Buchrezicenter.de

neuauflage

Die Enklave

Erstellt von Werner Karl am 11. Juni 2011

Ann Aguirre
Die Enklave

(sfbentry)
Originaltitel: Razorland (2010)
Aus dem Englischen von Michael Pfingstl
ISBN 978-3-442-26812-2
Fantasy
München: Verlagsgruppe Random House 2011
Blanvalet Tradepaperback 26812
349 Seiten

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Der Roman spielt in einer düsteren Zukunft. Die Oberfläche der Erde scheint unbewohnbar geworden zu sein. Die letzten Überlebenden haben sich in die Stationen und Röhren der städtischen U-Bahnsysteme geflüchtet und halten dort notdürftig einen letzten Anschein von Zivilisation aufrecht, während sie immer wieder von wilden, menschenfressenden Mutanten angegriffen werden. Im alltäglichen Überlebenskampf ist sich jeder selbst der nächste und so hat die junge Jägerin mit dem Namen Zwei Glück, dass sie in einer der größten und stärksten Untergrundgruppen aufwächst und hier im Überlebenskampf geschult wird.

Als sie alt genug ist, auf die Suche nach Lebensmitteln zu gehen und die Grenzen Gemeinschaft, die sich nach dem Namen ihrer Station “College” nennt, zu bewachen, bekommt sie einen Jungen namens Bleich an die Seite gestellt, welcher dereinst von außerhalb in die Station kam und heute deren bester und wildester Kämpfer ist. Mit ihm zieht die junge Frau aus, um das Schicksal einer Nachbarstation namens “Nassau” zu erforschen, von der man, außer einem Hilferuf, nichts mehr gehört hat…

Wer sich bei dieser Inhaltsbeschreibung an Dmitry Glukhovskys Meisterwerk Metro 2033 erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch, denn gewisse Ähnlichkeiten lassen sich nicht abstreiten. Erstaunlich ist, dass der jungen Autorin dank ihres enormen Erzähltalents ein sehr unterhaltsames Werk glückt, welches zweifellos dem Motto folgt: Besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden. So verwundert es auch nicht, dass die zweite Hälfte der Geschichte frappierende Ähnlichkeiten hat mit Cormac McCartys Roman “Die Straße” (im Original: The road), denn die Jägerin und ihr Partner werden schließlich an die Oberfläche verbannt und lernen dort, dass ein Überleben hier wieder möglich ist (und wer nicht vorher schon durch die Namen der beiden U-Bahnstationen herausbekommen hat, wo die Geschichte spielt, erfährt dies am Ende der Erzählung auch noch).

Auch wenn man der Autorin zu recht vorwerfen kann, dass ihre Geschichte viel zu harmlos und zu wenig dystopisch ist, so ist es erfreulich, dass sich Aguirre bezüglich der im Klappentext angedrohten Liebesgeschichte stark zurück hält, keinen Kitschroman verfasst hat. Im Gegenteil überzeugen die Protagonisten durch Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit.

Das vom Verlag im Klappentext ausgerufene Genre der “Romantischen Dystopien” sollte man dagegen getrost schnell wieder vergessen, denn Romantik und Dystopien vertragen sich etwa genau so gut, wie Wissenschaftlichkeit und Fantasy, nämlich gar nicht (diese Kombinationen sind zwar nicht per se unmöglich, aber doch zumindest so hanebüchen, dass sich die beiden völlig gegensätzlichen Elemente fast nur gegenseitig zerstören können, denn hätte die Autorin die angedeutete Liebesgeschichte intensiviert, wäre die Bedrohlichkeit und zerstörerische Aggressivität des gewählten Sujets einer Post-Doomsday-Gesellschaft völlig der Lächerlichkeit preisgegeben worden; zum Glück vermeidet Aguirre diesen Kardinalfehler).

Insgesamt ist Die Enklave ein gelungenes Abenteuer, geschmeidige Unterhaltung, nicht mehr, aber auch nicht weniger, vergnüglich zu lesen, bestechend geschrieben. Und da Dmitry Glukhovsky sein Universum sowieso weltweit freigegeben hat, damit andere Autoren es bevölkern können, so scheint der vorliegende Roman die beste Wahl für einen dieser Romane zu sein!

Copyright © 2010 by Gunther Barnewald

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Fantasy, Science Fiction | Keine Kommentare »

Der Sog

Erstellt von Werner Karl am 21. Mai 2011

Stephen M. Irwin
Der Sog

(sfbentry)
The Death Path, Australien, 2009
Blanvalet Verlag, München, dt. Erstausgabe: 09/2010
TB, Horror
ISBN 978-3-442-37575-2
Aus dem Australischen von Fred Kinzel
Titelgestaltung und –illustration von bürosüd°.

www.blanvalet.de
www.stephenmirwin.com

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Selbstverständlich werden nicht nur in den USA zeitgenössische Horrorromane verfasst, sondern auch in – Australien. Der Blanvalet Verlag legt mit „Der Sog“ den Debütroman des australischen Autors Stephen M. Irwin in deutscher Übersetzung vor. Nicholas Cage lebte und arbeitete knapp zwei Jahrzehnte in England, bevor er nach dem Unfalltod seiner Frau in seine australische Heimat, in die Stadt Tallong, zurückkehrt.

Nach dem Tod seiner Frau erwarb er eine außersinnliche Fähigkeit, nämlich die, Sterbenden bei ihrem Ableben (als Geister) zusehen zu können, und zwar immer wieder. Nach seiner Ankunft in Tallong wird er mit dem Verschwinden und der Ermordung eines siebenjährigen Jungen konfrontiert, eine Parallele zu einem einschneidenden Ereignis in seiner Kindheit, als er miterleben musste, wie sein Freund Tristam Boye in einem Waldstück nahe Tallong verschleppt und später getötet wurde. Cage findet heraus, dass in Abständen von mehreren Jahren bis Jahrzehnte Jungen verschleppt und danach ermordet aufgefunden wurden – und das bereits seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten. Er stellt sich der Macht, die dafür verantwortlich ist und die ihrerseits ihren ganz eigenen Plan mit ihm verfolgt.

Der Plot des Romans wird erfahrene Leser sicherlich nicht überraschen. Welchem Zweck die Morde an den Jungen dienen, wenn auch nicht unmittelbar, liegt schnell auf der Hand. Doch der Autor weiß zu erzählen. Trotz des Umfanges des Romans ist jeder Teil der Handlung sinnvoll. Der Stil ist eingängig und keineswegs weitschweifig. Auch in längeren Beschreibungen wird nur das gesagt, was gesagt werden muss. Der Spannungsbogen ist ebenfalls tadellos, endet in dem erwarteten Showdown inklusive einer knappen Wendung am Ende des Romans, die das vorherige Happy End konterkariert (aber nicht unbedingt eine Fortsetzung erwarten lässt …).

Dass sich der Autor inhaltlich im Rahmen des Genres bewegt, fällt angesichts seiner erzählerischen Brillanz bei der Lektüre selten auf. Ihm gelingt außerdem die Variation des einen oder anderen konventionellen Motivs (z. B. der Fähigkeit Nicholas Cages, Sterbende zu sehen, die für ihn mehr ein Fluch als ein Segen ist, oder die ambivalente Darstellung der Beziehung zwischen dem Herrn des Waldes und seiner [vermeintlichen] Dienerin). Positiv zu bewerten ist auch, dass der Autor die Handlung von „Der Sog“ in seiner Heimat ansiedelte und nicht etwa auf einem Kontinent, der ihm möglicherweise mehr Marktchancen geboten hätte.

Für einen Debütroman ist „Der Sog“ herausragend. Stephen M. Irwin lässt auf weitere, noch bessere Horrorromane hoffen, wenn er sich (weiter) von den Konventionen des Genres zu lösen vermag. Damit würde er beweisen und bestätigen, dass nicht nur in den USA hervorragende Horrorautoren leben und arbeiten.

