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neuauflage

Selbstmord ausgeschlossen

Erstellt von Michael Drewniok am 23. Mai 2012

Cyril Hare
Selbstmord ausgeschlossen

(sfbentry)
Originaltitel: Suicide Excepted (London : Faber & Faber 1939)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Fall Dickinson“): 1959 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 18)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann
211 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1991 (Diogenes Verlag/Detebe 21923)
Übersetzung: Karin Polz
304 S.
ISBN-13: 978-3-257-21923-4

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Das geschieht:

Als der alte Leonard Dickinson sein Leben aufgrund einer allzu großzügig bemessenen Schlafmittel-Dosis im ländlich ruhigen Pendlebury Old Hall Hotel aushaucht, ist als Urlaubsgast und Zeuge zufällig Inspektor Mallet von Scotland Yard vor Ort. Er hatte Dickinson am Vorabend als schwermütigen Mann kennengelernt, was er auch zu Protokoll gibt. Da es keine verdächtigen Indizien gibt, wird der Fall als Selbstmord zu den Akten genommen.

Diese Nachricht sorgt bei den Hinterbliebenen für Aufregung. Gattin Eleanor, Sohn Stephen und Tochter Anne sind für ihren Lebensunterhalt auf das Erbe angewiesen. Leonard hinterließ zwar eine Lebensversicherung in Höhe von 25.000 Pfund, die jedoch bei Selbstmord des Versicherten nicht ausgezahlt wird.

Zwei Wochen Frist bleiben der Familie, um zu entscheiden, ob man das Angebot annimmt, sich wenigstens die eingezahlten Prämien zurücküberweisen zu lassen. Stephen, der neue Familienvorstand, ist damit ebenso wenig einverstanden wie seine Schwester. Während Anne der Gedanke abstößt, der Vater habe Selbstmord begangen, sorgt sich Stephen um den finanziellen Verlust. Gemeinsam planen die Geschwister – verstärkt durch Annes Verlobten Martin Johnson – eigene Nachforschungen.

Die drei Amateure machen detektivische Unerfahrenheit durch Eifer und Einfallsreichtum wett. Bald stoßen sie tatsächlich auf Ungereimtheiten. Unter den Gästen des Old Hall Hotel gibt es gleich mehrere vielversprechende Verdächtige. Sogar Mallet, der schließlich ins Vertrauen gezogen wird und lange skeptisch blieb, kommt ins Grübeln. Ihm bleibt es vorbehalten, die losen Enden dieses Falls zu einer Lösung zu schürzen, die in mehrfacher Hinsicht für lebensgefährliche Erschütterungen sorgt …

Gelegenheit macht Diebe – und Mörder

Auf der Suche nach der literarischen und auch intellektuellen Herausforderung fiel den Autoren des klassischen englischen Rätselkrimis viele Jahre immer etwas Neues ein. Dabei standen die Regeln des „Whodunit“ fest, und die Grenzen schienen eng zu sein. Genau darin lag eine Herausforderung. Voller Ehrgeiz banden sich jene Schriftsteller, die sich dem Genre buchstäblich verschrieben, quasi eine Hand auf den Rücken und erlegten sich selbst erdachte Schwierigkeiten auf, um den Job reizvoll zu erschweren.

Cyril Hare erlegte sich für „Selbstmord ausgeschlossen“ eine ‚gebremste‘ Ermittlung auf: Leonard Dickinson ist tot und gilt zumindest dem Gesetz als schuldlos Verstorbener. Nun muss unbedingt nachgewiesen werden, dass er ermordet wurde. Wer ihm die tödlichen Pillen möglicherweise gab, ist dabei unwichtig. Diese Konstellation ist in der Tat originell, da die Entlarvung des Täters als großes Finale den „Whodunit“ normalerweise bzw. zwangsläufig abschließt.

Natürlich verstößt Hare nur scheinbar gegen diese Vorschrift. Er tut es mit Bedacht, denn die Enthüllung sorgt nicht nur für die übliche Überraschung, sondern stellt sich als dreifacher Finaltwist heraus: Kein Wunder, dass Cyril Hare trotz seines schmalen Gesamtwerks zu den Großen des Kriminalromans zählt! Dazu kommt die für den englischen Kriminalroman dieser Ära typische Mischung aus Spannung, trockenem Humor und literarischen Anspielungen, die man erkennen kann aber nicht muss.

Unter den Augen des Gesetzes

Schon die Einführung ist meisterhaft: Leonard Dickinson wird nicht einfach tot in seinem Zimmer gefunden. Ausgerechnet Hares Serienheld Inspektor Mallet von Scotland Yard ist ebenfalls Gast in dem Hotel, das zum Tatort wird. Dass er nach einem zufälligen Gespräch mit Dickinson die Theorie vom Selbstmord unterstützt und damit beinahe einen Justizirrtum ermöglicht, gibt dem Geschehen eine besondere Note.

Darüber hinaus führt es den Leser auf eine falsche Fährte. Der frühe Auftritt des bekannten Ermittlers schürt die Annahme, Mallet werde die Ermittlungen führen. Stattdessen verschwindet er für viele Seiten aus der Handlung, die von diversen Angehörigen der Familie Dickinson übernommen wird. Sie versuchen sich als Detektive; eine reizvolle Prämisse, die viel Raum für einschlägiges und unterhaltsames Scheitern gibt.

Denn zwangsläufig machen die eifrigen Möchtegern-Ermittler falsch, was falsch zu machen ist, und ebenso selbstverständlich kommen sie trotzdem der Wahrheit auf die Spur. Tatsächlich sind es sogar mehrere Wahrheiten, denn die harmlose aber nun unter die Lupe genommene Gesellschaft, die in der Nacht des ‚Mordes‘ unter dem Dach des Old Hall Hotel zusammenkam, ist selbstverständlich höchst verdächtig. Kleine und große Gauner kommen unter diversen Masken zum Vorschein. Diese Erkenntnisse führen unsere ‚Detektive‘ immer wieder auf vielversprechende aber letztlich falsche Fährten.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Bankrott ist schlimmer als der Tod

„Selbstmord ausgeschlossen“ ist als Krimi auch der Schnappschuss einer Gesellschaft, die im Umbruch begriffen ist, wobei alte Traditionen wie Klippen in diesem Entwicklungsstrom stehen. Die Dickinsons gehören zu jenen Familien, die zwar einen guten Ruf aber kein Geld (mehr) haben. Der I. Weltkrieg hat jenem Lebensstil, der sich auf den Verzehr von Zinsen aus Grundbesitz oder Geldguthaben stützt, mit intensiver Unterstützung einer nicht mehr obrigkeitshörigen Steuergesetzgebung endgültig den Garaus gemacht.

Geblieben ist der Stolz, der folgende aus heutiger Sicht absurde Kausalkette bedingt: Jeglicher Kontakt mit der Polizei ist der Ehre abträglich, aber der Mord-Tod eines Familienmitglieds ist immer noch besser als sein unehrenhafter Selbstmord; das schlimmste Schicksal ist jedoch der finanzielle Ruin, der das familiäre Scheitern öffentlich macht; die ‚Strafe‘ ist der Ausschluss aus dem Kreise derer, denen man sich zugehörig fühlt, und sie wird kollektiv verhängt: Es würde die Witwe Dickinson ebenso treffen wie ihre Kinder, wobei Tochter Anne doppelt verflucht ist, da sie als Braut mit Makel höchstens klassenabwärts noch heiratskompatibel wäre.

Diese Sichtweise muss man verstehen, denn sie wird zum Motor der Ereignisse. Sie erklärt auch den Titel: „Selbstmord [ist] ausgeschlossen“. Ursprünglich drückt dies die Haltung der Dickinsons aus. Erst später wird daraus zusätzlich ein kriminalistischer Tatbestand.

Alles kommt anders, ganz anders & noch einmal anders

Die verblüffende Auflösung kann und soll an dieser Stelle selbstverständlich verschwiegen werden, was schade ist, da man Hare für die Meisterschaft bewundern muss, mit der er die Handlung auf den letzten Seiten gleich dreifach in unerwartete Richtungen treibt. Auch in diesem Zusammenhang ist die Kenntnis des sozialen Umfelds wichtig, denn es bildet den Kompost, auf dem dieser bizarre Mordfall prächtig gedeiht.

Letztlich trägt der Fachmann den Sieg davon: Inspektor Mallet versteht es, den Wust der von den Dickinsons zusammengetragenen Informationen zu sichten, zu ordnen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Damit wird Mallet zum Zünglein an der Waage, denn es wird deutlich, wie nahe der Täter dem perfekten Mord war. Nicht nur Mallet konnte die winzigen Widersprüche entdecken: Hare spielt fair und teilt die entsprechenden Informationen mit seinen Lesern. Ihnen obliegt die Pflicht, die Hinweise zu finden und entsprechend zu deuten. Allerdings bleibt ihnen der Autor doch einen entscheidenden Schritt voraus – zum Glück, denn wer will schon einen Rätselkrimi lesen, wenn das Rätsel lange vor dem Finale gelöst ist?

Was Hare beschreibt, hat seinen Platz in der Geschichte. Ausufernde Seitenstränge, in denen die Figuren persönlichen Problemen nachgehen, die mit der Krimi-Handlung nichts zu tun haben, sucht man vergeblich – wenn man denn nach ihnen sucht, denn vermisst werden sie nicht. Nach 300 flott gelesenen Seiten ist dieser Fall gelöst. Mallets vierter Fall wird starten, ohne dass seifenoperlicher Ballast mitgeschleppt wird und aufgearbeitet werden muss. Manches war – zumindest im Krimi – früher wirklich besser!

Autor

Cyril Hare wurde im Jahre 1900 in Mickleham, Grafschaft Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark geboren. Er lernte das englische Landleben kennen und schätzen, war ein passionierter Jäger und Angler. Clark studierte Jura am New College zu Oxford, und wurde 1924 Anwalt. 1933 heiratete Clark Mary Barbara Lawrence. Das Paar ließ sich in Cyril Mansions in Battersea nieder. Clark arbeitete als Jurist u. a. am Hare Court, Temple.

Daneben pflegte er seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Sketchen für das „Punch“-Magazin verlegte sich Clark auf Kriminalromane, in die er seine Erfahrungen als Jurist einfließen ließ. Als Pseudonym – schließlich war er ein angesehener Mann des Rechtes – wählte er Cyril Hare. Als erster Roman erschien 1937 „Tenant for Death“ (dt. „Ruhige Wohnung mit eigener Leiche“). Seien Helden wurden Inspektor Mallett von Scotland Yard und Anwalt Francis Pettigrew. Sie treten mehrfach gemeinsam auf.

Der Kritik schätzt Hare als kompetenten Handwerker, der das Rad der Kriminalliteratur nicht neu erfunden, aber zuverlässig mit in Schwung gehalten hat. Sein Werk ist schmal. Hare blieb Zeit seines Lebens Jurist und schrieb nur in der Freizeit. Neun Kriminalromane, ein Kinderbuch und ein Theaterstück erschienen in zwanzig Jahren. Ein Band mit Kriminalgeschichten kam nach Hares frühem Tod 1958 heraus.

[md]

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Ende des Kapitels

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Februar 2012

Nicholas Blake
Ende des Kapitels

(sfbentry)
Originaltitel: End of Chapter (London : William Collins Sons & Co. 1957)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Schluß des Kapitels“): Juli 1962 (Rowohlt Verlag/RoRoRo Kriminalroman 2006)
Übersetzung: Margret Schmitz
185 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1998 (Diogenes Verlag/Detebe 23133)
Übersetzung: Nikolaus Stingl
311 S.
ISBN-13: 978-3-257-23133-5

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Das geschieht:

Ausgerechnet das renommierte Londoner Verlagshaus Wenham & Geraldine ist in einen Skandal verwickelt: Obwohl der hier veröffentlichte General Thoresby sich bereiterklärt hatte, in seinen Memoiren einige ehrenkränkende Anschuldigungen gegen seinen lebenslangen Konkurrenten Sir Charles Blair-Chatterley zu streichen, wurden diese von unbekannter Hand wieder in das Manuskript eingefügt, gedruckt und in den Handel gebracht. Nun feiern die Medien ein Fest, und der wütende Blair-Chatterley hat nicht nur Thoresby, sondern auch den Verlag wegen Verleumdung verklagt.

In ihrer Not beauftragt die Führungsspitze – bestehend aus Arthur Geraldine, Elizabeth Wenham und Basil Ryle – den Privatdetektiv Nigel Strangeways mit der Aufklärung dieser Sabotage. Als Teilzeit-Lektor wird er in den Verlag eingeschmuggelt, von den Mitarbeitern jedoch rasch durchschaut, woraufhin Strangeways seine Maske fallen lässt und auf klärende Indiskretionen hofft. Hinter den Kulissen von Wenham & Geraldine geht es nämlich wenig kultiviert zu. Konkurrenzkämpfe werden still aber heftig geführt. Die brisanten Passagen könnten deshalb viele verärgerte Mitarbeiter und sogar Gäste des Hauses auf ihren Weg gebracht haben.

Hat General Thoresby selbst heimlich den ursprünglichen Text wiederhergestellt? Oder Herbert Bates, der als Herstellungsleiter aufgrund angeblich veralteter Arbeitsmethoden zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurde? Verdächtig ist weiterhin Stephen Protheroc, ein ausgebrannter Dichter, der als Lektor für den Verlag arbeitet und den Verfall der Literaturkultur beklagt. Bevorzugtes Opfer seines Zorns ist die Romanzen-Königin Millicent Miles, die stets gern bereit ist, Öl ins Feuer zu gießen. Außerdem ist sie zornig, weil Wenham & Geraldine die Literaturzeitschrift ihres nichtsnutzigen Sohnes Cyprian Gileed nicht verlegt. Motive und Gelegenheiten hatten sie alle, aber erst ein überaus brutaler Mord enthüllt, dass auch Leidenschaft in einem Spiel ist, das bereits vor Jahrzehnten begann und von einem ebenso rachsüchtigen wie klugen Menschen in Szene gesetzt wird …

Auch hehre Geister hegen ihren Groll

Am Anfang steht – von Verfasser Nicholas Blake ebenso geschickt wie hinterlistig und vor allem witzig gefördert – der schöne Schein eines Verlages, der nicht nur vornehm residiert, sondern sich in dem edlen Auftrag aufreibt, kluge Bücher für ebensolche Leser zu veröffentlichen. Dabei ziehen Autoren, Verleger und Lektoren vorgeblich an einem Strang, weil sie quasi im Auftrag einer höheren Macht arbeiten, der Streit, Neid oder Intrigen unbekannt sind.

Es dauert nur wenige Absätze, bis dieses Trugbild in seinen Grundfesten erschüttert und kurz darauf zerstört ist. Die genannten Kopfarbeiter sind tatsächlich auch nur Menschen, und vielleicht sind sie sogar menschlicher als ihre weniger kultivierten Zeitgenossen, die den Konflikt nicht als Beleidigung und Aufforderung zum Kampf auf Leben & Tod sehen, sondern als Ventil nutzen, um Druck aus einer verfahrenen Situation abzulassen.

Doch die Männer und Frauen von Wenham & Geraldine betrachten sich selbst als Privilegierte, die über solchen Banalitäten stehen. Es bedarf eines Außenstehenden, um diese Selbsttäuschung und Heuchelei zu zerstreuen. Diese Aufgabe übernimmt Autor Nicholas Blake bzw. (im zwölften Roman dieser Serie) seine Hauptfigur Nigel Strangeways. Blake kennt die Realität vor und hinter der Schreibfeder, denn er war nicht nur Schriftsteller, sondern nach dem II. Weltkrieg einige Jahre im Verlagsgeschäft tätig. Seine Schilderungen besitzen daher nicht nur den nostalgischen Glanz einer Ära, in der die (mechanische) Schreibmaschine das modernste Handwerkszeug darstellte, sondern wirken auch und nicht von ungefähr überaus authentisch.

