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neuauflage

Echo

Erstellt von Werner Karl am 30. November 2011

Jack McDevitt
Echo

(sfbentry)
Originaltitel: Echo (2005)
Aus dem Amerikanischen von Frauke Meier
Köln: Bastei Verlag 2011
Bastei Lübbe Taschenbuch 20646
Science Fiction
527 Seiten
ISBN 978-3-404-20646-9

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Der vorliegende Roman ist das fünfte, in sich abgeschlossene Abenteuer der Teams Benedict/Kolpath nach Die Legende von Christopher Sim (Bastei Lübbe TB 24134), Polaris (Bastei Lübbe TB 24349), Die Suche (Bastei Lübbe TB 24362) und Das Auge des Teufels (Bastei Lübbe TB 24386).

Der Antiquitätenhändler Alex Benedict und seine Assistentin Chase Kolpath, die wie immer als Ich-Erzählerin fungiert, werden wieder einmal durch Zufall auf ein altes Artfakt aufmerksam. Eine Steintafel mit merkwürdigen Schriftzügen soll verschenkt werden, die einst dem verstorbenen Forscher Somerset Tuttle gehörte, der sein Leben lang nach fremden Intelligenzen suchte und dazu den Weltraum bereiste.

Als Chase die Tafel jedoch an Tuttles ehemaligem Besitz abholen möchte, waren drei junge Leute schneller, Kolpath hat das Nachsehen. Alex und Chase eruieren schließlich, dass die Tafel in den Besitz von Rachel Bannister gelangt ist, einst Raumpilotin für ein Reiseunternehmen und zudem früher Tuttles Geliebte. Bannister wendet jeden Trick an, um Alex dazu zu bringen, von der mysteriösen Tafel abzulassen, was diesen nur um so sturer reagieren lässt. Ist die Tafel doch das Artefakt einer Alienkultur? Haben Tuttle und Bannister etwas entdeckt was so monströs ist, dass sie es verheimlichen mussten? Oder steckt ein anderes bedrohliches Mysterium hinter den Hieroglyphen? Als Mordanschläge auf Chase und ihren Chef verübt werden, wird beiden klar, dass ihre Nachforschungen ein gefährliches Ausmaß angenommen haben, zum Umkehren ist es jedoch längst zu spät…

Wie in allen Vorgängerbänden geht es auch bei Echo um die Suche nach fremden Zivilisationen und ungelösten Rätseln der Menschheitsgeschichte. Erneut verpackt McDevitt die extrem spannende Handlung in eine kriminalistische Struktur, welche den Leser bei Laune hält. Absolut meisterhaft ist dabei der Spannungsbogen gestaltet. Der Autor konstruiert diesen mit leichter Hand und kühlem Kopf bis zum schlussendlichen Höhepunkt der Erzählung.

Die dichte Atmosphäre, die glaubhaften Charaktere und die wunderbaren Handlungselemente verschmelzen bei McDevitt zu einer genialen Einheit, die optimalen Lesegenuss garantiert. Dazu kommen die hervorragenden Übersetzungen von Frauke Meier, die seit 2004 alle Romane bei Bastei von Jack McDevitt ins Deutsche überträgt, was nicht nur Kontinuität, sondern auch ein hohes Niveau garantiert.

Vor allem die Romane um das Team Alex Benedict/Chase Kolpath und die Geschichten um Priscilla “Hutch” Hutchins sind durchgängig famose SF-Unterhaltung. Deshalb muss auch an dieser Stelle wieder konstatiert werden: McDevitt ist definitiv der beste Abenteuer-SF-Schriftsteller der Gegenwart und einer der besten aller Zeiten.

Liste aller auf Deutsch erschienen Werke des Autors (bei Booklooker bitte Autorennamen mit eintragen):

Romane:
1.) The Hercules Text (1986) als Erstkontakt (1990): Bastei Lübbe Taschenbuch 24126.
2.) A Talent for War (1989) als Die Legende von Christopher Sim (1990): Bastei Lübbe Taschenbuch 24134 (Benedict/Kolpath 1).
3.) The Engines of God (1994) als Gottesmaschinen (1996): Bastei Lübbe Taschenbuch 24208 (Hutch 1).
4.) Ancient Shores (1996) als Die Küsten der Vergangenheit (1998): Bastei Lübbe Taschenbuch 24235.
5.) Eternity Road (1997) als Die ewige Straße (1998): Bastei Lübbe Taschenbuch 24245.
6.) Moonfall (1998) als Mondsplitter (2000): Bastei Lübbe Taschenbuch 24268.
7.) Infinity Beach (2000) als Spuren ins Nichts (2001): Bastei Lübbe Taschenbuch 24291.
8.) Deepsix (2001) als Die Sanduhr Gottes (2004): Bastei Lübbe Taschenbuch 24321 (Hutch 2).
9.) Chindi (2002) als Chindi (2004): Bastei Lübbe Taschenbuch 24328 (Hutch 3).
10.) Omega (2003) als Omega (2005): Bastei Lübbe Taschenbuch 24341 (Hutch 4).
11.) Polaris (2004) als Polaris (2006): Bastei Lübbe Taschenbuch 24349 (Benedict/Kolpath 2).
12.) Seeker (2005) als Die Suche (2007): Bastei Lübbe Taschenbuch 24362 (Benedict/Kolpath 3).
13.) Odyssey (2006) als Odyssee (2008): Bastei Lübbe Taschenbuch 24369 (Hutch 5).
14.) Cauldron (2007) als Hexenkessel (2008): Bastei Lübbe Taschenbuch 24377(Hutch 6).
15.) The Devil´s Eye (2008) als Das Auge des Teufels (2009): Bastei Lübbe Taschenbuch 24386 (Benedict/Kolpath 4).
16.) Echo (2010) als Echo (2011): Bastei Lübbe Taschenbuch 20646 (Benedict/Kolpath 5).

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

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Titel erhältlich bei Booklooker.de

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Hüter der Pforten

Erstellt von Michael Drewniok am 10. November 2011

James Turner (Hg.)
Hüter der Pforten
Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

(sfbentry)
Originaltitel: Tales of the Cthulhu Mythos (Sauk City : Arkham House 1990)
Deutsche Erstausgabe: 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 14877)
860 S.
ISBN-13: 978-3-404-14877-6
Sonderausgabe: 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Lübbe Stars 77081)
860 S.
ISBN-13: 978-3-404-77081-6

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Inhalt:

22 Kurzgeschichten nach dem Cthulhu-Mythos des H. P. Lovecraft (1890-1937):

- James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!): Vorwort zu dieser Sammlung

- H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928): Ein junger Mann, der eigentlich nur das Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss erfahren, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt.

- Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931): Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten.

- Clark Ashton Smith: Ubbo-Sathla (Ubbo Sathla, 1933): Ein mysteriöser Kristall ermöglicht den Blick zurück bis an den Anfang allen Lebens; der faszinierte Forscher bemerkt zu spät, dass es beim Zuschauen nicht bleibt.

- Robert E. Howard: Der schwarze Stein (The Black Stone, 1931): In einem düsteren ungarischen Tal hat sich eine uralte Kultstätte erhalten, die sich in bestimmten Nächten zum Portal in eine von furchtbaren Kreaturen bevölkerte Vergangenheit verwandelt.

- Frank Belknap Long: Die Hetzhunde von Tindalos (Hounds of Tindalos, 1929): Allzu neugierig ist ein Forscher, der mit Hilfe einer Droge in die Zeit zurückreist und herausfindet, wer tatsächlich hinter dem biblischen Sündenfall steckt.

- Frank Belknap Long: Die Raumfresser (The Space Eaters, 1928): Keinen Raum, sondern menschliche Gehirne fressen unfreundlichen Kreaturen, die dem ahnungslosen New York einen Besuch abstatten.

- August Derleth: Der Bewohner der Dunkelheit (The Dweller in Darkness, 1944): Auf dieser Erde gibt Schleusen in Regionen dessen Alls, dessen Bewohner ungebetenen menschlichen Gästen einen unerfreulichen Empfang zu bieten pflegen.

- August Derleth: Jenseits der Schwelle (Beyond the Threshold, 1941): In den Wäldern Neuenglands öffnet ein Forscher das Tor zu einer Welt, die von nur halb stofflichen aber übermächtigen Kreaturen aus der Urzeit des Universums bevölkert wird.

- Robert Bloch: Der Schlächter von den Sternen (The Shambler from the Stars, 1935): Wissen ist Macht; dieses alte Sprichwort bewahrheitet sich für einen Okkultisten, dem ein Zauberbuch ersehnte Gewissheiten und einen grausigen Besucher bringt.

- H. P. Lovecraft: Der leuchtende Trapezoeder (The Haunter of the Dark, 1936): In einer verrufenen Kirche haust das namenlose, aber ganz und gar nicht körperlose Grauen, wie ein Pechvogel erfährt, der es in seinem Versteck aufstört.

- Robert Bloch: Der Schemen am Kirchturm (The Shadow from the Steeple, 1950): 15 Jahre später versucht ein Freund des wie beschrieben zu Tode Gekommenen den Verbleib der schrecklichen Kreatur zu klären; zu seinem Unglück ist er erfolgreich.

- Robert Bloch: Das Notizbuch (Notebook Found in a Deserted House, 1951): Ein kleiner Junge wird tief im einsamen Wald von Anhängern eines grausamen Kultes gejagt; besagtes Notizbuch ist alles, was von ihm bleiben wird.

- Henry Kuttner: Das Grauen von Salem (The Salem Horror, 1937): Die neuenglische Stadt Salem wurde bekannt durch ihre Hexenverfolgungen. Dass dabei einige echte Zauberfrauen erwischt wurde, muss ein argloser Schriftsteller feststellen, als er ein Haus bezieht, in dem es angeblich umgeht.

- Fritz Leiber: Der Schrecken aus den Tiefen (The Terror from the Depths, 1976): Ausgerechnet unter den sonnenverwöhnen Hügeln Hollywoods finden zwei junge Männer den Zugang in ein düsteres unterirdisches Reich.

- Brian Lumley: Aufstieg mit Surtsey (Rising With Surtsey, 1971): Die Geburt einer neuen Insel im Atlantik kündigt die Rückkehr des Cthulhu und seiner Brut an.

- Ramsey Campbell: Schwarz auf Weiß (Cold Print, 1969): Ein prügelfreudiger Lehrer muss feststellen, dass Cthulhu Diener auch in einem schmuddeligen Hinterhof-Buchladen anwirbt.

- Colin Wilson: Die Rückkehr der Lloigor (Return of the Lloigor, 1969): Die Brut des Cthulhu wacht überall auf dieser Welt; hier ist es Wales, dessen Nähe zum tiefen Meer den fischigen Finsterlingen behagt.

- Joanne Russ: Mein Boot (My Boat, 1976): Im Zeichen der Gleichberechtigung ist es hier eine junge Frau nicht lange ungeklärter Herkunft, die ihre Freunde zu einer Reise zu ungewöhnlichen Orten einlädt.

- Karl Edward Wagner: Stecken (Sticks, 1974): Drei Jahrzehnte schleppt der bekannte Künstler die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis mit sich herum. Nun bietet sich ihm die Chance, sich seinen Ängsten erneut zu stellen, und er ist dumm genug, sie zu ergreifen.

- Philip José Farmer: Das Erstsemester (The Freshman, 1979): Auch Zauberer und Höllendiener müssen ihr Handwerk lernen – an einer Ausbildungsstätte der außergewöhnlichen Art.

- Stephen King: Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978): Ein verlassenes Dorf in der nordamerikanische Wildnis beschert dem Zuwanderer die Möglichkeit, längst verstorbene Familienmitglieder kennenzulernen.

- Richard A. Lupoff: Die Entdeckung der Ghoorischen Zone (Discovery of the Ghooric Zone, 1977): 2337 stößt die erste Weltraumexpedition zum lange unentdeckten zehnten Planeten unseres Sonnensystems vor, der sich als Heimat schon lange bekannter aber nicht beliebter Kreaturen entpuppt.

Ein halbes Jahrhundert qualliges Vergnügen

Diese einmalige Sammlung ermöglicht einen repräsentativen Überblick über die Entwicklung des Cthulhu-Mythos. Gestartet wurde er in den späten 1920er Jahren vom einmaligen H. P. Lovecraft, bereichert noch zu seinen Lebzeiten von seinen ‚Schülern‘ und fortgesetzt sowie erweitert von späteren Epigonen und Bewunderern. Der Bogen spannt sich auf diese Weise bis in die späten 1970er Jahre.