Copyright © 2011 by Armin Möhle (armö)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Horror | Keine Kommentare »

Der Todeszauberer

Erstellt von Werner Karl am 4. Mai 2011

Vincent Kliesch
Der Todeszauberer

(sfbentry)
Blanvalet
Verlagsgruppe Random House
ISBN 978-3-442-37493-9
Thriller
Erschienen:18.04.2011
Umschlaggestaltung: © Artwork HildenDesign, München
unter Verwendung von Motiven von Stefan Hilden und rocksunderwater/iStockphoto
Taschenbuch, 345 Seiten

www.blanvalet.de
www.vincent-kliesch.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Vincent Kliesch wurde in Berlin geboren. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Restaurantfachmann und arbeitete danach mehrere Jahre in der Gastronomie. Dabei entstand auch die Idee zu seinem ersten Thriller „Die Reinheit des Todes“. Wenn Vincent Kliesch nicht schreibt, steht er als Moderator und Stand-up-Comedian auf der Bühne. Der Filmpark Babelsberg, in dem er täglich das Publikum unterhält, sowie der legendäre Quatsch Comedy Club sind nur zwei Stationen seiner Laufbahn als Entertainer.

Zum Buch:

Mit „Der Todeszauberer“ präsentiert uns der Autor Vincent Kliesch den zweiten Fall rund um den Ermittler Julius Kern und dessen Leben.

In Berlin wird eine Frauenleiche ans Ufer der Havel geschwemmt und schnell stellt sich heraus, dass es ich um ein neues Opfer des Schläfenmörders handelt. Dieser Serienmörder  treibt bereits seit vielen Jahren sein Unwesen in ganz Deutschland und nun scheint er in Berlin zu sein. Julius Kern und sein Kollege Dennis Baum nehmen die Ermittlungen auf. Eva Fuchs, Fallanalytikerin vom LKA Bayern, ist bereits seit Jahren hinter dem Schläfenmörder her. Sie kennt jedes Opfer und soll nun gemeinsam mit Julius und Dennis den Fall zu einem erfolgreichen Abschluss bringen.

Der Zauberer Rufus ist ebenfalls in Berlin. Er präsentiert in einem Berliner Varieté seine magischen Kunststücke. In Rückblicken erfährt der Leser mehr über die Vergangenheit und vor allem die Kindheit des Zauberers und erhält Einblicke in dessen Psyche, die gestört scheint. Auch Tassilo Michaelis, ein freigesprochener Massenmörder, den Kern leider nicht mittels Beweisen einer Verurteilung zuführen konnte, taucht wieder auf. Er nutzt sein Wissen über den Schläfenmörder um nicht nur Kerns Leben durcheinander zu bringen, sondern auch noch dem Staat auf der Nase herum zu tanzen.

Wieder einmal gelingt Vincent Kliesch die Erzeugung von Spannung auf hohem Niveau, auch wenn der Täter schon früh klar zu sein scheint. Aber hier geht es eben nicht nur um die Lösung des Falles an sich, sondern auch um Julius Kerns ganz besondere Beziehung zu Tassilo und auch um sein ganzes Leben. In der Geschichte wird nämlich auch noch Kerns Liebe zu seiner Frau Nathalie auf die Probe gestellt und damit der Zusammenhalt der gerade erst wieder glücklichen kleinen Familie Kern.

Abgesehen von der kleinen Romanze, die hier Einzug hält, und die für meinen persönlichen Geschmack mehr gestört hat und der Handlung nicht dienlich war, ist auch dieser zweite Thriller des Autors wieder ein Feuerwerk an blutigen Ideen, diesmal mit magischem Touch. Wenngleich der Aufbau dem ersten Band sehr ähnelt, so kann die Handlung absolut überzeugen. Der Leser blickt erneut auf einen Menschen, dessen zerstörtes Leben ihn zu einem grausamen Scheusal gemacht hat.

Copyright © 2011 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Dead

Erstellt von Werner Karl am 30. April 2011

James Patterson
Dead
Alex Cross 13

(sfbentry)
Originaltitel: Double Cross
Blanvalet
ISBN  9783442372041
Krimi/Thriller
1. Auflage 2009
aus dem Amerikanischen übersetzt von Leo Strohm
Umschlaggestaltung Hilden Design, München
Taschenbuch, 382 Seiten

www.blanvalet.de
www.jamespatterson.com/books_alex_cross.php

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Patterson müsste man heißen. Das ist eine Standardantwort für eine Freundin, die sich hin und wieder nach meinen eigenen Verkaufszahlen erkundigt. Warum? Als ich 2010 den Artikel im Spiegel entdeckte, brannten sich mir die darin genannten Zahlen förmlich ein. Denn an dem 1949 geborenen, in New York aufgewachsenen und in Florida lebenden Autor James Patterson kommt in den USA seit Jahren vermutlich niemand in den Buchhandlungen vorbei. Und längst ist er nicht nur dort eine feste Größe auf dem Buchmarkt. In mehrere Sprachen übersetzt, finden seine Bücher weltweit reißenden Absatz. Laut Spiegel wurden mehr Patterson-Bücher verkauft als Brown, King und Grisham gemeinsam loswurden. Über 170 Millionen bedeuten umgerechnet, dass jeder siebzehnte verkaufte Roman in den Staaten von ihm stammt. Allein in Deutschland standen zwanzig seiner Bücher auf den Bestsellerlisten. Teilweise wurden sie bereits verfilmt, so etwa „Denn zum Küssen sind sie da“ und „Im Netz der Spinne“ in der Morgan Freeman den Polizeipsychologen und Profiler spielte.

Patterson, ehemaliger Kreativdirektor einer Werbeagentur hat stets mehrere Projekte gleichzeitig laufen. So umgeht er Schreibblockaden. Er bevorzugt das Krimi- und Thrillergenre, verfasst aber auch Kinder- oder Sachbücher. 2009 unterschrieb er einen Vertrag für siebzehn Bücher. Dieser Deal brachte und bringt nicht nur ihm Millionen ein, auch die Verlage leben gut damit. So verdiente die Hachette-Gruppe – der Mutterkonzern von Litte, Brown & Co. (Pattersons Verlag) allein mit seinen Titeln in zwei Jahren 500 Millionen Dollar. Dort gilt er längst als Verfasser, Produzent, Lektor, Agent und Werbeagentur der Marke, zu der er sich und seine Bücher gemacht hat. Wie gesagt: Patterson müsste man heißen.

Dabei stammt mittlerweile gar nicht mehr alles aus seiner eigenen Feder, wird teilweise nur von ihm abgehakt oder umgearbeitet, was von seinen Hilfsschreibern beigesteuert wird. Und Patterson war natürlich nicht immer Bestsellerautor. Anfangs plagten ihn die gleichen Probleme wie viele Autoren und er hatte Schwierigkeiten, seine Manuskripte unterzubringen. Sein 1976 entstandener Roman „The Thomas Berryman Number“ gewann den Edgar – einen Preis für Krimineulinge. Doch erst als er nach mehreren Einzelromanen die 1993 auf den Markt kommende Serie um Alex Cross begann, kam der Erfolg wirklich zu ihm und riss auch mit seiner zweiten Serie Women’s Murder Club nicht ab.

Ursprünglich als Alexis Cross angelegt, merkte Patterson beim Schreiben des ersten Bandes schnell, dass er die farbige weibliche Hauptfigur nicht authentisch schreiben konnte und funktionierte sie kurzerhand zu einem Mann um. Alex Cross, der Vater dreier Kinder kam 2009 in Dead zum bereits dreizehnten Mal zum Einsatz, obwohl er eigentlich mittlerweile seine Tätigkeit bei der Polizei längst aufgegeben hat und sich um seine Privatpraxis kümmern möchte. Statt um psychopathische Killer bemüht er sich dort fortan lieber um Patienten mit Angst vor Bakterien, Kriegstraumata, Einsamkeitsproblemen, etc..

Die einzelnen Bände um Alex Cross können – wie mir schnell klar wurde – separiert voneinander gelesen werden, da sie in sich abgeschlossen sind, selbst wenn man diverse Figuren in anderen Bänden wiederfindet. Der Nachteil dabei ist natürlich, dass bestimmte Figuren irgendwann blass und eher eindimensional daherkommen, wenn der Autor eingefleischte Fans nicht mit endlosen Wiederholungen ihrer Beschreibung langweilen will. Im Juli 2010 kam mit „Fire“ übrigens bereits der vierzehnte Band auf den deutschen Buchmarkt. Doch zurück zu Dead, zurück zu dem Buch, an das ich mit entsprechend großen Erwartungen herangegangen bin.