Der Geist und das Geschäft – Das Geschäft mit dem Geist

Die intime Kenntnis des dargestellten Arbeitsalltags teilte Blake mit Kollegen und Zeitgenossen wie Dorothy L. Sayers (1893-1957) oder Henry Slesar (1927-2002), die es in den weniger erfolgreichen Frühjahren ihrer Karrieren in die freie Wirtschaft verschlagen hatte. (Sayers war in einer Werbeagentur beschäftigt und ließ Lord Peter Wimsey 1933 in „Murder Must Advertise“/„Mord braucht Reklame“ in diesem Milieu ermitteln, Slesar war ebenfalls Werbetexter und nutzte dies 1961 für seinen Roman-Erstling „The Gray Flannel Shroud“/„Wer nicht wirbt, der stirbt“ bzw. „Das graue, distinguierte Leichentuch“.) Akademisch gut ausgebildet und eher intellektuell gestimmt, stellte die Konfrontation mit einer auf Profit ausgerichteten Realität offensichtlich eine durchaus schockierende Erfahrung dar.

Die Verleger Wenham, Geraldine und Ryle verkörpern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Obwohl „Das Ende des Kapitels“ ein klassischer englischer „Whodunit“-Krimi ist, bleibt die Realität (des Jahres 1957) keineswegs ausgeklammert. Nicholas Blake verfolgte sehr aufmerksam die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen seiner Gegenwart, und er scheute sich nicht, sie zu kommentieren.

Daher macht er keinen Hehl aus seiner kritischen bis offen ablehnenden Haltung, die sich gegen jene ‚neuen‘ Menschen richtet, die Kommerz und Bürokratismus über eine humanistische Bildung und Gesinnung stellen, die allein einen Geist heranwachsen lässt, der die Probleme der Welt aufgeschlossen angehen kann. Folgerichtig bereitet es den Rittern auf Burg Wenham & Geraldine, die sich vom Pöbel belagert wähnen, grimmiges Vergnügen, erfolgreiche aber in ihren Augen ‚dumme‘ Zeitgenossen intellektuell zu demütigen. Auch Strangeways ist sich nicht zu fein für dieses seltsame und einseitige Spiel, als er brutal einem arglosen Beamten die geistige Enge seiner Existenz vor Augen führt.

Cover der Ausgabe von 1962 (Sammlung md)

Menschen statt Schachfiguren ihres Verfassers

Zwar gibt es „Whodunit“-Figuren wie den knorrigen Krieger, der sich für Britannien aufgerieben hat. Doch General Thoresby macht sich selbst über seinen buschigen Schnurbart lustig und entpuppt sich als hellwacher Zeitgenosse, der den anstehenden Prozess nutzen will, um medienwirksam einen Versager zu entlarven. Auch innerhalb des ehrwürdigen Verlagshauses ist die Zeit nur vermeintlich stehengeblieben. Tatsächlich zeigen die Kalender auch dort 1957. Bücher sind eine Ware, und der Geschmack des Publikums ändert sich: Diesen Prozessen wird Rechnung getragen. Somit steht von vornherein fest, dass keine literarischen Streitfragen für Intrigen und Mord sorgen. Grundsätzlich menschliche Eitelkeiten wurden verletzt und schufen den Nährboden für sorgsam gepflegten und üppig heranwachsenden Zorn, der lange und zunehmend mühsam kontrolliert wurde, um sich schließlich besonders heftig zu entladen.

Die böse Tat wird dabei vorsätzlich und mit genug Bedacht begangen, eventuelle Spuren zu verwischen oder gar zu fälschen. Dem Verfasser obliegt es, scheinbar lückenlose Alibis so zu schwächen, dass es den Lesern logisch dünkt und sie  überrascht. Dieser Aufgabe ist Nicholas Blake nicht nur gewachsen. Während er die Fäden fest in der Schreibhand hält, bleibt ihm genug Esprit, seine Leser mit geistreichen und/oder witzigen Einschüben zu unterhalten und abzulenken.

Die Unterscheidung fällt manchmal schwer, da der selbstbewusste Blake die Grenze zur offenen Herablassung problemlos übertritt. Der ernst zu nehmende Mensch zitiert Shakespeare und die großen Gedichte der Vergangenheit; man erkennt einander, wenn man sich solche Bälle zuspielt. Aus solcher Bildung resultiert weiterhin Charakterstärke, die Blake ungemein wichtig nimmt. Vor allem der jüngere Generation geht diese seiner Meinung nach ab, was sich in unfreundlichen und seltsam plumpen Vorurteilen Bahn bricht: Cyprian Gileed ist durch seinen ungepflegten Vollbart, die Liebe zum ‚progressiven‘ Free-Jazz oder seinen zur Schau gestellten Zynismus die Klischeefigur des arbeitsscheuen, pseudo-intellektuellen, ungewaschenen „Existentialisten“ und wird auf diese Weise als Schwächling und Strolch gebrandmarkt.

Nigel in der Löwengrube

Der „Whodunit“ fordert als Ermittler einen Wanderer zwischen den Welten. Nigel Strangeways ist Ermittler und von Berufswegen (sowie durch seinen Namen) prädestiniert, „fremde Wege“ zu beschreiten. Offizielle und unsichtbare Grenzen gelten für ihn nicht. Er kann sich über sie hinwegsetzen und dabei Verbindungen offenlegen, die den in ihren Mikrokosmen gefangenen Männern und Frauen im Umfeld der Täter und Opfer unerkannt bleiben. Status und Bildung verschaffen ihm einen Stallgeruch, der ihm das Vertrauen auch der oberen Gesellschaftsschichten sichert, wobei er andererseits Feingefühl und Verständnis notfalls überzeugend vorgeben kann. Dieses Talent oder besser: die aus ihm entwickelten Fähigkeiten machen aus Strangeways einen erfolgreichen Ermittler; immer wieder lesen wir, dass seine Gesprächspartner verblüfft bemerken, wie sie ihn, einen Fremden, ins Vertrauen ziehen.

Da Strangeways selbst Schriftsteller ist, kann er eigene Erfahrungen in die aktuellen Ermittlungen einbringen. Das ist wichtig, wie auch der Leser schnell lernt, der nebenbei einen Schnellkurs in die Arbeitsabläufe eines Buchverlags erhält: Für den klassischen „Whodunit“ ist solches Wissen wichtig, denn das fallentscheidende Indiz wird sich als nur scheinbar nebensächliches Detail entpuppen.

Obwohl sämtliche Elemente des klassischen Rätselkrimis akribisch beachtet werden, ergänzt Blake sie durch eine intensive Psychologisierung seiner Hauptfiguren. Emotionale Verletzungen und Schwächen bedingen eine Bluttat, die auch Tragödie ist. Dabei vermeidet Blake die Brechung durch Humor, sondern beschreibt in Worten, die so klar sind, wie sie die zeitgenössische Leserschaft ertragen wollte. Damit übertreibt er es nicht selten, und manche Charakterzeichnung atmet wie beschrieben allzu deutlich einen Zeitgeist, von dem auch oder gerade Nicholas Blake keineswegs frei war. Das mindert jedoch nicht das Vergnügen an einem „Whodunit“, der mehr als schnurrig-gemütliche Alltagsferne bieten möchte und kann.

Autor

Nicholas Blake wurde als Cecil Day-Lewis am 27. April 1904 in dem westirischen  Dorf Ballintubber als Sohn eines protestantischen Geistlichen geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter zogen Vater und Sohn nach London. Day-Lewis besuchte bis 1927 Wadham College in Oxford. Hier lernte er u. a. den Poeten W. H. Auden (1907-1973) kennen, mit dem er diverse Gedichtsammlung herausgab. Selbst veröffentlichte Day-Lewis schon 1925 einen ersten Band mit Gedichten.

1928 heiratete er und leitete in den nächsten Jahren drei Schulen. Um sein Einkommen aufzubessern, beschloss sich Day-Lewis wie viele andere britische Gelehrte als Verfasser von Kriminalromanen zu versuchen. 1935 erschien „The Proof“ (dt. „Was zu beweisen war“), ein klassischer „Whodunit“, der im dem Verfasser gut bekannten Schulmilieu spielte und bereits den typisch unkonventionellen Detektiv in den Mittelpunkt stellte, den der Verfasser Nigel Strangeways nannte und charakterlich an seinen verehrten Freund Auden anlehnte.

Auf seinen Ruf als ernsthafter Dichter bedacht, schrieb Day-Lewis Krimis vorsichtshalber unter dem Pseudonym „Nicholas Blake“. Schon bald sorgte Nicholas Blake für den Unterhalt des Ehepaares Day-Lewis. Noch 15 Fälle löste Nigel Strangeways in den nächsten drei Jahrzehnten. Der II. Weltkrieg unterbrach das beschauliche Schriftstellerleben. Day-Lewis wurde für das „Ministry of Information“ tätig. Nach dem Krieg wechselte er ins Verlagshaus Chatto & Windus; das hier Erlebte floss in den Roman „End of Chapter“ (1957; dt. „Schluss des Kapitels“) ein.

In dieser Zeit zerbrach seine Ehe, und 1951 heiratete Day-Lewis die Schauspielerin Jill Balcon; dieser Verbindung entsprang u. a. der Schauspieler Daniel Day-Lewis. 1951 wurde er zum „Oxford Professor of Poetry“ gewählt, 1968 übertrug man ihm das Amt des „Poet Laureate“ und ernannte ihn damit zum Dichter des britischen Königshofes. Diese ehrenvolle Stellung (sowie viele andere hohe Ämter) hatte er bis zu seinem Tod aufgrund einer Krebserkrankung am 22. Mai 1972 inne.

[md]

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Der enthauptete Großonkel

Erstellt von Michael Drewniok am 13. Januar 2012

Jonathan Latimer
Der enthauptete Großonkel

(sfbentry)
Originaltitel: The Search for My Great Uncle’s Head (Garden City/New York : Published for the Crime Club by Doubleday 1937)

Übersetzung: Andre Simonoviescz
Deutsche Erstausgabe: 1995 (Diogenes Verlag/Detebe Nr. 22796)
362 S.
ISBN-13: 978-3-257-22796-3

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Das geschieht:

Zwanzig Jahre hat Peter Coffin, Professor für Englische Geschichte an einer kalifornischen Universität, seinen Großonkel Tobias nicht mehr gesehen. Nun erhält er die Einladung in dessen abseits am Lake Crystal gelegenen Landsitz in Michigan. Der alte Mann will vor seinem Tod noch einmal die Verwandtschaft um sich versammeln. Da es viel zu erben gibt, sperren sich auch die übrigen Coffins nicht. Sie werden von Tobias unfreundlich empfangen. Der Alte wirft ihnen Versagen im Leben und Erbschleicherei vor. Die Empörung ist groß aber eine Abreise unmöglich: Ein Unwetter tobt, und um das einsame Haus schleicht Elmer Glunt, ein aus der Irrenanstalt entsprungener Massenmörder, der seinen Opfern den Kopf abzuschlagen pflegt.

Peter ist es, dem Tobias interessante Offenbarungen über sein jüngst geändertes Testament ankündigt. Was er damit meint, wird sein Geheimnis bleiben: In der Nacht findet man Tobias in seinem Arbeitszimmer: tot und enthauptet, der Kopf ist verschwunden! Eine Suche im Haus bleibt erfolglos. Sheriff Wilson, hauptberuflich im Samenhandel tätig, zeigt sich nicht als Ausbund kriminalistischer Begabung. Wohl oder übel nimmt Peter die Fäden in die Hand. Leider nimmt seine Verwandtschaft ihn nicht ernst. Dieser führt sich als Amateur-Ermittler zunächst in der Tat ungeschickt auf. Als noch in der Mordnacht Tobias’ Arbeitszimmer durchsucht wird, ist er es, dem der unerkannt bleibende Einbrecher einen heftigen Hieb mit dem Schürhaken versetzt.

Trotzdem wird Peter deutlich, dass nicht unbedingt Glunt der mysteriöse Schurke ist. Die Mitglieder der Familie Coffin benehmen sich selbst verdächtig. Wollte womöglich jemand dem enterbenden Zorn des alten Tobias zuvorkommen? Pech für Peter, dass er offenbar als Haupterbe vorgesehen war. Das lässt seine Beliebtheit weiterhin schwinden, lockt aber den Mörder aus der Reserve. In dem alten Haus am See belauern sich die Coffins, während der wahnsinnige Glunt weiterhin sein Unwesen treibt. Und wo ist eigentlich Tobias Coffins Kopf geblieben …?

Grusel-Thriller mit pechschwarzem Humor

Bereits eine Skizze der Handlung verrät, dass „Der enthauptete Großonkel“ nicht gerade ein ernsthafter Vertreter seiner ehrwürdigen Gattung ist. Prinzipiell gehört dieser Roman ins Genre des „Whodunit“, dessen Autoren gern eine Gruppe verdächtiger Personen an einem isolierten Ort versammeln, der dann Schauplatz eines ‚unmöglichen‘ Mordes wird.

Aber der Verfasser heißt Jonathan Latimer, den die in der Kriminalliteratur bewanderten Leser als echten Witzbold kennen. Er schuf einige der schönsten Thriller der 1930er Jahre, die Spannung mit Humor zu verbinden wissen. „Sophisticated“ nennt man den Ton, in dem Geschichten von bizarren, durchaus blutigen Verbrechen erzählt werden. Mit knochentrockenem aber pechschwarzem Humor präsentiert der Autor ein kunstvoll gestricktes, völlig unwahrscheinliches Garn, wie es in den überdrehten „Screwball“-Komödien Hollywoods – Latimer war ein erfolgreicher Drehbuchautor – überaus beliebt war.

Die „Thin-Man“-Reihe mit dem ständig angesäuselten Hobby-Detektiv Nick Charles und seiner neugierigen, schwerreichen Gattin Nora fällt einem dabei ein, aber „Der enthauptete Großonkel“ spielt gleichzeitig mit Klischees, die Gruselklassiker wie „The Cat and the Canary“ (1927) oder „The Old Dark House“ (1932) zu Kino-Blockbustern ihrer Ära machten.

Latimer zieht praktisch jede Szene aus solchen und vielen anderen Filmen und Romanen heran, um sie lustvoll gegen den Strich zu bürsten. In dunkler Nacht krachen Blitz & Donner, ein Irrer geistert durch das riesige, uralte Haus, dessen Bewohner sämtlich etwas zu verbergen haben. Was in Gefahr gerät, veraltet und langweilig zu geraten, entwickelt sich unter Latimers Feder spielerisch nostalgisch, dabei jederzeit flott und zügig und steckt voller Überraschungen.

Die Hölle besteht aus Verwandtschaft

Die Figuren passen zum Ambiente. Sie bewegen sich hart an der Wende zur Karikatur. Da haben wir als zentralen Helden einen ungeschickten Geschichtsprofessor, der – dies ist Latimers Prinzip – quasi gegen jede Ermittlungsregel verstößt. Natürlich gibt es einen verschwiegenen oder besser undurchsichtigen Butler, der sehr leichtfüßig aufzutreten und zu verschwinden versteht, sowie einen seltsamen ‚Doktor‘, dessen Rezepturen man lieber nicht ausprobieren möchte. Der Sheriff ist eher ein Original als ein Kriminalist; er vermeidet es tunlichst, Großonkel Tobias‘ kopflose Leiche zu betrachten und lässt sich lieber aus zweiter Hand davon berichten.

Dann taucht auch noch Colonel Black auf, der lieber über Shakespeares und Viehzucht schwärmt als sich als Detektiv zu betätigen und damit alle Beteiligten hinters Licht führt. Die Ehefrauen der Coffin-Männer sind Megären, die Söhne Tunichtgute, die Töchter oberflächlich. Eine Ausnahme bietet nur die nicht zur Verwandtschaft gehörende Joan, was Absicht ist, denn Peter Coffin benötigt ein „love interest“, ohne gleichzeitig mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.

