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neuauflage

Niceville

Erstellt von Michael Drewniok am 25. März 2012

Carsten Stroud
Niceville

(sfbentry)
Originaltitel: Niceville (New York : Albert A. Knopf 2012)
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2012 (Dumont Buchverlag)
506 S.
ISBN-13: 978-3-8321-9646-2
Als eBook: März 2012 (Dumont Buchverlag)
ISBN: 978-3-8321-8621-0
Als Hörbuch: März 2012 (Random House Audio)
Gesprochen von Michael Hansonis
6 Audio-CDs, ca. 420 min. (gekürzte Lesung)
ISBN-13: 978-3-8371-1351-8

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Das geschieht:

Niceville ist nur auf den ersten Blick eine idyllische Kleinstadt in den US-amerikanischen Südstaaten. Ihre Weste weist mehr als einige schwarze Flecken auf. Düstere Legenden ranken sich meist um Tallulah’s Wall, eine Bergwand, die Niceville hoch überragt. Auf dem Scheitel liegt Crater Sink, ein scheinbar bodenloser, mit pechschwarzem Wasser gefüllter Teich, um den bereits die Ureinwohner einst einen weiten Bogen schlugen.

Ex-Elitesoldat Nick Kavenaugh rechnete mit einem ruhigen Leben, nachdem er die Anwältin Kate Walker geheiratet, den Dienst quittiert und als Detective bei der County Police angeheuert hatte. Doch Niceville ist ein Ort, der das Böse ebenso wie das Mysteriöse anzieht. Hier verschwinden deutlich mehr Menschen als es die Statistik erlaubt. Erst im Vorjahr ermittelte Kavenaugh im Fall des achtjährigen Rainey Teague, der sich buchstäblich in Nichts auflöste und später im Inneren einer unterirdischen, seit neunzig Jahren fest verschlossenen Gruft auftauchte. Dieses Rätsel blieb ebenso ungelöst wie der Selbstmord des Vaters und das Verschwinden der Mutter, die sich womöglich im Crater Sink ertränkt hat.

Aktuell fordert das reale Verbrechen Kavenaughs Aufmerksamkeit. Eine Bank wurde überfallen, über 2 Mio. Dollar griffen sich die Räuber, die auf der Flucht vier Polizeibeamte förmlich hinrichteten. Der korrupte Polizist Coker und sein Kumpan Danzinger wollten ihren Komplizen Zane umbringen. Der Anschlag misslang, und nun lauert Zane auf seine Gelegenheit zur Rache. Ebenfalls in das mörderische Spiel verwickelt sind Kavenaughs krimineller Schwager Byron Deitz und der Psychopath Tony Bock, dem Kate vor Gericht eine empfindliche Niederlage bereitet hat. Weitere Beteiligte sind nicht von dieser Welt. Schattenhafte Kreaturen mischen sich mörderisch ins ohnehin undurchsichtige Geschehen, bis man einander in und um Niceville endgültig nicht mehr trauen kann …

Unsere kleine aber wenig feine Stadt

Wenn eine mit ‚Fakten‘ gespickte Geschichte erzählt wird und trotzdem Gespenster im Spiel sind, wird das Schubladendenken von Verlagswerbern und Lesern auf eine harte Probe gestellt. Sind besagte Gespenster geile/frigide, schuhkaufsüchtige oder blutabstinente Vampire (bzw. Hexen und Werwölfe), greift die Eselsbrücke „urban (chick) fantasy“. Ansonsten werfen ratlose Kritiker die Story in das Sammelbecken „Mystery“.

Carsten Stroud macht es den Erbsenzählern voller Bosheit und Einfallsreichtum richtig schwer. „Niceville“ ist ebenso lupenreiner Thriller, besetzt mit moralfreien Berufskriminellen, für die Mord und Totschlag zum ‚Arbeitsalltag‘ gehören, wie harter Horror, dessen Spukgestalten ähnlich rigoros gegen ihre Opfer vorgehen. Ein bisschen Lee Child hier, ein wenig Stephen King dort, und abgeschmeckt wird das Ganze mit einer ordentlichen Prise Joe R. Lansdale. Wer’s ein wenig ‚literarischer‘ mag (bzw. mit literaturhistorischer Bildung angeben möchte), lässt die Namen höher gesetzter und schreibender Südstaaten-Prominenz einfließen; William Faulkner (Nobelpreis 1949) macht sich immer gut.

Im Falle Thornton Wilders (Pulitzer-Preis 1938) ergibt solches „name dropping“ sogar Sinn: Den genannten Preis erhielt dieser Autor für sein Theaterstück „Our Town“ (dt. „Unsere kleine Stadt“), das Panorama der (allerdings neuenglischen) Kleinstadt Grover’s Corners, hinter deren traulicher Kulisse dramatische und hässliche Wahrheiten ans Tageslicht drängen.

Vergangenheit und Gegenwart in unguter Verbindung

In Grover’s Corners gehen keine Geister um, weshalb „Niceville“ ein besonders zynisch gewählter Stadtname ist: „Nett“ im Sinne von gutnachbarschaftlicher Nähe ging es hier nach Auskunft des Verfassers wohl niemals zu. Schon bevor das Hightech-Verbrechen des 21. Jahrhunderts in Niceville Fuß fasste, war diese Stadt kein angenehmes Pflaster. Die vier Gründerfamilien hassten einander buchstäblich bis aufs Blut sowie über den Tod hinaus, was bis in die Gegenwart so geblieben ist.

Darüber hinaus gründeten sie Niceville an einem Ort, den man besser gemieden hätte. Was die Archive nicht hergeben, ergänzen Legenden: Im Schatten von Tallulah’s Wall ging es schon vor dem Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts mächtig um. Die diesseitige Welt hat hier sogar ein Loch: Crater Sink ist das Schnittzentrum von Hüben und Drüben, was durch die Angewohnheit, sich hier zu ertränken oder kriminelles Beweisgut zu entsorgen, zusätzlich verstärkt wird.

Nicevilles richtig üble Schurken sind ebenso schwer zu fassen wie Nicevilles Geister. Verfasser Stroud postuliert eine ganze Welt doppelter Identitäten. Der mörderische Bankräuber-Chef ist ein hochrangiger Polizist, der nach sich selbst fahndet und diese Chance gut zu nutzen weiß; sein Komplize arbeitet für die Firma, die den überfallenen Geldtransport organsierte; ein bestohlener Sicherheitsmann verdient als Wirtschaftsspion dazu, ein Psychopath schwärzt anonym Mitbürger an. Selbst Kriegsheld und Ehrenmann Nick Kavenaugh hütet ein übles Geheimnis und übt sich darüber hinaus nach Feierabend in Selbstjustiz.

Vielversprechender Auftakt zu deutlich Größerem

„Niceville“ bildet den Auftakt zu einer Roman-Trilogie, weshalb Autor Stroud sich viel Zeit nimmt, uns die Stadt und ihre Bewohner vorzustellen. Es macht außerdem deutlich, dass der Zickzackkurs der hier erzählten Geschichte möglicherweise Absicht ist und diese letztlich doch irgendwohin führen wird. In der Tat zeichnen sich schon in der zweiten Hälfte dieses ersten Teils weitreichende Verbindungen ab. Nicht nur die lebenden Figuren sind durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche/feindschaftliche, jedenfalls selten zufällige Bande miteinander verknüpft. Auch die eindeutig toten Bürger von Niceville und ihre menschlich wirkenden aber alles andere als menschlich handelnden Handlanger passen sich in dieses Gefüge ein. Zu allem Überfluss geraten sowohl Gauner als auch Gendarmen in Nicevilles übernatürliche Gefilde, was die Lage kompliziert werden lässt.

Denn zwar manipuliert aber zunächst quasi unabhängig von dem, was im Crater Sink wartet, erzählt der ‚übernatürliche‘ Handlungsstrang eine Rachegeschichte, die vor einem Jahrhundert begann und sich ungebrochen fortsetzt. Schon hier gelingt Stroud nicht nur eine solide Gruselstory. Er versteht es, sie zusätzlich mit wahrlich schauerlichen Elementen aufzuwerten: Das Bild der Pechvögel, die der Niceville-Fehden zum Opfer fielen, und sich nun untot immer wieder gegenseitig begraben und exhumieren, ist ungemein einprägsam.

Bemerkenswert ist die Eleganz, mit der Stroud auch den ‚realen‘ Ereignissen Glaubwürdigkeit verleiht. Er kennt sich im Polizei- und Geheimdienst-Milieu aus, kennt die Arbeitsweisen von Fahndern aller Art und kann sich erschreckend gut in die Köpfe ihrer Gegner versetzen: Noch der übelste Strolch wird dank Stroud zur Persönlichkeit, sogar Schwächen werden offenbart, ohne dass damit eine Läuterung verbunden wäre. Ganz nüchtern stellt Mehrfach-Mörder Croker fest, dass der böse Einfluss von Niceville ihn womöglich zu einem richtig schlechten Menschen werden ließ – ein skrupelfreier Krimineller sei er jedoch schon vorher gewesen.

Wie soll & wird dies enden?

Der Tenor ist völlig frei von Sentimentalitäten, Seifenschaum und Leerlauf lässt Stroud ebenfalls außen vor; man kann ihm dafür nicht dankbar genug sein. Ein knochentrockener und rabenschwarzer Humor – gut gewahrt in der Übersetzung –  ist nicht Selbstzweck, sondern passt in Strouds Welt. Der beinahe dokumentarische Stil darf aber keineswegs mit Emotionslosigkeit verwechselt werden: Stroud vermag Gefühle sehr gut zum Ausdruck zu bringen. Er suhlt sich jedoch nicht darin, denn er hat Wichtigeres zu tun: Er erzählt eine Geschichte.

Im letzten Drittel geschieht deshalb, was der Leser kaum für möglich hält: Die ohnehin jederzeit rasante Handlung nimmt noch einmal Tempo auf. Erste Schicksale erfüllen sich, was in „Niceville“ freilich kein Grund ist, aus der Handlung auszusteigen: Die Toten kehren zurück, und manchmal wissen sie nicht einmal, dass sie tot sind, was für zusätzliche Verwirrung sorgt.

Wer dachte, die Karten seien mit diesem Auftaktband gemischt und verteilt, sieht sich angenehm getäuscht: Dieses Spiel unterteilt sich in Runden, und es wird lang dauern, da die Teilnehmer etwa gleichstark sind. Stroud liebt die Bewegung, und er beherrscht sie als Stilmittel perfekt. Von einem Kapitel zum nächsten wirft er scheinbar tief fundamentierte Verhältnisse einfach um und gruppiert ihre Einzelteile neu. Im Hintergrund läuft das große Geschehen weiter. Strouds Story läuft wie auf Schienen, die sich allerdings immer wieder kreuzen, ineinanderlaufen und trennen.

Dies rührt ein zumindest für altgediente Leser selten gewordenes Gefühl auf: Muss man „Niceville“ schließlich verlassen, ist da sofort die Ungeduld zu erfahren, wie es weitergeht. Stroud bringt die Handlung zu einem Abschluss, der gleichzeitig zur Basis für die Fortsetzung wird. Es gibt Hinweise darauf, wie die Geschichte weitergeht; man ahnt bzw. weiß, dass dabei echte Spannung im Spiel sein wird. Hoffentlich bleibt Stroud gesund und munter, um sein „Niceville“-Garn bis zum sicherlich bitteren, dramatischen Ende spinnen zu können!

Autor

„Carsten Stroud war Surfer, Bootsbauer an der Baja California und Berufstaucher in der US Army. Er hielt sich in geheimer Mission in den gefährlichsten Gegenden der Dritten Welt auf. Er ist Journalist und preisgekrönter Sachbuchautor, seine Romane sind Bestseller in den USA.“

Auf solchen wohl als werbewirksam erachteten Dummfug beschränken sich die derzeit kreisenden ‚Infos‘ über den Journalisten, Sachbuch- und Romanautoren Stroud, der übrigens 1946 geboren wurde. Auch auf seiner eigenen Website gefällt der Verfasser sich darin, seine ‚Biografie‘ als primär humorvolle Fingerübung abzufassen. Also beschränken auch wir uns an dieser Stelle darauf zu erwähnen, dass Stroud ein Faible für Uniformen – Polizei und Militär – besitzt, deren Träger in mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln ins rechte Licht setzt sowie seit 1990 mehrere Thriller veröffentlicht hat, in denen Polizisten u. a. Uniformträger abenteuerlich ihren Jobs nachgehen und von denen es „Cuba Strait“ (2003) zum Stolz seines Verfassers auf „Fidel Castros Liste verbotener Bücher“ – nähere Informationen fehlen wohl nicht grundlos – geschafft haben soll.

[md]

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Aus dem Abgrund

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Februar 2012

Arthur R. Ropes
Aus dem Abgrund

(sfbentry)
Originaltitel: The Hole of the Pit (London : Edward Arnold 1914)
Deutsche Erstausgabe: 1992 (DuMont Verlag/DuMont’s Bibliothek des Phantastischen 3010)
Übersetzung: Manfred Allié
233 S.
ISBN-13: 978-3-7701-2990-4

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Das geschieht:

Im Jahre 1645 befindet sich der Bürgerkrieg in England in seiner Endphase. Der Sieg der Republikaner unter Oliver Cromwell zeichnet sich ab, während sich die Royalisten zerstreuen. Viele der adligen Untertanen des Königs verweigern Cromwell jedoch weiterhin die Gefolgschaft. Zu ihnen gehört Philipp, Graf von Deeping, der sich mit 40 treuen Kriegern in seinem einsam inmitten unzugänglicher Salzsümpfe gelegenen und schwer befestigten Burg Deeping Hold verschanzt. Seine Pächter im nahen Dörflein Marsham hat er ultimativ aufgefordert, ihn binnen einer Woche mit Vorräten zu versorgen; ansonsten wird er mit seinen Männern über sie kommen.