Ein psychopathischer Serienmörder macht Cross in Washington D. C. einen Strich durch die Rechnung und würfelt ihn mit seiner Freundin, Detective Bree Stone, und ihren Kollegen zu einem Team zusammen, das eine grauenvolle Mordserie beenden muss, während ihnen die Zeit davon läuft. Der Killer inszeniert seine Taten als öffentliche Hinrichtungen vor einem unfreiwilligen Livepublikum, richtet dafür zudem eine eigene Website ein, verhöhnt die ermittelnden Beamten, spielt Katz und Maus mit ihnen.

Parallel dazu taucht Kyle Craig, ein alter Bekannter von Cross (sein Vorgesetzter und Mentor – jedenfalls, bis ihm selbst einige Morde nachgewiesen wurden) wieder auf, der eigentlich in einer ausbruchsicheren Todeszelle auf seine Hinrichtung warten sollte. Ebenso parallel schwenkt Patterson zu der Beziehung zwischen Stone und Cross und zu den Sitzungen von Patienten, die Cross in seiner Privatpraxis behandelt.

Patterson erzählt also in gewohnter Manier aus verschiedenen Perspektiven. Mal berichtet Cross selbst (in Ich-Form), mal erfährt man alles aus Sicht des DCPK genannten Killers, mal von Craig, der es geschafft hat, sich aus seiner Todeszelle zu befreien (jedoch nicht von ihnen, sondern in dritter Person). Meist kommen mehrere Kapitel aus einer Perspektive hintereinander, bevor Patterson die Blickrichtung wechselt. Seltsamerweise erschien es mir während des Lesens so, dass der bzw. die Killer im Vordergrund stehen. Tatsächlich widmet der Autor jedoch Cross und dem mit ihm arbeitenden Team bzw. seiner Beziehung zu Stone mehr Aufmerksamkeit als dem DCPK oder dem entflohenen, nicht weniger gefährlichen Craig.

Bereits zu Anfang der Ermittlungen zeichnet sich ab, dass der DCPK will, dass Cross an dem Fall beteiligt wird und es ist auch relativ schnell klar, dass Craig etwas damit zu tun haben muss – was zweifelsohne an den erwähnten Perspektivwechseln liegt. Insoweit gibt es nicht wirklich überraschend, aber überraschend viel Vorhersehbarkeit in Dead, was unter anderem dazu führte, dass das Buch mich nicht wirklich gefesselt hat.

Vorwiegend lag es aber an verschiedenen anderen Schwachpunkten. Nehmen wir zunächst einmal Craig. Im Prolog, der aus zwei von ihm handelnden Kapiteln besteht, wird er gleich zu Anfang dazu verurteilt, den Rest seines Lebens in einem Hochsicherheitstrakt zu verbringen – ohne normale zwischenmenschliche Kontakte. Im zweiten Kapitel wird erneut beschrieben, dass die Gefangenen dieses Traktes dreiundzwanzig Stunden täglich in ihrer Zelle verbringen und nur Kontakt zum Wachpersonal und ihren Anwälten haben. Trotzdem hat Craig nicht nur Kontakt zu seinem Anwalt, der ihm letztlich zur Flucht verhilft. Auch zum DCPK gibt es eine Verbindung, die nicht nur in Form einer fatalen Verehrung eines Serienkillers besteht (welche im Übrigen auch die Komplizin des DCPK oder etwa auch Craigs Anwalt für diesen empfinden). Grundsätzlich ist dies nachvollziehbar, denn fatalerweise haben Gewaltverbrecher auch in der Realität eine seltsame Anziehungskraft auf bestimmte Personen. Und so begeht der DCPK die Morde quasi für Craig, eifert ihm nach, will ihn letztlich übertrumpfen. Ob das erste Opfer des DCPK ihren Kontakt zu Craig vor oder nach seiner Verurteilung geknüpft hat, wird nicht ganz klar, aber die Verbindung Killer-Killer-Opfer gibt es.

Statt jedoch gleich unmittelbar oder wenigstens später darauf oder auf die einzelnen Beweggründe dahinter näher einzugehen, schreibt Patterson lediglich, dass diese Verehrung besteht, und widmet sich lieber den wöchentlichen Anwaltsbesuchen von Craig. Wie er seinem Anwalt Woche für Woche, Jahr für Jahr acht gleiche Fragen stellt, ohne Antworten zu erwarten, bevor ein wenig Small Talk gemacht wird (der sich allerdings auch um Serienmörder drehen kann). Der Ausbruch ist perfekt geplant und verläuft ohne Probleme, sodass Craig – kaum draußen – natürlich gleich weitermorden kann, um seinem Serienkillerklischee zu entsprechen. Was hier wie oder warum wann von wem geplant wurde, steht in den Sternen – in Dead findet man es nicht, obwohl es der Geschichte gut getan hätte. Fast scheint es im Hinblick auf den letzten Satz im letzten Kapitel, dass dieser Handlungsstrang lediglich dazu dient, Craig in einem weiteren Alex-Cross-Band auftauchen zu lassen.

Doch das war es nicht allein. Wie bereits erwähnt, ergibt sich – sofern man einzelne Bände einer Reihe unabhängig von den anderen liest – das Problem, dass etwa Alex Cross bei aller Präsenz etwas schemenhaft dargestellt wird. Im Zusammenhang mit dem Protagonisten der Serie erscheint das durchaus nachvollziehbar, doch leider gilt es auch für neu hinzugekommene Antagonisten, wie etwa den DCPK in Dead. Da der Autor den Fokus auf seine Taten und Verwandlungskünste, und weniger auf die Person dahinter lenkt, bleibt auch er zu farblos, zu unscharf.

Und da gibt es auch die eigentlich sinnlose Aneinanderreihung grausam inszenierter Morde, die der Autor anschaulich beschreibt und für die der DCPK einen übertrieben wirkenden hohen Aufwand betreibt. Beides erscheint zwar grundsätzlich insofern logisch, dass Morde fatalerweise nicht zwangsläufig einen Sinn ergeben müssen und Täter bei weniger Aufwand vermutlich schneller gefasst würden bzw. sich der Wahnsinn passend darin spiegelt. Doch Dinge, wie das Bespielen und Löschen eines Videobandes, bevor ein Mord darauf festgehalten wird, damit die Ermittler nach einer Rekonstruktion der gelöschten Daten dadurch einen gewollten Hinweis auf den Mörder bekommen, erscheinen etwas übertrieben. Nachlässigkeit, weil der Täter Geld sparen und deshalb keine neue Videokassette verwenden wollte (ohne daran zu denken, dass ihm das zum Verhängnis werden könnte), hätte hier einen glaubwürdigeren Effekt erzielt.

Genauso benutzt der DCPK für jeden Mord eine andere Identität, verkleidet sich so meisterhaft, dass man – insbesondere auch Cross – nicht so schnell erkennt, dass es sich immer um die gleiche Person handelt. Dieses Problem hat der Leser durch die Perspektivwechsel natürlich nicht. Er beobachtet ja, wie der Killer für die Ermittler und sein Publikum in diese Rollen schlüpft, dass er sich für sich selbst sogar anders nennt. Der DCPK verwendet dazu – genau wie der entflohene und untergetauchte Craig oder dessen Fluchthelfer auch – unter anderem Gesichtsprothesen. Die bekommt man nicht wirklich an jeder Straßenecke, sie müssen genau angepasst werden, damit sie nicht auf den ersten Blick auffallen, und kosten darüber hinaus auch nicht gerade wenig. Vom enormen Zeitaufwand, den so ein Tarn-und-Täuschen-Spiel schlicht und ergreifend bedarf um echt zu wirken, ganz zu schweigen. Doch all das scheint für die Antagonisten der Geschichte absolut kein Problem darzustellen.

Hinzu kommt, dass Cross – genial, wie sich Profiler für gewöhnlich in TV-Serien, Filmen oder Romanen darstellen – rasend schnell Zusammenhänge erfasst, die für Otto-Normal-Verbraucher nicht erkennbar sind. So geht er bereits beim allerersten Hinrichtungsmord sofort von einem Serientäter aus. Immerhin sieht er Hinweise, die sonst niemand erkennt, kommt dafür aber erstaunlich langsam dahinter, was sie wirklich bedeuten, während der Leser wiederum paradoxerweise (ebenfalls dank der ständigen Perspektivwechsel) längst weiß, in welche Richtung es letztlich geht.

