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neuauflage

Mallory und die Nacht der Toten

Erstellt von Werner Karl am 31. Januar 2012

Mike Resnick
Mallory und die Nacht der Toten

(sfbentry)
Originaltitel: Stalking the Vampire (2008)
Köln: Bastei Verlag Gustav H. Lübbe 2011
Bastei Lübbe Taschenbuch 20645
ISBN 978-3-404-20645-2
Fantasy
367 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Thomas Schichtel

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Der vorliegende Fantasyroman ist, nach Jäger des verlorenen Einhorns, der zweite in sich abgeschlossene Band einer humorvollen Reihe mit dem Detektiv John Justin Mallory, der in einem magischen New York ermittelt, in dem allerlei Fabelwesen ihr Unwesen treiben.

Mallorys Büropartnerin, die rüstige Großwildjägerin Winnifred Carruthers, kommt am Abend von All Hallows´ Eve (in unserer Welt besser bekannt als Halloween) in das gemeinsame Büro, ist völlig blass und hat Schwindelanfälle. Mallory bemerkt schnell, dass Winnifred kleine Bissmale am Hals hat und weiß damit sofort, dass sich ein Vampir an ihr vergriffen hat. Der Schuldige scheint schnell ausgemacht, denn der Neffe der Großwildjägerin weilt bei ihr zu Gast. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieser nur Symptom des Problems, nicht jedoch dessen Ursache ist, denn der junge Mann wurde seinerseits bei der Schiffsüberfahrt von Europa kommend von einem Vampir angebissen.

Mallory und Carruthers machen sich deshalb getrennt auf die Suche nach dem Verursacher der ganzen Unbill. Und während der Detektiv sein Bestes versucht, wird ihm klar, dass er im wilden Treiben des Festtags, bei dem sich allerlei Gelichter durch die Straßen treiben, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden versucht. Aber Mallory wäre nicht er selbst, wenn er so schnell den Holzpflock ins Korn werfen würde…

Damit beginnt eine witzige weil irrwitzige Odyssee durch ein völlig verrücktes New York, bei der Mallory die skurrilsten Typen kennen lernt. So schließen sich ihm unter anderem ein ängstlicher Vampir und ein Drache an, der sich als Schriftsteller betrachtet und schundige Hard-Boiled-Krimis verfasst, die keiner lesen will. Resnick gönnt auch dem Leser einen Blick in eines dieser „Mach…äh…Meisterwerke“, fügt einen Auszug am Ende des Romans an, damit der Leser vor Freude über diesen blühenden und mit übelsten Klischees beladenen Unsinn sich nochmals ausschütten kann vor Lachen.

Das vorliegende Buch besticht insgesamt weniger durch Spannung als durch allerlei köstlich-bescheuerte Dialoge. Wenn Mallory sich mit seinen Kontrahenten oder auch seinen Begleitern irrsinnige Wortgefechte liefert, dann läuft der Autor zur Höchstform auf. Wie bei vielen humorvollen Fantasyromanen zieht auch Mike Resnick dabei einige Klischees genussvoll durch den Kakao. So agiert der Oberbösewicht der Stadt aus Bewunderung für den Detektiv als Mallorys Tippgeber, die Vampire (ihr Hauptquartier ist natürlich das berühmte Vampire State Building, wer kennt es nicht!) sind gar nicht so gefährlich und irgendwelche Troll- und Leprechaunwächter erweisen sich als oberfeige Angsthasen, denen Mallory den Schrecken ins Gesicht blufft.

Wer die ersten Bände des „Dämonenzyklus“ von Robert Asprin geliebt hat, der wird sich auch an Mallorys durchgeknallten Abenteuern ergötzen können.

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

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Haus der Lügen

Erstellt von Werner Karl am 14. Januar 2012

David Weber
Haus der Lügen
Nimue Alban 8

(sfbentry)
Bastei Lübbe, Erstauflage 2011
Originaltitel: „A Mighty Fortress” (Teil 2)
ISBN 978-3-404-20643-8
Science Fiction
Taschenbuch, 591 Seiten
Übersetzer: Ulf Ritgen
Titelbild: Arndt Drechsler
Lektorat: Ruggero Leò

www.luebbe.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Vorwort:

David Weber zählt – immer noch – zu meinen Lieblingsautoren und seine Reihe Nimue Alban hat einiges zu dieser Bewertung beigetragen. Zumindest bei den ersten vier Bänden der Reihe uneingeschränkt; doch dazu später mehr. Weber ist ein fleißiger Autor und seine Romane scheinen mit dem Erfolg auch an Umfang zu wachsen. So hat sich der Verlag mit Krokodilstränen dazu entschlossen, Webers umfangreiche Texte jeweils in zwei Teilbände zu spalten. Nun ja, 2x 9,99 € ist halt mehr Geld, als 1x 16,00 €. Was soll´s, ist mir als Buchästhet ohnehin lieber, als ein Schinken mit 1.400 Seiten, der nach einmal Lesen aussehen würde, wie vom Trödelmarkt.

Zum Buch:

Endlich hat die „Vierer-Gruppe“ – das korrupte und skrupellose Machtquartett der Kirche des Verheißenen – zum Heiligen Krieg gegen das fortschrittliche Kaiserreich Charis und seine Verbündeten aufgerufen. Doch vorher hat die Gruppe noch zuhause reinen Tisch gemacht und alle Mitglieder einer internen Widerstandsgruppe – dem Kreis – grausam foltern und hinrichten lassen, derer sie habhaft werden konnte. Samt deren Familienmitgliedern, hinunter bis zu 12jährigen Kindern. Mehr als 2.500 Menschen. Die Kinder jüngeren Alters landen in Umerziehungsklöstern und werden einer knallharten Gehirnwäsche unterzogen. Und trotzdem ist der „Erfolg“ der Vikare nicht hundertprozentig gelungen, denn weitere knapp 250 Menschen konnten sich in das Kaiserreich Charis retten.

Mehr als 300 Schiffe der „Flotte Gottes“ machen sich auf den Weg, um die charisianischen Ketzer und Schismatiker zu vernichten …

Fazit:

Entgegen der ersten Hälfte von „A Mighty Fortress” (siehe „Die Eiserne Festung“) geht es hier endlich wieder einmal zur Sache. Sowohl was die Innovationen durch Nimue Alban alias Seijin Merlin angeht, als auch militärisch. Mit ein paar kleineren und mittleren Seegefechten mit unterschiedlichem Ausgang und einer großen Seeschlacht im Finale bietet diese Hälfte endlich wieder den David Weber, den wir kennen und schätzen. Ohne auf diese Handlung näher einzugehen, möchte ich – lange überfällig – ein paar andere geniale Ideen dieser Military-SF-Reihe anführen:

Die ganze Religion der Kirche des Verheißenen beruht auf dem – oberflächlich betrachtet verständlichen – Wunsch, möglichst niemals anrückenden feindlichen Außerirdischen aufzufallen. Dass dieser Ansatz eine Vogel-Strauß-Politik ist und schlussendlich zum Scheitern verurteilt sein muss, ist nicht nur echten Menschen und uns Lesern klar, sondern auch Nimue Alban / Merlin und der Führung des Kaiserreiches Charis.

Doch die einzelnen Methoden, um eine ganze Kultur künstlich zu bremsen, sind schön subtil:
- Allein die Art Namen zu schreiben und sicherlich wenig flüssig auszusprechen, bremst den Denkvorgang. Da mag man sich zwar nach Jahrhunderten daran gewöhnt haben, aber der Effekt wirkt, zumindest auf uns Leser. Hier ein paar Beispiele: Zhanayt = Janet, Paitryk Hainree = Patrick Henry, Archbahld Wylsynn = Archibald Wilson, Ahrnahld Stywyrt = Arnold Steward usw. usw.
- Oder „Die Ächtungen“. Dies sind die – ausschließlich von der Kirche als statthaft – angesehenen Technologien. Nämlich alles, was durch Wind, Wasser und Muskelkraft angetrieben wird. Moderne Antriebe wie Maschinen, die durch Verbrennung fossiler Materialien – oder (in später folgenden Romanen zu erwartender) Elektrizität, Solar- und Atomkraft angetrieben werden, gelten (oder werden zu ggb. Zeitpunkt) als Shan-Weis-Werk (Teufelswerk) betrachtet und verboten.
- Auch die – von der Kirche peinlich betriebene – Nichtexistenz von Hochschulen und Universitäten trägt dazu bei, das Volk schön dumm und auf lange Sicht unter Kontrolle zu halten. Einer der vielen Gründe der Kirche die Charisianer und ihre Verbündeten zu Ketzern im Dienste Shan-Weis zu erklären und ihre atemberaubenden Fortschritte als Beweis dafür anzusehen.

Natürlich sind dies nicht alle Ideen, die David Weber für diese Gesellschaft entworfen hat. Aber diese konsequente Stimmigkeit ist ein weiteres Puzzlestück des faszinierenden Bildes, das er für die Gesellschaft auf dem Planeten Safehold ersonnen hat. Bleibt zum Schluss nur eine Frage übrig: Wann kommen die nächsten Bände?

Copyright © 2012 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Alle Titel der Reihe Nimue Alban:

Band 1: 978-3-404-23322-9 Operation Arche („Off Armageddon Reef” Teil 1)
Band 2: 978-3-404-23324-3 Der Krieg der Ketzer („Off Armageddon Reef” Teil 2)
Band 3: 978-3-404-23331-1 Codename: Merlin (By Schism Rent Asunder” Teil 1)
Band 4: 978-3-404-23332-8 Die Flotte von Charis (By Schism Rent Asunder” Teil 2)
Band 5: 978-3-404-23348-9 Die Invasion („By Heresis Distressed” Teil 1)
Band 6: 978-3-404-23349-6 Caylebs Plan („By Heresis Distressed” Teil 2)
Band 7: 978-3-404-20233-1 Die eiserne Festung („A Mighty Fortress” Teil 1)
Band 8: 978-3-404-20643-8 Haus der Lügen („A Mighty Fortress” Teil 2)

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Die Eiserne Festung

Erstellt von Werner Karl am 8. Januar 2012

David Weber
Die Eiserne Festung
Nimue Alban 7

(sfbentry)
Bastei Lübbe, Erstauflage 2011
Originaltitel: „A Mighty Fortress” (Teil 1)
ISBN 978-3-404-20233-1
Science Fiction, Military-SF
Taschenbuch, 702 Seiten
Übersetzer: Ulf Ritgen
Titelbild: Arndt Drechsler
Lektorat: Ruggero Leò

www.luebbe.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Vorwort:

David Weber zählt – immer noch – zu meinen Lieblingsautoren und seine Reihe Nimue Alban hat einiges zu dieser Bewertung beigetragen. Zumindest bei den ersten vier Bänden der Reihe uneingeschränkt; doch dazu später mehr. Weber ist ein fleißiger Autor und seine Romane scheinen mit dem Erfolg auch an Umfang zu wachsen. So hat sich der Verlag mit Krokodilstränen dazu entschlossen, Webers umfangreiche Texte jeweils in zwei Teilbände zu spalten. Nun ja, 2x 9,99 € ist halt mehr Geld, als 1x 16,00 €. Was soll´s, ist mir als Buchästhet ohnehin lieber, als ein Schinken mit 1.400 Seiten, der nach einmal Lesen aussehen würde, wie vom Trödelmarkt.

Zum Buch:

Die bis unter die Haarspitzen korrupten und skrupellosen Vikare der „Kirche des Verheißenen“ geben nicht auf, gegen das aufstrebende Kaiserreich Charis zu intrigieren und massiven Druck auf alle anderen Nationen des Planeten Safehold zu nehmen. Bestechung, Drohung und Einschüchterung sind hier die eher „freundlichen“ Mittel, derer sie sich bedienen. Meuchelmord, Folter und Sippenhaft sind aber die wahren Instrumente, welche diese Vierer-Gruppe praktiziert. Und sie wenden sie konsequent auch gegen Vertreter aus den eigenen Reihen an, die vor der Korruption und Gewaltherrschaft nicht mehr die Augen verschließen können und eine Widerstandsgruppe – den „Kreis“ – faktisch mitten in der Höhle des Löwen gegründet haben.

