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neuauflage

Kannibalen

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Januar 2012

Frank Festa (Hg.)
Kannibalen
Menschenfleisch, sittlich und moralisch tabu

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Andreas Diesel (1), Jan Dugon (1), Gisela Etzel (1), Elke Hosfeld (3), Michael Plogmann (4), Ben Sonntag (1), Michael Weh (1)
Deutsche Erstausgabe: November 2011 (Festa Verlag/Horror TB 1532)
316 S.
ISBN-13: 978-3-86552-126-2

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Inhalt:

- Greg F. Gifune: Schnee-Engel (Snow Angels, 1999): Der liebende Vater tut alles für sein Töchterlein, das einen besonderen Geschmack entwickelt hat.

- E. T. A. Hoffmann: Cyprians Erzählung (1821): Die glückliche Beziehung zu seiner jungen Frau erleidet nachdrücklich Schaden, als der Gatte Zeuge ihrer besonderer Diät wird.

- Harlan Ellison: Auf der Suche nach dem verlorenen Atlantis (She’s a Young Thing and Cannot Leave Her Mother, 1988): Die Tochter kehrt heim und stellt ihrer Familie den Lebensgefährten vor – und das nächste Hauptgericht.

- Tim Curran: Maden (Maggots, 2008): Sie haben ihn vor dem sicheren Tod bewahrt, aber dafür diktieren sie ihm, welche Nahrung er ihnen auszugraben hat.

- Anthony Boucher: Sie beißen (The Bite, 1943): Er will eine alte Legende missbrauchen, um einen Mord zu tarnen, und stößt dabei auf deren wahren, zahnreichen Kern.

- H. P.  Lovecraft: Das Bild im Haus (The Picture in the House, 1919): Der alte Einsiedler steigert sich in eine abseitige Begierde hinein, bis er den Gedanken Taten folgen lässt.

- Edward Lee: Madenmädchen im Gefängnis der toten Frauen (Grub Girl in the Prison of Dead Women, 1998): Zombies werden in dieser Gesellschaft nicht getötet, sondern als moderne Sklaven ausgenutzt, bis das Maß voll ist.

- David Case: Der Kannibalenschmaus (The Cannibal Feast, 1994): Der alte Witz vom Missionar unter Menschenfressern erhält hier eine moderne aber für ersteren weiterhin lebensverkürzende Interpretation.

- Robert Barbour Johnson: Tief unten (Far Below, 1939): Tief unter der modernen Großstadt tobt ein erbitterter aber geheimer Krieg gegen kannibalische Ghule.

- Edgar Allan Poe: Arthur Gordon Pym, der Kannibale (Auszug aus: The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket, 1838): Als den Schiffbrüchigen jede Nahrung ausgeht, wird ein Opfer zur Schlachtung ausgelost.

- Robert Bloch: Das Festmahl in der Abtei (The Feast in the Abbey, 1935): Dem verirrten Reisenden tischen die verfluchten Mönche eine unvergesslich bleibende Mahlzeit auf.

- Brian McNaughton: Lord Glyphtards Geschichte (Lord Glyphtard’s Tale, 1995): Ein Außenseiter entdeckt und kultiviert die ghulischen Wurzeln seiner Familie.

- Graham Masterton: Eric, die Pastete (Eric the Pie, 1991): Kannibale Eric muss feststellen, dass er wider Erwarten nicht an der Spitze der Nahrungskette steht.

Wem’s schmeckt …

Menschen essen keine Menschen: Mit diesen vier Worten lässt sich ein (scheinbar) ewiges Tabu zusammenfassen. Der reale Verstoß sorgt für Ekelschauer und morbide Neugier gleichermaßen, womit er zur idealen Quelle für entsprechende Gruselgeschichten wurde, die seit dem 20. Jahrhundert zusätzlich in Filmbilder umgesetzt werden.

Anders als der Vampir und ähnlich wie der Zombie gehört der Kannibale zu den Schmuddelkindern des Horror-Genres. Seine Ernährungsgewohnheiten sind einfach zu drastisch und verhindern die Aufwertung zur faszinierenden Identifikationsgestalt. Die seltene Ausnahme ist Hannibal Lecter, dessen Anziehungskraft aber eher auf seine Mischung aus kühler Eleganz und einfallsreicher Mordlust zurückgeht; außerdem bereitet er seine Opfer nach den Regeln der Haut Cuisine zu. Der ‚normale‘ Menschenfresser bevorzugt die einfache Küche. Wer daran zweifelt, sei in dieser Sammlung explizit auf die Story von Tim Curran verwiesen, während David Case (*1937) eine schwarzhumorige (und auf den wenig überraschenden sowie müden Final-Gag geprägte) Variante präsentiert.

In der Furcht vor dem Kannibalen spielt sicherlich auch das Wissen um die nicht nur historische Tatsächlichkeit seiner Existenz eine gewichtige Rolle. Vampiren, dem Frankenstein-Monster oder Freddy Krueger werden wir niemals begegnen. Bei einem Menschenfresser ist dies zwar ebenfalls unwahrscheinlich aber eben nicht unmöglich. Herausgeber Frank Festa lässt dies nicht in Vergessenheit geraten, indem er zwischen den von ihm gesammelten Storys aus Zeitungsartikeln zitiert, die vom Kannibalen des 21. Jahrhunderts berichten. (Sie nutzen übrigens inzwischen das Internet.)

Es kann jedem zustoßen

In der Not frisst der Teufel Fliegen, lautet ein altes Sprichwort. Der Mensch geht da einen großen Schritt weiter. Was in der Seefahrt jahrhundertelang als „Gesetz der See“ zumindest geduldet und stillschweigend akzeptiert wurde, ist Ausdruck eines unbändigen Selbsterhaltungstriebes, der als Erklärung und Entschuldigung auch in den Geschichten dieses Sammelbandes immer wieder – ganz unmittelbar und zeitgenössisch bei Edgar Allan Poe (1809-1849) – zur Sprache kommt.

Dabei beziehen sich die Autoren gern auf historische Fälle. Greg Gifune (*1963) erinnert an kannibalische Ereignisse aus US-Pionierzeiten. Vor allem das Schicksal der Donner-Expedition, bestehend aus 87 Auswanderern, die im Winter 1846/47 in den Bergen der Sierra Nevada eingeschneit wurden, was 40 Männern, Frauen und Kindern das Leben kostete, ging nicht nur in die Geschichte ein, sondern wurde auch zum Mythos. Dieser Aspekt ist wichtig, da Fälle realen Kannibalismus‘ seit jeher nachträglich übertrieben und dramatisiert werden: Eine gute schreckliche Geschichte kann gar nicht schrecklich genug sein.

Harlan Ellison (*1934) bezieht sich in seiner Story (hinter deren pompösen Titel sich übrigens recht konventioneller Grusel verbirgt) auf die folkloristische Legende um den schottischen Räuber Alexander „Sawney“ Bean, der mit seiner degenerierten Familie angeblich im 15. Jahrhundert unvorsichtigen Reisenden auflauerte, um sie zu fangen und zu fressen. Tim Currans wahrlich apokalyptisches Kannibalen-Garn speist sich – der Kalauer sei gestattet – aus der belegten Katastrophe um den Untergang von Napoleons Grande Armée auf dem Russlandfeldzug von 1812.

Man kann sich daran gewöhnen

Immer wieder spinnen Autoren den Gedanken aus, dass der Verzehr von Menschenfleisch, der aus Not geboren wurde, den so Überlebenden ‚verdirbt‘. Er kommt auf den Geschmack und setzt Himmel & vor allem Hölle in Bewegung, um sich weiterhin mit der besonderen Kost zu versorgen (Gifune). Die Folgen sind grässlich (Curran), wobei Inzest und Degeneration als besonders drastische Nachwirkungen in Szene gesetzt werden (Gifune, Ellison, Anthony Boucher [d. i. William Anthony Parker White], 1911-1968; H. P. Lovecraft, 1890-1937). Hier macht sich offenbar die (falsche bzw. falsch verstandene) Auffassung bemerkbar, dass die ‚frühen‘ Menschen der Steinzeit allesamt Kannibalen waren und Zivilisation sich auch oder vor allem in der Überwindung dieser Unsitte zeigt.

Interessanterweise wird der darin mitschwingende wahre Kern vom rituellen Kannibalismus in diesen Geschichten kaum thematisiert: Wer einen Menschen isst, nimmt dessen geistige und körperliche Stärke in sich auf oder ehrt ein geliebtes Familienmitglied. Graham Masterton (*1946) erweitert diesen Aberglauben um ein sexuelle Element und schwelgt in einem Overkill blutrünstiger Szenen, die Jahre nach Überwindung des Splatterpunks eher zum Grinsen reizen: Perversion will nicht geklotzt, sondern gekleckert werden. Auch Edward Lee (*1957) hebelt die Wirkung seiner vom Thema interessanten Story durch ein ermüdendes Zuviel an listenhaft abgearbeiteten Scheußlichkeiten und Fäkal-Sprech aus. (Zombies sind außerdem keine ‚echten‘ Kannibalen.)

Schlechte Tischmanieren

Überhaupt stürzen sich vor allem die modernen, von der Zensur weniger in Zaum gehaltenen Verfasser auf das Element der ‚verbotenen‘ Nahrungsaufnahme. Weil manchen sogar der Kannibale an sich nicht grausig genug dünkt, wird er in die Nähe anderer Schreckensgestalten gerückt. In erster Linie bietet sich dafür der Ghul an, jenes leichenfressende, dämonische Ungeheuer, das im Grunde ein Horror-Import aus der persisch-arabischen Mythologie ist. E. T. A. Hoffmanns (1776-1822) Erzählung aus dem IV. Band der Sammlung „Die Serapionsbrüder“ erschien später zwar auch als „Der Vampyr“, trug ursprünglich jedoch keinen Titel und beschreibt eindeutig einen Ghul. Auch das Maden-Monster des nun schon mehrfach genannten Tim Curran teilt eher diese Herkunft. Robert Barbour Johnson (1907-1987) erstaunt und fasziniert mit einer frühen apokalyptischen Schilderung eines geheimen Krieges zwischen Menschen und Ghulen, bei dem die Grenzen zwischen den Fronten in schreckliche Auflösung geraten sind und die Leichenfresser zur „lost race“ umgedeutet werden.

Aus einem offenbar unerschöpflichen Schatz eingekaufter Storys von Brian McNaughton (1935-2004) steuert Herausgeber Festa eine weitere der locker miteinander verknüpften „Dark-Fantasy“-Geschichten bei, die mit dem für den Verfasser typischen Schwarzhumor das „Coming Out“ eines Ghuls schildert; im Kanon der sonst eher ‚realistisch‘ verankerten Sammlung bildet diese zu lange und oft nur klamaukige Story einen leichten Misston.

Ausgerechnet dem jungen Robert Bloch (1917-1994) – der später (s. „Psycho“) selten durch Zurückhaltung auffiel – gelingt mit einem Frühwerk die ideale, weil an schaurigen Details nicht geizende aber sich nicht bevorzugt darauf stützende oder gar beschränkende Verbindung mit einer spannenden Handlung. „Das Festmahl in der Abtei“ ist Blochs Reverenz an seinen Mentor, dem ebenfalls in dieser Sammlung vertretenen H. P. Lovecraft, erfreut aber durch eigenständige Ideen. Unter den modernen Autoren gelingt wohl Harlan Ellison der Ausgleich zwischen plumpem Horror und echten Schrecken am besten.

Diese Interpretationen spiegeln natürlich die (trotz aller Bemühungen um Objektivität) dominierenden Vorlieben dieses Rezensenten wider. Vor allem jüngere Leser mögen zu anderen Urteilen kommen. Sie könnten durchaus richtig liegen. Im Zeitalter epischer und endlos fortgesetzter Romane drohen die Vorteile der Anthologie in Vergessenheit zu geraten: Sie stellt ein Angebot dar, über den Tellerrand gehegter Lektüregewohnheiten und in andere Welten zu blicken. Dies wertet auch diese inhaltlich durchwachsene Sammlung auf und macht neugierig. Horror ist so viel mehr als Vampir-Brunst & Zombie-Geschnetzel; es kann nie schaden, so unterhaltsam wie hier auf diese Tatsache hingewiesen zu werden!

[md]

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Sie lauern in der Tiefe

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Dezember 2011

Brian Lumley
Sie lauern in der Tiefe


(sfbentry)
Originaltitel: The Burrowers Beneath (New York : DAW Books 1974)
Übersetzung: Heike Brand
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2004 (Festa Verlag/Horror-TB Nr. 1505)
235 S.
ISBN-13: 978-3-935822-95-4

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Das geschieht:

Für Titus Crow, den berühmten Okkultisten und Fachmann für das Übernatürliche, lassen sich die Zeichen nicht anders deuten: Die „Großen Alten“ schicken sich an zurückzukehren, um die Menschen zu überfallen, zu unterjochen und auszurotten! Mächtige Wesen aus den Tiefen des Weltalls sind sie, die vor Jahrmillionen die Erde bevölkerten, dem Chaos und der Zerstörung lebten und nach einem apokalyptischen Kampf von ihren Gegnern, den „Älteren Göttern“ aus dem Sternbild Orion, bezwungen und an verschiedenen öden Stätten gefangen gesetzt wurden. Dort lauern sie, die praktisch unsterblich sind, auf ihre Chance zu entkommen.

Nach Äonen scheinen die Siegel, welche sie bannen, ihre Wirkung zu verlieren. An zahlreichen Orten rühren sich die „Alten“ und ihre dämonischen Diener wieder. Im Fundament-Gestein der britischen Insel breitet sich die Brut des Shudde-M’ell aus. Seine Diener, die wurmgestaltigen Chtonier oder „Wühler“, graben sich zu jenen Menschen durch, die ihnen auf die Spur gekommen sind, und schalten sie aus. Niemand darf wissen, dass Shudde-M’ell die Befreiung seines Herrn, des schrecklichen Cthulhu, vorbereitet, denn noch sind die „Alten“ für den offenen Krieg nicht bereit.

