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neuauflage

Der unheilige Gral

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Oktober 2011

Fritz Leiber
Der unheilige Gral
Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling 1

(sfbentry)
Originaltitel: Ill Met in Lankhmar (London : Book Creation Services Ltd. 1995)
Übersetzung: Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: 2004 (Edition Phantasia/Phantasia Paperback Fantasy 2001)
392 S.
ISBN-13: 978-3-937897-00-4

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Das geschieht:

Nehwon ist eine mittelalterlich anmutende Welt, in der Magie zum alltäglichen Leben gehört. Götter, der Tod und Dämonen mischen sich gern persönlich in die Geschicke der Menschen ein. Das Land zerfällt in große und kleine Länder und Stadtstaaten, die in der Regel feudal regiert werden. Recht und Ordnung werden vom jeweiligen Herrscher definiert und mit Schwert und Dolch durchgesetzt. Die Landkarte weist viele weiße Flecken auf, außerdem gibt es mysteriöse Stätten, die anscheinend Passagen in fremde Welten oder Dimensionen ermöglichen.

Dies ist die Heimat von Fafhrd und dem Grauen Mausling. Der großwüchsige Barbar wuchs im hohen Norden auf, wo grimmige Kälte und Schnee das Leben hart und kurz werden lassen. „Die Schneefrauen“ erzählt von Fafhrds Jugend. Der junge Mann sehnt sich nach der Fremde, während seine Mutter, eine mächtige Hexe, ihn notfalls mit Magie an seinen Stamm binden will. Fafhrd bricht mit ihr und seinen Leuten und flieht mit der schönen Vlana. In einem anderen Winkel von Nehwon erlebt der junge Zauberlehrling Maus in „Der unheilige Gral“ ein grausames Schicksal, als sein Meister ermordet und er selbst in die Folterkammer geworfen wird, bis auch ihm zusammen mit seiner geliebten Ivrian die Flucht gelingt.

Beide Paare siedeln sich in Lankhmar, der größten Stadt Nehwons, an, wo sich Fafhrd und der Graue Mausling zum ersten Mal begegnen, Freunde werden und sich mit der örtlichen Diebesgilde anlegen („Schicksalhafte Begegnung in Lankhmar“). Nach dem traurigen Ende ihre Gefährtinnen verlässt das Duo die Stadt und begibt sich auf eine ziellose Wanderschaft durch viele Länder, bis sie schließlich nach Lankhmar zurückkehren („Der Fluch der Wiederkehr“). „Edelsteine im Wald“ locken unsere beiden Helden in ein Schatzhaus, das sich als trickreiche Todesfalle entpuppt. In Lankhmar geraten sie wenig später erneut mit der Diebesgilde aneinander und müssen sich nicht nur der lebenden, sondern auch einiger toter Mitglieder erwehren („Haus der Diebe“). Kaum haben die Freunde das überstanden, zwingt ein Fluch sie auf eine fast tödliche Reise an den Rand der bekannten Welt, wo sie „Die unwirkliche Küste“ ansteuern und ihr Ende finden sollen.

Der Anschlag misslingt, doch die Abenteurer sind weit entfernt von Lankhmar gestrandet und müssen sich auf eine lange Rückreise durch unbekannte Länder machen. Dabei geraten sie in den Bann eines Mörders, der Sündenböcke für die Geister sucht, die ihn verfolgen („Der heulende Turm“). Während einer Seereise stürzt Fafhrd über Bord und wird vom verrückten Kapitän Lavas Laerk aufgefischt, der ihn zur Teilnahme an einer verwünschten Expedition in „Das versunkene Land“ zwingt. Ein unerwarteter Schatz bringt Fafhrd und dem Mausling kurz darauf kein Glück, weil dessen Eigentümer, „Die sieben schwarzen Priester“, sie keineswegs mit ihrem Fund entkommen lassen wollen.

Endlich zurück in Lankhmar versucht sich das Duo als Juwelendiebe, erfährt jedoch unerwartet Konkurrenz durch eine halb vergessene Göttin, die mit Hilfe der „Klauen der Nacht“ Furcht und Terror in den nächtlichen Straßen der Stadt verbreitet. Magie ist ebenfalls im Spiel, als sich Fafhrd und der Mausling, die noch immer um ihre Gefährtinnen trauern, Hilfe suchend an die Zauberer Ningaubel und Schelba wenden und erfahren müssen, dass „Der Preis des Vergessens“ hoch ist. Sie müssen ihn prompt zahlen, als die beiden Magier sie anheuern, um eine Attacke aus Zeit & Raum abzuwehren und den „Basar des Bizarren“ zu schließen.

Wieder da & besser denn je

Der Leser mag sich die Frage stellen, wieso er (oder sie) Geld für eine Sammlung von Geschichten ausgeben soll, die bereits vor Jahren in Deutschland erschienen sind: Der Heyne-Verlag veröffentlichte „Der unheilige Gral“ als „Schwerter und Teufelei“, „Schwerter gegen den Tod“ und „Schwerter im Nebel“ vor drei Jahrzehnten und legte diese Bücher mehrfach auf. Allerdings sind Fafhrd und der Graue Mausling inzwischen längst vom Buchmarkt verschwunden. Außerdem war es bis weit in die 1970er Jahre üblich Romane und Kurzgeschichten zu kürzen, damit sie ins genormte Schema von 128, 144 oder 160 Buchseiten passten.

Das eine ist eine Schande, das andere eine glücklicherweise überwundene Unsitte. Der kleinen aber feinen Edition Phantasia kann nicht genug dafür gedankt werden, dass sie unsere beiden seltsamen Helden nicht nur der Vergessenheit entriss, sondern ihnen auch zu einer luxuriösen Wiederkehr verhalf.

„Der unheilige Gral“ erinnert an den „Director’s Cut“ eines Kinofilms: Die Storys kommen in Gestalt und Umfang erstmals so unter die Augen der Leser, es der Autor ursprünglich vorgesehen hatte. Hinzu kommt eine Menge interessantes Hintergrundmaterial. Schriftstellerkollege Michael Moorcock schrieb eine kenntnisreiche Einleitung, Autor Fritz Leiber selbst äußert sich in mehreren Essays über die Entstehungsgeschichte Fafhrds und des Grauen Mauslings.

Zwei üble aber liebenswerte Schurken

Diese Geschichte ist gekennzeichnet durch die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, welche den bisher unerschütterlichen, aus heutiger Sicht naiven Glauben an einen unaufhaltsamen Fortschritt der USA in Frage stellte. Die daraus resultierende Unsicherheit prägte ihre Zeitgenossen nachhaltig. Auch Fafhrd und dem Mausling zerrinnt in der Regel zwischen den Fingern, was sie sich mühsam ergaunern.

