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Die Unschuld des Wassers

Erstellt von Werner Karl am 29. August 2010

Die Unschuld des Wassers
Ruth Rendell

(sfbentry)
Originaltitel: “The Water’s Lovely” (Century Hutchinson 2006)
Übersetzung Eva L. Wahser
Deutsche Erstausgabe Juni 2010 (blanvalet Verlag)
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN-13: 978-3-764-50268-3

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Zum Buch:

Zitatanfang>>Immer wieder hat Ismay den gleichen Traum: Sie und ihre Mutter folgen Ismays Schwester Heather die Treppe hinauf in einen riesigen Raum, in dessen Mitte sich ein See mit einer Oberfläche wie aus Glas befindet. Darin treibt mit dem Gesicht nach unten eine weiße Gestalt. Vor neun Jahren ist Ismays Stiefvater Guy in der Badewanne ertrunken. Neun Jahre, in denen Ismay und Heather niemals miteinander über jenen Tag gesprochen haben. Doch egal, wie sehr sie sich bemühen, das Geschehene zu verleugnen und alle Erinnerungen zu unterdrücken – die schreckliche Wahrheit drängt unerbittlich ans Tageslicht …<<Zitatende

Meine Meinung:

Durch diesen Text wird man ja schon neugierig und Rendell-Fans dürfen sich auch auf eine Geschichte freuen – die sich, wie so oft bei Rendell – nicht nur um die darin angesprochenen Personen oder Vorfälle dreht. Rendell gelingt es auch in diesem Roman, die einzelnen Figuren sehr nachdrücklich herauszuarbeiten. Menschen, die direkt in unserer Nachbarschaft leben könnten. Banal normal und doch hat jeder seine größeren und kleineren Sorgen, ein Geheimnis oder eine symbolische Leiche im Keller.

Da sind Heather und Ismay, die ein schreckliches Geheimnis genauso verbindet wie die Sorge um ihre schizophrene Mutter, um die sie sich zusammen mit deren Schwester kümmern. Da ist ihre Tante, allein, bindungsunfähig, die in ihrer Einsamkeit über eine Dating-Agentur jemanden sucht und einen hohen Preis dafür bezahlen muss. Da sind Edmund und Andrew, die sich für Heather bzw. Ismay interessieren und grundverschieden sind. Andrew, der nicht nur Heather an die Vergangenheit erinnert und dafür sorgt, das Ismay sich in einem Albtraum gefangen fühlt. Edmund, der eigentlich nur mit Heather ausgeht, weil er seiner dominanten Mutter entfliehen möchte und dabei auf jemanden trifft, der wie für ihn geschaffen scheint. Seine Mutter, die von Marion gepflegt wird. Marion, die sich, nicht ganz uneigennützig, auch um andere alte Menschen kümmert und darüber nachdenkt, deren Ableben notfalls zu beschleunigen, um an ihr Ziel zu kommen. Marion, die skrupellos genug ist, Ismay zu erpressen, als sie durch einen dummen Zufall hinter ihr Geheimnis kommt. Und plötzlich feststellen muss, dass sie selbst erpressbar ist.

Und dann sind da noch die beiden Morde. Einer der bereits 13 Jahre zurückliegt und Ismay neben ihren Träumen auch einen Gewissenskonflikt beschert. Der Tathergang war anders, als die Ermittlungen damals ergaben. Und obwohl sie nichts genaues weiß, weckt ein weiterer, aktueller Mord einen schrecklichen Verdacht in Ismay. Das Geheimnis, das die beiden Schwestern verbindet, ja förmlich aneinander fesselt, spielt trotz seiner ursächlichen Wirkung trotz allem nur eine eher untergeordnete Rolle. Dennoch fordert die Wahrheit zunehmend ausgesprochen zu werden, was den beiden Schwestern erst am Ende des Romans gelingt und für eine weitere kleine rendellmäßige Überraschung sorgt. Und so wie mit Wasser und Tod alles beginnt, endet es auch.

Rendell-Neulingen könnte die Fülle an Figuren anfangs Schwierigkeiten bereiten. Doch werden auch sie feststellen, dass die Autorin einen geschickt gesponnenen roten Faden in Händen hält, der Leser flüssig und ohne Probleme durch die Geschichte führt. Eine Geschichte, die sich weniger mit den Morden als mehr mit dem Leben der Protagonisten beschäftigt. Ein Leben, das so einfach, so normal, so komfortabel ist – oder sein könnte, wenn, ja wenn da nicht die Geheimnisse und Probleme wären, die jeder von ihnen mit sich herumträgt.

Ein Buch zur Entspannung? Ja, denn es lässt sich wie alle Rendell-Romane leicht lesen. Ein Buch ohne Spannung? Mit Sicherheit nein. Obwohl Rendell weder auf blut- oder gewalttriefende Einzelheiten noch ermüdend detaillierte Ermittlungsdetails zurückgreift. Die Spannung baut sich rein aus Rendells Erzählstil auf. „Die Unschuld des Wassers“ spricht  auch sozialkritische Themen an, die gerne unter dem Deckmäntelchen der Normalität unter den Teppich gekehrt werden. Pädophilie etwa, sexueller Missbrauch oder auch Obdachlosigkeit finden in der Geschichte einen Platz. Ohne Bigotterie, aber auch ohne den Unterhaltungswert des Buches zu stören.

Und gerade weil der Alltag der Figuren so wohltuend normal, ja stellenweise banal dargestellt wird, können vermutlich viele Leser jemanden aus ihrem Umfeld oder gar sich selbst in der einen oder anderen Person wiederfinden. Und die Vorstellung, dass der eine Schritt, der die Normalität in einen Albtraum verwandeln kann, so klein ist, dürfte mit einem kleinen Schauer für das Umblättern der Seiten sorgen. Ein Buch zum Weiterempfehlen? Ja. Rendell kann und wird mit diesem Roman garantiert weitere Fans des Genres gewinnen.

Zur Autorin:

Ruth Rendell oder auch Barbara Vine. Der eine Name steht für Krimis, der andere für Thriller. Hinter beiden verbirgt sich die 1930 als Tochter eines Lehrerehepaares in einem Londoner Vorort geborene Ruth Barbara Graseman und von Königin Elizabeth in den Adelstand erhobene Baroness Rendell of Babergh. 1964, zehn Jahre nach der Geburt ihres Sohnes, begann die frühere Journalistin einer kleinen Wochenzeitschrift, ihre Liebe zur Schriftstellerei auszuleben, indem sie den ersten Krimi um Detective Inspector Wexford schrieb. Neben 21 Wexford-Romanen verfasste Rendell über zwei Dutzend weitere Kriminalromane und begann darüber hinaus Mitte der 1980er-Jahre Psychothriller unter ihrem Pseudonym Barbara Vine zu veröffentlichen. Sie erhielt für ihre Werke verschiedene Auszeichnungen. Darunter 3x den „Edgar-Allen-Poe-Preis“, 2x den „Golden Dagger Award“ und 1997 den „Grand Masters Award“ der Crime Writers Association of Amerika. Letzerer gilt als der Krimipreis schlechthin. Die heute in Suffolk lebende Autorin steht mit ihren Romanen seit Jahrzehnten auf den Beststellerlisten.