„Hüter der Pforten”, zuerst 1969 erschienen, aber zum 50-jährigen Jubiläum des Verlags Arkham House grundlegend überarbeitet und erweitert, gilt längst als Standardwerk. Diesen pompösen Titel sollte man freilich nicht überbewerten. „Hüter …“ belegt gleichermaßen Glanz und Elend einer Saga, deren Bedeutung für das phantastische Genre zwar erkannt aber nicht unbedingt von den begabtesten Vertretern der Schriftstellerzunft mit neuen Kapiteln bedacht wurde. Tatsächlich lassen sich die hier versammelten Geschichten in drei Kategorien einteilen.

Da sind zunächst die originalen Erzählungen von Lovecraft selbst, der sehr genau um das Potenzial seiner Schöpfung wusste und sie ebenso sorgfältig wie bedacht bruchstückhaft entwickelte. Es dürfte kaum wundern, dass Lovecrafts Werke die eindringlichsten sind; dieses Urteil basiert nicht unbedingt auf ihrem literarischen Wert (was immer das sein mag), respektiert aber ihre Kraft und – man darf dies nicht unterschätzen – ihre nostalgischen Anziehungskraft.

Kategorie 2 sammelt die sogenannten „Pastiches“: Storys, die sich möglichst eng an den Meister anlehnen und Lovecraft in Stil und Inhalt imitieren. Wie man sich denken kann, ist hier die Chance der Blamage besonders groß. Lovecraft gilt als Autor, dessen blumiger Stil sich leicht nachahmen lässt. Die Nagelprobe erweist, dass dem Original wohl doch einiges echtes Talent zugebilligt werden muss.

Die besten dieser neuen Cthulhu-Geschichten sind deshalb diejenigen, deren Verfasser eigene Wege zu gehen wagen. Der Purist (oder Pedant) mag das ketzerisch finden, aber findige Schreiber wie Robert Bloch, Fritz Leiber oder Richard A. Lupoff haben durchaus ihre Lücken gefunden. Sie schreiben den Mythos auf ihre Art fort und blasen den Muff davon.

Cover der Sonderausgabe von 2005

Zu den Autoren (1): Die Altmeister

Was lässt sich noch sagen über Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), den weltberühmten „Einsiedler aus Providence“, der im realen Leben scheiterte und dem es doch gelang, einen modernen Mythos zu erschaffen? Natürlich schlägt das Original allemal die Nachahmer, die beiden hier ausgewählten Storys verlieren deshalb auch bei ihrer wiederholten Lektüre nichts von ihrer Faszination.

Clark Ashton Smith (1893-1961) war nicht nur ein Freund H. P. Lovecrafts, sondern auch ein Schriftsteller mit eigenem Talent und Stil. Daher war es der reine Spaß an der Sache, der ihn zum Cthulhu-Kosmos trieb, während umgekehrt Lovecraft sich Smithscher Schöpfungen bediente. Als geschicktester unter den direkt imitierenden Autoren erweist sich überraschenderweise Robert Ervin Howard (1906-1936). Ihn kennt man als Schöpfer eher grobschlächtiger, meist scharfe Schwerter schwingender Schlagetots wie Conan, Bran Mak Morn oder die Rote Sonja. Mit „Der schwarze Stein“ trifft er Lovecraft verblüffend genau und präsentiert eine ruhige, sehr intensive und spannende Episode aus dem Cthulhu-Universum.

Frank Belknap Long (1901-1994) legt hier keine seiner besseren Arbeiten vor. In seiner fast siebzig Jahre währenden Karriere – die von Lovecraft persönlich mit angeschoben wurde – schrieb er wie so viele seiner Kollegen schlecht bezahlt und daher oft eher fleißig als inspiriert für die frühen Pulp-Magazine. Seine beiden Cthulhu-Storys verharren an der Oberfläche, versuchen oberflächlichen Grusel zu erzwingen, übertreiben dabei schamlos und lassen die Handlung sogar ins Lächerliche abrutschen.

Zu den Autoren (2): Die nächste Generation

August Derleth (1909-1971) erwarb sich ewigen Ruhm, indem er die Werke seines Meisters H. P. Lovecraft vor dem Vergessen rettete. Derleth verdankt Cthulhu letztlich den Aufstieg zum Mythos. Oft weniger erfreulich fielen dagegen eigene Versuche aus, diesen nach dem Tode Lovecrafts auszubauen. Die hier vorliegenden Stories sind fabelhaft in der Imitation aber schauderhaft in der Entwicklung. Derleth begriff nie, dass die Faszination der Saga zu einem großen Teil auf ihrer fragmentarischen Struktur basiert: Es kommen immer nur Mosaiksteinchen einer großen, unfassbaren kosmischen Wahrheit zu Tage. Derleth wollte dagegen Ordnung ins System bringen, erfand immer neue böse Götter, schuf Verbindungen, warf Licht ins Dunkel – und entzauberte das Mysterium, indem er es bannte und banalisierte.

Gleich drei Geschichten von Robert Bloch (1917-1994) enthält diese Sammlung; dies mit gutem Grund, denn dieser Vollprofi der Unterhaltungsliteratur („Psycho“ ist nur einer von vielen Geniestreichen) wurde von H. P. Lovecraft persönlich zum Schreiben ermuntert. Seine frühen Storys imitierten das große Vorbild, aber später machte sich Bloch frei und interpretierte den Cthulhu-Mythos auf eigene Weise. Seine lebenslange, wenn auch lockere Bindung krönte er 1978 durch den fulminanten Roman „Strange Eons“ (dt. „Cthulhus Rückkehr“).

Henry Kuttner (1914-1958), dessen Name und Werk heute nur noch den Kennern der Phantastik ein Begriff sind, schuf eine routinierte aber nicht raffinierten Story, die sich mehr als deutlich an Lovecrafts Story-Klassiker „Dreams in the Witch House“ (1933, dt. „Träume im Hexenhaus“) anlehnt, ohne die Großartigkeit des Vorbilds auch nur zu streifen.

Zu den Autoren (3): Die jungen Wilden

Obwohl noch ein Zeitgenosse Lovecrafts, bewegte sich Fritz Reuter Leiber, jr. (1910-1992) in den 1970er Jahren nicht mehr nur innerhalb der Grenzen des Cthulhu-Mythos‘, sondern interpretierte ihn neu und spielte mit ihm: „Der Schrecken aus den Tiefen“ ist auch ein Lovecraft-Kompendium, das praktisch sämtliche Originalstorys der Saga und ihre unglücklichen Protagonisten erwähnt und in die Handlung einfließen lässt.

Brian Lumley (geb. 1937) ist heute durch seine erfolgreiche „Necroscope“-Horrorserie bekannt. Darüber geriet in Vergessenheit, dass er einst als Lovecraft-Nachahmer startete. Ähnlich wie hierzulande Wolfgang Hohlbein (wenn auch auf ungleich höherem Niveau) schrieb er mit der „Titus-Crow“-Serie die Cthulhu-Saga fort und entzauberte sie durch allzu profane Eigenschöpfungen gründlich. „Aufstieg mit Surtsey“ gehört zu Lumleys besseren Werken und verbindet geschickt ein reales historisches Ereignis – Surtsey stieg 1963 in der Tat aus dem Meer – mit seiner Erzählung.

Ramsey Campbell (geb. 1946) legt eine der für ihn typischen Kurzgeschichten vor, in denen sich das Grauen fast unmerklich in den Alltag einschleicht. Da dieser meisterhaft so grau und öde dargestellt wird, wie dies kaum einem anderen Autoren gelingt, müsste der Tod im Grunde eine Erlösung für den Campbell-typisch seelisch verkümmerten und beschädigten ‚Helden‘ bedeuten, doch dem ist ganz und gar nicht so; stattdessen ist das Ende bitter und schmutzig. Die Einbindung in den Cthulhu-Mythos ist überflüssig und wirkt hier aufgesetzt.

Colin Wilson (geb. 1931) verknüpft in Lovecraftscher Manier fiktives Geschehen mit ‚historischen‘ Quellen, die selbstverständlich ebenfalls erfunden oder verändert wurden. Es entsteht eine alternative Geschichte, die ungemein fesselt, weil sie immerhin möglich erscheint. Wilson übertreibt es freilich ein wenig mit den Anspielungen. Während Wales als Ort der Handlung überzeugt (Arthur Machen wurde von Lovecraft gelobt und als Vorbild betrachtet), mündet das Finale der allzu breit angelegten Erzählung in ein abruptes Ende, wie es Lovecraft nicht schlechter hätte schildern können.

Zu den Autoren (4): Die Außenseiter

Joanna Russ (1937-2011): Die einzige Frau, die in dieser Sammlung vertreten ist, stellt erwartungsgemäß (aber nicht krampfhaft) eine weibliche Hauptfigur in den Mittelpunkt. Zweifellos war und ist die literarische Welt des Cthulhu primär eine männliche, was in der Tat unlogisch erscheint. Dass weibliche Protagonisten durchaus ihren Platz im Mythos finden können, beweist Russ mit dieser ebenso eindringlichen wie famos geschriebenen Geschichte, die sich stärker auf Lovecrafts Alternativ-Erde stützt, wie er sie vor allem in der Novelle „Die Traumfahrt ins unbekannte Kadath“ schilderte.

Karl Edward Wagner (1945-1994), der allzu früh verstorbene Kenner der „Weird Fiction“ und Schöpfer des ungewöhnlichen Fantasy-Barbaren Kane (stark UND intelligent), glänzt mit einem Lovecraft-Pastiche, das seine unerhört düstere, beunruhigende Atmosphäre bis ins leider schwache, allzu vorhersehbare Finale retten kann.

Philip José Farmer (1918-2009) hätte man in dieser Sammlung nicht erwartet, gilt er doch vor allem als einer der Großen der Science Fiction. Bekannt ist er allerdings auch für seine literarische Experimentierfreude. Hier verkehrt er die Perspektive der üblichen Cthulhu-Erzählung ins Gegenteil: Zwanglos bewegen wir uns unter den Jüngern der „Großen Alten“ und siehe da – es sind auch nur Menschen, wobei Farmer das Kunststück gelingt, sie deshalb nicht weniger bösartig zu schildern.

Sollten wir überrascht sein, dass Stephen King (geb. 1947). der Meister des ‚modernen‘ Horrors, sein Schriftstellerhandwerk gut genug beherrscht, um diese im 19. Jahrhundert angesiedelte Geschichte stilvoll und trotzdem handfest über die Runden zu bringen? Die Bürger von Salem’s Lot werden einhundert Jahre später zwar andere – Vampire – geworden sein, was diesen Ort auch nicht gastfreundlicher werden lässt.

Richard Allen Lupoff (geb. 1935) überrascht mit einer fulminanten Story, die den Cthulhu-Mythos besonders eigenständig interpretiert. „Die Entdeckung …“ ist dabei nicht nur Science Fiction vom Feinsten, sondern auch ein Rückblick auf 400 Jahre zukünftige Menschheitsgeschichte. Damit nicht genug: Lupoff schafft es zusätzlich, die Kurve zum ‚klassischen‘ Horror Lovecrafts zu finden, der als Ausklang dieser fabelhaften Sammlung die ihm gebührende Würdigung erfährt.

[md]

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Der Schattensee

Erstellt von Michael Drewniok am 3. November 2011

Manly Wade Wellman
Der Schattensee

(sfbentry)
Originaltitel: The Beyonders (New York : Warner 1977)
Übersetzung: Eva Schwarz
Deutsche Erstausgabe: 1980 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek 70022)
188 S.
ISBN-13: 978-3-404-70022-6

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Das geschieht:

Sky Notch ist ein kleiner Flecken in den Appalachen, einem Mittelgebirge im Osten Nordamerikas. Knapp 250 Bürger führen ein beschauliches Leben abseits der modernen Hektik. Man kennt einander; dazu gehört, dass man die Eigenheiten des Nachbarn respektiert und keine neugierigen Fragen stellt. Abseits von Sky Notch und noch abgelegener auf einem Hügel liegt die Kolonie der „Kimber“, einer Sekte, die mit den Dorfbewohnern einen freundlichen aber distanzierten Umgang pflegt. Die Ankunft eines neuen Bürgers ist in Sky Notch eine Sensation. James Crispin, ein Kunstmaler, sucht die ländliche Ruhe, um neue Eindrücke zu sammeln. Von den Bürgern wird er gastlich empfangen, er fügt sich gut in diese Gemeinschaft ein.

