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neuauflage

Die Sternentänzerin

Erstellt von Werner Karl am 24. März 2010

andro-sf-3Frank W. Haubold
Die Sternentänzerin
Andro SF 3

p.machinery, Maschinenliteratur Menschenwerk & Books on Demand GmbH, Norderstedt, 12/2009
TB, SF, Kurzgeschichten
ISBN 9783839134559
Titelbild von Crossvalley Smith
Zeichnungen von Evgenij Root

www.sfcd.eu
www.bod.de
www.frank-haubold.de
www.crossvalley-design.de/
www.evgenijroot.de/

„Die Sternentänzerin“ enthält zehn Kurzgeschichten von Frank Haubold, neun Nachdrucke und eine Erstveröffentlichung, die von Evgenij Root mit kongenialen Eingangsillustrationen versehen wurden. Frank Haubold hat eine Reihe von Kurzgeschichten in Anthologien (EDFC-Jahresanthologien, „Nova“ u. a. m.), Storysammlungen (u. a. im EDFC) und den Roman „Die Schatten des Mars“ (EDFC) veröffentlicht. Er gewann 2008 den Deutschen Science Fiction Preis des SFCD sowohl in der Kategorie Bester Roman als auch in der Sparte Beste Kurzgeschichte – als erster Autor überhaupt. Auch in der vorliegenden Storysammlung bleibt Frank Haubold seinem bevorzugten Genre treu, von einer Ausnahme abgesehen. Teilweise sind die SF-Storys vor einem gemeinsamen Hintergrund angesiedelt, womit der Autor offenbar seine eigene Future History kreiert – oder zumindest Teile davon.

In „Der Tausendäugige“ erlebt eine Gruppe von Plünderern eine tödliche Überraschung, als sie einen verbotenen Planeten betritt – ihr Widersacher gelangt freilich auch nicht an sein Ziel. „Das Schiff“ rächt die Vernichtung einer nichtmenschlichen, intelligenten Spezies durch Kolonisten, doch seine Erbauer machen sich damit schuldig an dem Piloten. „Das ewige Lied“ schildert einen interstellaren Kampf nach einer kurzen Phase des Glücks. „Die Legende von Eden“ decken zwei Ex-Sträflinge auf, die auf einen paradiesischen Planeten geschickt werden, auf dem die Besatzung eines Forschungsraumschiffes verschwunden ist – mit weitreichenden Folgen für die menschliche Zivilisation.

Die Zukunftswelt des Autors ist militaristisch und kapitalistisch, doch die Storys sind doppelbödig und bieten ihren Protagonisten hin und wieder auch einen Ausweg aus ihrer vermeintlich aussichtslosen Situation an. Zum Opfer örtlicher Gebräuche macht sich der Trieb gesteuerte Protagonist in „Ein gastfreier Planet“ allerdings selbst, nachdem er auf einem bislang kommerziell unerschlossenen Planeten landete. Radikal geht der Autor auch in „Die Heilige Mutter des Lichts“ mit Männern um. Schauplatz der Handlung ist ein rückständiger Planet, auf dem der männliche Nachwuchs kurz nach der Geburt geblendet wird. Der Wechsel der Perspektive, der der Erklärung des Geschehens dient, erfolgt abrupt und wirkt etwas aufgepfropft.

Drei Storys sind in der nahen Zukunft und auf der Erde bzw. im heimischen Sonnensystem angesiedelt. „Die Stadt am Meer“ schildert die Selbstfindung des Protagonisten in einer Traumwelt, in der er sich als Soldat, der in einem Gefecht verwundet wurde, flüchtete. Der Titel „Heimkehr“ ist doppeldeutig, denn die Story beschreibt nicht nur die alljährliche Heim-, besser: Rückkehr des Protagonisten an den Ort eines gescheiterten Experiments, sondern zeigt auch die Lösung auf. Aber warum nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt …?!