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

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Wenn ich bleibe

Erstellt von Werner Karl am 20. August 2010

Wenn ich bleibe
Gayle Forman

(sfbentry)
Originalausgabe: If I stay (Dutton Books, 2009)
Übersetzung: Alexandra Ernst
Deutsche Erstausgabe Blanvalet Verlag Januar 2010
ISBN-13: 9783764503512
Jugendbuch, All-Age-Buch
Hardcover 212 Seiten

www.blanvalet.de
http://www.gayleforman.com/

Titel erhältlich bei buch24.de
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Die Journalistin Gayle Forman musste erst eine Weltreise antreten, um ein Buch in Angriff zu nehmen. Davor arbeitete sie für Zeitschriften wie „Elle“ oder „Cosmopolitan“, „Jane“ oder Glamour“. Sie lebt in New York und liebt es nach eigenen Aussagen, Jugendbücher zu schreiben. Ihrem ersten Buch, in dem es um die Weltreise ging, folgten weitere, preisgekrönte Bücher. Und „Wenn ich bleibe“.

Ein schlicht gehaltener Umschlag schützt das 272 Seiten starke Hardcoverbuch. Er zeigt einen kahlen, bleichen Ast vor einem hellblauen Hintergrund, mitten drin eine einzelne rosafarbene Blüte. Das Wort Roman wirkt auf den ersten, flüchtigen Blick fast wie eine kleine Raupe. Eins der Cover, das nichts auszudrücken scheint und doch schon unendlich viel verspricht. Eins von denen, die ich persönlich eigentlich vorziehe, weil sie nicht reißerisch aufgemacht sind. Dennoch habe ich mich gespaltenen Gefühlen an die Lektüre von Gayle Formans „Wenn ich bleibe“ gemacht. Verschiedene Rezensenten und Leser haben von wunderschön und ergreifend bis hin zu schnulzig, oberflächlich und seicht gewertet. Bei der Lektüre des Buchrückens drängt sich zunächst der Verdacht auf, dass Letzteres durchaus möglich sein könnte:

„Mia muss sich entscheiden: Soll sie bei ihrem Freund Adam und ihrer Familie bleiben – oder ihrer großen Liebe zur Musik folgen und mit ihrem Cello nach New York gehen? Was, wenn sie Adam dadurch verliert? Und dann ist von einer Sekunde auf die andere nichts mehr, wie es war: Auf eisglatter Fahrbahn rast ein Lkw in das Auto, in dem Mia sitzt. Mit ihrer Familie. Sie verliert alles und steht vor der einzigen Entscheidung des Lebens: Bleiben oder gehen?“ Dieser Unfall wird bereits im zweiten Kapitel sehr eindrucksvoll aber nicht reißerisch beschrieben, was nach dem tatsächlich spielerisch leichten Auftakt im ersten Kapitel – dem relativ normalen Morgen einer glücklichen Familie, die direkt neben uns leben könnte – umso dramatischer wirkt. Damit verliert der Verdacht der Seichtheit aber sofort an Gewicht. Das Buch ist nicht seicht gehalten, obwohl Forman Mia ihre Geschichte in einfachen Worten selbst erzählen lässt. Heraus kommt dabei ein leises, unpathetisches Buch, das gerade dadurch zum Weiterlesen animiert.

Eine an Engel glaubende, erschütterte Großmutter, die irgendwie funktioniert. Ein Großvater, der als einziger erkennt, wie wichtig für Mia das Wissen sein muss, gehen zu dürfen, und der ihr das auch sagt, während andere in ihrer Gegenwart das Thema Tod, das auf so dramatische Weise in das Leben des Mädchens kam, meiden. Eine burschikose Freundin, die Mias Freund über den Unfall informiert. Eine andere, die es ihm ermöglicht, Mia zu sehen, weil er als „Freund“ eigentlich keinen Zutritt zur Intensivstation hat und dabei doch eine so wichtige Rolle in Mias Leben spielt. Alles Menschen, die Mias inneren Zwiespalt aufzugeben oder zu kämpfen vergrößern und gleichzeitig erleichtern. Die Geschäftigkeit einer Intensivstation, die Versorgung eines komatösen Körpers, der Mia gehört und doch auch wieder nicht. Denn sie schwebt quasi als Geist über allem, ohne wirklich Einfluss darauf nehmen zu können. Nicht wissend, wie sie diesen Zustand überwinden kann, in dem sie zwar alles beobachten, aber keinen Kontakt zu anderen aufnehmen kann. Rückblicke auf ihr Leben – wie das Kennenlernen ihrer besten Freundin oder ihres Freundes Adam, auf ihre Liebe zur Musik, auf ihre Familie und Freunde erlauben dem Leser, Mia besser kennenzulernen.

Forman bietet uns mit der Geschichte, der gerade erst erwachsen werdenden Mia eigentlich ein Jugendbuch. Doch auch Erwachsene können sich in Mia wiederfinden, weil sie sehr reif herüberkommt. Obwohl es in diesem Buch um das Ende, Tod und Trauer geht, kommen die Aspekte Anfang, Leben und Hoffnung, Familie, Liebe und Freundschaft nicht zu kurz. Werte, die heute oftmals flüchtig verkommen oder verkitscht dargestellt werden. Formans emphatischer Erzählstil, völlig frei von tränenreicher Melodramatik, sorgt für einen ständig wechselnden und fließenden Übergang von Mias jetziger Situation zu ihrem bisherigen nahezu sorglosen und unbeschwerten Leben und zurück. Zeigt uns ihre Erinnerungen an glückliche Zeiten, an Träume und Zweifel, aber auch ihre jetzigen Ängste, ihre Hilflosigkeit, ihren Zwiespalt. Dadurch wird erschreckend klar, dass jeder von uns sich morgen in einer vergleichbaren Situation befinden könnte. Dass das Leben kurz und vergänglich ist und wir nur begrenzt Einfluss auf das nehmen können, was mit uns geschieht. Doch genau dadurch wird auch deutlich, dass in schmerzlichen, scheinbar ausweglosen Situationen, Hoffnung da ist, Hoffnung wachsen kann. Was der Schutzumschlag des Buches perfekt ausdrückt. Die aufblühende rosa Blüte. Ein Symbol für die Hauptthemen dieses wunderschönen, unaufdringlichen und einprägsamen Buches – Liebe und Leben und den Wert von Freundschaft und Familie.

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

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Titel erhältlich bei booklooker.de

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Nomade – Der Sohn des Sehers

Erstellt von Werner Karl am 17. Juli 2010

Torsten Fink
Nomade – Der Sohn des Sehers
Band 1

(sfbentry)
Blanvalet
Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN 978-3-442-26691-3
Fantasy / All-Age-Trilogie
1. Auflage Mai 2010
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München
Taschenbuch, 462 Seiten

www.blanvalet.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Torsten Fink, Jahrgang 1965, arbeitete lange als Texter, Journalist und literarischer Kabarettist. Sein Debüt als Fantasy-Autor gab er mit der Bestseller-Trilogie Die Tochter des Magiers. Er lebt und schreibt heute in Mainz.

Zum Buch:

Mit Nomade beginnt der Autor Torsten Fink seine neue Fantasy Trilogie rund um den jungen Seher Awin. Awin und seine Schwester Gunwa sind von Zieheltern aufgezogen worden, nachdem ihr eigener Stamm vollständig ausgelöscht wurde. Nun leben die zwei jungen Leute im Stamm der Hakul.