Leider ist Crispin ein Betrüger. Er gehört zur menschlichen Vorhut einer Invasion, die Wesen aus einem fremden Universum planen. Eine Art Dimensionsriss hat sich ausgerechnet an dem Höhlensee gebildet, in dem die Kimber ihre rituellen ‚Taufen‘ zelebrieren. Die Fremden tragen schwere metallene Anzüge, die sie vor der für sie tödlichen Erdatmosphäre schützen. Sie sind auf die Unterstützung menschlicher Kollaborateure angewiesen, die sie mit der Zusicherung von Reichtum und Privilegien ködern. Notfalls greifen sie mit unheimlichen Waffen selbst ein.

Mark „Gander Eye“ Gentry aus Sky Notch lernt die ungebetenen Gäste zuerst kennen. Er ist es auch, der Verdacht schöpft, als James Crispin die Bürgern des Städtchens dazu überredet, gewisse Veränderungen zulassen und unterstützen: Sky Notch soll zu einer „Relaisstation“ ausgebaut werden, durch welche die Fremden in Scharen auf die Erde dringen wollen. Gentry plant den Widerstand, aber die Schattenwesen und ihre Verbündeten haben Sky Notch hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Wer nicht für sie ist, gilt als Feind und wird als solcher behandelt. Gewalt entlädt sich, als der Kampf um die Freiheit der Erde beginnt …

Kleine, harte aber heile Welt

Es gibt Bücher, die man nur liest, weil man unbedingt wissen möchte, wie sie enden – dies nicht, weil sie so spannend sind, sondern weil man fasziniert ist von einer irrwitzig wirren Handlung, von bohnenstrohdummen Figuren oder einem Schreibstil, der gegen jegliche Regeln der Unterhaltungsliteratur verstößt. „Der Schattensee“ gehört definitiv zu diesen Büchern. Dem Leser wird das leider erst recht spät klar, denn die Story beginnt verheißungsvoll. Sein Leben lang beschäftigte sich Manly Wade Wellman mit der Folklore der südlichen Vereinigten Staaten. Das dabei gewonnene Wissen ließ er in seine Geschichten einfließen, was ihnen Authentizität und eine überzeugende Hintergrundstimmung verlieh. So streut Wellman auch in „Der Schattensee“ u. a. Liedtexte ein, die Zusatzinformationen über Land & Leute vermitteln. Die Bewohner von Sky Notch wirken nie wie beschränkte Hillbillys, sondern sind sympathisch als leicht verschrobene, aber in sich und in ihrer kleinen Welt ruhende Individuen.

Die Geschichte selbst fängt einfach aber klassisch an. Wellman stellt Sky Notch und seine Bewohner vor; ganz ruhig führt er in die Handlung ein. Die mag nicht gerade komplex sein – Außerirdische greifen die Erde an und werden zurückgeschlagen –, aber dies ist noch kein Hinweis darauf, was der Autor aus der Ausgangsidee macht.

Trash as Trash Can

Nachdem Wellman zwei Drittel des Textes niedergeschrieben hatte, haben ihn anscheinend Inspiration und Interesse simultan verlassen. Anders lässt sich das Fiasko, das er nunmehr anrichtet, schwer erklären. Halten wir fest: Zwei Universen treffen in den Bergen von Sky Notch aufeinander. Ein Portal öffnet sich, fremde Wesen werden aufmerksam, ihnen gelingt der Übergang. Was wollen sie hier? Welchen Sinn macht es, die Erde zu erobern, auf der sie nicht leben können? Diese einfache aber kluge Frage stellt auch eine der Figuren. Die Antwort fällt unklar aus; demnach wollen die Wesen einfach die Menschheit unterjochen.

Dass sie scheitern, erscheint nur gerecht, da sie sich ausgesprochen dämlich anstellen. Sie können sich nur schwerfällig und in schwerer Panzerung in der giftigen Erdenluft bewegen. Ein Flintenschuss reicht aus, diesen Schutz zu durchlöchern, worauf die Wesen tot umfallen. Als menschliche Helfershelfer stellen sie ausschließlich kriminelle und/oder hirnschwache Strolche an. Das müssen sie auch, wie wir sogleich verstehen, wenn wir sie dabei beobachten, wie sie neue Söldner anheuern: Sie werfen ihnen Goldklumpen vor die Füße. Auf welche Weise sie anschließend präzise Anweisungen geben, darüber schweigt sich Wellman aus; in Sky Notch bleiben die Fremdlinge jedenfalls stumm.

So ist es wahrlich kein Wunder, dass die große Attacke auf die Erde auf uramerikanische Art mit einigen Bleikugeln abgewehrt wird. Auf der Strecke bleiben nicht nur die Außerirdischen, sondern auch Story und Leser, denn während die eine sich in Luft auflöst, bleiben die anderen verblüfft – und verärgert – zurück.

Loblied auf das einfache Leben

Das einfache Leben schafft zufriedene Menschen, und zufrieden bleiben sie, solange ihr Leben einfach bleibt – der perfekte Ringschluss oder die Quadratur des Kreises, den die Bürger von Sky Notch entdeckt haben, während die hektischen Stadtmenschen ihn weiterhin vergeblich suchen. „Gander Eye“ Gentry und seine Freunde haben es sogar versucht in der Fremde; sie sind nicht immun gegen die Verlockungen guten Lohns und lockerer Frauen. Doch die Luft ist schal, das Wasser schmeckt nicht, die Menschen jagen dem schnöden Dollar nach: Nein, am schönsten ist’s doch zu Haus, wo man sich einen Hirsch zum Mittagessen schießt und abends mit seinen Freunden uralte Volkslieder spielt und singt. Wie schon gesagt wirken Wellmans Figuren nicht lächerlich. Ihre Bedürfnisse sind einfach, doch sie sind keine fremdenfeindlichen Hinterwäldler. Selbst die Kimber entpuppen sich als religiöse Fundamentalisten, die fähig sind zu lernen und einzusehen, dass sie Fehler machen.

Mark Gentry und James Crispin bilden die beiden Hauptpersonen dieser Geschichte. Sie könnten Brüder sein, sie konkurrieren um dieselbe Frau, sie sind – ob als Musiker oder Maler – tief in der Kunst verwurzelt. Doch Crispin ist gleichzeitig Gentrys dunkles Spiegelbild, denn er hat seine Ideale verraten und sich kaufen lassen. Erst spät – und für ihn zu spät – kehrt er zu ihnen zurück und findet wenigstens seine Selbstachtung wieder.

Plan B nach Schema F

Profillos bleiben die Nebenfiguren. Da haben wir den weisen, alten Doktor, der in heikler Lage stets ein As aus dem Ärmel zu zaubern weiß, Gentrys fröhlich-unbedarfte Saufkumpane, den bauernschlauen Ladenbesitzer sowie selbstverständlich die Dorfschöne, die maßvoll emanzipiert ist doch vor allem nach Mr. Right sucht. Auf der anderen Seite steht Struwe, ein Bösewicht wie aus der Kinderstunde, der nicht Furcht verbreitet sondern lachhaft wirkt mit seinen Andeutungen und Drohungen, hinter denen letztlich nichts Konkretes steckt. Noch schlimmer sind seine (glücklicherweise nur kurz auftretenden) Spießgesellen, die mit hochmodernen Uzi-Maschinenpistolen durch Sky Notch schleichen und von Gander Eye Gentry mit seiner musealen Muskete über den Haufen geschossen werden.

So ist „Der Schattensee“ ein wenig zu deutlich das Werk eines Schriftsteller-Haudegens, der sein Handwerk in den Pulp-Magazinen der 1920er und 30er Jahre gelernt und wenig dazugelernt hat. „Der Schattensee“ entstand 1977, wirkt aber sehr viel älter bzw. altmodischer. Zum Klassiker ist dieser Roman nicht geadelt; die Chancen, dass dies noch geschehen wird, stehen schlecht. Insofern ist eine Lektüre interessant, wenn man das Paradebeispiel eines zu Recht vergessenen Buches kennen lernen möchte. Nur: Ist das eine Motivation, die unter den Lesern eine Mehrheit findet?

Autor

Manly Wade Wellman wurde am 21. Mai 1903 in Kamundongo geboren, das zu diesem Zeitpunkt zum portugiesischen Kolonialreich in Westafrika gehörte. (Heute liegt es in Angola.) Sein Vater war dort Missionsarzt, der Sohn verlebte eine faszinierende Kindheit, die viel Stoff für spätere Abenteuergeschichten bot. Wellmans Wanderlust blieb akut, nachdem er in den 1920er Jahren in die USA ging und dort Schule und College besuchte.

Beruflich wurde Wellman als Journalist tätig. Die Große Depression kostete ihn den Job; im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms wurde er in führender Position für das „New York Folklore Project“ tätig. Seit 1927 veröffentlichte Wellman phantastische Kurzgeschichten in den Pulp-Magazinen seiner Zeit. Darüber hinaus schrieb er Comics. Nach dem II. Weltkrieg zog es ihn mit seiner Familie in den Süden der USA, wo er seine folkloristischen Studien und seine schriftstellerische Arbeit fortsetzte. Bis ins hohe Alter blieb Wellman aktiv. Anfang 1986 verletzte er sich bei einem Sturz so unglücklich, dass er nicht mehr gesundete und am 5. April starb.

In sechs Jahrzehnten hatte er Romane und Storys in praktisch allen Genres der Unterhaltungsliteratur geschrieben. Die meisten Werke waren für den schnellen Konsum gedacht und können heute nicht mehr fesseln. Doch Wellmans Talent, sein historisches und folkloristisches Wissen zu nutzen, verband sich manchmal mit einem Stoff, der genau dies zum Tragen kommen ließ. 1946 gewann er den „Ellery Queen Mystery Magazine Award“ und deklassierte einen indignierten William Faulkner, der sich mit dem zweiten Platz zufrieden geben musste. (Immerhin verlieh man ihm drei Jahre später einen Nobelpreis …)

Über M. W. Wellmans Leben und Werk informiert diese liebevoll aufgemachte und informative Website.

[md]

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Die Marionettenspieler

Erstellt von Michael Drewniok am 21. Oktober 2011

Robert A. Heinlein
Die Marionettenspieler

Weltraummollusken erobern die Erde

(sfbentry)
Originaltitel: The Puppet Masters (New York : Doubleday 1951)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Weltraummollusken erobern die Erde“): 1957 (Gebrüder Weiß Verlag)
Übersetzung: Margaret Auer
266 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1965 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Science Fiction 06/3043)
Übersetzung: Margaret Auer
172 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Science Fiction 06/3043)
Übersetzung: Margaret Auer
190 S.
ISBN-13: 978-3-453-30010-1
Überarbeitete Neuausgabe: 1994 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Science Fiction Nr. 21211)
Übersetzung: Margaret Auer u. Marcel Bieger
301 S.
ISBN-10; 978-3-404-21211-8

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Das geschieht:

Im schönen US-Staat Iowa landen heimtückische Invasoren aus dem Weltall: schleimige, schneckenähnliche Parasiten, die sich ihrem menschlichen Wirt zwischen die Schulterblätter setzen, das Rückenmark anzapfen und die Hirnsteuerung übernehmen. Aus einem freien Bürger wird ein Sklave – eine entsetzliche Vorstellung für jeden guten US-Amerikaner!

Glücklicherweise gibt es in diesem großartigen Land eine gute Spionageabwehr; so geheim, dass nicht einmal der eigene Geheimdienst über ihre Existenz informiert ist. Starke Männer und auch Frauen arbeiten unermüdlich rund um die Uhr für die Freiheit der Heimat. Weil ihnen nicht das Joch schwächender Gesetze aufgezwungen wurde, wie es liberale Freidenker und andere verdächtige Zeitgenossen gern fordern, können sie allein effektiv der schleichenden Bedrohung entgegentreten.

Die Agenten Elihu und Mary reihen sich unter Leitung des unbarmherzig tüchtigen Andrew Nivens (Elihus Vater) in die Reihen der Verteidiger ein. Die Invasoren haben inzwischen Verstärkung aus dem All bekommen. Sie attackieren vor allem den Präsidenten und den Kongress, um so Amerika von oben her zu erobern. Aber die Verteidiger schlafen nicht. Als Elihu von einem Parasiten übernommen wird, kann man ihn fangen und aushorchen. Die Fremden scheinen eine Art Kollektivintelligenz zu sein; sie wollen oder können nicht verhandeln, sondern sind darauf geprägt, ihre Opfer zu übernehmen. So müssen die Menschen sie entweder vernichten oder untergehen.