Auch Titus Crow und sein Freund und Mitstreiter Henri Laurent de Marigny werden unbarmherzig gejagt. Schon scheinen sie verloren, da nimmt sich die geheime Wilmarth-Stiftung ihrer an. Hier arbeiten Wissenschaftler schon lange an wirksamen Waffen gegen die „Alten“. Man fühlt sich einem Schlagabtausch inzwischen durchaus gewachsen. Crow und de Marigny reihen sich ein in die Schar der Kämpfer für das Gute. Freilich stellt sich heraus, dass man den Feind allzu selbstbewusst unterschätzt hat. Shudde M’ell und seine Chtonier haben noch mehr als ein As im nicht vorhandenen Ärmel …

In die Länge gezogener Wurm-Horror

Wohl steht es um die Unsterblichkeit dessen, dem es gelingt, einen Mythos zu schaffen. Ausgerechnet Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), jrnem gehemmten, für das ‚richtige‘ Leben wenig tauglichen Mann, ist es gelungen. Sein Cthulhu-Kosmos gehört zu den ganz großen Schöpfungen der (phantastischen) Literatur.

Was sich schon an der Vielzahl der Nachahmungen, Fortsetzung und Neu-Interpretationen ermessen lässt. Ob nun Pastichés im typischen Lovecraft-Stil oder als Spiel mit Namen und Geschöpfen seiner Kreation: Cthulhu & Co. leben fort auf ewig. Die nächsten Autorengenerationen treibt oft großer Ehrgeiz. Wo Lovecraft sich mit wenigen Novellen und Kurzgeschichten begnügte, schreiben sie dicke Romane oder wie Brian Lumley ganze Serien. Sechs Bände umfasst die Titus-Crow-Reihe. Sie erzählt vom großen Krieg der Menschen gegen die bösen „Alten“ aus dem Untergrund.

Mit „Sie lauern in der Tiefe“ beginnt das Spiel jedoch recht mittelmäßig. Seltsam konfus windet sich die Handlung. Es gibt keinen ‚richtigen‘ Beginn, das Ende ist offen. Das letzte Drittel wird in Form von Briefen erzählt, die in großen Zeitsprüngen von diversen Feldzügen berichten. Zu einem Ganzen fügt sich das alles nicht. Eine Cthulhu-Story aus Lovecrafts Feder wirkt zwar ebenfalls wie der hastig niedergekritzelte und daher fragmentarische Bericht eines Unglückswurms, den die Krakenfrösche holen, bevor er diesen anständig beenden oder gar überarbeiten kann. Dies ist jedoch ein Roman. Der ‚briefliche‘ Einstieg geht als Stilelement durch. Für den ruckartigen Abschluss gibt es keine Entschuldigung. Allzu deutlich wird, dass dies der erste Teil einer Serie ist. Die „Titus Crow“-Reihe müsste als Gesamtwerk gelesen werden. Dann mag tatsächlich der Eindruck eines monumentalen Epos‘ über den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Menschen und Monstern entstehen.

Monster vermehren sich wie Karnickel

Was unwahrscheinlich ist. „Die in der Tiefe lauern“ zeigt den frühen Brian Lumley als fleißig recherchierenden aber lahm erzählenden Autoren. Viel zu sehr lehnt er sich an seinem Vorbild Lovecraft an. Die Krux ist wohl, dass es eben nicht Lovecraft ist, von dem sich Lumley inspirieren lässt, sondern dessen Eckermann August Derleth (1909-1971), der nicht nur den literarischen Nachlass des Meisters betreute und herausgab, sondern mit vielen eigenen Geschichten den Cthulhu-Kosmos ergänzte und erweiterte.

Derleth spielte nicht in Lovecrafts Liga. Diesem war sehr wohl bewusst, dass ein großer Teil der Faszination an der Cthulhu-Saga aus dessen Unvollständigkeit resultierte. Bruchstücke nur gab Lovecraft preis, die sich zudem nur bedingt zu einem Gesamtbild fügten. Die Fantasie des Lesers musste die Lücken füllen – für Derleth offenbar ein unerträglicher Zustand. Nachträglich begann er die Fragmente zu sortieren und zu ergänzen. Um Cthulhu und die anderen Unwesen, die Lovecraft oft nur erwähnte, schuf er einen regelrechten Götterhimmel. Er rief immer neue „Große Alte“ ins Leben, konstruierte ihnen Abstammungslinien und Stammbäume, ‚rekonstruierte‘ ihre Geschichten. Aus ‚Göttern‘ wurden simple Außerirdische, die sich bisweilen auf die Plasmasäume traten, so zahlreich ließ Derleth sie umher spuken. Auf der Strecke blieb jenes diffuse und nachhaltige Grauen, welches das ursprüngliche Cthulhu-Mysterium ausstrahlte. Nun treibt es Brian Lumley ein gutes (bzw. schlechtes) Stück weiter. Noch mehr „Alte“ lässt er auftreten, stellt ihnen „Tiefe“ und „Niedere“ an die Seite; das Grauen organisiert sich wie die Mafia, und Don Cthulhu ist der Pate.

Der eine kann’s, der andere übertreibt nur

Misslungen ist auch der Versuch, den eigentümlichen, gern parodierten aber eben doch unnachahmlichen Tonfall Lovecrafts zu imitieren. Der „Einsiedler von Providence“ bekam nie seine Adjektivitis in den Griff. Also faselt auch Lumley von „blasphemischem Licht“, „beunruhigenden Winkeln“ oder „wahnsinnigen Windstößen“.

Grauen wird nie stimmungsvoll inszeniert, sondern immer nur behauptet. Wovor Crow & Co. sich eigentlich fürchten, wird selten präzisiert. Geht Lumley ins Detail, wirkt das Böse nicht besonders aufregend. Lästig ist auch der (ebenfalls Lovecraft entliehene) Drang allzu vieler menschlicher Nebendarsteller, im Angesicht des Feindes vor Schreck den Verstand zu verlieren. Solche und viele andere Lovecraft-Manierismen äfft Lumley nach, statt eigene und zeitgemäße Wege einzuschlagen.

Ebenfalls zu sehr im Lovecraftschen Sinn stehen bei Lumley Geschehen und Stimmung im Vordergrund der Geschichte. Die Protagonisten bleiben flach und wirken austauschbar. Crow und de Marigny nehmen vor unserem inneren Auge nie wirklich Gestalt an. Der Verfasser prägt ihnen einige äußerlich bleibende Merkmale und Charaktereigenschaften auf. Individuen werden sie dadurch nicht; sollen sie auch nicht, denn ihre eigentliche Aufgabe ist es, auf Entdeckungsreise durch das Reich der „Großen Alten“ zu gehen. Wo diese in Erscheinung treten, erscheint unser Duo, um zu kommentieren und zu erläutern. Crow übernimmt dabei die Rolle des allwissenden Sherlock Holmes’, während de Marigny als Watson in Vertretung des Lesers Fragen zu Handlung und Hintergrund stellt. Da Crow ebenfalls wie Holmes ein schrecklicher Geheimniskrämer ist, beschränkt er sich gern auf viel sagende Andeutungen, denen die enthüllten Mysterien kaum jemals gerecht werden.

Aus der Klischee-Tube gedrückte Figuren

Um die beiden Monsterjäger bewegt sich ein Reigen gesichtsloser Nebendarsteller. Profil benötigen sie erst recht nicht, denn meist fallen sie sehr schnell einem schrecklichen Schicksal zum Opfer und werden von Cthulhus Schergen geschnappt. Eine gewisse Ausnahme bildet Wingate Peasley, der in die Wilmerth-Stiftung einführt. Auch er bleibt freilich eine Figurenhülse, deren Handeln der Leser ohne innere Teilnahme beobachtet.

Die „Alten“ degenerieren zu Witzfiguren. Schlimm genug, dass Lumley sie von unbegreiflich fremdartigen Geschöpfen aus Zeit & Raum zu Protoplasma-ETs degradiert, die mit Wasser-Blattschuss & radioaktiver Strahlung erlegt werden können. Helle sind sie sowieso nicht. Kommen sie zu Wort, verbreiten sie nur kryptischen Unsinn und leere Drohungen. Was wollen sie eigentlich mit der Erde, die sie so begehren? Man sollte meinen, sie würden sich umgehend deren Staub von den Tentakeln schütteln, um zurück ins All, ihre eigentliche Heimat, zu fliehen. Lovecraft ließ die Motive der „Alten“ offen. Lumley will auch hier ‚erklären‘ und versetzt dem Cthulhu-Mythos einen weiteren Tiefschlag.

Zumindest in Deutschland wurden die Fehlstellen dieses Garns von den Lesern wohl erkannt. Was mit „Sie lauern in der Tiefe“ eigentlich beginnen sollte, fand umgehend sein Ende: Die Titus-Crow-Serie wurde eingestellt. Vermisst hat sie anscheinend niemand.

Autor

Dem Nachwuchstalent Brian Lumley (geb. 1937 in England) stand ein bekannter Mentor zur Seite: August Derleth (1909-1971), Nachlassverwalter von H. P. Lovecraft (1890-1937) und Gründer des legendären Verlags Arkham House in Wisconsin/USA, veröffentlichte seine ersten Storys, die ab 1967 – Lumley war Militärpolizist und in Deutschland stationiert – entstanden. Nach Derleth‘ Tod blieb Lumley dem Cthulhu-Mythos verhaftet und schrieb zwischen 1974 und 1979 fünf Bände der Titus-Crow-Saga. (Ein abschließender Band kam 1989 hinzu). Ebenfalls „lovecraftschen“ Horror bot Lumley mit der „Primal Lands“-Trilogie um Tarra Khasch sowie mit der „Dreamland“-Saga.

Sein Durchbruch als Schriftsteller gelang Lumley – der 1980 nach 22 Dienstjahren die Armee verlassen hatte – nach gewissen Anlaufschwierigkeiten mit der „Necroscope“-Reihe (ab 1986) um den „Totenhorcher“ Harry Keogh, die auch in Deutschland mit großem Erfolg veröffentlicht wird.

Brian Lumley lebt und arbeitet heute in Devon, England. Er lässt seine Website sorgfältig pflegen und regelmäßig mit Neuigkeiten bestücken.

[md]

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Omen 3 – Das Horror-Journal

Erstellt von Michael Drewniok am 20. November 2011

Frank Festa (Hg.)
Omen 3 – Das Horror-Journal

(sfbentry)
Deutsche Erstausgabe = Originalausgabe: November 2011 (Festa Verlag/Omen 1703)
Übersetzung: Alexander Amberg, Andreas Diesel
Cover: F. Fiedler
255 S.
ISBN-13: 978-3-935822-74-9

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Geduld zahlt sich (manchmal) aus

Was lange währt, wird endlich gut, und was richtig lange währt, wird manchmal sogar besser: Fünf Jahre liegen zwischen der zweiten und dritten „Omen“-Ausgabe, was durchaus ein Rekord sein könnte. „Omen 3“ ist damit auch trotziger Ausdruck einer Hartnäckigkeit, die dem Herausgeber durch ökonomisch schwere Zeiten geholfen hat. In den vergangenen Jahren war das Festa-Schiff in stürmisches Wetter geraten, das im Verlagsprogramm manchen angekündigten Titel spurlos versinken ließ. Herausgeber Frank Festa fasst die Problematik in seinem Vorwort zu „Omen 3“ knapp aber schlüssig in diese Worte: „Aber so ist das Leben, genau so. Der Horror.“

Die dritte „Omen“-Ausgabe blieb stets im Programm. Dass sie schließlich veröffentlicht wurde, darf man wie gesagt als Geste berechtigten, auch persönlichen Triumphes sowie – hoffentlich – als Indiz für eine Konsolidierung des Festa-Verlags werten, ohne dessen Bücher der deutsche Grusel-Fan fast gänzlich in einem von zahnlosen Vampir-Lovern bevölkerten Trash-Sumpf gefangen säße: eine schreckliche Vorstellung!

Inhaltlich blieb es bei der bewährten „Omen“-Mischung aus Kurzgeschichten und Artikeln, wobei primär im Verlagshaus Festa beheimatete oder dort kurz vor dem Einzug stehende Schriftsteller zu Wort kommen; eine legitime Selektion, da diese Mieter einerseits ihr Handwerk verstehen, während der Leser andererseits gern Näheres über sie bzw. ihre Werke wissen möchte.

Zudem beschäftigt sich der mit Abstand beste Beitrag dieses Bandes mit einem Non-Festa-Autoren (ein Zustand, der sich hoffentlich irgendwann ändern wird): Der Künstler und lebenslange Freund John Mayer erinnert (sich) in „Die dunkle Muse von Karl Edward Wagner“ an das tragische Schicksal dieses Horror- und Fantasy-Autoren, der den ungewöhnlichen „Sword-&-Sorcery“-Barbaren Kane schuf. Sein Text ist ebenso informativ wie ergreifend, da Mayer, der selbst auf ein schwieriges Leben zurückblickt, immerhin ansatzweise begreiflich machen kann, wieso ein talentierter Mensch wie Wagner sich selbst zugrunderichtete.

Diverse Oden an Mr. Lumley

„Omen 3“ ist seitens des Herausgebers ansonsten dem britischen Schriftsteller Brian Lumley gewidmet. Es gibt ein (inzwischen tüchtig angejahrtes) Interview mit ihm, dessen „Necroscope“-Saga wohl den zentralen Stützpfeiler des Festa-Verlagsprogramms bildet. Lumley gibt Auskunft über die Genese dieser vielbändigen Erfolgsserie und seine zahlreichen weiteren Werke. Herausgeber Festa erinnert sich in „Something about Brian“ an seine persönliche Verbindung mit Lumley, der ihm längst ein Freund geworden ist.

Ein weiterer Freund, der aus der Schweiz stammende Komiker Helmi Sigg, legt die Fan-Story „Silberne Ketten – Aus dem Leben von Brian L.“ vor, die möglicherweise tatsächlich komisch ist – der Rezensent ist zwar anderer Ansicht, beansprucht in dieser Hinsicht aber keine Urteilshoheit –, aber immerhin kompetent geschrieben Lumleys reales Leben mit der „Necroscope“-Reihe verknüpft und ungeahnte Parallelen enthüllt.

