht‘ hat. Einerseits schildert ihn Stoker sehr zeittypisch, nämlich chauvinistisch als triebhaften, primitiven, bösartigen „Neger“, lässt aber mehrfach durchblicken, dass auch Oolanga seine Träume von einem besseren Leben hat.

Bauchlandung für den Kino-Wurm

1988 inszenierte der als Skandalregisseur gefeierte oder verfluchte Ken Russell nach eigenem Drehbuch den gleichnamigen Film zu Stokers Roman. Für die Hauptrollen verpflichtete er einen noch sehr jugendlichen Hugh Grant sowie Amanda Donahue und Catherine Oxenberg. Russell schuf einen turbulenten, sein geringes Budget deutlich offenbarenden Horrorfilm im Stil der später „Hammer“-Heuler. „Lair“, der Film, wird wahlweise als geniale, ehrfurchtsfreie Interpretation einer lange als unverfilmbar geltenden Vorlage oder als „Meisterwerk“ des Schund- und Trashfilms gewertet.

Autor

Bram (eigentlich Abraham) Stoker wurde am 8. November 1847 in dem irischen Dorf Clontarf in der Nähe von Dublin geboren. Er war ein kränkliches Kind, das die ersten sieben Jahre seines Lebens praktisch im Bett verbringen musste. Die Erfahrung des ständig präsenten Todes prägte Stoker nachhaltig. Ebenfalls nie in Vergessenheit gerieten die Geschichten seine Mutter, die sich aus dem reichen Schatz irischer Sagen speisten und das Übernatürliche und den Tod und deren heimliche, aber ständige und nicht ungefährliche Präsenz im Leben der Menschen thematisierten.

Stoker besaß eine ausgeprägte künstlerische Ader, doch leider nicht das Einkommen, ihr nachzugeben. Nach einem Studium am Trinity College (Dublin) schlug er die Beamtenlaufbahn ein. 1881 erschien eine Sammlung allegorischer, recht düsterer Kunstmärchen oder Kindergeschichten. Neben seiner Beamtentätigkeit veröffentlichte Stoker weitere Kurzgeschichten und (ab 1871) Theaterkritiken. Damit erregte er die Aufmerksamkeit des berühmten Shakespeare-Schauspielers Henry Irving. Stoker folgte diesem 1878 nach London, wo er die Geschäftsführerstelle in Irvings neuen „Lyceum Theatre“ übernahm. Die scheinbare Eintrittskarte in die Welt der Kunst entpuppte sich als Knochenjob für eine nüchterne Bürokratenseele und Irving als exzentrischer Egoist, der es für selbstverständlich hielt, dass Stoker ihm ständig zur Verfügung stand.

Dennoch hielt Stoker aus. Seinen eigenen Durchbruch erhoffte er von einem Roman, für den er viele Jahre recherchiert hatte. „Dracula“ erschien 1897 und wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Stoker blieb am Theater, doch als Henry Irving 1905 starb, stand er auf der Straße. Nun schrieb er, um sich und seine Familie zu ernähren; ein aufreibender Kampf, der zunehmend an seiner Gesundheit zehrte. Seine späteren Romane erreichten nicht einmal annähernd den Rang seines „Dracula“. Bram Stoker starb am 20. April 1912. Den Ruhm, den er sich erträumt hatte, erlebte er nicht mehr: Nur wenige Jahre später begann Dracula seinen Siegeszug über die ganze Welt.

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Blutduett

Erstellt von Michael Drewniok am 25. April 2010

atkins-blutduett-coverCharles Atkins
Blutduett

Originaltitel: The Prodigy (Woodbury/Minnesota : Midnight Ink 2007)
Übersetzung: Marcel Bülles
Deutsche Erstausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16370)
413 S.
ISBN-13: 978-3-404-16370-0

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Das geschieht:

James Martin stand einst vor einer vielversprechenden Musiker-Karriere, als er in einen grausamen Doppelmord verwickelt wurde. Weil man ihm seine direkte Schuld nie nachweisen konnte und er außerdem in der Untersuchungshaft an Schizophrenie erkrankte, kam Martin nicht ins Gefängnis. Stattdessen steht er seit vielen Jahren in der feudalen Familienvilla, die er inzwischen allein bewohnt, unter Hausarrest. Er muss eine elektronische Fußfessel tragen, wird ständig von einem Psychologen untersucht und steht unter der Vormundschaft seiner Zwillingsschwester Ellen.

Ungeachtet der ihm auferlegten Beschränkungen hat sich Martin als Meister der Manipulation viele Freiheiten erobert. Ellen ist dem Bruder hörig, der Betreuer bestechlich. Gerade ist Dr. Kravitz, der ungeliebte Psychiater, (angeblich) einem Blutzuckerschock zum Opfer gefallen. Martin setzt alle Hebel in Bewegung, damit ihm Dr. Barrett Conyors als Ärztin zugewiesen wird, die er vor Jahren in Croton, einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke, kennen und bis zur Besessenheit schätzen lernte, was er allerdings stets verbergen konnte.

Die hochbegabte und engagierte Conyors freut sich über das gute Honorar und die Ablenkung, denn just hat sie ihren Gatten beim Ehebruch erwischt. Auch beruflich ist die Ärztin angeschlagen, nachdem sich ein von ihr geheilter Patient nun doch vor Gericht verantworten musste und sich deshalb umbrachte. Nie wieder wird sie der Justiz auf diese Weise in die Hände arbeiten, schwor Conyors sich – für Martin ein idealer Ansatzpunkt für sein perfides Psycho-Spiel.

Zwar ahnt Conyors, dass ihr großzügiger Klient sie belügt, worin sie ein alter Freund, der misstrauische Detective Hobbs, bestärkt, doch sie überschätzt ihre beruflichen Fähigkeiten, wodurch sie Martin und die Intensität seines Wahns falsch einschätzt – ein Versäumnis, das Conyors Leben zur Auflösung bringt und im Rahmen eines dramatischen Finales sogar zu beenden droht …

Thriller von der Stange

Das Böse ist reich, (trügerisch) schön, hochtalentiert und skrupellos, das Gute (zunächst) schwach, weil gesetzestreu und moralisch, aber immerhin ebenfalls schön und klug: Willkommen in der Terminator-Zone, die in der Astronomie die Licht-Schatten-Grenze eines Planeten bezeichnet. Der Begriff taugt auch für die (Unterhaltungs-) Literatur. Hier ist der Terminator freilich breiter, denn er ist die Heimat jener (viel zu) vielen Romane, die weder richtig schlecht noch wirklich gut sind.