Leibers Geschichten wirken modern, weil sie in einer Welt spielen, die zwar als Mischung aus Mittelalter und 1001er Nacht daherkommt, doch keineswegs simpler gestrickt ist als die Realität. Nehwon und seine Bewohner lassen sich nicht in Schwarz oder Weiß unterteilen. Der Mausling ist ihr typischer Vertreter: Er ist grau. Ehrbare Bürger sind Schurken, Schufte können nette Leute sein – In Nehwon ist nichts sicher, man darf sich auf niemanden verlassen.

Fafhrd ist zwar ein Barbar, aber einer mit Köpfchen. Seine Sehnsucht nach der Zivilisation, die ihn dazu bringt, seine Heimat und sein Volk zu verlassen, schlägt rasch in Ernüchterung um, als er Lankhmar erreicht. Doch Leiber lässt Fafhrd deshalb nicht reuevoll umkehren in die ‚reine‘ Welt der einfachen Wilden, weil es diese überhaupt nicht gibt: „Die Schneefrauen“ ist eine ebenso spannende wie gallig-witzige Novelle, die ganz sicher nicht das im der Fantasy beliebte Loblied des von der Dekadenz unangekränkelten Barbarentums singt, sondern die Beschränktheit und den engen geistigen Horizont der gar nicht edlen Wilden herausstellt. Fafhrd drängt es hinaus in die Welt. Als er erkennt, dass er dort sein Paradies ebenfalls nicht finden wird, beginnt er zu lernen und passt sich an: Schon in „Schicksalhafte Begegnung in Lankhmar“ hat er sich akklimatisiert. Sowohl er als auch der Mausling entwickeln sich stetig weiter; sie werden erwachsen.

Patchwork-Saga mit nachträglichen Flicken

So war das ursprünglich nicht geplant. Leiber schrieb die ersten Fafhrd/Mausling-Storys in den 1930er Jahren als lose Folge abgeschlossener Abenteuergeschichten. Eine Chronologie entwickelte er erst drei Jahrzehnte später, als eine erste Gesamtausgabe der inzwischen entstandenen Storys geplant war. Leiber nutzte die Gelegenheit und schloss diverse Lücken mit neu verfassten Geschichten. „Der unheilige Gral“ ist dennoch ein erstaunlich „rundes“ Werk geworden – ein Roman in Erzählungen, die immer wieder aufeinander Bezug nehmen.

Inhaltlich bieten die Fafhrd/Grauer Mausling-Storys eine tour de force durch die Welt/en der Fantasy. Ungeheuer, Dämonen, Könige und Prinzessinnen in Not, Diebe, Zauberer – sie alle und noch mehr geben sich ein Stelldichein. Die daraus resultierenden Konfrontationen werden von Leiber unerhört spannend in Szene gesetzt. Dazu kommen zwei Aspekte, die den Klassikerstatus seiner Nehwon-Geschichten überhaupt erst begründen: Leiber ist ein Schriftsteller mit ausgeprägtem Talent und handwerklichem Geschick. Er weiß mit Worten umzugehen, schildert uns fremde Welten so gewandt, dass sie plastisch vor unserem inneren Auge entstehen. Seine Storys sind gleichzeitig ausladend und knapp formuliert. Dies ist kein Widerspruch: Leiber schwelgt einerseits in wunderschönen, fantasievollen Ortsbeschreibungen, während er andererseits mit jedem Wort geizt. Leiber verdichtet in einem Absatz, wofür mancher jüngere Autor ganze Kapitel aufzuwenden für richtig hält.

Horror – mit Humor genommen

Zusätzlich betört der trockene, oft schwarze Humor, den Leiber immer wieder einfließen lässt. Dabei nimmt er seine Helden und Leser stets Ernst. Auf der anderen Seite beherrscht Leiber durchaus die tragischen Töne. Darüber hinaus hat er ein Gespür für atmosphärischen Horror. Er war ein Zeitgenosse von H. P. Lovecraft (1890-1937), mit dem er in engem Briefkontakt stand. Lovecraft nahm sich gern die Zeit, jüngeren Schriftstellern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In Leiber fand er einen guten Schüler, der den Meister 1978 mit einer der besten postumen Beiträge zum legendären Cthulhu-Mythos überhaupt ehrte („Our Lady of Darkness“, dt. „Herrin der Dunkelheit“). Wenn Leiber es spuken lässt, dann wird es wirklich unheimlich!

Die Fafhrd-&-Mausling-Chronik gehört zweifellos in das Bücherregal jedes Lesers, der so unterhaltsam wie nur möglich lernt, dass die Fantasy weitaus vielfältiger ist als die moderne Monokultur der immer gleichen, endlosen Schwertschwingen-Epen!

Autor

Fritz Reuter Leiber jr. wurde am Heiligen Abend des Jahres 1910 als Sohn eines bekannten Shakespeare-Schauspielers geboren. Nach einem Besuch der Universität von Chicago – er studierte Psychologie – trat er selbst kurze Zeit als Schauspieler auf. Seine wahre Liebe galt indes der Schriftstellerei. Bereits in den frühen 1930er Jahren verfasste Leiber einige Texte für kirchliche Zeitschriften. Doch in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts schwenkte er auf Horror-, SF- und Fantasy um. Zu seiner ersten Veröffentlichung wurde 1938 „Two Sought Adventure“, eine Geschichte aus der Welt Nehwon, die sich Leiber mit seinem Freund Harry Fischer ausgedacht hatte. Fafhrd und der Graue Mausling, die Hauptfiguren, wurden Leibers erfolgreichste Schöpfung und begleiteten ihn während seiner gesamten Karriere.

Einen ersten Roman veröffentlichte Leiber 1943. „Conjure Wife“ (dt. „Spielball der Hexen“), ein moderner Horror-Roman, erwies sich als erfolgreiches Werk und wurde bereits im folgenden Jahr verfilmt. Weitere Kurzgeschichten und Novellen folgten, obwohl Leiber noch bis 1956 hauptberuflich für das Theater und im Verlagswesen tätig war. In den folgenden Jahrzehnten heimste er praktisch alle bedeutenden Preise ein, die in der phantastischen Literatur vergeben werden.