In ihrer Not senden die so Bedrohten einen Boten zum einzigen Verwandten des Grafen. Hubert Leyton, sein Vetter, ist ein friedlicher Bücherwurm aber bereit, dem Tyrannen ins Gewissen zu reden. Er macht sich auf die beschwerliche Reise nach Deeping Hold. Dort wird er ungnädig empfangen und gefangen gesetzt. Schlimmeres als Rebellion scheint allerdings in den Mauern des düsteren Herrenhauses zu nisten. Die Gräfin ist unter merkwürdigen Umständen gestorben. An Philipps Seite sitzt nun die Italienerin Fiammetta Bardi, die als böse Hexe verrufen ist. Angeblich geht der Geist der Gräfin in Deeping Hold um.

Zu allem Überfluss meldet sich ein alter Fluch, der auf der Grafenfamilie lastet. In einer bodenlosen Höhle am Grund des Flusses, der Deeping Hold umfließt, haust eine dämonische Kreatur, die ihr Lager zu verlassen und die Burg anzugreifen droht. Leyton muss fliehen, will er nicht mit ins Verderben geraten. Er ist jedoch nicht gerade ein Mann der Tat und außerdem gebunden: Mit ihm gefangen in Deeping Hold ist die junge Rosamund, Zofe und Vertraute der Gräfin, in die er sich verliebt und die er retten will. Als sich endlich eine Fluchtmöglichkeit bietet, scheint es zu spät zu sein: Der Fluch ist entfesselt und gestattet kein Entrinnen …

Verdammt sind sie alle!

„Als der von Deeping Hold hienieden / dem Satan seine Seel verschrieben;
als er damit hat aufgeschreckt, / was in der finstren Grube steckt,
im Schlunde hockt es seit all den Jahren, / da fraß es ihn mit Haut und Haaren.“

Welcher Gruselfreund, der die altmodische, nein, klassische Geistergeschichte liebt, könnte diesem düsteren Spruch widerstehen? Auf ihn stößt Hubert Leyton, der zaghafte ‚Held‘ dieser Geschichte, als er eines Tages in einem verborgenen Winkel der Familienbibliothek stöbert. Bevor die eigentliche Handlung beginnt, ist damit ihr Fundament gelegt. Schon einmal hat ein Graf von Deeping sich mit Mord & Magie beschäftigt und ist deshalb umgekommen. Wir Leser ahnen bereits, dass sein Nachfahre nicht klüger geworden ist.

Das Ambiente ist exotisch: „Aus dem Abgrund“ ist ein historischer Roman, der 1914 veröffentlicht wurde. Gleichzeitig ist dieses Buch ein Historienroman, denn Verfasser Ropes siedelt die Handlung im Herbst des Jahres 1645 an. Diese Entscheidung beeinflusst den Verlauf enorm, denn was hier geschieht, spielt sich lange vor der Epoche der Aufklärung ab. Leyton, der Erzähler, ist ein Zeitgenosse. Wir sehen die Welt durch seine Augen – eine seltsame, erschreckende Welt, die von Gewalt und Willkür, von Religion und Aberglaube bestimmt wird, während die (Natur-) Wissenschaft noch stark mit der mittelalterlichen Alchemie verwandt ist.

Der geistige Horizont der Menschen ist verglichen mit der Gegenwart bestürzend eng. Das trifft auch oder gerade auf Leyton zu, der zwar als gebildeter Mann gilt, jedoch der Denkweise seiner Epoche verhaftet bleibt. Zauberei ist für ihn keine Fantasie, eine entschlossene, selbstbewusst auftretende Frau wie die Signora Fiammetta gilt auch ihm sogleich als verdächtig.

Fremd mutet heute auch das Verhalten des Grafen an. Obwohl auf der Flucht, hat er in seinem Territorium weiterhin die uneingeschränkte Macht. Seine Pächter, die er wie in alter Zeit eher als Leibeigene zu betrachten scheint, sind hilflos, London und Cromwell weit: In einem Land ohne Straßennetz kann sich der Graf in seinem Schlupfwinkel recht sicher fühlen.

Die Gesellschaftsstruktur ist rigide: Philipp ist von Adel und kann nur von anderem Adel zur Rechenschaft gezogen werden. Völlig selbstverständlich ist deshalb der Plan der Bürger von Marsham, Hubert Leyton zum Parlamentär zu ernennen. Er mag faktisch denkbar ungeeignet für diese Aufgabe sein, doch er ist selbst ein Mann von Stand und darf deshalb damit rechnen, vom Grafen vorgelassen und angehört zu werden. Dessen größter Fehler ist seine Launenhaftigkeit. In Momenten klarer Selbstreflektion erkennt Philipp seine Schuld. Als alter Soldat findet er sich fatalistisch mit den Folgen ab, um im nächsten Moment in unberechenbarem Zorn zu entflammen.

Eine versunkene Welt wird gehoben

Diese archaische Welt hat Arthur R. Ropes meisterhaft zu neuem Leben erweckt. Ob er sie historisch korrekt schildert, bleibt Nebensache; wichtiger ist, dass sie historisch echt wirkt. Für die Schaffung dieser Illusion ist der ‚historisierende‘ Tonfall des Erzählers wichtig, der den Sprachduktus des 17. Jahrhunderts aufgreift bzw. imitiert. In der deutschen Übersetzung entfällt die Möglichkeit zu prüfen, wie Ropes mit dieser Herausforderung umging. Manfred Allié hat jedenfalls bemerkenswert gute Arbeit geleistet, die nicht einfach gewesen sein dürfte.

Man muss sie allerdings zu würdigen wissen, was nicht selbstverständlich ist, denn der Fluss der Worte und Sätze mag dem heutigen Leser blumig, schleppend und umständlich vorkommen. Ausgiebig werden Landschaften und Stimmungen beschrieben, viele Bibelstellen zitiert. „Aus dem Abgrund“ stellt als Buch eine Herausforderung dar, die Geschichte muss man sich als Leser verdienen. Ropes ist sehr konsequent; sein Roman soll wie ein Bericht aus alter Zeit wirken. Der Verfasser verkneift sich deshalb auch den Zugriff auf ‚zukünftiges‘ Wissen. Blendet das Geschehen auf die Zeit nach der Tragödie von Deeping Hold um, spricht der alte Leyton, der seine Geschichte im Rückblick erzählt.

In Sachen Gewalt hält sich Ropes nicht zurück. Diese Geschichte spielt in einer vom Krieg gezeichneten Ära, und das wird nicht verschwiegen. Philipp und seine Männer sind roh und mit dem Schwert schnell bei der Hand, und die schließlich zu stark gepiesackten Dörfler zahlen es ihnen mit gleicher Münze heim. Auch in der Burg sind Handgreiflichkeiten an der Tagesordnung. Der Fluch hält sich zwar im Hintergrund, doch was er seinen Opfern antut, wird mit viel Freude am blutig-schleimigen Detail beschrieben.

Der Mensch ist sein eigenes Monster

Auf die Frage, wer ihm als Vorbild als Autor einer Geistergeschichte gedient habe, nannte Arthur Ropes ausdrücklich Montague Rhodes James (1862-1936), der für seine ebenso nüchtern konstruierten wie intensiven, fein ziselierten und äußerst beliebten Storys gerühmt wurde. James schrieb nur nebenberuflich; er war Historiker und Universitätsdozent. Sein immenses Wissen ließ er spielerisch in seine Erzählungen einfließen. Sie wirken dadurch dokumentarisch, zumal sich James emotionale Verwicklungen und psychologische Untiefen ausdrücklich verkniff.

Auf eine Liebesgeschichte wollte Ropes nicht verzichten. Sie wird die Freunde dieses Genres freilich kaum entzücken. Rosamund ist eine Nervensäge und auf ihre Art sogar noch bornierter als der Graf. Sie hat sich zum Sprachrohr ihrer toten Herrin und zum Gewissen ihres treulosen Gatten ernannt. Unermüdlich und voller Selbstgerechtigkeit stichelt sie den Grafen und die Signora, die das entgegen ihres Rufes erstaunlich friedfertig hinnehmen. Leyton ist – er gibt es selbst zu – nur in religiösen Dingen ein standfester Charakter. Deshalb lässt er sich von Rosamund instrumentalisieren; ihre Art imponiert ihm sogar, denn er hat es gern, wenn man ihm sagt, was er tun soll.

Wesentlich interessanter ist die Figur der Fiammetta Bardi. Zwar bedient Ropes zeitgenössische Klischees, indem er Fiammetta als intrigante Giftmischerin vom Schlage der Borgias brandmarkt. Darüber geht nicht verloren, was sie wirklich auszeichnet: ein unbändiger Überlebenswille, der sie aus der Gosse an die Seite eines Grafen brachte: eine Position, die sie mit allen Mitteln und äußerst manipulativ zu sichern gedenkt. Außer Philipp hält sie sich wohlweislich einen weiteren Favoriten warm, und sogar den steifen Leyton versucht sie – sicher ist sicher! – auf ihre Seite zu ziehen.

Was lauert in der Grube?

Wie der englische Herausgeber Richard Dalby in seinem ebenfalls übersetzten Nachwort erläutert, hat Ropes ‚seine‘ Heimsuchung weniger nach James, sondern nach William Hope Hodgson (1877-1918), dem Großmeister des amorphen, aus den Tiefen des Meeres gekrochenen Schreckens, gestaltet.

Unabhängig davon, ob James oder Hodgson Ropes Vorbilder waren, hat der Verfasser sehr genau begriffen, dass der Spuk am wirksamsten erschreckt, der nur in Ansätzen sichtbar gemacht wird. Der Fluch von Deeping Hold wird nie völlig enthüllt. Die Fantasie des Lesers muss dort einspringen, wo der Verfasser schweigsam bleibt – ein Trick, der gut beherrscht eine Geschichte auf eine weitere Ebene heben kann. Ropes versteht sein Handwerk: Jeder Leser stellt sich letztlich eine eigene Kreatur vor, die in der Dunkelheit von Deeping Hold haust. Letztlich trifft vor allen anderen Theorien zu, was Leyton in seinem Schlusssatz so zusammenfasst: „Und eines jeden Mannes Seele, ja, und auch die einer jeden Frau, gleicht einem Deeping Hold mit ihrem launischen Herrn, ihren bösen Ratgebern und mit dem Feinde, welcher da lauert im Schlunde.“ (S. 229) Gemeint ist der Abgrund der menschlichen Seele, deren Existenz sogar ein frommer Puritaner nicht mehr leugnen kann.

Was (zu) gut ist, ist oft nicht von Dauer

„Aus dem Abgrund“ ist der zehnte Band der „Bibliothek des Phantastischen“, mit der ab 1990 der DuMont-Verlag klassische und moderne Meisterwerke des Unheimlichen neu oder sogar zum ersten Mal veröffentlichen wollte. Die Reihe wurde parallel zur „Kriminalbibliothek“ des Verlags, die ähnlich Verdienstvolles für den Kriminalroman leistete, ins Leben gerufen. Anders als diese war der „Bibliothek des Phantastischen“ kein Erfolg beschieden. Zu anspruchsvoll war das Programm, zu klein der Kreis der Leser, die sich dafür begeisterten. Nur zwölf Ausgaben erschienen, bevor die Reihe aufgegeben wurde; die Bände erfreuen sich unter Genrefreunden antiquarisch großer Beliebtheit.

Autor

Am 23. Dezember 1859 wurde Arthur Reed Ropes in Lewisham, einem Stadtteil von London, geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte, wurde später dort Dozent, Kollege und Freund von Montague Rhodes James, erwarb sich Meriten als Übersetzer französischer und deutscher Literatur und wurde für seine Gedichte ausgezeichnet. Dennoch wandte er sich der leichten Muse zu und wurde einer der erfolgreichsten Musical-Autoren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Allerdings glaubte Ropes es seiner Alma Mater schuldig zu sein, diese ‚minderwertige‘ Tätigkeit unter Pseudonym zu leisten: Als Adrian Ross ist er deshalb in die britische Bühnengeschichte eingegangen. In den 41 Jahren seiner Karriere schrieb er mehr als zum Teil überaus erfolgreiche 60 Musicals. Im Alter von 73 Jahren ist Ropes am 10. September 1933 gestorben.

Ropes einziger Roman erschien 1914, weil sein Freund James sich für ihn stark machte: „The Hole of the Pit“ (dt. „Aus dem Abgrund“) ist eine Geschichte in der klassischen Tradition der britischen Phantastik. Der Misserfolg seines Buches ließ Ropes, den Erzähler, aufgeben. „The Hole in the Pit“ wurde erst 1992 von Ramsey Campbell, dem Meister des modernen englischen Horrors, wiederentdeckt und neu veröffentlicht.