Im Dämmerschatten verschwimmen etwaige Charakterzüge. Handwerklich solide Arbeit ist in diesem Umfeld gefragt, und genau sie bietet „Blutduett“ als Schema-F-Thriller, der gerade an der Kante jenes Abgrundes balanciert, in dem einschlägige Klischees ihn endgültig verschlingen würden. Es gibt keine einzige originelle Idee in diesem Buch, was durch die künstlich aufgeregte aber eigentlich farblose Umsetzung noch betont wird. Charles Atkins folgt treu (oder stumpf) den Fußspuren anderer Autoren, die das Feld vom irren aber cleveren Super-Schurken bereits kreuz und quer beackert haben.

Zwar ist er bemüht, dies vergessen zu lassen, indem er aktuelles und durch persönliche Berufserfahrung gewonnenes Fachwissen in seine Geschichte einfließen lässt. Wie viele andere ehrgeizige Autoren ignoriert er jedoch die Frage, was seine Leser höher schätzen: eine spannende oder eine solide im fachlichen Kontext verankerte Geschichte? Er kennt die Antwort nicht, dass sich die Fiktion der Realität nur bedient, ohne ihr verpflichtet zu sein. Anders ausgedrückt: Eine Geschichte muss vor allem spannend sein und höchstens überzeugend klingen. Faktenwissen ist eine Zugabe, die der Leser von einem guten Autor erwartet und erwarten kann.

Auch Klischees wollen beherrscht sein

Charles Atkins hätte besser mehr Schwung in seine Geschichte gebracht, statt uns einmal mehr mit dem nur scheinbar und behauptet aufregenden Garn von der Schönen und dem Biest zu konfrontieren, ohne das Thema wenigstens zu variieren. Schon die Ausgangssituation erzeugt Stirnrunzeln. Atkins setzt auf die „Reiche-dürfen-alles“-Karte und konstruiert eine Mausefalle, die über unzählige heimliche Ausgänge verfügt und damit und ein „Looked-Room“-Geheimnis einerseits schaffen will und andererseits mit Füßen tritt. Wie konnte ein psychisch nachhaltig gestörter, viele Jahre unter Medikamenteneinfluss in einem Sanatorium vegetierender Martin sein Elternhaus unbemerkt in eine High-Tech-Burg verwandeln, um deren Effizienz ihn jeder staatliche Geheimdienst beneiden würde? Gibt’s dafür Internet-Volkshochschulkurse? Atkins bemüht sich um ‚Erklärungen‘, die jedoch fadenscheinig bleiben.

Zumindest der tatsächlich gefangene Hannibal Lecter war in „Das Schweigen der Lämmer“ faszinierend, weil er sein Gegenüber nur durch Worte manipulieren konnte. Will James Martin einen Widersacher aus dem Weg räumen, setzt er seine Fußfessel außer Betrieb, setzt sich in ein getarntes Taxi und fährt den Lästling über den Haufen. Notfalls manipuliert er Komplizen, die Atkins bei Bedarf aus dem Hut zieht. So vermag er seine Handlung wohl aus einer ihrer vielen Sackgasse manövrieren, aber ernst nehmen kann man dieses ‚Lösung‘ beim besten Willen nicht. Muss angemerkt werden, dass Martins Todesfallen ähnlich plump geraten? Eine Ausnahme bildet das große, durch aufgesetzte Gruseldramatik und Zufälle geprägte Finale: Es ist peinlich und sabotiert die ohnehin schwache Auflösung.

Kluges Reh im Scheinwerferlicht

Atkins hegt die allzu zuversichtliche Überzeugung, ein wortgewandter Autor zu sein. Gern bemüht er beispielsweise theatralische Symbolismen als Stilmittel. Schon der Titel verweist auf einen Kampf der Geistesriesen: „prodigy“ bedeutet „Wunderkind“, und der Verfasser findet den Einfall originell, dass nicht nur James Martin, sondern auch Barrett Conyors ein solches Wunderkind war. Weitere Parallelen werden konstruiert: unglückliche Kindheit, schwierige Eltern, Beziehungsprobleme; sie sollen ebenso wie das Cello-Spiel – nur Genies spielen klassische Musik, und das Böse ist noch hässlicher, wenn es die schönen Künste missbraucht – bedeutungsschwangere Tiefe suggerieren. Faktisch wird das Instrumentarium der Seifenoper aufgefahren, deren Getöse die Schlichtheit des Plots übertönen soll.

Zwischen Martin und Conyors findet ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Es spiegelt sich im Verhältnis zwischen Martin und seiner (echten) Katze Fred und soll unheilvoll die Zukunft der ahnungslosen Psychologin Conyors andeuten. Die wird privat und im Job durch zahlreiche Widrigkeiten so arg gebeutelt, dass immerhin nachvollziehbar wird, dass ein lupenreiner Irrer wie James Martin sie über den Tisch ziehen kann. Conyors ist eine Fachidiotin, sie steckt voller Skrupel, was Sympathie für die Figur wecken soll. Stattdessen nervt Conyors in ihrem Gutmenschentum, das sie außerdem in jede noch so ungeschickt gestellte Falle stolpern lässt.

Ausgelaugte Geschmacklosigkeiten erzeugen unfreiwillig Heiterkeit: In Martin juniors Matschhirn röhrt der tote, böse Vater, der unbedingt einen Erben produziert sehen will; mit Fruchtbarkeitspillen gefüttert und heimlich künstlich geschwängert, droht Barrett, sich mit einem Plastikmesser die Gebärmutter zu entfernen, wenn man sie nicht ziehen lässt – eine Situation, die spannende Krisenstimmung nachhaltiger killt als jeder Serienkiller.

Gelegenheit zur Publikumsbelehrung

Zwischen den raren Spannungsmomenten bremst Atkins die Handlung gern ab, um seine Figuren lange Vorträge über die Rolle der Psychologie im modernen Justizwesen zu halten. In diesem Punkt kennt sich der Verfasser hauptberuflich aus, und es ist ihm wichtig, sein Wissen einem möglichst breiten Publikum näherzubringen. Ihm unterläuft in diesem Zusammenhang deshalb nicht nur der weiter oben angesprochene Fehler, darüber seine Geschichte zu vernachlässigen. Atkins beginnt darüber hinaus zu dozieren. Fakten sind jedoch nur Teile des Rezeptes für eine gute Geschichte. Sie müssen ihr in geeigneten Dosen untergehoben werden. Ein Kreuzzug ist in erster Linie demjenigen wichtig, der ihn ausruft.