Leibers Privatleben wurde immer wieder von Phasen exzessiven Alkoholmissbrauchs geprägt. Auch seine erste Ehefrau trank und war medikamentenabhängig. Als sie 1969 nach einer Überdosis starb, begab sich Leiber in eine mehrjährige Therapie, die ihm endlich half. trocken zu werden. Er blieb jedoch unstet und begab sich im hohen Alter auf eine lange Reihe von Zugreisen durch die USA, denen er nicht mehr gewachsen war. Leiber erlitt einen Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte. Am 5. September 1992 ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

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Fafhrd und Grauer Mausling: die ursprüngliche Serie, wie sie im Heyne Verlag erschien:

(1968) Schwerter im Nebel (Swords in the Mist)
(1968) Schwerter gegen Zauberer (Swords against Wizardry)
(1968) Die Schwerter von Lankhmar (The Swords of Lankhmar)
(1970) Schwerter und Teufelei (Swords and Deviltry)
(1970) Schwerter gegen den Tod (Swords against Death)
(1977) Schwerter und Eismagie (Swords and Ice Magic)
(1988) Ritter und Knappe des Schwerts (The Knight and Knave of Swords)

Die Sammelbände der „Edition Phantasia“:

(1995) Der unheilige Gral (Ill Met in Lankhmar)
(1996) Die Herren von Quarmall (Lean Times in Lankhmar)
(1997) Der traurige Henker (Return to Lankhmar)
(1998) Das Meerweib (Farewell to Lankhmar)

[md]

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Hellraiser

Erstellt von Michael Drewniok am 29. September 2011

Clive Barker
Hellraiser

(sfbentry)
Originaltitel: The Hellbound Heart (London : Century 1986)
Deutsche Erstausgabe: 1992 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 8362)
Übersetzung: Ute Thiemann
126 S.
ISBN 3-453-05291-9
Neuausgabe: 2006 (Edition Phantasia/Phantasia Horror 3007)
Übersetzung: Joachim Körber
128 S.
ISBN-13: 978-3-937897-17-2

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Das geschieht:

Die unscheinbare Kirsty liebt den gutmütigen Rory; doch der verehrt nur seine Gattin, die herzlose Julia; diese trauert ihrem Schwager hinterher, dem aufregend-bösem Frank, mit dem sie Rory noch vor der Hochzeit betrog. Wer weiß, was dann geschehen wäre, hätte sich der Schurke nicht aus dem Staub gemacht.

Frank ist freilich gar nicht so weit entfernt von seiner Familie. Seine in Fetzen gerissene Leiche liegt in einer Mauer des großmütterlichen Hauses in der Lodovico Street. Auf einer seiner weiten Reisen entdeckte Frank den Zauberwürfel des Lemarchand, welcher dem, der ihn zu bedienen vermag, den Zugang in eine Welt unbeschreiblicher Lüste öffnet. Dorthin zieht es den verderbten Frank selbstverständlich sehr, doch als er in einer stillen Kammer von Omas Haus besagten Würfel in Gang setzt, finden ihn keine geilen Geister, sondern die dämonischen Zenobiten vom Orden der Wunden, die ihn in ihre Welt ewiger Qualen entführen. Als blutiger Zombie schwebt Frank nun zwischen den Sphären, als ihm wieder einmal unverdient das Glück hold ist.

In das Haus an der Ludovico Street ziehen Rory und Julia Cotton ein. Während der Renovierungsarbeiten verletzt sich der neue Hausherr. Blut sickert durch Ritzen auf die Reste von Franks Leiche. Diese beginnt sich zu regenerieren. Noch ist Frank schwach und abgrundtief hässlich, aber er kann sich Julia erneut unterwerfen. Sie lockt ahnungslose Männer von der Straße in ihr Heim, wo der ghulische Hausgast schon hungrig auf sie wartet.

Allerdings stellten die Zenobiten inzwischen fest, dass Frank ihrer Folterhölle entkommen ist. Sie unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind, was für alle Bewohner des Hauses gefährlich wird – den Toten wie die Lebenden …

Sadomaso-Dämonen mit Kultfaktor

In der realen Welt des 21. Jahrhunderts haben die Zenobiten längst ihre mythologische Nische gefunden. Sie wohnen in der Nachbarschaft von Freddy Krueger, Jason Vorhees oder Michael Myers, mit denen sie gewissenhaft zur Nachtschicht ins Filmstudio fahren: Pinhead & Co. gehören zu den viel beschäftigten Serienhelden des modernen Horrorfilms. Neun Teile umfasst der „Hellraiser”-Zyklus inzwischen, und es ist davon auszugehen, dass sich weitere anschließen werden.

Das Fundament dieser blutigen, von wahren Gorehounds heiß geliebten Schlacht- und Folterplatte bildet Clive Barkers schmale Novelle „The Hellbound Heart“, hierzulande erstmals erst fünf Jahre nach dem ersten Film und erst  2006 in ungekürzter Fassung erschienen, was schade ist, denn Barker fand seither selten zur hier bewiesenen Form zurück.

„The Hellbound Heart“ ist noch heute wahrlich alles andere als ein Durchschnitts-Grusler. Das bezieht sich nicht auf die Mord- und Folterszenen; da ist der hartgesottene Fan heute grob Gehacktes gewöhnt. Nein, es ist Barker gelungen, eine gute Idee originell in eine atmosphärisch außerordentlich stimmungsvolle Geschichte umzusetzen. Der vordergründige Horror wird dabei durch die eindringliche Schilderung verlorener, durch ihre unbewältigten Gefühle ins Unglück stürzender Durchschnittsmenschen ergänzt.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Figuren jenseits von Gut- und Böse-Klischees

Frank Cotton –  Dreh- und Angelpunkt der Geschichte; einerseits ein Dieb, Lügner, Mörder, andererseits ein Mensch auf der konsequenten Suche nach dem, was er sich wirklich ersehnt: Erfahrungen weit jenseits derer, mit denen der ‚gewöhnliche‘ Zeitgenosse sich bescheidet. Frank ist durch und durch unkonventionell, ein Egoist, aber neugierig und ehrlich bemüht, alles über das Laster zu lernen. Außerdem ist er ein Überlebenskünstler. Selbst in der Vorhölle der Zenobiten gibt er nicht auf, sondern wartet auf seine Chance zu entkommen. Als sie sich ergibt, nutzt er sie konsequent. Wer sollte gegen einen solchen Mann ankommen, selbst wenn er nur aus einem blutigen Knochenhaufen besteht?

Bruder Rory ganz sicher nicht. Er ist einer dieser mit dem Leben zufriedenen Menschen, die Frank so verachtet. Seine geliebte Julia hat ihn geheiratet, im Job läuft es bestens, viele gute Freunde sind da, mit denen man gemütliche Abende verbringt. Der arme Rory hat keine Chance. Bis es zu spät ist, begreift er niemals, was unter seinem eigenen Dach vorgeht.