“Die Tänzerin“ hat eine etwa zwei Jahrzehnte umfassende Weltkarriere hinter sich, als sie nach Russland, ihrer Heimat, zurückkehrt, dort bei einem Attentat schwer verletzt wird, achtzehn Jahre im Koma verbringt (!) und ihre Karriere im Weltraum fortsetzt. Sie wandert auf dem Mars aus, der offenbar terraformt worden ist. Das passt zwar nicht zu der übrigen Handlung, ermöglicht es dem Autor aber, der Story ein romantisches Ende zu geben. Frank Haubolds (SF-) Stories sind ideen- und handlungsreich, sie variieren klassische Themen des Genres. Andere Autoren hätten seine Plots vermutlich gestreckt und überdehnt, um auf diese Art und Weise komplette Romane zu schreiben …

Lediglich eine einzige Story in „Die Sternentänzerin“ lässt jene Ideenvielfalt vermissen – bezeichnend, dass es keine SF-Story ist! „Der Wunderbaum“ ist klassischer, unblutiger Horror. Natürlich bringt „Der Wunderbaum“ den Menschen nichts Gutes, sondern nimmt ihnen die Tochter, die Frau usw. Typisch für dieses Sub-Genre sind die umfangreichen Beschreibungen, mit denen eine unheimliche Atmosphäre erzeugt werden soll. Immerhin, auch das gelingt dem Autor.

„Die Sternentänzerin“ ist eine empfehlenswerte Sammlung ausgereifter, ambivalenter, atmosphärisch dichter und gut erzählter Kurzgeschichten. Aber nicht nur das – die Storysammlung bietet sich an, das Werk eines interessanten Autors kennen zu lernen.
 
Copyright © 2010 by Armin Möhle (armö)
 
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

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Der fabelhafte Hub

Erstellt von Werner Karl am 5. Februar 2010

der-fabelhafte-hubMichael Liebusch
Der fabelhafte Hub

Books on Demand, Norderstedt, 08/2009
PB, Belletristik, Surrealismus, Gesellschaftskritik, Satire
ISBN 9783839121160
Titel- und Innenillustrationen von Edith Kaiser
Mit einem Essay von Johannes Farr und Vorworten von Brigitte Bee und C. P. Schneider

www.bod.de
www.kunstraum-liebusch.de

„Der fabelhafte Hub“ ist kein Mensch, aber sehr viel menschlicher als viele Personen, denen man alltäglich begegnet. Er wurde auch nicht geboren, sondern eines Tages vom Meer an das Ufer einer Insel gespült, wo ihn eine Ziege mit ihrer Milch ernährte. Lange vermisst Hub nichts, freundet sich mit den Tieren seiner kleinen Welt an, träumt vor sich hin und ist glücklich. Tief in seinem Innern möchte Hub jedoch wissen, woher er stammt und wer seine Eltern waren. Er begreift, dass er anders ist als die Tiere um ihn herum und sehnt sich nach Seinesgleichen – nach menschlichen Kontakten. So verlässt er seine heile Welt und betritt die der Menschen.

Praktisch mit den Augen eines Kindes und unvoreingenommen betrachtet Hub sein neues Umfeld und bleibt trotz gewisser Integritätsversuche ein Außenstehender. Was er sieht, nimmt er aus einer ganz eigenen Perspektive wahr, die Personen, die in jenem Milieu aufwuchsen, verschlossen bleibt. Was er erfährt, nimmt er wortwörtlich; seine Erklärungen für die Dinge sind einfach und unmittelbar. In Folge reden er und seine Bekanntschaften, die unnötig kompliziert denken und festgefahrene Standpunkte haben, oft aneinander vorbei. Im übertragenen Sinn erlebt Hub das, was vielen (Introvertierten) widerfährt, die in eine neue Umgebung und unter andere Menschen versetzt werden: Man muss das Vertraute verlassen, und nicht immer gelingt es, Fuß in dem fremden Umfeld – in einem relativ geschlossenen Kreis – zu fassen. Die Gruppe hat ihr eigenes kleines Gesellschaftssystem und feste Strukturen, die für den Neuling schwer zu verstehen sind (das Kind im Kindergarten oder der Schule, das als einziges aus einem anderen Dorf oder unter dem Jahr dazu kommt, der Student im 1. Semester, der fremd in der Stadt ist und Anschluss bei den Leuten in seinen Vorlesungen und im Wohnheim sucht, der Angestellte, der versetzt wurde und seinen Platz unter den neuen Kollegen und Nachbarn finden muss, die jungen Eltern, die durch ihre Kinder einen neuen Bekanntenkreis zu erschließen versuchen …).