Auch der Aufklärungsdruck, der auf dem Ermittlerteam lastet, wirkt nur bedingt glaubwürdig. Cross wird zwar durch den Killer dazu gezwungen und von seiner Freundin Bree auch dazu aufgefordert, sich des Falles anzunehmen – seine Praxis schließt er dafür jedoch nicht. Genauso abgeklärt, man könnte es allerdings genauso gut oberflächlich nennen, wie er sich der sich im Zuge der Ermittlungen ergebenden Bedrohungssituation seiner Person oder seiner Familie stellt, widmet er sich ganz nebenbei seinen Patienten und Patterson lässt den Leser munter an diesen Sitzungen teilhaben. Dass der Profiler und Psychologe dabei trotz seiner Genialität bis zuletzt absolut keinen Zusammenhang zwischen dem DCPK, seiner Komplizin und zweier Patienten sieht, wirkt weder stimmig noch authentisch. Auch dieser Zusammenhang wird im Übrigen einfach präsentiert, ohne wirklich auf die Bedeutung einzugehen. Natürlich könnte man ihn einfach in einer Laune des Killers begründet sehen, doch bei einem Bestsellerautor wie Patterson sollte man hier mehr erwarten können.

Erschwerend kommt die Darstellung der Beziehung zwischen Stone und Cross hinzu. Die passt ebenfalls grundsätzlich in den Plot und so schwenkt der Autor (vermutlich mit einem Blick auf das schlagende Argument „sex sells“) auch immer wieder brav auf die Beiden. Überzeugen kann er allerdings auch damit nicht. Während im „realen“ Leben Ärzte, Ermittler und diverse andere Berufsgruppen eher Probleme mit ihrer Libido bekommen (sei es aus chronischer Überarbeitung oder einfach, weil das im Zusammenhang mit ihrer Arbeit stehende Geschehen um sie herum nicht sehr lustfördernd wirkt) merkt der Autor immer wieder an, wie scharf Cross auf seine Freundin ist oder wird. Die ihrer Ermittlungszeit mühsam abgeknapsten gemeinsamen Momente werden tatsächlich passend nicht explizit geschildert. Doch genau das, lässt die eben erwähnten ständigen Hinweise auf Cross Begehren, letztlich eher störend als unterhaltend wirken.

Positiv anzumerken ist, dass Patterson seine Hauptfigur nur einmal in eine rasante Verfolgungsjagd per Auto verwickelt. Dass nicht ständig etwas in die Luft fliegt oder der Täter nicht im Alleingang ein Waffenarsenal verschwendet, das für eine ganze Armee reichen würde. Oder dass der Autor seine Leser nicht mit ermittlungstechnischen Details überfrachtet. Doch im Bezug auf Letzteres gibt es gleich wieder ein Aber, denn die Ermittlungen selbst können nicht wirklich überzeugen. Sie stochern bei allen Geistesblitzen von Cross zu viel im Dunklen, hinken dem bzw. den Tätern bis zuletzt zu sehr hinter, leben eher von Zufällen als von erarbeiteten Erkenntnissen. Wäre der Täter nicht so selbstverliebt, könnte er Washington vermutlich entvölkern, ohne dass Cross und seine Leute ihn je dingfest machen könnten.

Fazit

Geschmäcker sind verschieden. Für die einen hat Pattersons Alex-Cross-Reihe Kultcharakter, andere begeistert sie eher weniger. Obwohl Patterson einen flüssigen, leicht zu lesenden Schreibstil pflegt, ziehen sich die kurz gehaltenen Kapitel. Der Autor verzettelt sich in Nebenschauplätzen. Obwohl die Handlungsfäden alle zu einem gewissen Ende gesponnen werden, werden sie nur bedingt schlüssig verwoben. Ob es nun an der Übersetzung, an der Dauer der Reihe oder Pattersons Stil liegt, kann ich nicht beurteilen. Dead war mein erster Roman von ihm und konnte mich nicht überzeugen, weshalb ich nur zwei Punkte von fünf Punkten dafür vergeben möchte.

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Antarctica

Erstellt von Werner Karl am 14. April 2011

Steve Berry
Antarctica

(sfbentry)
Originaltitel: The Charlemagne Pursuit
Blanvalet
ISBN 978-3-44237-335-2
Thriller
1. Auflage 2011
aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Ostrop
Umschlaggestaltung Hilden Design, München
Taschenbuch, 608 Seiten

www.randomhouse.de/blanvalet/index.jsp
www.steveberry.org

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Mit 35 Jahren begann der 1955 geborene und heute in St. Augustine, Florida, lebende Anwalt Steve Berry mit Schreiben. Sein bevorzugtes Genre sind Thriller. Zehn bzw. elf Jahre danach wurde er Sieger des „Georgia State bar Fiction Writing Contest“, wiederum zwei Jahre darauf wurde sein erster Roman „The Amber Room“ veröffentlicht. Neben seiner anwaltlichen und schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich der verheiratete Autor und Vater einer Tochter auch auf lokalpolitischer Ebene. Er mag das Meer und Golf und reist sehr gerne, immer auf der Suche nach neuen Ideen für seine Geschichten. Zusammen mit seiner Frau hat er die Stiftung „History Matters“ gegründet.

Sieben Bücher später ist der in den Staaten als Bestsellerautor bekannte Berry natürlich auch in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Publishers Weekly bezeichnete ihn als „den wahren Meister unter den Thrillerautoren“. Und sieht man sich seine Verkaufszahlen an, darf man getrost davon ausgehen, dass durchaus etwas an dieser Lobeshymne dran ist. Seine Bücher (über 12 Millionen gedruckte Exemplare) werden, in 40 Sprachen übersetzt, in 51 Ländern vertrieben. Berrys Schreibstil wurde und wird öfter mit dem von Dan Brown verglichen, was allerdings nicht immer durchweg positive Reaktionen hervorruft.

Nach “Alpha et Omega”, “Patria” und “Der Pandora-Pakt” schickt Berry mit Antarctica erneut den ehemaligen Agenten Cotton Malone ins Rennen, wobei die Bücher unabhängig voneinander gelesen werden können, da sie in sich abgeschlossen sind. Und wie schon zuvor, hat auch der Fall, mit dem er es im aktuell vorliegenden Roman zu tun bekommt, etwas mit seiner Familie zu tun. Im vierten Buch der Malone-Reihe wird ein Bezug zu seinem verstorbenem Vater hergestellt, der bei einem U-Boot-Unglück ums Leben kam. Erst Jahrzehnte später, als Malone längst seinen Dienst bei der Regierung der Vereinigten Staaten beendet hat, bekommt er Einsicht in die Akte seines Vaters. Die wirft allerdings mehr Fragen auf, als sie Antworten bietet, und rückt ihn ins Visier skrupelloser Mörder.

Wie in seinen anderen Malone-Romanen lenkt Berry auch in Antarctica den Fokus eher auf die Handlungsebene als auf seine Charaktere, womit sie allesamt eher eindimensional bleiben. Und wie zuvor zieht er auch in diesem Roman die Handlungsorte weit auseinander; lässt Malone vom Südpol bis nach Aachen und zurück in die Antarktis nach der Wahrheit und mit ihm etliche andere Charaktere nach einem großen Geheimnis suchen. Auch in Antarctica kommt Geschichte nicht zu kurz, versteht Berry es doch, einen Bogen von Karl dem Großen im achten Jahrhundert nach Christus über das Dritte Reich bis in die Gegenwart zu schlagen. Aktuelles wird mit Historischem vermischt, geschichtlich reales Wissen mit fiktiven Einschlüssen. Seine Interpretationen geschichtlicher Begebenheiten sind durchaus nachvollziehbar und er lenkt seine Figuren geschickt und abwechslungsreich durch das spannende Geschehen. Hinzu kommt ein Hauch Mystery, denn das U-Boot mit Malones Vater ist an einem Ort gesunken, der mysteriöse Zeichen birgt und auf eine untergegangene, geheimnisvolle Kultur verweist. Alles gemeinsam führt letztlich zu einem großen Showdown in der Antarktis.

Obwohl die Hauptcharaktere, wie bereits erwähnt und aus früheren Büchern bekannt, nicht im Vordergrund stehen, tut das der Spannung keinen wirklichen Abbruch. Dies gilt auch für die Detailverliebtheit, die Berry hin und wieder an den Tag legt. Er wird damit nicht bei allen Lesern Jubel hervorrufen, dennoch kann beides nicht überdecken, dass er eine flüssige und interessante Geschichte geschrieben hat. Und das, obwohl er sowohl zeitlich aus auch örtlich einige Sprünge absolviert, die eher das Gegenteil vermuten lassen. Doch Berry schafft es, den roten Faden der Geschichte konsequent zu Ende zu spinnen und ermöglicht es dem Leser, in eine dicht gewobene Atmosphäre eintauchen zu lassen.