Kirsty ist sogar noch langweiliger. Sie führt ein graues Leben, leidet unter Minderwertigkeitskomplexen und wohl auch Depressionen. Ihre heimliche Liebe zielt nicht einmal auf den wirklichen Rory, sondern auf das Idealbild, das sie sich von ihm macht. Andererseits überrascht Kirsty als Kämpferin; als sie den Zenobiten in die Hände zu fallen droht, zögert sie keine Sekunde, ihnen stattdessen Frank vorzuwerfen. Sie wird als einzige das finale Massaker überleben und sogar zur Hüterin des Zauberwürfels aufsteigen.

Julia ist sicherlich die interessanteste Person unserer Geschichte. Sie ist weniger kalt als wie Frank unzufrieden: mit dem Leben, vor allem aber mit Rory. Julia hungert nach Aufmerksamkeit und möchte die Fesseln ihrer bürgerlichen Existenz abstreifen, koste es was es wolle, und das lässt sie für Frank zum idealen Opfer werden. Julia wird zur Mörderin, bis sie schließlich wiederum betrogen wird: eine fast tragische Gestalt, wie Frank Cotton eine Gefangene ihrer eigenen Leidenschaften, deren Untergang daher unabwendbar ist.

Noch durch Abwesenheit glänzt übrigens Ober-Zenobit „Pinhead“ alias Captain Elliot Spencer; Barker erwähnt ihn zwar kurz, aber zur Kultfigur machte er ihn erst im „Hellraiser“-Film von 1987.

„Hellraiser“ – die Filme

1987 inszenierte Barker nach eigenem Drehbuch „Hellraiser“ und schuf einen modernen Klassiker des Horrorfilms. Sein handwerkliches Geschick als Regisseur und die weitgehende Kontrolle, die er über sein eigenes Werk ausüben konnte, brachte ein auch heute noch eindrucksvolles Werk zu Stande. Die Story wird spannend erzählt, optisch lässt sich Barker keine Fesseln anlegen. (Achtung: Niemals „Hellraiser“ in der stümperhaft kastrierten Kindergarten-Version deutscher Fernsehsender anschauen!) Sogar die Musik ist keine akustisch-elektronische Belästigung, sondern melodisch und suggestiv. Für den Film verjüngte Barker Kirsty und verwandelte sie in Rorys leibliche Tochter, was wesentlich besser funktioniert.

Natürlich kehrte Frank zurück; „Hellbound: Hellraiser II“ (1988) zeigt seinen neuerlichen Versuch den Zenobiten zu entkommen. Julia schließt sich ihm dabei an. Das Ergebnis ist noch gewalttätiger, noch blutiger als Teil 1, aber – Clive Barker überließ dieses Mal den Regiestuhl Tony Randel und verfasste nicht einmal das Drehbuch – ein Horror-Sequel ohne die Faszination des Originals, wenn auch noch einmal sehr unterhaltsam, bevor mit Teil III der Niedergang der Serie eingeläutet wurde, die nur reine Franchise-Gier am (Schein-) Leben erhält.

Autor

Clive Barker wurde am 5. Oktober 1952 in der Beatles-Stadt Liverpool geboren – offenbar ein Wunderkind, das seinen bürgerlichen Eltern Rätsel aufgab ob seiner Vorliebe für das Theater und die eher Abgründe der menschlichen Existenz. Schon in jungen Jahren schrieb und inszenierte Barker düstere, surrealistische, überspitzt blutige Stücke im Stil des Grand Guignol – eine Arbeit, die er nach seinem Studium (Englische Literatur und Philosophie) professionell fortsetzte.

Noch vor der Literatur entdeckte Barker den Film. „The Hellbound Heart“ basiert auf dem schwarzweißen Kurzfilm „The Forbidden“, den er als Student zwischen 1975 und 1978 drehte. Dann verfasste Barker die 1984 veröffentlichten sechs „Books of Blood“, die ihm schlagartig den Durchbruch brachten. Klassische Themen (Geister, Vampire, Werwölfe, Spukhäuser etc.) wurden modern und höchst unkonventionell durchgespielt. An Drastik sparte der Verfasser nicht, wofür er als einer der Gründerväter des (kurzlebigen) Splatterpunks gefeiert wurde. Mit eindrucksvollen Romanen wie „The Damnation Game“ (1985, dt. „Spiel der Verdammnis“) oder „Cabal“ (1988, dt. „Cabal – Brut der Nacht“) festigte er seinen Ruf.

Aber Barker ließ sich nicht in eine Schublade zwingen. Geschichten wie „The Great and Secret Show“ (1989, dt. „Jenseits des Bösen“), „Weaveworld“ (1987, dt. „Gyre“ bzw. „Gewebte Welt“), „Imajica“ (1991, dt. „Imagica“) oder „Galilee – a Romance“ (1998, dt. „Galileo“) spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über ‚Tore’ in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt: moderne Fantasy, die überquillt vor faszinierenden Ideen, jedoch leider ein Grundübel des Genres, die auswalzende Geschwätzigkeit, übernimmt und in ganz neue Dimensionen trägt. Mit „The Thief of Always“ (1994, dt. „Das Haus der verschwundenen Jahre“) und der „Abarat“-Serie (ab 2002) schrieb der weiterhin erfreulich unberechenbare Barker freilich hervorragende Fantasy für Jugendliche (aber auch für neugierig gebliebene Erwachsene).

Clive Barkers Website

[md]

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Die Nacht der Morlocks – Die Zeitmaschine kehrt zurück

Erstellt von Werner Karl am 18. Juni 2010

die-nacht-der-morlocksK. W. Jeter
Die Nacht der Morlocks – Die Zeitmaschine kehrt zurück

Edition Phantasia (2010)
Phantasia Paperback Science Fiction
Originaltitel „Morlock Night” (1979)
ISBN 978-3-937897-39-4
Titelbild: Philipp S. Neundorf
Übersetzer: Michael Siefener
Umfang: 214 Seiten

www.edition-phantasia.de

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Vorwort:

Wer kennt ihn nicht? Den Roman „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells? Oder den Klassiker des Science-Fiction-Films gleichen Namens (USA, 1960) mit Rod Taylor in der Hauptrolle als Erfinder George und sein super-blondes, super-doofes Schnuckelchen Weena (Yvette Mimieux) in fernster Zukunft? Fast jeder eingefleischte SF-Fan dürfte diese Fragen mit Ja beantworten können. Nur so nebenbei: Die Neuauflage von 2002 war von den Bildern her sicher schöner und der Film insgesamt actionreicher, doch das Original hatte deutlich mehr Tiefe, Charme und Verzweiflung aufzubieten. Und jeder weiß, wie die Geschichte zu Ende ging: Frustriert von der Tatsache, das die Menschheit von einem Krieg in den nächsten stolpert, flieht George ins Jahr 802.701 zu seiner Weena. So endet das Buch „Die Zeitmaschine“ und auch der Film. Doch natürlich ist damit der Lauf der Zeit nicht zu Ende…

Zum Buch:

Bei „Die Nacht der Morlocks – Die Zeitmaschine kehrt zurück“ haben mich allein schon das Titelbild und der Untertitel dazu gebracht, nach dem Buch zu greifen. Wie ist es George in der Zukunft ergangen? Hat er als intelligenter Mann des industrialisierten Großbritanniens mit Weena die abgestumpfte Menschheit der Zukunft aufgeweckt und zu neuer Blüte geführt? Hat er selbst einen Krieg gegen die Morlocks geführt, obwohl er gerade wegen der Kriege seiner Epoche die Zeitalter übersprungen hat? Nein, all dies hat er nicht. Er ist schlichtweg gestorben und hat die Zeitmaschine voll funktionsfähig zurückgelassen. Hier hat – neben einigen anderen Fehlern – der Autor einmal aufgeführt, George sei einfach irgendwann an Altersschwäche gestorben, an anderer Stelle haben ihn die Morlocks getötet. Nun, das sei verziehen, denn es ändert nichts an der Gefahr, die auf das England des Jahres 1892 zurollt…

Denn die Morlocks, auf die George in der Zukunft stieß, waren nur die etwas geistig minderbemittelten Vettern von schlaueren, in der Entwicklung höher stehenden Abarten der weißhäutigen, lichtscheuen Höhlenbewohner. Diesen gelingt es, die Zeitmaschine zu aktivieren und mit ihr in das Jahr 1892 zu gelangen. Da sich das Wirkungsfeld der Zeitmaschine nicht nur auf den Reisenden allein erstreckt, sondern mehrere Meter im Umkreis alles darin Befindliche erfasst, verfrachten die Morlocks unermüdlich Truppen in die suburbanen Gefilde der Londoner Unterwelt. Hier, in der Kanalisation, in tiefen, weit verzweigten Gangsystemen und unterirdischen Hallen, sammeln sie ihre Kräfte für eine Invasion der Oberfläche. Doch nicht nur allein London oder England ist ihr Ziel, sondern die Eroberung der gesamten Erde. An dieser Stelle rechnet man als Leser mit einer klassischen Invasionsgeschichte, doch es kommt noch Einiges dazu…

Einer der Gäste Georges – Mr. Hocker -, der dessen Schilderungen keinen Glauben schenken mag, trifft auf den zwielichtigen Dr. Ambrose, der sich nach einiger Zeit als der wahrhaftige Zauberer Merlin identifiziert. Merlin hat natürlich die Gefahr bemerkt und will dagegen ankämpfen. Dazu benötigt er die Hilfe Mr. Hockers. Denn er soll den wiedergeborenen König Artus mit seinem Schwert Excalibur vereinen, um die Invasion der Morlocks zu verhindern. Doch Hocker ist alles andere als von dieser Geschichte überzeugt, und so ist Merlin gezwungen, Hocker einen Ausblick auf die Katastrophe zu geben, die eintritt, wenn Hocker seine Hilfe verweigert. Er führt Hocker in die nächste Zukunft, in der London, England, ja die ganze Zivilisation von den Morlocks vernichtet wurde und nur noch eine Handvoll Widerstandskämpfer einen aussichtslosen Kampf führen.

Fazit:

Der weitere Verlauf wogt hin und her und an manchen Stellen ist man tatsächlich überrascht, was K.W.Jeter einfällt. Allerdings sind manche Wendungen so genre-unspezifisch, dass man das Gefühl bekommt, der Autor hatte sich beim Schreiben treiben lassen. Anfangs eine überaus spannend beginnende Invasionsgeschichte mit Ausflügen in verschiedene Zeitalter, wechselt die Handlung über in eine Art Indiana-Jones-Abenteuer, dann spielen Elemente aus Atlantis eine Rolle und schließlich endet es wieder ganz anders. Die Geschichte schlägt Haken wie ein Hase auf der Flucht. Trotz allem würde ich es jedem Fan empfehlen, denn dafür sind der Grundplot und die Neugier auf den Weitergang der Story einfach zu groß. Die kleine Reihe der Paperback Science Fiction des Verlages Edition Phantasia ist damit um ein schönes Teil reicher geworden.

Copyright © 2010 by Werner Karl
 
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Paradiese der Sonne

Erstellt von Werner Karl am 17. November 2009

paradiese-der-sonneJ. G. Ballard
Paradiese der Sonne

(sfbentry)
Edition Phantasia
ISBN 9783937897288
Paperback; Science Fiction Paperback (1010)
Umfang: 219 Seiten
Originaltitel: The drowned world (1962)
Erschienen: 2008
Uebersetzer: Joachim Körber
Titelbild: Herbert Brandmeier

www.edition-phantasia.de

Vor einigen Jahrzehnten erhöhten sich sprunghaft die Aktivitäten der Sonne und riesige Protuberanzen in erschreckender Zahl ließen bald die schützende Ionosphäre der Erde vergehen. Die Folgen sind gravierend für alles, was die sonst Leben spendende Sonne bescheint: Natürlich schmelzen die Polkappen und sämtliche Gletscher weltweit vollständig ab, die Permafrostböden in Alaska, Sibirien und allen nördlichen Breitengraden tauen auf und verwandeln Bäche und harmlose Flüsse zu reißenden Strömen.

Innerhalb weniger Jahre steigen die Temperaturen in Äquatornähe auf Spitzenwerte von bis zu 80°C an und die Städte und Bauwerke der Menschheit versinken im wahrsten Sinne des Wortes. Fauna und Flora passen sich den verändernden Umweltbedingungen so gut es geht an; viele Tierarten verschwinden vom Antlitz der Erde, andere blühen auf und entwickeln riesige Exemplare und neue Varianten. Beispiele dafür sind bis zu 9 Meter lange Krokodile, faustgroße Anophelesmücken und meterlange Leguane. Auch die Pflanzenwelt steht Kopf. Moose, Flechten und Pilze mutieren zu Massenerscheinungen, Dschungel – durchdrungen von mannigfaltigen neuen Gattungen – breiten sich explosionsartig aus und ersticken die letzten aus dem Wasser ragenden Zeugnisse der Zivilisation.