Immerhin gelingt es, die Heimat der Unholde zu identifizieren: Auf Titan, dem sechsten Mond des Planeten Saturn, hausen sie. Dumm nur, dass es der Mensch so weit hinaus in den Weltraum bisher nicht geschafft hat. Jetzt wird er es versuchen, denn es droht der Tag, an dem die Erde von den Eindringlingen unterworfen worden ist …

Sie kommen! Was tun?

Die Invasion aus dem All ist eine Schreckensvision, die den Menschen begleitet, seit ihm die Existenz unendlich vieler Welten bewusst wurde. Was von weit draußen kommt, ist fremd, damit verdächtig und quasi zwangsläufig eine Gefahrenquelle: Seit jeher projiziert der Mensch seine eigenen Motive auf potenzielle Besucher aus anderen Welten. So ist „The War of the Worlds“ (1898, dt. „Krieg der Welten“), DER SF-Invasionsklassiker von Herbert George Wells (1866-1946), durchaus als sozialkritisch verkappte Kritik zu lesen: Hier sind es zur Abwechslung einmal imperialistische Marsianer, welche die Kolonie Erde ausbeuten wollen.

Auch Robert A. Heinlein möchte mehr aus eine spannende Abenteuergeschichte aus der (nahen) Zukunft vorlegen. Allerdings kann man ihn ganz gewiss kein liberales Denken vorwerfen. Heinlein war ein strikter Befürworter „demokratischer Diktatoren“. Eine mehrheitlich gewählte Regierung: gut und schön und ein Indiz für freie Bürger, aber in der Krise sollten doch besser nur einige wenige Spezialisten das Sagen haben. In unserem Fall führt das zur Existenz einer Spionageabwehr, die vor besagten Bürgern sorgfältig geheim gehalten wird (auch wenn sie dafür mit ihren Steuern bezahlen dürfen). Auch Heinleins abfällige Schilderung einer Kabinettssitzung, in der ein rasches Handeln gegen die Invasoren zu Tode debattiert wird, bis unsere markigen Helden die Schwatzbude aufmischen, sagt viel über sein chronisches Misstrauen gegenüber dem (verweichlichten) Establishment aus.

Cover der dt. Erstausgabe (mit freundl. Genehmigung von www.sf-leihbuch.de)

Kalte Krieger mit heißen Waffen

So muss es angeblich sein in dieser Welt, denn die Fechter für Frieden & Freiheit sind von erbarmungslosen Feinden umzingelt. Falsche Rücksicht und Pardon dürfen nach Heinlein nicht gegeben werden. Die eigentlichen Puppenspieler spinnen ihre Intrigen ohnehin nicht auf Titan, sondern im sowjetischen Kreml zu Moskau: US-Invasions-SF der 1950er und 60er Jahre ist stets auch die verschlüsselte Warnung vor dem roten, roboterhaften Feind, der die westliche Welt dem Sozialismus unterwerfen will. Der Kalte Krieg der Gegenwart wurde auch in der Unterhaltungsliteratur der Gegenwart geführt.

„Watch the Skies!“ heißt es denn sehr deutlich im Kinoklassiker „The Thing“ (1951; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“). Weitere Warner waren John Wyndham („The Midwich Cuckoos“; 1957, dt. „Kuckuckskinder“) Algis Budrys („Who?“; 1958, dt. „Zwischen zwei Welten“) oder Jack Finney („The Body Snatchers“; 1952, dt. „Die Körperfresser kommen“); alle diese Romane wurden verfilmt, nicht selten sogar mehrfach.

Rücksicht ist Schwäche

Als Geschichte ist „Die Marionettenspieler“ ein zwiespaltiges Vergnügen. Dies ist keiner von Heinleins Romanen für die Jugend, die mit heute nur schwer erträglicher Penetranz junge Leser zu kleinen Eierköpfen mit militärischen Qualitäten erziehen sollten. Hier geht es ‚erwachsen‘ und erst recht rüde zur Sache.

An sich sind flottes Tempo oder dramaturgisch begründbare Gewalt einem simplen Unterhaltungsroman förderlich. Heinlein hält sich nicht einmal mit einer Vorgeschichte auf. Er springt sogleich in die Handlung, die er mit simplen Mitteln vorantreibt. Seltsame logische Risse im Gewebe irritieren den Leser dabei sehr. Was sind das eigentlich für (armlose) Invasoren, die Raumschiffe bauen können und sich doch umständlich als Parasiten durchschlagen müssen? Ist es wirklich nötig, befallene Mitbürger vorsichtshalber mit der Strahlenpistole „niederzusengen“?

Dass ein ordentlicher Stromschlag oder ähnliche ‚Anregungen‘ in den USA sehr beliebt sind, um verstockte Gefangene (= Terroristen) zum Reden zu bringen, ist dagegen 1 : 1 aus der Realität übernommen. Denn merke: Der Feind schläft nie, und er hat keine Skrupel, die du folglich ebenfalls überwinden solltest!

Robert A. Heinlein ist gewiss kein Schriftsteller, der jemals seine Zustimmung dem politisch korrekt denkenden Zeitgeist geschenkt hätte. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die meiste Zeit seines Lebens gehörte er dem Lager der Rechtskonservativen an, die seit jeher davon überzeugt sind, im Alleinbesitz des Schlüssels für das Paradies auf Erden zu sein.

1951 hatten sie politisch, wirtschaftlich und vor allem auch kulturell in den USA das Sagen. Die Konsequenz stellt Heinlein uns in seinem Mikrokosmos der „Puppenspieler“ vor: Junge, starke Menschenkinder füllen flink und ohne Fragen zu stellen Befehle aus, die ihnen kluge Leitbullen erteilen. Andrew Nivens, genannt „der Alte“, ist das Paradebeispiel des Heinleinschen „Führers“, der keineswegs faschistoid, sondern im Namen des gesunden Menschenverstandes auf seine Oberhoheit pocht.

Nivens würde sich niemals hinter seinen Untergebenen verstecken. Ihnen mutet er nur zu, was er selbst zu geben bereit ist. Freilich ist das stets mehr als man für menschenmöglich und vor allem -würdig halten würde. „Der Alte“ handelt nach der Maxime: Was sein muss, muss eben sein. Rücksicht kennt er um der Sache willen nicht. Er grämt sich um jeden Agenten, den er in einen Todeseinsatz schickt, hat aber nie Skrupel, das zu wiederholen. Der eigene Sohn ist davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Den jungen Elihu fasst der Vater erst recht hart an, denn mehr als dessen Tod im Einsatz fürchtet er den Verdacht der Bevorzugung oder Vetternwirtschaft.

Cover der TB-Ausgabe von 1965 (Sammlung md)

Junge Helden an der Leine

Elihu selbst ist das perfekte Produkt seiner autoritären Erziehung. Fast blindwütig stürzt er sich in jede Gefahr, wenn ihm „der Alte“ (= das System) den Befehl dazu gibt. Muckt er mal auf, erteilt ihm Nivens Senior umgehend eine hochmoralische Lektion, die den Rebellen beschämt nachgeben lässt. Seine skrupellose Manipulation durchschaut er, aber er akzeptiert sie, denn Schmerz und Demütigung lassen sich ertragen, solange man sie für die gerechte Sache, sein Land oder sonstige andressierte Ideale erleidet.

Mary ist eine interessante Figur. Zwar tanzt sie genauso nach der Pfeife des „Alten“ (Wer sind eigentlich die wahren „Puppenspieler“ in dieser Geschichte …?), aber sie ist eine für die Entstehungszeit dieses Romans erstaunlich emanzipierte Person. Sie bringt den Helden nicht den Kaffee, sondern agiert an der Front mit – eines der verblüffenden Details, die mit dem Steinzeit-Weltbild des angeblichen Science Fiction-Visionärs Heinlein versöhnen.

Handlung im logischen Nirwana

Wann spielen die „Marionettenspieler“ eigentlich? Unsere Agenten jagen mit „Flugwagen“ durch die Gegend, später geht es auch ins All; es muss also irgendwann in einer nahen Zukunft zur Sache gehen. Andererseits schildert Heinlein Figuren in Umgebungen und Situationen, die selbst 1951 bereits altmodisch gewirkt haben müssen. Das mag daran liegen, dass spießbürgerlich geglättete Gesellschaften stets extrem rückständig wirken.

Insgesamt erschöpft sich der Unterhaltungswert im Miterleben eines nostalgisch angestaubten SF-Garns. „Die Marionettenspieler“ ist eine lohnende Lektüre für jene, die ein Standardwerk des Genres kennenlernen möchten. Ansonsten ist Heinlein wohl kein liebenswerter Zeitgenosse aber ein fähiger Schriftsteller gewesen. Er versteht sein Handwerk und überrascht immer wieder mit stimmungsvollen Szenen (sehr gelungen ist z. B. die Darstellung des ‚besessenen‘ Elihu Nivens) und (s. o.) originellen Einfällen.

Cover der Heyne-Ausgabe von 1979

Autor

Angesichts der Länge dieses Textes wird auf die übliche Kurzbiografie verzichtet. Robert Anson Heinlein (1907-1988) vorzustellen wäre ohnehin in Kürze unmöglich. Er gehörte ein halbes Jahrhundert zu den ganz Großen der Science Fiction. Seine Karriere begann im „Goldenen Zeitalter“ noch vor dem II. Weltkrieg. Was die SF heute geworden ist, verdankt sie zu einem guten Teil diesem Mann. Fast dreißig Jahre blieb er einer ihrer Schrittmacher; dann begann ein unaufhaltsamer, bedrückender Niedergang, aber das ist eine andere Geschichte.

In Robert A. Heinleins Leben und Werk führen u. a. diese Websites ein:

Website 1 (dt.)
Website 2 (dt.)
Website 3
Website 4

[md]

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Schatten über Baker Street

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Oktober 2011

Michael Reaves/John Pelan (Hgg.)
Schatten über Baker Street
Mörderjagd in Lovecrafts Welten

(sfbentry)
Originaltitel: Shadows Over Baker Street: New Tales of Terror! (New York : Ballantine Del Rey 2003)
Übersetzung: Stefan Bauer, Linda Budinger (2), Alexander Lohmann (2), Armin Patzke (9), Michael Ross, Ralph Sander (2), Marianne Schmidt
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15387)
541 S.
ISBN-13: 978-3-404-15387-9

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Inhalt:

Arthur Conan Doyle meets H. P. Lovecraft: 18 neue Storys um Sherlock Holmes, der dieses Mal keinen Kriminellen das Handwerk legt, sondern mit den Umtrieben des außerirdischen Krakengottes Cthulhu konfrontiert wird:

- Einleitung (von John Pelan und Michael Reaves), S. 9-11

- Neil Gaiman: Eine Studie in Smaragdgrün (A Study in Emerald), S. 13-42: Wer ist der Terrorist, der im London des Jahres 1888 brave Untertanen Ihrer Majestät Cthulhu aufschlitzt? Detektiv Holmes ermittelt im Auftrag einer besonderen Queen.

- Elizabeth Bear: Tiger! Tiger! (Tiger! Tiger!), S. 43-72: Das „Große Spiel“ europäischer Geheimdienste findet auch im fernen Indien und unter Einsatz schwarzer Magie statt.

- Steve Perry: Der Flammendolch (The Case of the Wavy Black Dagger), S. 73-86: Ohne sich aus seinem Sessel zu erheben, ficht Sherlock Holmes ein Duell mit dem härtesten Gegner seines Lebens aus.

- Steven Elliot Altman: Ein Fall von königlichem Blut (A Case of Royal Blood), S. 87-126: Die niederländische Kronprinzessin wird von einem Poltergeist verfolgt; ein Fall für Sherlock Holmes und … H. G. Wells!

- James Lowder: Die weinenden Masken (The Weeping Masks), S. 127-154: Unter welchen unheimlichen Umständen Dr. John Watson in Afghanistan verwundet wurde, hat er seinem allzu rationalen Freund Sherlock Holmes später niemals erzählt.

- Brian Stableford: Kunst im Blut (Art in the Blood), S. 155-180: Es gibt fähige Seeleute und es gibt Menschen, denen steckt das Meer im Blut – Sherlock Holmes lernt, dass es da einen lebensbedrohlichen Unterschied gibt.

- Poppy Z. Brite/David Ferguson: Das fastende Mädchen (The Curious Case of Miss Violet Stone), S. 181-202: In schlammiger Urzeit ist ein Experiment außerirdischer Erdbesucher gescheitert; Sherlock Holmes soll’s nunmehr richten.