[md]

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Der wandernde Spielzeugladen

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Januar 2012

Edmund Crispin
Der wandernde Spielzeugladen

(sfbentry)
Originaltitel: The Moving Toyshop (London : Victor Gollancz 1946)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Mord im 1. Stock”): 1974 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1614)
Übersetzung: Leni Sobez
159 S.
ISBN-10: 3 453 10205 3
Neuausgabe (geb.): 1993 (Haffmans Verlag)
Übersetzung: Andreas Vollstädt
273 S.
ISBN-13: 978-3-251-30011-2
Als Taschenbuch: (Wilhelm Heyne Verlag/Haffmans Kriminalromane bei Heyne 21)
Übersetzung: Andreas Vollstädt
270 S.
ISBN-13: 978-3-453-06483-6
Neuausgabe: 2003 (Dumont Verlag/DuMont’s Kriminalbibliothek 1123)
Übersetzung: Eva Sobottka
256 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-8310-3

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de (Dumont-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne/Haffmans-Ausgabe)

Das geschieht:

Nicht in exotische Fernen, sondern in die friedliche englische Universitätsstadt Oxford, Ort jugendlich-akademischer Abenteuer, zieht es den Schriftsteller Richard Cardogan in diesem Herbst des Jahres 1938. Allerdings verschlägt es ihn schon bei der Ankunft in einsamer Nacht in einen scheinbar verlassenen Spielzeugladen. Dort bleibt ihm gerade die Zeit, die Leiche einer älteren Frau zu entdecken, dann trifft ihn der Hieb ihres offensichtlichen Mörders. Am Morgen erwacht und entweicht Cardogan dem gruseligen Ort und kehrt mit der Polizei zurück. Das Haus findet er, doch es ist kein Spielzeugladen, ist offenkundig nie einer gewesen, und eine Leiche gibt es selbstverständlich auch nicht.

Die Polizeibeamten tippen sich vielsagend an die Stirn und setzen den offensichtlichen Spinner an die frische Luft. Verzweifelt wendet sich Cardogan an einen alten Freund: Gervase Fen ist Professor für englische Literatur an einem der zahlreichen Colleges der Universitätsstadt sowie ein bekannter Amateur-Detektiv. Außerdem ist er ein großer Exzentriker mit einem übergroßen Selbstwertgefühl, der die Welt ungern über sein Genie im Ungewissen lässt und vertrackte Fälle liebt.

Gern nimmt sich Fen daher des Falls an. Die Identität der verschwundenen Toten ist bald geklärt. Emilia Tardy war als Erbin ihrer jüngst verstorbenen Tante, der Millionärin Elizabeth Snaith, aus dem Ausland nach England gerufen worden. Rechtsanwalt Rosseter wurde mit der Testamentsvollstreckung betraut. Fen und Cardogan finden deutliche Hinweise darauf, dass er sich stattdessen des Snaithschen Vermögens bemächtigen will und mit seinen Helfershelfern lästige Konkurrenten aus dem Weg räumt. Das beschauliche Oxford verwandelt sich in einen Hexenkessel, als Fen und Cardogan den Schurken das Handwerk legen wollen, während stets im Hintergrund das große Rätsel bleibt: Wie – und warum – wandert ein Spielzeugladen durch die Stadt …?

Cover der gebundenen Haffmans-Ausgabe

Stadt des Wissens, Stadt der Exzentriker

Mord in Oxford, der Stadt der Weisen & Wirrköpfe: Kann ein englischer Krimi noch klassischer sein? Eine nette alte Damen wird erdrosselt, ein schurkischer Rechtsverdreher im Augenblick des Geständnisses durch das Fenster erschossen, ein schockierter Zeugen stiehlt Lebensmittelkonserven und wird dafür hartnäckig von der Polizei verfolgt, die gleichzeitig ignoriert, dass man sich auf den Straßen der Stadt groteske Verfolgungsjagden liefert: Schon diese Schlaglichter machen deutlich, dass „Der wandernde Spielzeugladen“ nicht unbedingt ein lupenreiner Thriller ist.

Dabei stimmen die Zutaten perfekt. Sie werden von einem ambitionierten Meister seines Fachs spielerisch so gemischt, dass aus dem Krimi eine Komödie wird, ohne dadurch die Spannung zu verlieren. Zum dritten Mal macht sich Crispin geistvoll lustig über das Genre. Gervase Fen weiß ganz genau, dass er nur die Figur in einem Kriminalroman ist. Das erklärt auch seine absolute Gleichgültigkeit sämtlichen Konventionen gegenüber; er lebt mit den übrigen Darstellern in einer Traumwelt und hat es nicht nötig, sich mit realistischen Alltagsproblemen abzugeben.

So sehen wir Fen nur einmal und dann ansatzweise seinen angeblichen Job ausüben. Nie gibt es Schwierigkeiten, wenn er sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Verbrecherjagd begibt. Dabei werfen er und seine Mitstreiter sich Zitate aus alten Romanen, Gedichten, Liedern zu, die heute in der Regel per Anhang erläutert werden müssen, vom zeitgenössischen Leser aber offensichtlich entschlüsselt werden konnten: Crispin schrieb ‚literaturfreundliche‘ Krimis, in denen der Stil über die Story triumphiert.

Der Plot belegt dies eindrucksvoll, denn der Plan, einen Laden wandern zu lassen, ist so überkompliziert, dass er nur in Crispins Oxford (fast) aufgehen kann. Erbschleicherei als Motiv ist dem klassischen britischen „Whodunit“ eines der liebsten; für Crispin ein guter Grund, die damit einhergehenden Klischees aufzuweichen und auf seine spezielle Weise zu variieren.

Cover der Heyne-Ausgabe

Wissen ist Macht – Wissen macht seltsam

In seinem dritten Abenteuer treffen wir einen Gervase Fen auf der Höhe seiner Tatkraft: eine unwiderstehliche Mischung aus Genie, Chaot und purer Lebensfreude. Edmond Crispin hat sichtlich an schriftstellerischem Geschick gewonnen und krönt seine turbulente Geschichte mit liebenswerten, karikiert überzeichneten Figuren.

Der Schauplatz bietet sich natürlich geradezu an. Geflügelt ist das Wort vom zerstreuten Professor, und Oxford ist das Nest, in dem sie aus dem Ei schlüpfen. In fernab der schnöden Alltagswelt beheimateten Elfenbeintürmen gehen sie hoch geehrt und gut bezahlt ihren Forschungen nach und bilden die zukünftige Elite ihres Landes aus; wahrlich eine versunkene Welt, die in der kulturfeindlichen Gegenwart noch fremdartiger anmutet.

Käuze hocken hier in jedem Collegefenster. Crispin stellt uns eine repräsentative Auswahl vor, während er seine Hauptfiguren kreuz und quer durch Oxford hetzt. Unter diesen sticht der uralte, stocktaube, immer noch lebenslustige Ex-Professor Wilkes hervor. Aber auch die nichtakademischen Bürger treten gelinde gesagt exaltiert auf; die Umgebung färbt ab. Da gibt es beispielsweise wie selbstverständlich literaturbeflissene Lastwagenfahrer, die sich bereitwillig für eine Verfolgungsjagd zur Verfügung stellen. Die weibliche Hauptrolle ist keine College-Frau, sondern ein Mädchen aus dem Volke; frank und frei im Denken und Reden, mit beiden hübschen Beinen fest im Leben stehend.

Wie es sich für ein Krimi-Märchen gehört, sind die Schurken so demonstrativ böse, dass man sie keinen Augenblick ernstnehmen kann. „Rechtsanwalt“ Rosseter gibt sich zwar große Mühe, als skrupelloser Schuft und Mörder zu überzeugen, aber er vergisst dabei keine Sekunde seine Manieren. Seine Helfershelfer mimen ebenfalls gern den verkommenen Strolch, stellen sich aber bei jeglichem kriminellen Tun so ungeschickt an, dass man sie nicht gerade als Bedrohung betrachtet. So rundet sich das Bild eines ‚Kriminalromans‘, der britisch humorvoll selbst einen Mord in das Geschehen zu integrieren weiß.

Anmerkung

Anscheinend wusste Crispin auch die Größten zu beeindrucken: Das dramatische Finale, in dem sich Fen und der Mörder auf einem amoklaufenden Karussell einen Kampf auf Leben und Tod liefern, finden wir fünf Jahre später fast originalgetreu übernommen von Alfred Hitchcock in „Strangers on a Train“ (1951, dt. „Der Fremde im Zug“).

Autor

Edmond Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines schmalen Werkes zu den großen Autoren des klassischen englischen Kriminalromans. Eigentlich war er Musiker; zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford, wo er auch moderne Sprachen studiert hatte, später Komponist, der neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf.

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Montgomery/Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen. Nach 1951 widmete sich Montgomery zunächst seiner musikalischen Laufbahn und später zunehmend dem Alkohol, bevor er nach 26 Jahren Fen noch einmal zurückkehren ließ, womit er ihm und den Lesern nach Ansicht der Literaturkritik keinen Dienst erwies. Zu diesem Zeitpunkt war Montgomery längst ein ausgebrannter, von Krankheit gezeichneter Mann. Er starb 1978.

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de (Dumont-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne/Haffmans-Ausgabe)

Die Gervase-Fen-Serie:

(1944) Mord vor der Premiere (The Case of the Gilded Fly/Obsequies at Oxford) – DuMont KB 1080
(1945) Heiliger Bimbam (Holy Disorders) – DuMont KB 1105
(1946) Der wandernde Spielzeugladen (The Moving Toyshop) – DuMont KB 1123
(1947) Schwanengesang (Swan Song/Dead and Dumb) – DuMont KB 1129
(1948) Liebe stirbt zuerst (Love Lies Bleeding) – DuMont KB 1134
(1948) Mit Freuden begraben (Buried for Pleasure) – DuMont KB 1137
(1950) … vorm Tor der Leichenwagen (Frequent Hearses/Sudden Vengeance) – UK 740
(1952) Anonyme Briefe/Giftbriefe (The Long Divorce/A Noose for Her) – UK 835/GK 5245
(1977) Der Mond bricht durch die Wolken (The Glimpses of the Moon) – GK 5205

DuMont KB = DuMont Kriminal-Bibliothek
GK = Goldmann Kriminalroman
UK = Ullstein Kriminalroman

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Der chinesische Papagei

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Januar 2012

Earl Derr Biggers
Der chinesische Papagei

Originaltitel: The Chinese Parrot (New York : Grosset & Dunlap 1926)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Chinesen-Papagei“): 1928 Verlag Rijke & Stock/Internationale Abenteuerreihe)
Übersetzung: Reinhard Rijke
304 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der Chinesenpapagei“): 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane 51)
Übersetzung: Reinhard Rijke
203 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 125)
Übersetzung: Reinhard Rijke
186 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1981 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1952)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
174 S.
ISBN-13: 978-3-453-10555-3
Neuausgabe: Juli 2004 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Nr. 1135)
Übersetzung: Monika Schurr (mit einem Nachwort von Volker Neuhaus)
315 S.
ISBN-13: 978-3-8321-8332-5

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Das geschieht:

Nach vielen Jahren trifft Alexander Eden, gut situierter Diamantenhändler in San Francisco, seine heimliche Jugendliebe Alice Phillmore-Jordan wieder. Die einst märchenhaft reiche Witwe steht vor dem finanziellen Ruin, weshalb sie die legendären Phillmore-Perlen zum Verkauf anbieten muss, die Eden zum Höchstpreis loszuschlagen gedenkt. P. J. Madden, Börsenhai und Multimillionär, kauft sie für sein Töchterlein. Nun gilt es, den Schatz vom Phillmoreschen Familiensitz auf der Hawaii-Insel Honolulu in Maddens Besitz zu überführen. Da die Perlen einen Wert von über 200.000 Dollar repräsentieren, sind die Beteiligten verständlicherweise nervös, zumal die Unterwelt inzwischen Wind von dem Handel bekommen hat.

Eden schickt Bob, seinen Sohn, einen Lebemann mit Mumm in den Knochen, auf die weite Reise zu Maddens einsamer Farm in der kalifornischen Wüste. Alice Jordan stellt ihm einen Vertrauten zur Seite: den Chinesen Charlie Chan, einst Dienstbote im Hause Phillmore, aber dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes schon lange Beamter der Kriminalpolizei von Honolulu, wo er für seinen Spürsinn, seine orientalische Gelassenheit und sein drolliges Kauderwelsch-Amerikanisch berühmt ist.

Madden verhält sich merkwürdig, wirkt gar nicht wie der souveräne Geschäftstycoon, der Wall Street und die Finanzwelt in Schrecken hält, und dringt eigentümlich heftig auf die Herausgabe der Perlen. Wenig Vertrauen wecken auch die zwielichtigen Gestalten, mit denen er sich umgibt. Chan rät daher zur Vorsicht. Unter falschem Namen lässt er sich als Koch anstellen und entdeckt rasch weitere Hinweise darauf, dass ein Verbrechen im Gange ist.

Unterstützt von Jungmann Bob, einem kauzigen Hinterwäldler-Reporter und einer jungen, hübschen Dame vom Film kommt Chan einem abenteuerlichen Komplott auf die Schliche. Dieses Spiel ist gefährlich, und der unglückliche, weil allzu geschwätzige Papagei Tony wird nicht der einzige sein, der dabei sein Leben lassen muss …

Krimi-Klassik ohne Klasse

„Der chinesische Papagei“ gehört zu den Klassikern, nach deren Lektüre sich der Leser verwundert fragt, wie er zu seinem Status gelangen konnte. Nüchtern betrachtet ist dieser Roman nämlich ein ziemlich mittelmäßiger, und selbst dieses Urteil wurde zugunsten des Angeklagten gefällt.

Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil, der sich mehr oder weniger im Kreise falscher Alibis, unschuldig Verdächtigter und verdächtiger Unschuldiger dreht. „Der chinesische Papagei“ unterhält am besten in jenen Kapiteln, die in San Francisco spielen. In der Wüste beginnt die Story zu kümmern. Sie erholt sich nicht einmal im Finale, das keine echten Überraschungen bieten kann. Dazwischen gelingen Biggers zwar immer wieder pittoreske Szenen, die indes zur Handlung kaum etwas beitragen. Von realistischer Detektiv- oder Polizeiarbeit kann übrigens auch keine Rede sein, und das angeblich so perfekt geplante Verbrechen, dem wir eher ungläubig beiwohnen, könnte nicht einmal Tony, den Papagei, täuschen.

Womöglich ist es auch die Enttäuschung, den literarischen Meisterdetektiv Charlie Chan im Vergleich mit seinen Hollywood-Inkarnationen verlieren zu sehen. Hier haben wir nämlich den seltenen Fall, dass der Film das Buch bei weitem übertrifft. Zwischen 1932 und 1947 entstanden mehr als vierzig Kinofilme mit Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun.

Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste; „Der chinesische Papagei“ ist der zweite auf dieser kurzen Liste. Zu Biggers Lebzeiten war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Unglücklicherweise starb der Verfasser gerade dann, als Hollywood auf ihn aufmerksam geworden wurde.

Cover der TB-Ausgabe von 1957 (Sammlung md)

Kluger Mann mit Hang zum Blumigen

Wie so oft ist das Leben des Verfassers interessanter als sein Werk. Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, Ohio, mitten im noch wilden Westen, wie er später gern zu Besten gab. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete Eleanor Ladd aus Medford, Massachusetts, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie („If You’re Only Human“), setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern, die paradoxerweise mitten in der Wüste lagen: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Sein Repertoire erweiterte sich. Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan entwarf, eines trügerisch sanften, aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Selbstbewusst in schwierigen Zeiten

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch unterscheiden; den Schwarzen Peter behält Hollywood. Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. Auch im „chinesischen Papagei“ gibt es Szenen, die sehr deutlich machen, dass der Verfasser Charlie Chan ungeachtet aller skurrilen Züge nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wissen wollte.

Stattdessen streut Biggers immer wieder Momente ein, in denen er dünkelhafte Bleichgesichter gar nicht gut dastehen lässt. Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl ein selbstbewusster, von seinen Fähigkeiten eingenommener Charakter, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

[md]

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Der nackte Tod

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Dezember 2011

Ellery Queen
Der nackte Tod


(sfbentry)
Originaltitel: The Spanish Cape Mystery (New York : Frederick A. Stokes Edition 1935)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Frauen um John Marco“): 1936 (Ullstein Verlag/Ullstein-Bücher N. F. 43)
Übersetzung: Werner Illing
240 S.
[keine ISBN]
Nauausgabe: 2003 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek 1124)
Übersetzung: Monika Schurr
345 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-8309-7

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Das geschieht:

Kriminalschriftsteller und Detektiv Ellery Queen möchte sich einen erholsamen Urlaub am Meer gönnen und hat am Ferienhaus an der Atlantikküste gemietet. Doch als er dort eintrifft, findet er die Haustür aufgebrochen und im Inneren gefesselt die junge Rosa Godfrey, die eine abenteuerliche Geschichte erzählt: Mit ihrem Onkel David Kummer sei sie am Vorabend von einem piratenhaften Seemann namens „Captain Kidd“ überfallen und entführt worden. Kummer wurde von Kidd auf ein Boot verschleppt und später anscheinend über Bord geworfen. Fatalerweise hat der Pirat den falschen Mann erwischt: Eigentlich sollte es einem gewissen John Marco an den Kragen gehen. Der ist Gast im Haus von Rosas Eltern Walter und Stella Godfrey. Walter ist ein Wallstreet-Hai, dem praktisch das gesamte Spanish Cape gehört. In seiner Villa tummeln sich im Sommer stets viele Besucher. Marco würde der Gastgeber freilich gern an die Luft setzen, da dieser ein Auge auf Tochter Rosa geworfen hat.

Seinen Fehler hat Kidd offenbar rasch ausgebügelt: Als Queen Rosa in ihr Elternhaus bringt, ist dort bereits die Polizei eingetroffen: Auf einem bequemen Stuhl am Strand sitzt John Marco: erdrosselt und nackt unter einem altmodischen Umhang. Inspektor Moley fühlt sich überfordert und bittet Queen um Schützenhilfe. Die Schar der Verdächtigen ist identisch mit den Bewohnern von Godfreys Villa. Der hat sich seinen Lebensunterhalt als Gigolo verdient, der die umgarnten Damen anschließend als Erpresser kräftig zur Ader ließ.

Bis Queen endlich Licht am Ende des Ermittlungstunnels erblickt, muss er sich tüchtig belügen lassen, schier endlos widersprüchliche Beweise sortieren und vor weiteren Attacken des Mörders auf der Hut sein, der zwar einen entscheidenden Fehler begangen aber leider eine geradezu übernatürlich geniale Art der Tarnung für sich entdeckt hat …

Immer wieder beliebt: der ‚unmögliche‘ Mord

Ein einsam gelegenes Haus am Meer, erbaut auf einer Halbinsel, umgeben von schroffen Klippen. Anders gesagt: Hier kommt niemand heimlich hinein oder hinaus. Wenn sich ein Mord ereignet, befindet sich der Täter garantiert unter den Bewohnern. Damit sind die Weichen gestellt für einen archetypischen „Whodunit“-Krimi, in dem Mörder, Verdächtige, Opfer und natürlich diverse Gesetzeshüter unter einer Käseglocke behaglicher Isolation einander zur Gaudi des Lesers belauern.

Die Karten liegen offen auf dem Tisch: Ellery Queen und sein Publikum stoßen zeitgleich auf die für die Lösung des Falls relevanten Spuren. Offen bleibt die Frage, wer mit solcher Fairness mehr anzufangen weiß. Der Verfasser möchte selbstverständlich mit einem gewissen Vorsprung zuerst durchs Ziel gehen. Ist der Leser wenigstens guter Zweiter, wird er (oder sie) zufrieden auch zum nächsten Roman aus der bewährten Feder greifen.

Wer würde nicht gern solcher Verkaufslist auf den Leim gehen, da doch die Manipulation des Lesers ebenso elegant wie unterhaltsam gelingt? „Der nackte Tod“ ist ein hochkarätiger Krimispaß, der meisterhaft die klassischen Regeln des Genres ausspielt. Wir kennen sie alle, aber wir lieben sie, solange sie nur geschickt variiert werden. Das ist hier jederzeit garantiert. (Der Originaltitel ist übrigens ein hübsches Wortspiel: „Spanish Cape“ ist einerseits der Ort des Geschehens. Andererseits ist ein Cape das einzige Kleidungsstück, das die Blöße John Marcos – der Spanier ist – verhüllt.)

Menschen lügen eigentlich immer

Sie alle haben Dreck am Stecken. Irgendwie steht es ihnen auch ins Gesicht geschrieben. Manchmal so deutlich wie dem unglaublichen „Captain Kidd“, der nicht nur aussieht wie sein berüchtigtes historisches Vorbild, sondern sich auch so zu benehmen weiß. Mit seinem Auftritt findet Ellery Queen (der Autor) den idealen Einstieg in das vorliegende Abenteuer.

Auf Walter Godfreys feudalem Spanish Cape-Anwesen tummeln sich zwar deutlich feinere aber ganz sicher nicht vornehmere Zeitgenossen. Der Hausherr hat sein Vermögen auf höchstens halbwegs legale Weise erworben. Die meisten Gäste können nicht einmal das von sich behaupten. Ein zwielichtiger Abenteurer, eine Mitgiftjägerin und gleich drei Ehebrecherinnen zählen zu ihnen, und das sind nur die Sünder, die unser Detektiv mühelos enttarnt. Leid können sie uns nicht tun. Ellery Queen – der Ermittler wie der Autor – gönnt ihnen daher auch kein Happy-End. Als das Rätsel von Spanish Cape gelöst ist, verlassen Queen und Macklin eine von den Ereignissen fast völlig zerstörte Gesellschaft.

„Wüstling“ als Berufsbezeichnung

Noch ganz andere Abgründe tun sich sehr bald in Gestalt von John Marco auf. Den lernen wir nur als Leiche kennen. Er ist aber lebendig genug in der Erinnerung seiner geplagten Opfer. Unerbittlicher Parasit, bösartiger Erpresser, zynischer Weiberheld: die Liste seiner Verfehlungen ist fast so lang wie seine Verfolger zahlreich sind. Heute mutet Marcos ‚Geschäft‘ reichlich altmodisch an. Manche prominente Dame vermarktet ihre Schäferstündchen inzwischen selbst. Aber 1935 konnte „Schande“ eine Karriere in der gesellschaftlichen Elite zerstören. Insofern ist Marcos nacktes Ende – ein Skandal, der immer wieder schockiert angesprochen wird – eine Art ausgleichender Gerechtigkeit.

Ellery Queen erleben wir dieses Mal nicht an der Seite seines Vaters. Inspektor Richard Queen bleibt zu Hause in New York. Die Stadt wird zu eng für einen Detektiv, der seinen Genius gern möglichst ungewöhnlichen Fällen widmet. Dies verlangt letztendlich auch sein Publikum, das einen Tapetenwechsel ebenso schätzt. Der Filius braucht anscheinend trotzdem einen weisen, alten Mann an seiner Seite. Diese Rolle übernimmt Richter Macklin, ein rüstiger, höchst unwürdiger Greis, der zusätzlich für die (sparsamen) Heiterkeitseffekte dieser Geschichte verantwortlich ist.

Der Film zum Buch

„The Spanish Cape Mystery“ wurde bereits 1935, im Jahr seines Erscheinens, von Hollywood verfilmt. Unter der Regie von Lewis D. Collins spielte Donald Cook den Ellery Queen. Albert DeMond verfasste das Drehbuch; wem diese Namen gar nichts sagen, der sollte sich nicht grämen: Dies ist ein sogenanntes „B-Movie“, eine Schöpfung der 1930er Jahre. Um das Publikum auch während der Wirtschaftskrise in die Kinos zu locken, wurde ihm eine Doppelvorstellung geboten. Vor dem teuer produzierten, mit Stars gespickten Hauptfilm lief ein durchschnittlich 70 Minuten kurzer, billiger ‚Aufheizer‘. Gern waren dies Episoden von Serien, die durch den Fortsetzungseffekt einen weiteren Anreiz für die Zuschauer boten. Auch Ellery Queen-Streifen wurde so heruntergekurbelt. Aus heutiger Sicht sind sie freilich reizvoll anzusehen, zumal ‚billig‘ einst nicht identisch mit ‚trash‘ war.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

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Heiliger Bimbam

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Dezember 2011

Edmund Crispin
Heiliger Bimbam

(sfbentry)
Originaltitel: Holy Disorders (London : Victor Gollancz 1945/Philadelphia : J. B. Lippincott Co. 1946)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel:
Seht das Motiv und nicht die Tat”): 1982 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Krimi 5226)
Übersetzung: Tony Westermayr
238 S.
ISBN-13: 978-3-442-05226-4
Neuausgabe: 2001 (DuMont Verlag/ DuMont’s Kriminalbibliothek Nr. 1105)
Übersetzung: Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann
293 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-5878-2

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Das geschieht:

Geoffrey Vintner, Komponist und Musiker, soll im Städtchen Tolnbridge in der Grafschaft Devon unweit des Ärmelkanals den Organisten Brooks vertreten, der dort das Opfer eines Giftanschlages wurde. Seither liegt er im Delirium und faselt von „hängenden Männern“ und Grabplatten, die sich bewegen.

Im Schatten der Kathedrale hat auch in den Jahren des II. Weltkriegs – diese Geschichte spielt nicht lange nach dem britischen Rückzug aus Dünkirchen – das Domkapitel das Sagen. Kantor Dr. Butler, ein strenger Mann, hat Professor Fen, einen Gelehrten-Kollegen und Privat-Ermittler, gebeten, den Fall Brooks zu lösen, und Inspektor Garrett von der örtlichen Polizei ist durchaus damit einverstanden. Fen schließt aus den wenigen Fakten, dass Brooks in der Kathedrale zufällig Zeuge kriminellen Tuns wurde und daher ausgeschaltet wurde.

Der alte Organist wird durch eine neuerliche Giftdosis endgültig zum Schweigen gebracht. Ins Jenseits folgt ihm bald Dr. Butler, der in der Kathedrale von einer durch Meuchlerhand aus ihrer Verankerung gelösten Grabplatte erschlagen wird. Nun lässt sich Scotland Yard zu Fens Missfallen nicht mehr aus dem Fall heraushalten, zumal der englische Geheimdienst CID nächtliche Funksignale aus der Kirche geortet hat: Offenbar treiben Spione in deutschen Diensten ihr Unwesen in Tolnbridge!