Nach den Regeln ihrer Zeit ist Joan eine scheinbar selbstbewusste und emanzipierte Frau, die mit beiden Beinen fest in ihrer Welt steht. Den schauerlichen Geschehnissen im Coffin-Haus steht sie gelassen gegenüber. Tatsächlich ist Joan nur ‚frei‘ auf Zeit. Ist der Mord an Onkel Tobias gelöst, hat sie sich in den in der Krise gar nicht mehr so untauglichen Peter verliebt, den sie anschließend heiraten wird: Aus heutiger Sicht aufdringlich ist die Welt wieder in Ordnung gebracht. Dieses Klischee wusste sogar Jonathan Latimer nicht auszuhebeln; es bleibt das einzige Manko eines ansonsten grandiosen Krimi-Vergnügens.

Autor

Jonathan Wyatt Latimer wurde 1906 in Chicago, Illinois, geboren. Er wuchs in Arizona und Illinois auf. Ins Berufsleben trat er als Reporter des „Chicago Herald Examiner“, bevor er sich als Schriftsteller versuchte. Schon mit seinem ersten Roman „Murder in the Madhouse“ – gleichzeitig das Debüt des Privatdetektivs William Crane – fand er 1935 sein Erfolgsrezept: Latimer schrieb „hardboiled screwball comedies“, wobei er sich deutlich von den Hollywood-Erfolgen seiner Zeit inspirieren ließ. Noch viermal ließ er William Crane martinigetränkt auf Schurkenjagd gehen, dann hatte er genug von dieser Figur.

1941 gelang Latimer mit „Solomon’s Vineyard“ ein echter Klassiker des Genres. Der leichte Ton war verflogen, grauer und grausamer Verbrecheralltag prägte die Szene, die Privatdetektiv Karl Craven betrat. Zwischen 1942 und 1945 diente Latimer in der US-Navy. Nach seiner Rückkehr fand er umgehend den Anschluss zur Filmbranche wieder.

Schon in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war es Latimer gelungen, als Drehbuchautor in Hollywood Fuß zu fassen. Wo andere Schriftstellerkollegen (wie sein Freund Raymond Chandler) scheiterten, passte er sich an und wurde zu einem begehrten Schreiber. Zu seinen etwa zwanzig verfilmten Arbeiten gehören die Drehbücher zu Hollywood-Perlen wie „The Glass Key“ (1942, nach Dashiell Hammett) und „The Big Clock“ (1947). Latimer schrieb auch für zeitgenössische Serie wie „Lone Wolf“ und „Charlie Chan“. Als das US-Kino in den 1960er Jahren seinen Niedergang erlebte, wechselte Latimer zum Fernsehen. Schnell setzte er sich auch dort durch und wurde u. a. 1960 bis 1965 zu einem der wichtigsten Script-Lieferanten für die erfolgreiche „Perry Mason“-Serie.

Seine Tätigkeit für das Fernsehen setzte Jonathan Latimer bis zu seinem Tod am 23. Juni 1983 fort. Als Schriftsteller war er da seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr tätig gewesen.

[md]

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Noch mehr Gespenster

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Dezember 2011

Dolly Dolittle (Hg.)
Noch mehr Gespenster
Gespenstergeschichten aus aller Welt

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Annemarie u. Heinrich Böll, Martin Buber, Gisela Etzel, Elisabeth Gilbert, Georg Goyert, Johannes v. Guenther (3), Monique Humbert, Gunther Martin, Gustav Meyrinck, Rudolf v. Scholtz, Hertha v. Schulz,  Joachim Uhlmann, Walter Widmer
Deutsche Erstausgabe: 1981 (Diogenes Verlag)
364 S.
ISBN 3-257-21310-7
Diese Ausgabe: August 2000 (Diogenes Verlag/Detebe 21130)
364 S.
ISBN-13: 978-3-257-21310-2

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Inhalt:

18 Kurzgeschichten zeugen von der Präsenz der Gespenstergeschichte in der ganzen Welt:

Statt eines Vorworts:
- Heinrich Heine (1797-1856): Doktor Ascher und die Vernunft (1826), S. 11-15: Ein verstorbener Gelehrter erläutert um Mitternacht dem entsetzten Freund, wieso es keine Gespenster geben kann.

- Washington Irving (1783-1859): Der Student und die fremde Dame (The Adventure of the German Student, 1824), S. 16-24: Im Paris der Revolutionszeit verliert ein junger Mann sein Herz an eine schöne Frau, die freilich schon eines anderen Körperteils verlustig ging.

- Alexander Puschkin (1799 1837): Der Sargmacher (Grobovshchik, 1830), S. 25-37: Im Suff lädt der Sargmacher seine ‚Kunden‘ ein, die ihm gern um Mitternacht ihre Aufwartung machen.

- Heinrich von Kleist (1777-1811): Das Bettelweib von Locarno (1810), S. 38-42: Ein hartherziger Adelsmann wird vom Gespenst einer misshandelten Frau ins Verderben gestürzt.

- Ignaz Franz Castelli (1781-1862)*: Tobias Guarnerius (1839), S. 43-68: Perfekt klingt eine Geige erst, wenn ihr eine menschliche Seele eingepflanzt wird, was den genialen Instrumentenbauer jedoch schon bald reut.

- Edgar Allan Poe (1809-1849): Die Tatsachen im Falle Waldemar (The Facts in the Case of M. Valdemar, 1845), S. 69-82: Spektakulär verläuft ein wissenschaftliches Experiment, in dessen Verlauf ein Sterbender in Trance versetzt wird.

- Nikolai Gogol (1809-1852): Der verhexte Platz (Zakoldovannoe mesto, 1832), S. 83-96: Ein russischer Bauer will dem Teufel einen Schatz abringen, was sich als höchst schwierige Herausforderung erweist.

- Pu Sung Ling (1640-1715): Das Wandbild (17. Jh.), S. 97-100: Ein verliebter Mann findet die Frau seines Lebens ausgerechnet als Motiv auf einem verzauberten Wandbild, was erwartungsgemäß Schwierigkeiten heraufbeschwört.

- Yakumo Koizumi (d. i. Lafcadio Hearn, 1850-1904): Die Päonienlaterne (The Peony Lantern, 1899), S. 101-128: Als sich der Geliebte dem Gespenst seiner verstorbenen Braut nicht freiwillig im Jenseits anschließen will, zieht diese andere, unangenehm klingende Saiten auf.

- Gottfried Keller (1819-1890): Die Geisterseher (1881), S. 129-163: Eine ratlose Jungfrau zwischen zwei heftig werbenden Galanen überlässt einem Gespenst die Entscheidung, wen sie heiraten wird.

- Iwan Turgenjew (1818-1883): Gespenster (1864), S. 164-202: Eine kurze aber heftige und sehr gesundheitsschädliche Liebe entbrennt zwischen einem reichen Gutbesitzer und einer schönen Gespensterfrau.

- Ambrose Bierce (1842-1913/14): Eine Sommernacht (One Summer Night, 1906), S. 203-205: Was macht ein Grabräuber, der nachts auf dem Friedhof einen irrtümlich lebendig begrabenen Zeitgenossen entdeckt?

- O. Henry (d. i. William Sydney Porter, 1862-1910): Das möblierte Zimmer (The Furnished Room, 1906), S. 206-216: Es übt aus bestimmten Gründen einen selbstmörderischen Einfluss auf seinen Mieter aus, die ihm die geldgierige Hausherrin freilich verschwiegen hat.

- Guy de Maupassant (1850-1893): Der Horla (Le Horla, 1887), S. 217-261: Eine unsichtbare Kreatur nistet sich erst im Haus und dann im Geist eines Mannes ein, der den Kampf um seine Freiheit mit drastischen Mitteln aufnimmt.

- Amadou Hampate Ba (1900/01-1991): Der Peulh und der Bozo (1949), S. 262-273: Ein schlauer Dieb raubt in der Maske eines Gespenstes die tumben Bewohner eines Dorfes aus und narrt anschließend noch einen etwas klügeren Verfolger.

- Anton Tschechow (1860-1904):  Der schwarze Mönch (Chernyi monakh, 1894), S. 274-325: Ein Philosoph schöpft intellektuell und persönlich Kraft aus der Begegnung mit einem Gespenst, das sich als Ausgeburt seiner Fantasie zu erkennen gibt.

- Tania Blixen [d. i. Karen Dinesen, 1885-1962]: Die Geschichte eines Schiffsjungen (The Sailor Boy’s Tale, 1942), S. 326-343: Als er auf hoher See einen Falken rettet, ahnt der Schiffsjunge nicht, dass ihm dies einst das Leben retten wird.

- Walter de la Mare (1873-1956): Die Prinzessin (The Princess, 1955), S. 344-362: Ein Knabe verliebt sich in eine Frau, die er tot wähnt, bis er einer uralten Vettel begegnet, die ihm eine unvergessene Lektion über das Leben erteilt.

- Nachweis – S. 363/64

* Diese Kurzgeschichte wird hier fälschlich Honoré de Balzac zugeschrieben.

Gespukt wird auf der ganzen Welt

Nachdem Mary Hottinger in den ersten beiden Teilen der „Gespenster“-Trilogie die Geisterwelt der britischen Inseln Revue passieren ließ, wirft Dolly Dolittle, die ihr als Herausgeberin folgte (Hottinger starb 1978), diverse Schlaglichter auf das überirdische Treiben der ganzen Welt: Selbstverständlich blieb die Freude an der guten, d. h. gruseligen Gespenstergeschichte nicht auf den angelsächsischen Sprachraum beschränkt. Wo Menschen leben, waren und sind Geister niemals fern. Hat man sich zunächst vor ihnen gefürchtet, lässt man sich später von ihnen unterhalten.

„Noch mehr Gespenster“ verdeutlicht, dass es dabei je nach Ländern und Leuten Unterschiede gibt. Während die Motive, die den Menschen sich fürchten lassen, sich erwartungsgemäß ähneln, kann die Form (für deutsche Leser) oft erstaunlich fremd wirken. Das liegt zum einen an der zeitlichen Differenz. Pu Sung Ling schrieb „Das Wandbild“ im Japan des späten 17. oder 18. Jahrhunderts, d. h. in einer nicht nur kulturell überaus fremdartigen Welt. Schon die Art der Darstellung ist ganz anders als in der Gespenstergeschichte, die wir kennen und für die offensiv inszenierte Spannung ein integrales Element ist. (Yakumo Koizumis‘ „Päonienlaterne“ ist dagegen die zwar geschickt realisierte und gut übersetzte, aber eben doch pseudo-historische Imitation eines englischen Schriftstellers.)

Fremd wirkt auch Amadou Hampate Bas Geschichte vom Peulh und dem Bozo, obwohl sie zu den jüngeren Erzählungen dieser Sammlung stammt und im 20. Jahrhundert entstand. Aber es irritiert, wie vertraut Menschen und Geister hier miteinander umgehen. Auch im modernen Afrika ist die Zeit noch präsent, als Diesseits und Jenseits wie selbstverständlich nebeneinander existierten und ihre Bewohner Kontakt pflegten. (Leider spart Doolittle die südamerikanische Phantastik völlig aus, die in dieser Hinsicht interessante Variationen bzw. Ergänzungen liefern könnte.)

Cover der geb. Erstausgabe von 1981

Kein Respekt mehr vor Gespenstern?

In Europa hat die eng mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften verwobene geistig-kulturelle Aufklärung dem deutlich früher ein Ende gesetzt. Heinrich von Kleist und Ignaz Franz Castelli bedienen ein Publikum, das nicht mehr an ‚echte‘ Gespenster glaubt. Jene, die in dieser Frage unentschlossen sind, verspottet Heinrich Heine herrlich boshaft und voller Witz in „Doktor Ascher und die Vernunft“.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die Gespenstergeschichte zum literarischen Genre und ‚reif‘ genug geworden, sich parodieren oder mit anderen Genres mischen zu lassen. Gottfried Keller schickt seine beiden „Geisterseher“ durch eine durchaus spannend und gruselig geschilderte Spuknacht, deren Ereignisse anschließend als sehr irdisch aufgeklärt werden. Tania Blixen greift auf den Sagenschatz ihrer skandinavischen Heimat zurück und erzählt eher lyrisch als erschreckend. Jenseits des Atlantiks findet Edgar Allan Poe eine Möglichkeit, die altehrwürdige Gespenstergeschichte mit der aufgeklärten Moderne zu kombinieren.

Nikolai Gogol bettet in „Der verhexte Platz“ eine turbulente und urkomische Geistergeschichte meisterlich in den reichen Kosmos russischer Volkssagen ein, in denen Religion und Aberglaube eine die Gespenstergeschichte inspirierende Verbindung eingehen. Alexander Puschkin legt mit „Der Sargmacher“ eine wunderschöne Gruselfarce vor, die das Genre niemals lächerlich macht.

Die Angst nimmt neue Formen an

Beeindruckend modern und in ihrer beängstigenden Wirkung trotz ihres Alters ungeschmälert sind Geschichten wie O. Henrys „Das möblierte Zimmer“ oder Iwan Turgenjews „Gespenster“. Das Grauen wird hier nicht mehr erklärt, die Figuren, die hier von Phantomen heimgesucht werden, haben sich keines Vergehens oder Verbrechens schuldig gemacht, das eine solche Strafe verdiente. Das Übernatürliche besitzt ein Eigenleben, und es ist unberechenbar, was es noch exotischer und natürlich erschreckender wirken lässt.

„Der Horla“ von Guy de Maupassant belegt eine weitere Entwicklungsstufe der Gespenstergeschichte. Das Grauen kommt nicht mehr aus einem imaginären, jenseitigen Totenreich, sondern wurzelt in der Psyche des Menschen selbst. Der namenlose Protagonist erlebt eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt: Sein eigenes Hirn lässt ihn im Stich, liefert ihm Eindrücke, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Der Horla mag ein Geist sein, doch ebenso schlüssig ist seine Deutung als Ausfluss einer Geisteskrankheit. Die nachhaltige Wirkung dieser Geschichte wird verstärkt durch das Wissen, dass de Maupassant sehr genau wusste, worüber er schrieb. Er erlebte und beschrieb, wie er buchstäblich den Verstand verlor. Sechs Jahre später starb er im Wahnsinn; sein persönlicher Horla hatte ihn erwischt!

Weniger grimmig schlägt Anton Tschechow in dieselbe Kerbe. Auch seine Figur ‚erschafft‘ ein Gespenst, das ihm jedoch nicht schadet, sondern zu künstlerischer Kreativität ermuntert und ihm Zufriedenheit schenkt. Erst als der so Besessene den Beschwörungen seiner Mitmenschen folgt, seinen „Schwarzen Mönch“ verleugnet und ein in jeder Hinsicht ‚normaler‘ aber langweiliger Zeitgenosse wird, beginnt sein Niedergang.

Ambrose Bierce gibt wie üblich einen Schritt weiter. In seiner Story gibt es nie einen Zweifel an der Abwesenheit übernatürlicher Wesenheiten. Nur Menschen treten auf, und sie schaffen es ohne jede geistige Nabelschau, sondern allein durch ihr Handeln die Leser frösteln zu lassen. Ähnlich ergeht es den beiden Figuren in Walter de la Mares Story. Das Gespenst ist lebendig und doch ein Phantom, das die verlorene Jugend verkörpert.

Experimentierfreudige Leser erwünscht!

Abschließend ein offenes Wort an die Leser dieser Zeilen, das auch als Warnung verstanden werden darf: „Noch mehr Gespenster“ ist inhaltlich wie formal ‚anders‘ als „Gespenster“ und „Mehr Gespenster“. Der Horror kommt hier auf Katzenpfoten, und oft bleibt er sogar gänzlich aus. Rächende, hässliche, drastisch herumspukende Nachtmahre der vordergründigen Art trifft man höchstens in den Storys von Irving, Poe und vielleicht Henry. Ansonsten ist Spuk für die Verfasser etwas Allegorisches, das für sehr menschliche Wesenszüge und Konflikte steht. Das ist oft harte Kost, die den Freunden des Heul-und-Rumpel-Horrors à la Koontz oder Lumley zu beißen geben dürfte.