Als Leser möchte man „Blutduett“ schütteln, bis Klischees und allzu Bekanntes wie faule Früchte und trockene Blätter aus dem Geäst eines Obstbaums gefallen sind, um zu sehen, was übrig bleibt. Von diesem Roman blieben wohl nur kahle Zweige, was letztlich das passende Bild für eine routinierte, allzu kalkulierte und vor allem: hölzerne Geschichte wäre.

Autor

Der 1961 geborene Psychiater ist Mitglied der Medizinischen Fakultät der Universität Yale in New Haven (US-Staat Connecticut). Sein Spezialgebiet ist die Behandlung manisch-depressiver Verhaltensstörungen. Über seine Erfahrungen und Forschungen schreibt Atkins regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften; er ist außerdem Autor viel gelesener Ratgeber über den Umgang mit psychisch erkrankten Personen.

Als Krimi-Autor debütierte Atkins 1998 mit „The Portrait“. Weitere Romane sowie zahlreiche Kurzgeschichten für Magazine und Anthologien folgten. 2007 begann der Autor eine Serie um die Psychiaterin Barrett Conyors. Hier kann Atkins sein Fachwissen in eine Krimi-Handlung einfließen lassen.

Charles Atkins lebt in Woodbury, Connecticut. Über seine medizinischen und schriftstellerischen Aktivitäten informiert er hier.

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Todesrosen

Erstellt von Michael Drewniok am 17. April 2010

indridason-todesrosen-cover-tb-2009Arnaldur Indriðason
Todesrosen

Originaltitel: Dauðarósir (Reykjavík : Vaka-Helgafell 1998)
Übersetzung: Coletta Bürling
Deutsche Erstausgabe (geb.): Juni 2008 (Lübbe-Verlag/editionLübbe)
301 S.
ISBN-13: 978-3-7857-1612-0
Als Taschenbuch: Oktober 2009 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 16345)
301 S.
ISBN-13: 978-3-404-16345-8
Als Hörbuch: Juni 2008 (Lübbe Audio)
4 CDs, gelesen von Frank Glaubrecht
263 min.
ISBN 978-3-7857-3561-9

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Das geschieht:

Ausgerechnet auf dem Grab des isländischen Nationalhelden Jón Sigurdsson wird die Leiche einer jungen Frau gefunden – nackt, mit Spuren körperlicher Misshandlung übersät und erstickt. Sigurdsson starb 1879; was wollte der Mörder mit seiner Tat aussagen?

Kommissar Erlendur Sveinsson, der mit seinem Team die Ermittlungen aufnimmt, ist davon überzeugt, dass die Leiche nicht grundlos dort platziert wurde. Zunächst gilt es jedoch, die Identität des Opfers festzustellen, was sich als erstaunlich schwierig erweist. In seiner Not zieht Erlendur seine Tochter Eva Lind zu Rate, die als Junkie und Gelegenheitsprostituierte die Unterwelt der Hauptstadt Reykjavík kennt.

Endlich bekommt die Leiche einen Namen: Birta gehörte zu den Drogenschmugglern des örtlichen Gangsterbosses Herbert Baldursson, der sie auch an Freier ‚vermittelte‘, denen gern die Hand ausrutscht. Offenbar lief Birtas letzte Party schrecklich aus dem Ruder. Oder hat die junge Frau den Unwillen des brutalen und jähzornigen Herbert erregt? Erlendur will an so profane Erklärungen nicht glauben. Birta stammt wie Jón Sigurdsson aus den Westfjorden. Mit seinem wenig begeisterten Kollegen Sigurður Óli begibt er sich auf die lange Fahrt zur zerklüfteten Nordwestküste Islands. Er kommt in eine von Rezession und Landflucht gezeichnete Region – ein Niedergang, hinter dem Erlendur allmählich Methode zu erkennen glaubt.

In Reykjavík wird Herbert entführt und bleibt verschwunden. Offenbar gibt es jemanden, der um Birta trauert und ihren Tod rächen will. Ein angesehenen ‚Geschäftsmann‘ wird sehr nervös, denn Herbert erledigt allerlei Drecksarbeit für ihn, der tunlichst unbekannt bleiben möchte. Der ist in seinem Gefängnis inzwischen über die Hintergründe im Bilde und wird zu Erlendurs wichtigstem Zeugen – sollte er überleben …

Kleine Insel auf krimineller Aufholjagd

„Morde werden hier im Affekt verübt. Meistens im Suff. Sie haben nie irgendwas Symbolisches an sich oder irgendeine tiefere Wahrheit. Morde sind hier schäbig, scheußlich und ganz und gar zufällig.“ (S. 97/98)

So spricht Polizist Sigurður Óli und gibt damit eine Grundsatzerklärung ab. Doch er irrt, während sein Kollege Erlendur gedanklich schon weiter ist: An der Wende zum 21. Jahrhundert beginnt sich auf der kleinen Insel hoch im Nordatlantik das Verbrechen zu wandeln. Die Globalisierung sorgt für einen Quantensprung. Verbrechen und Big Business beginnen sich zu vermischen, die Grenzen verwischen dabei. Der Tod wird zum Geschäftsrisiko – ein Faktor, den das organisierte Verbrechen kühl einkalkuliert.

Herbert und vor allem sein unsichtbarer Auftraggeber haben die modernen Regeln verinnerlicht. Das Spektrum ihrer kriminellen Aktivitäten ist breit: Für die Kneipen Reykjavíks importieren sie Prostituierte aus Osteuropa, die regelmäßig gegen ‚frische Ware‘ ausgetauscht werden. Gleichzeitig schmuggeln sie Drogen im großen Stil. Noch lukrativer ist die Aneignung und Ausbeutung politischen und wirtschaftlichen Insiderwissens. Wer gut schmiert und weiß, wann und wo Großprojekte geplant sind, kann früh einsteigen und absahnen; das ist nicht einmal illegal, sondern höchstens moralisch bedenklich – eine Einschränkung, die aus Sicht der „global player“ freilich nur für Schwächlinge von Belang ist.

Nicht jeder Wurm mag ewig kriechen

Selbstverständlich bleibt der ‚klassische‘ Mord dem modernen Island erhalten. Weiterhin bringen sich die Menschen aus Hass und Gier und auf denkbar hässliche Arten um. Im Fall der „Todesrosen“ irrt Sigurður Óli trotzdem ein weiteres Mal: Die hier beschriebenen Morde und Mordversuche sind zwar schäbig aber dennoch von enormer Symbolkraft.