Die kleinen Geschichten, die sich um Hub ranken, lassen sich vielfältig interpretieren. Auf unaufdringliche Weise kritisiert Michael Liebusch durch die naive und doch tief schürfende Weltsicht seines Protagonisten starre Systeme und etablierte Verhaltensweisen, den Mangel an Miteinander und Verständnis für andere, den Egoismus und die Ignoranz. Man erkennt die eine oder andere Anleihe/Anspielung des Autors wieder, darunter die Schaum geborene Venus, Cervantes „Don Quixotte“ und den Schmetterlingstraum des Chuang-Tzu. Der Band ist in zwei Abschnitte mit jeweils 28 Erzählungen von unterschiedlicher Länge gegliedert. Im ersten Teil erfährt man, wie Hub geboren wurde, wie er seine Insel verließ, um nicht mehr allein zu sein, und wie er die ihm fremde Welt der Menschen erforscht. Dabei wird er mit alltäglichen Situationen konfrontiert, z. B. mit einer Urlaubsreise und einem Aufenthalt im Wartezimmer eines Arztes. Nicht mehr ganz so zufällig wirken Hubs Erlebnisse in der zweiten Buchhälfte, in der gezielt bestimmte Themen, die jeden mehr oder minder beschäftigen, ernsthaft behandelt oder auf die Schippe genommen werden wie der Sinn bzw. Unsinn der modisch zerlöcherten Hose oder das wohl gemeinte Märchen vom Weihnachtsmann.

Die Illustrationen von Edith Kaiser sorgen auch optisch für einen gewollten Bruch: Im ersten Teil sind es schwarz-weiße Aquarelle, im zweiten cartoonhafte, am PC kolorierte Zeichnungen, die Situationen aus den Geschichten darstellen. Der Autor bewegt sich in vertrauten Bereichen und verfremdet diese durch die eigentümliche Betrachtungsweise seines Protagonisten. Er bringt den Leser dazu, sich über etwas, was für gewöhnlich nicht weiter beachtet wird oder man hinzunehmen gewöhnt ist, Gedanken zu machen. Lösungen werden jedoch nicht angeboten – die muss jeder schon selber für sich und seine Situation finden. Die Erzählungen eignen sich nicht zum schnellen Herunterlesen, da viele Feinheiten verloren gehen würden. Auf den ersten Blick hin mögen die Episoden einfach, seltsam und skurril erscheinen, aber mit dem zweiten Blick sieht man tiefer. „Der fabelhafte Hub“ wendet sich mit kurios-kritischen Szenen an Leser, die sich für experimentelle und surrealistische Literatur fernab des Mainstreams interessieren.

Copyright © 2010 Irene Salzmann
 
Titel bei Amazon.de:
Der fabelhafte Hub

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Mozart in der Zukunft

Erstellt von Detlef Hedderich am 8. Oktober 2009

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Tânia Maria Rodrigues-Peters
Mozart in der Zukunft

Verlag :  Books on Demand
ISBN :  978-3-8370-8398-9 (sfbentry)
Einband :  Paperback
Preisinfo :  10,50 Eur[D] / 10,80 Eur[A] / 19,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :  ca. 96 S. – 22 x 15,5 cm
Erschienen :  2. Aufl. 14.04.2009
Gewicht :  165 g

Inhalt:
Wolfgang Amadeus Mozart – das Genie! Einer der größten Komponisten aller Zeiten. Kannst du dir Mozart als Kind vorstellen, wie er mit dem Schlitten bergab saust, sich Zeichentrickfilme anschaut oder einen Hamburger ist? In „Mozart in der Zukunft“ ist das möglich. Um dich mit Max und Mozart auf eine Abenteuerreise zu begeben, brauchst du nur deiner Fantasie freien Lauf zu lassen und dich wie sie von dem Engel der Musik führen zu lassen, der immer da ist, um uns zu verzaubern. „Mozart in der Zukunft“ ist ein Buch zum Träumen und Begeistern.