Freilich sind manche der vorgestellten Geschichten objektiv langatmig, weil nicht zeitlos, sondern einfach nur altmodisch, abschweifend oder aus heutiger Sicht schlecht getimt. Das Risiko muss man eingehen, verlässt man allzu ausgetretene Pfade, um in der Phantastik neue Wege zu beschreiten. Nicht jede dort gemachte Entdeckung ist sensationell, doch interessant und anregend ist so eine Tour allemal!

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Die „Gespenster“-Trilogie des Diogenes Verlags:

- Gespenster, 1956, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Mehr Gespenster, 1978, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Noch mehr Gespenster, 1981, herausgegeben von Dolly Dolittle.

[md]

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Little Caesar

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Dezember 2011

W. R. Burnett
Little Caesar

(sfbentry)
Originaltitel: Little Caesar (New York : Literary Guild of America 1929)
Deutsche Erstausgabe (als „Der kleine Caesar“): 1955 (Amsel Verlag/Amsel-Kriminal-Romane)
Übersetzung: Günter Stephan
220 S.
[keine ISBN]
Neuausgaben:
- (als „Kleiner Cäsar“)1963 (Kurt Desch Verlag/Die Mitternachtsbücher 137)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann
223 S.
[keine ISBN]
- (als „Der kleine Caesar“) 1976 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classics 1680)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann
143 S.
ISBN-13: 978-3-453-10268-2
- 1983 (Diogenes Verlag/Detebe 21061)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann
222 S.
ISBN-13: 978-3-257-21061-3

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Das geschieht:

Die Prohibition hat in den 1920er Jahren das organisierte Verbrechen in den USA aufblühen lassen. Vor allem in den Großstädten haben sich mächtige Gangsterbanden gebildet, die ganze Wirtschaftszweige kontrollieren, Polizei und Justiz schmieren und zu Lieblingen der Zeitungen aufgestiegen sind. Wer hier rücksichtslos und brutal genug ist, kann auch als armer Einwanderer oder gesellschaftlich anderweitig deklassierter Außenseiter eine Art Aufstieg schaffen.

Der junge Cesare Bandello, genannt Rico, brennt vor Ehrgeiz, es zu Reichtum und Ruhm zu bringen. Bisher diente er unter Sam Vettori, der eine der kleineren Banden in Chicago führt. Vettori ist vor- aber zu nachsichtig; er plant Überfälle lieber ohne Schießereien und kann Rico nicht unter Kontrolle halten. Eines Nachts wird ein Raubzug zum Desaster. Ausgerechnet ein hochrangiger Polizist zieht die Waffe und wird von Rico erschossen.

Damit ist ein stillschweigender Waffenstillstand zwischen der Polizei und den Banden gebrochen. Den Mord an einem der ihren werden auch korrupte Gesetzesmänner nicht dulden. Vettori verliert die Nerven. Rico setzt ihn mit Einverständnis der ‚großen‘ Bosse, denen die kleinen Banden tributpflichtig sind, ab und übernimmt Vettoris Leute. Als ein von Gewissensbissen geplagtes Bandenmitglied sich einem Priester anvertrauen möchte, bringt Rico auch dieses um.

In Chicago gilt er nun als kommender Mann: berechnend, hart, furchtlos. Aber Ricos Ehrgeiz hat eine gefährliche Seite. Er beginnt den Ruhm zu genießen, wird zu gut Freund mit Reportern, lässt sich von den Reichen & Schönen umschmeicheln. Außerdem wird er unvorsichtig, seine Kumpane werden unruhig, seine Feinde rühren sich. Im Hintergrund lauert geduldig die Polizei. Sie hat Rico längst im Visier und wartet auf den Fehler, den er eines Tages machen und der seinen Untergang bringen wird …

Kleiner Caesar auf den Spuren seines Vorbilds?

Er trägt zwar seinen Namen, gleicht dem antiken Caesar jedoch auf den ersten Blick wenig. Rico ist alles andere als der vielversprechende Sprössling einer vornehmen Familie. Seine Träume von Größe bzw. Ansehen sind vage, und Rico ist sich dunkel bewusst, dass sie sich nicht wirklich erfüllen werden. Geld ist nicht alles in dieser Welt. Als Rico es hat, weiß er nichts Besseres damit anzufangen, als sich mit teurer Kleidung und anderen Attributen der Macht zu schmücken, die er aus Zeitungen und Filmen kennt. Aber Rico fehlen Klasse und Stil; nur Seinesgleichen bewundern ihn. Er ist ein Gockel, über den jene, die er beeindrucken will, nur lachen, wüssten sie überhaupt von seiner Existenz.

Rico ist clever aber ungebildet. Er gehört zur ersten Generation europäischer Auswanderer, die bereits in den USA geboren wurde, und steht zwischen den Welten: Den Immigranten, die nie wirklich in Amerika angekommen sind, sondern sich dort eine Kopie der ‚alten Heimat‘ eingerichtet haben, fühlt er sich nicht zugehörig; er verachtet sie für ihre Bereitschaft, sich ehrbar zu Tode zu schuften, für ihre mangelhafte Bildung und ihre in seinen Augen altmodischen Sitten und Normen. Doch für die ‚richtigen‘ Amerikaner wird auch ein reicher und berühmter Rico immer ein Prolet aus der Unterschicht bleiben.

Burnett stellt uns einen Mann vor, der vor Ehrgeiz schier vergeht und skrupellos aus dem Weg räumt, was ihn am Aufstieg hindert. Dabei vernachlässigt er zwei grundsätzliche Weisheiten, die ein kluger Herrscher berücksichtigen würde: Du kannst nicht alle Gegner ausschalten, und du musst dir den Rücken freihalten. Als Rico vom Duft der großen, weiten Welt abgelenkt ist, formieren sich hinter seinem Rücken die Verschwörer. Anders als bei Shakespeare heißen diese nicht Brutus, Cassius oder Casca, aber auch sie rekrutieren sich aus dem Kreise derer, die Caesar Rico für seine Gefolgsleute hält.

Ein Drama in der Unterwelt

Das Wort „Unterwelt“ besitzt bei Burnett eine Doppelbedeutung. Es bezeichnet einerseits das Milieu, in dem Rico und seine Kumpane sich bewegen, während es andererseits andeutet, dass Rico ein Verdammter ist, der in einer Hölle gefangen sitzt, der er niemals wird entfliehen können.

Diese Unterwelt wird als gänzlich selbstverständlicher aber gefährlicher Ort dargestellt. In den 1920er Jahren ist das organisierte Verbrechen noch keine Parallel-Gesellschaft, deren Mitglieder sich möglichst unauffällig verhalten, um mit dem Establishment nahtlos zu verschmelzen. Gewalt und Geld sind die Instrumente, mit denen man offen arbeitet. In diesen Jahren und noch im Bund mit den irischen Banden, die zuerst da waren, legt die Mafia, die mit den Einwanderern aus Südeuropa kam, ihr US-Fundament, auf dem sie noch heute solide ruht.

Burnett lässt diesen Aspekt der zeitgenössischen Kriminalität beiläufig in die Handlung einfließen. Er konnte die Verzahnung von Politik, Polizei und Verbrechen nicht gar zu offen beim Namen nennen. Nicht nur die Zensur, sondern auch die Gangster hätten ihm dies gesundheitsschädlich übel nehmen können: Burnett lebte in Chicago und verkehrte mit den Vettoris, Killer Pepis und Ricos dieser Stadt. Er musste die Dinge auch nicht so präzise beim Wort nennen, da seine Leser entsprechende Andeutungen verstanden und entschlüsseln konnten: Sie wussten, wer der „Big Boy“ war bzw. wer gemeint sein konnte. (William „Big Bill“ Thompson, der bis auf die Knochen korrupte Bürgermeister von Chicago.). Wohl auch deshalb zeichnete Burnett Rico nicht nach dem Vorbild des sehr präsenten Al Capone, sondern orientierte sich am Gangster Sam Cardinelli, der bereits 1921 sein Ende am Galgen gefunden hatte.

Kein Traktat, sondern eine spannende Geschichte

Wer auf den Subtext verzichten möchte, kann sich problemlos einer harten, spannenden, in trügerisch simplen Worten erzählten Geschichte erfreuen. „Little Caesar“ ist ein Paradebeispiel für ökonomische Unterhaltungsliteratur: Jedes Wort sitzt, wenn es gilt, einen Schauplatz, eine Situation, eine Figur zu beschreiben. Die Dialoge sind knapp und messerscharf; sie lassen die unausgesprochenen Drohungen problemlos mitschwingen. Es gibt kein Geschwafel, kein Zeilenschinden. Schon mit der ersten Zeile sind wir mitten im Geschehen, aus dem wir schließlich geworfen werden, als geschehen ist, was Burnett uns mitteilen wollte. (Diese deutsche Übersetzung entstand 1963; sie ist so gut geraten, dass sie sogar für die Neuausgabe des edlen Diogenes-Verlags übernommen wurde.)

Einen erhobenen Zeigefinger gibt es nicht. Selbst dem verbohrtesten Moralisten fiele es schwer, Burnett einer ‚Verherrlichung‘ des Gangsterlebens zu bezichtigen. Der Autor urteilt nicht, sondern beschränkt sich auf die Rolle des Beobachters. Als solcher beschreibt er eine kalte, freudlose Gaunerwelt. Männer und Frauen sind gleichermaßen vulgär und berechnend. Ricos einziges Ventil für Gefühle ist die Gewalt. Solidarität wird nicht verdient, sondern unter Androhung von Mord eingefordert. Skrupel gilt als Schwäche, Brutalität sorgt für Bewunderung, Verrat ist an der Tagesordnung. In dieser Welt erregt Rico mit seinen Ausbrüchen kein Missfallen.

Die Polizei gleicht sich dem problemlos an. Sergeant Flaherty ist nicht auf Gerechtigkeit aus. Er will Rico in Handschellen demütigen oder – noch besser – über den Haufen schießen. Bis es so weit ist, bringt er sich ihm immer wieder in Erinnerung, reizt Rico, um ihn zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten. Unverhohlene Drohungen und rassistische Beschimpfungen werden ausgetauscht, denn dieser Zwist ist bald persönlich.

Es endet, wie es enden muss – zwar nicht im Senat, sondern in der Gosse einer Seitenstraße, aber ebenso gewalttätig. Rico geht konsequent seinen Weg. Erst als es wirklich keinen Ausweg mehr gibt, gelingt ihm so etwas wie eine Selbstreflexion: „Heilige Mutter Gottes, … ist das Ricos Ende?“ Es ist der letzte, starke Satz eines ruppigen Gangster-Thrillers, der in vielen Jahrzehnten nichts von seiner Kraft verloren hat.

„Little Caesar“ – der Film

In Hollywood wurde „Little Caesar“ bereits zwei Jahre nach der erfolgreichen Buchveröffentlichung verfilmt. Unter der Regie des Regie-Neulings Mervyn LeRoy (1900-1987) entstand ein rauer Thriller, der inhaltlich und formal noch nicht vom rigiden Hays-Code (ab 1934) geprägt wurde. Ohne in ein allzu enges Zensur-Korsett geschnürt zu werden, wich die Story dennoch vom Original ab.

Während Frauen bei Burnett nur Randfiguren sind, musste für die große Leinwand eine weibliche Hauptrolle her. Glenda Farrell (1904-1971) spielte Olga Stassoff. Sie ist es, die Rico verrät, um ihren Liebhaber Joe Massara zu retten, der im Roman auf diese Rettung vergeblich wartet, der Polizei Ricos Bande ans Messer liefert und lebenslänglich hinter Gittern verschwindet.

Während „Little Caesar“, der Film, heute vor allem den Filmhistoriker begeistert, wundert sich der Zuschauer über eine Handlung, die trotz geringer Lauflänge oft statisch bleibt. 1931 kämpfte der junge Tonfilm noch mit technischen Schwierigkeiten, die Dreharbeiten außerhalb schallisolierter Kulissen fast unmöglich machte.

Immer noch eindrucksvoll ist die Ein-Mann-Show, die Edward G. Robinson (1893-1973) in der Titelrolle bietet. Er ist Rico, womit er sich selbst in eine Rollen-Schublade des Hollywood-Gangsters steckte, der er später kaum entkam. Auf der anderen Seite wurde Robinson so erfolgreich, dass er als Rico immer wieder imitiert und parodiert wurde.

Autor

William Ripley Burnett wurde am 25. November 1899 geboren. In Springfield, US-Staat Ohio, begann er schon in jungen Jahren als Statistiker zu arbeiten. Nebenbei schrieb er zahlreiche Kurzgeschichten und fünf Romane, die freilich unveröffentlicht blieben. 1927 zog Burnett nach Chicago, wo er eine Stelle im Northmere Hotel antrat. Es waren die Jahre, in denen das organisierte Verbrechen nicht nur die Unterwelt dieser Stadt regierte. Burnett lernte eine Vielzahl schillernder Charaktere aus dem kriminellen Milieu kennen. Hier hörte er die Geschichten für sein erstes Buch, das einen Verleger fand: „Little Cesar“ (dt. „Der kleine Cäsar“), die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters à la Al Capone, brachte ihm 1929 den Durchbruch als Schriftsteller sowie die Aufmerksamkeit Hollywoods: Mervyn LeRoy verfilmte den Roman 1931 mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle und schuf nicht nur einen Blockbuster, sondern einen ewigen Klassiker des Kriminalfilms. Burnett ging nach Hollywood und wurde zu einem bestens beschäftigten Drehbuchautor. Gleichzeitig schrieb er neue Romane, die er wiederum in Drehbücher verwandelte. Er erweiterte sein Spektrum nach einer ausgiebigen Reise durch den mittleren Westen und schrieb nun auch Western.

Aus heutiger Sicht beeindruckt Burnetts Ablehnung einer strikten Schwarz-Weiß-Teilung der Welt. Seine Figuren leben in einem Zwielicht, das sympathische Gangster ebenso kennt wie skrupellose Gesetzeshüter. Verdammnis schwebt über den Häuptern seiner vielschichtigen Helden. Ihre oft düstere Vergangenheit können sie nicht hinter sich lassen. Irgendwann holen sie ihre oft längst bereuten Fehler ein und zerstören sie. Exemplarisch führt Burnett dies in seinen großartigen Romanen „High Sierra“ (1940; verfilmt mit Humphrey Bogart) und „The Asphalt Jungle“ (1950, dt. „Asphalt-Dschungel“, verfilmt von John Huston) vor.