- Barbara Hambly: Die Nichte des Altertumsforschers (The Adventure of the Antiquarian’s Niece), S. 203-238: Der böse Onkel sucht ein Opfer für seine in jeder Hinsicht unterirdischen ‚Gäste‘; eine schöne Nichte ist ebenso tauglich wie ein älterer Militärarzt, der sich als Schriftsteller betätigt.

- John Pelan: Das Geheimnis des Wurms (The Mystery of the Worm), S. 239-256: Welche Lebensform könnte es sein, die von Stahl fressenden Parasiten geplagt wird? Holmes & Watson finden es (beinahe) heraus.

- Paul Finch: Das Rätsel des Gehängten (The Mystery of the Hanged Man’s Puzzle), S. 257-300: Ein düpierter Strolch stellt Sherlock Holmes in der Todeszelle eine Aufgabe; sollte dieser scheitern, verurteilt er die Bürger von London zu einem grausigen Ende.

- Tim Lebbon: Das Grauen hat viele Gesichter (The Horror of the Many Faces), S. 301-330: Die Realität des Irrationalen schreckt Sherlock Holmes mehr als jeder außerirdische Horror.

- Michael Reaves: Das Manuskript des Arabers (The Adventure of the Arab’s Manuscript), S. 331-362: Watsons alte Liebe aus dem Orient hat sich sehr zu ihrem Nachteil verändert; sie fahndet nun in England nach dem Zauberbuch eines gewissen Abdul al-Hazred.

- Caitlin R. Kierman: Der ertrunkene Geologe (The Drowned Geologist), S. 363-384: Allzu großer wissenschaftlicher Eifer kann tödlich enden, wie ein begeisterter Erforscher seltsamer Fossilien erfahren muss.

- John P. Vourlis: Ein Fall von Schlaflosigkeit (A Case of Insomnia), S. 385-418: Seit der großen Mondfinsternis schlafen die Bewohner eines kleines Ortes nicht nur schlecht, sondern werden auch von einer grässlichen Bestie geplagt.

- Richard A. Lupoff: Das Voorische Zeichen (The Adventure of the Voorish Sign), S. 419-452: Nur Sherlock Holmes kennt jene Geste, die das Tor zwischen den Dimensionen öffnet, aber kann er es auch wieder schließen?

- F. Gwynplaine MacIntyre: Entscheidung auf Exham Priory (The Adventure of Exham Priory), S. 453-476: Holmes‘ Erzfeind Professor Moriarty lebt und hat wahrlich unirdische Unterstützung in seinem Kampf gegen Recht & Gesetz gefunden.

- David Niall Wilson/Patricia Lee Macomber: Der Tod steht ihm nicht gut (Death Did Not Become Him), S. 477-510: Die Idee, einen Erbstreit durch die Auferstehung der verstorbenen Erblassers zu entscheiden, klingt logisch, doch zeigt sich der lebende Leichnam höchst eigensinnig.

- Simon Clark: Albtraum auf Wachs (Nightmare in Wax), S. 511-532: Sehr modern auf Wachswalzen festgehalten, findet vor den gebannten Zuhörern ein weiterer Kampf zwischen Sherlock Holmes und Professor Moriarty statt.

- Die Autoren, S. 533-541

Holmes und Cthulhu? Passt das zusammen?

Vermutlich musste es so kommen: Der größte der klassischen Detektive trifft auf den finstersten Vertreter der „Großen Alten“, jener „Götter“ aus Zeit & Raum, die sich in grauer Vorzeit auf der Erde festsetzten und seither den Menschen das Leben schwer und ihren Planeten streitig machen. Cthulhu ist das berühmteste und berüchtigste Geschöpf, das dem Geist des Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) entsprungen ist. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind die Schöpfungen von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930).

Lovecraft und Doyle waren zwar Zeitgenossen, sind sich zu Lebzeiten jedoch nie begegnet. Der Amerikaner schrieb ‚kosmische‘ Horrorstorys mit Science-Fiction-Elementen, der Brite klassische Geister-, Abenteuer- und Kriminalgeschichten (sowie heute glücklicherweise fast vergessene Historienschinken). Ähnlichkeiten in Leben und Werk gibt es also keine, so dass die literarische Konfrontation von Holmes & Cthulhu eigentlich zum Scheitern verurteilt scheint. Arthur Conan Doyle hat sich Sherlock Holmes zudem sehr deutlich und abfällig über das Wirken des Übernatürlichen äußern lassen (1924 in „The Sussex Vampire“, dt. „Der Vampir von Sussex“), das für ihn, den Rationalisten, nur Aberglaube und Mummenschanz ist.

Doch die „Mörderjagd in Lovecrafts Welten“ funktioniert, weil die Geschöpfe Doyles und Lovecrafts auf einem gemeinsamen Nährboden wurzeln. Die Gaslicht-Kulisse eines spätviktorianischen Zeitalters – etwa die Jahre 1885 bis 1900, verlängert um die anderthalb Jahrzehnte bis zum I. Weltkrieg –, das real so gar nicht gegeben hat, ist das ideale Umfeld für beide: Detektiv und Dämonengottheit.

London im Nebel: Hauptstadt des Mysteriösen

Das ewig neblige London mit seinen unzähligen Gassen, Hinterhöfen und Schlupfwinkeln ist ein Ort romantischen Grusels, dessen Atmosphäre das Bild der Holmes-Geschichten prägt, obwohl der Detektiv durchaus auch außerhalb der Stadt sowie im Ausland ermittelte; manchmal scheint dabei sogar die Sonne.

Wie sehr schon die zeitgenössischen Leser dieses Fantasie-Londons liebten, verdeutlicht die Tatsache, dass Doyle den großen Ermittler dort verharren ließ, noch als er in den späten 1920er Jahren die letzten Holmes-Storys schrieb. Ein in der modernen Welt ermittelnder Meisterdetektiv widersprach dem Publikumsgeschmack; Doyle wusste es, denn er hatte es durchaus versucht und den älteren Holmes vom britischen Geheimdienst im Agentenkampf gegen das kaiserliche Deutsche Reich anheuern lassen („The Final Problem“, 1914; dt. „Sein letzter Fall“/„Seine Abschiedsvorstellung“).

H. P. Lovecraft wäre gern nach London gereist, konnte sich dies jedoch finanziell nie leisten. Seine Wertschätzung von Architektur, Kunst und Literatur der vorindustriellen Ära lässt sich vielfach belegen. Sie gipfelte in Lovecrafts lebenslanger, fast fanatischer Wertschätzung seiner Geburtsstadt Providence im neuenglischen US-Staat Rhode Island. Die Vorliebe für das Historische, Traditionelle, im Verborgenen Blühende (oder Verrottende) spiegeln – literarisch überspitzt – seine fiktiven Stadtgründungen Arkham, Dunwich oder Innsmouth wider, in denen die Jünger Cthulhus ihren Missetaten nachgehen. Das ungleich ältere London müsste ihnen und ihrem gallertigen Anführer daher sehr zusagen.

Hinaus in seltsame Welten

Ähnliches gilt für die schottischen Moore und walisischen Einöden, die einsamen Landsitze und verfallenen Burgen, an denen die englische Insel so reich ist. Zwei Jahrtausende reicht die Geschichtsschreibung bis in die Römerzeit zurück, dann wird es mythisch, geben sich keltische Druiden und piktische Wilde ein Stelldichein: der ideale Nährboden für Elementargeister & Spukgelichter, in deren Mitte auch für Cthulhu & Co. noch Platz ist. Die Autoren der hier gesammelten Geschichten lassen sich diese Chance nicht entgehen und nutzen sie mit zum Teil erstaunlichem Ideenreichtum. Dies zu verfolgen macht einfach Spaß, zumal es keine echten Ausfälle in dieser überdurchschnittlichen Kollektion gibt.

Schließlich ist da der Rest der Welt, in deren verwunschenen Winkeln die „Großen Alten“ schon bei Lovecraft ihre Refugien gefunden haben. In Vorderasien und Tibet gibt es geisterhafte Ruinenstädte, die es besser zu meiden gilt. Hier hat sich aber bekanntlich Sherlock Holmes nach seinem ‚Tod‘ in den Fällen des Reichenbachs mehrere Jahre unter falschem Namen herumgetrieben. Über das, was er dort erlebt hat, hielt er sich Watson gegenüber nach seiner Rückkehr stets zurück. Vielleicht hat er dort tatsächlich erlebt, dass er mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es der gesunde – also Holmesche – Menschenverstand zu erfassen mag!

Vertraut bis herrlich fremd

Der Rahmen, in dem sich die Verfasser unserer 18 Geschichten bewegen, ist dennoch eng; er orientiert sich primär an der bekannten literarischen Welt des Sherlock Holmes & Dr. Watson. Nur wenige Autoren ‚spielen‘ wirklich mit ihren Vorgaben. Gleich Neil Gaiman – wer sonst? – konstruiert in „Eine Studie in Smaragdgrün“ eine englische Welt, die von Cthulhu übernommen wurde und beherrscht wird. Fast blasphemisch nennt er sich „Queen Victoria“ und wird als solche von seinen (oder ihren?) Untertanen anerkannt. Auch Sherlock Holmes gehört zu ihnen, so dass es für ihn nicht nur selbstverständlich, sondern seine patriotische Pflicht ist die Feinde dieser seltsamen Krone zu jagen.

Elizabeth Bear verzichtet in „Tiger! Tiger!“ sogar völlig auf den Detektiv und seinen treuen Begleiter. Stattdessen lesen wir ein Abenteuer von Irene Adler, für Holmes „die Frau“ seines Lebens und als solche sogar schlau genug, sich von ihm nie fangen zu lassen. James Lowder kehrt in „Die weinenden Masken“ die bekannten Rollen um und lässt einen ungewöhnlich selbstständigen Watson ein Abenteuer schildern, das er dem ahnungslosen Holmes verschweigt, weil er diesen, den erklärten Rationalisten, vor dem Schock eines drastisch erweiterten Weltbilds bewahren möchte. (Wie weise er damit tut, erläutert uns Tim Lebbon in „Das Grauen hat viele Gesichter“ – und eines zu viel für einen geistig überforderten Holmes.)

Weitere Gäste aus der Literatur

Selbstverständlich wimmelt es in dieser Sammlung von Figuren aus den und Anspielungen auf die Werke/n von H. P. Lovecraft und Arthur Conan Doyle; sie sind so zahlreich, dass sie an dieser Stelle nicht gelistet und erläutert werden können; dies soll ein Spiel für Fans der beiden Autoren bleiben. Darüber hinaus können es sich einige Verfasser dieser Sherlock-Holmes-Pastichés jedoch nicht verkneifen, dem berühmten Detektiv mehr oder weniger bekannte reale und literarische Gestalten zur Seite zu stellen.

So heuert Steven E. Altman statt Dr. Watson eine berühmte reale Figur der viktorianischen Ära an: seinen ‚Zeitgenossen‘ Herbert George Wells (1866-1946), den Verfasser berühmter Alt-Science Fiction wie „Die Zeitmaschine“, „Die ersten Menschen auf dem Mond“ oder „Krieg der Welten“. Barbara Hambleys Reminiszenz richtet sich dagegen an den Insider: Ihren mit okkulter Hightech hantierenden „Mr. Carnaki“ borgt sie sich von William Hope Hodgson (1877-1918), einen heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Meister des klassischen Horrors, der mit „Carnacki the Ghostfinder“ (ab 1910) einen Sherlock Holmes des Übernatürlichen schuf.

Ein Geschenk an die deutschen Leser

Die Frage, ob und wie genau die Verfasser den O-Ton von Holmes & Lovecraft treffen, muss hier unbeantwortet bleiben; die (erfreulich gelungenen) deutschen Übersetzungen ebnen mögliche Versuche in diese Richtung ein. Einzelne Storys verraten dennoch entsprechenden Ehrgeiz,; Barbara Hambly sei mit „Die Nichte des Altertumsforschers“ erwähnt. Meist bleiben solche Bemühungen aber verhalten, was gut ist, denn einen Stilhybriden aus Doyle und Lovecraft möchte man lieber nicht lesen …

Ein Wermutstropfen muss abschließend vergossen werden: Während Inhalt (und Preis) der deutschen Ausgabe von „Schatten über Baker Street“ dem Fan des Phantastischen Grund zum Jubel geben, ist das Erscheinungsbild wieder einmal ein Trauerspiel. Das US-Original ziert ein eigens gemaltes, liebevoll anachronistisches Cover im „Pulp“-Stil. Hierzulande müssen wir uns mit dem üblich gewordenen Bildstock-Mist zufrieden geben. Altertümliche Hausfronten und altmodische Laternen, das Ganze künstlich eingenebelt – fertig ist das ‚Titelbild‘, dessen Vorlage in beinahe jeder europäischen Stadt geknipst worden sein könnte.