Zu ihnen gesellen sich Teufelsanbeter und Hexen, denen einst der böse Bischof Thurston übel mitgespielt hat. Rächen sich die Nachfahren der Betrogenen und auf dem Scheiterhaufen Verbrannten, indem sie über seinen Gebeinen finstere Riten zelebrieren, und haben Brooks und Butler sie dabei überrascht? Josephine, die jüngere Tochter des Kantors, entpuppt sich als aktive Hexe, die ihren Meister nicht preisgeben mag. Die eigentliche Gefahr geht von Gervase Fen aus, den die Furcht, das kriminalistische Rennen gegen Scotland Yard zu verlieren, schweigen lässt, als er die Täter längst kennt, was diesen Zeit genug lässt, Gegenmaßnahmen zu planen …

Geisterspuk und Nazi-Spione

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Edmond Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen. „Heiliger Bimbam“ ist der zweite. Im Vergleich zum noch etwas bemühten Vorgänger „The Case of the Gilded Fly“ (1944; dt. „Mord vor der Premiere“) ist Crispin deutlich souveräner geworden. Ihn kümmert nicht, dass seine Geschichte eher noch tiefer in zu diesem Zeitpunkt untergegangenen „Goldenen Zeitalter“ des englischen Kriminalromans (das mit dem II. Weltkrieg auszuklingen begann) wurzelt.

Die Charaktere sind endgültig überzeichnet und skurril, und sie bewegen sich in einer angemessen jenseits von Zeit und Raum stehenden Kulisse. Zwar wird hier und da über den Kriegsalltag gestöhnt, und der Plot dreht sich um finstere Nazi-Spione, aber beides spielt eine deutlich untergeordnete Rolle und wird erst wichtig im großen Finale, das für einen Genre-Krimi im Allgemeinen und für Edmund Crispin im Besonderen erstaunlich action-lastig ausfällt; diese letzten Seiten wollen sich daher zum bisherigen Geschehen nicht recht fügen.

Denn ansonsten geht es recht gemächlich und in jeder Beziehung altmodisch zu in diesem Krimi; dem verschlafenen Schauplatz Tolnbridge angemessen, möchte man meinen. Sogar ein Hauch von Spuk liegt in der Luft. Volker Neuhaus weist in seinem wie üblich fachkundigen Nachwort auf die deutlichen Anleihen bei einem anderen Großmeister des klassischen Krimis hin. John Dickson Carr (1906-1971) hat stets mit Begeisterung böse Taten an unheimlicher Stätte begehen lassen.

Gehört nicht zum Plot, ist aber witzig

Die Hexenverfolgungen von Tolnbridge haben mit der „Bimbam“-Geschichte nichts zu tun. Trotzdem widmet ihr Crispin breiten Raum und zitiert sogar ausführlich aus den (fiktiven) Aufzeichnungen des abscheulichen Bischofs Thurston vom Anfang des 18. Jahrhunderts; Crispin erweist damit gleichzeitig dem König der englischen Gespenstergeschichte, Montague Rhodes James (1862-1936) – wie Fen & Crispin ein Oxford-Gelehrter –, seine Referenz.

Crispins Spieltrieb lässt ihn immer wieder unbekümmert mit seinem Stoff umgehen. Da sind nicht nur die vielen geistreichen Aperçus („Mein lieber Freund, die Kirche versteht es meisterhaft, ein Auge zuzudrücken. Bei den Jesuiten nennt man das Kasuistik.“ – S. 111), die erfreulicherweise die auch sonst ausgezeichnete Übersetzung überlebt haben, sondern auch witzige Anspielungen auf Kollegen und Freunde – der von Fen auf S. 89 mit Missfallen angekündigte „Appleby von Scotland Yard“ ist die Hauptfigur einer grandiosen, äußerst langlebigen Krimiserie von Michael Innes (1906-1994, natürlich ebenfalls ein Oxford-Don) – und direkte Attacken auf die Fiktion, denn Fen und seine Gefährten wissen ganz genau, dass sie nur Figuren in einer Geschichte sind: „‚Aha‘, sagte der Inspektor misstrauisch, ‚und was soll das für ein Knoten sein, wenn ich fragen darf?‘ ‚Er heißt »Köderhakenknoten«‘. ‚Warum heißt der so?‘ ‚Weil‘, sagte Fen seelenruhig, ‚der Leser ihn schlucken soll.‘“ (S. 98; dazu folgt gleich eine empörte Fußnote des Verfassers, für die Fen sich auf S. 282 revanchiert, indem er Crispin als seinen Biografen à la Dr. Watson bezeichnet.)

Nicht gerade dem Realismus verpflichtet ist auch Fens Einfall, einen Angreifer auszuschalten, indem er einen Schwarm Wespen auf ihn hetzt, den er ausgerechnet in seinem Kleiderschrank beherbergt. Wir nehmen es Crispin ganz sicher nicht übel, denn ungeachtet seiner Scherze hat er seine Geschichte als Krimi und uns als lesendes Publikum jederzeit fest im Griff!

Autor

Edmond Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines schmalen Werkes zu den großen Autoren des klassischen englischen Kriminalromans. Eigentlich war er Musiker; zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford, wo er auch moderne Sprachen studiert hatte, später Komponist, der neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf.

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Montgomery/Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen. Nach 1951 widmete sich Montgomery zunächst seiner musikalischen Laufbahn und später zunehmend dem Alkohol, bevor er nach 26 Jahren Fen noch einmal zurückkehren ließ, womit er ihm und den Lesern nach Ansicht der Literaturkritik keinen Dienst erwies. Zu diesem Zeitpunkt war Montgomery längst ein ausgebrannter, von Krankheit gezeichneter Mann. Er starb 1978.

Titel bei Booklooker.de (Goldmann-Ausgabe)
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Die Gervase-Fen-Serie:

(1944) Mord vor der Premiere (The Case of the Gilded Fly/Obsequies at Oxford) – DuMont KB 1080
(1945) Heiliger Bimbam (Holy Disorders) – DuMont KB 1105
(1946) Der wandernde Spielzeugladen (The Moving Toyshop) – DuMont KB 1123
(1947) Schwanengesang (Swan Song/Dead and Dumb) – DuMont KB 1129
(1948) Liebe stirbt zuerst (Love Lies Bleeding) – DuMont KB 1134
(1948) Mit Freuden begraben (Buried for Pleasure) – DuMont KB 1137
(1950) … vorm Tor der Leichenwagen (Frequent Hearses/Sudden Vengeance) – UK 740
(1952) Anonyme Briefe/Giftbriefe (The Long Divorce/A Noose for Her) – UK 835/GK 5245
(1977) Der Mond bricht durch die Wolken (The Glimpses of the Moon) – GK 5205

DuMont KB = DuMont Kriminal-Bibliothek
GK = Goldmann Kriminalroman
UK = Ullstein Kriminalroman

[md]

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Mord vor der Premiere

Erstellt von Michael Drewniok am 18. November 2011

Edmund Crispin
Mord vor der Premiere

Originaltitel: The Case of the Gilded Fly (1944)
Deutsche Erstausgabe: 1976 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1720)
Übersetzung: Leni Sobez
143 S.
ISBN-13: 978-3-453-10312-2
(Ungekürzte) Neuausgabe: 1999 (DuMont Verlag/ DuMont’s Kriminalbibliothek Nr. 1080
Übersetzung: Barbara Sibold
277 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-4845-5

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Das geschieht:

Elf Personen reisen im Oktober 1940 mit dem Zug von London nach Oxford. Zwischen einem Professor für Englische Sprache und Literatur, einer sozialistisch angehauchten Theaterregisseurin, einem Dramatiker, drei Schauspielerinnen (von denen zwei auch Schwestern sind), dem Chief Constable von Oxford, einem Kirchenmusiker, einem verkrachten Studenten, einer mausgrauen Studentin und einem bekannten Journalisten scheint es nur marginale Gemeinsamkeiten zu geben. Doch binnen einer weiteren Woche kommen drei dieser elf Männer und Frauen auf gewaltsame Weise ums Leben.

Ausgerechnet eingangs erwähnter Professor ist es, der die Zusammenhänge zwischen den Morden und den Reisenden herstellt. Der Name Gervase Fen hat nicht nur in der Wissenschaft einen guten Klang. As Amateur-Detektiv konnte der etwas zerstreute Sprachforscher schon mehrfach auf sich aufmerksam machen. Dieses Mal erhalt Fen Rückendeckung von einem alten Freund, Sir Richard Freeman, besagtem Polizeichef von Oxford.

Robert Warner, der Dramatiker, sieht in Oxford der Aufführung seines neuen Stückes entgegen. In der letzten Zeit hat er ein Pech gehabt, sodass er nun in der Theaterprovinz sein Heil suchen muss. Auch unter den Schauspielern gärt es. Besonders die wenig begabte aber sehr von sich eingenommene und allgemein verhasste Yseut Haskell sorgt für Aufregung. Angesichts ihrer ständigen Intrigen und notorischen Unzuverlässigkeit ist es vielleicht kein Wunder, dass sie einem wahrlich theatralischen Mordanschlag zum Opfer fällt. Die Schar der Verdächtigen ist überschaubar aber groß, und wie das so üblich ist bei einem Verbrechen unter lockeren Künstlern, ist es mit den Alibis nicht weit her.

Gervase Fen ist sich sicher, den Mörder bereits zu kennen. Nur an Beweisen fehlt es noch. Während der Professor und die Polizei eifrig ermitteln, ist der Mörder ebenso fieberhaft damit beschäftigt, seine Spuren zu verwischen. Deshalb kommt der zweite Mord für alle Beteiligten völlig überraschend …

Ein später König des Rätselkrimis

„Mord vor der Premiere“, das Debut des Kriminalschriftstellers Edmund Crispin, erschien noch während des Zweiten Weltkriegs. Der Alltag der Zivilbevölkerung fließt immer wieder und quasi nebenbei in die Handlung ein, die sich dadurch vom typischen britischen „Landhaus-Krimi“, der jeglicher Realität in der Regel enthoben ist, abhebt. Sogar ein Sexleben wird den Protagonisten behutsam zugebilligt: Agatha Christie hätte sich wahrscheinlich eher die Schreibhand abgehackt!

Natürlich wirkt „Mord vor der Premiere“ Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung trotzdem altmodisch. Das dürfte schon 1944 ähnlich gewesen sein. Man bedenke: Zu diesem Zeitpunkt hatten Raymond Chandler und Dashiell Hammett ihre wichtigsten, das Genre Kriminalroman entscheidend prägenden Werke bereits veröffentlicht! Der junge Nachwuchsautor wählte mit dem „Whodunit“ nicht nur eines der ältesten Krimi-Genres überhaupt, sondern trieb dessen Weltfremdheit mit voller Absicht auf die Spitze, ohne eine Parodie zu planen.

Als Debüt lieferte Crispin nicht nur eine achtbare, sondern eine vorzügliche Story, die ihn sogleich in die Reihen der britischen Thriller-Elite katapultierte. Dabei geht er auf Nummer Sicher. Die Handlung ist als Kriminalrätsel konzipiert, die den Leser unterhalten und ihm nach und nach dieselben Wege zu einer Lösung eigen soll, die auch Gervase Fen entdeckt. Bis es dazu kommt, schlägt Crispin freilich manchen unerwarteten Haken. Wir erwarten es und freuen uns darüber. Als Bonus gibt es jenen spinnwebfeinen Unterton der Ironie, den in dieser scheinbaren Leichtigkeit offenbar nur die englischen Autoren beherrschen.

Cover der (gekürzten) Ausgabe von 1976

Theater, Theater …!

Die Figurenzeichnung passt sich dem Plot an. Selbstverständlich sind die Charaktere überzeichnet und angemessen skurril, wie wir es aus unzähligen britischen Komödien kennen. Nicht überraschend dürfte sein, dass gerade diese Künstlichkeit sie für den heutigen Leser so nostalgisch-lebendig wirken lässt. Da sich die Ereignisse in einem Theater abspielen, kann Crispin dem Thespis-Affen ordentlich Zucker geben: Bekanntlich sind Künstler lockere und exzentrische Zeitgenossen, die in Wort und Tat zu (theatralischen) Übertreibungen und Gefühlsausbrüchen neigen.

Die Figur des berühmten aber menschlich widerwärtigen Hauptdarstellers, den wenig betrauert des Mörders Instrument trifft, ist ein besonderes Klischee, das Crispin zwar mit Wonne einsetzt, dann aber plötzlich bricht: Die Handlung nimmt eine gänzlich unerwartete Fortsetzung, die Spannung steigt erneut. Der Autor hat noch Reserven, die er ins Feld führen kann.

Ansonsten geht es recht gemächlich zu in diesem Krimi; dem ehrwürdigen Schauplatz Oxford angemessen, möchte man meinen. Die Welt des Theaters, die auf mehr auf Schein als auf Sein, über Falltüren und unter künstlichen Himmeln aufgebaut ist, war immer sehr beliebt als Schauplatz literarischer Verbrechen. Die Kulissen sind übersichtlich, das Ensemble ist es auch, und so kann der Schriftsteller-Novize leichter die Übersicht behalten.

Der Kreis schließt sich klassisch

Des Rätsels Lösung ist angemessen vertrackt, sie wird standesgemäß vom Amateur-Detektiv im Beisein aller Verdächtigen präsentiert, während sich die Polizei bescheiden im Hintergrund hält, und endet in einer großen Verfolgungsjagd, die den Täter mit der Unterstützung eines auf dramatische Wirkung bedachten Schicksals der schnöden irdischen Gerechtigkeit enthebt.