36 Romane und 60 Drehbücher verfasste Burnett, hinzu kamen Stücke für Theater und Radio, sogar Liedtexte. In den 1960er Jahren begann seine Produktivität zu verebben. Hinzu kam der gesellschaftliche und kulturelle Wandel dieser Epoche. Auch beruflich war Burnett aus dem Spiel; Filme wie „Der Pate“ zeigten eine neue Sicht auf das Verbrechen, die Burnett nicht teilen mochte oder konnte. Er konzentrierte sich darauf, seine alten Werke auf dem Buchmarkt präsent zu halten, während er zwischen 1968 und 1981 kein neues Buch mehr veröffentlichte. „Good Bye Chicago: 1928, End of an Era“ (dt. „Goodbye Chicago“) wurde mit seinem passenden Titel Burnetts letztes Werk. Am 25. April 1982 ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

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Der Hüter des Kelchs

Erstellt von Michael Drewniok am 5. Dezember 2011

Margery Allingham
Der Hüter des Kelchs

(sfbentry)
Originaltitel: Look to the Lady (London : Jarrolds 1931)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Achten Sie auf die Dame“): 1968 (Goldmann Verlag/Goldmann-Kriminalromane K 644)
Übersetzung: Alexandra u. Gerhard Baumrucker
189 S.
[keine ISBN]
(Ungekürzte) Neuausgabe: 1980 (Diogenes Verlag/Detebe Nr. 21862)
Übersetzung: Edith Walter
281 S.
ISBN-13: 978-3-257-21862-6
Neuausgabe: Oktober 2002 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann-Krimi 3079)
Übersetzung: Alexandra u. Gerhard Baumrucker
282 S.
ISBN-13: 978-3-442-03079-8

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Titel bei Amazon.de (Goldmann-Ausgabe)

Das geschieht:

Albert Campion ist das schwarze Schaf seiner hochadligen Familie, die ihn deshalb verstoßen hat. Nun verdingt er sich als privater Ermittler, der auch dort seiner kriminalistischen Arbeit nachgehen kann, wo die Polizei versagt. Campion hat dank seines bodenständigen ‚Partners‘, des ehemaligen Einbrechers Lugg, einen guten Draht zur Unterwelt. So hat er von der „Firma“ erfahren. Diese Verbrecherbande arbeitet für hoch angesehene, schwer reiche, absolut skrupellose Kunstsammler, die ihrer Sammlung Stücke einverleiben wollen, die sich in Privatbesitz befinden oder in Museen hängen: Sie werden schlicht gestohlen.

Nun erging ein neuer ‚Auftrag‘ an die „Firma“: Der berühmte Kelch von Gyrth soll geraubt werden. Seit Jahrhunderten befindet er sich im Besitz der gleichnamigen Familie, die ihn in „The Tower“, dem Stammsitz nahe der Gemeinde Sanctuary in der Grafschaft Suffolk, aufbewahrt. Ein uralter Geheimvertrag verpflichtet die Gyrthes, den Kelch für die Krone zu hüten. Verschwindet er, verlieren sie Rang und Besitz.

Kein Wunder, dass Campions Warnung für Aufregung sorgt. Doch wer ist Freund, wer Feind? Campion findet einen Verbündeten in Valentine Gyrth, Sohn und Erbe des derzeitigen Baronets. Dieser hat sich zwar mit dem Vater zerstritten, kehrt jetzt aber zurück, als nicht nur die Familienehre in Gefahr gerät: Lady Diana, Valentines törichte Tante, die sich selbst zur „Kelchjungfrau“ ernannt hatte, wurde ermordet auf einer Waldlichtung gefunden. Die „Firma“ ist schon aktiv, und sie will den Kelch offenbar um jeden Preis: schlecht für Campion & Co., die weiterhin absolut keine Ahnung haben, wer ihre Gegner sind!

Kleine, mörderisch gemütliche Welt

Glückliches Großbritannien: Hier ist zumindest im klassischen Kriminalroman die Welt noch in Ordnung. Ein Verbrechen kann das nur kurzfristig stören. In so einer Welt möchten wir globalisierungsgestressten, outgesourcten Gegenwartsmenschen insgeheim auch gern leben. Deshalb lesen wir so gern Romane wie diesen. Alle von den Fans so heiß geliebten Elemente eines zünftigen „Whodunit“-Thrillers werden von der Verfasserin kundig beschworen. Da haben das kleine, idyllische, von der Zeit offenbar vergessene Dorf auf dem Land, über dem ein feudaler, von einem verwunschenen Wald umgebender Landsitz thront, der über einen Turm mit Geheimkammer verfügt.

Der Plot ist dieser Umgebung angemessen. Vor Urzeiten hat ein frühmittelalterlicher Eroberer in „The Tower“ einen Schatz verborgen, von dessen Existenz die englische Monarchie abhängt. Ein kompliziertes, höchst archaisches Ritual ist damit für jene verbunden, die ihn hüten. Die Vergangenheit ist und bleibt präsent, als sich nun gierige Diebesfinger nach dem wertvollen Kelch ausstrecken.

Hüten können diesen natürlich nur Adlige reinsten Geblüts, die dann ruhig reichlich verschroben sein dürfen. Es ist unter diesen Umständen überhaupt kein Stilbruch, dass sich ein leibhaftiges Gespenst ins Geschehen einmischt. Auch eine Hexe, ein Dorftrottel, ein zerstreuter Professor, romantisch-verwegene Zigeuner, pittoreske Schurken und andere absolut unrealistische, aber allerliebst agierende Gestalten haben ihre großen Auftritte.

Eine riskante Geschichte, stets haarscharf am Rande der Lächerlichkeit balancierend: Das Talent der Autorin führt dazu, dass wir uns stattdessen durchweg gut amüsieren. Allingham leugnet nie die Märchenhaftigkeit ihres Kelch-Krimis – sie ignoriert diese einfach bzw. präsentiert noch die haarsträubendsten Ereignisse mit dem berühmt-berüchtigten britischen Ernst, hinter dem sich knochentrockener Humor verbergen kann. Solche Meisterschaft und Dreistigkeit zugleich im Spinnen absurder Garne kennt man sonst nur von John Dickson Carr (1906-1977), der gruselige Burgen und Ruinen liebte und doch immer wieder streng rational denkende Detektive ihre Geheimnisse lüften ließ. In dieser Beziehung geht Allingham noch einen Schritt weiter: Die Präsenz des Übernatürlichen fügt sie geschickt ins Geschehen ein. Das hätte Carrs Dr. Fell niemals gestattet!

Cover der Diogenes-Ausgabe (Sammlung md)

Den Anstand wenigstens vorgeben

Verfolgungsjagden, Massenprügeleien, nächtliche Hexenhatz, Entführungen, Todesfallen: Auch sonst lässt Allingham ihre Leser nie zur Ruhe kommen. Albert Campion kommt kaum zum Kombinieren. Für einen angeblich vergeistigten, weichlich wirkenden Ermittler ist er ziemlich rege, reist inkognito mit Zigeunern im Land umher, verfügt über bemerkenswerte Verbindungen zur Prominenz seines Heimatlandes in Politik und Gesellschaft. Kein Wunder, ist er doch selbst so etwas wie ein Königskind, das sich zwar von seiner Familie losgesagt hat, aber dennoch seine Adelspflichten erfüllt. Um seine ehrwürdige Verwandtschaft nicht vor der Öffentlichkeit zu düpieren, hat er sich ein bürgerliches Leben und einen neuen Namen zugelegt. Die ihm in die Wiege gelegten Kontakte kombiniert er mit seinen kriminalistischen Talenten. Das ist für den echten Blaublütler praktisch: Selbst das Königshaus bemüht Albert Campion, wenn es heikle Verbrechen zu klären und Skandale zu verhindern gilt, denn er ist offiziell zwar persona non grata, aber trotzdem „einer der Jungs“ & ein Gentleman, mit dem man sich abgeben kann.

Campion ist wie so viele Detektive der klassischen Ära ein Abkömmling von Sherlock Holmes. Allingham bemüht sich zwar ihn menschlicher wirken zu lassen, aber da ist einerseits doch eine Grenzlinie, hinter der sich der wahre Albert Campion verborgen hält. Andererseits finden wir halt doch viele Holmes-Elemente wieder, wenn wir nach ihnen Ausschau halten.

Freunde & Frauen

Einen Watson besitzt Campion auch. Den hat Allingham allerdings völlig neu gestaltet. Lugg zeichnet ganz sicher nicht die Taten seines Herrn für die Nachwelt auf. Er schreibt (oder denkt) nicht, er handelt. Als waschechter Angehöriger der Unterschicht und geläuterter Krimineller verfügt er über Mutterwitz, Schlauheit und Mut. Allingham hat ihn bemerkenswert freigeistig und ohne Spur des typischen Herr-Diener-Verhältnisses gestaltet, wie es z. B. Dorothy Sayers’ Lord Peter Wimsey und Bunter verbindet. Campion und Lugg haben viel miteinander erlebt; sie sind Freunde geworden, soweit dies das starre britische Kastensystem möglich macht.

Frauen sind im klassischen Thriller üblicherweise schmückendes Beiwerk. Auch Allingham hütete sich ihre zeitgenössischen Leser zu vergrämen. Emanzipation im eigentlichen Sinn wird man daher nicht finden. Allerdings deutet der Originaltitel unseres Abenteuers bereits an: Die Verfasserin ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass ihre Geschlechtsgenossinnen nicht nur deshalb auf dieser Welt wandeln, um von guten Männern vor bösen Kerls gerettet zu werden ,..

Autorin

Margery Louise Allingham wurde 1904 geboren. Die Schriftstellerei wurde ihr quasi in die Wiege gelegt; in ihrer Familie ersetzte sie die Hausmusik. So war es kaum verwunderlich, dass Margery beschloss, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie veröffentlichte 1923 als Romanerstling „Blackkerchief Dick“, eine Romanze. In diesem Genre verfasste sie auch eine Reihe von Kurzgeschichten für Magazine

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entdeckte Allingham den Kriminalroman. 1928 erschien „The White Cottage Mystery“ (dt. „Ein böser Nachbar“). Die Leserschaft reagiert positiv. Allingham blieb dem Genre treu. Sie erfasste rasch, dass sie ihr Publikum noch fester an sich binden konnte, wenn sie ihm eine Identifikationsfigur in Gestalt eines Serienhelden lieferte. 1929 erschien Albert Campion auf der Bildfläche. Allingham schuf ihn (übrigens in enger, lebenslanger Zusammenarbeit mit ihrem Ehegatten Philip Youngman Carter) als freundlichen, intelligenten, jungen Mann mit adligem Hintergrund. Sie stattete ihn mit einer Biografie aus, wies ihm als Geburtsdatum den 15. Mai 1900 zu und ließ ihn altern. Mit den Jahren wurde Albert Campion klüger (und ein wenig zynisch). Auch seine Fälle wurden moderner; zwar blieben sie „Whodunits“, aber sie orientierten sich sacht an der Zeitgeschichte und taten nicht so, als sei das viktorianische England nie verstrichen.

Allinghams Thriller wurden von der Kritik und den Lesern gleichermaßen wegen der sauber gedrechselten, verwickelten Plots, der einprägsamen Figurenzeichnung und des Stils geschätzt. Zusammen mit Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers gehörte sie zur Prominenz der britischen Kriminalschriftstellerinnen. (In Deutschland genoss sie seltsamerweise nie den Ruhm, der ihr zukommt; erst relativ spät nahm sich in den 1980er Jahren der Diogenes-Verlag des Allinghamschen Œvres an, aber dann immerhin gut übersetzt und ungekürzt.)

In den 1960er Jahren erkrankte Margery Allingham an Krebs. Sie erlag ihrer Krankheit am 30. Juni 1966. Dies war allerdings nicht das Ende von Albert Campion. Youngman Carter setzte die Reihe fort, er starb allerdings selbst bereits dreieinhalb Jahre später. Trotzdem blieb Albert Campion präsent; Allinghams Bücher werden ständig neu aufgelegt. Ende der 1980er Jahre gelang Campion der Sprung ins Fernsehen. In acht spielfilmlangen Episoden verkörperte ihn Peter Davison mit großem Erfolg.

Es gibt eine „Margery Allingham Society“ – natürlich mit eigener Website, die stets sehr aktuell gehalten wird.

[md]

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König Salomons Schatzkammer

Erstellt von Michael Drewniok am 25. November 2011

Henry Rider Haggard
König Salomons Schatzkammer

(sfbentry)
Originaltitel: King Solomon’s Mine (London : Cassell, Petter, Galpin & Company 1885)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Umbopa. König von Kukuanaland. Die Entdeckung der Schätze des Königs Salomos im dunklen Erdteil“): 1888 (Theo. Stroefer’s Kunstverlag)
Übersetzung: M. Strauß
173 S.
Neuausgabe (geb.): 1971 (Diogenes Verlag)
Übersetzung: Volker H. Schmied
344 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1982 (Diogenes Verlag/Detebe Nr. 20920)
Übersetzung: Volker H. Schmied
344 S.
ISBN-13: 978-3-257-20920-4
Neuausgabe (unter dem Titel „König Salomons Diamanten“): 1985 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Fantasy Nr. 06/4138 = Gesammelte Werke von H. R. Haggard 5)
Übersetzung: Volker H. Schmied
317 S.
ISBN-13: 978-3-453-31127-5

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Das geschieht:

Vor fünf Jahren hat sich Sir Henry Curtis mit seinem jüngeren Bruder George zerstritten. Dieser nahm den Namen „Neville“ an und verließ England, um im fernen Südafrika sein Glück zu suchen. Seither ward er nicht mehr gesehen. Sir Henry, der sein Handeln längst bereut, fahndet nun – im Jahre 1879 – nach dem Bruder. Begleitet wird er von Captain John Good, einem ehemaligen Marineoffizier.

In Afrika will man einen mit Land und Leuten bekannten Führer engagieren. Der Zufall bringt Sir Henry und Good mit Allan Quatermain zusammen, einem Jäger und Händler, der zudem schon in Transvaal die Bekanntschaft von George Neville gemacht hat und dessen Plan kennt: Der Glücksritter zog in den Norden, um sich auf die Suche nach den Minen des biblischen Königs Salomon zu machen!

Quatermain besitzt eine grobe Karte dieses völlig unerforschten Gebietes. Gegen eine großzügige Entlohnung erklärt er sich bereit, Sir Henry und Good zu führen. Ihnen schließt sich der Zulu-Krieger Umbopa an. Nach vielen gefährlichen Abenteuern in Wildnis und Wüste erreichen sie „Shebas Brüste“, einen Doppelgipfel im Sulimangebirge. Auf einem Hochplateau finden die erschöpften Reisenden eine seit Jahrhunderten von der übrigen Welt abgeschnittene Oase auf: Dies ist der Platz, dem Salomon seinen sagenhaften Reichtum verdankte!

Doch die Minen sind nicht unbewacht. Das Volk der Kukuanas hütet sie. Der grausame König Twala und sein sadistischer Sohn Scragga führen ein Schreckensregime. Es wird gestützt durch die gefürchtete Hexe Gagool, von der es heißt, sie sei unsterblich. Quatermain und seine Gefährten können und wollen das Unrecht nicht dulden. Sie fordern Gerechtigkeit – und stellen entsetzt fest, dass sie einen Bürgerkrieg entfachen, der das ganze Kukuana-Land ins Verderben zu reißen droht …

Cover der Neuausgabe von 1971

Abenteuer in einer Welt der weißen Flecken

Wenn es eine Liste klassischer Abenteuerromane aufzustellen gilt, die sich um die Reise in ein von der Geschichte vergessenes, fernes Land ranken, wird „König Salomons Schatzkammer“ (neben „Die verlorene Welt“ von Arthur Conan Doyle und „Caprona – Das vergessene Land“ von Edgar Rice Burroughs) immer ganz oben zu finden sein. Die Handlungselemente sind gut erprobt und funktionieren eigentlich immer: Eine Gruppe wagemutiger Männer (Damen müssen zu Hause bleiben; wir schreiben das 19. Jahrhundert) unternimmt eine Expedition in ein fernes Land. Das ist an sich aufregend genug, aber die Gefahr wird gesteigert, weil man am Ziel auf eine „verlorene Welt“ stößt, die von einer „lost race“ – Steinzeitmenschen, Wikinger, schwarze Krieger – bewohnt wird.

Haggard verzichtet auf Dinosaurier und siedelt seine Geschichte in der Kulisse gewaltiger Relikte einer großartigen, aber vergessenen Vergangenheit an. König Salomon ist eine bekannte Gestalt des Alten Testaments, die der fromme viktorianische Leser gut einzuordnen wusste. Er vermag aus dieser Vorgabe eine spannende Geschichte zu destillieren. Sie hat ihren Reiz nicht verloren, wenn es dem Leser gelingt, sich auf ihren besonderen Stil einzulassen. „König Salomons Schatzkammer“ wird nicht direkt, sondern auf gewundenen Wegen erreicht. Im 19. Jahrhundert hatte man Zeit – und kein Fernsehen. Also waren umfangreiche Landschaftsbeschreibungen für einen Schriftsteller wichtig. Nur wenige Zeitgenossen hatten Südafrika selbst bereist.

