Buchrezicenter.de

neuauflage

Kunstschützen

Erstellt von Günther Lietz am 4. September 2011

Hailey Lind
Kunstschützen
Die Fälle der Annie Kincaid 2

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
400 Seiten, ISBN 978-3-86762-080-2
Originaltitel: Shooting Galery (2006)
Übersetzung: Dorothee Danzmann
Lektorat: Andrea Bottlinger
Korrektorat: Lars Schiele
Umschlaggestaltung: Oliver Graute

http://www.feder-und-schwert.com/
http://www.haileylind.com
http://www.startnext.de/kunstblut

Ziemlich zügig hat der Verlag Feder & Schwert nun auch den zweiten Kriminalroman aus der Reihe “Die Fälle der Annie Kincaid” auf den Markt gebracht. Bereits der erste Band (“Kunstfehler”) sorgte für gute Laune und Spannung. Band 2, mit dem Titel “Kunstschützen”, schließt nahtlos an die Vorlage an. Der Titel ist dann auch schon das erste Ärgernis, denn mit einem Blick auf den geplanten dritten Band (“Kunstblut”) kristallisiert sich im deutschen eines dieser blöden Wortspiele heraus, die überhaupt nicht witzig sind.

Aus “Feint of Art” wurde “Kunstfehler”, aus “Shooting Galery” wurde “Kunstschützen” und aus “Brush with Death” soll “Kunstblut” werden. Die englischen Titel sind ganz witzig, aber die deutschen Titel wirken altbacken, mit einer Priese staubigem Wortspiel. Das ist Schade, denn die Geschichten haben es in sich. Auch der Umschlag mit dem Titelcover ist grausig. Viel zu dunkel, viel zu antiquiert und viel zu seriös. Das ist weitab vom Charakter der Annie Kincaid oder des Romans.

Der spielt zwar im San-Francisco-Kunstmilieu und erneut ist ein altes und teures Gemälde mit von der Partie, aber Hailey Lind versteht es sehr gut die alten Meisterwerke frisch und modern einzubinden, vom Staub der Museen zu befreien. Überhaupt dreht sich die Geschichte diesmal um Bildhauerei und Annies persönliche Dramen.

Annie entdeckt nämlich bei einer Ausstellung die Leiche eines Künstlers – und sofort ist die Aufregung groß. Dann wird aus dem Brock-Museum ein Bild gestohlen – und erneut ist Annie mit von der Partie. Überhaupt, Annie scheint das Unglück geradezu anzuziehen. Da taucht auch noch ihre Mutter auf, denn der Ermordete war ein alter Bekannter. Und dann ist da noch die Mafia, eine Rockerbraut, ein Haufen Künstler und zwei Kerle, die unheimlich charmant sind und heftig mit Annie flirten.

Und die geht diesmal einen Schritt weiter und lässt es zum heißen Fummeln kommen. Immerhin sind die Kerle verdammt knackig. Da wäre Michael, dessen wirklichen Namen wohl niemand kennt. Er ist ein Kollege und Freund von Annies Großvater – der sich seine Brötchen als Kunstfälscher verdient. Und somit ist klar: Michael ist ein Krimineller und steht auf der falschen Seite des Gesetzes. Doch seine wilde und unkonventionelle Art macht Annie ganz wuschig. Auf der richtigen Seite des Gesetzes steht Frank, Annies Vermieter, ein ruhiger und besonnener Mann. Er leitet eine Sicherheitsfirma und flirtet ebenfalls heftig mit Annie, aber auf eine kultivierte Art. Die Kunstdetektivin kommt beiden Männern natürlich näher, verstrickt sich nebenbei in allerlei Abenteuer und muss wohl herausfinden, was ihr Herz will. Aber weder Annie, noch die Leserschaft können sich da wohl entscheiden.

Wie bereits herauszulesen, ist “Kunstschützen” natürlich ein romantischer Kriminalroman, der sich vor allem an das weibliche Geschlecht richtet. Annie ist eine sympathische Person mit Ecken und Kanten. Obwohl sie eigentlich ziemlich feige ist, beweist sie im richtigen Augenblick oftmals Heldenmut, steht treu zu ihren durchgeknallten Freunden und meistert die Tücken des Alltags – oder erleidet gnadenlos Schiffbruch. Trotzdem macht sie weiter, gibt nie auf und entwickelt sich. Das macht diese Frau – und ihren Humor – unheimlich liebenswert.

Hailey Lind – im übrigen das Pseudonym zweier Schwestern – liefert eine spannende Geschichte ab. Diesmal wurde das Fachwissen stark zurückgeschraubt und konzentriert sich die Autorin stärker auf die Personen und Beziehungsgeflechte. Das macht den Krimi noch spannender, denn die Figuren sind es, die den besonderen Reiz ausmachen. Obwohl sie stellenweise überzeichnet sind, wirken sie glaubhaft und zaubern ein Schmunzeln ins Gesicht – spätestens wenn Annie in ein Fettnäpfchen tritt.

“Kunstschützen” ist ein toller und lustiger Roman, der mit Spannung, Dramatik und Herzschmerz aufwartet. Dazu eine ordentliche Priese Mord und Totschlag – einfach gelungen! Der Roman wird übrigens mit einer Anleitung zum Vergolden abgerundet. Das ist ziemlich witzig und – für Leser die mit dem Gedanken spielen einen Gegenstand mit Blattgold oder anderen Metallen zu überziehen – auch nützlich.

Was die Fortsetzung der Reihe angeht, so setzt der Verlag Feder & Schwert bei Band 3 (“Kunstblut”) übrigens auf Crowdfunding und hat den nächsten Annie-Kincaid-Roman als Projekt bei Startnext.de ausgeschrieben. Nur wenn sich bis Mitte September 2011 genügend Unterstützer finden, soll das Buch auf deutsch verlegt werden. Der Stand Ende August 2011 sieht allerdings ernüchternd aus, da gerade einmal 465 Euro der benötigten Summe von 4500 Euro erreicht wurden.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Frauenroman, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Kunstfehler

Erstellt von Günther Lietz am 31. August 2011

Hailey Lind
Kunstfehler
Die Fälle der Annie Kincaid 1

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
Originaltitel: Feint of Art
Übersetzung: Dorothee Danzmann
Lektorat: Oliver Hoffmann
Korrektorat: Thomas Russow
Umschlaggestaltung: Oliver Graute
384 Seiten, ISBN 978-3-86762-072-7

Mit dem Auftaktroman “Kunstfehler” zur Reihe “Die Fälle der Annie Kincaid” wagt sich der Verlag Feder & Schwert auf ein neues Gebiet. Mit dem mehr als dreihundertsiebzig Seiten dickem Buch versuchen die Mannheimer den Markt der Kriminalromane zu erobern. Die düstere äußere Aufmachung des Romans dürfte der Sache aber erst einmal abträglich sein, sieht das Buch doch weniger nach einem Krimi im Kunstfälschermilieu aus, als mehr nach einem Photoshop-Unfall. Da Feder & Schwert bisher auf phantastische Geschichten spezialisiert war, dürften die meisten verlagstreuen Leser vom Inhalt überrascht sein. Der hat es dafür aber faustdick hinter den Ohren.

Heldin der Geschichte ist Annie Kincaid, Enkelin des berühmten Kunstfälschers Georges LeFleur. Einst als Wunderkind gehandelt, als Teenager vom Pfad der Tugend abgekommen und nun stolze Besitzerin eines Faux-Finish-Studios. Ihrer Vergangenheit wegen wird Annie von einem Freund angesprochen, um sich ein teures Gemälde anzusehen. Das Bild erweist sich prompt als Fälschung, es gibt den ersten Toten, Annie wird in den Strudel der Ereignisse hineingezogen und muss sich schlussendlich mit üblem Gesindel herumschlagen, um diesen Kriminalfall zu lösen. Soweit ein kurzer Überblick.

Was nach den ersten Seiten auffällt ist, dass es sich um einen Kriminalroman für Frauen handelt. Die Heldin selbst kämpft mit ihren eingebildeten Pfunden, ist eine große Naschkatze, ihr fehlen die richtigen Worte an den falschen Stellen, sie ist manchmal etwas ungeschickt, hat eine zu kleine Blase, ist sehr humorvoll, liebt Tiere, hat das Herz am rechten Fleck und ist verdammt sympathisch. Eine Heldin also, mit Ecken und Kanten. Zwar auch feige, aber zu gegebener Zeit auch mutig wie eine Löwin.