Die Menschheit flieht in die Polregionen der Arktis und Antarktis und versucht zu retten, was zu retten ist. Doch sie kann den Niedergang nicht aufhalten und Milliarden sterben an der Hitze, an Tropenkrankheiten und dem Mangel an Wasser und Nahrung. Eine wissenschaftlich-militärische Expedition macht sich auf in die Region des ehemaligen Europa, um die veränderten Küstenlinien neu zu kartografieren, soweit dies bei der Vielzahl an Lagunen, Atollen, Inseln und weiter steigendem Meeresspiegel überhaupt möglich ist. Doch auch die Menschen selbst verändern sich; archaische Urinstinkte, längst vergessen geglaubte Erinnerungen tauchen auf und nehmen Einfluss auf ihr Denken… und ihr Handeln.

J.G. Ballard schrieb schon 1962 diesen Klassiker, der als „Karneval der Alligatoren“ bereits mehrfach auf deutsch bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurde. Weit vor dem Film Waterworld (mit Kevin Costner als mutierter Aquamensch) zeigt Ballard, dass globale Änderungen schlussendlich sich auch auf uns selbst auswirken können. Entgegen dem Protagonisten – Dr. Robert Kerans – hätte ich mich sicher nicht für den Weg in die „Paradiese der Sonne“ entschieden. Das Buch zu lesen, war in jeden Fall die richtige Entscheidung!

Copyright (C) 2008 by Werner Karl

Titel bei Amazon.de:
Paradiese der Sonne

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Hexenvolk

Erstellt von Michael Drewniok am 31. Oktober 2009

Fritz Leiber
Hexenvolk


leiber-hexenvolk-coverOriginaltitel: Conjure Wife (1943 zuerst erschienen als Fortsetzungsroman im Magazin “Unknown Worlds”; als Buch New York : Lion Books 1953)
Dt. Erstausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Spielball der Hexen“): 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir TB 41)
Übersetzung: Christiane Nogly
145 S.
[keine ISBN]
Diese (ungekürzte) Neuausgabe: November 2008 (Edition Phantasia/Phantasia Paperback Horror 3009)
Übersetzung: Joachim Körber
251 S.
ISBN-13: 978-3-937897-31-8

Das geschieht:

Norman Saylor, Professor für Soziologie am Hampnell College, ist mit seinem Leben zufrieden. Verheiratet ist er mit der schönen Tansy, und in dem Piranha-Becken aus Missgunst und Eifersucht, der das alltägliche Universitätsdasein darstellt, weiß er sich gut zu behaupten; aktuell sieht es sogar so aus, als werde Norman zum Dekan seines Fachbereichs ernannt.

Deshalb fällt der ehrbare Wissenschaftler aus allen Wolken, als er eines Tages unter den Habseligkeiten seiner Frau auf eine imposante Sammlung eindeutiger Glücks- und Schutzzauber-Utensilien stößt. Auch im Haus findet Norman überall Talismane. Empört stellt er Tansy zur Rede, die zugeben muss, sich schon seit längerer Zeit als Amateur-Hexe zu betätigen, um ihren Norman gegen die Attacken missgünstiger Kollegen zu schützen.

Um sie aus ihrem abergläubischen Wahn zu reißen, zwingt Norman Tansy, sämtliches Zauberzeug zu verbrennen. Damit setzt eine Kette seltsamer Missgeschicke und Unfälle ein. Norman wird des wissenschaftlichen Plagiats verdächtigt. Eine Studentin will von ihm belästigt worden sein. Ein durchgefallener Examenskandidat will ihn erschießen. Der Betondrache vor dem Bürofenster wird lebendig verfolgt ihn. In seinem Kopf ertönt eine Stimme, die einen grausamen Tod ankündigt.

Lange kämpft Norman um eine rationale Erklärung, bis er sich der Erkenntnis stellen muss, dass Tansys Magie nicht nur funktioniert hat, sondern er und sie sich nunmehr schutzlos den Tücken der Welt stellen müssen. Schlimmer ist jedoch die Gewissheit, mit einem tödlichen Fluch belegt zu sein. Eine unsichtbare Macht belauert das Paar, denn auch Tansy weiß längst, was vorgeht. Als sie Norman überlistet und den Fluch heimlich auf sich nimmt, ist der Zeitpunkt gekommen, sich dem hinterlistigen Hexenvolk von Hampnell offen zu stellen …

Alle Frauen sind Hexen!

Bevor Hardcore-Feministinnen und Gutmenschen ob dieser Überschrift in kollektives Protestgeheul ausbrechen, sei ihnen und den anderen Lesern versichert, dass a) diese Aussage um der ihr innewohnenden Provokation vom Rezensenten dreist aus dem Zusammenhang gerissen wurde, um Aufmerksamkeit für diese Zeilen zu erregen, und b) Autor Fritz Leiber zwar tatsächlich meint, was er schreibt, ohne die Hexerei, wie er sie definiert, und jene, die sich ihrer bedienen, abzuwerten.

„Hexenvolk“ markiert, wie Christian Endres in einem informativen Nachwort ausführt, neben wenigen anderen Werken den Beginn des ‚modernen‘ Horror-Romans. Mit allem ihm zur Verfügung stehenden Talent – und das war beträchtlich – bemühte Leiber sich, das Genre von Friedhofsstaub, Spinnweben, alten Flüchen und anderen Elementen eines allzu ‚klassisch‘ gewordenen Horrors zu befreien und ins 20. Jahrhundert zu holen. Gleichzeitig verließ er die üblichen, d. h. abgelegenen Spukstätten und siedelte die Handlung inmitten der modernen Stadt an: Der „urban horror“ war geboren! (Dass er heute zur Schnittmenge zwischen Glitzer-Grusel und Liebesschmalz heruntergekommen ist, darf nicht Leiber angelastet werden, der die Meyers, Adrians oder Davidsons dieser Buchwelt nicht mehr erleben musste.)

Mit einigem Aufwand macht er sich daran, die Magie mit der Wissenschaft zu vermählen. Im Krieg mit den drei bösen Hexen aus Hampnell wird der Skeptiker Saylor zum echten Gegner, als es ihm gelingt, die Faktoren des heftig wogenden Zauberkampfes in eine mathematische Formel zu fassen, die sich berechnen lässt: Magie ist keine Wahnvorstellung, sondern eine Grauzone der Wissenschaft und – noch wichtiger – letztlich auch den Naturgesetzen untergeordnet.