Nimue Alban – in ihrer Rolle als männlicher Seijin Merlin und Leibwächter des Kaiserpaares Cayleb und Sharleyan von Charis – kann manche Schandtat verhindern, doch er/sie kann nicht überall auf Safehold gleichzeitig sein. Und so kommt es zu einer wahren Hexenjagd der Vikare auf die in ihren Augen ketzerischen Verräter aus den eigenen Reihen.

Fazit:

Natürlich ist das nicht die ganze Geschichte von „A Mighty Fortress”. Aber in dieser ersten Hälfte sind lediglich die wenigen Auftritte Merlins, eine kleine Seeschlacht zu Beginn und magere technische Fortschritte die einzigen Highlights. Fast 80 % der Handlung erstrecken sich auf Politik, wer macht und sagt was und warum. Es ist ja in Ordnung, wenn Figuren nicht völlige Rätsel sind und man Einblick in ihre Gedankenwelt bekommt. Aber muss denn wirklich jeder Protagonist bis auf die unterste Ebene seiner dunklen Seele beleuchtet werden? Ich meine, hier hat Weber ein wenig zu viel des Guten getan. Ich hoffe hier auf den Rest von „A Mighty Fortress” (Rezi folgt ganz sicher).

Wenn es denn wirklich Weber selbst war. Ein ketzerischer Gedanke? Nein, sondern gesundes Misstrauen. Scheinbar bürgert sich ab einer gewissen Berühmtheit ein Prozedere ein, dass ein Spitzenautor seinen Namen hergibt und – zumindest große – Textteile von Lohnschreibern ausfüllen lässt. Ob dies hier der Fall ist, kann ich natürlich nicht beweisen und will es auch gar nicht. Und der Bastei Lübbe Verlag kann auch nur das bringen, was im amerikanischen Original zu finden ist.

Aber die Kraft, die mich bei den ersten vier Bänden umgehauen hat, die fetzigen Kampfszenen, das (mit Hilfe Merlins) innovative Voranschreiten der Handwerker und Techniker des Inselstaates Charis, weicht seit Band 5 mehr und mehr – sorry: langweiligen – politischen Ausschweifungen. Würde auf dem Cover nicht David Weber stehen und ich würde den Text ohne Kenntnis der Vorbände gelesen haben, würde ich behaupten: „Nein, das ist kein Weber!“

Nichtsdestotrotz werde ich der Serie treu bleiben, denn der Grundplot ist immer noch viel zu interessant, um jetzt auszusteigen. Ich will wissen, wie weit der – immer noch angekündigte -„Heilige Krieg“ der Vikare gegen das Kaiserreich eskaliert. Ich will wissen, wie rasch Merlin seine Verbesserungen vorantreiben kann und will. Und letztendlich will ich am Ende der Serie wissen, ob es Merlin gelingt (nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten?) die Safeholdianer aus dem aktuellen Segelschiffzeitalter in ein Raumfahrtzeitalter zu führen. Und ihnen damit eine Chance zu geben, gegen die Ghaba zu bestehen. Genau diese Ghaba, die vor 900 Jahren das Imperium der Menschheit scheinbar mühelos aus dem All gefegt haben …

Copyright © 2012 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Alle Titel der Reihe Nimue Alban:

Band 1: 978-3-404-23322-9 Operation Arche („Off Armageddon Reef” Teil 1)
Band 2: 978-3-404-23324-3 Der Krieg der Ketzer („Off Armageddon Reef” Teil 2)
Band 3: 978-3-404-23331-1 Codename: Merlin (By Schism Rent Asunder” Teil 1)
Band 4: 978-3-404-23332-8 Die Flotte von Charis (By Schism Rent Asunder” Teil 2)
Band 5: 978-3-404-23348-9 Die Invasion („By Heresis Distressed” Teil 1)
Band 6: 978-3-404-23349-6 Caylebs Plan („By Heresis Distressed” Teil 2)
Band 7: 978-3-404-20233-1 Die eiserne Festung („A Mighty Fortress” Teil 1)
Band 8: 978-3-404-20643-8 Haus der Lügen („A Mighty Fortress” Teil 2)

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Dave Barry erklärt, was ein echter Kerl ist

Erstellt von Michael Drewniok am 8. Dezember 2011

Dave Barry
Dave Barry erklärt, was ein echter Kerl ist

(sfbentry)
Originaltitel: Dave Barry’s Complete Guide to Guys (New York : Random House 1995)
Übersetzung: Edith Beleites
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2005 (Eichborn Verlag)
217 S.
ISBN-10: 3-8218-4914-2
Als Taschenbuch: März 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 60579)
217 S.
ISBN-13: 978-3-404-60579-8

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Das geschieht:

Es gibt Männer und es gibt Kerle: Dies ist die Prämisse, von der Dave Barry ausgeht. Während erstere relativ unauffällig bleiben, sind es letztere, die als politisch unkorrekte Quertreiber gegen die Regeln einer auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ausgerichteten Gesellschaft auftreten. Kerle sind geistig einfach gestrickt; wortkarg, wenn es um Gefühle geht, aber offen in der Präsentation diverser Körperfunktionen; sie haben eine eigenwillige Auffassung von körperlicher Hygiene, zwischenmenschlichen Beziehungen und ehelicher Treue. Sport steht bei ihnen zuzeiten höher im Kurs als die Bedürfnisse ihrer Familie, sinnlose Wetten mit vorprogrammiert peinlichem Ausgang locken sie an wie das Licht die Motten.

In neun Kapitel bricht Barry eine Lanze für den Kerl. Er stellt ihn als genetisches Relikt einer Ära dar, in der Grobheit der Menschheit das Überleben sicherte. Immer wieder erzählt er Episoden aus dem steinzeitlichen Höhlenleben, in dem es die Kerle waren, die durch ihr wüstes Treiben die notwendigen Impulse zur Evolution gaben. Eine ganze Historie des Kerls entwickelt Barry, die über Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit bis in die aktuelle Gegenwart reicht und einen Blick in die Zukunft einschließt.

Stets gespickt mit einschlägigen Beispielen, Zitaten aus ihm zugegangenen Briefen und Zeitungsartikeln geht Barry dem Kerl in allen seinen Erscheinungsformen und Eigenheiten nach. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dabei dem unkontrollierten Drang des Kerls zu verhängnisvollen Reparaturen im Haushalt, seiner Scheu vor ärztlicher Behandlung und selbstverständlich seinem schwierigen Verhältnis zum weiblichen Teil der Bevölkerung. Hier geht Barry sogar so weit, den Frauen der Welt Tipps im Umgang mit Kerlen zu geben, die, drückt man die richtigen Knöpfe, durchaus brauchbare Lebensgefährten und Väter sein können.

Um das schwierige Thema allgemeinverständlich sachlich zu beleuchten, lockert Barry seinen Text durch Schaubilder und Vergleichstabellen auf, die knapp zusammenfassen, was er zuvor versucht hat, in Worte zu fassen. Sehr einleuchtend ist z. B. ein Kreisdiagramm auf S. 134, das den „Anteil der Hirnfunktionen, die Konzentrationsfähigkeit, Interesse am Weltgeschehen und vitale Körperfunktionen (Atmen etc.) aufrechterhalten“ vergleicht mit dem „Anteil der Hirnfunktionen, die auf eine nackte Frauenbrust fixiert sind“. Geradezu erschütternd aufschlussreich ist das wissenschaftliche Ablaufprotokoll der Beobachtung von Kerlen, die sich fünf Urinale in einer öffentlichen Flughafentoilette teilen müssen (S. 111-114).

Gelungene Restverwertung witziger Einfälle

Ein Buch wie dieses zu besprechen ist eine schwierige Sache. Groß ist die Verlockung, viele der gelungenen Gags zu zitieren, die Dave Barry oft meisterhaft serviert. Die Versuchung ist auch deshalb so groß, weil es wenig gibt, über das man sonst schreiben kann und „Dave Barry erklärt …“ kein Roman ist, über dessen Aufbau und Struktur man sich an dieser Stelle auslassen könnte. Barry ist hauptsächlich Kolumnist, d. h. er schreibt täglich für die Zeitung witzige Sachen über Themen, die ihm gerade in den Kopf kommen und (hoffentlich) von allgemeinem Interesse sind – jeden Tag über ein neues.

Die Kunst, sich kurz zu fassen und trotzdem ins Schwarze zu treffen, ist eine überaus schwierige. Barry beherrscht sie, aber die fehlenden Zusammenhänge prägen sein Buch. Es gibt zwar einen übergreifenden Leitgedanken, doch keinen eigentlichen roten Faden. „Dave Barry erklärt …“ ist quasi eine Sammlung von Kolumnen, die dieses Mal einem einzigen Thema – den „Kerlen“ – gewidmet ist. Der Vergleich passt; man kann ihn überprüfen, indem man einzelne Kapitel miteinander austauscht. Siehe da, es völlig gleichgültig, wo sie stehen; das Buch ‚funktioniert‘ trotzdem.

Humor, der niemandem wehtut

Noch härter wird die Aufgabe des Rezensenten, wenn er sich dazu äußern soll, ob der Verfasser sein Thema getroffen oder verfehlt hat. Schließlich geht es hier um Humor, der bekanntlich eine höchst komplexe Materie darstellt. Was man oder frau komisch findet, ist furchtbar schwer zu sagen. Barry hat sich ein solides Fundament gezimmert, indem er seinen Humor auf der Basis des größten gemeinsamen Nenners gründet. Möglichst viele Leute sollen seine Scherze komisch finden. Dies bedingt, dass sie harmlos sein müssen. Spezieller Humor zielt immer auf bestimmte Nischengruppen, während das breite Publikum gelangweilt oder empört und damit ablehnend reagiert.

Barry-Humor ist folglich sanft, zumal er US-amerikanisch daherkommt. Das betrifft nicht nur den ständigen Bezug aufs Base- und Footballspiel. Nie wird Barry sarkastisch oder zynisch oder gar verletzend, immer präsentiert er seine Gags mit einem Schmunzeln: Seht her, ich meine es gar nicht ernst! „Dave Barry erklärt …“ ist ein Buch, das wenig Text auf möglichst vielen Seiten verteilt. Es reiht sich somit ein in die Reihe der Barry-Werke, dem die US-Kritik einen „erstaunlichen Anteil weiß bleibenden Papiers“ bescheinigte (wieder ein gelungener Barry-Gag). Wer das schätzt, wird glänzend unterhalten, denn der Mann beherrscht sein Handwerk.

Unter der Regie von Jeff Arch wurde Barrys Buch übrigens mit ihm selbst in einer Hauptrolle 2005 unter dem Titel „Complete Guide to Guys“ verfilmt. Der Low-Budget-Streifen zeigt die Evolution des Kerls von der Steinzeit bis in die Gegenwart. In einer Gastrolle als britischer Experte tritt immerhin John Cleese auf.

Autor

Dave Barry wurde 1947 in Armonk, New York, geboren. Nach seiner Schul- und Collegezeit begann er als Journalist für eine Provinzzeitung zu arbeiten. 1975 nahm er an einem Kurs „Kreatives Schreiben für Geschäftsleute“ teil. Bis 1983 bot er seine Dienste diversen Unternehmen an, dann heuerte er beim „Miami Herald“ an. Dort machte Barry sich einen Namen mit seiner Kolumne, in der er die unterschiedlichsten Aspekte des menschlichen Alltagslebens humoristisch aufgriff. 1988 wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Barry ist nicht nur Kolumnist, sondern auch ein fleißiger Buchautor, wobei das eine freilich mit dem anderen oft zusammenfällt: Viele Bände sammeln die Kolumnen des Autors, andere sind quasi kolumnenähnliche „Ratgeber“. Von 1993 bis 1997 produzierte CBS die TV-Comedy „Dave’s World“ (dt. „Immer Ärger mit Dave“) mit Harry Anderson in der Titelrolle; die Storys orientierten sich an zwei Barry-Büchern.

Auch in Deutschland ist Barry längst kein weitgehend unbeschriebenes Blatt  mehr. Unter den hierzulande erschienenen Büchern sind die Comedy-Krimis „Tricky Business“ (dt. „Tricky Business“) und „Big Trouble“ („Jede Menge Ärger“) eine Erwähnung wert, denn dies sind „richtige“ Romane, auch wenn die Handlung die barrytypischen Bocksprünge schlägt.