Besprechung:
Natürliche Begabung ist eine Seite des Erfolgs junger Talente und elterlicher Ehrgeiz die andere. Wenn die Mischung stimmt, dann stellt sich der Erfolg mit Spaß ein. Wenn der Erfolgsdruck hingegen zu groß wird, kann aus Sehnsucht Sucht werden. Die richtige Balance zwischen Freiräumen, Verpflichtungen und freiwilligen Training zu halten, ist für alle Beteiligten nicht einfach, aber dringend erforderlich. Der Schritt von Förderung zur Überforderung ist schnell getan.

Tânia Maria Rodrigues-Peters erzählt sensibel eine kindgerechte Geschichte über dieses Thema. Obwohl zum Selberlesen geeignet, sollte die Geschichte dennoch vorgelesen werden. Eröffnet sie doch auch Eltern einen Blick auf sich selbst. Zu dem lädt sie ein mit Kindern über Lernerfolg und über Mozart zu reden.

Musik, Fantasie, Freiräume und zwei Buben treffen in der Story auf einander. Der moderne Max trifft den altbackenen Amadeus. Sie haben sehr viel gemeinsam und genauso viel unterscheidet sie auch. Geschickt verwebt die Autorin die Lebenslinien von Max und Amadeus. Sie lässt die Wünsche der beiden Kinder nach Zuneigung und Bewunderung erkennbar werden. Max reflektiert über seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten, während der kleine Mozart neugierig die unbekannte Vielfalt erkundet und schließlich doch das Klavier bevorzugt.

Die erstklassigen Illustrationen von Pedro Caraça unterstreichen den Text optisch. Ungewöhnlich aber in diesem Zusammenhang passend ist, dass direkte Reden “mozartmäßig” mit einer Note eingeleitet werden. Man darf gespannt sein, was Tânia Maria Rodrigues-Peters noch einfallen wird.
S. Strohschneider-Laue

Copyright © 2009 by S. Strohschneider-Laue (mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers) Erstmalig erschienen auf:  Ebensolch Rez-E-zine

Titel bei Amazon.de

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Bewegungsversuche

Erstellt von Detlef Hedderich am 9. März 2009

Christian Bedor & Michael Liebusch
Bewegungsversuche

Books on Demand GmbH, Norderstedt/Foto-Text-Statt, Kelkheim, 8/2008
TB, Belletristik, zeitgenössische/surreale Erzählungen, Satire, 978-3-8370-4272-6, 92/880 (sfbentry)
Titelillustration von Edith Kaiser
Foto und Idee von Christian Bedor

www.bod.de/index.php?id=200
www.muell-zeit-lose.de
www.kunstraum-liebusch.de

Anders als die ‚großen’ Verlage, deren Programm strikt Umsatz orientiert angelegt ist, können sich die Kleinverlage und Autoren, die im Eigenverlag oder über BoD publizieren, Experimente erlauben und über das schreiben, was sie bewegt – und nicht über das, was die Masse nach Verlagsmeinung kaufen will oder soll.

So präsentiert sich „Bewegungsversuche“ in einem unaufdringlichen, seriösen Gewand (Taschenbuch, schlichtes Hochglanzcover, übersichtliches Layout) und mit einem wenig spektakulären Titel. Das wiederum lockt die Leser, die ihre Lektüren abseits des Mainstreams suchen.

Tatsächlich lässt der Titel „Bewegungsversuche“ verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu:

Zwei sehr verschiedene Autoren versuchen, sich mit ihren Geschichten aufeinander zu oder voneinander fort zu bewegen, um trotz ihrer Gegensätze ein abwechslungsreiches, dynamisches Ganzes zu schaffen. Sie versuchen, überhaupt etwas zu bewegen, beim Leser und der Gesellschaft. Zu diesem Zweck erzählen sie von Durchschnittsbürgern und Durchschnittskreaturen, in denen man die Autoren, sich selber und sein Umfeld wieder finden kann, und sie alle versuchen, sich oder etwas zu bewegen, oder sie beobachten die Bewegungsversuche anderer. Nicht immer wird dabei eine Lösung aufgezeigt, und wenn, dann ist sie ungewöhnlich und kommt unerwartet.