Fazit

Spannend, flüssig, unterhaltsam und nebenbei kann man noch geschichtliches Wissen auffrischen oder lernen. Dafür gibt es vier Punkte von insgesamt fünf Punkten.

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Der Sog

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Dezember 2010

Stephen M. Irwin
Der Sog

(sfbentry)
Originaltitel: The Dead Path (Sydney : Hachette Australia 2009)/The Darkening (London : Sphere 2009)
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2010 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 37575)
Übersetzung: Fred Kinzel
544 S.
ISBN-13: 978-3-442-37575-2

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Nach dem tragischen Tod seiner Frau kehrt Nick Close aus England in seine australische Heimatstadt Tallong zurück. Ohnehin als Witwer emotional stark angeschlagen, leidet er nach einem Motorrad-Unfall unter dem Zweiten Gesicht: Nick sieht die Geister derer, die durch Mord oder Selbstmord zu Tode gekommen sind.

Mit Tallong verbinden Close keineswegs glückliche Kindheitserinnerungen. Im Jahre 1982 wurde hier Tristram Boye, sein bester Freund, ermordet. Vor 25 Jahren entging der junge Nick selbst dem Täter nur zufällig. Die Bluttat ereignete sich in einem Waldstück, das an der Carmichael Road bis in das Stadtgebiet hineinreicht. Dieser Wald erschien Nick schon damals verflucht. Ein unerklärlicher Sog ging von ihm aus, und an seinem Rand fand er seltsam verstümmelte Tierkadaver.

Nur Stunden nach Nicks Heimkehr ereignet sich im Wald ein weiterer Mord. Der Heimkehrer stellt sich seiner Angst, geht zum Tatort – und findet tatsächlich den Geist des toten Kindes, der von einer unsichtbar bleibenden Macht zwischen die Bäume gezerrt wird. Wenig später taucht Tristrams Bruder auf, erklärt Nick, dass er damals hätte sterben sollen, und schießt sich den Schädel mit einer Schrotflinte weg: Die Kreatur im Wald hat Nicks Eindringen registriert und geht zum Gegenangriff über.

Gemeinsam mit seiner Schwester Suzette recherchiert Nick, dass Tallong Ort einer Serie nie geklärter Kindsmorde ist, die weit in die Vergangenheit reichen. In einer Kirche findet er Hinweise auf den „Grünen Mann“, ein uraltes Wesen, das schon die Menschen der vorchristlichen Zeit verehrten und fürchteten. Doch sein eigentlicher Gegner ist eine uralte Hexe, die dem „Grünen Mann“ dient. Nick beschließt, dem Schrecken und den Morden ein Ende zu bereiten. Er macht er sich in den Wald von Tallong auf; eine kapitale Fehlentscheidung, denn er begibt sich buchstäblich in die Höhle einer Löwin, der schon auf Nick wartet …

Ausgetretener aber gut gepflasterter Pfad

Man glaubt es als viel- bzw. leidgeprüfter Freund des phantastischen Romans kaum, dass zwischen platonisch brünstigen Vampirchen, den aktuell ins Beststeller-Licht flatternden Engeln oder den bewährten Metzel-und-Schnetzel-Bolden noch ganz klassische Schreckgestalten ihr Handwerk verrichten. Man muss sie zumindest suchen, was besonders dann gilt, wenn sie unauffällig bleiben: „Der Sog“ ist ein Taschenbuch, das ohne flankierende Werbung, mit einem wenig zündenden Titel und einem schlichten (aber hübschen) Cover beinahe verschämt in den deutschen Buchhandel gebracht wird.

Hier startet offenbar ein Versuchsballon. „Der Sog“ ist der Debütroman eines australischen Schriftstellers. Zwar stellen Bücher von „down under“ nicht mehr die exotischen Kuriositäten der Vergangenheit dar, doch es sind vor allem australische Krimis, die verstärkt ihren Weg nach Deutschland finden.

Sollte Stephen M. Irwin repräsentativ für die australische Phantastik-Szene sein, könnte sich dies ändern. „Der Sog“ ist ein Titel, der nicht nur die magnetähnliche Wirkung eines verfluchten Ortes, sondern auch die Wirkung beschreibt, die dieser Roman auf seine Leser ausübt. Dabei enthält sich Irwin betont sämtlicher Tricks und Ticks, mit denen Horror heutzutage gern an den Mann (und an die Frau) gebracht wird. Er legt eine klassische Geschichte vor, die man „altmodisch“ nennen könnte, würde dieser Bezeichnung nicht eine fälschlich negative Bedeutung innewohnen.

Uralter Schrecken in unerwarteter Umgebung

Irwin greift einen Archetypen des Schreckens auf: die böse Hexe. In ihrem Schlupfwinkel spinnt sie buchstäblich ihre Intrigen. Als Schutzgeist sitzt ihr im 21. Jahrhundert keine Katze mehr auf der Schulter. Eine Riesenspinne ist der Umgebung wohl auch angemessener, denn Irwin steht vor einem Problem, dass er seine Hexe erst einmal nach Australien bringen muss. Dieser Kontinent ist nicht für die Umtriebe gottloser Zauberinnen bekannt. Der Verfasser muss die böse Quill deshalb aus der „alten Welt“ importieren: Sie stammt aus Irland und erreichte Australien an Bord eines Sträflingsschiffes.

Geschickt verknüpft Irwin sein Hexengarn mit dem Mythos vom „Grünen Mann“, dem Herrn der Wälder. Das Konzept einer belebten und von gottähnlichen Mächten gesteuerten Natur wurde oder wird an zahlreichen Orten der Erde verehrt, ohne dass es dafür gemeinsame Wurzeln oder direkte Verbindungen gibt. Irwin konstruiert diesen Mythen eine gemeinsame Basis. Ihm gelingt dadurch die Kreation eines „Grünen Mannes“, der weltweit präsent ist. So kann ihm Nick Close sowohl in England als auch in Australien begegnen.

Für die Auflösung seiner Geschichte ist die Trennung zwischen Hexe und Mann wichtig. Während der „Grüne Mann“ eine Naturgewalt ist und außerhalb menschlicher Moralvorstellungen handelt, ist Quill eindeutig böse i. S. von selbstsüchtig. Trotz ihrer 180 Lebensjahre ist sie Mensch genug geblieben, um scheinbar unbemerkt vom „Grünen Mann“ ihr eigenes Süppchen zu rühren. Das macht Quill zum ‚besseren‘ Gegner. Den „Grünen Mann“ hält Irwin klug im Hintergrund und lässt ihm seine kaum verständliche Übernatürlichkeit.

Alltagsmenschen im Vorraum der Hölle

Keine pflichtbewussten, überforderten, seelisch angeschlagenen Cops. Keine zu Kampfmaschinen mutierenden Bücherwürmer. Keine hübschen, im Verlauf des Abenteuers über sich selbst hinauswachsenden und im Finale Mr. Right im Arm haltenden Blondinen. Oder zusammengefasst: keine langweiligen, dem Mainstream-Kino entliehenen, ärgerlichen Klischee-Figuren. Stattdessen orientiert sich Irwin für seine Figurenzeichnung bei Stephen King, der – selten genug – dennoch nicht mit einem anerkennenden und werbewirksamen Spruch auf dem Cover zitiert wird.

Irwin imitiert nicht, er hat erkannt, was King-Figuren so lebendig wirken lässt: Einfach aber sorgfältig charakterisierte Alltagsmenschen werden in eine Situation gedrängt, die ihren Durchschnitts-Verstand überfordert und der sie eigentlich nicht gewachsen sind. Folgerichtig (aber frustrierend für Leser, die heldenhafte Tatmenschen bevorzugen) dauert es lange, bis sie überhaupt Verdacht schöpfen, was um sie herum vorgeht. Entsprechende Nachforschungen ziehen sich hin und werden von Rückschlägen behindert. Kommt es endlich zur offenen Konfrontation mit dem Gegner, sind Niederlagen an der Tagesordnung. Diverse liebgewonnene Figuren springen über die Klinge, was die Überlebenden läutert, zur Entschlossenheit schmiedet und Gelegenheiten für tragische Szenen bietet. Gelingt dieser Prozess, wirkt es glaubwürdig, wenn im Finale der übermächtige Kontrahent aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz niedergerungen wird.