Der Roman wurde von Hailey Lind in der ersten Person verfasst, erzählt die Geschichte also aus der Ego-Perspektive. Dadurch wird die Handlung entsprechend subjektiv gestaltet und alle anderen Figuren im Annie-Universum eingeordnet. Die Frauen die Annie nahestehen sind sympathische und flippige Persönlichkeiten, alle anderen haben einen auffälligen Knacks und sind eindeutig unsympathisch. Bei den Männern sieht die Sache genauso aus. Natürlich mit zwei Ausnahmen, die den typischen Klischees entsprechen und einem biologischem Vorbild folgen.

Während der Geschichte lernt Annie zwei Kerle kennen. Beide natürlich gutaussehend. Der eine Mann steckt voller Geheimnisse und Gefahren, ist ein wilder Kerl, impulsiv, auch mal gemein und unheimlich charmant. Der andere Mann ist ein bodenständiger, offensichtlich gut gestellter Kunstliebhaber, äußerst kultiviert und unheimlich charmant. Mit beiden eckt Annie natürlich erst einmal an, beide sind von Annies Charme irgendwann eingenommen. Zwar werden in “Kunstfehler” keine Fakten geschaffen, aber der Weg zu den üblichen Liebesreigen geebnet.

Lind liebt die Kunst und das Multikulturelle – und auch Annie liebt diese Dinge. Vor allem Frankreich hat es der angehenden Detektivin angetan, die dort einige Jahre verbrachte und deren – in der Szene – berühmte Großvater  dort lebt. Das wird im Roman auch oft thematisiert, Zitate aus dem Buch des Großvaters läuten gar jedes Kapitel ein. Das ist ein nettes Stilmittel, schlussendlich schränkt das ausgesuchte Milieu den Roman ebenfalls ein. Hailey Lind gibt sich zwar redlich mühe Fakten und Arbeitsweisen der Maler und Kunstfälscher zu erklären, aber dennoch braucht es seine Zeit, um sich einzufinden. Auch die gelegentliche Verwendung französischer Begriffe und Zitate können irritieren, vor allem in der Aussprache. Der Leser sollte der Kunst und dem Französischen gegenüber also keine Abneigung hegen.

Ist diese kleine Hürde überwunden, bietet sich ein gelungener Kriminalroman dar. Der Fall ist von Anfang bis Ende schlüssig, die Ermittlungen und deren Ergebnisse nachvollziehbar und an der Lösung des Falls kann die Leserschaft mitknabbern. Das macht richtig Laune. Zudem weiß die Autorin unterhaltsam zu schreiben. Auch flüssig und humorvoll, so dass die Seiten regelrecht dahinfliegen. Und zum Abgang gibt es noch eine kleine Einführung in die Kunst der Glasur.

Der Roman ist ziemlich überzeugend geschrieben. Er spielt übrigens in San Francisco und es gelingt Hailey Lind hervorragend diese Kulisse einzufangen. Die Stadt wird einzigartig in den Roman eingebunden und lädt dazu ein, sich die Gegend und ihre Lokale einmal anzusehen. Das dürfte daran liegen, dass Hailey Lind einfach weiß, worüber sie schreibt. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich bei “Hailey Lind” um ein Pseudonym handelt, hinter dem die Schwestern Julie Goodson-Lawes und Carolyn J. Lawes stehen. Sie haben in Gemeinschaftsarbeit “Die Fälle der Annie Kincaid” entwickelt und niedergeschrieben.

Julie Goodson-Lawes lebt und arbeitet tatsächlich in San Francisco Bay Area und verdient sich ihre Brötchen mit dem malen von Porträts, dem Faux Finishing und als Gestalterin. Sie ist somit das Vorbild zu Annie Kincaid. Carolyn J. Lawes ist Historikerin und arbeitet an der Old Dominion University in Norfolk. Sie ist eindeutig für die Frankophilie Annies verantwortlich. Zusammen ergibt sich die wunderbare Mischung namens Hailey Lind.

“Kunstfehler” ist ein kurzweiliger Kriminalroman mit einer sympathischen Heldin. Das Buch macht großen Spaß, die Geschichte wirkt authentisch und der Unterhaltungsfaktor ist ziemlich hoch. Klasse!

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Frauenroman, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Erlkönig

Erstellt von Günther Lietz am 29. August 2011

Jim Butcher
Erlkönig
Die dunklen Fälle des Harry Dresden 7

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
576 Seiten, ISBN 978-3-86762-097-0
Originaltitel: Dead Beat (2005)
Deutsch von: Dominik Heinrici
Lektorat: Oliver Hoffmann
Korrektorat: Florian Don-Schauen
Umschlagillustration: Chris McGrath

Die Reihe “Die dunklen Fälle des Harry Dresden” hat sich im Programm von Droemer-Knaur nur sechs Bände lang halten können, dann warf der Verlag das Handtuch. Scheinbar erhielt die Reihe zwar Zuspruch vom Fachpublikum, aber dennoch blieben wohl die Leser aus. 2011 hat sich nun der weitgehend auf Phantastik spezialisierte Verlag Feder & Schwert der Reihe angenommen und führt mit dem siebten Band die Geschichte um Magier Harry Dresden fort. Die bei Droemer-Knaur bisher erschienen Bände sollen in neuem Gewand ebenfalls folgen.

Der Mannheimer Kleinverlag hat sich einiges vorgenommen und versucht also da zu punkten, wo ein Großverlag scheiterte. “Erlkönig” ist glücklicherweise ein ziemlich großes Kaliber und besitzt die Durchschlagskraft, um einen ordentlichen Eindruck zu hinterlassen.

Nach seinen letzten Abenteuern ist Harry Dresden schwer angeschlagen. Seine Habe hat Kratzer abbekommen, der Körper ist geschunden und die linke Hand verkrüppelt. Außerdem fliegt die Braut auf die Harry steht ausgerechnet mit einem fiesen Kerl in den Urlaub – und es gibt keinen Zweifel daran, was die beiden dort anstellen werden. Die Ausgangssituation ist also mehr als beschissen. Und es kommt noch schlimmer.

Harrys Erzfeindin Mavra lädt zu einem Treffen ein. Übernatürliche Mittel haben versagt, um Harry zu erledigen oder zu einem Spielzeug ihres Willens zu machen. Also setzt sie nun auf weltliche Mittel und greift zur profanen Erpressung. Wo keine Magie der Welt erfolgreich war, geht Harry Dresden nun in die Knie. Er soll Kemmlers Wort suchen und macht sich auch gleich an die Arbeit.

Ziemlich schnell findet Harry heraus, dass es sich wohl um ein Buch handelt. Und er findet ebenfalls heraus, dass eine Schar an Nekromanten hinter dem Buch her ist. Zudem steht Halloween vor der Türe, für Nekromanten eine ganz besondere Nacht …

Mit “Erlkönig” hat Jim Butcher einen spannenden Gruselroman verfasst, der heutzutage allerdings den Stempel “Urban Fantasy” trägt. Klingt zwar moderner, dennoch ist es ein Gruselroman. Besonders witzig an der Sache ist vor allem, dass genau dieser Stil dem deutschen Leser von den Romanheften Bastei Lübbes bekannt ist, die ab den siebziger Jahren verfasst wurden. Eine starke Ähnlichkeit besteht, unter anderem, zu den John-Sinclair-Abenteuern, die von Helmut Rellergerd alias Jason Dark geschrieben wurden. Butcher stammt zwar aus den USA und der Roman spielt in Chicago, aber dennoch kommen da ganz schnell Heimatgefühle auf. Vor allem, da Dresdens Abenteuer zwar in Chicago stattfinden, die Stadt aber zu keinem Zeitpunkt einen unverwechselbaren Eindruck hinterlässt. Der Roman könnte auch in jeder anderen beliebigen Großstadt spielen.

Davon einmal abgesehen, bietet “Erlkönig” eine tolle Mischung aus Grusel, Fantasy und Humor. Jim Butcher bleibt mit der Erzählung auch immer nahe beim Leser. Es gibt keine altklugen Belehrungen oder ausgefeilte Dialoge mit verschnörkelten Satzkonstruktionen, die einen Stein vor Rührung zum Weinen bringen könnten. Nein! Butcher nutzt einen zeitgemäßen Wortschatz, kommt mit einfachen und nachvollziehbaren Wortwechseln daher. Das er dabei auch ordentlich Zeit und Platz mit Blähwörtern schindet, sei geschenkt. Es gehört einfach zum schlichten Stil des Romans. Auffällig und am Rande des nervigen, ist der inflationäre Einsatz von Dialogauszeichnungen (“sagte er”, “flüsterte er”, “kommentierte er”, “sprach er”, “rief er”, “stöhnte er”). Dadurch entsteht zwar Dynamik und der Leser weiß genau, was gerade mit den Figuren vor sich geht, aber manchmal neigt dieser Stil auch zum Grotesken. Eine bildliche Vorstellung der Szenerie erinnert dann nämlich stellenweise an Jim Carrey Fratzenschneiderei aus dem Film “Die Maske”.