Der so Geehrte trägt drei frühe und vor allem unbekannte Storys bei. Während „Die Vorlesung“ auf einen Schlussgag hinausläuft, dessen Bart mindestens ebenso lang wie die Geschichte der modernen Phantastik ist, stellen „Die Muschel aus Zypern“ und „Die Tiefseemuschel“ zwei spannende Gruselgeschichten dar, die sich aufeinander beziehen und in „Omen 3“ wie die Schalen einer echten Muschel als erster und letzter Beitrag die übrigen Interviews, Berichte und Storys umschließen: eine hübsche Idee, die gut funktioniert.

Deutsche Phantastik einst

Wenn man die übrigen Erzählungen Revue passieren lässt, wirkt „Omen 3“ wie ein Nachtrag zur (leider) eingestellten Festa-Reihe „Die bizarre Bibliothek“. Vor allem Karl Hans Strobls (1877-1946) recht ausführliche Erzählung „Der betrogene Tod“ aus dem Jahre 1924 erinnert an die große Tradition der deutschen Phantastik, die durch den auch kulturellen Nazi-Terror einen Schlag erhielt, von dem sie sich nie wirklich erholte bzw. zu der sie den Anschluss nach 1945 nicht mehr fand. „Der betrogene Tod“ bietet nicht nur eine gruselige Geschichte, sondern auch ein Feuerwerk selten gewordener oder ausgestorbener Wörter und Formulierungen. Was sich anfangs mühsam liest, entfaltet schnell einen eigenen Zauber: Diese Geschichte wirkt heute noch mehr als 1924 wie eine Überlieferung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges!

Was diese deutsche Phantastik auszeichnet, erläutert Strobls‘ Zeitgenosse Anton Altrichter (1882-1954) in einem Nachwort, das Frank Festa dessen Erzählung anschließt. Dieser Beitrag ist doppelt interessant: als Information und als historisches Dokument, wobei heute diese beiden Ebenen nicht voneinander zu trennen sind bzw. getrennt werden dürfen. Leider fehlt ein moderner Blick auf Strobl und Altrichter, die beide ihr Leben und Wirken ab 1933 eng mit dem Nationalsozialismus verknüpften. Altrichters Beitrag lässt entsprechendes „völkisches“ Gedankengut durchscheinen, und auch Strobl mischt bereits „Blut-&-Boden“-Elemente in seine Version der Vergangenheit.

Thematisch breiter geht Jakob Elias Poritzky (1876-1935) – der eigentlich Isak Porycki hieß – in seinem Beitrag „Fantasten“ auf zeitgenössische deutsche und europäische Autoren ein. Er weiß die eigentümliche Mischung aus Verfremdung, Halluzination und schwüler – schnell schwülstiger – Erotik deutlich zu machen, die Autoren wie Hanns Heinz Ewers, Karl Heinz Strobl, Alfred Kubin und andere kennzeichnen. Zudem legt Poritzky die Wurzeln solcher „bizarren Phantastik“ offen und folgt ihnen bis ins Mittelalter. Leider fehlt auch hier eine aktuelle Bewertung dieses Beitrags. So bleibt Poritzkys „Fantasten“ vor allem eine – interessant zu lesende – literaturhistorische Kuriosität.

Deutscher Horror heute

Hatte uns Frank Festa in den früheren „Omen“-Ausgaben vor dem deutschen Grusel des 21. Jahrhunderts bewahrt, mogelt er dieses Mal (versuchsweise?) zwei (glücklicherweise) kurze Storys aus diesem unseren Lande ein. Uwe Vöhls „Nyctalus“ und Christian Endres‘ „Instinktiv“ spiegeln ein bekanntes Dilemma wider: Handwerklich durchaus kompetent geschrieben, präsentiert der eine Autor ein tausendfach erzähltes (und in zweitausend Horrorfilmen verwurstetes) „Post-Doomsday“-Garn ohne Überraschungen und mit einem tragisch gemeinten aber kalt lassenden Schlussakkord. Der andere richtet den Blick in die in die Vergangenheit und produziert eine weitere jener Lovecraft-&-Poe-Pastiches, die vor allem in sich selbst ruhen, einer deutschen Phantastik aber keine neuen Impulse bringen.

Was haben wir noch? – Storys

In seinen Story-Sammlungen lässt Frank Festa gern Versuchsballons steigen. Dieses Mal lernen wir mit zwei Kurzgeschichten den in Großbritannien bereits bekannten, ausschließlich unter Pseudonym arbeitenden „John B. Ford“ (*1963) kennen. Auch er stützt sich schwer auf surreale Großmeister des Genres; Thomas Owen (1910-2002), Walter de la Mare (1873-1956) oder Jean Ray (1887-1964) kommen einem in den Sinn. Herausgeber Festa vergleicht ihn mit Thomas Ligotti, doch auch diese Fußstapfen sind definitiv zu groß. Tatsächlich bieten „Die Illusion des Lebens“ und noch mehr „Der Feind in uns“ leidlich groteske Stimmungsbilder, die in eine Handlung eingebettet werden, die sich sehr oder allzu bekannter Horror-Motive bedient.

„Der Wurm von Vendren“ ist eine weitere Geschichte, die Brian McNaughton (1935-2004) in einer an Clark Ashton Smith angelehnten „Weird-Fantasy“-Welt ansiedelt, wobei McNaughton die exotische Dekadenz des Vorbilds zugunsten eines trockenen, rabenschwarzen Humors in den Hintergrund rückt. Während McNaughton mit „Ringard und Dendra“ – einer u. a. in Festas Anthologie „Necrophobia II – Die graue Madonna“ aufgenommenen Story – eher witzlos blieb, erfüllt „Der Wurm von Vendren“ die Intentionen seines Verfassers deutlich besser.

Was haben wir noch? – Interviews

Seit einiger Zeit orientiert sich Frank Festa teilweise neu. Zu den klassischen Verlags-Standbeinen wie Lovecraft, Lumley oder F. Paul Wilson kommen verstärkt Autoren, die den Horror entweder hemmungslos bizarr (Carlton Mellick III) oder gnadenlos blutig (Brett McBean) servieren; oft gelingt ihnen sogar beides.

In den Startlöchern steht bei Festa Edward Lee, der in den USA seit Jahren mit morbid sexuellen, exzessiv gewalttätigen Horror-Thrillern für Furore sorgt. Was den Leser erwartet, fasst Frank Festa in „Einige Gedanken zu Edward Lee“ zusammen; er dürfte recht heftig über uns kommen …

Wie man die junge US-Generation mit religiösem Gedankengut vertraut macht, erläutert uns der Theologe und Horror-Schriftsteller Kim Paffenroth. So lässt sich beispielsweise das Phänomen der Auferstehung durch den Ausbruch einer globalen Zombie-Epidemie begreiflich machen. Paffenroth scheint dies ernst zu meinen. Seine beiden im Festa-Verlag erschienenen Romane lassen sich glücklicherweise auch unter Vernachlässigung solchen Subtextes gut lesen.

Schließlich gibt noch Laurell K. Hamilton Auskunft über ihren Werdegang und ihre Erfolgsserie um die Totenlenkerin & Vampir-Henkerin Anita Blake, mit der die Autorin nachdrücklich beweist, dass sexuelle Drastik dem Genre immer noch besser bekommt als die genitalfreie Minne jener Edwards & Bellas, die den Horror immer schlimmer in Verruf bringen.

Unterm Strich

Abgeschlossen wird „Omen 3“ durch ein Verzeichnis der bis Oktober 2011 (tatsächlich) erschienenen Festa-Titel – eine beeindruckende Liste, die verdeutlicht, welche Akzente ein ‚Kleinverlag‘ zu setzen vermag, der nicht mit dem Mainstream schwimmt, sondern nach neuen Namen und neuen Entwicklungen sucht.

Der Leser wünscht sich ein „Horror-Journal“ wie das „Omen“ öfter, der Realist muss anerkennen, dass der Markt für solche Werke begrenzt ist. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt: Wenn das Festa-Programm schon keinen vierten Band der „Necrophobia“-Reihe mehr beinhaltet, wird es – und sei es wieder erst in Jahren – vielleicht ein „Omen 4“ geben.

[md]

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Denn das Blut ist Leben

Erstellt von Michael Drewniok am 26. September 2011

Frank Festa (Hg.)
Denn das Blut ist Leben
Geschichten der Vampire

(sfbentry)
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel (4), Jutta Swietlinski (4), Alexander Amberg (4), Viviane Knerr (3), A. F. Fischer, Gabrielle Betz, Heiko Langhans, Gesine Schröder, Michael Plogmann, N. N. (je 1)
Cover: Markus Mayer
Deutsche Erstausgabe: November 2007 (Festa Verlag Nr. 1416/Nosferatu 16)
411 S.
ISBN-13: 978-3-86552-064-7

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Das geschieht:

22 Kurzgeschichten aus 170 Jahren künden von der Kraft, mit der sich der Mythos vom Vampir in der Literatur behauptet:

- Bram Stoker [1847-1912]: Draculas Gast („Dracula’s Guest“, 1914), S. 7-20: Der nächtliche Spaziergang des englischen Reisenden endet auf einem verfluchten Friedhof, vor dessen Schrecken ihn ausgerechnet ein sehr bekannter Vampirfürst rettet …

- J. Wesley Rosenquist [?-?]: Rückkehr in den Tod („Return to Death“, 1936), S. 21-27: Scheintod ist ein gefährlicher Zustand in einem Dorf, dessen schlichtgeistige Bewohner an Vampire glauben …

- Graham Masterton [geb. 1946]: Der Laird von Dunain („Laird of Dunain“, 1992), S. 28-38: Er saugt seine Opfer quasi über Umwege aus, doch letztlich ist der schottische Vampir nicht gegen die Tücke des Objekts gefeit …

- Simon Clark [geb. 1958]: Vampir-Abschaum („Vampyrrhic Outcast“, 1992), S. 39-49: Sogar unter Blutsaugern gibt es eine Rangordnung, und grässlich ergeht es jenen, die ganz unten stehen …

- Edgar Allan Poe [1809-1849]: Ligeia („Legeia“, 1838), S. 50-66: Der Tod siegt nur durch die Willensschwäche des Menschen, und Ligeia ist eine überaus willensstarke Frau, die ihr Ende nicht zu akzeptieren gedenkt …

- Edmond Hamilton [1904-1977]: Das Vampirdorf („Vampire Village“, 1932), S. 67-83: Zwei gut durchblutete Wanderer geraten in ein pittoreskes transsilvanisches Dorf, dessen Bürger sie geradezu frenetisch begrüßen …

- F. Marion Crawford [1854-1909]: Denn das Blut ist Leben („For the Blood Is the Life“, 1911), S. 84-101: Sie liebte das Leben und den schönen Angelo, auf den die grausam geendete Christina keineswegs zu verzichten gedenkt …

- Brian Hodge [geb. 1960]: Die Alchemie der Stimme („The Alchemy of the Throat“, 1994), S. 102-132: Er ist seines ewigen Lebens längst überdrüssig und findet doch nicht den Mut es zu beenden, bis ihn sein junger Liebhaber vor vollendete Tatsachen stellt …

- H. P. Lovecraft [1890-1937]: Das gemiedene Haus („The Shunned House“, 1928), S. 133-165: Im Keller mästet sich seit vielen Jahren das Verderben, bis ihm zwei mutige Historiker den Kampf ansagen – und sich schrecklich überschätzen …

- Simon Clark [geb. 1958]: Hotel Midnight („Hotel Midnight“, 2005), S. 166-168: Ein uraltes Haus wechselt samt uraltem Vampir den Besitzer …

- Théophile Gautier [1811-1872]: Die verliebte Tote („La morte amoureuse“, 1836), S. 169-201: Der junge Priester verfällt einer ebenso schönen wie bösen Frau, die ihn die schauerlichen Freuden des Lebens lehrt …

- Alice Olsen [?-?]: Winternacht („Winter Night“, 1940), S. 202-206: Vermeide ein Rendezvous, wenn du deine Schöne anschließend am Friedhof absetzen sollst …

- Raymond Whetstone [?-?]: Die durstigen Toten („The Thirsty Dead“, 1935), S. 207-214: Der einsame alte Mann dauert den jungen Nachbarn, der dessen Einladung annimmt – ein gutes Werk, das sich rächen wird …

- Clark Ashton Smith [1893-1961]: Ilalothas Tod („The Death of Illalotha“, 1937), S. 215-227: Wahre Liebe kann den Tod besiegen, doch ist der Preis höher, als du ihn möglicherweise zu zahlen bereit bist …

- Graham Masterton [geb. 1946]: Verkehrstote („Roadkill“, 1997), S. 228-235: Statt ausschließlich in der Vergangenheit zu schwelgen, hätte Graf Dracula sich besser über die aktuellen Pläne der Straßenbaubehörde informiert …

- Karl Hans Strobl [1877-1946]: Das Aderlassmännchen (1909), S. 236-254: Direkt neben dem Friedhof steht ein Kloster mit dicken, vollblütigen Nonnen, was einen untoten Edelmann nicht in seinem Grab ruhen lässt …

- Anonymus: Die Vampirkatze von Nabèshima („The Vampire Cat“, um 1910): S. 255-264: Der junge Fürst wird von einem Vampir heimgesucht, der die Gestalt seiner Lieblingskonkubine angenommen hat; ein einfacher Soldat ist es, der den Bann brechen kann …

- Hugh B. Cave [1910-2004]: Stragella („Stragella”, 1932), S. 265-295: Zwei vom Pech verfolgte Schiffbrüchige verschlägt es ausgerechnet auf ein Geisterschiff, das auch noch von Vampiren bevölkert wird …

- Henry Kuttner [1914-1958]: Ich, der Vampir („I, the Vampire“, 1937), S. 296-319: Irgendwann merkt auch ein Vampir, dass es in der Filmstadt Hollywood die schönsten Frauen gibt …

- Patricia N. Elrod [geb. 1945]: Spätvorstellung („A Night of the [Horse] Opera“, 1995), S. 320-337: Im Chicago des Jahres 1936 rettet ein Vampir den Schauspieler Chico Marx vor fiesen Gangstern …

- Lester del Rey [1915-1993]: Feuerkreuz („Cross of Fire“, 1939), S. 338-347: Was wären die Folgen, wenn ein Vampir zurück ins Leben fände …?