[md]

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Das Tor des Verderbens

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Oktober 2011

August Derleth/[H. P. Lovecraft]
Das Tor des Verderbens

(sfbentry)
Originaltitel: The Lurker at the Threshold (Sauk City : Arkham House 1945)

Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Das Grauen vor der Tür“): 1979 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek Nr. 70018)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-01429-3
Neuausgabe: 1982 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur 72013)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-72013-2
Neuausgabe: 1994 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp-TB Nr. 2287 = Phantastische Bibliothek Bd. 307)
Übersetzung: Michael Koseler
179 S.
ISBN-13: 978-3-518-38787-0

Titel bei Booklooker.de (Suhrkamp-Ausgabe)
Titel bei Booklooker.de (Bastei-Lübbe-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de

Das geschieht:

Im US-Staat Massachusetts ging es in jenem Landstrich, dessen Eckpunkte etwa von den Städten Arkham, Innsmouth und Dunwich markiert werden, schon immer unheimlich zu. Neu-England wurde im frühen 17. Jahrhundert besiedelt, aber schon früher gab es Leben in den dichten Wäldern und dunklen Gebirgstälern. In den Augen der frommen, Hexen verbrennenden Pilgerväter war dies indianisches Heidenvolk, das Umgang mit Dämonen und Teufeln pflegte. So mancher weiße Mann konnte den Verlockungen verbotener Wahrheit und Macht nicht widerstehen und verschrieb sich ebenfalls dem Bösen.

So einer war Alijah Billington, der Anfang des 19. Jahrhunderts tief im dunklen Wald jenseits von Arkham gelegenen Stammsitz seiner ohnehin verrufenen Familie bezog. Die wenigen Nachbarn wussten von unheimlichen Geräuschen und Schreien zu berichten, und Alijah verdankte es wohl nur seiner überstürzten Abreise ins Ausland, dass ihm ein unfreundlicher Besuch der örtlichen Justiz erspart blieb.

Ruhe kehrte ein im Billington-Wald, bis nun, im März des Jahres 1921, Ambrose Dewart, der Letzte seiner Sippe, ins Land seiner suspekten Ahnen zurückkehrt. Ein freundlicher, mittelalter, kinderloser Witwer und Privatgelehrter ist er, der sich mit Feuereifer in die Familienpapiere vertieft. Der alte Alijah hat präzise Anweisungen hinterlassen, was man in seinem Haus tunlichst unterlassen sollte. Vor allem gilt es den uralten Steinturm zu meiden, der sich inmitten eines Steinkreises unweit des Hauptgebäudes erhebt. Natürlich tut sich Ambrose dort zuallererst um und entdeckt Hinweise darauf, dass dieser Ort seinem Ahnen als eine Art magischer Bahnhof diente, an dem er unfreundliche Gäste aus fremden Welten zu empfangen pflegte.

Groß ist Ambroses Schrecken, als er erkennt, dass eine fremde Macht sich seines Geistes zu bemächtigen beginnt; Alijah ist offenbar weder fern noch so tot wie alle Welt dachte. Erschrocken ruft Ambrose seinen Vetter Stephen Bates aus Boston zu Hilfe. Dieser findet den Freund stark verändert vor und muss sich vorsehen – vor dem misstrauischen Ambrose, noch mehr aber vor den schauerlichen Gästen, die dieser aus dem längst weit in fremde, gefährliche Sphären geöffneten Turmportal auf die Erde herabgerufen hat …

Monster-Rumble in the Dschungle

Samuel Johnson und James Boswell, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann; Sherlock Holmes und Dr. Watson: Der Meister mit den großartigen Geistesblitzen und sein Schüler, der Chronist fungiert sowie die alltägliche Kärrnerarbeit leistet, für die das Genie (sich) zu schade oder schlicht untauglich ist: Diese Konstellation können wir in der Geschichte und in der Kunst zu allen Zeiten finden. Nun also Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und August William Derleth (1909-1971), ein ganz besonders skurriles Paar: der weltfremde „Einsiedler von Providence“ und … ja, wer eigentlich? Der Kenner des Unheimlichen schätzt Derleth als Gründer des legendären „Arkham House“, das klassischen und modernen Horror zu einer Zeit verlegte, als dieser sich keiner besonderen literarischen Wertschätzung erfreute. Er legte das Fundament für den Lovecraft-Kult, was verdienstvoll genug ist.

Von einer Hoffnung darf sich der Gruselfan freilich sogleich verabschieden: „Das Tor des Verderbens“ ist kein Werk des großen H. P. Lovecraft, das nach dessen Tod vom Freund und Vertrauten Derleth entdeckt, vollendet und veröffentlicht wurde. Diese fromme (und verkaufsförderliche) Mär hält sich nun schon viele Jahrzehnte, was wieder einmal beweist, dass Wünsche sich durchaus erfüllen können, wenn sie nur mit Inbrunst geäußert werden. Ein neue, bisher unbekannte Geschichte oder sogar ein Roman von Lovecraft wünschen sich alle Leser dieses längst als Kultautor heiliggesprochenen Mannes, der zu den fähigsten, aber leider nicht zu den fleißigsten seiner Zunft gehörte.

Tor mit geringer Sturzhöhe

Doch das „Tor des Verderbens“ hat einzig und allein August Derleth aufgestoßen. Dies muss auch deshalb festgehalten werden, um Lovecrafts literarischen Status zu sichern, denn die Lektüre dieses Romans könnte darüber ernste Zweifel entstehen lassen. (Hier kann sich der strenge Fan übrigens an einer Kampagne mit dem Titel „Remove H. P. Lovecraft’s Name from August Derleth’s Books“ beteiligen.)

Obwohl alle Zutaten einer typischen Lovecraft-Story – verwunschene Winkel am Ende der Welt, schleimige Urzeit-Götter, degenerierte Hinterwäldler, hirnhautsprengende Zauberbücher, allzu neugierige und/oder besessene Forscher – vorhanden sind, wollen sie sich einfach nicht zu jener Bedrohlichkeit verdichten, die der Meister (wenn er in Form war und seinen Hang zum überflüssigen Adjektiv im Griff behielt) so meisterhaft heraufbeschwören konnte. Schüler Derleth kennt die Regeln des kosmischen Horrors, den Lovecraft schuf, aber er versteht sie nicht wirklich, und er achtet sie nicht.

Statt sich auf Andeutungen zu beschränken, die jeder Leser selbst in Vertretung des typischen, d. h. vom Schrecken überwältigten Lovecraft-Helden zusammensetzen muss, wobei der Cthulhu-Kosmos stets rätselhaft-faszinierendes Stückwerk bleibt, strebt Derleth Ordnung im Chaos an – und entzaubert es dadurch gründlich: Große Alte und Äußere Götter stürmen das Turmportal in Billingtons Wald wie Hausfrauen die Kaufhaustüren am Schlussverkaufstag. Ein Finsterling wie Cthulhu ist gruselig, das wusste Lovecraft, aber bringt er seine rabaukigen Kumpane mit, können sie höchstens eine Geisterbahn betreiben, aber ganz sicher nicht die Welt in Angst & Schrecken versetzen!

Cover der Ausgabe von 1982

Imitat und Übertreibung

Abgesehen davon imitiert Derleth den verehrten Lehrer und Freund nicht nur im Guten, sondern stur auch im Schlechten: Lovecrafts Cthulhu-Storys sind primär Stimmungsbilder und Momentaufnahmen einer fiktiven Parallel-Genesis (die allerdings deutlich vor Adam und Eva beginnt). Die Handlung beschränkt sich meist darauf, dass ein Neugieriger die Nase allzu tief in kosmische Angelegenheit steckt und diese dann zusammen mit dem Kopf verliert. Kein Wunder also, dass Lovecraft nie einen Cthulhu-Roman geschrieben hat!

Auch Derleth hat die daraus erwachsende konzeptionelle Schwäche erkannt. „Das Tor des Verderbens“ ist kein Roman mit stringenter Handlung, sondern eine Sammlung dreier Novellen um das verhexte Billington-Haus, die sich zu einer Geschichte verbinden sollen. Das klappt aber nicht, weil Derleth nicht fähig oder mutig genug ist, seinem Publikum zu vertrauen. Er betrachtet es anscheinend als Bande von gedächtnisschwachen Tröpfen, denen er jedes Mal das gerade Gelesene noch einmal erzählen muss. Der (dritte) „Bericht des Winfield Phillips“ (dessen Namen Lovecraft ehren soll) liest sich entsprechend langatmig, zumal Derleth darüber sträflich die überzeugende Auflösung seines aufwändig inszenierten Geisterspuks vernachlässigt. Auffällig bricht die Handlung einfach ab, was man dem Verfasser einer Kurzgeschichte nachsehen würde. In einem Roman darf so etwas nicht geschehen!

Im Detail gelingt Derleth manchmal, was er im Gesamten vermissen lässt. Besonders Ambrose Dewarts Bemühungen, die Vergangenheit seiner seltsamen Sippe zu rekonstruieren, sind spannend zu verfolgen. Er muss sie aus Buch- und Zeitungsstudien, Interviews und archäologischen Vor-Ort-Studien mühsam zusammenflicken. Hier, wo man stets mehr ahnt als wirklich weiß, funktioniert die Geschichte. Und wenn man nicht ständig den Schatten des Meisters sucht, wird man sich auch sonst redlich unterhalten. August Derleth ist kein guter Schriftsteller, aber er gibt sich alle Mühe. Auf diesem Niveau kann sich „Das Tor des Verderbens“ allemal sehen bzw. sehen lassen – und der Originaltitel ist einfach genial!

Autor

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der englischen Literatur an der „University of Wisconsin“ auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von „Arkham House“ (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in „postumer Zusammenarbeit“ und baute den „Cthulhu“-Kosmos der „alten Götter“ eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt; einer Tatsache, der er sich selbst durchaus bewusst war.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

[md]

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Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Oktober 2011

Mike Ashley (Hg.)
Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton

(sfbentry)
Originaltitel: The Mammoth Book of New Sherlock Holmes Stories (London : Robinson Publishing Ltd. 1997/New York : Carroll & Graf Publishers 1997)
Übersetzung: Jürgen Benvenuti, Beate Brandenburg, Linda Budinger, Axel Franken, Angela Koonen, Michael Kubiak, Ruggero Leò, Alexander Lohmann, Frauke Meier, Jutta Neumann, Ulf Ritgen, Marianne Schmidt, Simone Schmidt, Ulrike Zehetmayr
Deutsche Erstausgabe: Juni 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 14916)
764 S.
ISBN-13: 978-3-404-14916-2

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Es konnte nie genug Holmes-Abenteuer geben

Seit jeher wird bitter unter den Freunden (und Freundinnen) des klassischen Detektivkrimis die Tatsache beklagt, dass es vergleichsweise wenige Sherlock-Holmes-Geschichten gibt. Arthur Conan Doyle hat in immerhin vier Jahrzehnten gerade vier Romane und 56 Storys zu Papier gebracht. Das reicht dem fanatischen Fan bei weitem nicht, der darüber freilich vergisst, dass Doyle ein kluger Mann und hochprofessioneller Schriftsteller war, der sich der engen literarischen Grenzen, die ihm sein prominentes Geschöpf steckte, sehr wohl bewusst war.

Eigentlich sollte schon 1893 Schluss sein; Holmes war ausgeschrieben, seine Fälle begannen sich zu wiederholen, und Doyle stürzte ihn die Reichenbach-Wasserfälle hinab. Aber die Protestschreie der Leserschaft und viel Geld führten zu Wiederauferstehung und Fortleben. Eines ist dabei nicht zu leugnen: Dieser Sherlock Holmes ist bei aller detektivischen Eleganz in der Tat nur noch Kopie und bei seinem letzten Auftritt 1927 ein Anachronismus.

Dessen ungeachtet entstanden noch zu Doyles Lebzeiten die ersten ‚neuen‘ Holmes-Geschichten. Viele waren Parodien, andere kaum vertuschte Plagiate. So richtig los ging es jedoch erst nach 1930, als definitiv kein echter Stoff mehr zu erwarten war. Seither ist die Zahl der Romane und Kurzgeschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson ins buchstäblich Unzählbare gewachsen; die Liste der von Ashley im Anhang genannten Titel ist nicht annähernd vollständig.