Der Horror zieht sich im Mittelteil

Grundsätzlich beherrscht Irwin seinen Job. Man kann sich kaum einen gewöhnlicheren Zeitgenossen vorstellen als Nick Close. Auch seine Mitstreiter – Schwester, Mutter, ein wankelmütiger Priester, eine verdrießliche Witwe, ein kleines Mädchen – scheinen Quill und ihrer Schutzgeist-Spinne eher als Sandsäcke für ein Zauber-Training zu dienen. Wie sie ebenso einfallsreich wie grausam die Reihen ihrer Verfolger lichtet, gehört zum Mittelteil dieses Romans, der seinem Verfasser eindeutig zu ausladend geraten ist.

Irwin misslang es, die Handlung so zu konzentrieren, dass sie mit dem furiosen Finale mithalten kann. Zu viele Figuren werden ausführlich eingeführt, um nach nebensächlichen Aktivitäten wieder zu verschwinden. Darüber hinaus gibt es unnötige Wiederholungen: Gleich dreimal arbeitet sich Close zitternd und zagend zum spinnenverseuchten Abflussrohr im Wald vor, was stets sehr ausführlich dargestellt wird.

Solche überflüssigen Episoden drücken aufs Tempo. Darüber geht manchmal verloren, wie gekonnt Irwin sein Rätsel nach und nach lüftet. Die in der schnöden Beschreibung bizarr wirkende Kombination aus Hexenfluch und Naturmystik funktioniert ausgezeichnet. Als sich der Staub (bzw. die Gischt) des Finalkampfes legt, kann die Auflösung dem Rätsel standhalten. Der Leser muss höchstens entscheiden, ob er dem routiniert nachgeschobenen Schlusstwist Glauben schenken möchte – ein uralter Trick, der die Handlungslogik im allerletzten Moment negiert (und eine mögliche Fortsetzung vorbereitet).

Ungeachtet solcher Schwächen hat Debütant Irwin es grundsätzlich richtig gemacht. „Der Sog“ bietet soliden Grusel ohne grelle, selbstzweckhafte Effekte, aber mit einer guten Story und glaubwürdigen Figuren. Damit kann der Leser zufrieden sein.

Autor

Stephen Mark Irwin wurde 1966 in Brisbane, einer Stadt im australischen Bundesstaat Queensland, geboren. Er studierte Film- und Fernseh-Produktion am „Queensland College of Art“. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Gastronom und Handwerker. Später ging er zum Fernsehen und schrieb diverse Dokumentationsfilme. Außerdem verfasste er Drehbücher für die erfolgreichen Kurzfilme „Car Pool“ (2006) und „Ascension2 (2008), wobei er letzteren auch inszenierte.

Schriftstellerisch machte Irwin zunächst als Poet auf sich aufmerksam. Zwei Sammlungen mit Gedichten erschienen, dazu veröffentlichte er Kurzgeschichten. 2009 folgte „The Dead Path“ (in Großbritannien: „The Darkening“), ein phantastischer Roman.

Mit seiner Familie lebt Stephen Irwin weiterhin in Brisbane. Über seine Arbeit informiert er auf dieser Website.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Horror, Mystery, Phantastik | Keine Kommentare »

Renegat – Der Sohn des Sehers

Erstellt von Werner Karl am 3. Dezember 2010

Torsten Fink
Renegat – Der Sohn des Sehers
Band 3

(sfbentry)
Blanvalet
Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN 978-3-442-26693-7
Fantasy / All-Age-Trilogie
1. Auflage Oktober 2010
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München
Taschenbuch, 574 Seiten

www.blanvalet.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Torsten Fink, Jahrgang 1965, arbeitete lange als Texter, Journalist und literarischer Kabarettist. Sein Debüt als Fantasy-Autor gab er mit der Bestseller-Trilogie Die Tochter des Magiers. Er lebt und schreibt heute in Mainz.

Zum Buch:

Renegat bildet den Abschluss der fantastischen Trilogie rund um den jungen Seher Sohn Awin. Die Handlung schließt nahtlos an den Vorgängerband an und so kann der Leser sofort wieder mitverfolgen, wie es Awin und seinen Gefährten ergeht. Zunächst muss Awin eine weite Reise der Gedanken gehen um Merege aus ihrem Koma zu befreien. Dabei macht er eine Bekanntschaft, die ihn nachhaltig beeinflussen wird.

Doch der Weg ist noch weit, denn Eri ist mit dem Lichtstein und vielen Hakulstämmen auf dem Weg zum Skroltor. Der Anführer der Hakulstämme ist auf die Worte der Windskrole hereingefallen, die ihm alles Mögliche versprochen haben, wenn er das Tor öffnet. Awin jedoch weiß, dass das Ende der Welt bevorsteht, wenn diese von Riesen und Daimonen betreten wird und so ist es die größte Aufgabe seines jungen Lebens dies zu verhindern.

Sehr oft muss er sich auf seiner weiten Reise beweisen, Verhandlungen mit anderen Völkern führen und seiner Anführerrolle gerecht werden. Das fällt Awin nicht immer leicht, aber er wächst mit seinen Aufgaben.

Torsten Fink führt seine Protagonisten Stück für Stück einem grandiosen Ende entgegen. Auch Figuren, denen nur eine Nebenrolle zugedacht ist, werden so schön gezeichnet, dass sie sich einprägen und im Gedächtnis des Lesers weiterleben. Hier möchte ich vor allem Yeku erwähnen, der endlich, wenn auch nur ganz kurz, eine reale Gestalt annimmt. Wie auch schon beim zweiten Band muss ich sagen, dass man das Buch nicht ohne die Vorgängerbände lesen sollte und kann. Leider gibt es keine kurze Zusammenfassung über die vorangegangenen Ereignisse, so dass es ein Leser ohne Vorkenntnisse schwer haben dürfte, hier die Zusammenhänge zu erkennen.

Das Ende ist wirklich gelungen, wenngleich vielleicht nicht die Erwartungen aller Leser, vor allem nicht derjenigen, die in allen Punkten ein Happy-End erwarten, erfüllt werden. Dies ist aber aus meiner Sicht auch gar nicht erforderlich. Awin ist ein Anführer wie er im Buche steht und für die Aufgaben, die ihm bevorstehen, braucht er einen klaren Kopf. Dabei sollte ihn nichts und vor allem niemand ablenken. Interessante Lesestunden sind bei dieser Fantasy Trilogie garantiert.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Fantasy | Keine Kommentare »

Der Sog

Erstellt von Werner Karl am 8. November 2010

Stephen M. Irwin
Der Sog

(sfbentry)
Originaltitel: The Dead Path (2009)
Thriller
Aus dem Englischen von Fred Kinzel
München: Verlagsgruppe Random House 2010
Blanvalet Taschenbuch 37575.
Umfang 544 Seiten
ISBN 978-3-442-37575-2

www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Der junge Protagonist Nicholas Close ist in Australien aufgewachsen, lebt aber mit seiner Frau mittlerweile in London. Als er bei einem Motorradunfall verletzt wird und gleich seine Frau anruft, stürzt diese so unglücklich von einer Leiter, dass sie sich das Genick bricht. Zudem kommt zu Nicholas Unglück, dass er eine schwere Kopfverletzung davon trägt, die bewirkt, dass er plötzlich Tote sehen kann. Dort wo Menschen unter unnatürlichen Umständen verstorben sind, sieht er deren Sterben wie einen Film in der Endlosschleife. Als er in die Wohnung zurück kehrt, muss er mit ansehen, wie seine Partnerin immer wieder zu Tode stürzt.

Deshalb entschließt sich der traumatisierte Nicholas, nicht nur die Wohnung aufzugeben, sondern auch zu seiner Mutter und seiner Schwester nach Australien zurück zu kehren. Kurz vor seiner Ankunft verschwindet dort ein Junge spurlos und dessen Leiche wird kurze Zeit später mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Dies erinnert Nicholas daran, dass auch er selbst als Kind fast ermordet worden wäre, als er und sein Freund Tristram Boye beim Spielen von einem scheinbaren Amokläufer verfolgt und in ein unheimliches Waldgebiet getrieben wurden. Während Nicholas entkam, wurde seinem Freund die Kehle durchgeschnitten. Zu allem Überfluss taucht auch noch Tristrams älterer Bruder vor der Tür von Nicholas Mutter auf, legt sich eine Flinte unter sein Kinn und erschießt sich.