Wie Erlendur Sveinsson mag sich der lange unsichtbar bleibende, weil aufgrund seiner Unauffälligkeit in der Menge verschwindende Kidnapper Herberts nicht damit abfinden, dass nur die kleinen Fische für ihre Taten büßen müssen, während sich die Großen hinter einer Wand aus Geld, Macht und Verbindungen verschanzen. Ihm geht es dabei zwar um Gerechtigkeit aber nicht um gerechte Strafe. Die Polizei bleibt deshalb außen vor. Selbstjustiz tritt an ihre Stelle.

Doch das Schicksal ist tückisch. Das Blatt wendet sich, die ‚Bösen‘ gewinnen die Oberhand und schlagen zurück. Als sie dennoch fallen, bleibt der Rächer als Opfer zurück. An die Stelle des verbrecherischen Spekulanten wird ein neuer ‚Geschäftsmann‘ treten, der die Beutelschneiderei seines Vorgängers genau studieren und verfeinern wird.

Der Kommissar und die Last der Welt

Zu dieser Erkenntnis ist Erlendur längst gelangt. Sein daraus resultierender Schwermut ist verständlich: Was in wirtschaftskriminellen Kreisen Allgemeinwissen ist, kann er, der doch eigentlich Gesetz und Ordnung repräsentiert, nur mühsam und ihm Rahmen einer anstrengenden Recherche in den Westfjorden in Erfahrung bringen. Was er dort entdeckt, hilft ihm wenig, denn während sein Gegner sich aller Regeln enthoben fühlt, muss sich Erlendur daran halten. Er kämpft quasi mit einem auf den Rücken gebundenen Arm.

Ausgeglichen wird dieses Handicap durch Erlendurs ausgeprägten Hang zur intensiven Fahndung und einer Abneigung gegen alles, was sich ihm dabei in den Weg stellt. Wieder einmal lässt Autor Indriðason seinen ohnehin gebeutelten Helden (dazu weiter unten mehr) beruflich ausgiebig gegen geschlossene Türen laufen, hinter denen sich seine Verdächtigen über ihn lustig machen oder sicher wähnen. Sie irren sich, denn Erlendur ist an einem Punkt seines Lebens angekommen, an dem er an berufliche Stromlinienform als Voraussetzung einer Karriere keinen Gedanken mehr verschwendet. Solche Menschen sind gefährlich, wie Erlendur beweist, als er sich langsam aber buchstäblich hartnäckig der Lösung entgegenarbeitet. Die hat es in sich und ist mit einem hübschen weil sehr ironischen Finaltwist verknüpft, der zur Abwechslung einmal funktioniert.

Wie es sich für einen skandinavischen Kriminologen gehört, ist Erlendur auch privat keine Frohnatur, was noch vorsichtig ausgedrückt ist. Er lebt allein und ist einsam, seine Familienverhältnisse sind desaströs; seine Ex-Gattin hasst ihn viele Jahre nach der Scheidung noch immer aus tiefster Seele, sein Sohn ist Alkoholiker, seine Tochter drogensüchtige Prostituierte. Mit den daraus resultierende Problemen füllt Indriðason manche Buchseite. Erfreulicherweise übertreibt er es nie damit, „Todesrosen“ bleibt Kriminalroman. Hilfreich ist auch ein ausgeprägter Sinn für Humor, der eher schottisch als skandinavisch anmutet. Den hat Erlendur auch nötig, denn die Zukunft hält für ihn noch manche Prüfung bereit.

Durcheinander als Veröffentlichungsprogramm

Das weiß der Indriðason-Leser womöglich schon, denn obwohl „Todesrosen“ als siebter Band der Erlendur-Serie in Deutschland erscheint, steht er chronologisch an zweiter Stelle. Der Verlag begann nicht mit Nr. 1, sondern griff sich einfach einen Band aus dem Mittelfeld heraus. Die entstandenen Lücken wurden erst nachträglich gefüllt, als sich herausstellte, dass die deutschen Leser Indriðason-Romane schätzen und wohl auch ältere Titel nicht verschmähen würden. Diese rüde Behandlung sind besagte Leser freilich gewöhnt. Immerhin ist die Reihe inzwischen vollständig und sie wird sogar fortgesetzt, während viele andere lesenswerte Serien rüde gekappt (weil nicht schnell genug einträglich) wurden und werden.

Autor

Arnaldur Indriðason wurde am 8. Januar 1961 in Reykjavik geboren. Er wuchs hier auf, ging zur Schule, studierte Geschichte an der University of Iceland. 1981/82 arbeitete als Journalist für das „Morgunbladid“, dann wurde er freiberuflicher Drehbuchautor. Für seinen alten Arbeitgeber schrieb er noch bis 2001 Filmkritiken. Auch heute noch lebt der Schriftsteller mit Frau und drei Kindern in Reykjavik.

1995 begann Arnaldur Romane zu schreiben. „Synir duftsins“ – gleichzeitig der erste Erlendur-Roman – markierte 1997 sein Debüt. Jährlich legt der Autor mindestens einen neuen Titel vor. Inzwischen gilt er auch im Ausland als einer der führenden Kriminalschriftsteller Islands. Gleich zweimal in Folge wurde ihm der „Glass Key Prize“ der Skandinaviska Kriminalselskapet (Crime Writers of Scandinavia) verliehen (2002 für „Nordermoor“, 2003 für „Todeshauch“).

Drei seiner Romane hat Arnaldur selbst in Hörspiele für den Icelandic Broadcasting Service verwandelt. Darüber hinaus verfilmten die isländischen Regisseure Baltasar Kormákur bzw Óskar Jónasson die Thriller „Mýrin“ („Der Tote aus Nordermoor“, 2006) bzw. „Reykjavik-Rotterdam“ („Reykjavik-Rotterdam: Tödliche Lieferung“, 2008) nach Drehbüchern von Arnaldur.

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Das Vermächtnis des Bösen

Erstellt von Michael Drewniok am 12. April 2010

jolowicz-vermaechtnis-coverPhilip Jolowicz
Das Vermächtnis des Bösen

Originaltitel: Whitechapel
Übersetzung: Dietmar Schmidt
Deutsche Erstausgabe (= Originalausgabe): März 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16403)
476 S.
ISBN-13: 978-3-404-16403-5

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Das geschieht:

Im London des Jahres 1888 führt Hardy Sholto Lansdown, unehelicher aber finanziell gut gestellter Spross eines alten Adelsgeschlechtes, ein Dasein als Schriftsteller, Kostümmacher und Maler. Die Zweckehe mit Lady Cecilia Fitzpatrick sichert seinen gesellschaftlichen Status, und als geistreicher Zeitgenosse genießt Lansdown den Umgang mit den Reichen und Schönen der oberen Zehntausend.