Über die Hakul bricht großes Unglück herein, als der Heolin, ein bedeutsamer Lichtstein des Stammes, von Grabräubern gestohlen wird und mehrere Männer der Hakul Opfer der Räuber werden. Nun beschließt der Clan in den Krieg zu ziehen, die Räuber zu fassen und den Heolin zurückzuholen. Sie lassen Frauen und Kinder in einem Lager zurück und machen sich auf die Suche. Die große Kunst der Seher ist jetzt gefragt, denn nur mit ihrer Hilfe wird erkennbar sein, welchen Weg die Räuber mit dem Heolin genommen haben.

Der alte Seher der Hakul und Ziehvater Awins, Curru, scheint langsam an Größe zu verlieren. Gezielt versucht er jedoch dies zu vertuschen und die seherischen Fähigkeiten Awins als seine eigenen zu verkaufen. Awin, noch unerfahren in solchen Dingen, wirkt hier oft noch etwas unsicher und lässt sich zu leicht von Curru bloß stellen. Entgegen der Behauptungen Currus gewinnt Awin aber innerhalb des Clans der Hakul Stück für Stück größeres Ansehen. Er selbst entwickelt nach und nach mehr Selbstvertrauen. Dies verdankt er auch den beiden Frauen Senis und Merege, die den Hakul auf ihrem Kriegszug begegnen und diese zeitweilig begleiten.

Sehr schön und gekonnt erschafft der Autor hier eine fremdartige Welt, die der Leser eventuell aus der vorangegangen Trilogie des Autors Die Tochter des Magiers schon kennt. Aber auch ohne diese Vorkenntnisse ist die Welt der Hakul interessant, wenn auch ungewöhnlich. Einen großen Raum nehmen ganz speziell die Winde der Slahan ein. Sie haben großen Einfluss und beeinträchtigen auch die Suche nach dem Heolin. Mehr sei jedoch an dieser Stelle nicht verraten. Hilfreich sind die Karten vorne und hinten in den Innenseiten des Covers, die das Reich Neu Akkesch und die angrenzenden Länder und Völker darstellen, sowie das Glossar ohne dessen Hilfe ich zu Beginn des Buches leicht den Überblick über Götter, Personen und Begriffe verloren hätte.

Ein spannendes Buch mit unerwartetem Ende und ausgefallenen Charakteren.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

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Die Reinheit des Todes

Erstellt von Werner Karl am 22. Juni 2010

die-reinheit-des-todesVincent Kliesch
Die Reinheit des Todes

(sfbentry)
Blanvalet
Verlagsgruppe Random House
ISBN 978-3-442-37492-2
Thriller
1. Auflage Juni 2010
Umschlaggestaltung: © HildenDesign, München
unter Verwendung von Motiven von Photoslash/iStockphoto
Taschenbuch, 318 Seiten

www.blanvalet.de
www.vincent-kliesch.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Vincent Kliesch wurde am 17.10.1974 in Berlin geboren. Als Moderator unterhält er täglich das Publikum im Filmpark Babelsberg in Potsdam. Außerdem hat er drei Jahre lang seine eigene Comedy-Show im Auftrag von Starbucks moderiert und dort einige der besten Comedians Deutschlands begrüßt. Als Stand-up-Comedian ist Vincent Kliesch bereits im Quatsch Comedy Club oder im legendären Waschsalon von Night Wash aufgetreten. Außerdem hat er als Ensemblemitglied des Burgtheaters Ziesar verschiedene Hauptrollen gespielt. Seine Leidenschaft ist jedoch das Schreiben. Als Fan von Spannungsliteratur war der Weg von der Comedy zum Thriller für ihn nicht weit: „Die Mittel, mit denen man ein Publikum zum Lachen bringt, sind dieselben, mit denen man Spannung erzeugt. Die Auflösung geht nur in die entgegengesetzte Richtung.“

Zum Buch:

Der Debütroman „Die Reinheit des Todes“ von Vincent Kliesch besticht durch einen sehr außergewöhnlich handelnden psychopatischen Serienmörder, der dem zuständigen Ermittlerteam in Berlin um Quirin Meisner ein Rätsel aufgibt. Zur Lösung des Falls wird Julius Kern aus Brandenburg angefordert, der  bei der psychologischen Polizeiarbeit behilflich sein soll, denn dieser Mörder geht nach einem ungewöhnlichen Schema vor: Er steckt seine Opfer, nachdem er sie zunächst ertränkt und dann in einem reinen weißem Hemd auf einem Tisch drapiert. Die Wohnungen dieser Opfer zudem sind klinisch rein geputzt, es findet sich kein noch so kleines Indiz auf die zuvor da gewesene Person an den Tatorten. Um das Motiv nach dem mittlerweile dritten Mord an einer Apothekerin im mittleren Alter zu finden, stürzt sich Julius ohne Pause in die Arbeit.

Doch auch für ihn gestaltet sich die Suche insgesamt schwieriger als gedacht; belastet von seinem vorherigen Fall, der seine Familie auseinander gerissen und ihm dauerhafte nächtliche Albträume beschert, knabbert Julius sehr an der Tatsache, dass er den damaligen Serienmörder Tassilo Michaelis aufgrund fehlender Beweise nicht festsetzen konnte. Dass gerade dieser verhasste Gegner ihm im aktuellen Fall einen entscheidenden Tipp verschafft, bringt die Ermittlungen abrupt ins Rollen…

In diesem Buch werden zunehmend intensiver mehrere Handlungsstränge parallel gefahren. Zum einen der seelisch belastete und akribisch ermittelnde Julius Kern, zum anderen der psychopatische Serienmörder, welcher dem Leser schon relativ früh präsentiert wird. Hier lernt man durch die Offenlegung der Gedanken und das familiäre Umfeld einen getriebenen Menschen kennen, dessen Taten durch seine Hintergründe sehr genau nachvollziehbar sind. Des weiteren beschleunigen viele Rückblicke auf den vorherigen nicht abgeschlossenen Fall von Kern und das plötzliche Einmischen von Tassilo, der kurzfristig ein pressewirksames Buch über sich und die Geschehnisse veröffentlichen will, einen rasanten Verlauf der Ereignisse und prägen zunehmend die Spannung.

Immer mehr versteht es Vincent Kliesch, hierdurch seine Leser zu fesseln. In diesem Buch gibt es mehrere „Showdowns“, die sich am Ende des Buches förmlich überschlagen und diesen Thriller absolut empfehlenswert machen. Und auch der gewünschte „Aha-Effekt“ bleibt nicht aus. Ein guter lesbarer Schreibstil und ein flüssiger Ablauf mit einer spannenden Geschichte aus vielen Sichtweisen vermitteln mir in diesem Fall als Person mittendrin zu sein. Man behält sehr gut den allgemeinen Überblick und verfolgt auch leicht aufgebracht als Leser die falschen Fährten und freut sich ebenso, wenn die Ermittlungen wieder die richtige Richtung einschlagen.  

Da dieser Erstling der Auftakt einer mehrteiligen Reihe ist, darf man gespannt auf den weiteren Werdegang von Julius Kern sein. Und auch die tragische Figur des Tassilo scheint dem Leser erhalten zu bleiben! 

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

Und hier folgt eine weitere Meinung zum Buch:

Mit „Die Reinheit des Todes“ präsentiert der Autor Vincent Kliesch sein erstes Buch. Die Geschichte rund um den Ermittler Julius Kern ist der Beginn einer geplanten Trilogie.