- F. Paul Wilson [geb. 1946]: Mitternachtsmesse („Midnight Mass“, 1990): S. 348-408: Vampire beherrschen die Welt, doch wenigstens in seiner alten Kirche nimmt ein Priester entschlossen den Kampf gegen die blasphemischen Unholde auf …

Das mögliche Risiko eines bösen Erwachens

Der Vampir: ein Mythos mit ‚realem‘ Hintergrund, weil er eine – wenn auch negativ besetzte – Veranschaulichung für ein Weiterleben nach dem Tod ist, der ungeachtet aller religiösen Vorsichts- und Beschwichtigungsmaßnahmen überall auf der Welt für Ungewissheit und Schrecken sorgt und die Fantasie beflügelt. Was kommt danach? Ewiger Friede im Warten auf die Auferstehung ist womöglich keineswegs garantiert, wie der Blut saugende „Nachzehrer“, der sich aus dem Grab erhebt und den Lebenden nachstellt, nur zu deutlich macht. Der Vampir-Mythos ist alt und weist weltweit erstaunliche Parallelen auf, wie in dieser Sammlung „Die Vampirkatze von Nabèshima“ (als einzige Geschichte, die den europäischen und nordamerikanischen Kulturkreis verlässt) deutlich macht.

Bram Stoker war 1897 nicht der erste Autor, der sich des Vampirs als Figur bediente. In diesem Sammelband ist Théophile Gautier mit „Die verliebte Tote“ aus dem Jahre 1836 vertreten – eine Erzählung ganz im Stil des „gotischen“ Horrors des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, der knalligen Horror mit moralisierendem Unterton kombinierte; in unserem Fall hat sich ein Priester gefälligst seinem freudlosen Dasein als Diener Gottes zu unterwerfen. Wenn ihm ein Mensch, explizit eine Frau, eine Alternative aufzeigt, kann sie nur böse sein und muss vernichtet werden. Da der weibliche Vampir hier eher als Liebende denn als Blutsaugerin auftritt, ist im Grunde sie das Opfer, wie auch der Priester – freilich zu spät – erkennt.

Die stilisierte Künstlichkeit ließ der literarische Vampir bald hinter sich. „Varney, der Vampir“ von Thomas Peckett Prest (1810-1857) war ein ruppiger Geselle, der sich seiner Blutgier und seiner Geilheit gleichermaßen gewissenlos unterwarf. Bram Stoker gestaltete seinen Dracula wesentlich eleganter und gab ihm einen adligen Hintergrund, aber auch er schrieb ihm menschliche Bedürfnisse zu, wodurch er ihn noch stärker dämonisierte: Graf Dracula ignoriert das Gebot der züchtigen, durch Tabus und Regeln gezähmten Liebe. Seine Attacken auf weibliche Opfer sind eindeutig erotisch gefärbt und stoßen buchstäblich auf Gegenliebe. So stark ist seine Präsenz, dass er in „Draculas Gast“ nicht einmal persönlich auftreten muss, um für Schauder & Grusel zu sorgen.

Von Blutsaugern und Beutelschneidern

Dracula setzte Maßstäbe und lockte eine eigene Art von Blutsaugern: ein Heer von weniger inspirierten Schriftstellern, die Stokers Roman als literarischen Steinbruch betrachteten, aus dem sie sich an Ideen holten, was sie für ihre eigenen, meist für den schnellen, anspruchslosen Lesegenuss gedachten Geschichten benötigten. „Denn das Blut ist Leben“ sammelt eine ganze Anzahl von Storys aus der Ära der US-Pulps, jener Magazine, die vor allem zwischen den beiden Weltkriegen kostengünstig Genre-Unterhaltung für ein Massenpublikum lieferten. Edmond Hamilton, J. Wesley Rosenquist, Henry Kuttner, Hugh B. Cave und Lester del Rey zeigen, dass sich auch aus der Nachahmung Funken schlagen lassen, während Alice Olson und Raymond Whetstone lähmende Langeweile verbreiten.

Dass der Grusel auf Pulp-Niveau auch heute noch lebt, beweisen uns Graham Masterton („Der Laird von Dunain“), Patricia N. Elrod und F. Paul Wilson mit ideen- und überraschungsarmen Geschichten. Masterton treibt den Grobgrusel wie immer auf die Spitze, nimmt ihn aber wenigstens nicht ernst und kann damit punkten, während Wilson bleischwer sein Garn aus Klischee und Gruselkitsch spinnt. (Wenigstens ist er konsequent in der Frage, ob nur das Kruzifix und damit die katholische Kirche Macht über den Vampir besitzt – ein Faktor mit gewaltigen Konsequenzen für die übrigen Weltreligionen.) Elrod bastelt aus bewährten Elementen routiniert eine Story, die in ihrer Endlos-Serie um den Vampir-Detektiv Jack Fleming spielt.

Der Tod kann sexy sein

Der Vampir und der Sex: Heute sind beide Begriffe beinahe Synonyme, und der Zusammenhang war ebenfalls schon lange vor 1897 bekannt. Dennoch musste sich Stoker noch viktorianische Zurückhaltung auferlegen. Erst in den folgenden Jahrzehnten wich die zurückhaltende, quasi verschlüsselte Darstellung mehr und mehr einer offenen, die Elemente Gewalt und Sex in den Vordergrund stellenden Schilderung.

Im 21. Jahrhundert sind die alten Waffen wie Holzpfahl, Knoblauch oder Kruzifix ziemlich stumpf geworden; der Vampir hat sich als alltagstauglich erwiesen. Er (und natürlich auch sie, denn die sexuell befreite Vampirfrau ist eine Figur, die schon früh Eingang ins Genre fand) trägt keinen Frack und keinen rotseiden gefütterten Umhang mehr, sondern passt sich (wie von Simon Clark in „Midnight Hotel“ ebenso kurz wie eindrucksvoll beschrieben) der Gegenwart an, was ihm in einer modernen Menschengesellschaft, die mehr und mehr die Nacht zum Tag macht, erst recht leicht gemacht wird.

Langes Leben bringt viel Verdruss

Ist der Vampir mit seinem Dasein zufrieden oder gar glücklich? Schon Dracula ließ den Überdruss durchblicken, den eine einsame Existenz in Nacht und Tod mit sich bringt. Der Hunger bindet den Vampir an den lebenden Menschen, von dem aber noch genug in ihm ist, um zu erfassen, was er verloren hat. Henry Kuttner und Simon Clark (in „Vampir-Abschaum“) bringen es auf den Punkt. Ihre Vampire sind in jeder Beziehung Außenseiter. Das untote Leben ist zwar ewig aber ohne echte Gefühle.

Darunter leidet der Vampir, doch seine Versuche, die Isolation zu durchbrechen, bringen nur noch mehr Leid und neuen Tod – entweder über die Menschen (F. Marion Crawford, „Denn das Blut ist Leben“) oder über den Vampir selbst (Brian Hodge, „Die Alchemie der Stimme“). Lester del Rey macht deutlich, dass es eine Heilung nicht gibt. Selbst die Rückkehr ins Leben bringt sie nicht, denn auf dem plötzlich wieder zum Menschen gewordenen Vampir lastet nunmehr die Hypothek seiner Jahre als Blutsauger.

Wie ‚funktioniert‘ der Vampir?

H. P. Lovecraft gehört zu den Autoren, die sich Gedanken über eine ‚wissenschaftliche‘ Erklärung für das Vampir-Phänomen machen. Freilich gibt Lovecraft seiner Theorie in „Das gemiedene Haus“, einer seiner besten Arbeiten, die er quasi dokumentarisch gestaltet und deren Schrecken deshalb umso intensiver wirkt, kein biologisches Fundament. Er geht im Grunde mit Edgar Allan Poe konform, nach dem die menschliche Willenskraft den Vampir ins ‚Leben‘ ruft: eine Kreatur, die den Tod nicht akzeptiert, gegen ihn aufbegehrt, dabei erfolgreich ist und sich doch von der Welt trennt, die sie als Untote erkennt und fürchtet; eine Kluft, die durch die besondere Art der Ernährung verständlicherweise vertieft wird. Poe benötigt keine Erklärung; Ligeia kehrt zurück, weil sie es will. Lovecraft zollt dem rationalen 20. Jahrhundert Tribut, auch wenn seine Kombination des vampirischen Scheinlebens mit der Einsteinschen Relativitätstheorie reiner Technobabbel bleibt; manchmal bringt ein Weniger an Information ein Mehr an Faszination. Den Unterhaltungswert beider Storys tut das freilich keinen Abbruch.

Kann man über Untote lachen? Selbstverständlich, denn Furcht und Witz sind enge Verwandte. Für das Komische ist der Vampir sogar besonders anfällig, gibt er doch eine sehr pathetische Gestalt. Schon ihn in den Fallstricken desselben Alltags zu sehen, von denen auch wir sterblichen Menschen gefesselt werden, nimmt ihm viel von seiner Allmacht. Wie Dracula sich in ein unfreiwilliges Exil begibt, weil er ein amtliches Schreiben zu viel ignoriert, ist zwar kein geistreicher aber ein gelungener Scherz (Graham Masterton, „Verkehrstote“). Humor auf ungleich höherem Niveau zelebriert Karl Heinz Strobl in seiner gleichermaßen grotesken wie phantastischen Spukgeschichte vom „Aderlassmännchen“, dessen Übeltaten recht oberflächlich fromme Nonnen treffen, sodass sich des Lesers Mitleid in Grenzen hält. Diesen Vampir können übrigens weder Kruzifix noch Sonnenlicht in Schach halten, womit er in dieser Sammlung recht einzigartig dasteht.

Storysammlung mit Vorbildcharakter

Gut zusammengestellte Kollektionen mit Kurzgeschichten, die eine Lektüre verdienen, sind heute nicht gerade zahlreich. Obwohl der Horror auch auf den deutschen Buchmarkt zurückgekehrt ist, muss man viel Spreu vom Weizen trennen. Chick-Lit-Horror – glutvoll-brünstiger Vampir verzaubert sexuell und auch sonst frustrierte Menschenfrau – wuchert wie Pestwurz aus der Nische des trivialen Liebesromans, in der er gut aufgehoben war. „Denn das Blut ist Leben“ kommt gänzlich ohne ihn aus, wofür man dem Herausgeber dankbar ist.

Wie für Bücher aus dem Festa-Verlag üblich, kommt auch dieses optisch sehr ansprechend daher. Paperback-Format und saubere, stabile Bindung lassen „Denn das Blut ist Leben“ angenehm in der Hand liegen, und selbstverständlich gibt’s als Cover kein liebloses Bildstock-Foto, sondern eine auf das Thema abgestimmte Zeichnung. Die Übersetzungen lesen sich angenehm, und mit diesem Adjektiv lässt sich auch der Kaufpreis umschreiben: So ein Werk gehört in jede Sammlung!

[md]

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Die Mutter

Erstellt von Werner Karl am 13. August 2011

Brett McBean
Die Mutter

(sfbentry)
The Mother, Australien, 2006
Festa Verlag, Leipzig, 06/2010
PB mit einem Umschlag in Lederoptik
Thriller, Splatter
ISBN 978-3-86552-093-7
Aus dem Australischen von Doris Hummel
Titelmotiv von iStockphoto

www.festa-verlag.de
http://brettmcbean.com/
www.istockphoto.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Ich reise schon fast ein Jahr lang über den Hume. Mein Zuhause sind Motelzimmer, Autos, sogar Rastplätze, wenn die Umstände es verlangen. Ich bin schon in so vielen Autos gewesen und habe so viel Leute getroffen, dass mein Verstand ganz taub und meine Erinnerung ganz vernebelt ist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich ihn immer noch nicht gefunden habe.“

Nur noch bruchstückhaft kann sie sich an ihr früheres Leben erinnern. An das Leben mit ihrer Tochter Rebecca, die sich nach einem Streit mit ihr davongeschlichen hat, um per Anhalter nach Sydney zu reisen und dort ihren Vater zu finden. Der Mann, der sie sowieso nie geliebt und immer wieder verprügelt hatte, bis sie schließlich abgehauen ist. Seit Rebecca tot ist, findet ihr Leben auf dem Hume Highway statt, der mit einer Länge von 880 km die Metropolen Sydney nach Melbourne verbindet. Irgendwo auf diesem Highway lief Rebecca ihrem Mörder in die Arme. Das einzige Indiz für dessen Identität sind die Worte „Stirb Mutter“, die er auf dem Unterarm tätowiert hat. Ein Detail, das ihr Rebecca bei ihrem letzten Anruf noch nennen konnte. Seitdem bereist sie den Highway auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter, nicht wissend, was sie tun wird, sollte sie ihn tatsächlich finden, und nicht wissend, was sie mit der nächsten Mitfahrgelegenheit erwartet.

„Die Momente, in denen ich glaubte zu sterben, gehören zu den glücklichsten in meinem Leben. Es waren die Augenblicke danach – wenn mir klar wurde, dass ich noch immer am Leben war – die am meisten wehtaten.“ Zunächst fällt die ungewöhnliche Struktur auf, in der der Australier Brett McBean seinen Thriller umgesetzt hat. Zwar ist „Die Mutter“ zweifellos die Hauptfigur, doch erzählt ist der Roman jeweils aus Sicht der Personen, die ihren Weg kreuzen, immer wieder unterbrochen von einem Brief, der an Rebecca gerichtet ist. Damit lösen sich der zeitliche und räumliche Fluss, den es bei einem herkömmlichen Roman einzuhalten gilt, weitestgehend auf, und man kann schon fast von einem Episoden-Roman sprechen. Ein genialer Kniff, der es Brett McBean ermöglicht, eine jeweils vom Betrachter geprägte, subjektive Sicht auf „Die Mutter“ darzustellen und so in jedem Kapitel eine etwas andere Hauptfigur zu präsentieren.