Butchers Roman ist einfach und verständlich geschrieben. Und das gilt auch für seine Figuren. Es sind schlichte Charakterkonzeptionen, die aber für den Augenblick wirken und ihre Arbeit verrichten. In der Reflexion verliert “Erlkönig” zwar ein paar Punkte, dass sorgt aber während dem Lesen für großes Lesevergnügen und lässt die Figuren – im gegenwärtigen Augenblick – authentisch wirken. Dazu kernige Namen, eine ordentliche Portion Drama und ein Held mit sehr viel Nehmerqualitäten, der auch mal seine verletzliche Seite zeigt. Und genau das macht die Figur des Harry Dresden so sympathisch. Er flennt, er macht sich in die Hose, aber er steht zu seinen Freunden und gibt niemals auf. Um so befriedigender für die Leserschaft, wenn Harry dann auch mal triumphiert. Und alles in guter alter Groschenheftmanier – moderner Pulp eben.

Mit “Erlkönig” erlebt Harry Dresden ein verdammt unterhaltsames Abenteuer, mit einem furiosen Finale. Ein toller Roman, einfach zu lesen und sehr kurzweilig. Die Übersetzung ist gelungen, die Aufmachung klasse und die Umschlagillustration von Chris McGrath erstklassig. Eine gute Arbeit des deutschen Verlags. Der siebte Band von “Die dunklen Fälle des Harry Dresden” ist eine klare Empfehlung!

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Abenteuer, Fantasy, Horror, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Die Götter von Whitechapel

Erstellt von Günther Lietz am 28. August 2011

Shawn M. Peters
Die Götter von Whitechapel

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch, Steampunk (2011)
Originaltitel: Whitechapel Gods (2008)
Deutsch von: Flora Schneider
Titelillustration: Oliver Graute
Lektorat: Oliver Hoffmann
Korrektorat: Thomas Russow
448 Seiten, ISBN 978-3-86762-103-8

Am Ende des 19. Jahrhunderts ist der Londoner Stadtteil Whitechapel vom Rest der Stadt abgeriegelt. Zwei gewaltige Entitäten – Mama Maschine und Großväterchen Uhr – beherrschen und quälen die Bewohner des Viertels. Diese haben gelernt den Kopf unten zu halten und sich mit den selbsternannten Göttern Whitechapels zu arrangieren. Doch im Untergrund gärt gerechter Zorn und der Unmut diesen Göttern gegenüber.

Hoffnungsträger der einfachen Bevölkerung ist der Held des Romans, Oliver, und seine Mannschaft harter Kerle. Oliver war schon einmal in einen Widerstandskampf verwickelt und schwor sich, nach der blutigen Niederlage, ebenfalls den Kopf unten zu halten. Doch wie es bei wahren Helden ist, werden sie vom Schicksal eingeholt …

Bei “Die Götter von Whitechapel” handelt es sich um den Debüt-Roman des Autoren Shawn M. Peters, der im Original (“Whitechapel Gods”, 2008) bei Roc Books (Penguin Group (USA)) erschien. Feder & Schwert hat den Roman von Flora Schneider übersetzen lassen und 2011 als Steampunk-Taschenbuch publiziert. Der Mannheimer Verlag hat bisher großen Mut und einen guten Instinkt mit Steampunk-Publikationen bewiesen und auch mal riskiert, einen neuen Stil vorzustellen. Das Steampunk-Programm bei Feder & Schwert ist ziemlich abwechslungsreich und “Die Götter von Whitechapel” reiht sich hier nahtlos ein, denn Peters besitzt eine ziemlich eigenwillige Schreibe. Mehr als einmal drängt sich der Verdacht auf, der englische Fantasyautor China Miéville hätte den Kanadier inspiriert.

S. M. Peters neigt ebenfalls zum Spiel mit dem Wort, einer kreativen Verbiegung der Wirklichkeit und dem mannigfaltigen Einsatz von Maschinenschöpfungen. An den geschliffenen Stil eines Miévilles kommt er allerdings kaum heran. Die deutsche Übersetzung von von Flora Schneider ist ordentlich, ebenso das Lektorat von Oliver Hoffmann. Das Korrektorat von Thomas Russow entspricht dagegen leider dem gegenwärtigen deutschem Verlagsstandard – es gibt also etliche Fehler. Die Titelillustration von Oliver Hoffmann ist leidlich gelungen, aber meilenweit von der Genialität des Titelbildes von “Whitechapel Gods” entfernt. Außerdem wurde der Buchtitel der deutschen Ausgabe künstlerisch gestaltet – als Motiv und mit unterschiedlichen Schriftarten. Das sieht schick aus, verschleiert aber den Buchtitel und macht ihn für den ersten Blick unleserlich. Buchtitel sollten klar erkennbar und gut zu lesen sein.

Die Handlung ist spannend und der Leser wird sofort hineingeworfen, was zu Verwirrungen führen kann. “Die Götter von Whitechapel” ist wie ein großes Puzzle geschrieben, zudem es nie ein Gesamtbild gibt. Peters offenbart mit jeder Seite weitere Puzzleteile, die vom Leser selbst zu einem Bild zusammengefügt werden müssen. Dabei kann es auch mal zu einem falschen Bild kommen, zu einer Vorstellung, die irgendwann mit einem weiteren Puzzleteil umgeworfen wird. Ob der Autor mit diesem Stilmittel absichtlich kokettiert oder der Zufall seine Hand im Spiel hat, sei dahingestellt. Jedenfalls macht es Spaß und fordert den Leser. “Die Götter von Whitechapel” ist ein Roman, der zum Mitdenken animiert und zu einem großen Abenteuer mit offenem Ausgang einlädt.

Eindeutige Beschreibungen sind bei Peters Mangelware. Sie kommen selten vor. Ereignisse und Dialoge übernehmen diese Arbeit – aber nur ungenügend. S. M. Peters Roman geht einfach davon aus, dass der Leser die Welt kennt. Es gibt keine Einführung, nur Tatsachen und Schlussfolgerungen. Anhand eines Dialogs oder der Bezeichnung eines Gegenstands muss der Leser erkennen, um was es geht, wie die Welt aussieht, was die Hintergründe sind. Wer die Geschichte aufmerksam verfolgt, das Gelesene reflektiert und dem Text Zeit zum Entfalten lässt, der bekommt ein Bild von dieser scheinbar unvorstellbaren Welt, die einem zwar groß vorkommt, dennoch auf kleinem Raum spielt.

Die Figuren ticken ähnlich, einige im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben Ecken und Kanten, Geheimnisse, Ängste, Fehler – aber auch Tugenden. Es macht Spaß den Figuren zu folgen und ihnen über die Schultern zu schauen. Irgendwann entwickelt sich ein emotionales Band zu den tragischen Helden der Geschichte. Und genau dann nimmt der Roman ordentlich Fahrt auf. Die Figuren bewegen einfach – den Leser, sich selbst und die Handlung.

Die Stimmung im Buch ist dunkel und gedrückt. Der Feind scheint übermächtig und alles liegt im Schatten gigantischer Schlote. Eine mysteriöse Krankheit sucht das Stadtviertel heim und lässt Zahnräder und Metall zu den Herren über das Fleisch werden. Dampfgetriebene Soldaten mit Uhrwerkherzen, finstere Magie und all das in der Unterschicht des viktorianischen Englands. Das ist verdammt spannend und liebevoll gestaltet – vom Text, aber auch vom Layout her. Peters weiß fesselnd und spannend zu schreiben, Feder & Schwert weiß Bücher zu machen. Top!

Der Roman ist ein klasse Debüt von Peters. Zwar eine schwere Kost, aber die Mühe lohnt sich. Gelegenheitsleser sollten “Die Götter von Whitechapel” aber lieber liegenlassen und zu etwas Leichterem greifen, das von Feder & Schwert ebenfalls angeboten wird. Shawn M. Peters und sein Debüt-Roman sind jedenfalls eine tolle Bereicherung des Verlagsangebotes und des heimischen Bücherregals.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Fantasy, Steampunk | Keine Kommentare »

Schattenlabyrinth

Erstellt von Günther Lietz am 19. Juli 2011

Eric Scott de Bie
Schattenlabyrinth

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
Originaltitel: Doenshadow
Übersetzung: Daniel Schumacher
447 Seiten, ISBN 978-3867620932

“Schattenlabyrinth” ist der nun mehr dritte Band der Quadrologie “Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser”. Greenwood hat nur nebenbei etwas mit der Geschichte zu schaffen, denn als Autor zeigt sich Eric Scott de Bie verantwortlich. Er hat die Aufgabe übernommen, ebenfalls etwas zur Reihe beizusteuern und die dem Roman zugrunde liegende Hintergrundwelt – die Vergessenen Reiche – zum Leben zu erwecken.