Im Prolog des Buches lernt der Leser das dritte Opfer eines Serienkillers kennen und begleitet diese Frau, Elisabeth Woelke, in ihren Tod. Die Polizei findet kurz darauf die selbstständige Apothekerin tot in ihrer Wohnung, in der Mitte des Wohnzimmers, aufgebahrt auf dem Esstisch. Sie ist in ein weißes Hemd gekleidet und das komplette Zimmer ist absolut sauber geputzt, so rein, dass keinerlei Spuren zu finden sind. Es gibt bereits zwei andere Opfer und da die Ermittlungen nicht vorankommen, hat Quirin Meisner seinen alten Freund und Kollegen Julius Kern um Mithilfe bei der Suche nach dem Täter gebeten.

In Julius Kern erwachen die Schatten der Vergangenheit; denn bereits Jahre zuvor hat er in Berlin einen Serientäter namens Tassilo Michaelis verhaftet, der jedoch mangels Beweisen vor Gericht freigesprochen werden musste. An dieser Niederlage ist auch die kleine Familie rund um Julius Kern zerbrochen und er hat sich eine neue Aufgabe beim LKA Brandenburg gesucht. Nun steht er erneut im Visier der Presse, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass Tassilo in Kürze ein Buch über den Hergang seiner bestialischen Morde und die Hintergründe der Taten veröffentlichen möchte.

Dennoch stürzt sich Julius Kern mit enormem Tatendrang in die neuen Ermittlungen. Der Täter, den die Polizei als Putzteufel bezeichnet, ist dem Leser des Buches schon ziemlich früh bekannt. Ihm alleine ist ein großer Handlungsstrang im Buch gewidmet. Die Spannung wird hier nicht, wie in vielen Kriminalromanen und Thrillern üblich, erzeugt durch die Suche nach dem Täter, sondern vielmehr durch die Geschichten der Täter und des Ermittlers und deren Wirkungen auf- und miteinander. Vor allem die ganz besonderen Verbindungen von Julius zu Tassilo und auch vom Putzteufel zu Tassilo und damit zu Julius Kern, sind hier der Schlüssel in Richtung Handlungshöhepunkt.

Besonders die Geschichte rund um den freigesprochenen Mörder Tassilo weckt in mir als Leserin sehr gemischte Gefühle. Handelt es sich einerseits um einen bestialischen Killer, ist auf der anderen Seite sein Motiv gar nicht mal so abwegig. Dieses Debüt ist absolut lesenswert. Es hebt sich aus dem üblichen Einerlei der Thriller heraus und macht Lust auf mehr.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Hexengift

Erstellt von Werner Karl am 15. Mai 2010

hexengiftT. A. Pratt
Hexengift

(sfbentry)
Originaltitel: Poison Sleep (2008)
Übersetzt von Michael Pfingstl
München: Verlagsgruppe Random House 2010
Blanvalet Taschenbuch 26690
Horrorthriller, Mystery-Crime
Umfang 415 Seiten
ISBN 978-3-442-26690-6

www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Der vorliegende Roman ist nach Hexenzorn das zweite Abenteuer mit der Hexe Marla Mason, die, nachdem sie heil aus der Großstadt San Francisco zurück gekehrt ist, gleich merkt, dass auch im beschaulicheren Felport ein eisiger Wind weht. Denn ein Feind oder eine Feindin von Marla scheint dort die Macht an sich reißen zu wollen, indem sie einer geisteskranken Magierin zur Flucht zu verhelfen versucht. Dabei wird jedoch eine andere Hexe namens Genevieve geweckt, welche die Feindin Marlas mühelos aufhält, um dann selbst spurlos zu verschwinden.

Genevieve wurde dereinst brutal vergewaltigt, bevor sie ihr magisches Talent voll entwickeln und unter Kontrolle bringen konnte. Seitdem lag sie katatonisch in einer psychiatrischen Einrichtung für “durchgedrehte Magier”. Nun ist sie verschwunden und Marla merkt bald, dass Genevieve über unglaubliche Macht verfügt. Doch leider ist Genevieves Geisteszustand mehr als zerrüttet, so dass ihr Vergewaltiger bzw. dessen Abbild in ihrem Geist immer mehr Macht über sie erhält. Dieses böse Imago erweist sich als nahezu unverwundbar, und Marla merkt bald, dass sie sich beginnt die Zähne an ihm auszubeißen. Zudem macht ein Auftragskiller, der sich von seiner Organisation losgesagt hat und deshalb von deren Mitgliedern verfolgt wird, die Stadt unsicher und scheint es auf Marla abgesehen zu haben.

Und während Felport unter dem magischen Sturm erzittert, den der imaginäre Vergewaltiger entfacht, der immer mächtiger zu werden scheint, zieht im Hintergrund auch noch jene Person die Fäden, die dafür gesorgt hatte, dass beinahe Marlas Feindin aus der Heilanstalt entkommen wäre. Wie ein Kraken umschlingen verschiedene Gefahren Marla und drohen ihr Leben und das ihrer Freunde und Helfer zu beenden…

Auch das zweite Buch um die ruppige und doch liebenswerte Hexe hat es wieder in sich. Der Autor dreht gewaltig an der Spannungsschraube, was den Leser vergessen lässt, sich nach brillanten Ideen umzuschauen, denn im Gegensatz zu Hexenzorn fällt Hexengift in dieser Hinsicht etwas ab. Dies kompensiert der Autor aber mühelos durch die wunderbaren Figuren, die packende Atmosphäre und die kriminalistisch wirkende Handlung, denn spätestens als klar wird, dass einer von Marlas Verbündeten ein Spion für die Gegenseite ist, beginnt das große Rätselraten, bei dem es der Autor dem Rezipienten nicht gerade leicht macht.

Zwischen all der Action gönnt Pratt seinen Lesern aber gerade so viele Pausen, dass diese wieder zu Atem kommen können, bevor die nächste Schlacht beginnt. Schade nur, dass Marla auf etwas übertriebene Fabelwesen zurückgreifen muss, um ihre Haut zu retten, denn vor allem Pratts Rückgriff auf die griechische Mythologie erscheint hier mehr als fragwürdig.

So ist das vorliegende Werk zwar etwas schwächer als der Auftaktband geraten, aber zum Glück nur so unwesentlich, dass er zur Lektüre noch immer wärmstens empfohlen werden kann. Ein überaus spannendes, phantasievolles und immer noch innovatives Buch.

Copyright © 2010 by Gunther Barnewald
 
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

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Fabelheim

Erstellt von Werner Karl am 15. Mai 2010

fabelheimBrandon Mull
Fabelheim

(sfbentry)
Originaltitel: Fablehaven (2006)
Ins Deutsche übertragen von Hans Link
München: Verlagsgruppe Random House 2010
Blanvalet Taschenbuch 26697
Fantasy
Umfang 346 Seiten
ISBN 978-3-442-26697-5

www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Der vorliegende Roman ist der Auftakt einer Fantasyserie um die beiden Geschwister Kendra und Seth, die zu ihren Großeltern abgeschoben werden für einige Wochen, da die Eltern eine Kreuzfahrt geerbt haben und diese auch antreten möchten. Bald merken die beiden, dass es auf dem riesigen Gut ihres Großvaters nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint. Sie entdecken Elfen und andere Fabelwesen, aber auch eine böse Hexe und allerlei Gefahren. Und doch freunden sie sich mit der Haushälterin an, die eine ehemalige Meerjungfrau ist, und beginnen sich sogar mit dem knurrigen Großvater zu verstehen.