Angekündigt ist „Die Mutter“ als „ultraharter Psycho-Thriller“, was für einige Episoden nicht übertrieben ist. Beispielsweise wird der Leser Zeuge, wie „die Mutter“ aufs übelste gefoltert und wie ein Mann von einer brutalen Schlägerbande zu Tode geprügelt wird. Doch die clevere Erzählstruktur lässt die Eruptionen brutaler Gewalt deutlich weniger selbstzweckhaft wirken, wie z. B. diejenigen von Autorenkollege Richard Laymon, mit dem McBean im Rückentext verglichen wird. Diese brutalen Szenen im Hinterkopf erwartet man stets einen weiteren Geisteskranken, der hinter der nächsten Ecke, respektive unter jeder Kapitelüberschrift, lauert. Doch Brett McBean besitzt die Courage oder die Weitsicht, die Erwartungshaltung des Lesers zu enttäuschen, indem er auch leise Episoden voller Wehmut in seinen Roman einflechtet („George und Martha, das Pärchen“), die allerdings nicht weniger schmerzen.

Das Taschenbuch weist den gewohnt guten Festa-Standard auf und zeigt auch nach dem Lesen keine Rückenknicke. Der Umschlag ist in sogenannter ‚Lederoptik„ gefertigt. Das Covermotiv ist zwar ein Stockfoto, jedoch ganz ähnlich der Aufmachung der Australian mass-market paperback edition und wirkt im Zusammenspiel mit dem Titellayout außerordentlich gut. Mit Brett McBean hat Frank Festa nach der einschneidenden Verlagsprogrammänderung 2010 einen der ‚neuen„ Thriller-Autoren an Bord, von denen man sicherlich noch hören wird. „Die Bestien“ ist bereits für Herbst 2011 im Festa Verlag angekündigt.

„Die Mutter“ ist ein ungewöhnlicher, fast experimenteller und intensiver Thriller eines ‚frischen„ Autoren in gewohnt guter Festa-Paperback-Ausstattung.

Copyright © 2011 Elmar Huber (EH)

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Die Kannibalen von Candyland

Erstellt von Werner Karl am 9. August 2011

Carlton Mellick III
Die Kannibalen von Candyland

(sfbentry)
The Cannibals of Candyland, USA, 2009
Festa-Verlag, 09/2010
HC bunt gebunden mit Duftcover und Lesebändchen
Bizarro Fiction, Horror
ISBN 978-3-86552-095-1
160 rosa Seiten/1680
Aus dem Amerikanischen von Michael Plogmann
Titelillustration von Ed Mironiuk

www.festa-verlag.de
http://carltonmellick.com/
www.edmironiuk.com/

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Franklin ist ein Sonderling. Das war er schon, bevor seine drei Geschwister von der Zuckerfrau gefressen wurden, aber anschließend wurde es noch schlimmer. Inzwischen ist er ein erwachsener Mann und besessen davon, die Existenz der Zuckermenschen zu beweisen. Denn bislang glaubte ihm niemand, dass es diese Wesen wirklich gibt. Also muss er einen Zuckermenschen fangen – besser tot als lebendig –, um der Welt zu beweisen, dass seine Geschichte von einst stimmt und dass diese Wesen eine Gefahr darstellen. Eine Gefahr für die Kinder dieser Welt. Als er den Zugang zur Welt der Zuckermenschen findet, wähnt er sich am Ziel. Aber dann kommt alles anders …

Heilige Scheiße! Dieses Buch ist ein literarischer Trip auf LSD, anders kann man es kaum beschreiben. Bestimmt war bislang kaum jemandem klar, dass man derart viele abgedrehte Ideen zu einem derart unterhaltsamen und auch spannenden Buch verquirlen kann. Ein bisschen SF, ein bisschen Horror, und der Rest Wahnwitz – das beschreibt die Zutaten wohl am besten. Und dennoch verliert sich Mellick III nicht in seinen absurden Abläufen, sondern schafft es, eine stringente Handlung mit überraschenden Wendungen zu konzipieren.

Der Leser kann dadurch in eine bizarre Welt eintauchen und sich in ihr verlieren. Zumal die Menschen jenseits der Zuckerwesen so herrlich normal, gleichzeitig aber auch überdreht sind – eben ganz wie im richtigen Leben. Hat man einen Sinn für Abstruses und Pulp, dann ist man mit diesem Buch bestens beraten. Dazu trägt der Festa Verlag auch mit der Aufmachung bei. Rosa (!) Seiten und ein Cover mit nach Süßigkeiten duftendem Aufdruck (!) findet man wahrlich nicht jeden Tag. Auch das Cover und die Farbgestaltung garantieren einen Blickfang im Bücherregal.

Hier hat sich Festa tatsächlich selbst übertroffen, denn dieses Kleinod sollte jeder Fan abgedrehter Literatur sein Eigen nennen und es nicht allzu weit vom „Anhalter“ platzieren. Fazit: Ein legaler Drogen-Trip in Wortform für alle, die solche Literatur zu schätzen wissen. Wer dem Absurden nichts abgewinnen kann, macht einen Bogen um das Buch. Genre-Fans jedenfalls sind begeistert …

Copyright © 2011 by Gunter Arentzen (GA)

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Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II

Erstellt von Michael Drewniok am 13. Februar 2011

Frank Festa (Hg.)
Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II
Horrorgeschichten

Originalausgabe
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2010 (Festa-Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Nr. 2625)
Übersetzung: Alastair/Felix Fumas (1), Felix F. Frey (1), Doris Hummel (1), Sigrid Langhaeuser (7), Michael Plogmann (1), Malte S. Sembten (1), Lore Strassl (1) Michael Weh (1)
352 S.
ISBN-13: 978-3-86562-088-3

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Inhalt

H. P. Lovecraft war nicht nur als Schriftsteller ein Meister der modernen Phantastik, sondern auch ein profunder Kenner des Genres. Diese Sammlung enthält 14 Storys berühmter, aber auch wenig bekannter oder vergessener Autoren, die Lovecraft oft mehrfach lobend erwähnte. Als roter Faden zieht sich das Motiv der elementaren und belebten Furcht durch diese manchmal literarischen, manchmal trivialen aber durchweg spannenden Geschichten:

- Frank Festa: Vorwort, S. 7

- Brief von H. P. Lovecraft an Fritz Leiber jun. (1936): S. 8-14

- H. G. Wells: Das rote Zimmer („The Red Room“, 1896), S. 15-26: In seinen Mauern geht kein böser Geist, sondern das nackte Grauen um.

- Clemence Housman: Die Werwölfin („The Were-Wolf“, 1896), S. 27-76: Eine nur scheinbar schöne Frau bringt Verderben über die Bewohner eines einsamen Hofes, bis ihr ein Mann mit reiner Seele entgegentritt.

- John Buchan: Das grüne Gnu („The Green Wildebeest“, 1927), S. 77-104: Arrogant setzt der weiße Herrenmensch das Böse frei, dem er für den kurzen Rest seines Lebens reuevoll hinterherjagt.

- Henry Ferris Arnold: Telegramm in der Nacht („The Night Wire“, 1926), S. 105-114: Durch einen bizarren Zufall empfängt die Nachtredaktion einer Zeitung furchtbare Nachrichten aus einem heimgesuchten Ort.

- Mearle Prout: Das Haus des Wurmes („The House of the Worm“, 1933), S. 115-142: Blinde Verehrung rief eine böse Macht ins Leben, die sich wie eine Seuche auszubreiten beginnt.

- M. L. Humphreys: Das obere Stockwerk („The Floor Above“, 1923), S. 143-160: Ein Hilferuf in Todesangst erreicht den alten Freund zehn Jahre zu spät aber rechtzeitig, um ihn mit den schauerlichen Folgen zu konfrontieren.

- Théophile Gautier: Der Mumienfuß („Le Pied de Momie“, 1840), S. 161-174: Dass ihr mumifizierter Fuß einem Schriftsteller als Briefbeschwerer dient, ruft in der Nacht die verärgerte Besitzerin auf den Plan.

- Arthur J. Burks: Die Glocken des Ozeans („Bells of Oceana“, 1927), S. 175-190: Auf hoher See dringen bizarre Kreaturen auf die entsetzte Besatzung eines einsamen Schiffes ein.

- Robert Louis Stevenson: Die Leichenräuber („The Body Snatchers“, 1881), S. 191-210: Sie wollen nicht auf den Tod ihrer ‚Ware‘ warten, bis eines der Opfer in einer dunklen Nacht über sie kommt.

- Arthur Machen: Die weißen Gestalten („The White People“, 1906), S. 211-260: Die junge Frau steht fasziniert mit einem Bein im Reich der Elfen und Zauberwesen, bis sie einen entscheidenden Schritt zu weit geht.

- Edward Lucas White: Lukundoo („Lukundoo“, 1927), S. 261-280: Dem Fluch der verratenen Geliebten versucht er in Afrika zu entkommen, wo er in seinem Fleisch wiedergeboren wird.

- Edgar Allan Poe: Die Auslöschung des Hauses Usher („The Fall of the House of Usher“, 1839), S. 281-304: Selbstzerstörerisch bringt Usher Verderben über sich, sein überzüchtetes Geschlecht und den Familiensitz.

- C. L. Moore: Der Kuss des Schwarzen Gottes („Black God’s Kiss“, 1934), S. 305-342: Als ihr Reich erobert wird, steigt die junge Herrscherin auf der Suche nach Rache in die Tiefen der Hölle hinab.

- Lord Dunsany: Die erschütternde Geschichte von Thangobrind, dem Juwelendieb („The Distressing Tale of Thangobrind the Jeweller“, 1911), S. 343-348: Auch für den König der Diebe kommt jener Moment der Erkenntnis, dass er nicht geschickt genug war.

Irdische Angst und kosmisches Grauen

Für den Freund der klassischen Horror-Story ist das Erscheinen eines Sammelbandes aus dem Verlag Festa stets ein Grund zur besonderen Freude. Wo sonst werden derzeit Kurzgeschichten veröffentlicht, die 50, 100 oder gar 150 Jahre alt sind? Der durch die „Urban Fantasy“ bzw. „Romantasy“ der gruselverwässerten Gegenwart verschreckte Aficionado des literarischen Grauens nimmt es dankbar zur Kenntnis. Selbst oft und anderweitig abgedruckte Storys kommen neu übersetzt und vor allem im Umfeld des gewählten Themas zu frischem Glanz.

Ein Großmeister des Genres legt persönlich die Latte vor – und zwar in eine selbst für die meisten heutigen Autoren schwindelerregende Höhe. Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) hatte dezidierte Vorstellungen über das Wesen des Schreckens und seine literarische Beschwörung. Er hat sie zentral in einem Essay („Supernatural Horror in Literature“, 1925-27, überarbeitet 1933/34; dt. „Die Literatur der Angst“) dargelegt und ist darüber hinaus in seinen Briefen immer wieder auf dieses Thema zu sprechen gekommen, wobei er in der Regel Autoren nannte, die ihm seiner Meinung nach gerecht geworden waren.

Auch „Das rote Zimmer“ wird mit einem Brief eingeleitet. Lovecraft schrieb an den jungen Nachwuchs-Schriftsteller Fritz Leiber (1910-1992), der später selbst zu einem der ganz Großen der Phantastik wurde. Es war typisch für Lovecraft, Briefanfragen sorgfältig und ausführlich zu beantworten. Glücklicherweise hat sich ein Großteil seiner enormen Korrespondenz erhalten, die deshalb immer noch Einblick in Lovecrafts Gedankenwelt ermöglicht.

Lovecraft-Schrecken ist ein handfestes Phänomen

Der Brief an Leiber spiegelt wider, was die Storys perfekt verdeutlichen: Lovecraft war kein Freund des ‚psychischen‘ Horrors, der primär in einem Menschenhirn wurzelt, das Übernatürliches – oft als Folge von Krankheit oder Seelenpein – nur vorgaukelt. Er akzeptierte ihn, aber er interessierte ihn nicht wirklich. Horror war für Lovecraft eine eigenständige Kraft, deren Manifestationen handfest über ihre Opfer kommen. Deshalb war es für Lovecraft kein Problem, die Grenzen zwischen Horror und Science Fiction verschwimmen zu lassen. Die „Großen Alten“ und ihre Schergen, die er im Cthulhu-Zyklus entfesselt, sind Kreaturen aus dem Weltall: simple Außerirdische im Grunde, doch so fremd, dass bereits ihre Anwesenheit für irdisches Grauen sorgt.

Dieses ‚reale‘ Grauen angemessen realistisch bzw. naturalistisch darzustellen, war Lovecraft eine Herausforderung, an der er sich viele Jahre und letztlich sehr erfolgreich abarbeitete. Ähnliches Gelingen suchte und fand er bei früheren und zeitgenössischen Autoren, die er neidlos bewunderte, wenn er zu dem Schluss kam, dass sie erfolgreich waren, ohne sich dabei um die Qualitätsvorgaben einer Literaturkritik zu scheren, die bereits zu seinen Lebzeiten die Phantastik primär schätzte, solange sie sich auf Andeutungen beschränkte. Ebenso gleichgültig war ihm der literarische Ruhm, der sich aus derselben Quelle speiste. Für Lovecraft galt nur der Erfolg in dem schwierigen Bemühen, des Schreckens überzeugend habhaft zu werden.

Folgerichtig stellt auch diese Festa-Sammlung einschlägiger Kurzgeschichten – die zweite seit 1999 – eine bunte Mischung ehrwürdiger Klassiker und unbekannter Pulp-Schreiber dar. Die literarische Spannbreite zwischen H. G. Wells und H. F. Arnold sind rasch auch dem Laien deutlich, aber verklammert werden die unterschiedlichen Autoren in der Tat durch Lovecrafts Manifest des Grauens. Wo er selbst keine spezielle Story nannte, wählte Herausgeber Festa ein Beispiel aus, das verdeutlicht, was Lovecraft umtrieb.

