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neuauflage

Die Mutter

Erstellt von Werner Karl am 13. August 2011

Brett McBean
Die Mutter

(sfbentry)
The Mother, Australien, 2006
Festa Verlag, Leipzig, 06/2010
PB mit einem Umschlag in Lederoptik
Thriller, Splatter
ISBN 978-3-86552-093-7
Aus dem Australischen von Doris Hummel
Titelmotiv von iStockphoto

www.festa-verlag.de
http://brettmcbean.com/
www.istockphoto.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Ich reise schon fast ein Jahr lang über den Hume. Mein Zuhause sind Motelzimmer, Autos, sogar Rastplätze, wenn die Umstände es verlangen. Ich bin schon in so vielen Autos gewesen und habe so viel Leute getroffen, dass mein Verstand ganz taub und meine Erinnerung ganz vernebelt ist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich ihn immer noch nicht gefunden habe.“

Nur noch bruchstückhaft kann sie sich an ihr früheres Leben erinnern. An das Leben mit ihrer Tochter Rebecca, die sich nach einem Streit mit ihr davongeschlichen hat, um per Anhalter nach Sydney zu reisen und dort ihren Vater zu finden. Der Mann, der sie sowieso nie geliebt und immer wieder verprügelt hatte, bis sie schließlich abgehauen ist. Seit Rebecca tot ist, findet ihr Leben auf dem Hume Highway statt, der mit einer Länge von 880 km die Metropolen Sydney nach Melbourne verbindet. Irgendwo auf diesem Highway lief Rebecca ihrem Mörder in die Arme. Das einzige Indiz für dessen Identität sind die Worte „Stirb Mutter“, die er auf dem Unterarm tätowiert hat. Ein Detail, das ihr Rebecca bei ihrem letzten Anruf noch nennen konnte. Seitdem bereist sie den Highway auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter, nicht wissend, was sie tun wird, sollte sie ihn tatsächlich finden, und nicht wissend, was sie mit der nächsten Mitfahrgelegenheit erwartet.

„Die Momente, in denen ich glaubte zu sterben, gehören zu den glücklichsten in meinem Leben. Es waren die Augenblicke danach – wenn mir klar wurde, dass ich noch immer am Leben war – die am meisten wehtaten.“ Zunächst fällt die ungewöhnliche Struktur auf, in der der Australier Brett McBean seinen Thriller umgesetzt hat. Zwar ist „Die Mutter“ zweifellos die Hauptfigur, doch erzählt ist der Roman jeweils aus Sicht der Personen, die ihren Weg kreuzen, immer wieder unterbrochen von einem Brief, der an Rebecca gerichtet ist. Damit lösen sich der zeitliche und räumliche Fluss, den es bei einem herkömmlichen Roman einzuhalten gilt, weitestgehend auf, und man kann schon fast von einem Episoden-Roman sprechen. Ein genialer Kniff, der es Brett McBean ermöglicht, eine jeweils vom Betrachter geprägte, subjektive Sicht auf „Die Mutter“ darzustellen und so in jedem Kapitel eine etwas andere Hauptfigur zu präsentieren.

Angekündigt ist „Die Mutter“ als „ultraharter Psycho-Thriller“, was für einige Episoden nicht übertrieben ist. Beispielsweise wird der Leser Zeuge, wie „die Mutter“ aufs übelste gefoltert und wie ein Mann von einer brutalen Schlägerbande zu Tode geprügelt wird. Doch die clevere Erzählstruktur lässt die Eruptionen brutaler Gewalt deutlich weniger selbstzweckhaft wirken, wie z. B. diejenigen von Autorenkollege Richard Laymon, mit dem McBean im Rückentext verglichen wird. Diese brutalen Szenen im Hinterkopf erwartet man stets einen weiteren Geisteskranken, der hinter der nächsten Ecke, respektive unter jeder Kapitelüberschrift, lauert. Doch Brett McBean besitzt die Courage oder die Weitsicht, die Erwartungshaltung des Lesers zu enttäuschen, indem er auch leise Episoden voller Wehmut in seinen Roman einflechtet („George und Martha, das Pärchen“), die allerdings nicht weniger schmerzen.