Seltsamerweise bleibt jedoch die Großmutter verschwunden und nach einer nächtlichen Feier der Fabelwesen sind auch noch alle anderen Erwachsenen weg. Verzweifelt gehen die Kinder einen Pakt ein mit der in der Nähe gefesselten bösen Hexe, um die Erwachsenen aus den Klauen der Fabelwesen zu befreien. Von da ab beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn Fabelheim scheint dem Untergang geweiht, und während die böse Hexe versucht die Macht zu übernehmen, kämpfen die Kinder und die befreite Großmutter verzweifelt darum, Fabelheim und alles Leben darin zu erhalten…

Brandon Mull gelingt mit dem vorliegenden Buch ein wunderbar märchenhaftes Abenteuer, welches wohl nicht unabsichtlich an Die Chroniken von Narnia des Engländers C. S. Lewis erinnert und einen ähnlichen Charme entwickelt wie das Vorbild. Mit großer Leichtigkeit und stilistischer Brillanz entführt der Autor seine Leser in eine magische Welt voller Abenteuer, Romantik und Gefahren. Er umschifft dabei so manches Klischee, ohne das Genre wirklich neu zu erfinden. Die liebenswerten Charaktere, die wohlige Atmosphäre und die packende Handlung machen den Roman lesenswert. So fühlt der Leser sich gut unterhalten, auch wenn es dem Autor nicht wirklich gelingt, innovativ zu sein, sondern Brandon Mull nur geschickt alte Vorlagen neu variiert.

Deshalb ist Fabelheim wahrlich kein Meilenstein des Genres, aber er vermittelt dem Leser vergnügliche Schmökerstunden, ohne dessen Geduld mit abgedroschenen Klischees allzusehr auf die Probe zu stellen, was heutzutage wahrlich eine Seltenheit ist.

Copyright © 2010 by Gunther Barnewald
 
Titel erhältlich bei Buch24.de
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Die Giftmeisterin

Erstellt von Werner Karl am 10. Mai 2010

die-giftmeisterinEric Walz
Die Giftmeisterin

(sfbentry)
Blanvalet, Verlagsgruppe Randomhouse
ISBN 978-3-442-37318-5
Historischer Roman
1. Auflage April 2010
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München
Umschlagmotiv: © Bridgeman Art Library/Galleria degli Uffizi, Florenz
Taschenbuch, 414 Seiten

www.blanvalet.de
www.ericwalz.eu

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. 2002 erfüllte er sich den Kindheitswunsch, Bücher zu schreiben. Sein Debütroman „Die Herrin der Päpste“ wurde ein großer Erfolg, den er mit „Die Hure von Rom“ wiederholen konnte. Eric Walz lebt heute als freier Autor in Berlin.

Zum Buch:

Aachen, am heiligen Abend im Jahre 799, in ihrem Zimmer sitzt Ermengard und schreibt die Erlebnisse der letzten Wochen, Monate und Jahre nieder. In die Geschehnisse der letzten Zeit fließen ihre Erinnerungen ein, Erinnerungen an vergangene Zeiten, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Arnulf verbracht hat.

Zwei Wochen zuvor hat Ermengard ganz in der Nähe ihres Wohnhauses eine Leiche gefunden. Die Leiche von Hugo, einem jungen Mann, der im Dienste König Karls stand, genau wie Ermengards Mann, Arnulf. Arnulf wird mit der Aufklärung dieses Mordes, der nicht der einzige Todesfall in diesem Roman bleiben soll, beauftragt. Aber auch Ermengard selbst beginnt zu ermitteln. In ihren Erinnerungen begleitet der Leser Ermengard ins Frauenhaus, zu den Konkubinen und Töchtern des Königs, die dort ein einsames Leben fristen. Jede von ihnen hat einen ganz besonderen Charakter und scheinbar auch so einige Geheimnisse. Ermengard sucht auch den Kontakt zu den Gefolgsleuten des Königs. Wo sie nur kann, ist sie zugegen und stellt Fragen.

Sie selbst jedoch leidet, denn ihr Mann Arnulf hat bereits seit einiger Zeit eine Konkubine mit der er auch ein gemeinsames Kind hat. Mutterfreuden waren Ermengard nicht vergönnt. Mehrere Schwangerschaften blieben erfolglos und so muss sie mit ansehen, wie eine fremde Frau ihrem Mann etwas geben kann, was ihr selbst verwehrt blieb. Emma, Arnulfs Konkubine lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Rolle der Gräfin Ermengard zukünftig einnehmen will und macht Ermengard das Leben in ihrem eigenen Haus zur Hölle.

Auch mit Gerlindis, ihrer Nichte, hat Ermengard so einige Probleme. Die junge Frau ist verliebt und gibt Ermengard für viele Dinge, die nicht ihren Wünschen entsprechend verlaufen, die Schuld. Ermengard, die Gerlindis wie eine eigene Tochter liebt, trifft das sehr hart.

Doch dann trifft Ermengard auf Fionee, die sich selbst als Glücklichmacherin bezeichnet. Fionee hat eine ganz besondere Beziehung zu Ermengard und erweckt in ihr Gefühle der besonderen Art. Sie ist vertraut und fremd zugleich. Fionee ist aber, auch wenn sie nicht die Hauptprotagonistin dieses Romans ist, dann doch die Person, der der Titel dieses Buches zugedacht ist: Die Giftmeisterin. Sie händigt Gift aus, aber über den Einsatz und über Leben und Tod entscheidet dann der neue Besitzer des Giftes. Doch mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Eric Walz hat mit „Die Giftmeisterin“ einen ganz besonderen historischen Roman geschrieben. Schon die Tatsache, dass er als Mann beim Schreiben in die Rolle der Ermengard schlüpft ist außergewöhnlich. Hierbei beweist er großes Feingefühl. Das Buch lebt von Ermengard Gefühlen und Emotionen und damit verbunden auch von ihren Taten. Alles andere rückt in den Hintergrund. Erinnerungen und Ermittlungen bestimmen das Lesevergnügen.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

…und eine weitere Rezension zumgleichen Buch:

Zur Handlung:

Im Prolog wird grob auf das Ende des Buches hingewiesen:
Die Gräfin Ermengard verbringt den Heiligen Abend im Jahr 799 mit ihren Geschehnissen in den letzten zwei Wochen, die sie zu ihrer Rechenschaft aufschreibt. Diese Geschichte schreibt sie sich von ihrer Seele, denn sie handelt von zwei Verbrechen, und davon hat sie selbst eines begangen…

Am Hofe Karls des Großen wird eine Leiche ermordet aufgefunden: Hugo, Sohn von Gerold und Bruder von Grifo. Ermengards Mann Arnulf wird von Karl mit den Ermittlungen betraut. Sehr schnell fällt der Verdacht auf Grifo, und da dies die einfachste  Aufklärung zu sein scheint, verschwendet Arnulf seine Energie lieber in andere Tätigkeiten. Doch Ermengard zweifelt hierüber und versucht ihren eigenen Hinweisen nachzuforschen. Sie beginnt im Frauenhaus und sucht nach möglichen Motiven?

Während ihrer Suche nach dem wahren Mörder erfährt der Leser durch mehrere Rückblenden in die Vergangenheit viel von Ermengards Leben und der Beziehung zu ihrem Mann. Diese Erinnerungen reichen zunächst bis weit in ihre Kindheit zurück, verweilen dann beim Kennenlernen von Arnulf und ihre persönlichen Schicksalsschläge. Denn Ermengards Leben ist geprägt durch mehrere Fehl- oder Totgeburten und sie leidet sehr unter ihrer Kinderlosigkeit. Diese hat ihren Mann Arnulf dazu veranlasst, sich eine Konkubine zu nehmen ? Emma ? mit welcher er eine gemeinsame Tochter hat. Obwohl ihr Mann versucht, Ermengard weitestgehend von dieser Verbindung abzuschirmen, brodelt der Neid um diese Beziehung stark in Ermengard. Denn auch Emma macht ihr unmißverständlich klar, dass sie auf eine Heirat mit Arnulf aus ist. Vorrangig versucht Ermengard zwar den Mörder von Hugo ausfindig zu machen, denkt aber auch verstärkt  über eine mögliche Lösung ihres Problems mit Emma nach?  