Der Schrecken hat viele Gesichter

„Kosmisch“ ist das Grauen sicher nicht, das Herbert George Wells (1866-1946) heraufbeschwört. Hier fesselt (nicht nur) Lovecraft zweifellos die Meisterschaft, mit der Wells (der 1895 mit „Die Zeitmaschine“ die Serie seiner „wissenschaftlichen“ Romanklassiker begonnen hatte, die er 1896 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ und 1898 mit „Der Krieg der Welten“ fortsetzte) die Angst als physisches Phänomen in Worte zu fassen versteht, die den Leser mit dem entsetzten Ich-Erzähler in dem berüchtigten rote Zimmer festsetzen.

Aufklärung kann der Leser von Wells ebenso wenig erwarten wie von John Buchan (1875-1940) oder Edward Lucas White (1866-1934). Wahrer Schrecken mag sich in der Realität manifestieren, enthüllt dort jedoch wenig mehr als einen schmalen Ausschnitt seiner Gesamtpräsenz. Intelligenz und Willenskraft sind offensichtlich, doch seine Motive bleiben unklar. So beschreibt Clemence Annie Housman (1861-1955) die Werwölfin seiner Story als rätselhaftes Wesen, das sich nur menschlich gibt und in dieser Tarnung besonderen Schrecken hervorruft. Ohne Deutung bleiben die Glockentöne, die Arthur J. Burks (1898-1974), ertönen lässt, während Nixen und Tang-Monster ein Schiff bedrängen. Henry Ferris Arnold (1901-1963) schildert den Untergang einer Stadt, die möglicherweise nicht einmal auf dieser Erde zu lokalisieren ist. Der Eindringlichkeit der unheimlichen Szenen, die der Leser selbst zu einem Gesamtbild zusammensetzen muss, tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil wächst mit der Ratlosigkeit die eigene Furcht.

Die Angst in ihrer Heimat

Die Existenz eines „kosmischen Schreckens“ führt unweigerlich zu der Frage, ob dieser per se bzw. nach menschlicher Definition „böse“ oder so fremd ist, dass irdische Moral hier nicht greifen kann. In diesem Punkt flüchten die Autoren sich keineswegs in politisch korrekte Schwarzweiß-Malerei. Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron of Dunsany (1878-1957), schildert das Verderben seines ohnehin unmoralischen Anti-Helden als konsequente Folge einer Entwicklung, die das Scheitern beinhaltet. Mit noch heute beindruckender Konsequenz schildert Arthur Machen (1863-1947) die Faszination, die dem Grauen innewohnen kann: Das namenlose Mädchen changiert zwischen den Welten; das Übernatürliche ist ihr nicht fremd und wirkt daher auf sie nicht erschreckend.

Doch auch Machen schließt eine Synthese aus: Als sich das Mädchen allzu weit in die Zwischenwelt vorwagt, fällt sie der dort herrschenden Realität zum Opfer. Sie hat nie wirklich verstanden, worauf sie sich einließ. Ganz anders geht Catherine Lucille Moore (1911-1987) von einer ähnlichen Prämisse aus, als sie ihre Serienheldin Jirel of Joiry buchstäblich durch die Hölle irren lässt. Jirel bleibt stets eine Fremde in dieser Unterwelt, wodurch die Moore deren erschreckende Unerklärlichkeit verstärken kann.

Die dunklen Kammern der Seele

Lovecraft schätzte wie gesagt den Schrecken nicht, der vor allem oder gar ausschließlich im Menschenhirn ausgebrütet wird. Das hielt ihn – gern verbunden mit der Ermahnung, doch besser dem ‚richtigen‘ Horror zu frönen – nicht davon ab, gelungene Beispiele für weniger kosmischen Schrecken anzuerkennen. Wie Herausgeber Festa, der jede Story kurz aber kundig einleitet, durch weitere Zitate verdeutlicht, konzentrierte sich Lovecraft dann auf jene Aspekte, die seinen Beifall fanden. In seiner Sicht ist Edgar Allan Poes (1809-1849) „Auslöschung des Hauses Usher“ nicht primär dem Wahnsinn des Hausherrn geschuldet, sondern speist sich aus einer dunklen, unbekannten Quelle, die Lovecraft in dem Teich ortet, in dem die Ushers mit ihrem Stammsitz versinken.

Deutlicher wird Lovecraft, als er Robert Louis Stevenson (1850-1894) eine „scheußliche Neigung zur Effekthascherei“ unterstellt, dann aber zugibt, dass auch der „menschliche Faktor“ seinen Stellenwert im Horror-Genre besitzt, wenn er unter gebührender Berücksichtigung der unheimlichen Atmosphäre auftritt – eine Forderung, die Stevenson mit „Die Leichenräuber“ zweifelsohne erfüllt!

M. L. Humphreys und Mearle Prout beschreiben den Schrecken sogar als primär menschliche Schöpfung. Der Wurmgott wird Realität, als man ihm huldigt, und der kranke Mann überwindet in seiner Verzweiflung Tod und Zeit. Wie bei Machen bringt die Nähe zum Unbekannten, Unmenschlichen wiederum nur Grauen und Verderben. Nur Théophile Gautier (1811-1872) kann dem nicht Rationalen eine humorvolle Seite abgewinnen.

Fantastisch in Inhalt und Form

„Das rote Zimmer“ bietet klassischen Horror in seltener Qualität. Die Übersetzungen sind akkurat, und sie belegen, dass auch eine alte Geschichte viel von ihrem Staub verlieren kann, wenn sie nah am Original neu eingedeutscht wird. Wie gewohnt ist dieser 25. Band von „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ fest und hochwertig gebunden; es macht Spaß, ihn in der Hand zu halten, darin zu blättern und natürlich ihn zu lesen, wobei das schwarze Lesebändchen hilft, den Überblick nicht zu verlieren. Neu ist der Schutzumschlag in Lederoptik, die den haptischen Schlussstrich unter das allgemeine Wohlbehagen setzt. Gibt es noch Stoff für „Lovecrafts dunkle Idole III“? Hoffentlich dauert es nicht wieder elf Jahre bis zu ihrer Wiederentdeckung!

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Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

Erstellt von Michael Drewniok am 20. September 2010

Frank Festa (Hg.)
Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Alexander Amberg (1), Andreas Diesel (1), Doris Hummel (3), Sigrid Langhaeuser (8), Sandra Pohley (3)
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Festa Verlag/Horror TB 1523)
410 S.
ISBN-13: 978-3-86552-077-7

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19 Gruselgeschichten aus 83 Jahren, davon 17 deutsche Erstveröffentlichungen: Das lange Warten auf die dritte „Necrophobia“-Sammlung hat sich gelohnt. Klassischer Horror wechselt mit modernen Schrecken, für Abwechslung ist gesorgt; Mittelmaß kommt vor, doch echte Ausfälle, verursacht durch um Jungmädchen buhlende Vampire oder deutsche ‚Nachwuchstalente‘, bleiben aus: Ein fesselnder Streifzug durch ein ungemein lebendiges Genre:

- F. Paul Wilson [*1946]: Zart wie Babyhaut („Foct“, 1991), S. 7-20: Wenn sich ihr die Chance bietet, ins modische Spitzenfeld vorzustoßen, wird für manche Frau die Frage nach der Herkunft des verarbeiteten Materials nebensächlich …

- David Case [*1937]: Unter Wölfen („Among the Wolves“, 1971), S. 21-88: In der Wildnis wurde er geprüft und für stark befunden; nun testet er ähnlich unbarmherzig seine Mitmenschen in der Stadt auf ihre Lebenstauglichkeit …

- Brett McBean [*1978]: Genie eines kranken Geistes („The Genius of a Sick Mind“, 2000), S. 89-101: Simon und Sherry geraten in die Falle eines moralfreien Psychopathen, der sie mit schauerlichen ‚Aufgaben‘ konfrontiert, deren Bestehen ihr Leben sichert – vielleicht …

- Walter de la Mare [1873-1956]: Der Spiegel („The Looking-Glass“, 1923), S. 103-115: Für die vom Leben enttäuschte Alice verschwimmen Realität und Illusion, bis schließlich die Grenze zum Jenseits fällt …

- Brian Lumley [*1937]: Fruchtkörper („Fruiting Bodies“, 1988), S. 117-152: Von einer fernen Insel geriet ein Pilz an einen einsamen Abschnitt der englischen Küste, wo er ein unheimliches Eigenleben entwickelt …

- Mary E. Counselman [1911-1995]: Die drei markierten Pennys („The Three Marked Pennies“, 1934), S. 153-163: Sie bringen Glück oder den Tod – und manchmal beides gleichzeitig …

- Frederick Cowles [1900-1949]: Das Haus der Tänzerin („The House of the Dancer“, 1938), S. 165-179: Sie war die hübscheste Frau ihrer Zeit – und eine böse Hexe, die lustvoll ihr Treiben nach dem Tod fortsetzt …

- Karl Edward Wagner [1945-1994]: Das Bildnis des Jonathan Collins („The Picture of Jonathan Collins“, 1995), S. 181-204: Eigentlich hieß Dorian Gray Jonathan Collins, und sein Bildnis war kein Gemälde, doch sonst stimmt die Geschichte …

- Simon Clark [*1958]: Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis („Limits of Darkness“, 2006), S. 205-229: Eine Schatzsuche in Afrika entwickelt sich zu einer Reise ins Herz der menschlichen Finsternis …

- Robert Bloch [1917-1994]: Das Geheimnis der Gruft („The Secret in the Tomb“, 1935), S. 231-240: Wie sein verschwundener Vater macht sich auch der Sohn auf den Weg, dem verrufenen Ahnen das Geheimnis des ewigen Lebens zu entlocken …

- Greg F. Gifune [*1963]: Vollendete Vergangenheit („Past Tense“, 2005), S. 241-258: Manche Vampire saugen Blut, andere zapfen ihren Opfern Lebenszeit ab …

- Manuel Komroff [1890-1974]: Du willst also nicht reden! („So You Won’t Talk“, 1935), S. 259-268: Ein besessener Polizist bricht ein Verhör auch beim Tod des Hauptverdächtigen nicht ab …

- Fritz Leiber [1910-1992]: Der Phantommörder („The Phantom Slayer“, 1942), S. 269-291: Das zunächst willkommene Erbe des Onkels entwickelt ein mörderisches Eigenleben …

- Chet Williamson [*1948]: Ameisen („Ants“, 1987), S. 293-297: Ein streitsüchtiger Fiesling legt sich mit den Falschen an …

- Graham Masterton [*1946]: Der Junge von Ballyhooly („The Ballyhooly Boy“, 1999), S. 299-327: Ein von seinen Schulkameraden geschurigelter Junge übt als Geist erbarmungslos Rache …

- Jeffrey Thomas [*1957]: Die Keller-Götter („The Cellar Gods“, 1999), S. 329-350: Die geliebte Frau kann ihre obskure Herkunft auf Dauer nicht unterdrücken …

- Mort Castle [*1946]: Nimm meine Hand, mein Sohn („If You Take My Hand, My Son“, 1987), S. 351-364: Daddy war ein verlogener Dreckskerl im Leben, und der Tod konnte ihn nicht ändern …

- Carlton Mellick III [*1977]: Porno im August („Porno in August“, 2002), S. 365-387: Dreharbeiten zu einem Sexfilm gehen in einen grotesken Albtraum über …

- F. Paul Wilson [*1946]: Weich („Soft“, 1984), S. 389-406: Wie lebt man mit einer Seuche, die alle Knochen zur Auflösung bringt …?

- Ein letztes Flüstern des Herausgebers, S. 407-410

Andere Zeiten, andere Schrecken?

Lange hat es gedauert bis zum Erscheinen dieses dritten Bandes der „Necrophobia“-Reihe – lange genug, um als Freund der grausigen & guten Kurzgeschichte unruhig zu werden, zumal der Festa-Verlag zwischenzeitlich in ökonomische Turbulenzen geriet. Aber der Sturm hat sich gelegt, und Verleger Frank Festa hält das Steuer wieder fest genug in der Hand, um erneut bisher unbekannt Genre-Gewässer zu befahren. Er setzt dabei nicht nur auf Romane, sondern bietet auch der Kurzgeschichte eine Nische. Nach der Lektüre von „Necrophobia III“ fragt sich der Leser umso konsternierter, wieso diese nach Ansicht der ‚großen‘ Verlagshäuser angeblich kein Publikum mehr findet, denn wie sonst kann sich der Horror bunter und palettenbreiter darstellen als in seiner kurzen Form?

Zwischen 1923 und 2006 erschienen die 19 hier gesammelten Storys. Schon die chronologische Spanne sorgt für Abwechslung, denn sowohl die Auslegung als auch die Darstellung von Furcht unterlag in diesen Jahrzehnten deutlichen Veränderungen: Walter de la Mare und Carlton Mellick III teilen zwar die metaphorische Beschäftigung mit dem Phantastischen, doch inhaltlich könnte die Kluft zwischen diesen beiden Autoren kaum größer sein.

Aber auch die Werke der zeitgleich schreibenden Autoren lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen; „Necrophobia III“ soll ja gerade die Vielfalt des Horrors belegen. Dieser ist vielschichtig („Unter Wölfen“), trivial („Das Geheimnis der Gruft“) oder beides („Der Phantommörder“), klassisch („Fruchtkörper“), einfach nur angestaubt („Das Haus der Tänzerin“), ein wenig experimentell („Nimm meine Hand, mein Sohn“), betont drastisch („Das Bildnis des Jonathan Collins“), schwarzhumorig („Ameisen“), auf den Schlussgag getrimmt („Zart wie Babyhaut“) oder bitter ernst („Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“).

Entdeckungen und Andeutungen

Die erfreuliche Bandbreite der präsentierten Storys und ihre Zahl verhindert eine Besprechung, die jeder Geschichte gerecht werden könnte. Der Leser wird sich unterschiedlich zwischen den Urteilspolen „sehr gut“ und „gefällt gar nicht“ bewegen. Der Rezensent kann deshalb an dieser Stelle nur auf hoffentlich allgemein interessierende Einzelheiten eingehen.