Frauen haben intuitiv Zugang zu diesem Zwischenreich. Sie könnten die Welt regieren, so Leiber, wenn sie nur wollten – aber sie wollen nicht. Auf der anderen Seite können auch Männer sich durchaus magischer Praktiken bedienen, aber sie sind zu rational, was nach Leiber einen Tunnelblick beinhaltet, der nur das Offensichtliche fokussiert und den hexenden Frauen ihren Freiraum lässt.

Ein Mann muss umdenken

Wie mühsam der Umdenkprozess ist, verdeutlicht der Autor am Beispiel des Soziologen Norman Saylor. Er ist Herr Jedermann, zudem tief und selbstzufrieden in seinem Fachwissen geerdet. An die Realität von Magie mag er anfänglich nicht einmal theoretisch denken. Mit einem Faktenschwall und beruhigender Stimme ‚überzeugt‘ er Gattin Tansy, sich ihrer Amulette und anderer Hexenmittel zu entledigen. Damit raubt er nicht nur ihr den Schutz, sondern stört ahnungslos die Balance einer Welt, deren Alltag zumindest in Hampnell aktuell auf Magie basiert. Nicht einmal die daraus resultierenden Verwerfungen können Saylor anfänglich eines Besseren belehren, bis ihn die jenseitige Welt in Gestalt eines steinernen Drachen buchstäblich in den Hintern zu beißen droht. Als Saylor die Magie akzeptiert, ist dies ein widerwilliger Prozess. Immer wieder ruft er sich selbst zur Ordnung: Er ist doch ein ‚vernünftiger‘ Mensch und Wissenschaftler! Jedesmal trifft ihn in solchen Phasen des Zweifels die Wucht einer auch magischen Realität.

Magie ist nur ein Name

Den Anstoß, Horrorgeschichten über und für eine moderne Welt zu schreiben, bekam Leiber laut Endres durch die Bekanntschaft mit dem legendären Howard Phillips Lovecraft (1890-1937). Fünf kostbare Monate – Lovecrafts letzte – im Jahre 1937 korrespondierte Leiber intensiv mit dem zwar verehrten aber nie kopierten Meister. Auch Lovecraft experimentierte mit dem Genre. Sein „Cthulhu“-Zyklus ist oft eher Science Fiction als Horror, und das Grauen, das die „Großen Alten“ mit sich bringen, tragen sie in die Gegenwart.

Wie Lovecraft interpretiert auch Leiber die alten, buchstäblich genommen längst lächerlich gewordenen Mittel der Zauberei – Knoten, Metalle, exotische Präparate – als Symbole, die in der magischen Zwischenwelt eine völlig andere Bedeutung annehmen. Wie es dort ‚drüben‘ aussieht, schildert Leiber sparsam dosiert. In „Hexenvolk“ sind spektakuläre Raufereien mit Dämonen und anderen überirdischen Unholden weder vorgesehen noch notwendig. Das Grauen wird ansatzweise sichtbar und wirkt – zumal durch den Wortkünstler Leiber heraufbeschworen – umso eindringlicher.

Der Ton bestimmt die Musik

Dass „Hexenvolk“ als Buch bereits 1953 erschien, wird dem Leser höchstens nebenbei bewusst. Es gibt in der Handlung weder Fernsehen noch Computer oder Handy, und das Geld ist deutlich mehr wert als heute. Die Geschichte selbst ist dagegen taufrisch geblieben. Leiber weiß, was er erzählen will und wie er die erwünschten Effekte erzielt. Gar nicht zeittypisch stellt er Norman und Tansy Saylor als gleichberechtigte Partner dar – auch dies ein Punkt, in dem „Hexenvolk“ unerwartet modern bzw. seiner Entstehungszeit voraus war.

Wieder ist es Endres, der in seinem Nachwort darauf hinweist, dass Fritz Leiber auch deshalb so ein ausgezeichneter Schriftsteller war, weil er die Erfahrungen seines turbulenten Lebens in seine Werke einfließen ließ. Die Liste der „Leiberismen“ ist in „Hexenvolk“ lang; erwähnt sei nur die Anspielung auf die drei Hexen aus „Macbeth“: Fritz Leiber Senior (1882-1949), der Vater, war ein Theater- und Filmschauspieler, der mehr als drei Jahrzehnte in Stücken von William Shakespeare auftrat und seinem Sohn die Liebe zum englischen Dichter vererbte.

Geburt & Genese eines Klassikers

Schon auf das zeitgenössische Publikum übte „Hexenvolk“ große Anziehungskraft aus. Eine erste Version des Romans erschien 1943 in zwei Fortsetzungen im Magazin „Unknown Worlds“. Hollywood wurde aufmerksam und „Hexenvolk“ bereits 1944 als „Weird Woman“ unter der Regie von Reginald Le Borg mit Lon Chaney jr. und Anne Gwynne in den Hauptrollen verfilmt, wobei die Drehbuchautoren W. Scott Darling und Brenda Weisberg die ‚feministischen‘ Tendenzen selbstverständlich unterschlugen.

Remakes von „Hexenvolk“ kamen 1962 („Night of the Eagle“ bzw. „Burn, Witch, Burn!“, dt. „Hypno“) und 1980 (“Witches‘ Brew”) auf die Kinoleinwand; in der kurzlebigen TV-Serie „Moment of Fear“ (1960) wurde der Roman für die zweite Episode adaptiert. Für 2010 hat das Hollywood-Studio United Artists eine Neuverfilmung angekündigt.

„Conjure Wife“, der Roman, erschien in deutscher Sprache erstmals 1976 als „Spielball der Hexen“ in der Taschenbuch-Reihe „Vampir-Horror“ des Erich Pabel Verlags. Diese Ausgabe war vor allem in den ‚unwichtigen‘ Non-Grusel-Passagen stark gekürzt und ließ wenig von der eigentlichen Kraft des Originals durchscheinen. Erst 2008 erfuhr „Conjure Wife“ als „Hexenvolk“ seine erste vollständige und adäquate Übersetzung.

Autor

Fritz Reuter Leiber jr. wurde am Heiligen Abend des Jahres 1910 als Sohn eines bekannten Shakespeare-Schauspielers geboren. Nach einem Besuch der Universität von Chicago – er studierte Psychologie – trat er selbst kurze Zeit als Schauspieler auf. Seine wahre Liebe galt indes der Schriftstellerei. Bereits in den frühen 1930er Jahren verfasste Leiber einige Texte für kirchliche Zeitschriften. Doch in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts schwenkte er auf Horror-, SF- und Fantasygeschichten um. Zu seiner ersten Veröffentlichung wurde 1938 “Two Sought Adventure”, eine Geschichte aus der Welt Nehwon, die sich Leiber mit seinem Freund Harry Fischer ausgedacht hatte. Fafhrd und der Graue Mausling, die Hauptfiguren, wurden Leibers erfolgreichste Schöpfung und begleiteten ihn während seiner gesamten Karriere.