Der völlig geschockte Nicholas sieht von da an ständig Tristrams Bruder vor der Tür des Hauses Selbstmord begehen. Außerdem sieht er, wie einige andere Kinder aus der Vergangenheit in das unheimliche Waldgebiet verschleppt und getötet werden. Ihm wird klar, dass dort Grauenvolles vor sich geht. Die Spuren führen zu einer unheimlichen Frau, die schon auf alten Photos von vor 150 Jahren zu sehen ist und die noch immer am Leben zu sein scheint. Sie gewinnt über jeden Macht und tötet alle, die Hand an das Waldgebiet legen wollen. So sind schon einige Architekten, Landentwickler und Menschen ähnlicher Berufsgruppen unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen, genau wie die Kinder, die regelmäßige Blutopfer zu sein scheinen.

Als Nicholas und einige Verbündete sich mit der alten Frau anlegen wollen, scheint schnell klar, dass Nicholas, seine Schwester, die Witwe von Gavin Boye und ein örtlicher Geistlicher ihr kaum gewachsen sind, denn die Macht der alten Hexe scheint kaum Grenzen zu kennen und so wird einer nach dem anderen ausgeschaltet…

Stephen M. Irwins Thrillerdebüt ist brillant geschrieben und weist eine überzeugend gruselige Atmosphäre auf, wobei der Autor allerdings dazu neigt, manchmal etwas zu weitschweifig zu erzählen. Vor allem zwischen der Seite 170 und 300 des Romans hat die Geschichte einige Längen, die Erzählung schlägt zudem manchmal allzu unwahrscheinliche und unglaubwürdige Haken. Großes Plus von Der Sog ist jedoch sein geschickt konstruierter Spannungsbogen. Vor allem auf den letzten 100 Seiten gewinnt die unheimliche Handlung nochmals deutlich an Fahrt.

Die sympathischen Protagonisten sind glaubhaft geschildert, die Präsentation der nicht allzu neuen Ideen durch den Autor doch so geschickt mit der Handlung verwoben, dass gar nicht auffällt, dass Irwin hier alte Klischees strapaziert. Insgesamt ist das vorliegende Buch ein unterhaltsamer und vor allem gut geschriebener Horrorthriller, zwar kein Meilenstein des Genres, aber immerhin vergnüglich und packend zu lesen.

Copyright © 2010 by Gunther Barnewald

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Lichtträger – Der Sohn des Sehers

Erstellt von Werner Karl am 17. September 2010

Torsten Fink
Lichtträger – Der Sohn des Sehers
Band 2

(sfbentry)
Blanvalet
Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN 978-3-442-26692-0
Fantasy / All-Age-Trilogie
1. Auflage August 2010
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München
Taschenbuch, 448 Seiten

www.blanvalet.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor:

Torsten Fink, Jahrgang 1965, arbeitete lange als Texter, Journalist und literarischer Kabarettist. Sein Debüt als Fantasy-Autor gab er mit der Bestseller-Trilogie Die Tochter des Magiers. Er lebt und schreibt heute in Mainz.

Zum Buch:

Lichtträger ist der zweite Band der Trilogie rund um Awin, den jungen Seher. Nach der Flucht aus Uos Mund, die der Leser im ersten Teil der Reihe verfolgen durfte, trägt Awin den Heolin (Lichtstein). Hier leitet sich auch der Titel des Buches „Lichtträger“ ab. Bei ihrer Rückkehr ins heimische Lager müssen die Hakul feststellen, dass Slahan schon vor Ihnen dort war. Auch hier, wie in vielen anderen Lagern, hat sie viele Menschen getötet und mit sich genommen. Auch Awins Schwester ist unter den Verschleppten und so wird nur ein einziger Wunsch in Awin immer stärker: Er will seine Schwester zurück und die Göttin Slahan stoppen oder gar vernichten. Nur wie soll er das bewerkstelligen? Dies ist vor allem deshalb ein Problem, weil Awin bereits seit einiger Zeit die Sehergabe vermisst. Einen diesbezüglichen Zusammenhang mit dem Heolin begreift Awin erst etwas später.

Zur Erreichung seines Ziels muss der junge Seher so einiges an Diplomatie aufwenden und sich auch neben den bereits vorhandenen Gefährten Neue suchen, die ihm auch in schwierigen Zeiten zur Seite stehen. Wie weit das Vertrauen und die Freundschaft der jeweiligen Gefährten im Einzelnen gehen, ist auch für Awin nicht immer leicht auszumachen. Sein Ziehvater Curru ist immer noch hinterhältig und verfolgt seine ganz eigennützigen Ziele, die auch dem Leser des Buches nicht immer wirklich nachvollziehbar erscheinen. Auch Merege, die an Awins Seite verweilt, verfolgt ein wichtiges Ziel. Schließlich möchte sie den Heolin dort sehen, wo er einst fortgeholt wurde. Awin jedoch fühlt sich hier dem Erbe seines Stammes verpflichtet.

Der Autor Thorsten Fink präsentiert in diesem zweiten Buch der Fantasyreihe neue Charaktere, die noch eindringlicher beschrieben werden als schon im ersten Band. Das Volk der Hakul ist groß und die unterschiedlichen Stämme kaum miteinander zu vergleichen. Ihre Bräuche und Sitten werden dem Leser vorgestellt, aber dennoch werden sie immer ein wenig merkwürdig erscheinen. Diese Menschen sind anders, fremdartig und unberechenbar. So unberechenbar, wie auch die Winde, die der Geschichte ihren ganz besonderen Reiz und ihre Einzigartigkeit geben.

Die Lektüre von „Lichtträger“ empfehle ich in jedem Fall erst nach dem Lesen des ersten Teils „Nomade“. Die Bücher bauen aufeinander auf und auch, wenn man sie einzeln lesen könnte, bleiben dann doch einige Zusammenhänge und Hintergründe im Verborgenen. Wer Fantasy liebt und diese einmal auf eine ganz andere Weise erleben möchte, für den sind die Bücher rund um Awin und die Stämme der Hakul nur zu empfehlen.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Fantasy | Keine Kommentare »

Vor dem Regen

Erstellt von Michael Drewniok am 5. September 2010

Phillip Gwynne
Vor dem Regen

Originaltitel: The Build Up (Sydney : Pan Macmillan Australia 2008)
Übersetzung: Carsten Mayer
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Blanvalet Verlag/TB 37427)
384 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-37427-4
Als eBook: Juni 2010 (Blanvalet Verlag)
EUR 7,99
ISBN-13: 978-3-641-04287-5

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Detective Frances „Dusty“ Buchanon ist Beamtin der Mordkommission der Northern Territory Police Force im nordaustralischen Darwin. Privat leidet sie noch unter dem Ende einer langjährigen Beziehung, und auch beruflich läuft es schlecht: Gerade wurde ihr der Fall einer ermordeten Touristin entzogen, in den Dusty viel Arbeit und Emotionen investiert hatte.

Eher unwillig folgt die Polizistin einem Hinweis, der sie tief ins öde Outback führt. Dort haben Veteranen des Vietnamkriegs ein Buschcamp errichtet, in dem sie sich ungestört treffen und feiern können. Ein traumatisierter und drogensüchtiger Ex-Soldat will dort in einem Fluss beim Angel auf die Leiche einer thailändischen Frau gestoßen sein. Als Dusty dies überprüft, stößt sie tatsächlich auf eine tote Asiatin, der ein Messer im Leib steckt, doch als wenig später ein Kollege von der Spurensicherung erscheint, ist die Leiche verschwunden.

Schlimmer noch: Es gibt keine Beweise für ihre Existenz. Dusty leidet unter Halluzinationen, so schlussfolgert ihre ungeliebte Vorgesetzte, und schiebt sie ins Polizeiarchiv und damit ins berufliche Abseits ab. Doch Dusty will diese Schmach nicht hinnehmen. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Dies führt sie ins Rotlichtmilieu von Darwin und in brenzlige Situationen, in denen ihr schon einmal ein neugieriges Schwein aus der Bredouille helfen muss. Nach und nach kommt Dusty einem verwickelten Mordfall auf die Spur, der sogar mit dem Fall der getöteten Touristin in Verbindung steht. Dies spornt Dusty an, umso eifriger nachzuforschen – und es steigert die Unruhe und den Handlungsdrang derer, die sich vor der lästigen Polizei sicher wähnten …

Mord und Verdruss in der australischen Provinz

Zwischen Darwin im Norden Australiens und Schottland im Norden der britischen Hauptinsel scheint es ungeahnte Parallelen zu geben. Jedenfalls fühlt sich der Krimi-Freund bei der Lektüre von „Vor dem Regen“ immer wieder in das Edinburgh des Ian Rankin versetzt. Zwischen Frances Buchanon und John Rebus klaffen zwar buchstäblich Welten. Dennoch erzählen sowohl Rankin als auch Phillip Gwynne ebenso spannend wie humorvoll von zwei notorischen Querköpfen, die es ausgerechnet in den Polizeidienst verschlagen hat.