Folgerichtig unterbricht Haggard die Handlung immer wieder, um auf Sehenswürdigkeiten links und rechts der Strecke hinzuweisen. Sogar Fußnoten kommen zum Einsatz, aber fremdartiger muten heute Einschübe an, die mit der eigentlichen Geschichte gar nichts zu tun zu haben scheinen. Ein ganzes Kapitel beschreibt zum Beispiel eine Elefantenjagd. Bei näherer Sicht dient es jedoch dem Zweck, uns mit gewissen Charakterzügen unserer Helden vertraut zu machen, die später von Bedeutung sein werden.

Afrika als Ort der Bewährung

„König Salomons Schatzkammer“ ist nach Haggards eigener Auskunft auch oder vor allem ein Roman „für die Jugend“. Die war früher offenkundig aus anderem Holz geschnitzt als heute. Der Mittelteil der Geschichte ist ein einziges Gemetzel, dem Tausende zum Opfer fallen. Auch vorher gibt es mehr als eine Gelegenheit unter Beweis zu stellen, wie ein englischer Gentleman vorbildhaft unter Wilden lebt und stirbt, wenn es sein muss.

Afrika ist für Haggard eine gedeckte Tafel, von der sich der Engländer nimmt was er sich wünscht, während die Einheimischen es ihm zu reichen haben. Es gibt kein schlechtes Gewissen, keine Gleichberechtigung, kein Umweltbewusstsein. Wenn Quatermain und seinen Gefährten nach Ablenkung zu Mute ist, greifen sie zu ihren Gewehren und schießen Großwild rudelweise ab. „Arme“ oder „prächtige“ Geschöpfe nennt Haggard die Opfer. Umgebracht werden sie trotzdem. Niemand denkt sich etwas dabei. In dieser Beziehung ist „König Salomons Schatzkammer“ eine historische Quelle, die das zeitgenössische Denken dokumentiert.

Versöhnt wird der politisch korrekter denkende Leser der Jetztzeit durch das Finale. Wenn im Kukuana-Land endlich Zucht und Ordnung wiederhergestellt sind, geht es an die Bergung des Schatzes. Hier stellt sich die gruselige Spannung ein, die wir mit dieser Situation verbinden, denn selbstverständlich gibt es böse Fallen und Labyrinthe, ganz zu schweigen von der grässlichen Gagool, der Haggard in Sachen Bosheit ordentlich Zucker gibt.

Cover der Neuausgabe von 1985

Männer der Tat aber mit kleinen Schwächen

Allan Quatermain zeigt sich bei seinem ersten literarischen Auftreten als interessanter und durchaus vielschichtiger Charakter. Er gilt als großer Jäger und ist berühmt, aber er selbst bildet sich nichts darauf ein. Dies ist nicht nur britisches Unterstatement, sondern die klare Erkenntnis, dass Quatermain es in seinem Leben in der Tat nicht zu viel gebracht hat. Das Geld ist knapp, allmählich lassen die Kräfte nach. Nur deshalb lässt sich Quatermain überhaupt auf ein Abenteuer ein, das er kaum überleben wird; davon ist er überzeugt. Er selbst hält sich ohnehin für eher vorsichtig, sogar feige. Auch körperlich macht er wenig her. Im offenen Zweikampf bietet er eine klägliche Figur. In Salomons Mine ist er der Einzige, der daran denkt, sich die Taschen mit Diamanten zu füllen. Kurz gesagt: Quatermain ist ein echter Held, weil er sich seiner Schwächen bewusst ist und mit ihnen leben kann.

Sir Henry Curtis und Captain Good entsprechen eher den Klischees des Abenteuerromans: der Adlige und der Soldat, zwei britische Pracht- und Kraftmenschen, die noch in der gefährlichsten Situation eine steife Oberlippe behalten und sich nicht scheuen, mit weißen Kragen in die Wildnis zu reisen, um sich dort jederzeit als Gentlemen zu präsentieren. Ihre Mission ist selbstverständlich eine edle; ein verlorener Bruder muss gefunden werden. Weder Kosten und Mühen werden gescheut, Geld spielt keine Rolle, Sir Henry besitzt es im Überfluss und trägt doch das Herz am rechten Fleck.

Schwarzer Kontinent mit ebensolchen Bewohnern

Umbopa ist eine bemerkenswert ‚emanzipierte‘ Figur. Wir merken es schnell, wenn wir ihn mit den übrigen Bewohnern Afrikas vergleichen, die Quatermain & Co. auf ihrer Reise treffen. Egal ob „Zulus“, „Hottentotten“ oder „Kaffern“ – sie sind alle Menschen zweiter Klasse. Haggard spricht dies nicht aus, das muss er gar nicht, denn es wird stets sehr deutlich. Ihm das zum Vorwurf zu machen wäre nutzlos; er hätte es nicht verstanden, hat er doch Allan Quatermain ausdrücklich anmerken lassen, er werde in dem Bericht seiner Abenteuer das Wort „Nigger“ nicht verwenden, da er schwarze Afrikaner kennen gelernt habe, die er als Gentlemen betrachte – und andererseits niederträchtige Weiße!

Im Vergleich zu vielen zeitgenössischen Autoren hält sich Haggard zurück. Dennoch kann er nicht verbergen, dass er das Kind einer imperialistischen Epoche ist, die sich als natürliche Herren der Welt betrachteten. Dies muss man sich während der Lektüre vor Augen halten. „Kann die Sonne sich mit dem Mond vermählen oder das Weiße mit dem Schwarzen?“ Natürlich nicht, so Haggard, und klar ist auch, wer das Sagen hat.

Allerdings gibt es da einen merkwürdigen Bruch. Der neue König der Kukuanas macht sehr deutlich, dass er in seinem Land keine land- und goldgierigen Weißen zu sehen wünscht. Kommen sie trotzdem, droht er mit offenem Widerstand. Quatermain lässt dies unkommentiert stehen, obwohl er zuvor mehr als einmal ‚frechen Negern‘ über den Mund gefahren ist. Genannter König ist kein Dummkopf, er hat den kolonialen Alltag kennen gelernt, und Quatermain ist ehrlich genug, seinem Urteil zuzustimmen.

Autor

Henry Rider Haggard wurde 1856 in West Bradenham Hall (Norfolk) als achter Sohn eines Juristen geboren. Die Familie hielt Henry für geistig träge, in seine Erziehung wurde nicht viel investiert. Glücklicherweise gab es das britische Kolonialreich. In der Ferne konnte jeder junge Mann sein Glück suchen. Haggard ging 1875 nach Natal (Südafrika), wo er als Sekretär für Sir Henry Bulwer, Gouverneur dieser Kolonie, arbeitete. Zwei Jahre später wechselte er in die Kolonialverwaltung nach Transvaal. In dieser Zeit reiste er viel und lernte Land und Leute kennen.

Haggard erwarb eine Farm in Transvaal, die er mit seiner 1880 in England geheirateten Gattin Mariana bewirtschaftete. Der Burenkrieg vertrieb das Paar aus Afrika. Nur halbherzig schlug Haggard in England eine juristische Laufbahn ein; lieber wollte er Schriftsteller werden. Seine ersten beiden Werke („Dawn“ und „The Witch’s Tale“, beide 1884) konnten freilich kein Aufsehen erregen.

1883 erschien „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Haggard hielt nicht viel von diesem Buch, war aber von seinem Erfolg beeindruckt. Mit seinem Bruder wettete er, eine bessere Geschichte zu Stande zu bringen. Binnen sechs Wochen entstand „King Solomon’s Mines“. Haggard war sein erster Bestseller gelungen. Mit „She – A History of Adventure“ (1886, dt. „Sie“) und „Allan Quatermain“ (1887), die den Helden aus „King Solomon’s Mines“ zurückkehren ließen, konnte er seinen Triumph wiederholen.

Der Autor Haggard war ein Vollprofi, der gern auf bewährte Schauplätze und Personen zurückgriff. Zwar ließ er in „Allan Quatermain“ seinen Helden unklugerweise sterben, holte ihn aber später immer wieder für weitere Abenteuer zurück. Haggard brachte mindestens ein neues Abenteuergarn pro Jahr auf den Buchmarkt und bediente alle Genres.

Trotz seines bemerkenswerten Arbeitspensums etablierte sich Haggard als Experte für landwirtschaftliche und soziale Aufgaben in England sowie als Fachmann für koloniale Fragen. Für seine Dienste wurde er 1912 geadelt und 1919 zum „Knight Commander of the British Empire“ erhoben. Am 14. Mai 1925 ist Sir Henry Rider Haggard gestorben.

Über die deutschen Ausgaben seiner Werke informiert sehr ausführlich diese Website.

[md]

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Die Kinder des Kapitäns Grant

Erstellt von Michael Drewniok am 21. November 2011

Jules Verne
Die Kinder des Kapitäns Grant

(sfbentry)
Originaltitel: Les enfants du captaine Grant (Paris : Pierre-Jules Hetzel 1867/68)
Deutsche Erstveröffentlichung: 1876 (A. Hartleben’s Verlag/Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen 11, 12, 13)
[keine ISBN]
Diese Ausgabe (geb.): 1970 (Diogenes Verlag/Jules Verne – Sammlung klassische Abenteuer)
Übersetzung: Walter Gerull
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977* (Diogenes Verlag/Detebe 20404 u. 20405)
Übersetzung: Walter Gerull
533 u. 486 Seiten
DM 16,80 u. 16,80
ISBN-10: 3-257-20404-3 u. 3-257-20405-1
Neuausgabe (Reprint der dt. Erstausgabe von 1876): April 2011 (Salzwasser Verlag)
652 S.
ISBN-13: 978-3-861-95786-7

* zahlreiche Neuauflagen

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1864 erfährt die Welt endlich vom Schicksal des Kapitäns Robert Grant. Zwei Jahre zuvor war der berühmte Seemann und Patriot mit seinem Schiff, dem Dreimaster „Britannia“, aufgebrochen, um irgendwo in den Weiten des Pazifiks eine schottische Kolonie zu gründen. Seither ist er verschollen. Aus dem Bauch eines Hammerhais taucht nun eine Flaschenpost auf, die Auskunft gibt: Die „Britannia“ ist zwar mit Maus aber nicht mit Mann versunken, und Grant gehört zu den Überlebenden! Leider hat die Nachricht die lange Meeresreise nicht gut überstanden; genau dort, wo sich Kapitän Grant über den Ort seines Aufenthaltes auslässt, hat Hai-Magensäure ein großes Loch ins Papier gefressen: Auf 3711’ südlicher Breite lassen sich die Schiffbrüchigen finden, aber der Längengrad, der zur präzisen Lokalisation zwingend notwendig ist, bleibt unbekannt.

Entdeckt wurde Grants Notruf von der Besatzung der Jacht „Duncan“. Lord Edward Glenavan ist ein begeisterter Seefahrer. Außerdem ist er ein schottischer Edelmann vom alten Schlag und stets bestrebt, den Schwachen und Unterdrückten zu helfen – besonders, wenn sich die in Schottland wenig geliebten ‚Besatzer‘ in London dadurch beschämen lassen. Die britische Admiralität will dem lästigen Lokalpatrioten keineswegs eine Suchexpedition hinterherschicken. Lady Helena, Glenavans frisch angetraute Ehefrau, hat den rettenden Gedanken: Wieso nicht mit der „Duncan“ auf Weltreise gehen und den Verschollenen suchen? Dieser hochherzige Plan ist so recht nach dem Herzen ihres wackeren Gatten! Angespornt werden die Retter durch die Ankunft der Kinder des Kapitäns Grant. Mary und Robert haben aus der Zeitung vom Schicksal ihres Vaters erfahren und wollen Genaues erfahren. Als die „Duncan“ gen Südamerika aufbricht, sind sie mit an Bord.

Die patagonische Küste ist das Ziel der Reise. Glenavan und seine Gefährten – sein stoisch-tapferer Vetter Major MacNabbs und John Mangles, Kapitän der ‚Duncan‘ – meinen hier den Ort festmachen zu können, an dem die „Britannia“ scheiterte. Bestärkt werden sie von ihrem neuem Begleiter Jacques Paganel, Sekretär der Geographischen Gesellschaft von Paris und als Gelehrter so berühmt wie als zerstreuter Professor belächelt.

Die Suche nach Kapitän Grant ist schwieriger als erwartet. Obwohl die Reisenden den gesamten südamerikanischen Kontinent auf dem 37. Breitengrad durchqueren und dabei viele gefährliche Abenteuer erleben, finden sie keine Spur von dem Vermissten. Als sich die Gefährten noch einmal mit Grants Nachricht beschäftigen, merken sie, dass diese sich auch ganz anders interpretieren lässt: Die „Britannia“ könnte durchaus auch an der südaustralischen Küste zerschellt sein. Also lässt Lord Glenarvan die „Duncan“ Kurs auf Australien nehmen, doch am Ziel angekommen, müssen die Retter erkennen, dass ihre Irrfahrt um die ganze Welt noch lange nicht zu Ende ist …

Ein Meister auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft

„Die Kinder des Kapitäns Grant“ (in der Verne-Gesamtausgabe später Band 5 der „Voyages extraordinaires“) bildeten 1867/68 den Auftakt einer Trilogie, die mit dem ewigen Verne-Klassiker „20.000 Meilen unter dem Meer“ 1869/70 fortgesetzt und mit dem nicht minder bekannten Monumentalwerk „Die geheimnisvolle Insel“ 1874/75 abgeschlossen wurde.

Nicht von ungefähr repräsentieren diese Werke drei der wichtigsten „Voyages extraordinaires“, denen Jules Verne (1828-1905) jene Verehrung verdankt, die er als Autor bis heute genießt. Sie zeigen den Verne der frühen Jahre, der auf unnachahmliche Weise eine hochspannende, akribisch recherchierte Abenteuergeschichte mit der Hymne auf den menschlichen Forschergeist, der praktisch jedes Hindernis aus dem Weg räumt, zu verbinden wusste.

In diesem Sinne ist Verne ein herausragender Vertreter des Zeitalters der Entdeckungen, die das 19. Jahrhundert als Epoche stürmischen naturwissenschaftlichen Forschens definiert. Über die ganze Welt schwärmten Gelehrte aus und revolutionierten binnen weniger Jahrzehnte das in vielen Aspekten noch mittelalterliche Bild, das sich die Menschen von ihrem Planeten machten. Die Lösung der letzten Rätsel schien zum Greifen nahe – und mit dem Wissen um die Geheimnisse der Natur die Überwindung der menschlichen Unzulänglichkeit. Die Welt zu kennen hieß sie zu ordnen, und mit der Ordnung mussten Frieden, Freiheit und Glück kommen; jedenfalls für jene, die fähig und willens waren, zu lernen und das Gelernte einzusetzen.

Wissenschaftler als Garanten des Fortschritts

Wissenschaftler wurden zu Volkshelden und Garanten für das zukünftige Heil der Menschheit. Zu ihren hervorragenden Vertretern gehörte der deutsch-französische Universalgelehrte und Humanist Alexander von Humboldt (1769-1859). Seine Losung „Mit Wissen kommt das Denken und mit dem Denken der Ernst und die Kraft in die Menge“ könnte praktisch über jeder der „außergewöhnlichen Reisen“ Jules Vernes stehen; nicht ohne Grund lässt der Autor Humboldts (leicht, aber liebevoll karikiertes) Alter Ego Paganel in „Die Kinder des Kapitäns Grant“ dessen Verdienste rühmen.