Doch Lansdown hat eine dunkle, sorgfältig verborgene Seite: Er ist ein Soziopath, der sich am Leiden und Tod seiner Mitmenschen erfreut. Bisher begnügte er sich damit, als Zeuge bei Hinrichtungen zu fungieren, aber dieser Kick genügt ihm nun nicht mehr. Lansdown will morden – je blutiger, desto lieber. Die praktisch rechtsfreien Slums von London sind das ideale Betätigungsfeld für den Mann, den man „Jack the Ripper“ nennen wird …

Mehr als ein Jahrhundert später erfährt in New York Anwalt Tom Cole, dass er von seinem ‚Vater‘ Devlin Cole, der sich gerade anschickt, das Amt des US-Justizministers zu übernehmen, einst als Sohn angenommen wurde. Auch die Mutter hatte ihm stets verschwiegen, dass Devlin eigentlich sein Onkel ist. Ray, Devlins Bruder und Toms leiblicher Vater, war ein im Leben gescheiterter und psychisch kranker Mann, der sich noch vor Toms Geburt in London das Leben genommen hatte.

Verletzt aber neugierig begibt sich Tom auf die Spur seines Vaters. Die Historikerin Juno Wells kann ihm mit ersten Informationen dienen, die zwar nicht erklären, wieso Ray sich ausgerechnet in einer Kirche erhängte, aber deutlich machen, dass ihn ein düsteres Geheimnis in den Tod trieb – ein Geheimnis von solcher Brisanz, dass seine Kenntnis auch für die Coles der Gegenwart ernste Konsequenzen haben wird …

Skandal mit unbeschränkter Lebensdauer?

Was wäre, wenn … ausgerechnet der Justizminister der USA im Geäst des familiären Stammbaums den einzig wahren Jack the Ripper entdecken müsste? Lässt sich aus den Konsequenten ein spannendes Garn spinnen? Philip Jolowicz war sich in dieser Frage offensichtlich unsicher, denn er sicherte seine Geschichte mit einer zeitlich quasi tiefer liegenden Handlungsebene ab, die Jacks Genese zum berühmten Ahnherr seiner mordenden Zunft schildert und dabei Fiktion und historische Realität miteinander verquickt.

Die Handlung springt recht regelmäßig kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dass die Verbindung zwischen beiden Ebenen letztlich dünn bleibt – und bleiben muss –, ist eines der Dilemmas dieses Romans, aber nicht das grundsätzliche Problem, welches immerhin ‚nur‘ den modernen Handlungsstrang betrifft: Könnte die Herkunft wirklich einen Minister zu Fall bringen? Zwar ist in den bigotten USA vieles möglich, doch hier trennt deutlich mehr als ein Jahrhundert Ripper und Regierungsmann. Wer außer den Sensationsmedien würde dem Minister daraus einen Strick drehen?

Weshalb die Ereignisse und vor allem das überdramatische Finale nie wirklich logisch wirken. Darüber hinaus dehnt Jolowicz den Spannungsfaden so lange, bis er ausleiert. Noch der verschnupfteste Leser hat den Ripper-Braten längst gerochen, bevor bei Tom Cole endlich der Groschen fällt. Zuvor walzt Jolowicz lang und breit die Praxis der genealogischen Forschung aus. Der Autor möchte hier auf den Spuren von Dan Brown wandeln, doch dessen Schuhe sind ihm deutlich zu groß.

Mehr als eine Brise Grisham soll außerdem wehen, wenn Tom auf gar düstere Machenschaften in der eigenen, ostentativ ehrenwerten Familie stößt, sich heldenhaft der Gerechtigkeit verschreibt und schließlich selbst auf die Todesliste rutscht, was mäßig aufregende Verfolgungsjagden und ähnlich dramatische, schon für eine Verfilmung angelegte Action-Szenen zur Folge hat. An Toms Seite steht selbstverständlich eine kluge, vor allem aber schöne Frau, die wie alle auftretenden Figuren so vage geschildert wird, dass diese Rolle mit jeder Schauspielerin um die 30 besetzt werden kann.

Böser Mann mit blödem Plan

Die Geschehnisse des Jahres 1888 ziehen den Leser besser in ihren Bann. In diesem Umfeld kann Jolowics von seinem Drang zur Ausführlichkeit profitieren, denn die Vergangenheit muss näher beschrieben werden, da sie längst verschwunden und ihr Alltag unbekannt geworden ist. Hardy Lansdown ist zudem ein Charakter, dessen effekthascherischen Macken vor dem viktorianischen Hintergrund sogar Wirkung zeigen. Jolowicz kann sich hier auf einschlägige Klischees stützen; oben schwelgt der Adel, unten darbt elend das Volk, und beides lässt sich kühl oder drastisch in Szene setzen. Folgerichtig kann sich Lansdown u. a. seinen Schmollwinkel in einem unterirdischen Beinhaus aus dem Mittelalter einrichten, ohne dass der Leser ob solchen Geisterbahn-Grusels frustriert aufschreit.

Irgendwann wird Lansdown allerdings zum Ripper. Dies ist der Moment, an dem die Geschichte ins Stolpern gerät. Jack the Ripper war ein psychotischer Serienmörder. Dies ist Jolowics als Motiv nicht eindrucksvoll genug. Er konstruiert Lansdown einen Mordimpuls, der Irrsinn mit verletztem Stolz mischt. Auch das könnte plausibel sein, wäre Lansdowns Intrige nicht gar so überkompliziert. Was er da einfädelt, ist von so vielen Zufallsfaktoren abhängig, dass ein Gelingen eher Zufall wird.

Unklar bleibt darüber der Bruch zwischen Lansdown, dem Exzentriker, und Lansdown, dem Ripper. Von einem Augenblick zum anderen wird er zur Mordmaschine. Jolowics hakt nun Punkt für Punkt die sattsam bekannte Ripper-Historie ab. Er verlässt die eigene Handlung, verliert sich in gruseligen aber wenig relevanten Details, entlehnt der realen Geschichte neue Figuren, die er kurz darauf spurlos verschwinden lässt.

Während der moderne Ereignisstrang zwar nach Schema F aber wenigstens deutlich endet, bricht Jolowics den historisierenden Teil abrupt ab. Wieder einmal muss Wahnsinn, die letzte Rettung des ratlosen Schriftstellers, den Knoten schürzen. Dieses Finale lässt den Leser unzufrieden weil unbefriedigt zurück – ein Gefühl, das sich auf die gesamte Lektüre eines Romans überträgt, dessen Verfasser offenbar Gewaltiges plante, ohne es entsprechend umsetzen zu können.