Mit „Fruchtkörper“ legt Brian Lumley nicht nur eine unheimliche Story, sondern auch eine Hommage an einen britischen Großmeister der Gespenstergeschichte vor. Im November 1907 veröffentlichte das „Blue Book Magazine“ William Hope Hodgsons (1877-1918) „A Voice in the Night“ (dt. „Stimme in der Nacht“), eine intensive Studie ‚biologischen‘ Grauens am Beispiel zweier Schiffbrüchiger, die auf einer Insel stranden, deren Gestade von einem monströsen Wucherpilz befallen sind, der auch auf menschlicher Haut gedeiht. Gerade in der Finalszene beschwört Lumley die daraus resultierenden Schrecken ähnlich intensiv herauf wie Hodgson. Obwohl der der moderne Autor sich in der Beschreibung der Effekte keinerlei Zurückhaltung auferlegen müsste, bleibt Lumley erfreulich zurückhaltend.

Jeffrey Thomas ergänzt das „Cthulhu“-Mosaik um ein interessantes Steinchen. Mit „Die Keller-Götter“ beweist er anschaulich, dass der Mythos, den H. P. Lovecraft (1890-1937) schuf und der bereits zu seinen Lebzeiten von faszinierten Autorenkollegen mit- und ausgestaltet wurde, durchaus gegenwartstauglich ist.

Simon Clark vergreift sich unerschrocken an einem literarischen Meisterwerk. „Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“ stellt eine Fortsetzung und Variation der Novelle „Heart of Darkness“ (1899, dt. „Herz der Finsternis“) dar, in der Joseph Conrad (1857-1924) den charakterlich schlichten Afrika-Reisenden Marlow auf den Handelsagenten Kurtz als verkörperte Ausgeburt der menschlichen Bosheit treffen und an dieser Erfahrung gleichzeitig reifen und zerbrechen lässt. Gelernt hat Marlow seine Lektion offensichtlich nicht, denn Clark lässt ihn ein zweites Mal in den Dschungel des Kongo = in die Abgründe der Seele zurückkehren, wobei die Lektion dieses Mal noch um einiges deutlicher und drastischer ausfällt.

Dies trifft erst recht auf Karl Edward Wagner zu, der mit „Das Bildnis des Jonathan Collins“ dem einzigen Roman von Oscar Wilde (1854-1900) – „The Picture of Dorian Gray“ (1890/91, dt. „Das Bildnis des Dorian Gray“) – einen Bärendienst erweist; Wagner kopiert die ursprüngliche Handlung, deren Finale deshalb von vornherein feststeht. Der Schluss kann deshalb nicht überraschen, während die quasi-pornografischen Sequenzen weder schockieren noch das Geschehen überzeugend illustrieren, sondern nur langweilen.

Horror heimlich oder aggressiv

Die in „Necrophobia III“ gesammelten Geschichten bestätigen und widerlegen gleichzeitig die vor allem von der Kritik gern geäußerte Meinung, dass die Phantastik dort am nachdrücklichsten wirkt, wo sie der Realität so dicht verhaftet bleibt, dass sich das Übernatürliche nur schemenhaft oder scheinbar manifestiert. Um diese Wirkung erzielen zu können,  bedarf es eines wirklich guten Schriftstellers. Walter de la Mare gelingt es, in „Der Spiegel“ seinen Lesern ein stetig und ständig wachsendes Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens zu vermitteln.

Während de la Mare dabei die Wirklichkeit niemals gänzlich aus den Augen verliert, gibt Carlton Mellick III in „Porno im August“ sie auf, ohne den Übergang seinem Publikum deutlich zu machen: Quasi dokumentarisch beschreibt er eine Welt, deren Gesetze den handelnden Figuren ebenso fremd bleiben wie dem Leser. Mellick verstößt vorsätzlich gegen jene zwar nicht niedergeschriebene aber von der Mehrheit der Grusel-Freunde eingeforderte Regel, nach der das  Grauen einer stringenten Handlung folgen und den Schrecken in einem gruseligen Höhepunkt kulminieren soll.

Solche regelkonformen Geschichten beinhaltet „Necrophobia“ natürlich auch. Sie können, aber sie müssen keineswegs ‚schlechter‘ sein als der ‚literarische‘ Horror. Während Frederick Cowles, ein noch sehr jugendlicher Robert Bloch oder Manuel Komroff an den vordergründigen Grusel der „Pulp“-Ära erinnern, verbinden Mary E. Counselman, Fritz Leiber, Mort Castle, Graham Masterton oder F. Paul Wilson (vor allem in „Weich“) den plakativen Horror mit dem Schrecken, den er dem Menschen beschert – ein Schrecken, der über einen blutreichen Tod hinausgeht. David Case treibt diese Kombination auf die Spitze. Brett McBean produziert dagegen nur heiße Luft.

Das gesammelte Grauen kommt auch dieses Mal ohne deutsche Beiträge aus – oder muss ohne sie auskommen, da sie die strengen Qualitätsvorgaben des Herausgebers nicht erfüllen konnten. (Ob ein Chet Williamson allerdings eine Alternative ist …) Sie gedeihen anderenorts prächtig, sodass man sie hier nicht vermisst. Als Buch bietet „Necrophobia III“ nicht nur inhaltlich Lektüre-Vergnügen. Die Storys sind gut übersetzt, das gedruckte Werk ist zwar ein Taschenbuch, liegt aber trotzdem schwer und sauber gebunden in der Hand, und das Cover entstammt keinem Bildstock, sondern ist gezeichnet und wurde passend zum morbiden Inhalt ausgesucht. Solche Details weiß der Leser zu schätzen, und er merkt sich, wo seine Ansprüche befriedigt werden!

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Dying to Live: Vom Überleben unter Zombies

Erstellt von Michael Drewniok am 5. Juli 2010

Kim Paffenroth
paffenroth-dying1Dying to Live 1: Vom Überleben unter Zombies

Originaltitel: Dying to Live: A Novel of Life Among the Undead (Mena/Arkansas :  Permuted Press 2007)
Übersetzung: Doris Hummel
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Festa Verlag/Horror TB 1526)
255 S.
ISBN-13: 978-3-86552-091-3

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Das geschieht:

Vor einem Jahr brach eine Seuche aus, die Menschen zu Zombies werden ließ. Die Untoten breiteten sich in rasender Geschwindigkeit über die ganze Erde aus, weil sie in immer größerer Zahl über die Lebenden herfielen, sie fraßen und in Ihresgleichen verwandelten. Sämtliche Eindämmungsversuche scheiterten, die Zivilisation brach zusammen.

Die wenigen Menschen, die der Epidemie bisher entkamen, führen wie Jonah Caine ein Leben in ständiger Angst und auf der Flucht. Die Untoten sind überall, sie haben keine Angst, kennen keine Erschöpfung oder Müdigkeit, nur Hunger. Caine hat das unstete und einsame Leben abseits der zu Todesfallen gewordenen Städte satt. Als er auf der Suche nach Lebensmitteln trotzdem wieder einmal eine Geisterstadt betritt, entkommt er nur, weil ihn Überlebende heraushauen.

Ehemalige Soldaten und versprengte Bürger haben sich in einer von Mauern umgebenen und zusätzlich gesicherten Museumsanlage verbarrikadiert und organisiert. So halten sie den auf sie eindrängenden Untoten stand. Dabei stützen sie sich stark auf die Hilfe des ehemaligen Forschers Milton, der den Biss eines Zombies überlebte und seitdem nicht nur immun gegen ihr Gift ist, sondern auch von ihnen ignoriert und sogar gemieden wird.

Caine schließt sich der Gruppe an. Er findet eine neue Lebensgefährtin, und er ist es, der bei einem Außeneinsatz auf dem Dach des städtischen Krankenhauses einen funktionstüchtigen Hubschrauber entdeckt. Dieser würde den Aktionsradius der Gruppe, zu deren Mitgliedern eine Pilotin zählt, enorm steigern, doch um das Fluggerät zu erreichen, muss sich ein Kampftrupp durch ein wahres Heer von Zombies schlagen. Dabei werden Caine und einige Gefährten versprengt und geraten in die Gewalt von Ex-Sträflingen, die in ihrem gut gesicherten Gefängnis ein Terrorregiment installiert haben …

Sie kamen, bissen & faulten

Der Zombie: Eine untote Karikatur des lebenden Menschen, dem er nur noch entfernt ähnelt. Eigentlich ist er hirntot, fußlahm und planlos, aber leider ist er gleichzeitig nimmermüde, hartnäckig und vor allem in der Überzahl. Man kann den Untoten zwar ausweichen, doch wohin man auch geht, es warten nur weitere hungrige Zombies.

Bevor der Begriff „Pandemie“ an die breite Öffentlichkeit gelangte, vermittelten die lebenden Toten einen Eindruck davon, was eine weltweite Seuche anrichten könnte. Der Mensch ist auch Jahrzehnte, nachdem George A. Romero die Untoten zurückkehren ließ, auf eine Katastrophe, die alle Grenzen möglicher Präventionen sprengt, nicht vorbereitet. Deshalb stehen im Zombie-Genre überlebende Menschen immer in der Minderzahl gegen ein Heer von Untoten, die sich mit den bekannten und bewährten Methoden nicht kontrollieren lassen.

Am Zombie erschrecken sein Aussehen und seine Kommunikationsunfähigkeit. Ist der Mensch tot, wird er zwar betrauert aber auch auf den Friedhof verbannt: Aus den Augen und aus dem Sinn gerät, was sich im Kreislauf der Natur in ein hässlich anzusehendes und noch schlimmer riechendes Zerrbild des lebendigen Menschen verwandelt. Hinzu kommt die Schweigsamkeit einer Kreatur, mit der man nicht diskutieren und einen Frieden aushandeln kann. Der Zombie verkörpert die pure Zerstörung. Kein Wunder, dass er immer wieder als Sinnbild der biblischen Apokalypse beschworen wird.

Wenn gerade keine Schädel bersten

Das Bild der Toten, die sich in Massen aus ihren Gräbern erheben, besitzt für christlich orientierte Zeitgenossen besondere Symbolkraft. „Die Toten aber wissen nichts …, denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit”, heißt es in der Bibel (Prediger 9,5.10). Der Apostel Paulus fügt hinzu: „Was ich damit sagen will, liebe Brüder, ist, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können“ (1. Korinther 15,44. 49-50). Wenn dereinst die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallen, kehren die Toten zwar zurück (Offenbarung 20). Dann sind es allerdings keine Zombies, die aus den Gräbern gerufen werden, sondern „unverwesliche“ und „geistige Körper“.

Wer sich wundert, was solche theologischen Reminiszenzen in der Rezension eines Horroromans verloren haben, sei darauf hingewiesen, dass Autor Kim Paffenroth in seinem ‚richtigen‘ Beruf als Professor für Religionswissenschaften lehrt. Er kennt die christlichen Mythen und beschäftigt sich auch in seinen Romanen mit ihnen. „Dying to Live“ bildet keine Ausnahme. Vor allem im Mittelteil werden dem Leser lange Passagen auffallen, in denen Jonah Caine – dessen Namen bereits zweifach auf die Bibel (Jonas bzw. Kain) verweist – und Milton (der wiederum an John Milton erinnert, dessen Versepos „Paradise Lost“ 1665 das Ringen zwischen den Mächten des Himmels und der Hölle beschreibt) über einen möglichen Sinn der Zombie-Plage diskutieren.

Später schildert Paffenroth den verrohten Mikrokosmos eines in die Barbarei zurückgefallenen Gefängnisses. Hier stützt sich der Autor zusätzlich auf eigene Forschungen zum Werk des antiken Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus (354-430), der sich viele Gedanken über das Böse im Menschen gemacht und diese niedergeschrieben hat. Zusätzlich greift Paffenroth auf William Shakespeare und Herman Melville („Moby Dick“) zurück, wenn es darum geht, die Bestie Mensch gebührend schauerlich darzustellen.

Zurück zu den Anfängen

Diese philosophischen Erörterungen kann der Leser entweder als Mehrwert betrachten oder muss sie ertragen. Glücklicherweise stellt Paffenroth den genannten Geistesgrößen den Schöpfer des modernen Zombieversums an die Seite: In einem Nachwort bezieht er sich ausdrücklich auf George A. Romero, der zum Thema alles Grundsätzliche gesagt habe. Dem stimmen wir zu, wobei wir nur „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) und „Day of the Dead“ (1985) gelten lassen und über „Diary of the Dead“ (2007) und „Survival of the Dead“ (2010) den Mantel gnädiger Vergessenheit breiten.

Folgerichtig ist auch Paffenroth nichts wirklich Neues eingefallen. „Dying to Live“ fällt gegenüber anderen Zombie-Geschichten immerhin durch formale Qualitäten auf, die das Genre allzu oft vermissen lässt. Der Zerfall der wandelnden Leichen scheint zumindest auf die Hirne jener Autoren überzugreifen, die sich den Untoten in Serien widmen. Brian Keene, David Wellington oder Jonathan Maberry haben es mit ihren simpel gestrickten Krawall-und-Ekel-Spektakeln inzwischen auch nach Deutschland geschafft.

Paffenroth beherrscht den groben Quast ebenso wie den Feinhaarpinsel. „Dying to Live“ bietet spannende, gewaltvolle und splatterreiche Massenszenen, neben denen gut ‚beobachtete‘ und beschriebene Miniatur-Dramen für feiner ziselierten Schrecken sorgen. Das erste Kapitel stellt einen gelungenen Einstieg und ein gutes Beispiel dar: Statt über viele Seiten und in allen Details zu beschreiben, wie die Welt zum Zombieland degenerierte, schildert Paffenroth Caines Kampf mit einem Zombie als ganz alltägliches Geschehen.

Das Leben ist zäh

„Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“: Dieses alte Sprichwort beschreibt ein grundlegendes Element des Zombie-Horrors. In der Allgegenwärtigkeit des Todes scheint der Mensch den endgültigen Untergang höchstens verzögern zu können. Doch so dramatisch diese Hoffnungslosigkeit auch dargestellt wird: Irgendwann wird deutlich, dass sich das Leben seinen Weg bahnen wird. 99,9% der Menschheit mögen tot über die Erde wandern; die wenigen Überlebenden haben sich auf die Situation eingestellt. Sie werden sich vermehren und in einer Welt der Zombies den Neuanfang wagen.