Das Taschenbuch weist den gewohnt guten Festa-Standard auf und zeigt auch nach dem Lesen keine Rückenknicke. Der Umschlag ist in sogenannter ‚Lederoptik„ gefertigt. Das Covermotiv ist zwar ein Stockfoto, jedoch ganz ähnlich der Aufmachung der Australian mass-market paperback edition und wirkt im Zusammenspiel mit dem Titellayout außerordentlich gut. Mit Brett McBean hat Frank Festa nach der einschneidenden Verlagsprogrammänderung 2010 einen der ‚neuen„ Thriller-Autoren an Bord, von denen man sicherlich noch hören wird. „Die Bestien“ ist bereits für Herbst 2011 im Festa Verlag angekündigt.

„Die Mutter“ ist ein ungewöhnlicher, fast experimenteller und intensiver Thriller eines ‚frischen„ Autoren in gewohnt guter Festa-Paperback-Ausstattung.

Copyright © 2011 Elmar Huber (EH)

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Die Kannibalen von Candyland

Erstellt von Werner Karl am 9. August 2011

Carlton Mellick III
Die Kannibalen von Candyland

(sfbentry)
The Cannibals of Candyland, USA, 2009
Festa-Verlag, 09/2010
HC bunt gebunden mit Duftcover und Lesebändchen
Bizarro Fiction, Horror
ISBN 978-3-86552-095-1
160 rosa Seiten/1680
Aus dem Amerikanischen von Michael Plogmann
Titelillustration von Ed Mironiuk

www.festa-verlag.de
http://carltonmellick.com/
www.edmironiuk.com/

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Titel erhältlich bei Booklooker.de

Franklin ist ein Sonderling. Das war er schon, bevor seine drei Geschwister von der Zuckerfrau gefressen wurden, aber anschließend wurde es noch schlimmer. Inzwischen ist er ein erwachsener Mann und besessen davon, die Existenz der Zuckermenschen zu beweisen. Denn bislang glaubte ihm niemand, dass es diese Wesen wirklich gibt. Also muss er einen Zuckermenschen fangen – besser tot als lebendig –, um der Welt zu beweisen, dass seine Geschichte von einst stimmt und dass diese Wesen eine Gefahr darstellen. Eine Gefahr für die Kinder dieser Welt. Als er den Zugang zur Welt der Zuckermenschen findet, wähnt er sich am Ziel. Aber dann kommt alles anders …

Heilige Scheiße! Dieses Buch ist ein literarischer Trip auf LSD, anders kann man es kaum beschreiben. Bestimmt war bislang kaum jemandem klar, dass man derart viele abgedrehte Ideen zu einem derart unterhaltsamen und auch spannenden Buch verquirlen kann. Ein bisschen SF, ein bisschen Horror, und der Rest Wahnwitz – das beschreibt die Zutaten wohl am besten. Und dennoch verliert sich Mellick III nicht in seinen absurden Abläufen, sondern schafft es, eine stringente Handlung mit überraschenden Wendungen zu konzipieren.

Der Leser kann dadurch in eine bizarre Welt eintauchen und sich in ihr verlieren. Zumal die Menschen jenseits der Zuckerwesen so herrlich normal, gleichzeitig aber auch überdreht sind – eben ganz wie im richtigen Leben. Hat man einen Sinn für Abstruses und Pulp, dann ist man mit diesem Buch bestens beraten. Dazu trägt der Festa Verlag auch mit der Aufmachung bei. Rosa (!) Seiten und ein Cover mit nach Süßigkeiten duftendem Aufdruck (!) findet man wahrlich nicht jeden Tag. Auch das Cover und die Farbgestaltung garantieren einen Blickfang im Bücherregal.

Hier hat sich Festa tatsächlich selbst übertroffen, denn dieses Kleinod sollte jeder Fan abgedrehter Literatur sein Eigen nennen und es nicht allzu weit vom „Anhalter“ platzieren. Fazit: Ein legaler Drogen-Trip in Wortform für alle, die solche Literatur zu schätzen wissen. Wer dem Absurden nichts abgewinnen kann, macht einen Bogen um das Buch. Genre-Fans jedenfalls sind begeistert …

Copyright © 2011 by Gunter Arentzen (GA)

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Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II

Erstellt von Michael Drewniok am 13. Februar 2011

Frank Festa (Hg.)
Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II
Horrorgeschichten