Über Dave Barry und sein Werk informiert die Website („If you leave this website, I will kill this defenseless toilet.“), die viele Texte aus des Meisters Feder sammelt und Lesestoff für vergnügliche Stunden bietet.

[md]

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Echo

Erstellt von Werner Karl am 30. November 2011

Jack McDevitt
Echo

(sfbentry)
Originaltitel: Echo (2005)
Aus dem Amerikanischen von Frauke Meier
Köln: Bastei Verlag 2011
Bastei Lübbe Taschenbuch 20646
Science Fiction
527 Seiten
ISBN 978-3-404-20646-9

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Der vorliegende Roman ist das fünfte, in sich abgeschlossene Abenteuer der Teams Benedict/Kolpath nach Die Legende von Christopher Sim (Bastei Lübbe TB 24134), Polaris (Bastei Lübbe TB 24349), Die Suche (Bastei Lübbe TB 24362) und Das Auge des Teufels (Bastei Lübbe TB 24386).

Der Antiquitätenhändler Alex Benedict und seine Assistentin Chase Kolpath, die wie immer als Ich-Erzählerin fungiert, werden wieder einmal durch Zufall auf ein altes Artfakt aufmerksam. Eine Steintafel mit merkwürdigen Schriftzügen soll verschenkt werden, die einst dem verstorbenen Forscher Somerset Tuttle gehörte, der sein Leben lang nach fremden Intelligenzen suchte und dazu den Weltraum bereiste.

Als Chase die Tafel jedoch an Tuttles ehemaligem Besitz abholen möchte, waren drei junge Leute schneller, Kolpath hat das Nachsehen. Alex und Chase eruieren schließlich, dass die Tafel in den Besitz von Rachel Bannister gelangt ist, einst Raumpilotin für ein Reiseunternehmen und zudem früher Tuttles Geliebte. Bannister wendet jeden Trick an, um Alex dazu zu bringen, von der mysteriösen Tafel abzulassen, was diesen nur um so sturer reagieren lässt. Ist die Tafel doch das Artefakt einer Alienkultur? Haben Tuttle und Bannister etwas entdeckt was so monströs ist, dass sie es verheimlichen mussten? Oder steckt ein anderes bedrohliches Mysterium hinter den Hieroglyphen? Als Mordanschläge auf Chase und ihren Chef verübt werden, wird beiden klar, dass ihre Nachforschungen ein gefährliches Ausmaß angenommen haben, zum Umkehren ist es jedoch längst zu spät…

Wie in allen Vorgängerbänden geht es auch bei Echo um die Suche nach fremden Zivilisationen und ungelösten Rätseln der Menschheitsgeschichte. Erneut verpackt McDevitt die extrem spannende Handlung in eine kriminalistische Struktur, welche den Leser bei Laune hält. Absolut meisterhaft ist dabei der Spannungsbogen gestaltet. Der Autor konstruiert diesen mit leichter Hand und kühlem Kopf bis zum schlussendlichen Höhepunkt der Erzählung.

Die dichte Atmosphäre, die glaubhaften Charaktere und die wunderbaren Handlungselemente verschmelzen bei McDevitt zu einer genialen Einheit, die optimalen Lesegenuss garantiert. Dazu kommen die hervorragenden Übersetzungen von Frauke Meier, die seit 2004 alle Romane bei Bastei von Jack McDevitt ins Deutsche überträgt, was nicht nur Kontinuität, sondern auch ein hohes Niveau garantiert.

Vor allem die Romane um das Team Alex Benedict/Chase Kolpath und die Geschichten um Priscilla “Hutch” Hutchins sind durchgängig famose SF-Unterhaltung. Deshalb muss auch an dieser Stelle wieder konstatiert werden: McDevitt ist definitiv der beste Abenteuer-SF-Schriftsteller der Gegenwart und einer der besten aller Zeiten.

Liste aller auf Deutsch erschienen Werke des Autors (bei Booklooker bitte Autorennamen mit eintragen):

Romane:
1.) The Hercules Text (1986) als Erstkontakt (1990): Bastei Lübbe Taschenbuch 24126.
2.) A Talent for War (1989) als Die Legende von Christopher Sim (1990): Bastei Lübbe Taschenbuch 24134 (Benedict/Kolpath 1).
3.) The Engines of God (1994) als Gottesmaschinen (1996): Bastei Lübbe Taschenbuch 24208 (Hutch 1).
4.) Ancient Shores (1996) als Die Küsten der Vergangenheit (1998): Bastei Lübbe Taschenbuch 24235.
5.) Eternity Road (1997) als Die ewige Straße (1998): Bastei Lübbe Taschenbuch 24245.
6.) Moonfall (1998) als Mondsplitter (2000): Bastei Lübbe Taschenbuch 24268.
7.) Infinity Beach (2000) als Spuren ins Nichts (2001): Bastei Lübbe Taschenbuch 24291.
8.) Deepsix (2001) als Die Sanduhr Gottes (2004): Bastei Lübbe Taschenbuch 24321 (Hutch 2).
9.) Chindi (2002) als Chindi (2004): Bastei Lübbe Taschenbuch 24328 (Hutch 3).
10.) Omega (2003) als Omega (2005): Bastei Lübbe Taschenbuch 24341 (Hutch 4).
11.) Polaris (2004) als Polaris (2006): Bastei Lübbe Taschenbuch 24349 (Benedict/Kolpath 2).
12.) Seeker (2005) als Die Suche (2007): Bastei Lübbe Taschenbuch 24362 (Benedict/Kolpath 3).
13.) Odyssey (2006) als Odyssee (2008): Bastei Lübbe Taschenbuch 24369 (Hutch 5).
14.) Cauldron (2007) als Hexenkessel (2008): Bastei Lübbe Taschenbuch 24377(Hutch 6).
15.) The Devil´s Eye (2008) als Das Auge des Teufels (2009): Bastei Lübbe Taschenbuch 24386 (Benedict/Kolpath 4).
16.) Echo (2010) als Echo (2011): Bastei Lübbe Taschenbuch 20646 (Benedict/Kolpath 5).

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

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Hüter der Pforten

Erstellt von Michael Drewniok am 10. November 2011

James Turner (Hg.)
Hüter der Pforten
Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

(sfbentry)
Originaltitel: Tales of the Cthulhu Mythos (Sauk City : Arkham House 1990)
Deutsche Erstausgabe: 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 14877)
860 S.
ISBN-13: 978-3-404-14877-6
Sonderausgabe: 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Lübbe Stars 77081)
860 S.
ISBN-13: 978-3-404-77081-6

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de

Inhalt:

22 Kurzgeschichten nach dem Cthulhu-Mythos des H. P. Lovecraft (1890-1937):

- James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!): Vorwort zu dieser Sammlung

- H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928): Ein junger Mann, der eigentlich nur das Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss erfahren, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt.

- Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931): Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten.

- Clark Ashton Smith: Ubbo-Sathla (Ubbo Sathla, 1933): Ein mysteriöser Kristall ermöglicht den Blick zurück bis an den Anfang allen Lebens; der faszinierte Forscher bemerkt zu spät, dass es beim Zuschauen nicht bleibt.

- Robert E. Howard: Der schwarze Stein (The Black Stone, 1931): In einem düsteren ungarischen Tal hat sich eine uralte Kultstätte erhalten, die sich in bestimmten Nächten zum Portal in eine von furchtbaren Kreaturen bevölkerte Vergangenheit verwandelt.

- Frank Belknap Long: Die Hetzhunde von Tindalos (Hounds of Tindalos, 1929): Allzu neugierig ist ein Forscher, der mit Hilfe einer Droge in die Zeit zurückreist und herausfindet, wer tatsächlich hinter dem biblischen Sündenfall steckt.

- Frank Belknap Long: Die Raumfresser (The Space Eaters, 1928): Keinen Raum, sondern menschliche Gehirne fressen unfreundlichen Kreaturen, die dem ahnungslosen New York einen Besuch abstatten.

- August Derleth: Der Bewohner der Dunkelheit (The Dweller in Darkness, 1944): Auf dieser Erde gibt Schleusen in Regionen dessen Alls, dessen Bewohner ungebetenen menschlichen Gästen einen unerfreulichen Empfang zu bieten pflegen.

- August Derleth: Jenseits der Schwelle (Beyond the Threshold, 1941): In den Wäldern Neuenglands öffnet ein Forscher das Tor zu einer Welt, die von nur halb stofflichen aber übermächtigen Kreaturen aus der Urzeit des Universums bevölkert wird.

- Robert Bloch: Der Schlächter von den Sternen (The Shambler from the Stars, 1935): Wissen ist Macht; dieses alte Sprichwort bewahrheitet sich für einen Okkultisten, dem ein Zauberbuch ersehnte Gewissheiten und einen grausigen Besucher bringt.

- H. P. Lovecraft: Der leuchtende Trapezoeder (The Haunter of the Dark, 1936): In einer verrufenen Kirche haust das namenlose, aber ganz und gar nicht körperlose Grauen, wie ein Pechvogel erfährt, der es in seinem Versteck aufstört.

- Robert Bloch: Der Schemen am Kirchturm (The Shadow from the Steeple, 1950): 15 Jahre später versucht ein Freund des wie beschrieben zu Tode Gekommenen den Verbleib der schrecklichen Kreatur zu klären; zu seinem Unglück ist er erfolgreich.

- Robert Bloch: Das Notizbuch (Notebook Found in a Deserted House, 1951): Ein kleiner Junge wird tief im einsamen Wald von Anhängern eines grausamen Kultes gejagt; besagtes Notizbuch ist alles, was von ihm bleiben wird.

- Henry Kuttner: Das Grauen von Salem (The Salem Horror, 1937): Die neuenglische Stadt Salem wurde bekannt durch ihre Hexenverfolgungen. Dass dabei einige echte Zauberfrauen erwischt wurde, muss ein argloser Schriftsteller feststellen, als er ein Haus bezieht, in dem es angeblich umgeht.

- Fritz Leiber: Der Schrecken aus den Tiefen (The Terror from the Depths, 1976): Ausgerechnet unter den sonnenverwöhnen Hügeln Hollywoods finden zwei junge Männer den Zugang in ein düsteres unterirdisches Reich.

- Brian Lumley: Aufstieg mit Surtsey (Rising With Surtsey, 1971): Die Geburt einer neuen Insel im Atlantik kündigt die Rückkehr des Cthulhu und seiner Brut an.

- Ramsey Campbell: Schwarz auf Weiß (Cold Print, 1969): Ein prügelfreudiger Lehrer muss feststellen, dass Cthulhu Diener auch in einem schmuddeligen Hinterhof-Buchladen anwirbt.

- Colin Wilson: Die Rückkehr der Lloigor (Return of the Lloigor, 1969): Die Brut des Cthulhu wacht überall auf dieser Welt; hier ist es Wales, dessen Nähe zum tiefen Meer den fischigen Finsterlingen behagt.

- Joanne Russ: Mein Boot (My Boat, 1976): Im Zeichen der Gleichberechtigung ist es hier eine junge Frau nicht lange ungeklärter Herkunft, die ihre Freunde zu einer Reise zu ungewöhnlichen Orten einlädt.

- Karl Edward Wagner: Stecken (Sticks, 1974): Drei Jahrzehnte schleppt der bekannte Künstler die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis mit sich herum. Nun bietet sich ihm die Chance, sich seinen Ängsten erneut zu stellen, und er ist dumm genug, sie zu ergreifen.

- Philip José Farmer: Das Erstsemester (The Freshman, 1979): Auch Zauberer und Höllendiener müssen ihr Handwerk lernen – an einer Ausbildungsstätte der außergewöhnlichen Art.

- Stephen King: Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978): Ein verlassenes Dorf in der nordamerikanische Wildnis beschert dem Zuwanderer die Möglichkeit, längst verstorbene Familienmitglieder kennenzulernen.