Auch Kim Paffenroth mochte sich dieser tröstlichen Entwicklung nicht verschließen. „Dying to Life: Life Sentence“ (dt. 2011 als „Die Traurigkeit der Zombies“) spielt zwölf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils und in einer Welt, die zwar auf allen Ebenen von der Gegenwart der Untoten geprägt ist, in welcher der lebende Mensch sich jedoch behaupten konnte.

Autor

Kim Paffenroth wurde 1966 in Syosset, einem kleinen Ort nordöstlich von New York City, geboren. Er wurde in den US-Staaten New York, Virginia und New Mexico auf und studierte an mehreren Universitäten Religionswissenschaften, bevor er 1995 seinen Doktor an der University of Notre Dame in Indiana machte.

Paffenroth lebt mit seiner Familie in New York. Seit 2001 lehrt er am Iona College Department of Religious Studies, wobei er sich die Untersuchung religiöser Ideen und Ideologien spezialisiert hat.

Parallel dazu interessierte sich Paffenroth für phantastische Literatur und Horrorfilme. Seit 2006 verfasst er Sachbücher und Artikel, wobei er gern die Verbindung zwischen der universitären Lehre und der Populärkultur sucht und findet.  2007 erschien mit „Dying to Live: Vom Überleben unter Zombies“ auch ein erster Roman, der seitdem regelmäßig weitere Werke folgen.

Über sein Werk informiert Kim Paffenroth in seinem Blog.

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Im Haus der Kröte

Erstellt von Michael Drewniok am 14. Mai 2010

tierney-haus-der-kroete-tb-2008-coverRichard L. Tierney
Im Haus der Kröte

(sfbentry)
Originaltitel: The House of the Toad (Minneapolis : Fedogan & Bremer 1993)
Übersetzung: Martin Baresch
Deutsche Erstausgabe (geb.): Dezember 2004 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Bd. 2615)
270 S.
ISBN-13: 978-3-935822-75-6
Als Taschenbuch: Februar 2008 (Festa Verlag/Horror Taschenbuch Nr. 1518)
320 S.
ISBN-13: 978-3-86552-058-6

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Das geschieht:

James Kerrick ist zwar noch jung an Jahren, denkt aber trotzdem über den Ruhestand nach, denn mit seiner geistigen Gesundheit steht es nicht zum Besten; Kerrick hat Albträume, die ihn immer wieder mit der Vision eines blutigen Menschenopfers foltern. Möglicherweise hängt dies mit seinem stressigen Job zusammen: Kerrick ist ein Raubgräber, der archäologische Fundstätten plündert und seine Beute an reiche Privatsammler verkauft. Sein letzter Kunde soll der geheimnisvolle J. Cornelius Wassermann werden, der in seiner riesigen, einsam gelegenen Villa am Rande des Städtchens Riverton im ländlichen Illinois residiert. Für Wassermann hat Kerrick in Mexiko einige uralte Artefakte gestohlen und unter großen Schwierigkeiten in die USA geschmuggelt.

Der Auftraggeber ist zufrieden und möchte Kerrick gern für weitere Aufträge heuern. Dieser fühlt sich jedoch abgestoßen von dem geheimnisvollen Mann, dessen Gestalt an eine riesige Kröte erinnert. Doch Wassermann will eine Ablehnung nicht zulassen.

Kerricks Träume verschlimmern sich. Er glaubt seine Ex-Geliebte Susan als willenloses Opfer zu sehen. Plötzlich taucht Karyn, Susanns Tochter, auf. Die junge Frau stellt Nachforschungen über ihre Mutter an, die vor einem Jahr spurlos in der Nähe von Wassermanns Anwesen verschwunden ist. Über Karyn lernt Kerrick Mitglieder eines geheimen Zirkels kennen. Dieser will Wassermanns Plan durchkreuzen, der die Rückkehr Ghantas auf die Erde vorsieht. Das urzeitliche Wesen gehört zu den „Großen Alten“, die einst das Universum schufen. Die Erde dient ihnen als Weide, deren menschliches Vieh von Ghanta und dessen Brut abgeschlachtet wird. Diese Apokalypse wollen Kerricks neue Verbündete verhindern …

Alternative Horror-Weltgeschichte

Er hat es zwar zu Lebzeiten selbst angeregt, es jedoch stets als amüsantes literarisches Spiel betrachtet: Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) beanspruchte nie einen Alleinanspruch für seine größte Schöpfung, den Cthulhu-Zyklus. Zwar hat er ihn entwickelt, ihn aber nie festgeschrieben: Lovecrafts alternative Geschichte der Welt blieb stets Fragment, weil ihr kluger Erfinder sich der Tatsache bewusst war, dass allzu große Klarheit die Faszination der Saga schmälern oder sogar vernichten könnte. Stattdessen entstand aus einer Reihe lose miteinander verknüpfter Novellen und Kurzgeschichten ein Mythos: das vage Bild eines Universums, das von unfasslichen Wesenheiten erschaffen und regiert wird. In dieser unendlich fremden Welt spielen die Erde und ihre menschlichen Bewohner eine wichtige, letztlich jedoch nie geklärte Rolle.

‚Vage‘ ist ein Zustand, den vor allem die einem rationalen Denken verhafteten Zeitgenossen gar nicht schätzen. Auch Schriftsteller gehören dieser Gruppe an. Lovecrafts Cthulhu-Kosmos reizt sie – positiv, denn sie spüren den Drang, ihn durch eigene Beiträge zu erweitern, aber auch negativ, weil sie die Gelegenheit nutzen und ‚erklären‘ oder ‚ordnen‘, was nach Lovecrafts Willen höchstens zipfelhaft erfassbares Chaos bleiben sollte.

Auch Richard Tierney kann der Versuchung nicht widerstehen. Er kennt ‚seinen‘ Lovecraft, er weiß, aus welchen literarischen Quellen dieser schöpfte, und ihm sind Lovecrafts Epigonen bekannt. Wieso die Cthulhu-Saga so erfolgreich geworden ist, hat er andererseits entweder nicht verstanden, oder es war ihm egal. Tierney ist nicht der erste Autor, den der Ehrgeiz trieb, Lovecraft zu ‚korrigieren‘. „Das Haus der Kröte“ belegt, wie dies glücken und doch schiefgehen kann.

Chaos mit Methode

Beginnen wir mit dem Geglückten: Tierney hat verstanden, dass die Wiederkehr eines Gottes eines enormen logistischen Aufwands bedarf. Lovecraft hat diesen Aspekt stets ignoriert; er ließ die Anhänger der Großen Alten möglichst isoliert vom Rest der Welt schauerlichen Riten nachgehen. Dagegen stehen Ghantas Diener bei Tierney durchaus im Hier und Jetzt. Die Präparierung der Erde als gigantisches Büffet für außerirdische Ungeheuer ist ein Projekt, das nur mit viel Geld realisiert werden kann. Also haben Janus Wassermann und seine Schergen ihre Krötenfinger eng am Puls der Weltgeschichte. Sie schmieren Politiker, leiten Revolutionen ein, lenken Kriege, überschwemmen ganze Länder mit Drogen, sind immer dort zur Stelle, wo es Ordnung und Menschenrechte zu destabilisieren gilt: Die Heimat der Großen Alten ist das entropische Chaos, das hat Tierney begriffen. Nur: Ist es notwendig, diesen Aspekt so aufwändig zu erläutern? Interessiert das den Leser?

„Das Haus der Kröte“ ist wie so viele Pastiches ein Werk, das die Lovecraft-Storys als Steinbruch betrachtet, der nach Belieben geplündert werden darf. Lovecraft schrieb in einer Zeit, als sein Publikum in dieser Hinsicht weniger anspruchsvoll war. Oder war der Meister einfach souverän genug, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen? Jedenfalls fällt auf, dass Tierneys Story vor allem dort zu lahmen beginnt, wo er ausführlich über die Hintergründe des Geschehens referiert. Da nützt es ihm wenig, allerlei literarische Insiderspäßchen einzubauen, die über das Lovecraft-Universum hinausgreifen und sich bei Edgar Allan Poe, Robert W. Chambers und anderen klassischen Phantastik-Autoren bedienen.

Ich möchte es den fanatischen Fans des Meisters überlassen, die unzähligen Anspielungen oder Zitate zu enträtseln, und es bei einer persönlichen Bemerkung belassen: Die Kenntnis des Lovecraftschen Werkes und das womöglich sogar witzige Spiel mit seinen Elementen ersetzt keinesfalls einen spannenden Plot und dessen gelungene Umsetzung! Tierney misslingt es, sich die Vorlage zu Eigen und etwas Neues daraus zu machen, wie es ungleich talentierteren Schriftstellern wie Ramsey Campbell, T. E. D. Klein oder Thomas Ligotti (Tierney nennt diese Autoren übrigens selbst) gelungen ist. Daran ändert der Aufwand, mit dem der Verfasser sich müht, die Krisen dieser Welt zu einem Panorama Wassermannschen Machenschaften zu verleimen, herzlich wenig: Der Mensch der Jetztzeit weiß (hoffentlich) zu genau, dass er keiner außerirdischen Infiltration bedarf sich sein Leben zu Hölle zu machen und seinen Planeten in eine Müllhalde zu verwandeln.

Nicht zu viel erwarten, sondern einfach gruseln

„Das Haus der Kröte“ ist also keine phantastische Offenbarung. Macht man sich als Leser frei von entsprechenden Erwartungen, darf man sich auf einen flott geschriebenen, mit pulpig-vordergründigen Horroreffekten gespickten und im positiven Sinne trivialen Roman freuen. Die Figurenzeichnung ist der Story adäquat. James Kerrick ist ganz im Lovecraftschen Sinn ein Mann, der zunächst zufällig in den Bann unheiliger Umtriebe zu geraten scheint. Erst als die Handlung fortschreitet, stellt sich heraus, dass unser Held nicht ohne Grund in den Bann des Bösen geraten ist: Kerrick gehört zu einer ganzen Anzahl gleichaltriger Männer und Frauen, die bereits in ihrer Jugend sorgfältig von Wassermann so manipuliert wurden, dass sie ihm und seiner Sache als bessere Sklaven dienlich waren.

Ohne diese Vorgeschichte ist Kerrick ein reichlich unbedarfter Charakter, dessen Schicksal den Leser kalt lässt. Er trägt die Handlung, prägt sie aber nicht. Dummerweise trifft dies auf die Mehrheit der anderen Figuren ebenfalls zu. „Das Haus der Kröte“ ist kein Roman, der durch seine Protagonisten in Schwung gehalten wird. Diese spielen sämtlich nur allzu bekannte Rollen. So würde man auf den uralten Twist von der Rettung der verfolgten Schönheit nur allzu gern verzichten. Auch sonst stützt sich Tierney gern auf Klischees, lässt beispielsweise plötzlich eine Anti-Ghanta-Truppe auftreten, deren Mitglieder viel erzählen und wenig sagen.

Horror-Schurken der betont bösen Art

Ein Pluspunkt für den Verfasser: Er hat das Problem gelöst, wie sich die froschköpfigen Jünger der Großen Alten in die moderne Welt integrieren können. Lovecraft siedelte sie in streng isolierten Orten wie Innsmouth an, wo sie Fremdlinge zwar schnell vertrieben aber auch ziemlich abgeschieden für sich konspirieren mussten. Tierney betont indes die menschliche Seite der Froschmänner. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit, steigen den Menschenmädchen hinterher, kleiden sich modisch und sind auch sonst recht angepasst. Von sklavischer Gefolgschaftstreue zur Oberkröte Wassermann ist wenig zu spüren; einige Mischmenschen fragen sich sogar, ob sie die große Apokalypse, auf die sie so fleißig hinarbeiten, als Erfüllung ihrer Wünsche betrachten sollen: Sie fühlen sich inzwischen recht wohl in der Menschenwelt.

Janus Wassermann selbst ist natürlich ein Bösewicht wie er im Buche steht. Schon der Name signalisiert grell die verborgene Seite des Schurken: Janus ist der Name eines doppelgesichtigen Gottes der römischen Mythologie, der Ein- oder Ausgänge bewachte. „Wassermann“ deutet auf die aquatische Herkunft hin. Keine Ahnung, wieso ein im Geheimen operierender Schurke sich einen so sprechenden Namen wählt, aber schließlich scheint Wassermann auch sonst ein gewisser Drang zum Größenwahn innezuwohnen. Leider tritt er so theatralisch auf, dass sich der filmhistorisch kundige Leser sogleich den späten Orson Welles in seiner Rolle vorstellen kann (die heute vermutlich Anthony Hopkins übernehmen würde). Das reale Vorbild für Wassermann ist nach Tierneys eigener Auskunft übrigens der „Magicker“, Okkultist und Schriftsteller Aleister Crowley (1875-1947).

Letztlich unterstreicht die Figurenzeichnung das zur Handlung Gesagte: „Das Haus der Kröte“ ist kein schlechter Roman. Verfasser Tierney unterhält, er treibt seine Spielchen mit dem Mythos, er spart nicht mit gruseligen Effekten. Dennoch gehört sein Buch zu jenen, die gelesen und vergessen werden, fast noch bevor man die letzte Zeile gelesen hat.

Autor

Richard Louis Tierney (geb. 1936) gehört eindeutig zu den Randgestalten des phantastischen Genres. Eine gewisse Bekanntheit verdankt er einem weiterem Pastiche-Projekt: Gemeinsam mit David C. Smith verfasste Tierney eine Serie neuer Abenteuer der „Red Sonja“, jener Schwert schwingenden Amazone, die sich in den 1930er Jahren Robert E. Howard (1906-1936) einfallen ließ.

Als Lovecraft-Kenner zeigte sich Tierney in seinem Essay „The Derleth Mythos“ (1973). Hier schlüsselte er auf, wie stark sich Lovecrafts Sicht des Cthulhu-Universums unter seinem ‚Erben‘ und ‚Nachlassverwalter‘ August Derleth (1909-1971) in einen simplen Kampf zwischen Gut und Böse verwandelte. Das Erstaunliche daran ist, dass Tierney sich in „Das Haus der Kröte“ eher an Derleth als an Lovecraft hielt und seine eigene Argumentation ad absurdum führte.

[md]

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