Der tragische Held des Romans ist der Paladin Schattenbann. Er sorgt im Unterberg für Ruhe und Ordnung, sichert des Nachts die dunklen Straßen von Tiefwasser und hat auch einige persönliche schwere Probleme. Immerhin ist er Magieversehrt, hat besondere Kräfte, mysteriöse, gutaussehende Frauen treten in sein Leben und außerdem darf ja niemand etwas von seiner wahren Identität erfahren.

Der gute Schattenbann heißt in Wirklichkeit nämlich Kalen und arbeitet bei der Stadtwache. Von seiner wahren Identität darf niemand etwas ahnen. Warum? Tja, gute Frage, weil halt niemand etwas davon erfahren darf. Ist auch vollkommen egal, denn der Roman von de Bie passt hervorragend zu seinen Vorgängern. Mal ehrlich, bisher wirken alle Romane dieser Quadrologie, als hätte der Verlag Wizards of the Coasts billig Leute eingekauft, denen erzählt sie wären gute Autoren und die dann einfach mal schreiben lassen. Und Feder & Schwert hat nun die Aufgabe diesen Schund zu übersetzen und zu publizieren. Anders ist der starke Kontrast zu den anderen Vergessene-Reiche-Reihen kaum zu erklären. Doch der Reihe nach.

Die Vergessenen Reiche gehören zum Rollenspiel “Dungeons & Dragons”. Das Spiel hat vor einigen Jahren einen großen Umbau erlebt und der neue Regelkern war somit auch die neue Basis für die dazugehörigen Hintergrundwelten. Dementsprechend wurden die Vergessenen Reiche ebenfalls großartig umgebaut. Wer das Rollenspiel kennt, der wird eventuell auch davon wissen. Wer nur die Romane kennt, der wird sicherlich ungläubig auf “Schattenlabyrinth” starren und sich fragen, was das alles plötzlich soll. Dieser Umbau hat nämlich die bisherige Welt so stark verändert, dass sie kaum wiederzuerkennen ist. Die neuen Geschichten spielen auch alle um die einhundert Jahre später, nachdem eine Zauberplage für diese starken Veränderungen sorgte. Die Zauberplage dient jedenfalls als Werkzeug, um die Anpassung der Hintergrundwelt an das Rollenspiel, innerhalb der übergreifenden Handlung, zu erklären.

Die neue Hintergrundwelt wird nun mit neuen Geschichten bestückt. Neueinsteiger haben damit sicherlich kein Problem, Kenner der Romane werde sich an dem neuen Gesicht der Reiche sicherlich stören. Wo einst unbegrenzte Fantasie, mächtige Magie und unzählige Götter die Welt regierten, präsentiert sich dem Leser nun eine dystopische Welt. Vorher Licht, nun Schatten – was wiederum zum Roman passt. Wer die Paladine und Zwerge aus der alten Zeit kennt, der wird sich hier die Haare raufen. Dazu kommt die handwerkliche Schwäche von Eric Scott de Bie und die Ausrichtung seines Romans.

Die Hintergrundwelt außer acht gelassen – was schlussendlich Geschmackssache ist – wurde der Roman auf ein modernes, jugendliches Publikum zugeschnitten. War die Handlung des letzten Romans noch eher auf die Mädels ausgerichtet, kommen nun die Jungs zu ihrem Vergnügen. “Schattenlabyrinth” ist nämlich ein Superheldenroman.

Der gute Kalen ist eine Collage aus Batman, Superman und Spider-Man. Und das ist kein Witz, sondern trauriger Ernst. Eric Scott de Bien ist zudem wohl auch ein Liebhaber der dazugehörigen Kinofilme, denn mehr als einmal ist ganz deutlich erkennbar, wo er Szenen aus den Filmen adaptiert.

Kalen hat Muskeln aus Stahl und empfindet keinen Schmerz, er trägt einen Helm um sich zu maskieren, eine enganliegende Lederrüstung, ein Cape, er klettert und springt und hangelt, dass es eine wahre Freude ist, Kalen ist im Kampf unbesiegbar, er spielt bei der Stadtwache den ungeschickten Trottel und so weiter und so fort. Natürlich alles auf Fantasy glattgebügelt, aber trotzdem eindeutig erkennbar. Und das ist, gelinde gesagt, langweilig.

Zudem hat de Bie große Probleme Personen, Szenen und Ereignisse bildlich umzusetzen. Wie auch, bedient er sich doch bei Vorlagen aus dem Kino und vergisst dabei, dass seine Leser diese Vorgaben nicht vor Augen habe. Das Kopfkino scheint beim Autoren zu funktionieren, aber es misslingt ihm, den Projektor so auszurichten, dass auch die Leser des Romans die Bilder sehen. Zudem sind fast alle Figuren und Szenen sowieso austauschbar, da blass, kraftlos und langweilig. Das liegt aber auch an dem Liebesgelabere auf dem Niveau einer Teenie-Soap. Was allerdings zu unbeabsichtigter Komik führt. So ist es ja klar, dass die gutaussehende Kommandantin der Stadtwache ihre knappe Lederrüstung auszieht, um den Gauner zu verfolgen. Und weil das dünne Leinenhemd so verschwitzt ist, zieht sie es auch noch aus. Mit nackten Brüsten scheint es sich halt schneller zu laufen. Glücklicherweise gibt es ja haufenweise schöne Frauen in dem Roman, so dass Eric Scott de Bie ganz oft die Gelegenheit hat, um schwülstige Szenen einzubauen und ab und zu mal ein wenig prüden Sex zu beschreiben: “Yeah, kommt ihr geilen US-Teenager und lest meinen coolen Action-Paladin-Superhelden-Roman, da gibt es nackte Brüste und Sachen die ich für pervers halte!” Nach der Lektüre des Romans wäre de Bie solch ein Gedankengang zuzutrauen.

Die Übersetzung aus dem Hause Feder & Schwert ist jedenfalls gut und passend. An der Qualität des Romans und den Veränderungen der Hintergrundwelt tragen die Mannheimer ja keine Schuld. Ansonsten kann “Schattenlabyrinth” nur den Leuten empfohlen werden, die mit eigenen Augen lesen möchten, wie eine bisher passable und lebendige Hintergrundwelt zugrunde gerichtet wird.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Fantasy | Keine Kommentare »

Nebelufer

Erstellt von Günther Lietz am 14. Juni 2011

Nebelufer
Jaleigh Johnson
Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser Band 2

(sfbentry)

Feder und Schwert Taschenbuch (2011)
Übersetzung: Daniel Schumacher
392 Seiten, ISBN 978-3-86762-079-6

Mit “Nebelufer” ist der zweite Teil der Reihe “Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser” auf Deutsch beim Mannheimer Verlag Feder und Schwert erschienen. Wie sein Vorgänger spielt er ebenfalls in der Stadt Tiefwasser. Das war es aber auch schon an Gemeinsamkeiten. “Nebelufer” steht für sich alleine und Kenntnisse aus dem Roman “Schwarzstabs Turm” sind unnötig.

Mit dem zweiten Teil der Quadrologie ist absehbar, dass es sich bei der Reihe um eine Mogelpackung mit minderwertigem Inhalt handelt. Zum Einen ist der Titel bereits Augenwischerei, denn vor allem sind die Begriffe “Tiefwasser” und “Ed Greenwood” prominent als Reihentitel zu lesen, das “präsentiert” verschwindend klein. Allerdings passt es zur dürftigen Coverillustration, die von Andrew Jones stammt. Die Illustration ist zu dunkel und auf einem Taschenbuch eindeutig zu klein. Die Details gehen allesamt unter. Das ist, angesichts des Motivs, vielleicht ein Segen.