So stellt sich Vernes Welt geordnet dar. Noch die tiefste Wildnis ist eine Parklandschaft, die gemächlich durchreist und dabei bewundert werden kann. Selbst Naturkatastrophen gleichen eher dramatischen als gefährlichen Höhepunkten; sie konfrontieren die Reisenden mit weiteren Wundern und lassen sich mit Entschlossenheit und in Vorkenntnis des Erlebten mit Leichtigkeit meistern.

Der Mann mit dem Karteikasten

Verne sah sich in der Pflicht, sein Scherflein Wissen beizutragen. Zwar hat ausgerechnet der Autor der „Voyages extraordinaires“ (ähnlich wie Karl May) die meisten Stätten seiner zahlreichen Reiseromane niemals bereist, doch er hat sich und seinen Lesern die Welt praktisch von seinem Schreibtisch erschlossen. Vernes enorme Kartei verzettelte das naturwissenschaftliche Wissen seiner Epoche, sauber geordnet nach Themen und sorgfältig auf dem neuesten Stand gehalten. Wenn die Suchexpedition der „Duncan“ die Südhalbkugel der Erde bereist, dann bewegt sie sich in einer Welt, die ‚stimmt‘ – jedenfalls nach dem Kenntnisstand der europäisch-amerikanischen Forscherelite.

Dies zu gewährleisten war Verne stets ein Herzensanliegen und eine Ehrensache. Wer seine Romane las, sollte sich unterhalten und bilden oder unterhaltsam bilden; er zog da keinen strengen Trennstrich. So nehmen Beschreibungen über Land und Leute, Tier- und Pflanzenwelt, reichlich ergänzt durch erklärende Fußnoten, in „Die Kinder …“ mindestens die Hälfte der bedruckten Seiten ein (1). Sie wurden später gern zugunsten der ‚actionbetonten‘ Passagen gekürzt: ein eindrucksvoller Beleg für sich wandelnde Lesegewohnheiten, besonders aber für das Ende eines Zeitalters, in dem der Erwerb, die Vermittlung und die Rezeption von Wissen quasi einen Breitensport bedeutete, dessen Anhänger in sämtlichen Gesellschaftsschichten zu finden waren.

Macht bedeutet Verantwortung

Fortschrittlich für einen Mann des 19. Jahrhunderts zeigt sich Verne auch in der Frage des Umgangs mit den Ureinwohnern dieser Welt. Während diese im Zeitalter des Imperialismus entweder als dumpfe Wilde und Heiden betrachtet wurden, die es zu missionieren, als Arbeitssklaven auszubeuten oder als lästige Bewohner jener Landstriche, die man in Beschlag zu nehmen gedachte, auszurotten galt, ist sein Urteil differenzierter. Natürlich steht auch für Verne der weiße Mann turmhoch über dem ‚Eingeborenen‘, der zu leiten und zu zivilisieren ist. Andererseits macht er unmissverständlich klar, dass besagte Ureinwohner als menschliche Wesen mit eigener Kultur und eigenen Rechten zu achten sind. Ausführlich und ebenfalls sehr deutlich für einen Mann, der doch angeblich ‚nur‘ Unterhaltungsromane schrieb, verdeutlicht Verne am Beispiel der neuseeländischen Maoris, dass primär Unverständnis und Rücksichtslosigkeit seitens der weißen Siedler jenes Klima der Gewalt erzeugten, das von diesen beklagt und den ‚Wilden‘ angelastet wurde (2).

Sogar über die Zerstörung der Umwelt macht sich Verne seine Gedanken, und das verblüfft wirklich, war er doch Kind einer Zeit, in der die Menschen buchstäblich Berge versetzten – oder gnadenlos ganze Urwälder niederholzten, Kontinente ihrer Schätze beraubten und zum Zeitvertreib auf alles schossen, was da kreuchte und fleuchte. Verne ist diese brachiale Eroberung der Erde – selbst wenn er sie gern dem kolonialen Konkurrenten Großbritannien anlastet – durchaus unheimlich; seine Hellsichtigkeit in diesem Punkt bescherte ihm im Alter viel Kummer und Verdruss, denn unter dem Eindruck einer gar nicht so strahlenden, die Versprechungen der Jugend Lügen strafenden Realität verkehrte sich sein Kultur-Optimismus ins Gegenteil.

Wer viel weiß, wird gern ausführlich

Die eigentliche Handlung leidet selten bis gar nicht unter den fortwährenden geografischen, bio-/geo-/ethnologischen etc. Lektionen: Jules Verne war als Schriftsteller ein Vollprofi, der die Mechanismen des Geschichtenerzählens sehr genau kannte. Gealtert sind „Die Kinder …“ höchstens in Passagen, die aus heutiger Sicht entweder zu patriotisch oder zu pathetisch (oder beides) geraten sind. Es werden Hände gerungen und Treueschwüre geleistet, Busen wogen heftig bei Weiblein und Männlein, laut wird in der Wildnis Hurra gerufen, wenn etwas gelingt oder gefällt, manche bittere Zähre vergossen, wenn dies nicht der Fall ist, und so manches Mal werfen sich unsere Reisenden zwischen den Zeilen gar zu sehr in Pose.

Auch die weibliche Leserschaft dürfte im 21. Jahrhundert mit Vernes Frauenbild ihre Schwierigkeiten haben. Dabei gestattet er seinen beiden Heldinnen wenigstens hier und da durchaus mehr als die rein passive Rolle, die ihnen die Mehrzahl der zeitgenössischen Autoren zugebilligt hätte. Doch „Die Kinder …“ entstanden nun einmal in einer vergangenen Epoche, und das muss und sollte man bei der Lektüre berücksichtigen. Auf jeden Fall vermeidet Verne den gar zu tiefen Griff in den Schmalztopf, der die meisten Karl-May-Romane heute schier unleserlich werden lässt. Deshalb lesen sich mehr als 1.000 Seiten heute noch so unterhaltsam wie vor mehr als einem Jahrhundert (3).

Die Kinder des Kapitäns Grant im Film

1962 ließ Walt Disney-das Verne-Abenteuer unter dem Titel „In Search of the Castaways“ verfilmen. Hausregisseur Robert Stevenson inszenierte einen aufwändig-bunten Streifen im Stil seines Studios, d. h. besetzt mit zweitklassigen oder gerade in einem Karrieretief befindlichen Schauspielern (u. a. spielte Maurice Chevalier, der Hans Moser Hollywoods, den Paganel), geschlagen mit einem plump harmoniesüchtigen, sentimental-kitschigen Drehbuch aber technisch und ausstattungsmäßig auf der Höhe der Zeit und heute durch einen kräftigen Nostalgie-Bonus geadelt.

Die Qual der Wahl …

In mehr als einem Jahrhundert wurden „Die Kinder …“ auch in Deutschland immer wieder aufgelegt und neu veröffentlicht. Leider erfuhr Jules Verne dabei allzu oft das Schicksal, primär als Kinder- und Jugendbuchautor verkauft zu werden. Da der Nachwuchs bekanntlich lesefaul und vor allem blöd ist (jedenfalls nach Ansicht derer, die ihn mit Büchern versorgen), wurden Vernes Bücher ‚bearbeitet‘, d. h. gekürzt und auf ihr Handlungsgerüst reduziert. Dass damit Vernes Intentionen mit Füßen getreten wurde, war dabei selbstverständlich kein Hinderungsgrund.

Heute sollte man am besten auf den Taschenbuch-Doppelband des Diogenes-Verlages zurückgreifen. Dies ist nicht die erste oder einzige vollständige Ausgabe, aber wohl diejenige, die sich antiquarisch am einfachsten (und kostengünstig) finden und erwerben lässt.

Anmerkungen

(1) Hier fließen Vernes ab 1864 belegten Vorarbeiten zu seinem Sachbuch-Klassiker „Découverte de la Terre. Histoire générale des grands voyages et des grands voyageurs“ (1878/80, dt. „Die großen Seefahrer und Entdecker. Eine Geschichte der Entdeckung der Erde im 18. u. 19. Jh.“) deutlich und vielleicht ein wenig zu penetrant ein.

(2) Natürlich steht Verne damit auch in der Tradition des „edlen Wilden“, der die gebildeten Europäer (aus sicherer Entfernung) ihre Sehnsucht nach einem reinen, unverfälschten und vor allem überschaubar-einfachen Leben in die „Naturvölker“ projizieren ließ. James Fenimore Cooper („Lederstrumpf“), Friedrich Gerstäcker oder der unvermeidliche Karl May sind hier zu nennen, doch Jules Verne wird sich vermutlich eher an den französischen Bestsellern wie Gustave Aimards „Balle-franche“ (1860, dt. „Freikugel“) orientiert haben.

(3) Wer in Wort und Bild mit auf diese und andere Verne-Reisen gehen möchte, kann und sollte dies hier im Internet unter tun.

[md]

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Mehr Gespenster

Erstellt von Michael Drewniok am 12. November 2011

Mary Hottinger (Hg.)
Mehr Gespenster
Die besten Gespenstergeschichten aus England, Schottland und Irland

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Günter Eichel (2), Gustav Meyrinck (1), Lena Neumann (1), Susanna Rademacher (5), Anne Uhde (7)
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1978 (Diogenes Verlag)
361 S.
ISBN-10 3-257-00974-7
Als Taschenbuch: 1983 (Diogenes Verlag/Detebe 21027)
361 S.
ISBN-13: 978-3-257-21027-9

Titel bei Booklooker.de (Auf der Website bitte den Autorennamen „Hottinger“ eintragen)
Titel bei Amazon.de

Inhalt:

16 Kurzgeschichten aus drei angelsächsischen Hochburgen der Phantastik zeichnen die Entwicklung der Gruselgeschichte anhand klassischer und weniger bekannter Beispiele nach:

- George Mackay Brown (1921-1996): Die Vernehmung (The Interrogator, 19?), S. 7-37: Für den Tod einer jungen Frau sind viele Menschen verantwortlich, deren Lügen und Ausflüchte ein Ermittler erst entwirren kann, als er die Verstorbene selbst verhört.

- Herbert George Wells (1866-1946): Das unerfahrene Gespenst (The Story of the Inexperienced Ghost, 1902), S. 38-59: Unkenntnis schützt vor Strafe nicht, wie ein wackerer Englishman drastisch erfahren muss, den ein tumbes Gespenst mehr lehrt, als er verkraften kann.

- Rudyard Kipling (1865-1936): Die gespenstische Rikscha (The Phantom Rickshaw, 1888), S. 60-98: Eine Frau stirbt an gebrochenem Herzen sterben, doch das hält sie nicht davon ab, ihrem treulosen Geliebten weiterhin hinterher zu laufen.

- William Fryer Harvey (1885-1937): Das Werkzeug (The Tool, 1928), S. 99-121: Ein urlaubender Pfarrer leidet unter seltsamen Gedächtnislücken, während er gleichzeitig einen Mord entdeckt.

- (Joseph) Sheridan Le Fanu (1814-1873): Der böse Captain Walshawe (Wicked Captain Walshawe of Wauling, 1864), S. 122-140: Er war zeit seines Lotterlebens ein Wüstling; im Tod musste er endlich für seine Übeltaten zahlen, aber noch jetzt piesackt er die Lebenden.

- Ambrose Bierce (1842-1914?): Der Fremde (The Stranger, 1909), S. 141-148: Auch im Wilden Westen kann es spuken, zumal ein Leben dort oft drastisch endet.

- Saki (d. i. Hector Hugh Munro, 1870-1916): Die offene Tür (The Open Window, 1911), S. 149-155: Im Sumpf seien der Onkel und seine Brüder versunken, erzählt das kleine Mädchen, aber die verwirrte Tante rechne fest damit, dass sie eines Abends wieder auftauchen und heimkehren.

- Andrew Lang (1844-1912): Glams Geist (The Ghost of Glam, ?), S. 156-172: Auf einem isländischen Gehöft geht in mittelalterlichen Tagen ein mörderisches Gespenst um, das nur ein wahrer Held bezwingen kann.

- Forbes Bramble (geb. 1939): Ferien (Holiday, 1976), S. 173-196: An diesem idyllischen See solltest du dein Zelt nicht aufschlagen, denn er beherbergt Bewohner, die ungeduldig auf die Dunkelheit warten.

- James Allan Ford (1920-2009): Eine Art Besitz (A Kind of Possession, 1976), S. 197-217: Alle Welt bedauert den im Krieg verrückt gewordenen Helden; nur ein kleiner Junge weiß, dass es nicht nur böse Erinnerungen sind, die ihn jagen.

- Angus Wolfe Murray (?): Der Fluch (The Curse of Mathair Nan Uisgeachan, 1976), S. 218-251: Eine grausame Bluttat brachte ihn vor Jahrhunderten über die Familie, und er ist heute noch so gültig wie einst.

- Iain Crichton Smith (1928-1998): Die Brüder (The Brothers, 1976), S. 252-268: Er glaubt seine schottischen Wurzeln abgeschnitten zu haben, aber die zornigen Geister seiner Heimat dulden diesen Verrat nicht.

- Fred Urquhart (1930-1994): Stolze Dame im Käfig (Proud Lady in a Cage, 1976), S. 269-292: Der Fluch einer Hexe erfüllt sich in der Gegenwart und quält eine junge Frau, indem er ihren Geist in eine grässliche Vergangenheit verbannt.

- John McGahern (1934-2006): Hauch des Weins (The Wine Breath, 1977), S. 293-308: Ein alternder Priester wird von seltsamen Visionen verfolgt, die ihn auf sein baldiges Ende vorbereiten sollen.

- Brian Moore (1921-1999): Das zweite Gesicht (The Sight, 1977), S. 309-337: Ein stolzer Menschenfeind lernt Demut und Angst, als eine hellsichtige Frau ihm den Zeitpunkt seines Todes nennen könnte.

- Terence de Vere White (1912-1994): Einer aus der Familie (One of the Family, 1977), S. 338-358: Wer ist Mr. Richard, der sich selbst als Geist verfolgt, und was ist der Grund für diese Heimsuchung?

Nachweis, S. 359-361

Inkohärente Sammlung spannender Spukereien

Zum zweiten Mal (nach „Gespenster“) sammelt Mary Hottinger (1893 1978) klassische Gruselgeschichten. Dieses Mal erweitert sie den Kreis und bezieht außer englischen auch schottische und irische Autoren ein; darüber hinaus gibt es je eine Story aus Island und – seltsamerweise – aus den USA. Die Kollektion zerfällt dieses Mal in zwei deutlich erkennbare Teile. Die Seiten 1-155 spiegeln die englische Gespenstergeschichte chronologisch wider. Berühmte Autoren sind mit genreprägenden Storys aus der zweiten Hälfte des 19. und dem frühen 20. Jh. vertreten.

Anschließend gibt es einen Sprung: Die schottischen und irischen Geschichten (ab S. 173) stammen sämtlich aus den Jahren 1976 und 1977. Damit können sie nicht als repräsentativ gelten; kein Wunder, sind sie doch alle zwei Story-Sammlungen der genannten Jahre entnommen. Hier hat es sich Hottinger sehr einfach gemacht – oder einfach machen müssen? „Bloody Mary“, die vom Diogenes-Verlag gekrönte Fachfrau für die Auswahl hochrangiger Krimi- und Gruselgeschichten, war 85 Jahre alt, als „Mehr Gespenster“ erschien. Noch 1978 ist sie gestorben, was die Frage aufwirft, wie groß ihr Anteil an diesem Band eigentlich ist. Hat sie wirklich als Herausgeberin gearbeitet, arbeiten können? Oder bediente man sich einfach ihres werbeträchtigen Namens und stellte zusammen, was gerade greifbar war?

Auch Geister ändern sich

Glücklicherweise griffen Hottinger oder der Verlag auf zwei Sammlungen zurück, die inzwischen selbst als Klassiker gelten. „Mehr Gespenster“ ist deshalb zwar kein Standardwerk wie „Gespenster“ von 1956, aber der Leser muss in Sachen Unterhaltungswert kaum Abstriche machen.