Was einem weniger gewandten Schriftsteller zum plumpen Gottesurteil hätte gerinnen können, fügt sich bei Crispin harmonisch in die Handlung. Dies gilt auch für die zahlreichen Anspielungen und Zitate auf und aus der antiken und der englischen Literatur. Auch an diesem Subtext erkennt man die Krimi-Kunst einer vergangenen Epoche. Crispin war ein gelehrter Mann, ein wahrer „Oxford-Don“, der sein Wissen gern spielerisch einfließen ließ. Man kann diese akademischen Anwandlungen bei der Lektüre ignorieren – die Geschichte bleibt dennoch verständlich –, aber sie steigern natürlich das Vergnügen an diesem (endlich auch in Deutschland neu und ungekürzt übersetzten) Krimi-Klassiker!

Autor

Edmond Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines schmalen Werkes zu den großen Autoren des klassischen englischen Kriminalromans. Eigentlich war er Musiker; zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford, wo er auch moderne Sprachen studiert hatte, später Komponist, der neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf.

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Montgomery/Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen. Nach 1951 widmete sich Montgomery zunächst seiner musikalischen Laufbahn und später zunehmend dem Alkohol, bevor er nach 26 Jahren Fen noch einmal zurückkehren ließ, womit er ihm und den Lesern nach Ansicht der Literaturkritik keinen Dienst erwies. Zu diesem Zeitpunkt war Montgomery längst ein ausgebrannter, von Krankheit gezeichneter Mann. Er starb 1978.

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Die Gervase-Fen-Serie von Edmund Crispin:

(1944) Mord vor der Premiere (The Case of the Gilded Fly/Obsequies at Oxford) – DuMont KB 1080
(1945) Heiliger Bimbam (Holy Disorders) – DuMont KB 1105
(1946) Der wandernde Spielzeugladen (The Moving Toyshop) – DuMont KB 1123
(1947) Schwanengesang (Swan Song/Dead and Dumb) – DuMont KB 1129
(1948) Liebe stirbt zuerst (Love Lies Bleeding) – DuMont KB 1134
(1948) Mit Freuden begraben (Buried for Pleasure) – DuMont KB 1137
(1950) … vorm Tor der Leichenwagen (Frequent Hearses/Sudden Vengeance) – UK 740
(1952) Anonyme Briefe/Giftbriefe (The Long Divorce/A Noose for Her) – UK 835/GK 5245
(1977) Der Mond bricht durch die Wolken (The Glimpses of the Moon) – GK 5205

DuMont KB = DuMont Kriminal-Bibliothek
GK = Goldmann Kriminalroman
UK = Ullstein Kriminalroman

[md]

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Sherlock Holmes und Jack the Ripper

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Oktober 2011

Ellery Queen
Sherlock Holmes und Jack the Ripper
Eine Studie des Schreckens

(sfbentry)
Originaltitel: A Study in Terror (New York : Lancer Books, Inc. 1967)
Deutsche Erstausgabe (als „Sherlock Holmes gegen Jack the Ripper“): 1967 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 1114)
Übersetzung: N. N.
155 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1989 (DuMont Verlag/DuMont’s Kriminal-Bibliothek Nr. 1017)
Übersetzung: Manfred Allié
203 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-2188-5

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Das geschieht:

London im Spätherbst des Jahres 1888 zittert vor Jack the Ripper, dem unheimlichen Serienmörder, der seine weiblichen Opfer in infernalischer Rage in Stücke schneidet. Seltsamerweise kümmert sich ausgerechnet ein Mann, der dem Psychopathen die Stirn bieten könnte, nicht um dessen Untaten. Meisterdetektiv Sherlock Holmes steht auf dem Standpunkt, dass der geistesgestörte Schlächter eher früher als später der Polizei in die Arme laufen wird.

Aber Holmes wird herausgefordert. Anonym schickt man ihm ein kostbares Operationsbesteck ins Haus – das Skalpell fehlt. Die Ermittlungen führen Holmes und den getreuen Dr. Watson in das vornehme Haus des Herzogs von Shires. Dieser erkennt die Instrumente als Besitz seines missratenen Sohnes. Nachdem Michael in Paris, wo er angeblich Medizin studierte, eine Dame von üblem Ruf geehelicht hatte, wurde er vom Vater verstoßen. Kurz darauf verschwand Michael spurlos.

Holmes entdeckt ihn wenig später in einem Armenhaus mitten in London. Der Verschollene hat den Verstand verloren. Ist er der wahnsinnige Ripper? Es gibt andere Verdächtige. Holmes und Watson dringen tief in die verrufenen Slums des Stadtteils Whitechapel vor. Der Ripper mordet quasi vor seinen Augen und genießt das blutige Spiel – bis er sich ein Stück zu weit aus der Deckung wagt …

78 Jahre später wird in New York dem bekannten Schriftsteller und Amateur-Kriminologen Ellery Queen ein Manuskript zugespielt, in dem Dr. Watson die Ripper-Story erzählt. Holmes hatte ihm die Veröffentlichung untersagt. Dazu hatte er wohl gute Gründe, findet Queen heraus: Der angebliche Mörder kann die Verbrechen, derer er beschuldigt wurde, gar nicht begangen haben. Fasziniert rollt Queen den Fall noch einmal auf – mit überraschendem Ergebnis …

Ein Gentleman redet nicht darüber

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte und der prominenteste Serienmörder der Kriminalhistorie begegneten. Sherlock Holmes und Jack the Ripper waren im Jahre 1888 beide in London ansässig und aktiv, wenn man so sagen darf. Ersterer wird den grässlichen Untaten des Letzteren wohl kaum tatenlos zugesehen haben; schließlich hat Holmes den finsteren, aber nicht annähernd so üblen Professor Moriarty viele Monate erbittert verfolgt, bis er ihn endlich stellen konnte.

Doch die Geschichte von Holmes’ Jagd auf Jack the Ripper blieb den treuen Lesern von Dr. Watson lange unbekannt. Sie wird uns hier auch nicht wie üblich von Arthur Conan Doyle (1859-1930), Watsons literarischen Agenten, erzählt. Stattdessen deckt Holmes‘ Enkel im Geiste Ellery Queen viel später die schmutzige Wahrheit auf. Ein viktorianischer Gentleman wie Doyle hätte dies niemals getan. Sein Sherlock Holmes schwelgte in mysteriösen und höchst komplizierten, aber hochmoralischen, nie anstößigen Übeltaten, deren Urheber sich in der Regel ehrenvoll selbst entleibten, wenn sie erwischt wurden, um der Nachwelt Kummer und Peinlichkeiten zu ersparen.

Holmes & Watson in Jacks Schlachthaus

Tatsächlich sorgt es für nicht geringe Irritation zu lesen, wie Holmes über der zerfleischten Leiche eines Ripper-Opfers steht und Dr. Watson darauf hinweist, dass eine der Brüste entfernt und mitgenommen wurde. (Sie taucht später in der Höhle des Rippers wieder auf.) Derartiger Realismus bekommt dem Holmes-Mythos nicht wirklich. Doyle hat dies gewusst und die Rippermorde deshalb niemals für seine Kriminalgeschichten adaptiert (oder ausgeschlachtet, wenn man so will …). Auch Holmes‘ bemerkenswerte Ortskenntnis in Opiumhöhlen, Spelunken, Bordellen und ähnlichen Lasterhöhlen wurde von Doyle nur stillschweigend vorausgesetzt.

Queen redet dagegen Klartext, denn 1967 war solche Zurückhaltung bereits von der Zeit überholt. Das Spiel mit alten, scheinbar sakrosankten Regeln kann durchaus reizvoll sein. Also blies Queen frischen Wind ins nebelverhangene viktorianische London. Aber er klebt dann doch zu sehr an der geheiligten Vorlage. Zudem finden wir Kinder des ach so fortschrittlichen 21. Jahrhunderts Queens Schilderungen der Ripper-Schlachtfeste recht zahm und zurückhaltend, was den Lesespaß einschränkt, hebt es doch hervor, wie angestaubt die vorliegende Story inzwischen ist. Die Auflösung funktioniert, aber zufrieden stellt sie nicht. Der Weg dorthin ist mit vielen überflüssigen Ratespielchen – Holmes enträtselt allerlei Passanten, Watson staunt und lässt sich ausgiebig erklären –, aber leider mit wenig Dramatik gepflastert. Da hat sich Doyle mehr Mühe gegeben und sich nicht gar zu sehr auf den Ruhm seiner Helden verlassen!

Eine Geschichte aus zwei Welten

Die eigentliche Crux ist freilich der Autoren Entschluss, der Holmes & Watson-Story eine Rahmenhandlung überzustülpen, die uns in die ‚Gegenwart‘ des Jahres 1966, in das moderne New York und in die Luxusbehausung des Ellery Queen entführt. Den beobachten wir nun dabei, wie er das Watson-Manuskript liest, sich mit einem widerspenstigen neuen Roman und seinem penetranten Vater herumschlägt, von einem nichtsnutzigen Freund belästigt wird, dem endlich die Frau seines Lebens begegnet, und schließlich das Geheimnis des wahren Rippers lüftet. Das ist weder unterhaltsam noch überzeugend, aber es schlägt den Bogen von Sherlock Holmes zu seinem Nachfahren Ellery Queen – und garantiert den Bestseller-Erfolg, da die nicht gerade zahlenschwache Anhängerschar beider Detektive zu diesem Buch greifen wird. Diese Rechnung ging denn auch auf.

Detektive stehen neben sich

Holmes ist Holmes, und Watson bleibt Watson. Das ist zunächst eine gute Nachricht, die sich bei näherer Betrachtung allerdings relativiert. Schon der zeitgenössischen Kritik sind diverse Brüche aufgefallen. So heißt Holmes seinen nun einmal geistig nicht so regen Watson böse einen Deppen, als dieser einen verständlichen Fehler begeht. Später stellt er Watson in einer dunklen Gasse und verprügelt ihn, weil er ihn mit dem Ripper verwechselt. Überhaupt ist der Detektiv dieses Mal recht jähzornig. Gleichzeitig zeigt er sich ungewöhnlich fortschrittlich, als er allen Ernstes erwägt, der Ripper könne auch eine Frau sein. Bei aller geistigen Freiheit der späteren Holmes-Imitatoren: Das hätte ein Gentleman des späten 19. Jahrhunderts nicht einmal im Traum gedacht!

Der arme Watson muss dieses Mal die undankbare Rolle des tumben Fackelträgers übernehmen, der dem Genie den Weg ausleuchtet. Das hat ihm Arthur Conan Doyle niemals zugemutet, sondern immer deutlich gemacht, dass Watson Holmes ergänzt und dieser mit dem Gefährten nicht doppelte, sondern vierfache Leistung erbringt.

Noch schlimmer ergeht es Ellery Queen, der dieses Mal völlig blass bleibt. Kein Wunder, hat er doch in dieser Geschichte eigentlich nichts verloren. Begibt er sich nicht selbst auf Gaunerjagd, bleibt er ein eindimensionaler Charakter. Und weil er nun einmal dazugehört, quetscht Queen (der Autor) mehr schlecht als recht auch noch den alten Inspektor Richard Queen in die Handlung. Über den Laffen Grant Ames III. und seine lahme Odyssee auf der Suche nach dem Absender des Watson-Manuskriptes sei hier in Anerkennung früherer Queen-Verdienste der Mantel des Schweigens gedeckt.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Auch „Sherlock Holmes & Jack the Ripper“ ist eigentlich kein ‚echter‘ Ellery-Queen-Thriller mehr, sondern eher ein Roman zum Film. „A Study in Terror“ (dt. 2Sherlock Holmes‘ größter Fall“) entstand mit John Neville und Donald Houston als Sherlock Holmes und Dr. Watson unter der Regie von James Hill bereits 1965 in Großbritannien. Das Drehbuch verfassten Donald und Derek Ford. Es ist etwa identisch mit dem 1888 in London spielenden Handlungsstrang. Ellery Queen kommt in diesem Streifen nicht vor.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Anmerkungen

Es gibt noch einen zweiten, ungleich gelungeneren Film, der Holmes mit dem Ripper konfrontiert: „Murder by Decree“ (GB 1968, dt. „Mord an der Themse“), mit Christopher Plummer und James Mason als Sherlock Holmes und Dr. Watson; Regie: Bob Clark.

Erwähnt werden sollte schließlich „The Last Sherlock Holmes Story“ (1978, dt. „Der letzte Sherlock-Holmes-Roman“), in dem Autor Michael Dibdin den Beweis führt, dass Sherlock Holmes höchstpersönlich der Ripper war …

Ein Meer von Websites widmet sich Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv in allen seinen Facetten. Da wundert es nicht, dass es darunter (mindestens) eine Website gibt, die sich speziell mit Holmes und dem Ripper beschäftigt .

[md]

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Titel bei Amazon.de (DuMont-Ausgabe)
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Hardball

Erstellt von Michael Drewniok am 2. Oktober 2011

Sara Paretsky
Hardball

(sfbentry)
Originaltitel: Hardball (New York : G. P. Putnam’s Sons 2009)
Übersetzung: Monica Bachler
Deutsche Erstausgabe: April 2011 (Dumont Verlag/TB Nr. 6160)
512 S.
ISBN-13: 978-3-8321-6160-6
Als eBook: Juli 2011 (Dumont Verlag)
ISBN-13: 978-3-8321-8563-3

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Das geschieht:

Privatdetektivin Victoria Iphigenia Warshawski ist von einer Europareise ins heimatliche Chicago zurückgekehrt. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und ist pleite, weshalb sie umgehend ihre Arbeit aufnehmen will. Stattdessen muss Vic Familienpflichten und einen denkbar ‚kalten‘ Fall übernehmen. Cousine Petra, muntere 22 Jahre jung und der Fürsorge ihrer Eltern Peter und Rachel endlich entschlüpft, ist als Praktikantin für Brian Krumas tätig, der Senator des US-Staates Illinois werden möchte. Dabei scheint sie in gefährliche Kreise abgedriftet zu sein: In Vics Büro wird eingebrochen, es wird verwüstet. Die Überwachungskamera zeigt drei vermummte Gestalten, doch Vic erkennt trotzdem ihre Cousine unter den Tätern. Zur Rede stellen kann sie Petra nicht, da diese seither spurlos verschwunden ist. Detective Bobby Mallory nimmt Vic in die Zange, und zu allem Überfluss reisen Peter und Rachel an, um ihr Vorwürfe zu machen.