Zur Verteidigung des Rezensenten

Bis in „Das Vermächtnis des Bösen“ der Name „Jack the Ripper“ fällt, vergehen viele Romanseiten, denn Autor Philip Jolowicz hält ihn zurück, bis er meint, seine Bombe zünden zu können, um möglichst viele erstaunte Leser seine Opfer nennen zu dürfen. Der Rezensent enthüllt das ‚Geheimnis‘ beinahe umgehend – wie rücksichtslos und gemein, sollte man meinen.

Bei näherer Betrachtung löst sich dieser Vorwurf jedoch in Luft auf. Ein kultivierter aber perverser Mann mit ärztlichen Grundkenntnissen schlitzt mit dem Skalpell Prostituierte auf; dies geschieht 1888 in London und dort in einem Viertel, das diesem Roman seinen Originaltitel gibt: Whitechapel.

Selbst der historische Laie vermag diese Fakten auf drei Wörter zu verdichten: Jack the Ripper. Eine Überraschung, die der Autor selbst so ungeschickt hütet, genießt jedoch keinen Bestandsschutz. Der Rezensent enttarnt nur das Offensichtliche und ist deshalb vom Vorwurf des Verrates freizusprechen.

Anmerkung: Für „Whitechapel“ lässt sich keine englische oder US-amerikanische Originalausgabe identifizieren. Offenkundig erscheint dieser zwar in England entstandene Roman als deutsche Erstausgabe.

Autor

Der 1959 geborene Philip Jolowicz ist als Schriftsteller ein ‚Spätberufener‘. Als er seinen ersten Roman veröffentlichte, lag eine veritable erste Karriere im Bankfach hinter ihm. Jolowicz arbeitete als Investmentbanker und Wirtschaftsjurist in London, New York und Hongkong. Später stieg er zum Leiter der Rechtsabteilung in der Londoner Zentrale von Merrill Lynch International auf, wo ihm zahlreiche Mitarbeiter unterstanden.

Eine beinahe verunglückte Transaktion inspirierte Jolowicz zu seinem ersten Wirtschafts-Thriller. „Wall of Silence“ (dt. „Kartell des Schweigens“) verband 2002 Insiderwissen mit einem Gespür für spannende Handlung und eine überzeugende Figurenzeichnung. Jolowicz gab seinen Banker-Job auf und wurde Vollzeit-Schriftsteller. Nach einem zweiten Roman wurde es allerdings lange still um den Verfasser, der mit seiner Familie in Buckinghamshire lebt.

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Untot

Erstellt von Michael Drewniok am 8. April 2010

schreiber-untot-coverJoe Schreiber
Untot

(sfbentry)
Originaltitel: Chasing the Dead (New York : Ballantine Books 2006)
Übersetzung: Ulf Rittgen
Deutsche Erstausgabe: August 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15717)
287 S.
ISBN-13: 978-3-404-15717-4

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Das geschieht:

Sue Young beginnt sich beruflich wie privat in ihr neues Leben einzufinden. In Boston, US-Staat Massachusetts, lebt sie allein mit ihrer einjährigen Tochter Veda, nachdem Phillip, Ehemann und Vater, den sie schon seit ihrer Kindheit in dem kleinen Flecken Gray Haven kennt, sie vor 18 Monaten verlassen hat.

An einem unfreundlichen Winterabend stürzt Sues kleine Welt neuerlich in sich zusammen. Am Telefon meldet sich ein unbekannter Mann, der sie mit der Nachricht schockiert, Veda und ihr Kindermädchen Marilyn gekidnappt zu haben. Er will kein Geld, sondern fordert Sue auf, sich unverzüglich auf den Weg nach Gray Haven zu machen. Sollte sie sich weigern oder die Polizei verständigen, wird er Veda umbringen. Sue geht kein Risiko ein. Obwohl in Panik, befolgt sie die Anweisungen des Entführers, der drakonische Strafen für jede Verzögerung oder Abweichung von seinen Befehlen androht. Dass er meint, was er sagt, weiß Sue spätestens dann, als der Mann ihr bei einem Zwischenstopp die Leiche von Marilyn ins Auto setzt.

Zu diesem Zeitpunkt ist Sue allerdings längst zu einem noch tieferen Grauen zurückgekehrt. Sie hatte einen guten Grund, Gray Haven den Rücken zu kehren. Im Sommer 1983 haben sie und Philip, damals noch Kinder, einen berüchtigten Kindermörder gestellt, umgebracht und die Leiche unter einer Brücke begraben. Sie wurde nie gefunden, bis mehr als zwei Jahrzehnte später der Kidnapper Sue zwingt, die sterblichen Überreste zu bergen und in ihren Wagen zu schaffen, woraufhin die Irrfahrt durch die Nacht weitergeht bis zu einem kleinen Ort an der neuenglischen Atlantikküste.

Zwar versucht Jeff Tatum, ein Teenager aus Gray Haven, die Pläne des Mörders zu durchkreuzen. Er kennt ihn als Isaac Hamilton, einen Serienkiller aus dem Totenreich, und will dessen Treiben endlich beenden. Sue soll ihm dabei helfen, aber Hamilton ist allgegenwärtig, und er & seine toten Schergen reisen nicht nur schnell, sondern sind auch unerbittlich …

Horror-Härte ohne Feinschliff

Wo ist er geblieben, der echte, blanke Horror, der kein subtiles Grauen durch Andeutungen und huschende Spukgestalten verbreitet, sondern hart und deutlich die Mächte der Finsternis bei ihrer blutigen Arbeit zeigt? Im Film ist er so präsent wie nie, doch in der phantastischen Literatur fristet er ein Mauerblümchendasein. Unfreundliche Kritiker hassen ihn und haben ihn sofort im Visier, wenn er sein hübsch-hässliches Haupt erhebt. Die Phantastik soll ihr Genre-Ghetto verlassen, gefälligst ‚erwachsen‘ und präsentabel werden, und da stört er gewaltig, denn das wird und will er nie.

Leider sind die meisten Autoren, die sich dem eigentlichen Horror widmen, höchstens Zeilenschinder, die sich und ihre Geschichte durch pure Unfähigkeit nicht nur der Kritik, sondern auch der Lächerlichkeit preisgeben. Nicht viele fähige Schriftsteller lassen es krachen, ohne um ihren Ruf zu bangen, und diejenigen, die es dennoch wagen, zahlen ihren Preis dafür. Dabei kann es ungemein unterhaltsam sein, wenn das Böse sich brachial seinen Weg bahnt. Wieso haben Schlagetots wie Jason Vorhees, Michael Myers oder Freddy Krueger wohl so viele Fans? In diese Runde reiht sich Isaac Hamilton mit seiner Flinte und seiner Vorliebe für zerschossene Augäpfel würdig ein.