Die Klassiker Kipling, Wells, Harvey, Bierce, Le Fanu und Saki sind mit Beiträgen vertreten, die nicht grundlos immer wieder in einschlägige Anthologien aufgenommen wurden und werden, belegen sie doch mit bestechender Eleganz, was Gruseln bedeutet, wenn ein Schriftsteller sein Handwerk beherrscht. Das literarische Niveau ist hoch, die Wege zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung sind unterschiedlich doch generell wirkungsvoll.

Die hier auftretenden Gespenster sind manchmal grausam aber nie brutal, ihr Auftreten ist effektvoll. Die genannten Meister machen außerdem deutlich, dass der Schrecken mit wohl dosiertem Humor nicht nur harmoniert, sondern diesen sogar verstärkt. H. G. Wells und Saki balancieren mit traumhafter Sicherheit auf diesem schmalen Grat, doch auch Sheridan Le Fanu beweist (auch dank sorgfältiger Übersetzung, die übrigens den gesamten Band kennzeichnet), dass eine anderthalb Jahrhunderte alte Story witzig sein kann.

Keine ‚richtige‘ Gespenstergeschichte ist „Glams Geist“, die der „Saga of Grettir the Strong“ (= „Grettir’s Saga“) entnommen wurde, welche wahrscheinlich im frühen 14. Jahrhundert auf Island entstand und die Abenteuer des (fiktiven?) Kriegers Grettir Ásmundarson beschreibt. Diese Saga wurde mehrfach übersetzt, da sie immer wieder viele Leser fand: Grettir ist ein Anti-Held – er sinkt zum Geächteten ab, wird von Glams Geist verflucht, verfällt einem depressiven Wahnsinn und endet tragisch. „Grettir’s Saga“ interessiert darüber hinaus den Historiker, da der unbekannte Autor detailliert das Leben auf Island zwischen dem 9. und 11. Jh. beschreibt und somit als zeitgeschichtliche Quelle gilt.

Keine Klassiker aber gute Gruselgeschichten

Die (inoffizielle) zweite Hälfte von „Mehr Gespenster“ enthält Geschichten von Autoren, deren Namen dem Phantastik-Fachmann zumindest hierzulande wenig sagen. Recherchiert man ein wenig, findet man Bramble, Ford, Murray & Co unter den lokalen Schriftstellergrößen Schottlands und Irlands. Sie haben sich literarischen Ruhm mit historischen Epen, Dramen oder Gedichten verdient, in denen sie ihrer Heimat ein Denkmal setzten. Die hier aufgenommenen Geschichten greifen einerseits auf das klassische Motiv des Spukens zurück: Gespenster sind die Seelen von Menschen, die ihr Leben nicht ‚ordnungsgemäß‘ zu Ende bringen konnten, weil sie einen tödlichen Unfall erlitten haben oder ermordet wurden. Möglicherweise haben sie sich eines schlimmen Verbrechens schuldig gemacht, das ihnen im Jenseits keine Ruhe lässt. In jedem Fall kehren sie als Geister zurück, suchen nach Hilfe oder Rache.

Doch die Zeiten ändern sich: Zwischen dem Gespenst und seinem Opfer muss es keine direkte Bindung mehr geben. Die Natur des Spuks hat sich gewandelt bzw. erweitert. So wurzeln die jüngeren Geschichten dieser Sammlung in der bewegten, oft grausamen Historie der Schotten und Iren, die ein ständiges Ringen mit der unwirtlichen Natur, das oft genug einem Kampf auf Leben und Tod gleichkam, gleichzeitig bodenständig, egoistisch und hart werden ließ.

Gespenster als Naturgeister

Immer wieder thematisieren die Autoren den Konflikt der von Naturgeistern beseelten heimgesuchten, archaischen Wildnis, in die unwissende Besucher aus der ‚modernen‘ Außenwelt eindringen. Sie scheren sich nicht um die ungeschriebenen Regeln, die jeder Einheimische kennt und zu achten gelernt hat. Die Folgen sind schrecklich, denn diese Geister kennen keine Gnade. Unkenntnis ist für sie nicht Entschuldigung, sondern Grund für Strafe und Chance zur Befriedigung eigener, düsterer Bedürfnisse. Hier gibt es keine erkennbare Gerechtigkeit mehr, der Fluch trifft nicht mehr jene, die ihn ‚verdienen‘, sondern Pechvögel, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten.

Darüber hinaus spielt darüber hinaus der ewige Konflikt zwischen den ‚angelsächsischen‘ Engländern, den ‚gälischen‘ Schotten und den ‚keltischen‘ Iren eine wichtige Rolle. Ihre gemeinsame Geschichte wird durch brutale Kriege, Unterdrückung und grausame Not markiert. Die Geister dieser Vergangenheit ruhen verständlicherweise nicht, die übel geendeten Ahnen schreien nach Rache und verhalten sich entsprechend. Dabei kann ihr Zorn auch die eigenen Nachfahren treffen, die ihre Herkunft verleugnet haben. Die Konsequenzen solchen ‚Verrats‘ hat Iain Crichton Smith in seiner Erzählung eindringlich literarisch verarbeitet.

So darf und muss abschließend noch einmal festgestellt werden, dass „Mehr Gespenster“ als Sammlung zwar ‚anders‘ als „Gespenster“ ist. Das verbindende Zauberwort lautet Qualität – und die prägt eindeutig beide Bücher. Der zweite Band der „Gespenster“-Trilogie wird deshalb seine Leser/innen ebenso unterhalten und begeistern wie sein Vorgänger.

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Die „Gespenster“-Trilogie des Diogenes Verlages:

- Gespenster, 1956, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Mehr Gespenster, 1978, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Noch mehr Gespenster, 1981, herausgegeben von Dolly Dolittle.

[md]

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Gespenster

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Oktober 2011

Mary Hottinger (Hg.)
Gespenster
Die besten Gespenstergeschichten aus England

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Peter Naujack u. Werner Peterich
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Gespenster: Englische Gespenstergeschichten von Daniel Defoe bis Elizabeth Bowen“): 1956 (Diogenes Verlag)
373 S.
[ohne ISBN]
Diese Ausgabe: 2000 (Diogenes Verlag/Detebe 20497)
411 S.
ISBN-13: 978-3-257-20497-1

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Inhalt:

14 Kurzgeschichten kreisen um das klassische Thema der übernatürlichen Erscheinung aus dem Jenseits

Mary Hottinger: Vorwort, S. 7-16

- Daniel Defoe (1660-1731): Die Erscheinung der Mrs. Veal (The Apparition of Mrs. Veal, 1706), S. 17-34: Eine gutherzige Frau möchte sich nach ihrem Tod von einer Freundin verabschieden – und erzeugt kein Grauen, sondern Verdruss.

- Edward Bulwer-Lytton (1803-1873): Das verfluchte Haus in der Oxford Street (The Haunters and the Haunted, 1859), S. 35-84: Der furchtlose Gentleman verbringt eine Nacht im Spukhaus, um dessen Geheimnis zu lüften – die spukigen Bewohner legen sich mächtig ins Zeug.

- Wilkie Collins (1824-1889): Das Traumweib (The Dream Woman, 1855), S. 85-124: Der verliebte Mann hört weder auf seine Mutter noch beachtet er eine gespenstische Warnung, als er die Frau seiner (Alb-) Träume entdeckt.

- William Wymark Jacobs (1863-1943): Die Affenpfote (The Monkey’s Paw, 1902), S. 125-144: Drei Wünsche erfüllt sie dir, aber sie tut es auf ihre ganz eigenwillige, grausige Weise.

- Edward Frederic Benson (1887-1940): Das Gesicht (The Face, 1924), S. 145-168: Seit ihrer Kindheit träumt sie von einem unheimlichen Verfolger; dass dies keine Schäume waren, muss sie in einer einsamen Nacht feststellen.

- Richard Middleton (1882-1911): Auf der Landstraße (On the Brighton Road, 1912), S. 169-176: Der Freiheit des Landstreichens kann sogar manches Gespenst nicht widerstehen.

- William Fryer Harvey (1885-1937): Nacht über dem Moor (Across the Moors, 1910), S. 177-187: Ein Spaziergang über das Moor lehrt die junge Frau, dass ausgerechnet jene Geister den größten Schrecken erzeugen, die ganz unauffällig spuken.

- Enid Bagnold (1889-1981): Das verliebte Gespenst (The Amorous Ghost, 1926), S. 189-200: Den Nachstellungen einer schon längst toten Frau kann sich ein Mann nur schwer entziehen.

- A. J. Alan (d. i. Leslie Harrison Lambert, 1883-1940): Mein Abenteuer in Norfolk (My Adventure in Norfolk, 1924), S. 201-214: Ein altes Verbrechen läuft in einer Endlosschleife immer wieder ab und beschert einem Urlauber die Nacht seines Lebens.

- Mary Hottinger (1893-1978): Der Ring (The Ring), S. 215-226: Viel Freizeit, ein schönes Haus auf dem Land und Mr. Right, der alles bezahlt – und ein Gespenst, das Zweifel im Herzen der jungen Gattin sät.

- Elizabeth Bowen (1899-1973): Der dämonische Liebhaber (The Demon Lover, 1941), S. 227-240: Vorsicht mit Liebesschwüren, denn der Partner besteht womöglich auch nach dem Tode auf Einlösung.

- Algernon Blackwood (1869-1951): Die Puppe (The Doll, 1946), S. 241-298: Wer’s im Ausland kolonial brutal treibt, muss sich nicht wundern, wenn ihn die überirdische Rache bizarr auch im scheinbar sicheren britischen Mutterland erreicht.

- Daphne du Maurier (1907-1989): Der Apfelbaum (The Apple Tree, 1952), S. 299-370: Endlich ist der frustrierte Ehemann die dauernörgelnde Gattin los, da schleicht sie sich aus dem Jenseits erneut störend in sein Leben ein.

- Montague Rhodes James (1862-1936): Die verwunschene Pfeife („O Whistle and I’ll Come to Ye, My Lad“, 1904), S. 371-406: Neugierig bläst der Urlauber in eine am Strand gefundene antike Pfeife, enttäuscht lässt er sie sinken, als sie stumm bleibt – scheinbar, denn was ihren Pfiff sehr wohl gehört hat, kommt erst des Nachts zum Vorschein …

- Über die Autoren, S. 407-409

'Gespenstischere' frühere TB-Ausgabe mit Cover von Paul Flora (Sammlung md)

Vom Wesen der Gespenster

Gespenster: Erscheinungen aus einem unbekannten Land, Jenseits genannt; die Geister Verstorbener sind es meist, die uns da besuchen, aber es gibt auch andere unheimliche Gestalten, die sich darauf beschränken zu klopfen oder die Möbel zu verrücken; der Phantasie sind wenig Grenzen gesetzt.

Sind sie ‚beseelt‘, diese Gespenster, oder sind es einfach dreidimensionale Projektionen, die stur eine vergangene Episode nachspielen oder nachspielen müssen? Lassen sie sich in „böse“ und „gut“ unterscheiden? Oder existieren sie quasi im rechtsfreien Raum völlig unabhängig von den Lebenden, die ihrem nächtlichen Treiben entsetzt zuschauen? Wie werden Gespenster ‚geboren‘? Bemerken sie uns? Lassen sie sich bannen, vertreiben, erlösen? Dies sind nur einige der Fragen, die in dieser fabelhaften Sammlung gestellt und zum Teil beantwortet werden. Knapp zweieinhalb Jahrhunderte Spuk und die Reaktionen der Zeitgenossen darauf werden literarisch aber unterhaltsam abgehandelt.

„Gespenster“ ist nicht nur optisch eine Kollektion aus einer anderen Zeit. Die erste Auflage erschien 1956, und damals gab man sich noch große Mühe, den in Sachen Phantastik nicht gerade erfahrenen und daher skeptischen deutschen Leser vom ‚Wert‘ einer solchen Sammlung zu überzeugen. Daher gibt es ein ausführliches, sehr kundiges und kurzweiliges Vorwort der Herausgeberin Mary Hottinger, die hier u. a. erläutert, dass „Gespenster“ keine willkürlich zusammengetragenen Geschichten bündelt, sondern dem Konzept folgt, möglichst viele Aspekte des gewählten Themas zu beleuchten.

Glücklich heimgesuchtes England!

Die gewählten Geschichten gehören zu den Höhepunkten der (englischen) Gruselliteratur. Jede könnte herausgegriffen werden – eine Ausnahme bildet ausgerechnet die Erzählung der Herausgeberin selbst –, was hier unterbleiben soll, um den Umfang der Besprechung nicht ins Endlose zu treiben. Hingewiesen sei der neugierige Leser aber doch auf einige besonders faszinierende Storys.

Ganz sicher ist Bulwer-Lyttons nächtlicher Ausflug in ein verwünschtes Haus zu nennen. Die Geschichte ist nicht nur höllisch spannend, denn diese Gespenster halten sich nicht zurück und entfesseln ein wahres Pandämonium, sondern fesselt durch die schlüssige Auflösung, die den Spuk als durchaus natürliches, mit dem zeitgenössischen Wissen noch nicht zu erklärendes Phänomen darstellt. Um 1850 beginnt die Wissenschaft dem Glauben – der anderthalb Jahrhunderte früher noch integraler Bestandteil des Alltagslebens ist, wie „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ belegt – den Rang abzulaufen. So ist es kein Wunder, dass der Bann gebrochen werden kann, als ein von Forschergeist beseelter und durch Wissen furchtloser Mann sich ihm stellt.

W. W. Jacobs‘ „Die Affenpfote“ fehlt zu Recht in kaum einer Anthologie älterer Gruselgeschichten. (Sogar in eine der „Treehouse of Horror“-Episoden der TV-Zeichentrickfamilie „Die Simpsons“ hat sie es schon geschafft.) Sie beginnt trügerisch leicht und humorvoll, was das anschließende Grauen umso stärker wirken lässt. Mit einem gekonnten Schock-Effekt endet auch die ganz kurze Geschichte des in jungen Jahren tragisch geendeten Richard Middleton; „Auf der Landstraße“ erschien erst im Jahr nach seinem Selbstmord.

Nicht ausschließlich fürchterliche Phantome

Dass Gespenster nicht nur Angst und Schrecken verbreiten müssen, verdeutlicht uns Enid Bagnold, die einen wackeren (und verheirateten) Ehrenmann an „Das verliebte Gespenst“ geraten lässt. Es gebärdet sich gar nicht prüde und bringt den Armen (zum Vergnügen des Publikums) in arge Verdrückungen. Wo Liebe unmerklich in Gleichgültigkeit und schließlich Zerstörung übergeht, siedelt Daphne du Maurier ihre bemerkenswerte Novelle an.

In einer Sammlung englischer Gespenstergeschichten darf ihr Meister nicht fehlen: Montague Rhodes James, Gelehrter und Menschenfreund, schrieb ‚nur zum Spaß‘ über die Geisterwelt, an die er selbst nicht glaubte. „Die verwunschene Pfeife“ ist ein Klassiker, die das für James typische Gespenst im Einsatz zeigt: böse, rachsüchtig, den Unschuldigen wie den Schuldigen Verderben bringend. Die Kritik nannte M. R. James lange einen begnadeten, aber seelenlosen Handwerker; in den letzten Jahren wird diese unzutreffende Ansicht endlich relativiert. An das Ende ihrer Sammlung stellt Mary Hottinger nicht ohne Grund diese Story – sie fasst mustergültig das Wesen der englischen Gespenstergeschichte noch einmal zusammen.

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Die „Gespenster“-Trilogie des Diogenes Verlages

- Gespenster, 1956, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Mehr Gespenster, 1978, herausgegeben von Mary Hottinger.
- Noch mehr Gespenster, 1981, herausgegeben von Dolly Dolittle.

[md]

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