Auf rund 90 Seiten offerieren die Autoren 20 kurze Geschichten, die um das Titelthema kreisen und es auf unterschiedliche Weise angehen:

Christian Bedor schlüpft gern in die Rolle des Ich-Erzählers und fasst als Bernd Stopfnuss, Karsten Sippelhagen oder Felix Name seine kritischen Impressionen vom alltäglichen Wahnsinn in der Großstadt Frankfurt zusammen. Diese sind zeitlos und können von jedem, unabhängig von seinem Wohnort, nachempfunden werden. Meist geht es um alltägliche Angelegenheiten, über die man sich Gedanken macht, wohl wissend, dass man nichts ändern – nichts bewegen – kann.

Das beginnt bei kleinen Dingen wie der Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen, die sich unhöflich überall durchrempeln, kein Wort der Entschuldigung verlieren und sogar noch unverschämt werden, wenn man sie auf ihr ungehobeltes Benehmen anspricht (und hier hat es jeder noch in der Hand zu versuchen, seine Bewegungen zu kontrollieren), bis hin zur (Alters-) Armut, die immer mehr Menschen dazu zwingt, in Bewegung zu bleiben, um Mülleimer auf verwertbare Objekte wie Pfandflaschen, Nahrungsmittel etc. zu durchsuchen (wobei sich hier endlich der Staat dazu bewegen lassen sollte, etwas zu unternehmen).

Allerdings beschränkt sich Christian Bedor nicht ausschließlich auf die menschliche Sichtweise, sondern wird sogar zur Fliege, auf die er gängige Probleme und Überlegungen überträgt. Letztlich ist das kleine, unscheinbare, lästige Insekt auch wieder nur eine Metapher für den Menschen, der im großen Gesamten unbedeutend und kurzlebig ist, als Einzelner wenig bewegen kann, aber immerhin in der Lage ist, etwas zu verderben: So wie die Fliege durch Eiablage und das Übertragen von Keimen Speisen ungenießbar macht, ist der Mensch fähig, seinen Lebensraum zu zerstören.

Christian Bedor erzählt in einem lockeren Plauderton, als würde er sich mit dem Leser unterhalten, und bewegt sich dabei langsam von einem Thema zum anderen. Er beschreibt Situationen und Eindrücke, die man kennt, und spricht Ängste an, die jeden bewegen.

Michael Liebusch zieht die Perspektive des neutralen Erzählers für seine oft surrealen Geschichten vor. Fast immer kurz und prägnant bringt er seine Aussage auf den Punkt. Die Protagonisten, die er agieren lässt, sind naiv und versponnen wie z. B. der Inselbewohner Hub, Konrad Bolz mit seiner Zigarrenkiste oder die theorisierenden Fußballspieler. Sie haben ihre ganz persönliche, verdrehte oder gar absurd erscheinende Sichtweise der Dinge, die nicht selten konträr ist zu der des ‚Normalbürgers’. Dabei geht es dem Autor nicht darum, wer Recht hat, denn es kommt auf den jeweiligen Standpunkt an.

Für gewöhnlich versuchen seine Charaktere, sich mit dem Strom zu bewegen, wobei sie nicht merken, dass sie eigentlich in dieser Bewegung erstarrt, in den Konventionen oder ihrer eigenen beschränkten Welt gefangen sind. Erst der Zufall bringt für sie etwas in Bewegung, zum Guten oder zum Schlechten, wie bei dem Schwimmer, der ohne seine Brille plötzlich eine andere Sichtweise entdeckt und für sich ein neues Leben in Erwägung zieht, wie die Kellnerinnen, die in dem Moment an Einfallslosigkeit leiden, ab dem sie auf Kommando ihre Späße treiben sollen, oder wie die Fußballer, die unverhofft gewinnen, als sie einmal nicht ihren schönen Theorien folgen.