Der neue Holmes ist (zum Glück/leider) der Alte

26 weitere Geschichten um Sherlock Holmes & Dr. Watson kommen nun hinzu. Deren Inhalte und Schauplätze sind einerseits so unterschiedlich, dass selbst eine knappe Wiedergabe den Rahmen dieser Rezension sprengen würde. Andererseits ist das auch gar nicht nötig: Es reicht der Hinweis darauf, dass die Storys einem roten Faden folgen, der dem (fiktiven) Lebenslauf des Meisterdetektivs entspricht. Von seinen Jugendjahren bis ins Alter beobachten wir ihn (und selbstverständlich den treuen Chronisten Dr. Watson) bei der Arbeit. Die unterscheidet sich in diesen neuen Fällen oft nur in Details von den bekannten Abenteuern, die Holmes-Vater Arthur Conan Doyle vor vielen Jahren schuf. Manchmal werden freilich auch neue Pfade beschritten. Wir können es an dieser Stelle dabei belassen, auf bestimmte Geschichten hinzuweisen, die ein wenig aus dem Rahmen fallen.

Fakt ist, dass wir mehr als 56 Holmes-Geschichten gar nicht brauchen. Sie geben mehr als deutlich das Muster vor, dem die meisten Nachahmer folgen. Das ist nicht schwer; Doyle wusste wie gesagt selbst sehr gut um den Bausteincharakter seiner Storys. Der traulichen Zweisamkeit von Holmes und Watson, die sich mit dem alten Spiel „Staubige Manschette/Tintenfleck am Ohr: Woher kommt dieser Passant?“ (Watson rät wie üblich falsch, Holmes verblüfft ihn mit deduktiven Zaubertricks) die Zeit vertreiben, folgt der Auftritt eines männlichen oder weiblichen Klienten mit einem scheinbar unlösbaren Anliegen. Held und Wasserträger reisen an den Ort des Geschehens, dort gibt es viele falsche Spuren und Lügen, die von Holmes souverän zugunsten der verblüffenden Lösung beiseite gewischt werden. Kein Wunder, dass sich dieses Schema so einfach nachahmen (oder verulken) lässt!

Ganz so einfach ist es wohl doch nicht …

Wer den Tonfall trifft und mit einem klug variierten Plot auftritt, kann immer noch gut unterhalten: Holmes-Geschichten sind heute vor allem eine Rückkehr in die „gute, alte Zeit“, in der die Welt einfacher war oder die zeitgenössischen Probleme wenigstens des heutigen Lesers Feierabend nicht verderben. Hier bieten die Pastiches (wie man solche Nachschöpfungen auch nennt) in „Sherlock Holmes und der Fluch der Addletons“ einen repräsentativen Querschnitt. Das gilt im Guten wie im Schlechten, wobei „schlecht“ hier nicht zwangsläufig „ohne Unterhaltungswert“ bedeuten muss. Man liest die meisten Storys, wie man sich behagliche Pantoffeln überstreift. In diesem Form reichen sie uns u. a. Edward D. Hoch, David Stuart Davis oder Eric Brown: Holmes-Nostalgie in ihrer reinen, wenn auch wenig innovativen Form. (Dazu ein Tipp: „Sherlock Holmes und der Fluch der Addletons“ sollte keinesfalls am Stück gelesen werden – die Strickart der Storys wird sonst allzu deutlich und schmälert das Vergnügen.)

Wie schief es gehen kann, wenn man sein Handwerk nicht versteht, demonstrieren H. R. F. Keating oder Barrie Roberts. Sie gehen durchaus von einer zutreffenden Prämisse aus: Wieso darf ich als Verfasser nicht mit Holmes und seinem Kosmos spielen, ihn in ungewohnte Umgebungen schicken, sich zur Abwechslung einmal gewaltig irren lassen und sehen was geschieht? Daraus sind einige großartige neue Holmes-Geschichten entstanden (s. u.). Aber das Risiko ist groß; der Verehrer kennt ‚seinen‘ Holmes und verzeiht Misstöne nicht. Beispielsweise will Derek Wilson in „Die lästige Angelegenheit mit dem Rembrandt“ Atmosphäre erzwingen; es reicht ihm nicht, den jungen, wenig bekannten Holmes zu präsentieren, er muss auch noch Professor Moriarty und Oberst Moran ins Spiel bringen, was völlig überflüssig ist und die Fadenscheinigkeit des Plots noch betont.

Ein wenig plump wirkt Amy Meyers‘ Versuch, in „Der getreue Diener“ – ansonsten eine durchaus lesbare Geschichte – das eigene Werk zu adeln, indem sie Holmes ihren Detektiv-Koch M. Auguste Didier ausgiebig loben lässt. Aber wie Ashley in seinen Nachworten deutlich macht, konnte selten ein Autor der Versuchung widerstehen, Holmes auf die reale oder fiktive Prominenz seiner Epoche treffen zu lassen.

Ein sachtes Rütteln am kriminalistischen Korsett

Abseits des üblichen Pfades wandelt Stephen Baxter. Er schreibt eigentlich Science Fiction, hat sich aber 1995 mit „Time Ships“ (dt. „Zeitschiffe“) an einer umfangreichen ‚Fortsetzung‘ von H. G. Wells‘ „Zeitmaschine“ versucht und bei den Recherchen reichlich Informationen über die viktorianische Ära und ihre Bewohner gesammelt. Diese setzt er nun verspielt und geschickt in der amüsant abstrusen Sherlock-Holmes-SF-Story „Der Masse-Regulator“ ein, die nicht nur H. G. Wells persönlich an die Seite des Detektivs und Dr. Watsons treten lässt, sondern auch nicht mit Reminiszenzen an dessen Werk spart; so ‚wissen‘ wir jetzt, woher Wells die Ideen für seine Meisterwerke „The First Men in the Moon“ (1901; dt. „Die ersten Menschen auf dem Mond“) oder „The Food of the Gods“ (1904, dt. „Die Riesen kommen“) hatte …

Sherlock Holmes und die Moderne – ein Widerspruch in sich, aber ein reizvoller, mit dem sich spielen lässt – konfrontiert F. Gwynplaine MacIntyre in „Das Rätsel des Warwickshire-Wirbels“. Die Möglichkeit einer Reise durch Zeit und Raum wird gekoppelt an die noch junge Erfindung des Films; hier sind es die bewegten Bilder, die dem Detektiv endlich die Lösung eines uralten Kriminalrätsels ermöglichen. (Schade nur, dass sich der aufwändig konstruierte Plot im Finale ziemlich in Belanglosigkeit und Übertreibung auflöst.)

Er hält viel aus, dieser Sherlock Holmes!

Die Holmes-Faszination beschränkte sich nie auf Europa oder Nordamerika. In der ganzen Welt kennt und liebt man den Meister. Daher wundert es nicht, dass man ihn gern adoptierte und ihn Abenteuer an fernen Orten wie Südamerika oder dem Himalaya erleben ließ. Zakaria Erzinçlioglu wählt in „Der bulgarische Diplomat“ einen anderen Ansatz: Hier bleibt Holmes im guten, alten London – das Ausland kommt zu ihm und verwickelt ihn in einen (aufregenden) Politthriller, der die historische Realität der explosiven Ära vor dem I. Weltkrieg sehr anschaulich dramatisiert.

Dies sind freilich schon die ‚Ausreißer‘ der vorliegenden Sammlung. Sie hat deswegen von der Kritik im Ausland manche Schelte bezogen. Das bezog auch Herausgeber Mike Ashley mit ein, dessen Holmes-Chronologie vom harten Kern der höchst aktiven und streitbaren Fangemeinde einer scharfen Prüfung unterzogen und für zu leicht befunden wurde. Nun, man kann sich sein Vergnügen auch versauen, indem man es zur Religion erhebt … Ob Holmes & Watson den Hund der Baskervilles nun 1889 oder 1899 gejagt haben (es gibt darüber erbitterte Diskussionen, in denen jedes Jahr mit quasi wissenschaftlicher Präzision belegt wird), ist im Grunde gleichgültig. Arthur Conan Doyle hat es gewusst und sich nie ausdrücklich um die Kontinuität seiner Holmes-Vita gekümmert. Für ihn stand im Vordergrund, seine Leser zu unterhalten; eine sehr redliche Einstellung. Das Balgen um Daten und chronologische Stimmigkeit überließ Doyle schon zu Lebzeiten denen, die ihren eigenen, sehr speziellen Spaß daraus ziehen können. So wollen wir es daher ebenfalls halten und uns einfach 26 neuer/alter Anlässe erfreuen, das Spiel wieder beginnen zu lassen!

[md]

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Die Saat

Erstellt von Werner Karl am 3. Oktober 2011

Fran Ray
Die Saat

(sfbentry)
Lübbe Audio, Köln, 03/2011
6 CDs, Hörbuch, Thriller
ISBN 978-3-7857-4370-6
Laufzeit: ca. 403 Min./68 Tracks
Bearbeitete Fassung gelesen von Sascha Rotermund
Titelgestaltung von N. N.

www.luebbeaudio.de
www.fran-ray.com

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Ein grauenvoller Mord erschüttert Paris. In seinem Labor, mitten bei der Arbeit, wurde ein Wissenschaftler auf grauenvolle Weise ermordet. Aber nicht nur das: Als Krönung setzte man einen Rattenkopf auf den enthaupteten Körper des Mannes. Wenig später wird eine Ärztin tot in ihrem Bett gefunden. Eine Ärztin, die erst kurze Zeit vorher mit eben jenem ermordeten Wissenschaftler Essen war. In welchem Zusammenhang stehen die beiden Todesfälle? Und welche Krankheit wütet in Afrika? Steht auch sie in einem unseligen Zusammenhang mit den Toten? Geht es um Genforschung? Oder steckt etwas anderes dahinter?

Zunächst soll einer der berühmtesten Männer Amerikas zitiert werden. Einer, der trotz seiner gelben Hautfarbe seit vielen Jahren ständiger Gast in den guten Stuben ist – auch hier in Deutschland: Homer Simpson. Er hat für Hörbücher wie dieses ein passendes Wort parat: „Laaaaaaaaaangweilig!“ Okay, es hätte ein toller Öko-Thriller werden können. Einer, der die Hörer packt, sie bewegt. Stattdessen wurde ein Roman daraus, der die Hörer zum Bett bewegt – sofern sie nicht schon zuvor im Sessel eingeschlafen sind. Weder kann die Jagd nach den Tätern noch die Suche nach den Hintergründen überzeugen. Überzeugend ist nur eines – die Leistung von Sascha Rotermund, der dem Stoff den letzten Funken Spannung, welche hin und wieder aufblitzt, entlockt und damit teils kaschiert, was kaum zu verbergen ist.

Die Story ist schablonenhaft und streift das eigentliche Thema höchstens oberflächlich. Stattdessen ergeht sich die Autorin in langatmige Beschreibungen. Allein die Schilderung des Gemütszustandes eines Hinterbliebenen nimmt gefühlte zehn Stunden in Anspruch. Spätestens nach zwei Minuten hat man jedoch kapiert, dass er ziemlich traurig ist, den Rest erduldet man und wird selbst zunehmend trauriger. Und das hier ist eine bearbeitete Fassung. Nicht auszudenken, wenn man den ungekürzten Roman in Papierform hat, ohne die Leistung von Rotermund. Es gibt tolle, spannende Hörbücher. Das hier gehört nicht dazu!

Copyright © 2011 by Gunter Arentzen (GA)

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Die Rückkehr des Manitou

Erstellt von Michael Drewniok am 4. August 2011

Graham Masterton
Die Rückkehr des Manitou

(sfbentry)
Originaltitel: Revenge of the Manitou (London : Sphere 1979)
Übersetzung: Rosemarie Hundertmarck
Deutsche Erstausgabe: 1979 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek Nr. 70014)
189 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-01279-4

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Das geschieht:

Misquamacus, mächtiger indianischer Zauberer und seit Jahrhunderten erklärter Feind der Bleichgesichter, hat die peinliche Schlappe überwunden, die ihn vor einem halben Jahrzehnt zurück ins Geisterreich verbannte (s. „Der Manitou“/„The Manitou“, Bastei-Lübbe-Horrorbibliothek Nr. 70001), und setzt zur neuerlichen Attacke an. Es zieht ihn nach Bodega, ein Fischerdorf an der kalifornischen Küste. Dort brachte in den 1830er Jahren der berüchtigte „Bloody“ Allen Fenner Verderben über die friedfertigen Wappo-Indianer. Da Differenzierung nie seine starke Seite war, fährt Misquamacus’ Geist (= Manitou) in Toby, den achtjährigen Sohn der gegenwärtigen Fenners.