Mein Fazit:

Eric Walz ist es gelungen, einen historischen Roman mit einem Krimi zu mischen und diesen spannend in das Geschehen einzubinden. Interessant ist hier eindeutig die Ich-Perspektive, d.h. die Perspektive Ermengards aus Sicht eines männlichen Autors. Dieser Ausblick ist dem Autor jedoch gut gelungen. Durch den Prolog wird man als Leser neugierig in den Verlauf eingebunden, der sich mit den letzten Wochen in der Vergangenheit beschäftigt. Ermengard erzählt die Ereignisse aus ihrer Sichtweise, man fühlt sehr mit ihr, erreicht eine Bindung zu Ermengard und kann ihre Handlung absolut nachvollziehen.

Das Buch selbst ist in viele kurze Kapitel eingeteilt, die ich als Leser sehr mag. Dies bietet mir die Möglichkeit, in kurzen Absätzen mit einigen Ortswechseln das Geschehen gut zu verfolgen. Durch den kurzen Zeitraum und den Schreibstil hat man als Leser das Gefühl, Ermengard berichtet in einem Brief an eine vertraute Person bzw. dem Leser über ihre Erlebnisse. Und versucht damit, ihr Handeln für sich selbst nachzuvollziehen und auch dem Leser zu vermitteln. Und zudem ist bis zum Schluss ungeklärt, wer nun eigentlich der Übeltäter ist. Auch dies bietet eine größere Überraschung!

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

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Die Welt in den Wolken

Erstellt von Werner Karl am 30. März 2010

die-welt-in-den-wolkenJay Amory
Die Welt in den Wolken

Originaltitel: The Fledging of Az Gabrielson (2006)
Aus dem Englischen von Joannis Stefanidis
München: Verlagsgruppe Random House 2009
Blanvalet Taschenbuch 24473
Science Fiction
Umfang 447 Seiten
ISBN 978-3-442-24473-7

www.randomhouse.de

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Auch wenn man es wohl in Zeiten der Verkaufs- und Beliebtheitsdominanz der Fantasyliteratur kaum noch registrieren mag: Das vorliegende Buch ist ein “lupenreiner” SF-Roman (und dies ist nicht im Sinne des Mißbrauchs dieses Wortes durch Gerhard Schröder gemeint). Allerdings leider kein guter!

Der 16jährige Azrael Gabrielson, kurz Az genannt, lebt nach einer verheerenden Katastrophe auf der Erdoberfläche wie viele andere Menschen in einer Stadt über den Wolken. Seit vielen Generationen leben hier schon Menschen und haben sich diesem Leben in der dünnen Luft angepasst. Jeder hat flugfähige Flügel und die menschlichen Körper wiegen nicht mehr allzu viel. Nur Az ist in einer Hinsicht eine fatale Ausnahme: Denn er hat als fast einziger Mensch in den Städten über den Wolken keine Flügel. Aber genau dies macht ihn geeignet für ein riskantes Unternehmen, denn die Rohstofflieferungen von der Erdoberfläche werden immer weniger und drohen zu versiegen. Deshalb wird Az von der Präsidentin des Luftvolks darum gebeten, mit einem der schnellen, gigantischen Aufzüge nach unten zu reisen und zu erforschen, was dort vor sich geht.

Az beschließt das Wagnis einzugehen und reist zur Erdoberfläche, welche dauerhaft in graue Wolken gehüllt ist. Dort entdeckt er schnell, dass noch viele Erdenmenschen leben und sich eine Art Religion etabliert hat, deren Priester nicht nur selbst gut leben, sondern auch dafür sorgen, dass die Himmelsstädte weiterhin beliefert werden. Mittlerweile regt sich jedoch Widerstand gegen die Priester, und immer mehr der ausgebeuteten Arbeiter solidarisieren sich und begehren gegen die Herrschaft der Priester auf. Als Az von den Erdlingen entdeckt und enttarnt wird, wird er gefangen genommen und das alte, etablierte System droht zu zerbrechen…

Was spannend klingt, ist leider nur in der ersten Hälfte der Geschichte wirklich überzeugend. Leider gehen dem Autor nach ca. 150 Seiten definitiv die Ideen aus. Danach wirkt fast alles nur noch klischeehaft, vor allem die Protagonisten sind unglaubwürdig, allen voran der intrigante Politiker mit dem entlarvenden Namen Alan Dampfsager, der allzu eindeutig als Bösewicht herhalten muss. Noch viel ärgerlicher ist jedoch, dass der Autor sich keine Gedanken gemacht zu haben scheint, woher die Nahrung auf einer Erde ohne Sonnenschein kommt. So gibt es auch nur einen einseitigen Austausch von Waren und Rohstoffen, welcher nur von unten nach oben stattfindet. Betrachtet man sich dies genauer, erscheinen die Menschen der Lüfte als Volk von Schmarotzern und Ausbeutern, die auf Kosten der Erdlinge ein üppiges Dasein führen, ohne etwas im Gegenzug dafür zu leisten.

Dass der Autor sich dann auch noch eindeutig auf die Seite dieser Ausbeuter stellt, alle, die gegen das System kämpfen, diffamiert und Az zum unreflektierten und gleichgültigen Dummerjan macht, dem nur die Erhaltung des alten Systems am Herzen liegt und der keinerlei Mitleid mit den geschundenen Erdbewohnern hat, wäre wohl früher als erzreaktionär bezeichnet worden, als man solche Worte noch in den Mund nahm. Ähnlich wie in “Metropolis” frisst die Revolution jedoch ihre Kinder und “Die Welt in den Wolken” wartet mit fast identischem Plot auf, was einen mehr als faden Beigeschmack bei mitfühlenden, sozial engagierten Lesern hinterlassen dürfte.

Aber auch über diesen ethischen Mangel hinaus ist das vorliegende Buch eine Enttäuschung, da der Autor dem eigenen Niveau des ersten Drittels zum Opfer fällt, denn der Rest der Geschichte ertrinkt in ideenlosen Oberflächlichkeiten, fader Action und Klischees. Schade, denn zumindest der Beginn des Romans ist gut lesbar und verheißt ein interessantes Sujet mit exotischer Atmosphäre. Doch Jay Amory erstickt alle guten Ansätze im Keim durch triviale Charaktere und Platitüden, nur die enorme Schriftgröße transportiert den Leser schlußendlich ans Ende der Geschichte (hätte man solche Erzählungen früher doch auf maximal 250 Seiten abgedruckt!).