Seinen ersten Roman veröffentlichte Leiber 1943. „Conjure Wife“ (dt. „Spielball der Hexen“), ein moderner Horror-Roman, erwies sich als erfolgreiches Werk und wurde bereits im folgenden Jahr verfilmt. Weitere Kurzgeschichten und Novellen folgten, wobei Leiber noch bis 1956 hauptberuflich für das Theater und im Verlagswesen tätig blieb. Erst dann wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Nunmehr stellte sich auch der Erfolg bei der Literaturkritik ein. In den nächsten Jahrzehnten heimste Leiber praktisch alle bedeutenden Preise ein, die in der phantastischen Literatur vergeben werden. Für die grandiose Lovecraft-Neuinterpretation “Our Lady of Darkness” (dt. “Herrin der Dunkelheit”) wurde ihm 1978 der “World Fantasy Award” verliehen.

Leibers Privatleben wurde immer wieder von Phasen exzessiven Alkoholmissbrauchs geprägt. Auch seine erste Ehefrau Jonquil trank und war medikamentenabhängig. Als sie 1969 nach einer Überdosis starb, begab sich Leiber in eine mehrjährige Therapie, die ihm endlich half. 1992 heiratete Leiber ein zweites Mal. Er schrieb kontinuierlich weiter und begab er sich auf eine lange Reihe von Zugreisen durch die USA, denen er nicht mehr gewachsen war. Am 5. September 1992 ist Leiber nur Wochen vor seinem 82. Geburtstag gestorben. “Thrice the Brinded Cat”, eine erst kurz zuvor entstandene Kurzgeschichte, wurde sein Abschiedsgeschenk.

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In der Hölle

Erstellt von Werner Karl am 25. Oktober 2009

in-der-holleJohn Shirley
In der Hölle

The View from Hell, USA, 2001
Edition Phantasia, Bellheim, 7/2007
PB, Horror, Dark Fantasy, SF
ISBN 9783937897226
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Titelillustration von Frank Fiedler

www.edition-phantasia.de
www.darkecho.com/JohnShirley/

H ist ein Wesen aus einer anderen Dimension und gehört einer Lebensform an, die keinen Körper besitzt, sondern nur aus mentaler Energie besteht. Daher erscheint die Menschheit mit all ihren körperlichen Bedürfnissen, Trieben und Abgründen als außerordentlich interessant und faszinierend. Die menschliche Neigung, sich gegenseitig zu schaden und Schmerzen zuzufügen, rückt schließlich in den Fokus von H’s Aufmerksamkeit. Zu Versuchsobjekten in seinem perversen Spiel werden u. a. der Filmproduzent Younger und die Maklerin Jane. Gemeinsam mit einigen anderen Menschen werden sie in einer Fabrikhalle eingesperrt, die sich als raffiniertes Gefängnis entpuppt, aus dem es keinerlei Entrinnen gibt. Bald kochen die Emotionen über und die Situation eskaliert. Das Entsetzen der Menschen ist übermächtig, als sie erkennen, dass sie nicht sterben können und immer wieder gesund und munter von den Toten auferstehen, egal wie oft sie ermordet werden. Doch welche Grenzen kennt die menschliche Grausamkeit, wenn sie selbst den Tod nicht fürchten muss? Die Gefährten H’s wenden sich voll Grausen von ihm ab, als das Experiment aus den Fugen zu geraten droht…

John Shirleys Roman über eine Lebensform, die Menschen als Versuchskaninchen missbraucht, ist nicht nur schmal ausgefallen, sondern bildet auch eine interessante Mischung aus Horror, Fantasy und Science Fiction, wobei die typischen Elemente, die mit den drei Genres verbunden werden, fehlen. Auffallend ist der triste, hoffnungslose Stil in dem die Geschichte erzählt wird. Laut Shirley besteht die Welt nur aus Bosheit, Neidertracht und Gewalt. Von den handelnden Personen sind die beiden Überwesen, die H’s Vorgehensweise verabscheuen und verurteilen, noch die sympathischsten Zeitgenossen. Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. In den ersten zwei werden zwei Einzelschicksale detailliert und eindringlich geschildert und erwecken im Publikum den Eindruck, zwei Kurzgeschichten zu lesen, in deren Verlauf die Protagonisten von H beeinflusst werden. Erst im letzten und dritten Kapitel laufen die Fäden zusammen und finden sich die handelnden Personen in dem eigentlichen Versuchslabor der übermächtig erscheinenden Entität namens H wieder.

Das Schreckensszenario dem sich Jane, Younger und all die anderen ausgesetzt sehen und dessen Ausmaß sie erst viel später in seiner Ganzheit begreifen, ist von beklemmender Intensität und beschreibt die Sinnlosigkeit einer Gesellschaft, die unfähig ist zu sterben. Leider beschränkt sich der Autor die meiste Zeit darauf zu schildern, in welcher Art und Weise sich die Menschen gegenseitig das Leben nehmen oder ihrer sexuellen Enthemmtheit frönen. Hinzu kommt die geradezu skizzenhafte Charakterisierung der Personen, die alle mit ihren hervor stechendsten Wesenszügen vorgestellt werden, aber nur wenig Tiefe erreichen und kaum Nähe zum Leser aufbauen. Der Plot des Romans birgt ein nahezu unerschöpfliches Potential, das bedauerlicherweise nur begrenzt genutzt wurde. „In der Hölle“ ist brutal, minimalistisch, schonungslos und – zumindest für Genrefans – unterhaltsam. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Umschlagbild von Frank Fiedler ist, neben seiner Kunstfertigkeit, die treffende optische Darstellung des Titels. Mit dem Inhalt direkt hat es allerdings nur wenig zu tun. Da es jedoch schwierig ist, die Situation der Menschen im perfiden Spiel des Überwesens oder H selbst angemessen zu zeichnen, ist die Lösung der Edition Phantasia die beste. Wahrhaft höllisch! John Shirleys Schreckensvision von einem übermächtigen, außerirdischen Wesen, das die menschlichen Abgründe studiert, ist beklemmend und eindringlich, in ihrer Hoffnungslosigkeit aber auch recht einseitig. (FH)

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In der Hölle

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