Als Detektivin gerät Vic an die Schwestern Ella Gadsden und Claudia Ardenne. Beide sind alt und krank. Bevor ihr Leben endet, will vor allem Claudia Gewissheit über das Schicksal ihres Neffen Lamont Gadsden, der seit 1967 verschollen ist. Vic übernimmt den aussichtslosen Fall und fahndet nach Personen, die Lamont, einen Kleinkriminellen und wohl auch ein Bandenmitglied, einst kannten. Ihre Suche führt zurück in die schwierige Zeit der Rassenunruhen, die in den 1960er Jahren auch in Chicago für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gesorgt hatten. Die damals geschlagenen Wunden sind auf beiden Seiten keineswegs verheilt.

Vics Ermittlungen rücken eine Reihe damals junger Männer in ein unschönes Licht. Heute sind sie vermögend, politisch einflussreich und verfügen über Mittel und Männer, unliebsame Schnüffeleien nachdrücklich zu unterbinden. Zu ihrem Kummer scheint auch Vics verstorbener Vater 1967 in düstere Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Bald wird es für die Detektivin allerdings wichtig, lange genug zu überleben, bis sie ihren übermächtigen Gegnern mit handfesten Beweisen entgegentreten kann …

Stadtgeschichte im Kriminalroman

Seit jeher schreibt Sara Paretsky nicht ‚nur‘ Kriminalromane. Sie übt auf unterhaltsame Weise Kritik an politischen und gesellschaftlichen Missständen, prangert Rassismus, Diskriminierung und verstärkt den Verlust von Menschenrechten an, die spätestens seit dem 11. September 2001 von und in den USA Stück für Stück außer Kraft gesetzt wurden.

„Hardball“ bildet eine Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In einem ausführlichen Nachwort schildert Paretsky, wie sie 1966 als junge Frau nach Chicago kam, wo sie im Rahmen eines Sozialpraktikums mit Kindern arbeitete. Als politisch interessierter Mensch nahm sie die aufkommende Bürgerrechtsbewegung und die ihr feindlichen Gegenströmungen unmittelbar wahr – ein Sommer, den sie die prägende Zeit ihres Lebens nennt.

Viele der von der Autorin selbst erlebten Ereignisse fließen in „Hardball“ ein. Wer damals dabei war, erinnert sich gut – im Positiven wie im Negativen, da die Unruhen jenes Jahres die Menschen zwang, Stellung zu beziehen. Die Entscheidung pro oder contra Gleichberechtigung spaltete Gemeinden, Freundschaften, Familien. Die daraus resultierenden physischen Wunden sind nur oberflächlich verheilt.

Paretsky vermeidet simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen. ‚Böse‘ weiße Rassisten kämpfen daher nicht gegen ‚edle‘ schwarze Bürgerrechtler. Eine der Gruppen, die 1967 Martin Luther King beschützten und Kinderhorte einrichtete, mutiert im Roman zur Straßengang der „Anacondas“, die ihre Drogen an Menschen aller Hautfarben verkaufen und auch in Sachen Mord ohne Vorurteile sind.

Geschichte und Gegenwart

1967 scheint für einen Großteil heutiger Leser in der Urzeit zu liegen. Tatsächlich stellen vier Jahrzehnte kein Menschenalter dar. Wer damals jung aber schon aktiv war, ist heute älter, kann aber immer noch aktiv sein. Paretsky geht von der Prämisse aus, dass einige damals Steine werfende, Hassparolen schreiende Männer zu prominenten Mitgliedern der Chicagoer High Society aufgestiegen und damit automatisch ehrenwert geworden sind.

Doch sie haben einen Mord begangen und bei der Vertuschung weitere Kapitalverbrechen begangen, die auch das Establishment nicht dulden kann, sollte die Öffentlichkeit Wind davon bekommen. Deshalb – so Paretsky – werden die Betroffenen wie vor vierzig Jahren gewalttätig. Inzwischen hat sich die Palette ihrer Möglichkeiten freilich erweitert. Sie müssen sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen. Die enge Verknüpfung von Geld und Macht ermöglicht die Instrumentalisierung von Polizei und Justiz. So genügt es, V. I. Warshawski vage die Verwicklung in terroristische Umtriebe zu unterstellen, um eine mächtige Maschinerie in Gang zu setzen, die nicht nur Paretsky an Kafka erinnert.

Auf der Strecke bleiben Gerechtigkeit und Moral. Beinahe rührend wirkt Warshawski, die sich immer wieder als Verfechterin altmodisch scheinender, dem globalisierten 21. Jahrhundert nicht zweckdienlicher Werte positioniert. Dabei ist sie weder zurückhaltend oder zimperlich nach Gutmenschen-Art, sondern provozierend deutlich und stets bereit, auch unschöne Dinge beim Namen zu nennen.

Der Preis der Freiheit – der Job

V. I. Warshawski ist keine einfach gestrickte oder besonders sympathische Figur. Sie ist jähzornig, ein Kontrollfreak, voreilig, widerborstig aus Prinzip. Damit erhebt Paretsky sie nicht zur Weltenretterin und rettet sie vor einer unrealistischen Idealisierung. Sie lässt Warshawski ihren Preis für die Offenheit zahlen, die diese für sich beansprucht. In „Hardball“ lässt sie die entsprechenden Sünden Revue passieren: Eine Karriere im Staatsdienst hat sie sich aufgrund ihrer Kompromisslosigkeit verbaut, der Aufbau einer einträglichen Firma gelingt ihr nicht: Ihre beachtlichen kriminologischen Fähigkeiten investiert Warshawski immer wieder in Fälle, die ihren Gerechtigkeitssinn ansprechen aber dem Kontostand schaden. Dieses Mal lässt sie sich auf das besonders aussichtslose Unterfangen einer Personenfahndung ein, deren Ziel seit Jahrzehnten verschollen ist.

Dank kann Warshawski selten erwarten; in dieser Hinsicht geht es ihr wie den klassischen Detektiven des Genre-Krimis. Selbst die Mutter des verschwundenen Lamont Gadsden honoriert Warshawskis Mühen keineswegs. Wie üblich zahlt die Detektivin buchstäblich drauf. Beschädigtes Inventar, Streit und Körperverletzung gehen auf eigene Rechnung.

Der Preis der Freiheit – privat

Auch privat ist V. I. Warshawskis Leben eine Dauerbaustelle. Wieder einmal ist eine Beziehung in die Brüche gegangen. Selbst enge Freunde – ihre Zahl hält sich ohnehin in Grenzen – kommen nicht umhin, Warshawkis ausgeprägte Eigenheiten und vor allem ihre Ungeduld als Ursachen anzusprechen. Das Ergebnis sind kurzfristige Depressionsphasen, aus denen Warshawski indes niemals lernt.

Deshalb lässt sie sich auch im 13. Band der Serie vom steinalten Nachbarn Mr. Contreras und von ihren beiden Hunden auf der Nase herumtanzen. Als Verstärkung kommt dieses Mal die aufreizend lebenslustige Cousine Petra hinzu, die der Detektivin den Verlust jugendlicher Unbekümmertheit besonders deutlich signalisiert.

Auf 500 eng bedruckten Buchseiten ist genug Platz für eine unheilvolle Reise in die Warshawskische Familiengeschichte. Vic vergöttert die Mutter und verehrt den Vater. An dessen Vergoldung kratzt die Realität kräftig: Die Suche nach Wissen birgt stets das Risiko, mit unerwarteten und unwillkommenen Informationen konfrontiert zu werden. Vic muss lernen, dass ihr Vater nur ein Mensch war.

Viel Altes, ein wenig Neues

Vor gut recherchiertem Hintergrund erzählt Paretsky eine gediegene Kriminalstory bekannten Musters. Auch Vic Warshawski führt kein so aufregendes Leben, dass 13 Bücher mit originellen Geschichten gefüllt werden könnten. Vertraute Feindbilder werden neu arrangiert, bekannte Figuren tauchen auf. Der Leser will Warshawskis Welt zwar durcheinandergewirbelt aber keinesfalls zerstört sehen. So ist Mr. Contreras inzwischen angeblich über 90 Jahre alt, zeigt aber weiterhin keinerlei Anzeichen körperlichen oder geistigen Verfalls. Offenbar besitzt diese penetrante Figur eine eigene Fangemeinde.

Der Fortbestand zwischenmenschlicher Ungerechtigkeiten und eine unkonventionelle Heldin sorgen im Bund mit soliden Plots für Kriminalromane, deren Unterhaltungswert unter einem gewissen Tiefgang nicht leidet. Auf diese bewährte Weise kann (und wird) Sara Paretsky ihre Serie problemlos fortsetzen.

Autorin

Sara Paretsky (geb. am 8. Juni 1947 in Ames, Iowa) wuchs in Lawrence, Kansas, auf. 1966 zog sie nach Chicago, arbeitete sie als Sekretärin und begann sich zu engagieren: Dies waren die Jahre, in denen die Jugend der USA gegen den Krieg in Vietnam, den Rassismus im eigenen Land und für die Menschenrechte protestierte. Paretsky fügte dem noch ihren Kampf für die Rechte der Frau hinzu. Konsequent verwirklichte sie diese für die eigene Person, studierte Wirtschaft und Geschichte, promovierte 1977 und arbeitete bis 1985 als Verkaufsmanagerin einer großen Versicherungsgesellschaft.

1986 beschloss Paretsky eine Laufbahn als hauptberufliche Schriftstellerin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits drei Romane um Vic Warshawsky, eine Privatdetektivin in Chicago, verfasst, die von den beruflichen und persönlichen Erfahrungen ihrer geistigen Mutter profitierte. Sara Paretsky gehört zu den Autorinnen, die in den 1980er Jahren dem Genre wichtige Neuimpulse gaben. Der ehrwürdige Kamillentee-Lady-Thriller wurde endlich ergänzt vom modernen „Privat-Eye“-Krimi, dessen Protagonistinnen nicht als Abziehbilder ihrer hartgesottenen männlichen Vorbilder agierten, sondern überzeugend eigene Wege gingen.

Paretskys V. I. Warshawski hat inzwischen die meisten fiktiven Detektiv-Kolleginnen (und eine wahrhaft schauerliche Hollywood-Verfilmung) überlebt und hält ihre Ideale weiterhin eisern hoch. Die Autorin gründete außerdem die „Sisters in Crime“, eine Organisation, die weibliche (Nachwuchs-) Autoren fördert und deren erste Präsidentin sie war.

Website

Titel bei Buch24.de
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Titel bei Booklooker.de

Die V.-I.-Warshawsky-Reihe

(1982) Schadenersatz (Indemnity Only)
(1984) Deadlock (Deadlock)
(1985) Fromme Wünsche (Killing Orders)
(1987) Tödliche Therapie (Bitter Medicine)
(1988) Blood Shot (Blood Shot)
(1990) Brandstifter (Burn Marks)
(1992) Einer für alle (Guardian Angel)
(1994) Engel im Schacht (Tunnel Vision)
(1999) Die verschwundene Frau (Hard Time)
(2001) Ihr wahrer Name (Total Recall)
(2003) Blacklist (Blacklist)
(2005) Feuereifer (Fire Sale)
(2009) Hardball (Hardball)
(2010) Body Work (noch kein dt. Titel)

1996 erschien unter dem Titel Windy City Blues (dt. unter identischem Titel) eine Sammlung von V.-I.-Warshawsky-Kurzgeschichten.

[md]

ZUM SFBASAR.DE-PREISRÄTSEL/GEWINNSPIEL: 3 x 1 (KOSTENLOSES!) EXEMPLAR: Sara Paretsky – Hardball.

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Der Mordfall Canary

Erstellt von Michael Drewniok am 12. August 2011

S. S. Van Dine
Der Mordfall Canary

(sfbentry)
Originaltitel: The Canary Murder Case (New York : C. Scibner’s Sons 1927/London : Ernest Benn Limited 1927)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Fall der Margaret Odell“): 1931 (Ullstein Verlag)
Übersetzung: Hans Schiebelhuth
310 S.
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: 1996 (DuMont Verlag/DuMont’s Kriminal-Bibliothek Nr. 1062)
Übersetzung: Manfred Allié
276 S.
ISBN-13: 978-3-7701-3118-1
Letzte Auflage: Mai 2002
ISBN-13: 978-3-7701-5401-2

(Eine grausam auf 127 Seiten gekürzte und deshalb zu meidende Fassung erschien 1973 unter dem Titel „Mordakte Kanarienvogel“ in der Reihe „Crime Classic“ Nr. 1515 des im Wilhelm Heyne Verlags.)

Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Auf dem Broadway von New York galt sie als absoluter Bühnenstar, doch nun liegt Margaret Odell, liebevoll „The Canary“ (= Kanarienvogel) genannt, brutal erdrosselt in ihrer kleinen aber luxuriösen Wohnung. Für die Presse ist dieser Mord ein Fest, für die Polizei jedoch ein Albtraum. Eine rasche Aufklärung des Falls ist geboten, weshalb Bezirksstaatsanwalt John F.-X. Markham persönlich die Ermittlungen leitet.

Wie starb der Kanarienvogel? Die Leiche wurde in einem von vergitterten Fenstern geschützten Raum entdeckt, der nur durch eine einzige, zudem fest von innen verschlossene Tür zu betreten ist. Die Wohnung wurde durchsucht und Schmuck gestohlen, was den etwas beschränkten Sergeant Heath von der Mordkommission an einen Raubmord denken lässt. Markham würde sich da gern anschließen, doch wie wurde die Tat begangen?

Zu Markhams Freunden gehört der Kunstsammler Philo Vance, ein kauziger aber hochintelligenter Mann, der dem Staatsanwalt vor einiger Zeit sehr erfolgreich in einem Mordfall beraten hat. Hilfe suchend wendet sich Markham erneut an Vance, der sich tatsächlich anheuern lässt. Den Mord betrachtet er als intellektuelle Herausforderung und sorgfältig geplantes Verbrechen, denn Miss Odell sang nicht nur, sondern erpresste gern ihre männlichen Begleiter, die sorgfältig nach gesellschaftlichem Status und Vermögen ausgesucht wurden.

Vier Verdächtige gibt es: den honorigen Fabrikanten Kenneth Spotswoode, den Pelzhändler Louis Mannix, den Lobbyisten und Nachtclub-Besitzer Charles Cleaver sowie den Modedoktor Ambroise Lindquist. Alle weisen sie hieb- und stichfeste Alibis nach, die Vances Nachforschungen nur bedingt standhalten. Die Lösung des Rätsels scheint indes an der Unmöglichkeit der Tat zu scheitern, bis Philo Vance die losen Fäden eines fast perfekten Verbrechens zu einem Knoten schnürt …

Die Macht der Täuschung

Traue deinen Augen nicht, wenn Menschen in ein Rätsel verwickelt sind, denn entweder lügen sie, oder sie irren sich. Dieses Urteil schließt nach Ansicht von Philo Vance sogar eine heilige Kuh der Kriminalistik ein: den Glauben an die Unfehlbarkeit des Indizes. „Der Mordfall Canary“ belegt prompt diese Aussage, die auch dem Krimileser recht provozierend in den Ohren klingt, gilt doch das Indiz seit Auguste Dupin und Sherlock Holmes bis heute vor allem in seiner Inkarnation als versehentlich am Tatort zurückgelassene Spur im Zweifelsfall als alles entscheidender Hinweis.

Wieso dies nicht so ist bzw. sein muss, erläutert Philo Vance einem ungläubigen John Markham im einleitenden Kapitel von „Der Mordfall Canary“. 1927 war ein Referat als Auftakt eines Kriminalromans noch möglich; die Leser ließen es sich gefallen und erwarteten sogar, dass ihnen die Regeln des sich anschließenden Spiels erläutert wurden.

Weil S. S. Van Dine zu den Autoren gehörte, die diese Regeln entscheidend mitgestalteten, galt es ihm erst recht zu lauschen. Mit dem ihm eigenen Geschick trat er denn auch umgehend den Beweis an und wählte dafür infam ein „locked room mystery“, d. h. den prinzipiell nicht möglichen Mord in einem fest verschlossenen Raum, der wenige mysteriöse und miteinander vermeintlich unvereinbare Hinweise auf den Täter enthält. In dieser Umgebung mussten sie zum Schlüssel werden.

Der lange Weg zu des Rätsels Lösung

Zunächst wiegt uns Van Dine auch in dieser Sicherheit und arbeitet brav die Liste der vorhandenen Indizien ab. Bald kommt er jedoch auf seine anfänglich geäußerte These zurück und setzt diese im zweiten Teil des Romans zu immer neuen, zunächst sehr logisch klingenden Szenarien zusammen, die sich wiederholt als Fehlinterpretationen herausstellen.

Weil der Detektiv Philo Vance heißt, reibt er dies dem armen Markham und damit auch uns Lesern allzu gern unter die Nase. Obwohl wir ihn ob seiner Überheblichkeit gern in den Hintern treten möchten, müssen wir zugeben, dass im Recht ist. Als Vance das Rätsel schließlich (und selbstverständlich im Rahmen eines großen Finales, das alle Verdächtigen an einem Ort versammelt) lüftet, erweist es sich als nicht einmal besonders kompliziert, sofern man sich nicht gar zu fest in die vorgeblichen Beweise verbissen hat.

Eine interessante Lektion lernen wir Krimifreunde auf diese Weise – und ein Lehrstück ist „Der Mordfall Canary“ tatsächlich; dafür sorgt S. S. Van Dine, der nie ein Problem damit hatte, auf sein einschlägiges Fachwissen zu pochen. Als Leser zahlt man dafür seinen Preis: Van-Dine-Krimis sind klar konstruierte Geschichten, die mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufen. Gefühle sind Elemente des Puzzles, das mit reiner, emotionsfreier Geisteskraft zusammengesetzt wird. Keine Person in diesem Roman ist sympathisch – am wenigsten der ermittelnde Detektiv – oder weckt unser Mitgefühl. Wo Sherlock Holmes trotz seiner intellektuellen Kühle immer noch einnehmend wirkt, ist Philo Vance schier unerträglich.

Mr. Vance weiß es besser

Ein Snob sei er nicht, obwohl ihm genau dies oft vorgeworfen werde, argumentiert Anwalt Van Dine (der als fiktiver Chronist Vances Taten dokumentiert und kommentiert); Vance stehe aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten und seines Wissens einfach auf einer höheren Stufe als die Mehrheit seiner Zeitgenossen, denen dieser Weg nach oben durch Herkunft und die Verpflichtung zu alltäglicher Brotarbeit verschlossen bleibt. So ‚begründet‘ ist es nicht Arroganz, die Vance von der Masse trennt, sondern seine eingeschränkte Möglichkeit, mit dieser zu kommunizieren.

Wenn man weiß, dass Willard Huntington Wright, der unter dem Pseudonym S. S. Van Dine schrieb, hier seiner eigenen Überzeugung Ausdruck verlieh (die er realiter auch lebte), wirkt diese Interpretation nicht gar zu verlogen. Für ein vom Alltagsschmutz nicht beflecktes Superhirn wie Philo Vance mögen seine Mitmenschen in der Tat nichts als Schachfiguren sein. Das schließt Vertraute wie Van Dine und ‚Freunde‘ wie Markham ausdrücklich ein. Selbst sie können Vance nur ein kleines Stück auf dessen geistigen Höhenflügen begleiten.

Vance ist als Masterhirn eine singuläre Erscheinung. Darüber hinaus ist er von Geburt Angehöriger der (New Yorker) Oberschicht, die in den „Mordfall Canary“ verwickelt ist. Der gemeine Polizeibeamte hat in diesem Jahr 1927 nicht das Recht, gegen Männer von Stand und Einfluss zu ermitteln. Was das bedeutet, zeigt sich im Vernehmungsstil: Markham und Vance empfangen potenzielle Verdächtige in vornehmen Clubs und fassen sie mit Glacéhandschuhen an. Berufsdieb Skeel wird hinter den dicken Mauern einer Polizeiwache ‚vernommen‘, d. h. in die Mangel genommen, bedroht und geprügelt – eine Selbstverständlichkeit, die nicht einmal das Opfer in Frage stellt.

Die gerade noch Goldenen Zwanziger

Selbstverständlich sorgt der Bezirksstaatsanwalt für den guten Ruf der prominenten Verdächtigen. Sie haben sich zwar mit dem Kanarienvogel vergnügt und sich im Urteil ihrer Klasse damit in die Gosse begeben. Deren Verdammung trifft sie jedoch nur, wenn diese Verfehlung an die Öffentlichkeit gerät; ansonsten wird stillschweigend gebilligt, dass auch feine Männer sich ihre Hörner abstoßen müssen – eine Heuchelei, für deren Ende wir den modernen Medien endlich einmal dankbar sein können.

Die Welt des Philo Vance ist in diesem Jahr 1927 bereits vom Untergang bedroht. Der ‚plebs‘ beginnt die Oberschicht zu infiltrieren. Altes Geld wird in den Strudel der Weltwirtschaftskrise von 1929 geraten, was aber nur Teil einer Entwicklung ist, die zum grundlegenden Wandel der Gesellschaftsordnung führt. Van Dine geht selbst darauf ein, als er einfließen lässt, dass wenige Jahre nach dem „Mordfall Canary“ der Stuyvesant-Club, in dem Vance und der New Yorker ‚Adel‘ unter sich bleiben können, ersatzlos einem Wolkenkratzer weichen musste; Vance verlässt die USA und geht nach Europa, wo sich sein Lebensstil noch einige Zeit länger konservieren lässt.

Der Film zum Buch

„The Canary Murder Case“ wurde schon 1928 unter der Regie von Malcolm St. Clair mit der Starbesetzung William Powell (in der Rolle des Philo Vance), Luise Brooks (Margaret Odell) und Jean Arthur (Alys La Fosse) als einer der letzten Hollywood-Stummfilme gedreht und 1929 von Frank Tuttle zu einem Tonfilm umgearbeitet. Trotz der daraus resultierenden technischen Probleme wurde der kuriose Filmhybrid zu einem großen Kinoerfolg, was die zeitgenössische Popularität der Van-Dine-Romane unterstreicht.

Autor

S. S. Van Dine wurde als Willard Huntington Wright 1888 in Charlottesville, Virginia, geboren. Unter den Kriminalschriftstellern muss er geradezu als Patrizier gelten: Er besuchte diverse Colleges und schließlich die renommierte Harvard University. Dort wurde er als bester Student in den Fächern Anthropologie und Ethnologie ausgezeichnet.

1907 wechselte Wright in die Literaturredaktion der „Los Angeles Times“. Sechs Jahre schrieb er Kritiken zu Büchern und Theaterstücken. Ab 1915 arbeitete Wright als Kunst- und Musikkritiker. In raschem Wechsel wurde er für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig. Daneben verfasste Wright eine Reihe von Büchern über Kunst, Literatur und Musik, die in Fachkreisen als Standardwerke galten. 1916 entstand auch ein erster Roman.

1925 wurde Wright krank. Zwei Jahre ans Bett gefesselt, vertiefte er sich in das Studium sämtlicher bis dato erschienener Kriminalromane. Was er las, missfiel ihm meist und er beschloss, dem Genre höchstpersönlich Logik und Klasse einzuhauchen. Diese Fassung der Wrightschen Biografie wird immer noch gern nacherzählt; die Wahrheit ist wesentlich profaner: Der gelehrte Mann war seiner Leidenschaft für Alkohol und Drogen erlegen und darüber arbeitslos geworden. So warf er sich notgedrungen auf die leichte Muse, ohne dabei seine hohen eigenen Standards zu vergessen.

„The Benson Murder Case“ (dt. „Der Mordfall Benson“) markiert den Auftritt von Philo Vance, dem Mann, der W. H. Wright gern sein wollte. Um seine wissenschaftliche Reputation zu schützen – so streng waren die Sitten einst –, wählte er ein Pseudonym als Verfassernamen: Van Dyne war der Name seiner Großmutter mütterlicherseits.

Philo Vance schlug buchstäblich ein wie eine Bombe. Binnen kurzer Zeit war Wright saniert und konnte im Luxus leben wie sein Detektiv. Er hütete zunächst seine Identität, die schließlich doch gelüftet wurde, als Wright sich literaturwissenschaftlich dem Krimi widmete und u. a. Gebote für seine schreibenden Kollegen formulierte, die einen nachvollziehbaren Plot einforderten.

Wright schrieb insgesamt zwölf Philo Vance-Romane, die sämtlich verfilmt wurden. Auch für das Radio wurden sie bearbeitet. Seinen Reichtum genoss Wright in vollen Zügen. Als er im Jahre 1939 an einem Herzanfall starb, belief sich sein Erbe auf gerade noch 13.000 Dollar.

Die Philo Vance-Romane von S. S. Van Dine

Van Dines Romanwerk wurde niemals vollständig in Deutschland veröffentlicht. Die ersten sieben Bände liegen in ungekürzten und schön übersetzten Fassungen des DuMont Verlags und dort in der Reihe „DuMont’s Kriminal-Bibliothek“ – als „KB“ abgekürzt – vor.

(1926) The Benson Murder Case („Der Mordfall Benson“) – KB 1089
(1927) The Canary Murder Case (“Der Mordfall Canary“) – KB 1062
(1928) The Greene Murder Case („Der Mordfall Green”) – KB 1029
(1929) The Bishop Murder Case („Der Mordfall Bischof”) – KB 1006
(1930) The Scarab Murder Case („Der Mordfall Skarabäus”) – KB 1108
(1933) The Kennel Murder Case („Der Mordfall Terrier”) – KB 1117
(1933) The Dragon Murder Case („Der Mordfall Drache“) – KB 1122
(1934) The Casino Murder Case („Mordakte Kasino“)
(1935) The Garden Murder Case („Alles auf ein Pferd“/„Mordakte Swift”)
(1936) The Kidnap Murder Case
(1938) The Gracie Allen Murder Case
(1939) The Winter Murder Case

[md]

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