Grusel ohne Ecken und Kanten

Buchstäblich geradlinig erzählt Schreiber seine Geschichte: Sie folgt einem Kurs, der von der Landkarte vorgegeben wird. Die Idee, dass sich Tote wecken lassen, indem ihr Erwecker – in unserem Fall weiblichen Geschlechts – einer bestimmten Fahrtroute folgt, ist beinahe originell. Vor allem funktioniert sie, denn von Ort zu Ort steigert Schreiber die Intensität, mit der die Toten sich melden. Dass die unfreiwillige Assistentin des Bösewichts nicht aus der Reihe tanzt, garantiert die Entführung ihrer Tochter. Die Platzierung in der Schublade „Muttertier“ (s. u.) sichert diesen Teil der Handlung und sorgt für zusätzliche Spannung: Wird der grässliche Unhold dem armen Baby wehtun?

Die Antwort soll hier ausbleiben, doch vermutlich genügt die Andeutung, dass Schreiber im Finale seiner Horrorgeschichte einerseits die Munition ausgeht, während er andererseits gewaltigen Pulverdampf verbreitet: Dosierte er den Schrecken bisher sorgfältig, so lässt er ihm nunmehr sämtliche Zügel schießen. Er übertreibt es maßlos, lässt Zombiehorden umhertorkeln, den bitterbösen Hamilton spuken und den Wintersturm rasen. Trotz der geballten übernatürlichen Übermacht kann Sue obsiegen, doch wie sie das schafft, wirkt keineswegs überzeugend.

Selbstverständlich – so muss man leider sagen – folgt im letzten Absatz ein unlogisch aus der Luft gegriffener aber gern benutzter Ätsch-Bätsch-Twist, der suggeriert, dass der Schurke gar nicht ausgeschaltet ist, sondern sein übles Spiel umgehend fortsetzen wird: Ring frei für Runde 2 bzw. eine Fortsetzung. Schade, dass Schreiber diesen flauen Trick anwendet.

Figuren ersetzen Personen

„Untot“ ist das literarische Gegenstück zu einem Zwei-Personen-Stück. Die schauspielerische Herausforderung wird bei einer eventuellen Verfilmung darin liegen, dass die weibliche Hauptperson beinahe die gesamte Handlung allein bestreiten und auf die zunächst nur per Telefon eingespielten Attacken ihres Gegenspielers reagieren muss.

Einer jungen Mutter wird ihr Kind entführt, um sie zu Handlungen zu zwingen, auf die sie sich sonst niemals einlassen würde; damit sie spurt, droht der Kidnapper immer wieder, dem Kind etwas anzutun: Das funktioniert als Treibriemen für eine eher brachiale als raffinierte Geschichte, denn der Verfasser kann sich auf uralte Klischees stützen: Selbstverständlich wird Susan ihrem Peiniger wortgetreu Folge leisten, denn schließlich ist sie eine Mutter, und als solche, so suggeriert Schreiber, kann sie gar nicht anders. Also bemüht er sich erst gar nicht, der Geschichte eine zweite Ebene zu schaffen, die z. B. Susan beim ernsthaften Versuch zeigt, dem Kidnapper ihrerseits eine Falle zu stellen. Als unfreiwillige Heldin, die dem Hamilton-Spuk endlich ein Ende setzt, wirkt sie deshalb nicht gerade authentisch.

Angst und Not eines unter Druck gesetzten Menschen weiß Schreiber dagegen gut darzustellen. Wie so oft ist die Reise deshalb interessanter als das Ziel. Das schließt Isaac Hamilton ein. Als überlebensgroßer und (scheinbar) unüberwindlicher Gegner leistet er solange einen guten Job, bis Schreiber ihn reden lässt. Als Hamilton damit erst einmal begonnen hat, kann er gar nicht mehr aufhören. Er quatscht und quatscht, bis er sein Geheimnis gelüftet hat. Anschließend stellt er sich in der finalen Schlacht zwischen Gut (Sue) und Böse für ein Gespenst mit mehrhundertjähriger Erfahrung im Schurken & Tücken auch noch denkbar tölpelhaft an. Leider ist Hamilton außerdem nur böse und überhaupt nicht originell, was seine Unzulänglichkeiten umso deutlicher offenbart.

Selbstverständlich ist solche Kritik faktisch zu streng. „Untot“ ist Lesefutter, womöglich Trash. Dennoch fängt die Geschichte viel versprechend an und bleibt auch im Hauptteil spannend. Deshalb mischt sich in die Nachsicht des Rezensenten – der schließlich auch Leser ist – ein wenig Frustration und Zorn: Das mit dem Finale müssen sie noch lernen, Mr. Schreiber. Ansonsten vielen Dank für ein paar rasante Lesestunden – und Hut ab vor der Entscheidung, diese Geschichte auf nicht einmal 300 Seiten zu erzählen, statt sie wie heute üblich auf das Doppelte oder Dreifache auszuwalzen!

Autor

Joe Schreiber wurde in Michigan geboren. In seinen jungen Jahren war er überaus reiselustig, lebte in Alaska, Wyoming und Nordkalifornien, bevor ihn das Familienleben sesshaft werden ließ. Nunmehr arbeitet Schreiber hauptberuflich als Mathematiklehrer an einer Schule in Palmyra (US-Staat Pennsylvania), ist verheiratet und Vater zweier Söhne ist. „Chasing the Dead“, seinem Romandebüt von 2006, folgte „Besessen“ („Eat the Dark“), wohl eine der schlechtesten Horror-Geschichten der letzten Jahre.

Selbstverständlich hat Schreiber eine Website, die er mit einem Blog kreuzt. Dies zu durchschauen, ist ein wenig kompliziert, denn nicht „Joe Schreiber“ schreibt die Einträge, sondern ein (fiktiver und) reichlich unheimlicher Zeitgenosse namens „Jeff“.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel erhältlich unter Booklooker.de

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Der Stolz der Flotte

Erstellt von Werner Karl am 2. April 2010

der-stolz-der-flotteDavid Weber
Der Stolz der Flotte
Honor Harrington Band 9

(sfbentry)
Bastei Lübbe, Buch 23241 (2001)
Originaltitel: „Echoes of Honor“ (1998)
Science Fiction
Titelbild: David Mattingly
ISBN 978-3-404-23241-3
Übersetzer: Dietmar Schmidt
Umfang: 986 Seiten

www.luebbe.de
www.bastei.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Vielleicht ist es ja wie Eulen nach Athen zu tragen, aber ich muss es einfach tun: David Weber ist definitiv mein aktueller Lieblingsautor. Nicht nur wegen seiner Honor-Harrington-Reihe, um dessen 9. Band es im Folgenden geht, sondern wegen seines Schreibstils und seiner fast konkurrenzlosen Art Military-SF, Schifffahrt, Taktik, Strategie, Politik, Technik, Zwischenmenschliches mit einem kräftigen Schuss Gefühl und Außerirdisches zu packenden Romanen zu verarbeiten. Manchmal hat es mir echt die Tränen aufgrund Gefühlsaufwallung – Wut, Stolz, Rache, Genugtuung, Ekel, Abscheu – in die Augen getrieben. Dazu zählt für mich auch die Reihe „Nimue Alban“, von der bis dato leider in deutscher Sprache nur 4 Bände vorliegen und natürlich „Die Excalibur-Alternative“.