Originalausgabe
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2010 (Festa-Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Nr. 2625)
Übersetzung: Alastair/Felix Fumas (1), Felix F. Frey (1), Doris Hummel (1), Sigrid Langhaeuser (7), Michael Plogmann (1), Malte S. Sembten (1), Lore Strassl (1) Michael Weh (1)
352 S.
ISBN-13: 978-3-86562-088-3

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Inhalt

H. P. Lovecraft war nicht nur als Schriftsteller ein Meister der modernen Phantastik, sondern auch ein profunder Kenner des Genres. Diese Sammlung enthält 14 Storys berühmter, aber auch wenig bekannter oder vergessener Autoren, die Lovecraft oft mehrfach lobend erwähnte. Als roter Faden zieht sich das Motiv der elementaren und belebten Furcht durch diese manchmal literarischen, manchmal trivialen aber durchweg spannenden Geschichten:

- Frank Festa: Vorwort, S. 7

- Brief von H. P. Lovecraft an Fritz Leiber jun. (1936): S. 8-14

- H. G. Wells: Das rote Zimmer („The Red Room“, 1896), S. 15-26: In seinen Mauern geht kein böser Geist, sondern das nackte Grauen um.

- Clemence Housman: Die Werwölfin („The Were-Wolf“, 1896), S. 27-76: Eine nur scheinbar schöne Frau bringt Verderben über die Bewohner eines einsamen Hofes, bis ihr ein Mann mit reiner Seele entgegentritt.

- John Buchan: Das grüne Gnu („The Green Wildebeest“, 1927), S. 77-104: Arrogant setzt der weiße Herrenmensch das Böse frei, dem er für den kurzen Rest seines Lebens reuevoll hinterherjagt.

- Henry Ferris Arnold: Telegramm in der Nacht („The Night Wire“, 1926), S. 105-114: Durch einen bizarren Zufall empfängt die Nachtredaktion einer Zeitung furchtbare Nachrichten aus einem heimgesuchten Ort.

- Mearle Prout: Das Haus des Wurmes („The House of the Worm“, 1933), S. 115-142: Blinde Verehrung rief eine böse Macht ins Leben, die sich wie eine Seuche auszubreiten beginnt.

- M. L. Humphreys: Das obere Stockwerk („The Floor Above“, 1923), S. 143-160: Ein Hilferuf in Todesangst erreicht den alten Freund zehn Jahre zu spät aber rechtzeitig, um ihn mit den schauerlichen Folgen zu konfrontieren.

- Théophile Gautier: Der Mumienfuß („Le Pied de Momie“, 1840), S. 161-174: Dass ihr mumifizierter Fuß einem Schriftsteller als Briefbeschwerer dient, ruft in der Nacht die verärgerte Besitzerin auf den Plan.

- Arthur J. Burks: Die Glocken des Ozeans („Bells of Oceana“, 1927), S. 175-190: Auf hoher See dringen bizarre Kreaturen auf die entsetzte Besatzung eines einsamen Schiffes ein.

- Robert Louis Stevenson: Die Leichenräuber („The Body Snatchers“, 1881), S. 191-210: Sie wollen nicht auf den Tod ihrer ‚Ware‘ warten, bis eines der Opfer in einer dunklen Nacht über sie kommt.

- Arthur Machen: Die weißen Gestalten („The White People“, 1906), S. 211-260: Die junge Frau steht fasziniert mit einem Bein im Reich der Elfen und Zauberwesen, bis sie einen entscheidenden Schritt zu weit geht.

- Edward Lucas White: Lukundoo („Lukundoo“, 1927), S. 261-280: Dem Fluch der verratenen Geliebten versucht er in Afrika zu entkommen, wo er in seinem Fleisch wiedergeboren wird.

- Edgar Allan Poe: Die Auslöschung des Hauses Usher („The Fall of the House of Usher“, 1839), S. 281-304: Selbstzerstörerisch bringt Usher Verderben über sich, sein überzüchtetes Geschlecht und den Familiensitz.

- C. L. Moore: Der Kuss des Schwarzen Gottes („Black God’s Kiss“, 1934), S. 305-342: Als ihr Reich erobert wird, steigt die junge Herrscherin auf der Suche nach Rache in die Tiefen der Hölle hinab.