Eine leider verschenkte Idee, aus der viel mehr hätte werden können und sollen.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

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Black Rain

Erstellt von Werner Karl am 26. Februar 2010

black-rainGraham Brown
Black Rain

(sfbentry)
USA, 2009
blanvalet-Verlag, München, 1. Auflage: 12/2009
TB, Mystery-Thriller 37384
ISBN 9783442373840
Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel
Titelgestaltung von HildenDesign, München

www.blanvalet.de
www.hildendesign.de

Danielle Laidlaw arbeitet für das NRI, eine äußerst spezielle Abteilung, die im Geheimen für die Regierung tätig ist. Das NRI sucht neue Technologien und bedient sich dabei nicht immer legaler Mittel. Danielle und ihr Mentor Arnold Moore befinden sich in der Nähe des Amazonas-Regenwaldes. Dort haben sie eine Spur entdeckt, die zu Kristallen führen soll, die kalte Fusion erzeugen können. Dies würde saubere, bezahlbare Energieerzeugung bedeuten. Ein Team ist schon in den Regenwald geschickt worden. Nachdem dieses spurlos verschwand, stellen Danielle und Moore eine neue Gruppe zusammen. Mitten in den Vorbereitungen wird Moore ins Hauptquartier zurückberufen. Danielle obliegt nun die Leitung des Unternehmens. Doch sie ist nicht alleine auf ihrer Jagd nach den geheimnisvollen Kristallen.

Richard Kaufmann, ein Geschäftsmann, dessen Firma Millionen verdient, in dem er funktionstüchtige Technik liefert, die für Waffensysteme verwendet werden, klinkt sich ebenfalls in dieses Unternehmen ein. Dabei schreckt er weder vor Spionage noch vor Erpressung oder Mord zurück. Er will den Wettlauf gegen seine Konkurrenz gewinnen. Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, scheinen noch geheimnisvolle, bösartige Wesen im Regenwald zu existieren. Diese töten alles, was nur in die Nähe der Steine kommen will. Die Wissenschaftler um Danielle Laidlaw geraten in ein tödliches Abenteuer, denn die Kreaturen, die hinter den schrecklichen Ereignissen stecken, gönnen der Menschheit keine Zukunft. Das Forscherteam wird gnadenlos gehetzt und muss um sein Überleben kämpfen.

Graham Brown ist mit diesem Thriller ein atemberaubendes Abenteuer gelungen, das seinesgleichen sucht. Langsam führt er seine Protagonisten in die ‚Grüne Hölle’ des Amazonas’. Er vereint geschichtliche Fakten und Fantasy-Elemente gekonnt. Daraus entsteht eine unglaublich spannende und mitreißende Geschichte. Die einzelnen Personen werden nach und nach vorgestellt und bestimmen den Lauf der weiteren Handlung. Dabei fügt er immer wieder geschichtliche oder wissenschaftliche Fakten hinzu. So kann keine Langeweile aufkommen.

Da ist z. B Danielle Laidlaw, die ihr erstes Unternehmen ohne ihren Mentor Arnold Moore leitet. Sie ist mutig, klug sportlich, schön und geht Risiken ein. Michael McCarter ist als Archäologieprofessor und Kenner der Mayakultur von unschätzbarem Wert für das Team. Dazu kommt noch ein Söldnertrupp, ein Pilot, sowie eine Studentin die McCarter in den Urwald folgt. Alle haben ihre eigenen vorgeschobenen Gründe, um mitzumachen. Nach und nach erfährt der gespannte Leser, warum sich die einzelnen Mitglieder wirklich entschlossen haben, bei dieser Expedition mitzumachen. Dafür gibt es viele Gründe: Langeweile, Forscherdrang oder eine alte Rechnung, die beglichen werden will.

Das Cover wird von einem grün pulsierenden Energieelement geziert. Dieses hebt sich von dem dunklen Untergrund sehr gut ab. Es wirkt durch die giftgrüne Farbe gefährlich und signalisiert: Achtung, nichts für schwache Nerven! Dem Autor ist ein spannendes Abenteuer gelungen, das mit intelligenten Wendungen nicht spart. Wer Thriller mit gut recherchiertem Hintergrundwissen und fantastischen Elementen mag, wie z. B. „Der Schwarm“, ist hier gut aufgehoben. Leser von 14 bis 88 Jahren werden an dieser Story ihre helle Freude haben.

Copyright © 2010 Petra Weddehage (PW)
 
Titel bei Amazon.de:
Black Rain

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Die Abschussliste

Erstellt von Michael Drewniok am 18. Februar 2010

child-reacher08-abschussliste-coverLee Child
Die Abschussliste

Originaltitel: The Enemy (London : Bantam Press 2004)
(sfbentry)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2006 (Blanvalet Verlag)
478 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0182-2
Als Taschenbuch: Februar 2008 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 36840)
478 S.
ISBN-13: 978-3-442-36840-2

Das geschieht:

Im Stützpunkt Fort Bird, North Carolina, hat Jack Reacher, Ermittler der Militärpolizei, in der Silvesternacht des Jahres 1989 Bereitschaftsdienst, als ihn sein Chef in ein nahe gelegenes Motel schickt. Dort liegt auf einem schäbigen Bett Zwei-Sterne-General Kenneth Kramer, den beim außerehelichen Sex ein Herzschlag fällte. Da Kramer als Kommandeur der US-Panzertruppe in Europa ein prominenter Mann und außerdem verheiratet war, gilt es sein peinliche Ende zu vertuschen.

Reacher ist durchaus dazu bereit, doch ihn stört das offensichtliche Fehlen von Kramers Aktentasche. Der General war unterwegs zu einer Tagung und machte offenbar wegen seines Tête-à-têtes eigens einen Zwischenstopp: Er traf sich mit einer in Fort Bird stationierten Offizierin! Was war in der Aktentasche? Kramers Stabsoffiziere Vassell und Coomer streiten ab, dass womöglich geheime Dokumente verschwunden sind. Als Reacher und seine Kollegin Summer die Witwe des Generals informieren wollen, finden sie diese erschlagen in ihrem Haus vor. Ein Einbrecher hat sie getötet, aber nichts gestohlen.

Reacher und Summer halten den beinahe gleichzeitigen Tod der Ehefrau nicht für einen Zufall. Vor allem Reacher nimmt an, dass der Inhalt der Aktentasche Anlass für dieses Verbrechen war. Sein Verdacht wächst, als ihm der Fall nicht nur entzogen wird, sondern ein plötzlich neu eingesetzter Vorgesetzter offen mit Haft und Schande droht, sollte Reacher nicht Ruhe geben, was diesen freilich erst recht anstachelt.

Ein Komplott beginnt sich abzuzeichnen, und die Spur führt in die obersten Ränge der Militärhierarchie. Das nahe Ende des Kalten Kriegs und der damit einher gehende Truppenbau werden viele Soldaten und Offiziere ihren Job kosten. Damit wollen sich offensichtlich einige Karrieristen nicht abfinden und die Weichen für eine Militärstruktur stellen, die auf sie nicht verzichten kann. Für Reacher und Summer beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn ihr ‘Ungehorsam’ bleibt den Verschwörern nicht verborgen. Sie missbrauchen ihre Macht, um die lästigen Militärpolizisten auszuschalten, haben die Rechnung aber ohne Reacher gemacht …

Aus der Biografie eines Action-Helden

Wenn eine Serie sieben Bände umfasst, fällt es ihrem Verfasser zunehmend schwieriger, sie nicht nur am Leben zu erhalten, sondern ihr neue Impulse zu geben. Vertrackterweise verlangen dies die Leben zwar, während sie es gleichzeitig hassen, wenn lieb gewonnene Gewohnheiten über Bord geworfen werden.