Der Roman selbst handelt von der jungen Frau Icelin, die magisch begabt ist, deren Vergangenheit im Dunkeln liegt und die niemals etwas vergisst. Sie hat das perfekte Gedächtnis. Eines Tages trifft sie zufällig mit einem Elfen namens Cerest zusammen. Beide verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, doch davon hat Icelin keine Ahnung. Trotz perfektem Gedächtnis hat sie sämtliche Erinnerungen an Cerest in einen Teil ihres Verstandes eingeschlossen, den sie nicht so einfach betreten kann, betreten will. Warum das so ist, das erfährt der Leser im Verlauf des Romans auf den letzten Seiten des Buchs. Allerdings sind die Gründe ziemlich bescheuert und Icelin hat nicht nur das auslösende Ereignis verdrängt, sondern auch die ganze Zeit danach. Ein ziemlicher Murks der Autorin Jaleigh Johnson.

Diese scheint im Universum der “Dungeons & Dragons”- und “Vergessene Reiche”-Romane ein neuer Stern zu sein. Leider, denn Johnsons Schreibe haftet der Geruch des Fandom an. Aus den Reihen der Fans mag sicherlich das ein oder andere Talent herausragen, aber die breite Masse ist einfach schlecht. Und jener schlechter Stil aus mangelnder Lebenserfahrung, angedachtem Weltschmerz und glitzernder Romantik findet sich im Roman wieder.

Jaleigh Johnson hat zudem weder ein Charakterkonzept, noch eine Ahnung wohin ihre Handlung läuft. Stattdessen mutet die Geschichte wie ein Roadmovie an, allerdings ohne tiefgehende Weisheiten, echte Dramatik oder gar tolle Bilder. Und die ganze Geschichte spielt sich in einem einzigen Viertel Tiefwassers ab. Zudem hat Icelin ihr ganzes Leben scheinbar auch nur in einer einzigen Straße gelebt. Und das in solch einem Drecksloch wie Tiefwasser, dem beim Umbau des bisherigen Welthintergrunds sämtliche Schutzmagie abhanden gekommen scheint. Alles ist nun unbändig, wild und kaum zu kontrollieren. Selbst in Tiefwasser. Dieser unsägliche Schnitt in die “Vergessenen Reiche” ist schon grauenhaft. In Kombination mit einem solchen Roman wird die Sache beinahe unerträglich.

Johnson nimmt in “Nebelufer” das gleichnamige Stadtviertel unter die Lupe und führt ihre Leser dabei durch allerlei Winkel der Wracks, Decks und Inseln aus denen Nebelufer besteht. Dabei geht sie zwar detailliert vor, aber da im Buch keine Karte vorhanden ist und die Beschreibungen oberflächlich bleiben, gibt es keinerlei echte Orientierung. Überhaupt fallen Beschreibungen Johnson schwer. Sie sind weder bildhaft, noch nachvollziehbar. Zudem hat die Autorin, wie ein spielendes Kind, die Angewohnheit einfach mal überraschend Änderungen einzubauen. Da fallen Romanfiguren tot um und springen kurzerhand wieder auf, weil sie sich in einer gefährlichen Situation nur totgestellt haben. Zudem wechseln die Figuren zwischen besonders klug und strohdumm, ist die Magie der Reiche einmal mächtig und dann wieder auf dem Niveau eines Kindergeburtstags.

“Nebelufer” zu lesen macht einfach keinen Spaß. Es hakt an allen Seiten und das Buch ist nicht einmal ein Rohdiamant der auf seinen Schliff wartet, das hier ist nur ein schäbiger Kiesel vom Straßenrand. Auch der verwendete Sprachschatz ist ein graus, mag es nun am Original oder an der Übersetzung durch Daniel Schumacher liegen. Letzteres ist eigentlich auszuschließen, da Schumacher bisher stets hervorragende Übersetzungen aus dem Bereich “Dungeons & Dragons” ablieferte. Aber moderne Worte sind in einem Fantasyroman einfach störend. So werden die Zuschauer eines Arenakampfes ganz profan als “Fans” tituliert. Hier hätte das Lektorat eigentlich einschreiten müssen, aber das hätte schlussendlich wohl bedeutet den Roman neu zu schreiben.

Mit “Nebelufer” liefert Jaleigh Johnson schlechte Massenware ab. Dem Roman mangelt es an Spannung, Dramatik, Humor, Logik und – vor allem – Nachvollziehbarkeit. Die Geschichte wirkt wie ein Abklatsch von Computerspielen und Kinofilmen. Das dürfte dann auch mit dem Background der Autorin zusammenpassen, über den einiges im Buch und den Accounts der Autorin bei Facebook, Twitter und Livejournal zu lesen ist.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Fantasy | Keine Kommentare »

Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser: Schwarzstabs Turm

Erstellt von Günther Lietz am 9. Dezember 2010

Steven E. Schend
Schwarzstabs Turm
Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser Band 1
(sfbentry)

Feder & Schwert, Taschenbuch (2010)
Original: Blackstaff Tower
Autor: Steven E. Schend
Übersetzer: Stefan Kreksch
Cover: Andrew Jones
Seiten 384, ISBN 978-3867620789

Viel Zeit ist ins Land gegangen und die Welt der Vergessenen Reiche hat sich gewandelt. Das ist vor allem der 4. Regeledition des Rollenspiels „Dungeons & Dragons“ geschuldet, die gleichzeitig auch sämtliche damit in Verbindung stehenden Kampagnenwelten umkrempelte. Somit gibt es auch für die Storyline einen neuen Anfang, dem Autor Steven E. Schend auch Rechnung trägt.

Es gab eine große magische Katastrophe, die Reiche haben sich verändert, alte Helden starben, neue wurden geboren und sind auf dem Weg zu Ruhm, Ehre und Reichtum. So weit, so gut – bis hierhin alles wohlbekannt und vorhersehbar.

In der Geschichte „Schwarzstabs Turm“ dreht sich alles um Renaer Neverember und seine Freunde Laraelra und Meloon. Nun, Anfangs sind es keine Freunde, aber gemeinsame Abenteuer schweißen die drei zusammen. Zudem gibt es auch noch einige weitere Wegbegleiter, die sich in der Geschichte tummeln.

Renaer ist übrigens der Sohn eines Fürsten von Tiefwasser, in der die Geschichte weitgehend spielt. „Schwarzstabs Turm“ ist auch gleichzeitig der Eröffnungsroman der Reihe „Ed Greenwood präsentiert Tiefwasser“. Erwähnenswert ist dabei sicherlich, dass Greenwood diese Fantasywelt erschuf – er ist ihr geistige Vater.

Laraelra ist übrigens eine Elfe und Tochter des Gildenmeisters der Kanalbauer, Meloon verdient sich seine Brötchen als Abenteurer und ist zudem Barbar. Eine unglaubliche Kombination – selbst für eine Stadt wie Tiefwasser. Aber geschenkt, denn wer einen Dungeons-&-Dragons-Roman liest, der erwartet schließlich außergewöhnliche Sachverhalte und Kombinationen. Das Problem dürfte hier eher die Spannung, der Stil und schlussendlich die Stringenz sein.

Während Autoren wie Salvatore aktionsorientiert oder wie Cunningham storylastig schreiben, kommt Steven E. Schend mit dem Stil eines Historikers daher. Das ist zwar an die Romane von Greenwood angelehnt, aber schlussendlich fehlt Schend das Feuer, der Kick und die Lüsternheit, die, zum Beispiel, Ed Greenwood Elminster-Romane ausmachen. Schend berichtet aus der Vergangenheit, wirft Blicke zurück, erklärt geschichtliche Zusammenhänge und zaubert sogar den ein oder anderen bekannten Namen aus der Mottenkiste. Der traurige Witz an der Sache ist jedoch, dass die Rückblicke des Autoren spannender sind als die Erzählung der Gegenwart.

So fliegt der Leser über Zeilen, in denen von vergangenen Wundern, Erzmagiern, mächtigen Helden und ihren Waffen erzählt wird. Es gibt kurze Ausblicke auf finstere Monster, werden düstere Schicksale kurz angerissen. Es wird dem Leser so richtig Appetit gemacht, Schend schürt das Feuer, legt noch eine Kohle drauf und dann – tja – und dann flutscht die Handlung wie an einem Gummiband wieder in die Gegenwart der Romanwelt zurück und überlässt einer langweiligen Handlung die Oberhand. Da gibt es tölpelhafte Helden, muffige Magie aus dem Kindergarten, blöde Bösewichter und allerlei Krimskrams. Die einst glänzende Stadt Tiefwasser mit ihren großartigen Wundern wirkt wie ein – hm – wie ein ödes Nest. Die Gilde der Beschützer und Bewahrer setzt sich offensichtlich nur aus Magiern zusammen, die am laufenden Band – Verzeihung ob des Tons – verarscht werden können. Von der einstigen Pracht, der mächtigen Magie und den prächtigen Wundern dieser Spielwelt ist nur noch ein mattes Abbild zurückgeblieben.