Nun ist es so ein Dilemma mit Schubladen und Einordnungen. David Weber gehört sicher zu den Autoren, welche – gute – Military-SF schreiben. Aber ihn alleine diesen Stempel aufzudrücken, wäre nicht gerecht. Die Gefahr SF-Fans von der Lektüre seiner Romane damit abzuhalten, ist gegeben. Darum richte ich diese Rezension gerade an diejenigen, welche bis dato keine Military-SF lesen wollten. Tut es einfach und ihr werdet angenehm überrascht sein, versprochen!

Zum Buch:

Der Krieg zwischen der Volksrepublik Haven und dem Sternenkönigreich Manticore ist voll entbrannt und beide Seiten erleiden Siege und Niederlagen. Die angreifende und expandierende Nation Haven hat gerade eine innenpolitische Revolution hinter sich gebracht, bei der das alte Regime mit einem immensen Blutzoll hinweggefegt wurde. Doch die neue Führung ist im Prinzip um keinen Deut besser als die vorherige. Man nennt sich „Komitee für Öffentliche Sicherheit“ und David Weber gibt ihm überdeutliche Merkmale der Französischen Revolution. Der Vorsitzende des Komitees heißt Bürger Robert Stanton Pierre, sein reales Pendant war selbstverständlich Robespierre. Jedes Volksmitglied, ob Bürger oder Soldat, zittert vor dem Komitee, das alle Gegner der Revolution an die Wand stellt. Sogar Militärs, welche eine ihnen übertragene Aufgabe nicht erfüllen und unerwünschter Weise überleben, werden hingerichtet oder wandern auf einen geheimnisvollen und höllischen Gefängnisplaneten.

In den Raumschiffen der Volksrepublik und bei jeder anderen militärischen Einheit schieben Volkskommisare Dienst, überwachen misstrauisch jeden Schritt der militärischen Führer. Sie sind absolut mit den sowjetischen Politkommisaren samt Arroganz, Unwissen und tödlicher Gefährlichkeit gleichzusetzen. Dazu kommt noch eine selbstredend mehr als mangelhafte Planwirtschaft, sozialistisches Gedankengut und fertig ist die Volksrepublik Haven, das Reich des Bösen.

Dem gegenüber steht das Sternenreich Manticore, eine parlamentarische Monarchie, simultan dem englischen Königshaus. Manticore ist eine Mischung aus eben dieser Monarchie, britischem Commonwealth und Fortschrittsnation amerikanischer Prägung. Das Reich des Guten, die guten Jungs. Und Mädchen, denn die unbestritten berühmteste – und erfolgreichste – Kommandantin ist Honor Harrington, ihres Zeichens Gräfin und Gutsherrin von Harrington, Ritter im Orden von König Roger, darüber hinaus Flottenadmiral der mit Manticore alliierten Macht Grayson. Beide, Manticore und Grayson, repräsentieren den freien Geist, die aufstrebende, intelligente und vor allem innovative Macht, die zunehmend den Haveniten System für System abnimmt.

Doch dann kommt, was schon lange überfällig war: Harrington verliert ein Gefecht. Sie kann zwar verhindern, dass ein wichtiger Konvoi aufgebracht und vernichtet wird, doch ihre unterlegene Einheit wird zum Großteil aufgerieben und sie selbst mit etlichen Gefährten gefangen genommen. Honor wird schwer verletzt, verliert einen Arm, ein Auge und wird gefoltert. Doch mit Hilfe ihrer Mitgefangenen gelingt ihr die Flucht aus der Gefängniszelle und die Zerstörung ihrer Widersacherin, einem Mitglied des Komitees. Sie rettet sich ausgerechnet auf den Gefängnisplaneten der Volkrepublik, Hell genannt. Dort hat die Systemsicherheit die Macht, abgekürzt SyS. Für alle jungen Leser, denen diese Buchstaben nicht sofort etwas sagen: Hier wird die nationalsozialistische SS dargestellt, mit allen Attributen welche auch Hitler und Himmler ihr mitgegeben haben: Schwarze Uniformen, eigene militärische Waffengattungen und unausweichlich entsprechende Gräueltaten, welche sie an den Gefangenen auf Hell verüben.

Doch es wäre nicht die Volksrepublik Haven, wenn sie diese Katastrophe ihrem Volk, der galaktischen Völkergemeinschaft, oder den Medien einfach so zugeben könnte. Man Inszeniert ein Schauspiel, eine Farce, einen Betrug ohne Gleichen: Die Hinrichtung von Honor Harrington, dem Stolz der manticoranischen Flotte. Und dies vor laufenden Kameras. Das Königreich Manticore ist geschockt, der Elan der Flotte erlahmt und man begnügt sich mit dem Status Quo, man versucht die befreiten Systeme zu halten. Das Stagnation der erste Schritt zum Rückschritt ist, ist auch in der Zukunft so. Und Haven lässt sich diese Chance nicht entgehen…

Doch Harrington wäre nicht sie selbst, wenn sie aus einer Niederlage nicht noch einen Sieg zaubern könnte. Denn ihr größtes Glück im Unglück ist die Tatsache, dass die Besatzung von Hell, das Wachpersonal der SyS, der Systemsicherheit, nicht mitbekommen hat, das Honor Harrington und ihre wenigen Mitflüchtlinge überlebt haben. Es ist nie gut einen Feind im Rücken zu haben, von dem man nichts ahnt. Und schon gar nicht, wenn dieser Feind eine Stinkwut hat und Honor Harrington heißt…

Fazit:

Ich könnte munter seitenweise weiter schwelgen, aber DIESE fast 1.000 Seiten sind für mich der bisherige Höhepunkt der Reihe. Lesen!

Copyright © 2010 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

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