- Richard A. Lupoff: Die Entdeckung der Ghoorischen Zone (Discovery of the Ghooric Zone, 1977): 2337 stößt die erste Weltraumexpedition zum lange unentdeckten zehnten Planeten unseres Sonnensystems vor, der sich als Heimat schon lange bekannter aber nicht beliebter Kreaturen entpuppt.

Ein halbes Jahrhundert qualliges Vergnügen

Diese einmalige Sammlung ermöglicht einen repräsentativen Überblick über die Entwicklung des Cthulhu-Mythos. Gestartet wurde er in den späten 1920er Jahren vom einmaligen H. P. Lovecraft, bereichert noch zu seinen Lebzeiten von seinen ‚Schülern‘ und fortgesetzt sowie erweitert von späteren Epigonen und Bewunderern. Der Bogen spannt sich auf diese Weise bis in die späten 1970er Jahre.

„Hüter der Pforten”, zuerst 1969 erschienen, aber zum 50-jährigen Jubiläum des Verlags Arkham House grundlegend überarbeitet und erweitert, gilt längst als Standardwerk. Diesen pompösen Titel sollte man freilich nicht überbewerten. „Hüter …“ belegt gleichermaßen Glanz und Elend einer Saga, deren Bedeutung für das phantastische Genre zwar erkannt aber nicht unbedingt von den begabtesten Vertretern der Schriftstellerzunft mit neuen Kapiteln bedacht wurde. Tatsächlich lassen sich die hier versammelten Geschichten in drei Kategorien einteilen.

Da sind zunächst die originalen Erzählungen von Lovecraft selbst, der sehr genau um das Potenzial seiner Schöpfung wusste und sie ebenso sorgfältig wie bedacht bruchstückhaft entwickelte. Es dürfte kaum wundern, dass Lovecrafts Werke die eindringlichsten sind; dieses Urteil basiert nicht unbedingt auf ihrem literarischen Wert (was immer das sein mag), respektiert aber ihre Kraft und – man darf dies nicht unterschätzen – ihre nostalgischen Anziehungskraft.

Kategorie 2 sammelt die sogenannten „Pastiches“: Storys, die sich möglichst eng an den Meister anlehnen und Lovecraft in Stil und Inhalt imitieren. Wie man sich denken kann, ist hier die Chance der Blamage besonders groß. Lovecraft gilt als Autor, dessen blumiger Stil sich leicht nachahmen lässt. Die Nagelprobe erweist, dass dem Original wohl doch einiges echtes Talent zugebilligt werden muss.

Die besten dieser neuen Cthulhu-Geschichten sind deshalb diejenigen, deren Verfasser eigene Wege zu gehen wagen. Der Purist (oder Pedant) mag das ketzerisch finden, aber findige Schreiber wie Robert Bloch, Fritz Leiber oder Richard A. Lupoff haben durchaus ihre Lücken gefunden. Sie schreiben den Mythos auf ihre Art fort und blasen den Muff davon.

Cover der Sonderausgabe von 2005

Zu den Autoren (1): Die Altmeister

Was lässt sich noch sagen über Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), den weltberühmten „Einsiedler aus Providence“, der im realen Leben scheiterte und dem es doch gelang, einen modernen Mythos zu erschaffen? Natürlich schlägt das Original allemal die Nachahmer, die beiden hier ausgewählten Storys verlieren deshalb auch bei ihrer wiederholten Lektüre nichts von ihrer Faszination.

Clark Ashton Smith (1893-1961) war nicht nur ein Freund H. P. Lovecrafts, sondern auch ein Schriftsteller mit eigenem Talent und Stil. Daher war es der reine Spaß an der Sache, der ihn zum Cthulhu-Kosmos trieb, während umgekehrt Lovecraft sich Smithscher Schöpfungen bediente. Als geschicktester unter den direkt imitierenden Autoren erweist sich überraschenderweise Robert Ervin Howard (1906-1936). Ihn kennt man als Schöpfer eher grobschlächtiger, meist scharfe Schwerter schwingender Schlagetots wie Conan, Bran Mak Morn oder die Rote Sonja. Mit „Der schwarze Stein“ trifft er Lovecraft verblüffend genau und präsentiert eine ruhige, sehr intensive und spannende Episode aus dem Cthulhu-Universum.

Frank Belknap Long (1901-1994) legt hier keine seiner besseren Arbeiten vor. In seiner fast siebzig Jahre währenden Karriere – die von Lovecraft persönlich mit angeschoben wurde – schrieb er wie so viele seiner Kollegen schlecht bezahlt und daher oft eher fleißig als inspiriert für die frühen Pulp-Magazine. Seine beiden Cthulhu-Storys verharren an der Oberfläche, versuchen oberflächlichen Grusel zu erzwingen, übertreiben dabei schamlos und lassen die Handlung sogar ins Lächerliche abrutschen.

Zu den Autoren (2): Die nächste Generation

August Derleth (1909-1971) erwarb sich ewigen Ruhm, indem er die Werke seines Meisters H. P. Lovecraft vor dem Vergessen rettete. Derleth verdankt Cthulhu letztlich den Aufstieg zum Mythos. Oft weniger erfreulich fielen dagegen eigene Versuche aus, diesen nach dem Tode Lovecrafts auszubauen. Die hier vorliegenden Stories sind fabelhaft in der Imitation aber schauderhaft in der Entwicklung. Derleth begriff nie, dass die Faszination der Saga zu einem großen Teil auf ihrer fragmentarischen Struktur basiert: Es kommen immer nur Mosaiksteinchen einer großen, unfassbaren kosmischen Wahrheit zu Tage. Derleth wollte dagegen Ordnung ins System bringen, erfand immer neue böse Götter, schuf Verbindungen, warf Licht ins Dunkel – und entzauberte das Mysterium, indem er es bannte und banalisierte.

Gleich drei Geschichten von Robert Bloch (1917-1994) enthält diese Sammlung; dies mit gutem Grund, denn dieser Vollprofi der Unterhaltungsliteratur („Psycho“ ist nur einer von vielen Geniestreichen) wurde von H. P. Lovecraft persönlich zum Schreiben ermuntert. Seine frühen Storys imitierten das große Vorbild, aber später machte sich Bloch frei und interpretierte den Cthulhu-Mythos auf eigene Weise. Seine lebenslange, wenn auch lockere Bindung krönte er 1978 durch den fulminanten Roman „Strange Eons“ (dt. „Cthulhus Rückkehr“).

Henry Kuttner (1914-1958), dessen Name und Werk heute nur noch den Kennern der Phantastik ein Begriff sind, schuf eine routinierte aber nicht raffinierten Story, die sich mehr als deutlich an Lovecrafts Story-Klassiker „Dreams in the Witch House“ (1933, dt. „Träume im Hexenhaus“) anlehnt, ohne die Großartigkeit des Vorbilds auch nur zu streifen.

Zu den Autoren (3): Die jungen Wilden

Obwohl noch ein Zeitgenosse Lovecrafts, bewegte sich Fritz Reuter Leiber, jr. (1910-1992) in den 1970er Jahren nicht mehr nur innerhalb der Grenzen des Cthulhu-Mythos‘, sondern interpretierte ihn neu und spielte mit ihm: „Der Schrecken aus den Tiefen“ ist auch ein Lovecraft-Kompendium, das praktisch sämtliche Originalstorys der Saga und ihre unglücklichen Protagonisten erwähnt und in die Handlung einfließen lässt.

Brian Lumley (geb. 1937) ist heute durch seine erfolgreiche „Necroscope“-Horrorserie bekannt. Darüber geriet in Vergessenheit, dass er einst als Lovecraft-Nachahmer startete. Ähnlich wie hierzulande Wolfgang Hohlbein (wenn auch auf ungleich höherem Niveau) schrieb er mit der „Titus-Crow“-Serie die Cthulhu-Saga fort und entzauberte sie durch allzu profane Eigenschöpfungen gründlich. „Aufstieg mit Surtsey“ gehört zu Lumleys besseren Werken und verbindet geschickt ein reales historisches Ereignis – Surtsey stieg 1963 in der Tat aus dem Meer – mit seiner Erzählung.

Ramsey Campbell (geb. 1946) legt eine der für ihn typischen Kurzgeschichten vor, in denen sich das Grauen fast unmerklich in den Alltag einschleicht. Da dieser meisterhaft so grau und öde dargestellt wird, wie dies kaum einem anderen Autoren gelingt, müsste der Tod im Grunde eine Erlösung für den Campbell-typisch seelisch verkümmerten und beschädigten ‚Helden‘ bedeuten, doch dem ist ganz und gar nicht so; stattdessen ist das Ende bitter und schmutzig. Die Einbindung in den Cthulhu-Mythos ist überflüssig und wirkt hier aufgesetzt.

Colin Wilson (geb. 1931) verknüpft in Lovecraftscher Manier fiktives Geschehen mit ‚historischen‘ Quellen, die selbstverständlich ebenfalls erfunden oder verändert wurden. Es entsteht eine alternative Geschichte, die ungemein fesselt, weil sie immerhin möglich erscheint. Wilson übertreibt es freilich ein wenig mit den Anspielungen. Während Wales als Ort der Handlung überzeugt (Arthur Machen wurde von Lovecraft gelobt und als Vorbild betrachtet), mündet das Finale der allzu breit angelegten Erzählung in ein abruptes Ende, wie es Lovecraft nicht schlechter hätte schildern können.

Zu den Autoren (4): Die Außenseiter

Joanna Russ (1937-2011): Die einzige Frau, die in dieser Sammlung vertreten ist, stellt erwartungsgemäß (aber nicht krampfhaft) eine weibliche Hauptfigur in den Mittelpunkt. Zweifellos war und ist die literarische Welt des Cthulhu primär eine männliche, was in der Tat unlogisch erscheint. Dass weibliche Protagonisten durchaus ihren Platz im Mythos finden können, beweist Russ mit dieser ebenso eindringlichen wie famos geschriebenen Geschichte, die sich stärker auf Lovecrafts Alternativ-Erde stützt, wie er sie vor allem in der Novelle „Die Traumfahrt ins unbekannte Kadath“ schilderte.

Karl Edward Wagner (1945-1994), der allzu früh verstorbene Kenner der „Weird Fiction“ und Schöpfer des ungewöhnlichen Fantasy-Barbaren Kane (stark UND intelligent), glänzt mit einem Lovecraft-Pastiche, das seine unerhört düstere, beunruhigende Atmosphäre bis ins leider schwache, allzu vorhersehbare Finale retten kann.

Philip José Farmer (1918-2009) hätte man in dieser Sammlung nicht erwartet, gilt er doch vor allem als einer der Großen der Science Fiction. Bekannt ist er allerdings auch für seine literarische Experimentierfreude. Hier verkehrt er die Perspektive der üblichen Cthulhu-Erzählung ins Gegenteil: Zwanglos bewegen wir uns unter den Jüngern der „Großen Alten“ und siehe da – es sind auch nur Menschen, wobei Farmer das Kunststück gelingt, sie deshalb nicht weniger bösartig zu schildern.

Sollten wir überrascht sein, dass Stephen King (geb. 1947). der Meister des ‚modernen‘ Horrors, sein Schriftstellerhandwerk gut genug beherrscht, um diese im 19. Jahrhundert angesiedelte Geschichte stilvoll und trotzdem handfest über die Runden zu bringen? Die Bürger von Salem’s Lot werden einhundert Jahre später zwar andere – Vampire – geworden sein, was diesen Ort auch nicht gastfreundlicher werden lässt.

Richard Allen Lupoff (geb. 1935) überrascht mit einer fulminanten Story, die den Cthulhu-Mythos besonders eigenständig interpretiert. „Die Entdeckung …“ ist dabei nicht nur Science Fiction vom Feinsten, sondern auch ein Rückblick auf 400 Jahre zukünftige Menschheitsgeschichte. Damit nicht genug: Lupoff schafft es zusätzlich, die Kurve zum ‚klassischen‘ Horror Lovecrafts zu finden, der als Ausklang dieser fabelhaften Sammlung die ihm gebührende Würdigung erfährt.