Hinzu kommen die Logikbrüche, die offensichtlich sind. Bestes Beispiel mag der Halblingsschurke sein, der zu einem sicheren Haus teleportierte. Das gelang mit Hilfe eines Angestellten der Neverembers, der das prompt vergisst und seinen Herrn ebenfalls dorthin teleportiert. Überhaupt gibt es bei den Neverembers viele Familiengeheimnisse, die entweder nur dem Vater oder dem Sohn bekannt sind. Klingt merkwürdig, ist aber so. Autor Steven E. Schend ist weder in der Lage glaubhaft eine Familienstruktur zu skizzieren oder politische Verhältnisse spannend darzustellen. Die Sequenzen in Schwarzstabs Turm übertrumpfen das alles noch, sind ein wirrer Ausflug in eine chaotische Magie- und Traumwelt, gespickt mit Prüfungen. Da bekommt natürlich jede Figur ihre eigene Prüfung, die auch im Detail beschrieben, regelrecht breitgewalzt wird. Langweilig, einfach nur langweilig!

„Schwarzstabs Turm“ ist ein langweiliger, unlogischer Roman, der mit einer farblosen Kulisse und drögen Figuren aufwartet. Das kann allerdings der trockenen Schreibe Schends geschuldet sein. Es bleibt das nächste Buch der Reihe abzuwarten, ob es an den mangelnden Qualitäten des Autoren oder der mangelnden Qualität der aktuellen Vergessenen Reiche liegt.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Fantasy | Keine Kommentare »

Der Kristallpalast

Erstellt von Günther Lietz am 20. November 2010

Oliver Plaschka, Alexander Flory, Matthias Mösch
Der Kristallpalast

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (07. 2010)
Origin, Steampunk
402 Seiten, ISBN 9783867620765

http://www.feder-und-schwert.com/

Am Vorabend der Weltausstellung im Jahre 1851 wird ein Mitglied der königlichen Kommission auf mysteriöse Weise ermordet. Dabei handelt es sich um den Auftakt einer Verkettung von Ereignissen, in deren Mittelpunkt drei Menschen stehen, die ziemlich unterschiedlich sind: Die exotische Miss Niobe, der niederländische Ingenieur Frans und der Geheimagent Captain Royle.

Obwohl sich die drei auf sehr gegensätzlichen Seiten befinden, besteht trotzdem eine Verbindung zwischen ihnen. Etwas Großes geschieht und alle Spuren führen zum Kristallpalast, einem prunkvollen Bauwerk aus Eisen und Glas, in dem auf der Weltausstellung die bekanntesten Köpfe ihrer Zeit zusammentreffen werden.

Ausgestattet mit übernatürlichen Fähigkeiten und hochentwickelten Waffen, treten Niobe, Frans und Royle gegeneinander an und erkennen irgendwann, dass sie aufeinander angewiesen sind. Doch wem können sie trauen? Und Vor allem, können sie sich selber trauen …?

Der Roman selbst kommt mit knapp etwas über dreihundertneunzig Seiten daher, der Rest ist einer Zeittafel und einem Nachwort von Oliver Plaschka vorbehalten. Vor allem das Nachwort ist sehr aufschlussreich und gibt einige intime Informationen an den Leser weiter, was die Zusammenarbeit von Plaschka, Alexander Flory und Matthias Mösch angeht. Denn diese drei Literaturprofessoren haben den vorliegenden Roman gemeinsam verfasst. Ziel des Multiautorenprojekts war es – laut Oliver Plaschka – mittels rollenspielerischen Kniffen den Handlungen der Romanfiguren zu mehr Realismus zu verhelfen. Das Projekt wurde erfolgreich beendet.

Jeder der drei Autoren hat sich einer der Figuren angenommen und schreibt die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive. Das geschieht kapitelweise und ist sehr spannend umgesetzt, da die unterschiedlichen Wesenszüge der Hauptfiguren durch die unterschiedlichen Stile der Autoren um so eindringlicher wirken. Denn natürlich lässt jeder der Autoren ein Stück seines eigenen Stils und seiner eigenen Persönlichkeit einfließen. Leicht könnte die Erzählung aus dem Ruder laufen, doch Plaschka, Flory und Mösch erweisen sich als Mannschaftsspieler und legen sich gegenseitig gekonnt die Bälle vor. Ein jeder von ihnen weiß zu schreiben und seiner Figur Leben einzuhauchen, sowie die beiden anderen Hauptfiguren trotzdem in sein Kapitel einzubinden. Das führt zum Ende des Romans hin zu einem rasanten und verstörenden Zusammenschluss, der toll inszeniert und umgesetzt wurde. Die emotionale Bandbreite der Figuren ist einfach sehr groß und bindet den Leser schnell an sich.

Das gelingt auch weil „Der Kristallpalast“ in einem spannende Ambiente spielt. Die Geschichte passiert im viktorianischen England, also in einer farbigen Zeit, die von gewaltigen Umbrüchen und Unruhen geprägt ist. Das bringt ordentlich Farbe ins Spiel und ist sehr atmosphärisch. Immerhin halten sich die drei Autoren sehr eng an tatsächliche Ereignisse und Erfindungen, um eine authentische Atmosphäre zu erzeugen. Somit wird die Vermischung aus Fiktion und Realität glaubhaft und wirkt wie aus einem Guss. Auch hier muss den Autoren applaudiert werden.

Drittes Standbein des Romans – neben den lebendigen Figuren und der prächtigen Kulisse – ist die Handlung selbst. In der gibt es nun alles, was das Herz begehrt. Seien es nun furiose Kämpfe, Geheimorganisationen, kleine Romanzen, mysteriöse Geheimnisse aus alter Zeit, Tagebuchberichte aus den Kolonien, viel Exotik, etwas Erotik, ein Hauch von James Bond und eine Prise Indiana Jones – es ist eine wunderbare Mischung, die in ihrer Substanz an scharfes Curry, mit einer feinen Zimtnote und fruchtigem Aroma erinnert: Sehr exotisch, sehr schmackhaft und sehr originell.

Im Mittelpunkt der Autorenriege steht natürlich Oliver Plaschka, der als Träger des deutschen Phantastikpreises (für „Fairwater oder der Spiegel des Herrn Bartholomew“, ebenfalls erschienen bei Feder & Schwert) von sich reden machte. Während sein Roman „Die Magier von Montparnasse“ (erschienen bei Klett Cotta) doch eher aktionsarm ist, so ist „Der Kristallpalast“ sehr dynamisch und reißt den Leser mit. Die Zusammenarbeit mit Flory und Mösch frodert Plaschka regelrecht zum Umdenken und formt auch dessen Stil.

„Der Kristallpalast“ ist ein sehr unterhaltsames Buch, bietet Spannung und sogar ein wenig Humor. Dazu eine Portion Exotik und ein großes Geheimnis, ein wenig Steampunk, politische Ränke und Mystery. Einfach Top!

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Phantastik, Steampunk | Keine Kommentare »

Warhammer 40.000: Freihändler

Erstellt von Günther Lietz am 19. November 2010

Warhammer 40.000: Freihändler
Grundregelwerk
(sfbentry)

Feder & Schwert, Heidelberger Spieleverlag Hardcover (2010)
464 Seiten, ISBN 978-3-86762-066-6

Entwurf: Michael Hurley, Ross Watson
Entwicklungsleitung: Ross Watson
Übersetzung: Daniel Schumacher, Michael Römer, Oliver Hoffmann
Illustrationen: Matt Bradbury, Sascha Diener, David Griffith, Jeff Himmelmann, Stefan Kopinski, Clint Langley, John Moriarty, Adrian smith, Mark Smith, Imaginary Friends Studio,Matias Tapia, Kev walker und Andrea Uderzo.

http://www.feder-und-schwert.com

Wären die aktuell erhältlichen Rollenspiele vergleichbar mit dem Angebot eines guten Konditors, so ist „Warhammer 40.000: Schattenjäger“ eine verdammt leckere Sahneschnitte. Auf Grund seiner Düsternis sicherlich mit viel herbem Kakao und einem überraschend fruchtigem Inhalt. Mit „Warhammer 40.000: Freihändler“ steht nun plötzlich die zugehörige Torte in der Auslage – da werden Kinderaugen ganz groß, zücken die Eltern automatisch die Börse und setzt die Oma intuitiv den Kaffee auf. Soll heißen: Die Rollenspielgruppe trifft sich und sabbert dabei die geblümte Tischdecke voll.