- Lord Dunsany: Die erschütternde Geschichte von Thangobrind, dem Juwelendieb („The Distressing Tale of Thangobrind the Jeweller“, 1911), S. 343-348: Auch für den König der Diebe kommt jener Moment der Erkenntnis, dass er nicht geschickt genug war.

Irdische Angst und kosmisches Grauen

Für den Freund der klassischen Horror-Story ist das Erscheinen eines Sammelbandes aus dem Verlag Festa stets ein Grund zur besonderen Freude. Wo sonst werden derzeit Kurzgeschichten veröffentlicht, die 50, 100 oder gar 150 Jahre alt sind? Der durch die „Urban Fantasy“ bzw. „Romantasy“ der gruselverwässerten Gegenwart verschreckte Aficionado des literarischen Grauens nimmt es dankbar zur Kenntnis. Selbst oft und anderweitig abgedruckte Storys kommen neu übersetzt und vor allem im Umfeld des gewählten Themas zu frischem Glanz.

Ein Großmeister des Genres legt persönlich die Latte vor – und zwar in eine selbst für die meisten heutigen Autoren schwindelerregende Höhe. Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) hatte dezidierte Vorstellungen über das Wesen des Schreckens und seine literarische Beschwörung. Er hat sie zentral in einem Essay („Supernatural Horror in Literature“, 1925-27, überarbeitet 1933/34; dt. „Die Literatur der Angst“) dargelegt und ist darüber hinaus in seinen Briefen immer wieder auf dieses Thema zu sprechen gekommen, wobei er in der Regel Autoren nannte, die ihm seiner Meinung nach gerecht geworden waren.

Auch „Das rote Zimmer“ wird mit einem Brief eingeleitet. Lovecraft schrieb an den jungen Nachwuchs-Schriftsteller Fritz Leiber (1910-1992), der später selbst zu einem der ganz Großen der Phantastik wurde. Es war typisch für Lovecraft, Briefanfragen sorgfältig und ausführlich zu beantworten. Glücklicherweise hat sich ein Großteil seiner enormen Korrespondenz erhalten, die deshalb immer noch Einblick in Lovecrafts Gedankenwelt ermöglicht.

Lovecraft-Schrecken ist ein handfestes Phänomen

Der Brief an Leiber spiegelt wider, was die Storys perfekt verdeutlichen: Lovecraft war kein Freund des ‚psychischen‘ Horrors, der primär in einem Menschenhirn wurzelt, das Übernatürliches – oft als Folge von Krankheit oder Seelenpein – nur vorgaukelt. Er akzeptierte ihn, aber er interessierte ihn nicht wirklich. Horror war für Lovecraft eine eigenständige Kraft, deren Manifestationen handfest über ihre Opfer kommen. Deshalb war es für Lovecraft kein Problem, die Grenzen zwischen Horror und Science Fiction verschwimmen zu lassen. Die „Großen Alten“ und ihre Schergen, die er im Cthulhu-Zyklus entfesselt, sind Kreaturen aus dem Weltall: simple Außerirdische im Grunde, doch so fremd, dass bereits ihre Anwesenheit für irdisches Grauen sorgt.

Dieses ‚reale‘ Grauen angemessen realistisch bzw. naturalistisch darzustellen, war Lovecraft eine Herausforderung, an der er sich viele Jahre und letztlich sehr erfolgreich abarbeitete. Ähnliches Gelingen suchte und fand er bei früheren und zeitgenössischen Autoren, die er neidlos bewunderte, wenn er zu dem Schluss kam, dass sie erfolgreich waren, ohne sich dabei um die Qualitätsvorgaben einer Literaturkritik zu scheren, die bereits zu seinen Lebzeiten die Phantastik primär schätzte, solange sie sich auf Andeutungen beschränkte. Ebenso gleichgültig war ihm der literarische Ruhm, der sich aus derselben Quelle speiste. Für Lovecraft galt nur der Erfolg in dem schwierigen Bemühen, des Schreckens überzeugend habhaft zu werden.