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Der Schattensee

Erstellt von Michael Drewniok am 3. November 2011

Manly Wade Wellman
Der Schattensee

(sfbentry)
Originaltitel: The Beyonders (New York : Warner 1977)
Übersetzung: Eva Schwarz
Deutsche Erstausgabe: 1980 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek 70022)
188 S.
ISBN-13: 978-3-404-70022-6

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Das geschieht:

Sky Notch ist ein kleiner Flecken in den Appalachen, einem Mittelgebirge im Osten Nordamerikas. Knapp 250 Bürger führen ein beschauliches Leben abseits der modernen Hektik. Man kennt einander; dazu gehört, dass man die Eigenheiten des Nachbarn respektiert und keine neugierigen Fragen stellt. Abseits von Sky Notch und noch abgelegener auf einem Hügel liegt die Kolonie der „Kimber“, einer Sekte, die mit den Dorfbewohnern einen freundlichen aber distanzierten Umgang pflegt. Die Ankunft eines neuen Bürgers ist in Sky Notch eine Sensation. James Crispin, ein Kunstmaler, sucht die ländliche Ruhe, um neue Eindrücke zu sammeln. Von den Bürgern wird er gastlich empfangen, er fügt sich gut in diese Gemeinschaft ein.

Leider ist Crispin ein Betrüger. Er gehört zur menschlichen Vorhut einer Invasion, die Wesen aus einem fremden Universum planen. Eine Art Dimensionsriss hat sich ausgerechnet an dem Höhlensee gebildet, in dem die Kimber ihre rituellen ‚Taufen‘ zelebrieren. Die Fremden tragen schwere metallene Anzüge, die sie vor der für sie tödlichen Erdatmosphäre schützen. Sie sind auf die Unterstützung menschlicher Kollaborateure angewiesen, die sie mit der Zusicherung von Reichtum und Privilegien ködern. Notfalls greifen sie mit unheimlichen Waffen selbst ein.

Mark „Gander Eye“ Gentry aus Sky Notch lernt die ungebetenen Gäste zuerst kennen. Er ist es auch, der Verdacht schöpft, als James Crispin die Bürgern des Städtchens dazu überredet, gewisse Veränderungen zulassen und unterstützen: Sky Notch soll zu einer „Relaisstation“ ausgebaut werden, durch welche die Fremden in Scharen auf die Erde dringen wollen. Gentry plant den Widerstand, aber die Schattenwesen und ihre Verbündeten haben Sky Notch hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Wer nicht für sie ist, gilt als Feind und wird als solcher behandelt. Gewalt entlädt sich, als der Kampf um die Freiheit der Erde beginnt …

Kleine, harte aber heile Welt

Es gibt Bücher, die man nur liest, weil man unbedingt wissen möchte, wie sie enden – dies nicht, weil sie so spannend sind, sondern weil man fasziniert ist von einer irrwitzig wirren Handlung, von bohnenstrohdummen Figuren oder einem Schreibstil, der gegen jegliche Regeln der Unterhaltungsliteratur verstößt. „Der Schattensee“ gehört definitiv zu diesen Büchern. Dem Leser wird das leider erst recht spät klar, denn die Story beginnt verheißungsvoll. Sein Leben lang beschäftigte sich Manly Wade Wellman mit der Folklore der südlichen Vereinigten Staaten. Das dabei gewonnene Wissen ließ er in seine Geschichten einfließen, was ihnen Authentizität und eine überzeugende Hintergrundstimmung verlieh. So streut Wellman auch in „Der Schattensee“ u. a. Liedtexte ein, die Zusatzinformationen über Land & Leute vermitteln. Die Bewohner von Sky Notch wirken nie wie beschränkte Hillbillys, sondern sind sympathisch als leicht verschrobene, aber in sich und in ihrer kleinen Welt ruhende Individuen.

Die Geschichte selbst fängt einfach aber klassisch an. Wellman stellt Sky Notch und seine Bewohner vor; ganz ruhig führt er in die Handlung ein. Die mag nicht gerade komplex sein – Außerirdische greifen die Erde an und werden zurückgeschlagen –, aber dies ist noch kein Hinweis darauf, was der Autor aus der Ausgangsidee macht.

Trash as Trash Can

Nachdem Wellman zwei Drittel des Textes niedergeschrieben hatte, haben ihn anscheinend Inspiration und Interesse simultan verlassen. Anders lässt sich das Fiasko, das er nunmehr anrichtet, schwer erklären. Halten wir fest: Zwei Universen treffen in den Bergen von Sky Notch aufeinander. Ein Portal öffnet sich, fremde Wesen werden aufmerksam, ihnen gelingt der Übergang. Was wollen sie hier? Welchen Sinn macht es, die Erde zu erobern, auf der sie nicht leben können? Diese einfache aber kluge Frage stellt auch eine der Figuren. Die Antwort fällt unklar aus; demnach wollen die Wesen einfach die Menschheit unterjochen.

Dass sie scheitern, erscheint nur gerecht, da sie sich ausgesprochen dämlich anstellen. Sie können sich nur schwerfällig und in schwerer Panzerung in der giftigen Erdenluft bewegen. Ein Flintenschuss reicht aus, diesen Schutz zu durchlöchern, worauf die Wesen tot umfallen. Als menschliche Helfershelfer stellen sie ausschließlich kriminelle und/oder hirnschwache Strolche an. Das müssen sie auch, wie wir sogleich verstehen, wenn wir sie dabei beobachten, wie sie neue Söldner anheuern: Sie werfen ihnen Goldklumpen vor die Füße. Auf welche Weise sie anschließend präzise Anweisungen geben, darüber schweigt sich Wellman aus; in Sky Notch bleiben die Fremdlinge jedenfalls stumm.

So ist es wahrlich kein Wunder, dass die große Attacke auf die Erde auf uramerikanische Art mit einigen Bleikugeln abgewehrt wird. Auf der Strecke bleiben nicht nur die Außerirdischen, sondern auch Story und Leser, denn während die eine sich in Luft auflöst, bleiben die anderen verblüfft – und verärgert – zurück.

Loblied auf das einfache Leben

Das einfache Leben schafft zufriedene Menschen, und zufrieden bleiben sie, solange ihr Leben einfach bleibt – der perfekte Ringschluss oder die Quadratur des Kreises, den die Bürger von Sky Notch entdeckt haben, während die hektischen Stadtmenschen ihn weiterhin vergeblich suchen. „Gander Eye“ Gentry und seine Freunde haben es sogar versucht in der Fremde; sie sind nicht immun gegen die Verlockungen guten Lohns und lockerer Frauen. Doch die Luft ist schal, das Wasser schmeckt nicht, die Menschen jagen dem schnöden Dollar nach: Nein, am schönsten ist’s doch zu Haus, wo man sich einen Hirsch zum Mittagessen schießt und abends mit seinen Freunden uralte Volkslieder spielt und singt. Wie schon gesagt wirken Wellmans Figuren nicht lächerlich. Ihre Bedürfnisse sind einfach, doch sie sind keine fremdenfeindlichen Hinterwäldler. Selbst die Kimber entpuppen sich als religiöse Fundamentalisten, die fähig sind zu lernen und einzusehen, dass sie Fehler machen.

Mark Gentry und James Crispin bilden die beiden Hauptpersonen dieser Geschichte. Sie könnten Brüder sein, sie konkurrieren um dieselbe Frau, sie sind – ob als Musiker oder Maler – tief in der Kunst verwurzelt. Doch Crispin ist gleichzeitig Gentrys dunkles Spiegelbild, denn er hat seine Ideale verraten und sich kaufen lassen. Erst spät – und für ihn zu spät – kehrt er zu ihnen zurück und findet wenigstens seine Selbstachtung wieder.

Plan B nach Schema F

Profillos bleiben die Nebenfiguren. Da haben wir den weisen, alten Doktor, der in heikler Lage stets ein As aus dem Ärmel zu zaubern weiß, Gentrys fröhlich-unbedarfte Saufkumpane, den bauernschlauen Ladenbesitzer sowie selbstverständlich die Dorfschöne, die maßvoll emanzipiert ist doch vor allem nach Mr. Right sucht. Auf der anderen Seite steht Struwe, ein Bösewicht wie aus der Kinderstunde, der nicht Furcht verbreitet sondern lachhaft wirkt mit seinen Andeutungen und Drohungen, hinter denen letztlich nichts Konkretes steckt. Noch schlimmer sind seine (glücklicherweise nur kurz auftretenden) Spießgesellen, die mit hochmodernen Uzi-Maschinenpistolen durch Sky Notch schleichen und von Gander Eye Gentry mit seiner musealen Muskete über den Haufen geschossen werden.

So ist „Der Schattensee“ ein wenig zu deutlich das Werk eines Schriftsteller-Haudegens, der sein Handwerk in den Pulp-Magazinen der 1920er und 30er Jahre gelernt und wenig dazugelernt hat. „Der Schattensee“ entstand 1977, wirkt aber sehr viel älter bzw. altmodischer. Zum Klassiker ist dieser Roman nicht geadelt; die Chancen, dass dies noch geschehen wird, stehen schlecht. Insofern ist eine Lektüre interessant, wenn man das Paradebeispiel eines zu Recht vergessenen Buches kennen lernen möchte. Nur: Ist das eine Motivation, die unter den Lesern eine Mehrheit findet?

Autor

Manly Wade Wellman wurde am 21. Mai 1903 in Kamundongo geboren, das zu diesem Zeitpunkt zum portugiesischen Kolonialreich in Westafrika gehörte. (Heute liegt es in Angola.) Sein Vater war dort Missionsarzt, der Sohn verlebte eine faszinierende Kindheit, die viel Stoff für spätere Abenteuergeschichten bot. Wellmans Wanderlust blieb akut, nachdem er in den 1920er Jahren in die USA ging und dort Schule und College besuchte.

Beruflich wurde Wellman als Journalist tätig. Die Große Depression kostete ihn den Job; im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms wurde er in führender Position für das „New York Folklore Project“ tätig. Seit 1927 veröffentlichte Wellman phantastische Kurzgeschichten in den Pulp-Magazinen seiner Zeit. Darüber hinaus schrieb er Comics. Nach dem II. Weltkrieg zog es ihn mit seiner Familie in den Süden der USA, wo er seine folkloristischen Studien und seine schriftstellerische Arbeit fortsetzte. Bis ins hohe Alter blieb Wellman aktiv. Anfang 1986 verletzte er sich bei einem Sturz so unglücklich, dass er nicht mehr gesundete und am 5. April starb.

In sechs Jahrzehnten hatte er Romane und Storys in praktisch allen Genres der Unterhaltungsliteratur geschrieben. Die meisten Werke waren für den schnellen Konsum gedacht und können heute nicht mehr fesseln. Doch Wellmans Talent, sein historisches und folkloristisches Wissen zu nutzen, verband sich manchmal mit einem Stoff, der genau dies zum Tragen kommen ließ. 1946 gewann er den „Ellery Queen Mystery Magazine Award“ und deklassierte einen indignierten William Faulkner, der sich mit dem zweiten Platz zufrieden geben musste. (Immerhin verlieh man ihm drei Jahre später einen Nobelpreis …)

Über M. W. Wellmans Leben und Werk informiert diese liebevoll aufgemachte und informative Website.

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Die Marionettenspieler

Erstellt von Michael Drewniok am 21. Oktober 2011

Robert A. Heinlein
Die Marionettenspieler

Weltraummollusken erobern die Erde

(sfbentry)
Originaltitel: The Puppet Masters (New York : Doubleday 1951)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Weltraummollusken erobern die Erde“): 1957 (Gebrüder Weiß Verlag)
Übersetzung: Margaret Auer
266 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1965 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Science Fiction 06/3043)
Übersetzung: Margaret Auer
172 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Science Fiction 06/3043)
Übersetzung: Margaret Auer
190 S.
ISBN-13: 978-3-453-30010-1
Überarbeitete Neuausgabe: 1994 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Science Fiction Nr. 21211)
Übersetzung: Margaret Auer u. Marcel Bieger
301 S.
ISBN-10; 978-3-404-21211-8

Titel bei Booklooker.de (Auf der Website bitte Verfassernamen „Heinlein“ eintragen)
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Das geschieht:

Im schönen US-Staat Iowa landen heimtückische Invasoren aus dem Weltall: schleimige, schneckenähnliche Parasiten, die sich ihrem menschlichen Wirt zwischen die Schulterblätter setzen, das Rückenmark anzapfen und die Hirnsteuerung übernehmen. Aus einem freien Bürger wird ein Sklave – eine entsetzliche Vorstellung für jeden guten US-Amerikaner!