Zwar gehört „Dusty“ Buchanon genau dorthin. Dies würde sie jedoch nie offen zugeben. Sie lebt für die Ermittlung, sie ist gut ausgebildet und eifrig. Darüber hinaus verfügt sie über jenes Quäntchen Zusatz-Intelligenz, das viele Vorgesetzte hassen, weil es Unruhe in ihren bürokratischen Alltag bringt oder – noch schlimmer – sie so dumm aussehen lässt, wie sie (manchmal) tatsächlich sind. Dustys Arbeitsalltag besteht daher mindestens zu gleichen Teilen aus der eigentlichen Polizeiarbeit sowie dem Kampf gegen das System.

Unkonventionelle Menschen sind umgangsschwierig. Als weiteres Element kommt die Tatsache ins Spiel, dass Dusty sich oft selbst am meisten im Weg steht. Darwin stellt sich in der Schilderung von Phillip Gwynne zudem als geografisch und kulturell ziemlich abgelegene Provinzstadt mit einem außerordentlich kreislaufbelastenden Klima dar: Der „Build Up“ des Originaltitels bezeichnet die Monate Oktober bis Dezember, die im tropischen Nordaustralien durch eine ständig zunehmende, drückende Hitze gekennzeichnet sind, bevor endlich die Regenzeit einsetzt.

Simple Verbrechen in einem komplexen Fall

Gwynne versinnbildlicht mit diesem Titel außerdem den Höhepunkt eines Geschehens, das den dramatischen und erlösenden Durchbruch in einer lange durch Lügen, Irrtümer und Missverständnisse geprägten Mordermittlung beschreibt. Für die lange Durststrecke kann man weder Dusty noch ihre Kollegen wirklich verantwortlich machen, denn der Verfasser kreiert einen Plot, der dem Zufall persönlich staunende Anerkennung abfordern dürfte. Dies ist nicht negativkritisch gemeint, da Gwynne eine rundum spannende Geschichte erzählt. Doch an ein Miträtseln des Lesers im Sinn eines „Whodunit“ ist hier sicher nicht zu denken.

Die Glaubwürdigkeit der Handlung wird arg strapaziert, wenn Gwynne zwei Verbrechen eine gemeinsame Wurzel schafft, die logisch nicht in einen Zusammenhang zu bringen sind, es sei denn, der Leser lässt sich damit ködern, dass manche Geschichte so absurd ist, dass sie einfach nur wahr sein kann. Also entwickelt Gwynne eine hässliche Bluttat zu einer Kette tragischer, bizarrer und komischer Vorfälle, die „Vor dem Regen“ in einen letztlich zwar funktionierenden aber überkonstruierten Krimi verwandeln.

Der Autor will uns etwas sagen

Dass dieser Aspekt nebensächlich erscheint, verdankt das Buch dem Geschick eines Schriftstellers, der sich nicht von Genregrenzen einengen lassen möchte. „Vor dem Regen“ ist nicht ‚nur‘ Krimi, sondern auch Sittenbild einer australischen Stadt, deren Verhältnisse Phillip Gwynne gut vertraut sind. Darwin ist ein Musterbeispiel für eine multikulturelle Gemeinschaft, die längst nicht so harmonisch ist, wie ihre Befürworter und andere Gutmenschen gern behaupten.

Der Norden Australiens bildet eine Schnittstelle zum indischen und pazifischen Raum und ein Einfallstor nach und für Südostasien. Der kulturelle Kontrast zum ‚weißen‘ Australien der europäischen Einwanderer bedingt zahlreiche Vorurteile; Gwynne schildert u. a. sarkastisch ein Thailand, das zur ‚Bezugsquelle‘ junger, hübscher (Zwangs-) Prostituierter heruntergekommen ist. Hinzu kommen ältere Differenzen mit den Aborigines, die in ihrem eigenen Land weiterhin nur eine geduldete Randexistenz fristen. Last but not least hat auch Australien eine eigene Vietnam-Geschichte. 47.000 mit den USA verbündete Soldaten zogen in den Krieg. Die Heimkehrer litten und leiden unter den bekannten psychischen Spätfolgen.

In seinem Bemühen, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu belehren, bleibt der Kinder- und Jugendbuchautor Gwynne erkennbar, der seine pädagogischen Bestrebungen nun auf erwachsene Leser ausweitet. Ihm ist dabei zu Gute zu halten, dass diesem Bemühen niemals die Geschichte zum Opfer fällt. „Vor dem Regen“ wurde ohne erhobenen Zeigefinger geschrieben. Für einen Missionar ist Gwynne außerdem viel zu witzig.

Die Welt ist ein Irrenhaus

Sein Humor ist trocken und manchmal rabenschwarz. Auch vor echtem Slapstick schreckt er nicht zurück; als im Zuge der Ermittlung ein Hausschwein zu Tode kommt, schmückt Gwynne dies nicht nur zu einer verrückten Episode aus, sondern integriert diesen Vorfall später in die Krimi-Handlung.

Die Mordkommission der Northern Territory Police Force wird zum Hort oft sehr drastischer Cop-Witze. Dustys Kollegen sind sämtlich exzentrisch überzeichnet, wobei der Leser bald merkt, dass der Autor seine ‚Heldin‘ keineswegs ausklammert. Ihr desolates Privatleben endet mit einem Paukenschlag, der „Vor dem Regen“ eigentlich für eine Fortsetzung prädestiniert.

Sehr effektvoll lässt Gwynne absurde Szenen abrupt ins Tragische umkippen. Hinter dem Schein, so demonstriert er auf diese Weise, verbirgt sich eine Realität, die bei näherer Betrachtung einen Missstand markiert, der eigentlich zum Himmel schreit. Erneut und dieses Mal erst recht verkneift sich Gwynne empörte Appelle an ein Tribunal der Gerechtigkeit, dem sich der Leser gefälligst einzugliedern hat. Er holt seine Leser viel geschickter ab und bringt sie dorthin, wo er sie sehen möchte, ohne sie zu drangsalieren oder zu langweilen.

Folgerichtig folgt ihm besagter Leser freiwillig und gern. Dies krönt Phillip Gwynne zwar nicht zur „Krimi-Sensation aus Australien“, wie wir auf dem deutschen Cover lesen müssen, aber sein Roman stellt tatsächlich „Thrillerstoff am oberen Ende der Skala“ dar, wie ein weiterer werbewirksamer Trompetenstoß verkündet.

Autor

Geboren 1958 in Melbourne und aufgewachsen in Südaustralien, wurde Phillip Gwynne als junger Mann professioneller Football-Spieler. Eine Verletzung beendete diese Karriere; sie wurde durch ein Studium der Meeresbiologie an der James Cook University ersetzt. Anschließend begann Gwynne zu reisen. Im Rahmen längerer Auslandsaufenthalte arbeitete er u. a. Lehrer in Thailand oder Programmierer in Belgien.

Nach seiner Rückkehr nach Australien begann Gwynne zu schreiben. Die Legende besagt, dass er dazu inspiriert wurde, weil er seinem Sohn so unterhaltsame Gute-Nacht-Geschichten erzählte. Gwynne besuchte ein Schriftsteller-Seminar des australischen Kinderbuch-Autoren Libby Gleeson. 1998 erschien „Deadly, Unna?“ (dt. „Wir Goonyas, ihr Nungas“), Gwynnes erstes, mehrfach preisgekröntes und verfilmtes Buch für jugendliche Leser, dem weitere folgten. 2008 veröffentlichte Gwynne den Kriminalroman „The Build Up“ (dt. „Vor dem Regen“).

Mit seiner Familie lebt Phillip Gwynne in den Blue Mountains im australischen Neusüdwales.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | 1 Kommentar »