Bereits das Äußere des Buchs ist ein Knaller und macht große Laune auf mehr – und zwar mehr von allem, was sich zwischen den beiden stabilen Buchdeckeln des Hardcovers befindet. Und der Inhalt kann sich sehen lassen. Es sind immerhin mehr als vierhundertsechzig vollfarbige Seiten, exzellent illustriert, sauber gesetzt und gut lektoriert. Die Liste der Übersetzer (Daniel Schumacher, Michael Römer, Oliver Hoffmann) lässt nur Gutes erahnen und der Mannheimer Verlag hat auch direkt die Errata eingepflegt. Handwerklich agiert das Grundregelwerk also auf sehr hohem Niveau.

Grundregelwerk? Ist das denn wirklich neu?

„Freihändler“ basiert auf den Grundregeln des „Warhammer 40.000“-Rollenspiels und entspricht weitgehend „Schattenjäger“. Wer das eine Regelwerk kennt, kommt somit mit dem anderen Regelwerk klar, sind Figuren an sich austauschbar und Quellenmaterial in beiden Systemen zu verwenden. Dennoch gibt es Unterschiede, die den verschiedenen Ausprägungen der jeweiligen Systeme geschuldet sind.

Bei „Schattenjäger“ agiert die Rollenspielgruppe in einem eher kleinen Kreis, ist mehr lokal tätig und operiert oft im Verborgenen. Häretiker werden gesucht und zu Strecke gebracht, Verschwörungen ans Licht gezerrt und oftmals dominieren die investigativen Aspekte. In den Rollen von Inquisitoren ist auch die Toleranz dem Andersartigen gegenüber stark eingeschränkt, spielen die Abenteuer in einer eher kleineren Dimension.

In „Freihändler“ schlüpfen die Spieler nun in die Rollen von Schiffspersonal, das an Bord eines Freihändlerschiffes agiert oder gar einer ganzen Flotte vorsteht. Die Dimension ist also viel größer und ziemlich beeindruckend. Denn die Spieler sind kein Teil der normalen Besatzung, sondern gehören zur Führungsmannschaft. Einer aus der Gruppe ist sogar ein mächtiger Freihändler.

Was bedeutet es denn ein Freihändler zu sein?

Freihändler wurden vom Imperator mit einem Kaperbrief ausgestattet, der ihnen besondere Rechte und Pflichten verleiht. Freihändler stehen im Grunde genommen über den normalen Gesetzten. Mit ihren gigantischen Schiffen treiben sie Handel, lassen ganze Welten ausbluten, rauben mächtige Artefakte oder geben sich gar mit den ansonsten verhassten Xenos ab – den Außerirdischen. Freihändler sind die knallharten Kotzbrocken des imperialen Universums, deren Entscheidungen das Wohl und Wehe ganzer System beeinflussen. Und ihre Leute sind vom gleichen Schlag.

Das spiegelt sich natürlich in den möglichen Karrieren an Bord eines Freihändlerschiffes wieder. Neben dem Freihändler gibt es noch Erleuchteter Astropath, Explorator, Magister Militaris, Meister der Leere, Missionar, Navigator und Seneschall. Ihre Anfangswerte für Rang 1 entsprechen dabei schon einem Charakter aus „Schattenjäger“, der bereits über 5000 Erfahrungspunkte verfügt.

Dabei ist bereits die Charaktererschaffung in „Freihändler“ der Knaller und basiert auf dem System der Herkunftspfade. So beschreitet jeder Charakter einen entsprechenden Pfad, der sich aus Heimatwelt, Geburtsrecht, Lockruf der Leere, Herausforderungen und Prüfungen, Motivation und Karriere zusammensetzt. Dazu befindet sich im Buch eine entsprechende Übersicht, der sich entlanggehangelt wird. Kommt es zu Überschneidungen bei den Charakteren, kann das zu einer gemeinsamen Vergangenheit führen. Das System sorgt aber vor allem dafür, dass in sich logische Charakterkonzepte entstehen, die genau ins Warhammer-40.000-Universum passen. Das ist einfach eine gelungene Sache.

Ein weitere Neuerung ist der Profitfaktor. Bei Freihändler sind die Dimensionen so gewaltig, dass ein Nachhalten von billiger Ausrüstung und einfachen Warenbeständen anhand einer Währung undenkbar ist. Stattdessen gibt es einen Profitfaktor, der die ganze Sache vereinfacht. Um an die gewünschte Ausrüstung zu kommen ist nur ein kleiner Wurf nötig, der je nach Begebenheit modifiziert wird. Fertig.

Wie ist das so mit den Schiffen?

Ein weiteres Merkmal des Spiels ist übrigens das Schiff. Es ist fester Bestandteil der Gruppe und von großer Bedeutung. Deswegen gibt es auch eine üppige Auswahl an Schiffshüllen im Buch. Somit besteht auch die Möglichkeit, sich selbst ein Schiff zusammenzubauen. Dieser Zusammenbau gleicht dabei ebenfalls einer kleinen Charaktererschaffung. Das kostet zwar Zeit, aber am Ende hat die Gruppe etwas vollkommen Eigenes. Wer Zeit sparen möchte, der nimmt einfach das vorgefertigte Schiff aus dem Buch.

Der Raumkampf wurde übrigens sehr stark dem alten „Raumflotte Gothic“ entlehnt. Wer das Spiel kennt, der wird sich schnell zurechtfinden. Allen anderen sei gesagt, dass sich die Raumkämpfe im Warhammer-40.000-Universum weitgehend an historischen Seegefechten orientieren. Realismus ist (wie überhaupt) fehl am Platze. Aber genau das macht die Raumkämpfe so packend und lässt die Kopfhaut kribbeln.

Und wie funktioniert das System eigentlich?

„Freihändler“ basiert auf den gleichen Regeln wie „Schattenjäger“. Es gibt Basisattribute, davon abgeleitete Eigenschaften, Fertigkeiten und Talente. Zum Spielen werden zehnseitige Würfel benutzt, da es sich weitgehend um ein Prozentsystem handelt, bei dem ein bestimmter Höchstwert möglichst niedrig unterwürfelt werden muss.

Während Eigenschaften und Fertigkeiten weitgehend gleich und einfach funktionieren, hebeln die Talente das Regelsystem ein wenig aus, da es sich im Grunde genommen um kleine Sonderregeln handelt. „Freihändler“ ist ein komplexes System, dass ein wenig Einarbeitung erfordert. Spieler die einfach nur mitlaufen und wenig Lust an den Regeln haben, sollten sich ein anderes System suchen. Alle anderen Spieler werden allerdings mit einer packenden und dichten Atmosphäre belohnt, da Regelwerk, Spielwelt und Dramaturgie aufeinander abgestimmt sind.

Die Welt von „Warhammer 40.000“ ist düster und gefährlich. Das spiegelt sich auch in den Regeln wieder. So können Charaktere Mutationen bekommen, Verderbnis anhäufen oder an Wahnsinn gewinnen. Um die Tödlichkeit des Hintergrunds ein wenig auszugleichen, gibt es allerdings Schicksalspunkte. Diese sind jedoch rar und keine langfristige Überlebensgarantie.

Im Laufe des Spiels sammeln Charaktere Erfahrungspunkte an. Neben einem aktuellen Wert (der stets die bisher erspielten Punkte anzeigt) gibt es einen temporären Wert. Auf diesen kommen immer die neuen Punkte und bilden somit ein Budget, für das sich ein Charakter Steigerungen oder neue Fähigkeiten kaufen kann. Allerdings müssen auch die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sein. Da für jede Karriere acht Ränge existieren, braucht es schon seine Zeit, um einen Charakter vollständig auszubauen. Das Karriere-System ist jedenfalls sehr gelungen und macht großen Spaß.

Ebenfalls großen Spaß machen die Projekte, die in „Freihändler“ verfolgt werden können. Im Grunde handelt es sich um langfristige Missionen, die vom Spielleiter entworfen und mit Erfolgspunkten belohnt werden. Holen die Spieler mehr Erfolgspunkte als nötig, schlägt sich das in einem höheren Profit wieder. Im Buch gibt es etliche Vorschläge zu Projekten, so dass für jeden etwas dabei sein sollte.

Was hat des mit dem übernatürlichen Kram auf sich?

Wie üblich spielt der Warp eine große Rolle im Spiel – größer sogar als bei „Schattenjäger“. Das liegt vor allem an den Geheimnissen des Warps und der Raumfahrt. Entsprechend ausführlich wird das Thema behandelt und gibt es Karrieren zur Auswahl, die sich genau damit beschäftigen. Wie bereits angedeutet, hat die Raumfahrt bei „Warhammer 40.000“ keinen wirklichen Bezug zur Realität. Es ist halt einfach nur ein Spiel.