Glücklicherweise gibt es in diesem großartigen Land eine gute Spionageabwehr; so geheim, dass nicht einmal der eigene Geheimdienst über ihre Existenz informiert ist. Starke Männer und auch Frauen arbeiten unermüdlich rund um die Uhr für die Freiheit der Heimat. Weil ihnen nicht das Joch schwächender Gesetze aufgezwungen wurde, wie es liberale Freidenker und andere verdächtige Zeitgenossen gern fordern, können sie allein effektiv der schleichenden Bedrohung entgegentreten.

Die Agenten Elihu und Mary reihen sich unter Leitung des unbarmherzig tüchtigen Andrew Nivens (Elihus Vater) in die Reihen der Verteidiger ein. Die Invasoren haben inzwischen Verstärkung aus dem All bekommen. Sie attackieren vor allem den Präsidenten und den Kongress, um so Amerika von oben her zu erobern. Aber die Verteidiger schlafen nicht. Als Elihu von einem Parasiten übernommen wird, kann man ihn fangen und aushorchen. Die Fremden scheinen eine Art Kollektivintelligenz zu sein; sie wollen oder können nicht verhandeln, sondern sind darauf geprägt, ihre Opfer zu übernehmen. So müssen die Menschen sie entweder vernichten oder untergehen.

Immerhin gelingt es, die Heimat der Unholde zu identifizieren: Auf Titan, dem sechsten Mond des Planeten Saturn, hausen sie. Dumm nur, dass es der Mensch so weit hinaus in den Weltraum bisher nicht geschafft hat. Jetzt wird er es versuchen, denn es droht der Tag, an dem die Erde von den Eindringlingen unterworfen worden ist …

Sie kommen! Was tun?

Die Invasion aus dem All ist eine Schreckensvision, die den Menschen begleitet, seit ihm die Existenz unendlich vieler Welten bewusst wurde. Was von weit draußen kommt, ist fremd, damit verdächtig und quasi zwangsläufig eine Gefahrenquelle: Seit jeher projiziert der Mensch seine eigenen Motive auf potenzielle Besucher aus anderen Welten. So ist „The War of the Worlds“ (1898, dt. „Krieg der Welten“), DER SF-Invasionsklassiker von Herbert George Wells (1866-1946), durchaus als sozialkritisch verkappte Kritik zu lesen: Hier sind es zur Abwechslung einmal imperialistische Marsianer, welche die Kolonie Erde ausbeuten wollen.

Auch Robert A. Heinlein möchte mehr aus eine spannende Abenteuergeschichte aus der (nahen) Zukunft vorlegen. Allerdings kann man ihn ganz gewiss kein liberales Denken vorwerfen. Heinlein war ein strikter Befürworter „demokratischer Diktatoren“. Eine mehrheitlich gewählte Regierung: gut und schön und ein Indiz für freie Bürger, aber in der Krise sollten doch besser nur einige wenige Spezialisten das Sagen haben. In unserem Fall führt das zur Existenz einer Spionageabwehr, die vor besagten Bürgern sorgfältig geheim gehalten wird (auch wenn sie dafür mit ihren Steuern bezahlen dürfen). Auch Heinleins abfällige Schilderung einer Kabinettssitzung, in der ein rasches Handeln gegen die Invasoren zu Tode debattiert wird, bis unsere markigen Helden die Schwatzbude aufmischen, sagt viel über sein chronisches Misstrauen gegenüber dem (verweichlichten) Establishment aus.

Cover der dt. Erstausgabe (mit freundl. Genehmigung von www.sf-leihbuch.de)

Kalte Krieger mit heißen Waffen

So muss es angeblich sein in dieser Welt, denn die Fechter für Frieden & Freiheit sind von erbarmungslosen Feinden umzingelt. Falsche Rücksicht und Pardon dürfen nach Heinlein nicht gegeben werden. Die eigentlichen Puppenspieler spinnen ihre Intrigen ohnehin nicht auf Titan, sondern im sowjetischen Kreml zu Moskau: US-Invasions-SF der 1950er und 60er Jahre ist stets auch die verschlüsselte Warnung vor dem roten, roboterhaften Feind, der die westliche Welt dem Sozialismus unterwerfen will. Der Kalte Krieg der Gegenwart wurde auch in der Unterhaltungsliteratur der Gegenwart geführt.

„Watch the Skies!“ heißt es denn sehr deutlich im Kinoklassiker „The Thing“ (1951; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“). Weitere Warner waren John Wyndham („The Midwich Cuckoos“; 1957, dt. „Kuckuckskinder“) Algis Budrys („Who?“; 1958, dt. „Zwischen zwei Welten“) oder Jack Finney („The Body Snatchers“; 1952, dt. „Die Körperfresser kommen“); alle diese Romane wurden verfilmt, nicht selten sogar mehrfach.

Rücksicht ist Schwäche

Als Geschichte ist „Die Marionettenspieler“ ein zwiespaltiges Vergnügen. Dies ist keiner von Heinleins Romanen für die Jugend, die mit heute nur schwer erträglicher Penetranz junge Leser zu kleinen Eierköpfen mit militärischen Qualitäten erziehen sollten. Hier geht es ‚erwachsen‘ und erst recht rüde zur Sache.

An sich sind flottes Tempo oder dramaturgisch begründbare Gewalt einem simplen Unterhaltungsroman förderlich. Heinlein hält sich nicht einmal mit einer Vorgeschichte auf. Er springt sogleich in die Handlung, die er mit simplen Mitteln vorantreibt. Seltsame logische Risse im Gewebe irritieren den Leser dabei sehr. Was sind das eigentlich für (armlose) Invasoren, die Raumschiffe bauen können und sich doch umständlich als Parasiten durchschlagen müssen? Ist es wirklich nötig, befallene Mitbürger vorsichtshalber mit der Strahlenpistole „niederzusengen“?

Dass ein ordentlicher Stromschlag oder ähnliche ‚Anregungen‘ in den USA sehr beliebt sind, um verstockte Gefangene (= Terroristen) zum Reden zu bringen, ist dagegen 1 : 1 aus der Realität übernommen. Denn merke: Der Feind schläft nie, und er hat keine Skrupel, die du folglich ebenfalls überwinden solltest!

Robert A. Heinlein ist gewiss kein Schriftsteller, der jemals seine Zustimmung dem politisch korrekt denkenden Zeitgeist geschenkt hätte. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die meiste Zeit seines Lebens gehörte er dem Lager der Rechtskonservativen an, die seit jeher davon überzeugt sind, im Alleinbesitz des Schlüssels für das Paradies auf Erden zu sein.

1951 hatten sie politisch, wirtschaftlich und vor allem auch kulturell in den USA das Sagen. Die Konsequenz stellt Heinlein uns in seinem Mikrokosmos der „Puppenspieler“ vor: Junge, starke Menschenkinder füllen flink und ohne Fragen zu stellen Befehle aus, die ihnen kluge Leitbullen erteilen. Andrew Nivens, genannt „der Alte“, ist das Paradebeispiel des Heinleinschen „Führers“, der keineswegs faschistoid, sondern im Namen des gesunden Menschenverstandes auf seine Oberhoheit pocht.

Nivens würde sich niemals hinter seinen Untergebenen verstecken. Ihnen mutet er nur zu, was er selbst zu geben bereit ist. Freilich ist das stets mehr als man für menschenmöglich und vor allem -würdig halten würde. „Der Alte“ handelt nach der Maxime: Was sein muss, muss eben sein. Rücksicht kennt er um der Sache willen nicht. Er grämt sich um jeden Agenten, den er in einen Todeseinsatz schickt, hat aber nie Skrupel, das zu wiederholen. Der eigene Sohn ist davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Den jungen Elihu fasst der Vater erst recht hart an, denn mehr als dessen Tod im Einsatz fürchtet er den Verdacht der Bevorzugung oder Vetternwirtschaft.

Cover der TB-Ausgabe von 1965 (Sammlung md)

Junge Helden an der Leine

Elihu selbst ist das perfekte Produkt seiner autoritären Erziehung. Fast blindwütig stürzt er sich in jede Gefahr, wenn ihm „der Alte“ (= das System) den Befehl dazu gibt. Muckt er mal auf, erteilt ihm Nivens Senior umgehend eine hochmoralische Lektion, die den Rebellen beschämt nachgeben lässt. Seine skrupellose Manipulation durchschaut er, aber er akzeptiert sie, denn Schmerz und Demütigung lassen sich ertragen, solange man sie für die gerechte Sache, sein Land oder sonstige andressierte Ideale erleidet.

Mary ist eine interessante Figur. Zwar tanzt sie genauso nach der Pfeife des „Alten“ (Wer sind eigentlich die wahren „Puppenspieler“ in dieser Geschichte …?), aber sie ist eine für die Entstehungszeit dieses Romans erstaunlich emanzipierte Person. Sie bringt den Helden nicht den Kaffee, sondern agiert an der Front mit – eines der verblüffenden Details, die mit dem Steinzeit-Weltbild des angeblichen Science Fiction-Visionärs Heinlein versöhnen.

Handlung im logischen Nirwana

Wann spielen die „Marionettenspieler“ eigentlich? Unsere Agenten jagen mit „Flugwagen“ durch die Gegend, später geht es auch ins All; es muss also irgendwann in einer nahen Zukunft zur Sache gehen. Andererseits schildert Heinlein Figuren in Umgebungen und Situationen, die selbst 1951 bereits altmodisch gewirkt haben müssen. Das mag daran liegen, dass spießbürgerlich geglättete Gesellschaften stets extrem rückständig wirken.

Insgesamt erschöpft sich der Unterhaltungswert im Miterleben eines nostalgisch angestaubten SF-Garns. „Die Marionettenspieler“ ist eine lohnende Lektüre für jene, die ein Standardwerk des Genres kennenlernen möchten. Ansonsten ist Heinlein wohl kein liebenswerter Zeitgenosse aber ein fähiger Schriftsteller gewesen. Er versteht sein Handwerk und überrascht immer wieder mit stimmungsvollen Szenen (sehr gelungen ist z. B. die Darstellung des ‚besessenen‘ Elihu Nivens) und (s. o.) originellen Einfällen.

Cover der Heyne-Ausgabe von 1979

Autor

Angesichts der Länge dieses Textes wird auf die übliche Kurzbiografie verzichtet. Robert Anson Heinlein (1907-1988) vorzustellen wäre ohnehin in Kürze unmöglich. Er gehörte ein halbes Jahrhundert zu den ganz Großen der Science Fiction. Seine Karriere begann im „Goldenen Zeitalter“ noch vor dem II. Weltkrieg. Was die SF heute geworden ist, verdankt sie zu einem guten Teil diesem Mann. Fast dreißig Jahre blieb er einer ihrer Schrittmacher; dann begann ein unaufhaltsamer, bedrückender Niedergang, aber das ist eine andere Geschichte.

In Robert A. Heinleins Leben und Werk führen u. a. diese Websites ein:

Website 1 (dt.)
Website 2 (dt.)
Website 3
Website 4

[md]

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Schatten über Baker Street

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Oktober 2011

Michael Reaves/John Pelan (Hgg.)
Schatten über Baker Street
Mörderjagd in Lovecrafts Welten

(sfbentry)
Originaltitel: Shadows Over Baker Street: New Tales of Terror! (New York : Ballantine Del Rey 2003)
Übersetzung: Stefan Bauer, Linda Budinger (2), Alexander Lohmann (2), Armin Patzke (9), Michael Ross, Ralph Sander (2), Marianne Schmidt
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15387)
541 S.
ISBN-13: 978-3-404-15387-9

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Inhalt:

Arthur Conan Doyle meets H. P. Lovecraft: 18 neue Storys um Sherlock Holmes, der dieses Mal keinen Kriminellen das Handwerk legt, sondern mit den Umtrieben des außerirdischen Krakengottes Cthulhu konfrontiert wird:

- Einleitung (von John Pelan und Michael Reaves), S. 9-11

- Neil Gaiman: Eine Studie in Smaragdgrün (A Study in Emerald), S. 13-42: Wer ist der Terrorist, der im London des Jahres 1888 brave Untertanen Ihrer Majestät Cthulhu aufschlitzt? Detektiv Holmes ermittelt im Auftrag einer besonderen Queen.