Sieben Romane füllte Lee Child mit den Abenteuern des Ex-Soldaten Jack Reacher, der ruhelos durch die Vereinigten Staaten reist und dabei immer wieder in die Rolle des einsamen Retters schlüpfen muss. Über seine Vergangenheit erfuhren wir dabei nur wenig, was aber in Ordnung ging, da uns sein Privatleben – seien wir ehrlich – weniger interessierte als Reachers bemerkenswerter Einfallsreichtum im nie zimperlichen Kampf gegen finstere Gestalten.

Nun zeigt uns Child, dass er die ausgefahrenen Geleise verlassen kann, ohne dieses Vergnügen zu schmälern. “Die Abschussliste” ist ein ‘Prequel’, das einige Jahre vor “Größenwahn” (1997), dem ersten Band der Reacher-Reihe, spielt. Reacher ist noch Militärpolizist; wir erleben ihn also zum ersten Mal als ‘ordentlichen’ Ermittler, was natürlich als relative Einschätzung zu betrachten ist, da der wahre Held zumindest in der Fiktion stets ein Querdenker im Dienst der wirklich guten Sache ist.

Action mit hohem Rätsel-Faktor

Die Abweichung von der üblichen Storyline bekommt Reacher gut. Child versetzt ihn in eine ungewohnte Umgebung, ohne dabei die eigentlichen Meriten der Serie zu vernachlässigen. “Die Abschussliste” verfügt über einen ausgezeichneten Plot, der sich nur langsam zu erkennen gibt, während die Story sich krümmt und windet, immer neue Richtungen einschlägt und stets für Überraschungen gut ist.

Child beweist, wie erstaunlich gut der Action-Thriller mit dem “Whodunit?” harmoniert. “Die Abschussliste” ist eine intensive Lektion in Deduktion. Der Verfasser arbeitet ohne Tricks und doppelten Boden. Immer wieder halten Reacher und Summer ein und listen den Stand der Dinge auf: Der Leser teilt jederzeit ihren Wissensstand. Genau dann, wenn die Theorie zu langweilen droht, geht es in den Außeneinsatz.

Immer in Bewegung bleiben – das ist Reachers Motto. Sein Status als Soldat lässt ihn die ganze Welt wie selbstverständlich als Spielfeld betrachten. “Die Abschussliste” macht glänzenden Gebrauch von seiner Kulisse. Das Militär der USA stellt einen separaten, buchstäblich uniformen Kosmos dar, der parallel zur ‘zivilen’ Welt existiert. Eigene Gesetze, Regeln, Traditionen und Eigentümlichkeiten bestimmen ihn, die Child uns nicht nur nahe bringt, sondern in den Dienst seiner Geschichte stellt, die nur innerhalb des US-Militärs spielen kann.

Apokalypse für kalte Krieger

Einen wichtigen Aspekt des Plots bildet der Zeitpunkt der Ereignisse. Sie benötigen das Jahr 1990, um der Ungeheuerlichkeit der Verschwörung die richtige Dimension zu verleihen. Child versteht es, das an sich erfreuliche Ende des Kalten Kriegs zwischen den Supermächten USA und UdSSR als Schock darzustellen – für jene nämlich, die den drohenden Krieg nicht als Bedrohung der Welt, sondern als Motor ihrer Karrieren betrachten. Entfällt die Drohung, gibt es keinen Grund mehr für ihre kostspielige Existenz. Das muss sich in unserer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zwar jeder Arbeitnehmer gefallen lassen – Child selbst spricht (s. u.) aus eigener Erfahrung -, doch gilt das auch für diejenigen, die an den Schalthebeln der echten Macht sitzen? Der Verfasser entwirft ein Szenario, in dem sich die ‘Verlierer’ der Geschichte nicht mit ihrem Schicksal abfinden, sondern es abzuwenden suchen. Dass sie sich dabei krimineller Methoden bedienen, ist ihnen einerlei, denn so wie sie es sehen, verdienen sie ihre Privilegien.

Jack Reachers Vergangenheit als Militärpolizist spielt eine große Rolle für die Serie, denn sie erklärt seine kämpferischen Fähigkeiten und die Selbstverständlichkeit, mit der er sie einsetzt. Als Begründung für sein Ausscheiden aus dem Militärdienst wurde bisher die Umstrukturierung der Streitkräfte nach dem Kalten Krieg genannt – Reacher gehörte zu denen, die auf die Straße gesetzt wurden. Dank “Die Abschussliste” wissen wir jetzt, dass er wohl auch deshalb gegangen ist, weil er den Glauben an das Militär verlor, das bis zu den Ereignissen vom Januar 1990 nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern seine Welt gewesen war.

Damals wie heute ein Querkopf & Quertreiber

Denn Reacher ist nur in seiner Dreifaltigkeit als zur Gewalt bereiter, intelligenter und idealistischer Mann zu begreifen. Die Erfahrung hat ihn zum Realisten gemacht aber nicht zum Zyniker werden lassen. Sein Sinn für Gerechtigkeit ist stärker als die Angst vor dem Ärger, den wir ‘normalen’ Menschen allzu oft schlucken. Reacher lässt sich nicht beirren. Dafür schätzen wir ihn, und deshalb akzeptieren wir seine dunklen Seiten, denn er trifft diejenigen, die es ‘verdienen’; soviel Bauchfreude gönnt sich auch der Kopfmensch, der sein schlechtes Gewissen über solche politisch unkorrekten Anwandlungen erstaunlich leicht in Schach halten kann, wenn er so gut unterhalten wird wie von Lee Child.

Wieviel ‘Menschlichkeit’ verträgt die Figur? Child zeigt es uns unfreiwillig, indem er in diesem Punkt den Bogen überspannt. Während die quasi beiläufige Liebesaffäre zwischen Reacher und Summer ausgezeichnet zu seinem Wesen passt, wirkt der Nebenstrang, der Reachers Abschied von seiner Mutter und das Verhältnis zu seinem Bruder beschreibt, auffällig überflüssig. Jack Reacher benötigt keine Heldenmutter, um als Figur glaubhaft zu sein. Ein Zuviel an privater Information ist wie schon gesagt eher schädlich.

Hätte Child auf die Beziehung zwischen Reacher und Summer verzichten sollen? Sie scheint vor allem ein Klischee zu sein, das ein ‘gemischtes’ Hauptdarstellerduo erfüllen muss. Bei näherer Betrachtung weicht Child geschickt vom Schema F ab. Reacher und Summer sind ‘Kinder’ der Armee. Sie kennen nur diese Welt und wurden von ihr geprägt. Beide sind sie unsentimental oder – auch diese Interpretation ist möglich – seelisch abgestumpft. Ihre Affäre ist beiläufig, die Gefühle nicht intensiv genug, um das Ende dieses Abenteuers überleben zu können. Das sagt viel über Reacher aus, ohne dass Child es in Worte fassen müsste. Für den weitgehenden Verzicht auf seifenoperliches Beiwerk, das heute allzu viele Thriller wie durch Blähungen anschwellen lässt, ist man ihm unendlich dankbar.

Bis Major Jack Reacher 1997 ausgemustert wird, bleiben nach 1990 noch einige Jahre, in denen er als Militärpolizist ermitteln könnte. “Die Abschussliste” beweist das Potenzial für eine ‘Sub-Serie’. Mit “One Shot” (dt. “Sniper”) kehrte Child aber erst einmal in die Gegenwart zurück.

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thrillerserien wie “Prime Suspect”/”Heißer Verdacht” oder “Cracker”/”Ein Fall für Fitz”) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‘freigestellt’.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling “Killing Floor” (1997, dt. “Größenwahn” aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

[md]

Titel bei Buch24.de (Taschenbuch)

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