Folgerichtig stellt auch diese Festa-Sammlung einschlägiger Kurzgeschichten – die zweite seit 1999 – eine bunte Mischung ehrwürdiger Klassiker und unbekannter Pulp-Schreiber dar. Die literarische Spannbreite zwischen H. G. Wells und H. F. Arnold sind rasch auch dem Laien deutlich, aber verklammert werden die unterschiedlichen Autoren in der Tat durch Lovecrafts Manifest des Grauens. Wo er selbst keine spezielle Story nannte, wählte Herausgeber Festa ein Beispiel aus, das verdeutlicht, was Lovecraft umtrieb.

Der Schrecken hat viele Gesichter

„Kosmisch“ ist das Grauen sicher nicht, das Herbert George Wells (1866-1946) heraufbeschwört. Hier fesselt (nicht nur) Lovecraft zweifellos die Meisterschaft, mit der Wells (der 1895 mit „Die Zeitmaschine“ die Serie seiner „wissenschaftlichen“ Romanklassiker begonnen hatte, die er 1896 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ und 1898 mit „Der Krieg der Welten“ fortsetzte) die Angst als physisches Phänomen in Worte zu fassen versteht, die den Leser mit dem entsetzten Ich-Erzähler in dem berüchtigten rote Zimmer festsetzen.

Aufklärung kann der Leser von Wells ebenso wenig erwarten wie von John Buchan (1875-1940) oder Edward Lucas White (1866-1934). Wahrer Schrecken mag sich in der Realität manifestieren, enthüllt dort jedoch wenig mehr als einen schmalen Ausschnitt seiner Gesamtpräsenz. Intelligenz und Willenskraft sind offensichtlich, doch seine Motive bleiben unklar. So beschreibt Clemence Annie Housman (1861-1955) die Werwölfin seiner Story als rätselhaftes Wesen, das sich nur menschlich gibt und in dieser Tarnung besonderen Schrecken hervorruft. Ohne Deutung bleiben die Glockentöne, die Arthur J. Burks (1898-1974), ertönen lässt, während Nixen und Tang-Monster ein Schiff bedrängen. Henry Ferris Arnold (1901-1963) schildert den Untergang einer Stadt, die möglicherweise nicht einmal auf dieser Erde zu lokalisieren ist. Der Eindringlichkeit der unheimlichen Szenen, die der Leser selbst zu einem Gesamtbild zusammensetzen muss, tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil wächst mit der Ratlosigkeit die eigene Furcht.

Die Angst in ihrer Heimat

Die Existenz eines „kosmischen Schreckens“ führt unweigerlich zu der Frage, ob dieser per se bzw. nach menschlicher Definition „böse“ oder so fremd ist, dass irdische Moral hier nicht greifen kann. In diesem Punkt flüchten die Autoren sich keineswegs in politisch korrekte Schwarzweiß-Malerei. Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron of Dunsany (1878-1957), schildert das Verderben seines ohnehin unmoralischen Anti-Helden als konsequente Folge einer Entwicklung, die das Scheitern beinhaltet. Mit noch heute beindruckender Konsequenz schildert Arthur Machen (1863-1947) die Faszination, die dem Grauen innewohnen kann: Das namenlose Mädchen changiert zwischen den Welten; das Übernatürliche ist ihr nicht fremd und wirkt daher auf sie nicht erschreckend.

Doch auch Machen schließt eine Synthese aus: Als sich das Mädchen allzu weit in die Zwischenwelt vorwagt, fällt sie der dort herrschenden Realität zum Opfer. Sie hat nie wirklich verstanden, worauf sie sich einließ. Ganz anders geht Catherine Lucille Moore (1911-1987) von einer ähnlichen Prämisse aus, als sie ihre Serienheldin Jirel of Joiry buchstäblich durch die Hölle irren lässt. Jirel bleibt stets eine Fremde in dieser Unterwelt, wodurch die Moore deren erschreckende Unerklärlichkeit verstärken kann.

Die dunklen Kammern der Seele

Lovecraft schätzte wie gesagt den Schrecken nicht, der vor allem oder gar ausschließlich im Menschenhirn ausgebrütet wird. Das hielt ihn – gern verbunden mit der Ermahnung, doch besser dem ‚richtigen‘ Horror zu frönen – nicht davon ab, gelungene Beispiele für weniger kosmischen Schrecken anzuerkennen. Wie Herausgeber Festa, der jede Story kurz aber kundig einleitet, durch weitere Zitate verdeutlicht, konzentrierte sich Lovecraft dann auf jene Aspekte, die seinen Beifall fanden. In seiner Sicht ist Edgar Allan Poes (1809-1849) „Auslöschung des Hauses Usher“ nicht primär dem Wahnsinn des Hausherrn geschuldet, sondern speist sich aus einer dunklen, unbekannten Quelle, die Lovecraft in dem Teich ortet, in dem die Ushers mit ihrem Stammsitz versinken.