- Elizabeth Bear: Tiger! Tiger! (Tiger! Tiger!), S. 43-72: Das „Große Spiel“ europäischer Geheimdienste findet auch im fernen Indien und unter Einsatz schwarzer Magie statt.

- Steve Perry: Der Flammendolch (The Case of the Wavy Black Dagger), S. 73-86: Ohne sich aus seinem Sessel zu erheben, ficht Sherlock Holmes ein Duell mit dem härtesten Gegner seines Lebens aus.

- Steven Elliot Altman: Ein Fall von königlichem Blut (A Case of Royal Blood), S. 87-126: Die niederländische Kronprinzessin wird von einem Poltergeist verfolgt; ein Fall für Sherlock Holmes und … H. G. Wells!

- James Lowder: Die weinenden Masken (The Weeping Masks), S. 127-154: Unter welchen unheimlichen Umständen Dr. John Watson in Afghanistan verwundet wurde, hat er seinem allzu rationalen Freund Sherlock Holmes später niemals erzählt.

- Brian Stableford: Kunst im Blut (Art in the Blood), S. 155-180: Es gibt fähige Seeleute und es gibt Menschen, denen steckt das Meer im Blut – Sherlock Holmes lernt, dass es da einen lebensbedrohlichen Unterschied gibt.

- Poppy Z. Brite/David Ferguson: Das fastende Mädchen (The Curious Case of Miss Violet Stone), S. 181-202: In schlammiger Urzeit ist ein Experiment außerirdischer Erdbesucher gescheitert; Sherlock Holmes soll’s nunmehr richten.

- Barbara Hambly: Die Nichte des Altertumsforschers (The Adventure of the Antiquarian’s Niece), S. 203-238: Der böse Onkel sucht ein Opfer für seine in jeder Hinsicht unterirdischen ‚Gäste‘; eine schöne Nichte ist ebenso tauglich wie ein älterer Militärarzt, der sich als Schriftsteller betätigt.

- John Pelan: Das Geheimnis des Wurms (The Mystery of the Worm), S. 239-256: Welche Lebensform könnte es sein, die von Stahl fressenden Parasiten geplagt wird? Holmes & Watson finden es (beinahe) heraus.

- Paul Finch: Das Rätsel des Gehängten (The Mystery of the Hanged Man’s Puzzle), S. 257-300: Ein düpierter Strolch stellt Sherlock Holmes in der Todeszelle eine Aufgabe; sollte dieser scheitern, verurteilt er die Bürger von London zu einem grausigen Ende.

- Tim Lebbon: Das Grauen hat viele Gesichter (The Horror of the Many Faces), S. 301-330: Die Realität des Irrationalen schreckt Sherlock Holmes mehr als jeder außerirdische Horror.

- Michael Reaves: Das Manuskript des Arabers (The Adventure of the Arab’s Manuscript), S. 331-362: Watsons alte Liebe aus dem Orient hat sich sehr zu ihrem Nachteil verändert; sie fahndet nun in England nach dem Zauberbuch eines gewissen Abdul al-Hazred.

- Caitlin R. Kierman: Der ertrunkene Geologe (The Drowned Geologist), S. 363-384: Allzu großer wissenschaftlicher Eifer kann tödlich enden, wie ein begeisterter Erforscher seltsamer Fossilien erfahren muss.

- John P. Vourlis: Ein Fall von Schlaflosigkeit (A Case of Insomnia), S. 385-418: Seit der großen Mondfinsternis schlafen die Bewohner eines kleines Ortes nicht nur schlecht, sondern werden auch von einer grässlichen Bestie geplagt.

- Richard A. Lupoff: Das Voorische Zeichen (The Adventure of the Voorish Sign), S. 419-452: Nur Sherlock Holmes kennt jene Geste, die das Tor zwischen den Dimensionen öffnet, aber kann er es auch wieder schließen?

- F. Gwynplaine MacIntyre: Entscheidung auf Exham Priory (The Adventure of Exham Priory), S. 453-476: Holmes‘ Erzfeind Professor Moriarty lebt und hat wahrlich unirdische Unterstützung in seinem Kampf gegen Recht & Gesetz gefunden.

- David Niall Wilson/Patricia Lee Macomber: Der Tod steht ihm nicht gut (Death Did Not Become Him), S. 477-510: Die Idee, einen Erbstreit durch die Auferstehung der verstorbenen Erblassers zu entscheiden, klingt logisch, doch zeigt sich der lebende Leichnam höchst eigensinnig.

- Simon Clark: Albtraum auf Wachs (Nightmare in Wax), S. 511-532: Sehr modern auf Wachswalzen festgehalten, findet vor den gebannten Zuhörern ein weiterer Kampf zwischen Sherlock Holmes und Professor Moriarty statt.

- Die Autoren, S. 533-541

Holmes und Cthulhu? Passt das zusammen?

Vermutlich musste es so kommen: Der größte der klassischen Detektive trifft auf den finstersten Vertreter der „Großen Alten“, jener „Götter“ aus Zeit & Raum, die sich in grauer Vorzeit auf der Erde festsetzten und seither den Menschen das Leben schwer und ihren Planeten streitig machen. Cthulhu ist das berühmteste und berüchtigste Geschöpf, das dem Geist des Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) entsprungen ist. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind die Schöpfungen von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930).

Lovecraft und Doyle waren zwar Zeitgenossen, sind sich zu Lebzeiten jedoch nie begegnet. Der Amerikaner schrieb ‚kosmische‘ Horrorstorys mit Science-Fiction-Elementen, der Brite klassische Geister-, Abenteuer- und Kriminalgeschichten (sowie heute glücklicherweise fast vergessene Historienschinken). Ähnlichkeiten in Leben und Werk gibt es also keine, so dass die literarische Konfrontation von Holmes & Cthulhu eigentlich zum Scheitern verurteilt scheint. Arthur Conan Doyle hat sich Sherlock Holmes zudem sehr deutlich und abfällig über das Wirken des Übernatürlichen äußern lassen (1924 in „The Sussex Vampire“, dt. „Der Vampir von Sussex“), das für ihn, den Rationalisten, nur Aberglaube und Mummenschanz ist.

Doch die „Mörderjagd in Lovecrafts Welten“ funktioniert, weil die Geschöpfe Doyles und Lovecrafts auf einem gemeinsamen Nährboden wurzeln. Die Gaslicht-Kulisse eines spätviktorianischen Zeitalters – etwa die Jahre 1885 bis 1900, verlängert um die anderthalb Jahrzehnte bis zum I. Weltkrieg –, das real so gar nicht gegeben hat, ist das ideale Umfeld für beide: Detektiv und Dämonengottheit.

London im Nebel: Hauptstadt des Mysteriösen

Das ewig neblige London mit seinen unzähligen Gassen, Hinterhöfen und Schlupfwinkeln ist ein Ort romantischen Grusels, dessen Atmosphäre das Bild der Holmes-Geschichten prägt, obwohl der Detektiv durchaus auch außerhalb der Stadt sowie im Ausland ermittelte; manchmal scheint dabei sogar die Sonne.

Wie sehr schon die zeitgenössischen Leser dieses Fantasie-Londons liebten, verdeutlicht die Tatsache, dass Doyle den großen Ermittler dort verharren ließ, noch als er in den späten 1920er Jahren die letzten Holmes-Storys schrieb. Ein in der modernen Welt ermittelnder Meisterdetektiv widersprach dem Publikumsgeschmack; Doyle wusste es, denn er hatte es durchaus versucht und den älteren Holmes vom britischen Geheimdienst im Agentenkampf gegen das kaiserliche Deutsche Reich anheuern lassen („The Final Problem“, 1914; dt. „Sein letzter Fall“/„Seine Abschiedsvorstellung“).

H. P. Lovecraft wäre gern nach London gereist, konnte sich dies jedoch finanziell nie leisten. Seine Wertschätzung von Architektur, Kunst und Literatur der vorindustriellen Ära lässt sich vielfach belegen. Sie gipfelte in Lovecrafts lebenslanger, fast fanatischer Wertschätzung seiner Geburtsstadt Providence im neuenglischen US-Staat Rhode Island. Die Vorliebe für das Historische, Traditionelle, im Verborgenen Blühende (oder Verrottende) spiegeln – literarisch überspitzt – seine fiktiven Stadtgründungen Arkham, Dunwich oder Innsmouth wider, in denen die Jünger Cthulhus ihren Missetaten nachgehen. Das ungleich ältere London müsste ihnen und ihrem gallertigen Anführer daher sehr zusagen.

Hinaus in seltsame Welten

Ähnliches gilt für die schottischen Moore und walisischen Einöden, die einsamen Landsitze und verfallenen Burgen, an denen die englische Insel so reich ist. Zwei Jahrtausende reicht die Geschichtsschreibung bis in die Römerzeit zurück, dann wird es mythisch, geben sich keltische Druiden und piktische Wilde ein Stelldichein: der ideale Nährboden für Elementargeister & Spukgelichter, in deren Mitte auch für Cthulhu & Co. noch Platz ist. Die Autoren der hier gesammelten Geschichten lassen sich diese Chance nicht entgehen und nutzen sie mit zum Teil erstaunlichem Ideenreichtum. Dies zu verfolgen macht einfach Spaß, zumal es keine echten Ausfälle in dieser überdurchschnittlichen Kollektion gibt.

Schließlich ist da der Rest der Welt, in deren verwunschenen Winkeln die „Großen Alten“ schon bei Lovecraft ihre Refugien gefunden haben. In Vorderasien und Tibet gibt es geisterhafte Ruinenstädte, die es besser zu meiden gilt. Hier hat sich aber bekanntlich Sherlock Holmes nach seinem ‚Tod‘ in den Fällen des Reichenbachs mehrere Jahre unter falschem Namen herumgetrieben. Über das, was er dort erlebt hat, hielt er sich Watson gegenüber nach seiner Rückkehr stets zurück. Vielleicht hat er dort tatsächlich erlebt, dass er mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es der gesunde – also Holmesche – Menschenverstand zu erfassen mag!

Vertraut bis herrlich fremd

Der Rahmen, in dem sich die Verfasser unserer 18 Geschichten bewegen, ist dennoch eng; er orientiert sich primär an der bekannten literarischen Welt des Sherlock Holmes & Dr. Watson. Nur wenige Autoren ‚spielen‘ wirklich mit ihren Vorgaben. Gleich Neil Gaiman – wer sonst? – konstruiert in „Eine Studie in Smaragdgrün“ eine englische Welt, die von Cthulhu übernommen wurde und beherrscht wird. Fast blasphemisch nennt er sich „Queen Victoria“ und wird als solche von seinen (oder ihren?) Untertanen anerkannt. Auch Sherlock Holmes gehört zu ihnen, so dass es für ihn nicht nur selbstverständlich, sondern seine patriotische Pflicht ist die Feinde dieser seltsamen Krone zu jagen.

Elizabeth Bear verzichtet in „Tiger! Tiger!“ sogar völlig auf den Detektiv und seinen treuen Begleiter. Stattdessen lesen wir ein Abenteuer von Irene Adler, für Holmes „die Frau“ seines Lebens und als solche sogar schlau genug, sich von ihm nie fangen zu lassen. James Lowder kehrt in „Die weinenden Masken“ die bekannten Rollen um und lässt einen ungewöhnlich selbstständigen Watson ein Abenteuer schildern, das er dem ahnungslosen Holmes verschweigt, weil er diesen, den erklärten Rationalisten, vor dem Schock eines drastisch erweiterten Weltbilds bewahren möchte. (Wie weise er damit tut, erläutert uns Tim Lebbon in „Das Grauen hat viele Gesichter“ – und eines zu viel für einen geistig überforderten Holmes.)