Allerdings versteht es Michael Liebusch, auch längere Geschichten zu schreiben, die morbid und schaurig sind, wie das Beispiel „Underwood – Allein im Wald“ beweist. Der Leser wird eingeladen, einen Blick in die Gedanken des Holzfällers Jack zu werfen und damit in einen Albtraum einzutauchen. Erinnerungen, Realität, Visionen, Hoffnungen und Ängste verschmelzen zu etwas, das kaum mehr voneinander zu trennen ist. Der Protagonist scheitert bei seinem Versuch, sich zu bewegen – sich von dem zu befreien, was ihn belastet, und das zu bekommen, was er sich wünscht.

Interessiert man sich für experimentelle Literatur, die zeitkritisch, satirisch und surreal Geschichten aus dem alltäglichen Leben erzählt, sollte man dieser Anthologie eine Chance geben. Christian Bedor und Michael Liebusch versuchen nicht, Lösungen für bekannte Probleme zu finden; dass muss jeder schon selbst tun. Stattdessen versuchen sie, mit „Bewegungsversuche“ beim Leser etwas zu bewegen, was ihnen zweifellos auch gelingt, denn die Geschichten regen nicht nur stellenweise zum Schmunzeln oder zum Gruseln sondern auch dazu an, die eigenen Bewegungsversuche zu hinterfragen, vielleicht im positiven Sinn zu verändern und langfristig eine Kettenreaktion auszulösen. (IS)

Titel bei Amazon.de
Bewegungsversuche: Erzählungen

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Azalea

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. Februar 2009

Kevin Winterberg
Azalea

Books on Demand GmbH, Norderstedt, 1/2008
TB, Kinderbuch, Fantasy, 978-3-8370-1727-4, 216/1299 (sfbentry)
Titelillustration von Anna Szlagowski und Kevin Winterberg

www.bod.de
www.azalea-roman.de

Melissa findet sich nach ihrem frühen Tod in einer Zwischenwelt wieder. Von der Katzenfrau Valentina und dem Freigeist Nico erfährt sie einiges über diese Welt, die in vielerlei Hinsicht der Erde ähnelt. Hier gibt es jedoch weit strengere Regeln als in ihrem früheren Leben. Melissa kann sich nicht mehr ziellos treiben lassen, sondern muss eine Aufgabe finden, die der Gemeinschaft nützt. Gleichzeitig will sie heraus bekommen, wie sie eigentlich gestorben ist und wie es nun weitergeht. Doch auch ihre neuen Freunde können nicht verhindern, dass sie dabei einen schweren Fehler begeht…

Die ungewöhnliche Idee, der Protagonistin durch eine Nahtod-Erfahrung die Möglichkeit zu geben, ihr bisheriges Leben zu reflektieren und sich zu ändern, ist eigentlich gut dazu geeignet, den Leser neugierig zu machen und an das Buch zu fesseln.

Lesern, die nicht nur Wert auf die inhaltliche sondern auch auf die sprachliche Ebene eines Romans legen, wird die Beschäftigung mit diesem Buch jedoch erschwert: Während sich die Anzahl der Orthographie- und Interpunktionsfehler noch in einem relativ erträglichen Rahmen hält, ist der kreative Umgang mit den Regeln der Grammatik und sprachlichen Konventionen sehr gewöhnungsbedürftig. Besonders anstrengend sind die ständigen Perspektivsprünge, die verhindern, dass eine gewisse Verbundenheit des Lesers mit einer oder mehreren Personen entsteht, sowie die uneinheitliche Sprache, die zwischen flapsigen Ausdrücken und hochgestochenen Fremdwörtern pendelt. Ein gründliches Lektorat hätte den Gesamteindruck deutlich verbessern können.

Die interessante Grundidee wird durch die Begegnungen der Protagonistin mit vielen verschiedenen Wesen und durch zahlreiche Handlungsmotive variiert. Wer Wert auf eine klare, schöne Sprache legt und über Fehler nicht einfach hinwegsehen kann, wird bei diesem Buch dennoch nur ein eingeschränktes Lesevergnügen erfahren. (AT)

Titel bei Amazon.deAzalea

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