Deutlicher wird Lovecraft, als er Robert Louis Stevenson (1850-1894) eine „scheußliche Neigung zur Effekthascherei“ unterstellt, dann aber zugibt, dass auch der „menschliche Faktor“ seinen Stellenwert im Horror-Genre besitzt, wenn er unter gebührender Berücksichtigung der unheimlichen Atmosphäre auftritt – eine Forderung, die Stevenson mit „Die Leichenräuber“ zweifelsohne erfüllt!

M. L. Humphreys und Mearle Prout beschreiben den Schrecken sogar als primär menschliche Schöpfung. Der Wurmgott wird Realität, als man ihm huldigt, und der kranke Mann überwindet in seiner Verzweiflung Tod und Zeit. Wie bei Machen bringt die Nähe zum Unbekannten, Unmenschlichen wiederum nur Grauen und Verderben. Nur Théophile Gautier (1811-1872) kann dem nicht Rationalen eine humorvolle Seite abgewinnen.

Fantastisch in Inhalt und Form

„Das rote Zimmer“ bietet klassischen Horror in seltener Qualität. Die Übersetzungen sind akkurat, und sie belegen, dass auch eine alte Geschichte viel von ihrem Staub verlieren kann, wenn sie nah am Original neu eingedeutscht wird. Wie gewohnt ist dieser 25. Band von „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ fest und hochwertig gebunden; es macht Spaß, ihn in der Hand zu halten, darin zu blättern und natürlich ihn zu lesen, wobei das schwarze Lesebändchen hilft, den Überblick nicht zu verlieren. Neu ist der Schutzumschlag in Lederoptik, die den haptischen Schlussstrich unter das allgemeine Wohlbehagen setzt. Gibt es noch Stoff für „Lovecrafts dunkle Idole III“? Hoffentlich dauert es nicht wieder elf Jahre bis zu ihrer Wiederentdeckung!

[md]

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Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

Erstellt von Michael Drewniok am 20. September 2010

Frank Festa (Hg.)
Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Alexander Amberg (1), Andreas Diesel (1), Doris Hummel (3), Sigrid Langhaeuser (8), Sandra Pohley (3)
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Festa Verlag/Horror TB 1523)
410 S.
ISBN-13: 978-3-86552-077-7

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19 Gruselgeschichten aus 83 Jahren, davon 17 deutsche Erstveröffentlichungen: Das lange Warten auf die dritte „Necrophobia“-Sammlung hat sich gelohnt. Klassischer Horror wechselt mit modernen Schrecken, für Abwechslung ist gesorgt; Mittelmaß kommt vor, doch echte Ausfälle, verursacht durch um Jungmädchen buhlende Vampire oder deutsche ‚Nachwuchstalente‘, bleiben aus: Ein fesselnder Streifzug durch ein ungemein lebendiges Genre:

- F. Paul Wilson [*1946]: Zart wie Babyhaut („Foct“, 1991), S. 7-20: Wenn sich ihr die Chance bietet, ins modische Spitzenfeld vorzustoßen, wird für manche Frau die Frage nach der Herkunft des verarbeiteten Materials nebensächlich …

- David Case [*1937]: Unter Wölfen („Among the Wolves“, 1971), S. 21-88: In der Wildnis wurde er geprüft und für stark befunden; nun testet er ähnlich unbarmherzig seine Mitmenschen in der Stadt auf ihre Lebenstauglichkeit …

- Brett McBean [*1978]: Genie eines kranken Geistes („The Genius of a Sick Mind“, 2000), S. 89-101: Simon und Sherry geraten in die Falle eines moralfreien Psychopathen, der sie mit schauerlichen ‚Aufgaben‘ konfrontiert, deren Bestehen ihr Leben sichert – vielleicht …