Ein weiterer Fixpunkt des Hintergrunds ist natürlich die Gefährlichkeit von Warp und Psi. Schnell kann der Einsatz einer Fähigkeit aus dem Ruder laufen und die Gruppe gefährden. Oder reißt ein falsch gesetzter Kurs die Flotte ins Nichts. Das alles ist eine Herausforderung oder kann schnell zu einer Herausforderung werden. Aber es ist ja auch ein Rollenspiel, kein Kinderspiel.

Und wie ist der Hintergrund so?

Zum Thema „Warhammer 40.000“ gibt es eine große Anzahl an Publikationen und es wäre schier unmöglich all das Material in ein Buch zu packen. Also nutzt auch „Freihändler“ den Kniff, der auch bei „Schattenjäger“ eingesetzt wurde: Es wird sich ein Sektor herausgepickt, der als Spielplatz dient. Dieser kann natürlich problemlos umgebaut und woanders hingepflanzt werden, aber das ist dann Sache des Spielleiters. Um für Stringenz in der Reihe zu sorgen, spielt „Freihändler“ jedenfalls in der Koronus-Weite. Und die hat es in sich!

Die Koronus-Weite ist ziemlich unerforscht und gefährlich. Ein Blick auf die bunte Karte mit den vielen unterschiedlichen Symbolen lässt in den Spielern sofort den Wunsch aufkommen: „Da will ich hin!“ Zugang bietet jedoch nur eine kleine Passage durch gefährliche Warpstürme, die von der Raumstation Wanderershafen aus angeflogen werden kann. Diese Raumstation ist somit ein wichtiger Anflugpunkt für jede Spielgruppe und wird im Buch kurz beschrieben.

Todeswelten, heidnische Fürsten, gefährliche Xenos, mysteriöse Geheimnisse – die Weiten sind ein fantastischer Schauplatz und unterscheiden sich stark vom Calixis-Sektor, der in „Schattenjäger“ als Spielplatz dient. Somit wird der Spielgruppe kein Standard geboten, sondern ein auf das Regelwerk abgestimmter Hintergrund. Und das sorgt für eine schaurig düstere Spielatmosphäre.

Was gibt es denn für den Spielleiter?

Ebenso wie das Spielen von „Freihändler“, macht auch das Leiten großen Spaß. Immerhin weiß der Spielleiter um was sich alles dreht und kann mit Hilfe des Grundregelwerks spannende Projekte und Abenteuer erschaffen. Wie das genau funktioniert und worauf zu achten ist, findet sich in entsprechenden Kapiteln. Das gilt ebenso für die Aliens und Antagonisten, die in den Koronus-Weiten vorkommen. Spieler sollten es vermeiden diese Texte zu lesen, da sie sich ansonsten einen Teil des Spielspaßes rauben – der Entdeckung von Neuem.

Als Bonus findet sich noch ein kleines Abenteuer im Buch, um sofort ein wenig Futter für die spielhungrige Gruppe zu bieten und diese langsam an die Regeln heranzuführen. Außerdem gibt es im Laufe des Abenteuers Tipps und Tricks für Spielleiter. Das Abenteuer selbst dreht sich um die Legende eines gewaltigen Schatzschiffes und ist sehr unterhaltsam.

Was gibt es abschließend zu sagen?

„Warhammer 40.000: Freihändler“ ist ein atmosphärisch dichtes Regelwerk mit stimmiger Hintergrundwelt. Beides ist gut aufeinander abgestimmt. Die opulente Aufmachung des Buchs ist ein Augenschmaus, was durch die handwerklich hervorragende deutsche Ausgabe noch unterstützt wird. Feder & Schwert und der Heidelberger Spieleverlag haben eine erstklassige Arbeit geleistet und tragen dazu bei, dass der deutschsprachige Rollenspielsektor um ein weiteres Glanzlicht bereichert wird. Erstklassig! Oder anders gesagt: „Da steht eine verdammt leckere Torte auf dem Tisch – und alle sind eingeladen sich reinzusetzen!“

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Fantasy, Horror, Rollenspiel, Science Fiction | Keine Kommentare »

Warhammer 40.000 – Anathema: Kreaturen

Erstellt von Günther Lietz am 8. August 2010

Anathema: Kreaturen
Schattenjäger Quellenband

(sfbentry)

Feder & Schwert, Heidelberger Spieleverlag (2010)
Hardcover, 159 Seiten, ISBN 9783867620659
Serie: Warhammer 40000
Originaltitel: Creatures Anathema (Dark Heresy)
Autoren: Andrew Knerick, Sam Stewart, Ross Watson
Illustratoren: Kevin Crossley, Adrian Smith, Mathias Tapia
Übersetzer: Michael Römer

Auf den ersten Blick erscheint „Anathema: Kreaturen“ mit seinen 159 Seiten etwas dünn, doch der Inhalt dieses stabilen Hardcovers hat es in sich. Zudem liefert Feder & Schwert eine gewohnt hohe Qualität in der Verarbeitung ab, was aus der deutschen Ausgabe ein kleines Schmuckstück macht. Wendet die Leserschaft den Blick vom gelungenen Äußeren ab (ein Liktor im Zentrum und das Thema ist eine dunkle Bedrohung aus Blut, Fleisch und Stahl), richtet sich der Fokus auf die sieben Kapitel, die das Buch ausmachen.

Dabei zählen die ersten sechs Kapitel die unterschiedlichen Bedrohungen auf, die sich im Calixis-Sektor befinden. Natürlich können die oftmals unglaublichen Schrecken auch an anderen Orten positioniert werden, aber sie wurden vor allem auf den Raumsektor angepasst, in dem das Rollenspiel „Warhammer 40.000 – Schattenjäger“ angesiedelt ist.

Und es gibt allerlei unglaubliche Schrecken, die der Spielleiter seiner Gruppe entgegenwerfen kann. Seien es nun Häretiker die mit dunklen und obszönen Wissenschaften ihre finsteren Pläne verfolgen, ganze Todeswelten die mit ihrem Gezücht nach dem Leben der braven Inquisitoren trachten, einfache Raubtiere und stinkendes Ungeziefer, die gefürchteten Xenos mit ihren Horden an Kreaturen oder gar die schrecklichen, ultimativen Mächte des Chaos.

Dabei spielt die Quantität keine große Rolle. Im Gegenteil, die Autoren haben großen Wert auf die Qualität gelegt. So sind es recht wenige Widersacher, Antagonisten und Monster die in „Anathema: Kreaturen“ aufgeführt werden, aber ihre Präsentation ist um so schicker. Neben den reinen Spielwerten gibt es Berichte und Dokumente aus der Spielwelt, Hintergrundinformationen, Tipps zum Einsatz, Abenteuerideen und noch einiges mehr. Alles schick angeordnet in normalen Spalten, Informationsblöcken, Tabellen und Illustrationen. Letztere sind mal wieder überwältigend und transportieren hervorragend den düsteren Warhammer-40.000-Stil. Hier wird etwas fürs Auge geboten.

Das siebte und somit letzte Kapitel enthält dagegen keine Ansammlung von Kreaturen, sondern richtet sich an den Spielleiter. Hier werden Tipps zum Gestalten von Begegnungen gegeben und wie ein Abenteuer mit entsprechendem Fokus am besten aufgebaut wird, um die passende Atmosphäre zu erzeugen. Wurde vorher mit leckeren Zutaten der Appetit des Spielleiters angeheizt, so bekommt er nun gezeigt, wie er daraus ein einmaliges Gericht zaubert, von dem seine Spieler noch lange erzählen werden. Die hier dargebotenen Informationen, Tipps und Anleitungen stammen eindeutig aus der Spielpraxis und sind somit spielerisch wertvoll.

Der deutsche Verlag hat erneut erstklassige Arbeit abgeliefert und hält die hohen Ansprüche an Qualität und Übersetzung. Letztere stammt aus der erfahrenen Feder von Michael Römer. Sie ist gelungen und passend, wird dem englischen Text vollkommen gerecht.

Der Warhammer-40.000-Fan würde sich wohl noch etwas mehr aus dem Tabletop-Universum wünschen, aber im Großen und Ganzen ist es eine gelungene Auswahl an neuen Bedrohungen fürs Rollenspiel und bekanntem Material aus dem Tabletop. Da “Schattenjäger” mehr einen Verschwörungshintergrund bedient – und weniger den offenen Konflikt mit Aliens und anderem Gezücht, was sich eher im Fokus von “Rogue Trader” und “Deathwatch” befindet – passt es hervorragend.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

Abgelegt unter Rollenspiel, Science Fiction | Keine Kommentare »