Weitere Gäste aus der Literatur

Selbstverständlich wimmelt es in dieser Sammlung von Figuren aus den und Anspielungen auf die Werke/n von H. P. Lovecraft und Arthur Conan Doyle; sie sind so zahlreich, dass sie an dieser Stelle nicht gelistet und erläutert werden können; dies soll ein Spiel für Fans der beiden Autoren bleiben. Darüber hinaus können es sich einige Verfasser dieser Sherlock-Holmes-Pastichés jedoch nicht verkneifen, dem berühmten Detektiv mehr oder weniger bekannte reale und literarische Gestalten zur Seite zu stellen.

So heuert Steven E. Altman statt Dr. Watson eine berühmte reale Figur der viktorianischen Ära an: seinen ‚Zeitgenossen‘ Herbert George Wells (1866-1946), den Verfasser berühmter Alt-Science Fiction wie „Die Zeitmaschine“, „Die ersten Menschen auf dem Mond“ oder „Krieg der Welten“. Barbara Hambleys Reminiszenz richtet sich dagegen an den Insider: Ihren mit okkulter Hightech hantierenden „Mr. Carnaki“ borgt sie sich von William Hope Hodgson (1877-1918), einen heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Meister des klassischen Horrors, der mit „Carnacki the Ghostfinder“ (ab 1910) einen Sherlock Holmes des Übernatürlichen schuf.

Ein Geschenk an die deutschen Leser

Die Frage, ob und wie genau die Verfasser den O-Ton von Holmes & Lovecraft treffen, muss hier unbeantwortet bleiben; die (erfreulich gelungenen) deutschen Übersetzungen ebnen mögliche Versuche in diese Richtung ein. Einzelne Storys verraten dennoch entsprechenden Ehrgeiz,; Barbara Hambly sei mit „Die Nichte des Altertumsforschers“ erwähnt. Meist bleiben solche Bemühungen aber verhalten, was gut ist, denn einen Stilhybriden aus Doyle und Lovecraft möchte man lieber nicht lesen …

Ein Wermutstropfen muss abschließend vergossen werden: Während Inhalt (und Preis) der deutschen Ausgabe von „Schatten über Baker Street“ dem Fan des Phantastischen Grund zum Jubel geben, ist das Erscheinungsbild wieder einmal ein Trauerspiel. Das US-Original ziert ein eigens gemaltes, liebevoll anachronistisches Cover im „Pulp“-Stil. Hierzulande müssen wir uns mit dem üblich gewordenen Bildstock-Mist zufrieden geben. Altertümliche Hausfronten und altmodische Laternen, das Ganze künstlich eingenebelt – fertig ist das ‚Titelbild‘, dessen Vorlage in beinahe jeder europäischen Stadt geknipst worden sein könnte.

[md]

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Das Tor des Verderbens

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Oktober 2011

August Derleth/[H. P. Lovecraft]
Das Tor des Verderbens

(sfbentry)
Originaltitel: The Lurker at the Threshold (Sauk City : Arkham House 1945)

Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Das Grauen vor der Tür“): 1979 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek Nr. 70018)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-01429-3
Neuausgabe: 1982 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur 72013)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-72013-2
Neuausgabe: 1994 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp-TB Nr. 2287 = Phantastische Bibliothek Bd. 307)
Übersetzung: Michael Koseler
179 S.
ISBN-13: 978-3-518-38787-0

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Das geschieht:

Im US-Staat Massachusetts ging es in jenem Landstrich, dessen Eckpunkte etwa von den Städten Arkham, Innsmouth und Dunwich markiert werden, schon immer unheimlich zu. Neu-England wurde im frühen 17. Jahrhundert besiedelt, aber schon früher gab es Leben in den dichten Wäldern und dunklen Gebirgstälern. In den Augen der frommen, Hexen verbrennenden Pilgerväter war dies indianisches Heidenvolk, das Umgang mit Dämonen und Teufeln pflegte. So mancher weiße Mann konnte den Verlockungen verbotener Wahrheit und Macht nicht widerstehen und verschrieb sich ebenfalls dem Bösen.

So einer war Alijah Billington, der Anfang des 19. Jahrhunderts tief im dunklen Wald jenseits von Arkham gelegenen Stammsitz seiner ohnehin verrufenen Familie bezog. Die wenigen Nachbarn wussten von unheimlichen Geräuschen und Schreien zu berichten, und Alijah verdankte es wohl nur seiner überstürzten Abreise ins Ausland, dass ihm ein unfreundlicher Besuch der örtlichen Justiz erspart blieb.

Ruhe kehrte ein im Billington-Wald, bis nun, im März des Jahres 1921, Ambrose Dewart, der Letzte seiner Sippe, ins Land seiner suspekten Ahnen zurückkehrt. Ein freundlicher, mittelalter, kinderloser Witwer und Privatgelehrter ist er, der sich mit Feuereifer in die Familienpapiere vertieft. Der alte Alijah hat präzise Anweisungen hinterlassen, was man in seinem Haus tunlichst unterlassen sollte. Vor allem gilt es den uralten Steinturm zu meiden, der sich inmitten eines Steinkreises unweit des Hauptgebäudes erhebt. Natürlich tut sich Ambrose dort zuallererst um und entdeckt Hinweise darauf, dass dieser Ort seinem Ahnen als eine Art magischer Bahnhof diente, an dem er unfreundliche Gäste aus fremden Welten zu empfangen pflegte.

Groß ist Ambroses Schrecken, als er erkennt, dass eine fremde Macht sich seines Geistes zu bemächtigen beginnt; Alijah ist offenbar weder fern noch so tot wie alle Welt dachte. Erschrocken ruft Ambrose seinen Vetter Stephen Bates aus Boston zu Hilfe. Dieser findet den Freund stark verändert vor und muss sich vorsehen – vor dem misstrauischen Ambrose, noch mehr aber vor den schauerlichen Gästen, die dieser aus dem längst weit in fremde, gefährliche Sphären geöffneten Turmportal auf die Erde herabgerufen hat …

Monster-Rumble in the Dschungle

Samuel Johnson und James Boswell, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann; Sherlock Holmes und Dr. Watson: Der Meister mit den großartigen Geistesblitzen und sein Schüler, der Chronist fungiert sowie die alltägliche Kärrnerarbeit leistet, für die das Genie (sich) zu schade oder schlicht untauglich ist: Diese Konstellation können wir in der Geschichte und in der Kunst zu allen Zeiten finden. Nun also Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und August William Derleth (1909-1971), ein ganz besonders skurriles Paar: der weltfremde „Einsiedler von Providence“ und … ja, wer eigentlich? Der Kenner des Unheimlichen schätzt Derleth als Gründer des legendären „Arkham House“, das klassischen und modernen Horror zu einer Zeit verlegte, als dieser sich keiner besonderen literarischen Wertschätzung erfreute. Er legte das Fundament für den Lovecraft-Kult, was verdienstvoll genug ist.

Von einer Hoffnung darf sich der Gruselfan freilich sogleich verabschieden: „Das Tor des Verderbens“ ist kein Werk des großen H. P. Lovecraft, das nach dessen Tod vom Freund und Vertrauten Derleth entdeckt, vollendet und veröffentlicht wurde. Diese fromme (und verkaufsförderliche) Mär hält sich nun schon viele Jahrzehnte, was wieder einmal beweist, dass Wünsche sich durchaus erfüllen können, wenn sie nur mit Inbrunst geäußert werden. Ein neue, bisher unbekannte Geschichte oder sogar ein Roman von Lovecraft wünschen sich alle Leser dieses längst als Kultautor heiliggesprochenen Mannes, der zu den fähigsten, aber leider nicht zu den fleißigsten seiner Zunft gehörte.

Tor mit geringer Sturzhöhe

Doch das „Tor des Verderbens“ hat einzig und allein August Derleth aufgestoßen. Dies muss auch deshalb festgehalten werden, um Lovecrafts literarischen Status zu sichern, denn die Lektüre dieses Romans könnte darüber ernste Zweifel entstehen lassen. (Hier kann sich der strenge Fan übrigens an einer Kampagne mit dem Titel „Remove H. P. Lovecraft’s Name from August Derleth’s Books“ beteiligen.)

Obwohl alle Zutaten einer typischen Lovecraft-Story – verwunschene Winkel am Ende der Welt, schleimige Urzeit-Götter, degenerierte Hinterwäldler, hirnhautsprengende Zauberbücher, allzu neugierige und/oder besessene Forscher – vorhanden sind, wollen sie sich einfach nicht zu jener Bedrohlichkeit verdichten, die der Meister (wenn er in Form war und seinen Hang zum überflüssigen Adjektiv im Griff behielt) so meisterhaft heraufbeschwören konnte. Schüler Derleth kennt die Regeln des kosmischen Horrors, den Lovecraft schuf, aber er versteht sie nicht wirklich, und er achtet sie nicht.

Statt sich auf Andeutungen zu beschränken, die jeder Leser selbst in Vertretung des typischen, d. h. vom Schrecken überwältigten Lovecraft-Helden zusammensetzen muss, wobei der Cthulhu-Kosmos stets rätselhaft-faszinierendes Stückwerk bleibt, strebt Derleth Ordnung im Chaos an – und entzaubert es dadurch gründlich: Große Alte und Äußere Götter stürmen das Turmportal in Billingtons Wald wie Hausfrauen die Kaufhaustüren am Schlussverkaufstag. Ein Finsterling wie Cthulhu ist gruselig, das wusste Lovecraft, aber bringt er seine rabaukigen Kumpane mit, können sie höchstens eine Geisterbahn betreiben, aber ganz sicher nicht die Welt in Angst & Schrecken versetzen!

Cover der Ausgabe von 1982

Imitat und Übertreibung

Abgesehen davon imitiert Derleth den verehrten Lehrer und Freund nicht nur im Guten, sondern stur auch im Schlechten: Lovecrafts Cthulhu-Storys sind primär Stimmungsbilder und Momentaufnahmen einer fiktiven Parallel-Genesis (die allerdings deutlich vor Adam und Eva beginnt). Die Handlung beschränkt sich meist darauf, dass ein Neugieriger die Nase allzu tief in kosmische Angelegenheit steckt und diese dann zusammen mit dem Kopf verliert. Kein Wunder also, dass Lovecraft nie einen Cthulhu-Roman geschrieben hat!

Auch Derleth hat die daraus erwachsende konzeptionelle Schwäche erkannt. „Das Tor des Verderbens“ ist kein Roman mit stringenter Handlung, sondern eine Sammlung dreier Novellen um das verhexte Billington-Haus, die sich zu einer Geschichte verbinden sollen. Das klappt aber nicht, weil Derleth nicht fähig oder mutig genug ist, seinem Publikum zu vertrauen. Er betrachtet es anscheinend als Bande von gedächtnisschwachen Tröpfen, denen er jedes Mal das gerade Gelesene noch einmal erzählen muss. Der (dritte) „Bericht des Winfield Phillips“ (dessen Namen Lovecraft ehren soll) liest sich entsprechend langatmig, zumal Derleth darüber sträflich die überzeugende Auflösung seines aufwändig inszenierten Geisterspuks vernachlässigt. Auffällig bricht die Handlung einfach ab, was man dem Verfasser einer Kurzgeschichte nachsehen würde. In einem Roman darf so etwas nicht geschehen!

Im Detail gelingt Derleth manchmal, was er im Gesamten vermissen lässt. Besonders Ambrose Dewarts Bemühungen, die Vergangenheit seiner seltsamen Sippe zu rekonstruieren, sind spannend zu verfolgen. Er muss sie aus Buch- und Zeitungsstudien, Interviews und archäologischen Vor-Ort-Studien mühsam zusammenflicken. Hier, wo man stets mehr ahnt als wirklich weiß, funktioniert die Geschichte. Und wenn man nicht ständig den Schatten des Meisters sucht, wird man sich auch sonst redlich unterhalten. August Derleth ist kein guter Schriftsteller, aber er gibt sich alle Mühe. Auf diesem Niveau kann sich „Das Tor des Verderbens“ allemal sehen bzw. sehen lassen – und der Originaltitel ist einfach genial!

Autor

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der englischen Literatur an der „University of Wisconsin“ auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von „Arkham House“ (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in „postumer Zusammenarbeit“ und baute den „Cthulhu“-Kosmos der „alten Götter“ eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt; einer Tatsache, der er sich selbst durchaus bewusst war.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

[md]

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