Billy Ritchie ist als Dorforakel von Bodega über Misquamacus und dessen Versuche, den „Tag der dunklen Sterne“ anbrechen zu lassen, gut informiert: Dämonen aus der farbenprächtigen indianischen Hölle will der Manitou heraufbeschwören und so die Welt in Angst und Schrecken stürzen. Damit diese sich manifestieren können, muss in Tobys Kleiderschrank (!) ein Portal ins Jenseits errichtet werden. Außerdem ist die Unterstützung 22 geisterhafter Medizinmänner der wichtigsten nordamerikanischen Indianerstämme erforderlich.

Mit seinen Vorbereitungen ist Misquamacus gut beschäftigt und kann die Fenners nur nebenbei piesacken. Tobys Vater Neil bleibt Zeit zur Recherche. Als er erfährt, dass der böse Zauberer vor einigen Jahren in New York Tod und Verderben gesät hat, nimmt er Kontakt mit Harry Erskine auf, der damals dem Schrecken ein Ende bereiten konnte. Mit der Welt der Geister will Harry zwar nichts mehr zu tun haben, aber da Misquamacus angekündigt hat, sich auch an ihm rächen zu wollen, reist er mit seinem alter Kampfgefährte, der Medizinmann Singing Rain, nach Bodega. Gemeinsam mit den Fenners stellt man sich Misquamacus, doch der hat seine Hausaufgaben dieses Mal besser gemacht …

Mancher Geist will nicht verschwinden

„Der Manitou“ markierte 1975 Graham Mastertons Debüt als Autor. Mit dem stets finster gestimmten indianischen Zaubermeister fand er viele Leser. Dass er im Horror-Genre Fuß gefasst hatte, muss dem stolzen Verfasser noch deutlicher geworden sein, als kurze Zeit später Hollywood bei ihm vorstellig wurde. Allerdings wurde der „Manitou“-Film von 1976 ein arger Heuler, der in verzweifelten Karrierenöten gefangene Darsteller wie Tony Curtis, Stella Stevens, Ann Sothern oder Burgess Meredith als Geiseln des beschränkt begabten „Total Film-Maker“ (Regie, Buch, Produktion) William Girdler zeigte. Immerhin: Der Rubel rollte. Masterton schmiedete das Eisen, solange es heiß war, und ließ den bösen Misquamacus zurückkehren.

Es lässt sich freilich nicht leugnen, dass der Verfasser mit „Die Rückkehr des Manitou“ die Geschichte des Erstlings einfach noch einmal erzählt. Davon kann der neue Schauplatz nicht ablenken. (In Bodega ist man Kummer mit dem Übernatürlichen übrigens gewohnt, trieben hier doch Anfang der 1960er Jahre Hitchcocks „Vögel“ ihr Unwesen.) Immerhin macht „Die Rückkehr …“ deutlich, dass Masterton sich als Autor ein wenig weiterentwickelt hat. Fiel Misquamacus bei seinem ersten Auftreten eher durch seine bei aller Bösartigkeit erheiternde Beschränktheit auf – welcher halbwegs gescheite Rachegeist würde seinen Feldzug ausgerechnet in einem städtischen Krankenhaus starten? –, hat er nun ansatzweise dazugelernt.

Konzentriere dich, Misquamacus!

„Die Rückkehr …“ ist wie alle (frühen) Werke Mastertons Ex-und-hopp-Lektüre mit den drei grundsätzlichen Elementen flott, blutig und gradlinig. Trotzdem hatte der Verfasser begriffen, dass man einem Bösewicht Tiefe und damit Glaubwürdigkeit verleihen muss, will man ihn im Gedächtnis eines Publikums verankern. Misquamacus bekommt daher eine Vergangenheit, die zumindest ahnen lässt, wieso er so nachhaltig sauer auf den Weißen Mann ist.

Leider ist Masterton nicht konsequent; Misquamacus bleibt weiterhin ein (verblüffend schwatzhaft gewordener) Rächer, der zwangsläufig scheitern muss, weil er wie das Kutschenpferd von der vorgehaltenen Möhre jeder Kränkung eines Bleichgesichts magisch angezogen folgt. Da er jedem, der ihm zu nahe tritt, blutige Rache schwört, ist es kein Wunder, dass es mit der Eroberung der Welt wieder nichts wird, denn vor den Pforten der Hölle wartet geduldig eine lange und immer länger werdende Schlange von Leuten, mit denen Misquamacus, die dauerbeleidigte Leberwurst, vorher noch ein Hühnchen zu rupfen hat.

Wenig erfreulich ist erneut das Finale, auch wenn es nicht ganz so unglaubhaft und lächerlich ausfällt wie in „Der Manitou“. Trotzdem dürfte der neuerliche Auftritt des großen Cthulhu den armen H. P. Lovecraft in seinem Sarg in heftige Rotation versetzt haben.

Ein Manitou gerät ins Schlingern

Weiterhin hapert es in „Die Rückkehr …“ erheblich mit der Kontinuität der „Manitou“-Saga. Plötzlich hat Misquamacus beileibe nicht schon 1651 dauerhaft sein Domizil im Geisterreich aufgeschlagen, wie es noch im ersten Teil hieß. Das zu postulieren war wichtig, denn der Anachronismus des alten Bösewichts erklärte sehr gut sein Scheitern. Doch nun erfahren wir, dass Misquamacus die Welt der Lebenden in den vergangenen drei Jahrhunderten sehr viel öfter besucht hat. Da sollte man voraussetzen können, dass er mit der Gegenwart ein wenig besser vertraut ist!

Egal: „Die Rückkehr …“ ist eine trashige aber vergnügliche Lektüre. Und auch nach 1979 sollte Masterton, der nie den Nobelpreis für Literatur gewinnen wird, aber bei aller Hast und den dabei unvermeidlichen Schlampigkeiten durchaus ein guter Geschichtenerzähler ist, sein Talent besser in den Dienst der jeweiligen Story stellen.

Deutschland bleibt Manitou-Diaspora

Leider können wir Freunde des Unheimlichen uns in Deutschland davon nur sporadisch überzeugen; wenige Masterton-Romane fanden und finden den Weg in dieses unser Land. Dabei gilt z. B. Misquamacus dritter Streich („Burial: A Novel of the Manitou“, 1992) als bester Teil der Serie, zumal der Verfasser hier seine Leser mit einem Kniff zu fesseln weiß, den er zu einem persönlichen Markenzeichen entwickelt hat: der Verknüpfung einer fiktiven Handlung mit realen historischen Ereignissen, hier der Schlacht am Little Big Horn, an deren Verlauf Misquamacus nicht ganz unbeteiligt war.

Dass Masterton seinen ersten Anti-Helden nicht vergessen hat, bewies er 2005, als er Misquamacus nach 13-jähriger Pause überraschend zurückkehren ließ: Weiterhin ist der Manitou nicht zimperlich ist, wenn es gilt, seinen altbekannten Zielen böse Taten folgen zu lassen, und immer noch folgt auf jede Niederlage eine Wiederkehr. Auf diese Weise kann Misquamacus noch lange sein (lukratives) Unwesen treiben.

Autor

Graham Masterton, geboren am 16. Januar 1946 im schottischen Edinburgh, ist nicht nur ein sehr fleißiger, sondern auch ein recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken, seinen Thrillern oder den berühmt berüchtigten Sex Leitfäden, haben den Weg über den Kanal gefunden.

Besagte Leitfäden erinnern übrigens an Mastertons frühe Jahre. Seine journalistische Ausbildung trug dem kaum 20 Jährigen die die Position des Redakteurs für das britische Männer Magazin „Maifair“ ein. Nachdem er sich hier bewährt hatte, wechselte er zu Penthouse und Penthouse Forum. Dank des reichlichen Quellenmaterials verfasste Masterton selbst einige hilfreiche Werke, von denen „How To Drive Your Man Wild In Bed“ immerhin eine Weltauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren erreichte.

Ab 1976 schrieb Masterton Unterhaltungsromane. Riss er sein Debütwerk „The Manitou“ (dt. „Der Manitou“) noch binnen einer Woche herunter, gilt er heute als kompetenter Handwerker, dem manchmal Größeres gelingt, wenn sein Geist schneller arbeitet als die Schreibhand, was freilich nur selten vorkommt.

Wer mehr über Leben und Werk des Graham Masterton erfahren möchte, kann dies auf seiner vorbildlichen Website tun.

Die Misquamacus-Serie:

(1975) The Manitou (dt. „Der Manitou“) – Bastei Horror-Bibliothek Nr. 70001
(1979) Revenge of the Manitou (dt. „Die Rückkehr des Manitou“) – Bastei Horror-Bibliothek Nr. 70014
(1992) Burial (kein dt. Titel)
(2005) Manitou Blood (kein dt. Titel)
(2009) Blind Panic (kein dt. Titel)

[md]

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Jäger des verlorenen Einhorns

Erstellt von Werner Karl am 2. August 2011

Mike Resnick
Jäger des verlorenen Einhorns

(sfbentry)
Originaltitel: Stalking the Unicorn (1987)
Fantasy, Humor, Krimi
Aus dem Amerikanischen von Thomas Schichtel
Köln: Bastei Verlag Gustav H. Lübbe 2011
Bastei Lübbe Taschenbuch 20008
Umfang 382 Seiten
ISBN 978-3-404-20008-5

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Der vorliegende Fantasyroman ist der Auftakt zu einer humorvollen Reihe mit dem Detektiv John Justin Mallory, den es vom hiesigen New York in ein phantastisches New York einer Parallelwelt verschlägt, in dem die Bewohner hartnäckig behaupten, Zauberei funktioniere nicht, obwohl Mallory ständig das Gegenteil beobachtet. Ein Elf wendet sich in seiner Not an den Detektiv, denn er sollte auf ein Einhorn aufpassen, welches dem Elf aber ob seiner dauerhaften Notgeilheit abhanden kam. Sollte das wertvolle Tier nicht bis zum Sonnenaufgang wieder beschafft werden, droht dem Elf namens Murgelström der Tod.

Da Mallorys Frau gerade mit seinem besten Freund durchgebrannt ist und letzterer sogar noch einen deftigen Betrug unter Mallorys Namen durchgezogen hat, weswegen ihm kleiderschrankgroße Killer auflauern, entschließt sich Mallory sehr spontan, aus seinem New York zu verduften und übernimmt die Ermittlungen in der “nichtmagisch-magischen” Parallelwelt, muß hier jedoch erkennen, dass er sich mit keinem geringeren als dem Oberdämon angelegt hat, der ebenfalls hinter dem Einhorn her ist. Und so gerät der Detektiv von einer Gefahr in die nächste, ohne jedoch seinen Humor zu verlieren und legt sich mit allem an, was sich ihm in den Weg stellt, und sei es noch so gefährlich…

Das vorliegende Abenteuer ist ein entspannt-wunderbarer Auftakt nach Maß für einen kaltschnäuzigen Privatschnüffler, der es mit den besten seiner Zunft locker aufnehmen kann. Abgezockt wie Spade oder Malowe, hartnäckig wie Columbo und clever wie Sherlock Holmes macht sich Mallory auf die Suche nach dem entwendeten Einhorn und erlebt eine Verrücktheit nach der nächsten in einer durchgeknallten Parallelwelt. Selbstverständlich findet er schräge Bündnisgenossen und knackt schließlich das Rätsel um das verschwundene Fabeltier, nicht ohne einigen mächtigen Großkopferten auf die Füße getreten zu sein.

Resnicks krude Einfälle wie das “Amt für Bedrängte Personen” oder das hyperbürokratische “Amt für Redundanz Amt” machen die vorliegende Geschichte lesens- und liebenswert. Auch wenn es dem Roman deutlich an Tiefgang mangelt, ist Jäger des verlorenen Einhorns doch lässige Unterhaltung vom Feinsten und man kann sich als Leser schon mal auf weitere Abenteuer mit J. J. Mallory freuen, denn der Detektiv bleibt in der seltsamen Welt kleben, bereit neue Ermittlungen zu übernehmen und sich jederzeit wieder mit allen Mächtigen dort anzulegen, wenn es darum geht, einen kniffligen Fall zu lösen.

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

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