- Walter de la Mare [1873-1956]: Der Spiegel („The Looking-Glass“, 1923), S. 103-115: Für die vom Leben enttäuschte Alice verschwimmen Realität und Illusion, bis schließlich die Grenze zum Jenseits fällt …

- Brian Lumley [*1937]: Fruchtkörper („Fruiting Bodies“, 1988), S. 117-152: Von einer fernen Insel geriet ein Pilz an einen einsamen Abschnitt der englischen Küste, wo er ein unheimliches Eigenleben entwickelt …

- Mary E. Counselman [1911-1995]: Die drei markierten Pennys („The Three Marked Pennies“, 1934), S. 153-163: Sie bringen Glück oder den Tod – und manchmal beides gleichzeitig …

- Frederick Cowles [1900-1949]: Das Haus der Tänzerin („The House of the Dancer“, 1938), S. 165-179: Sie war die hübscheste Frau ihrer Zeit – und eine böse Hexe, die lustvoll ihr Treiben nach dem Tod fortsetzt …

- Karl Edward Wagner [1945-1994]: Das Bildnis des Jonathan Collins („The Picture of Jonathan Collins“, 1995), S. 181-204: Eigentlich hieß Dorian Gray Jonathan Collins, und sein Bildnis war kein Gemälde, doch sonst stimmt die Geschichte …

- Simon Clark [*1958]: Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis („Limits of Darkness“, 2006), S. 205-229: Eine Schatzsuche in Afrika entwickelt sich zu einer Reise ins Herz der menschlichen Finsternis …

- Robert Bloch [1917-1994]: Das Geheimnis der Gruft („The Secret in the Tomb“, 1935), S. 231-240: Wie sein verschwundener Vater macht sich auch der Sohn auf den Weg, dem verrufenen Ahnen das Geheimnis des ewigen Lebens zu entlocken …

- Greg F. Gifune [*1963]: Vollendete Vergangenheit („Past Tense“, 2005), S. 241-258: Manche Vampire saugen Blut, andere zapfen ihren Opfern Lebenszeit ab …

- Manuel Komroff [1890-1974]: Du willst also nicht reden! („So You Won’t Talk“, 1935), S. 259-268: Ein besessener Polizist bricht ein Verhör auch beim Tod des Hauptverdächtigen nicht ab …

- Fritz Leiber [1910-1992]: Der Phantommörder („The Phantom Slayer“, 1942), S. 269-291: Das zunächst willkommene Erbe des Onkels entwickelt ein mörderisches Eigenleben …

- Chet Williamson [*1948]: Ameisen („Ants“, 1987), S. 293-297: Ein streitsüchtiger Fiesling legt sich mit den Falschen an …

- Graham Masterton [*1946]: Der Junge von Ballyhooly („The Ballyhooly Boy“, 1999), S. 299-327: Ein von seinen Schulkameraden geschurigelter Junge übt als Geist erbarmungslos Rache …

- Jeffrey Thomas [*1957]: Die Keller-Götter („The Cellar Gods“, 1999), S. 329-350: Die geliebte Frau kann ihre obskure Herkunft auf Dauer nicht unterdrücken …

- Mort Castle [*1946]: Nimm meine Hand, mein Sohn („If You Take My Hand, My Son“, 1987), S. 351-364: Daddy war ein verlogener Dreckskerl im Leben, und der Tod konnte ihn nicht ändern …

- Carlton Mellick III [*1977]: Porno im August („Porno in August“, 2002), S. 365-387: Dreharbeiten zu einem Sexfilm gehen in einen grotesken Albtraum über …

- F. Paul Wilson [*1946]: Weich („Soft“, 1984), S. 389-406: Wie lebt man mit einer Seuche, die alle Knochen zur Auflösung bringt …?

- Ein letztes Flüstern des Herausgebers, S. 407-410

Andere Zeiten, andere Schrecken?

Lange hat es gedauert bis zum Erscheinen dieses dritten Bandes der „Necrophobia“-Reihe – lange genug, um als Freund der grausigen & guten Kurzgeschichte unruhig zu werden, zumal der Festa-Verlag zwischenzeitlich in ökonomische Turbulenzen geriet. Aber der Sturm hat sich gelegt, und Verleger Frank Festa hält das Steuer wieder fest genug in der Hand, um erneut bisher unbekannt Genre-Gewässer zu befahren. Er setzt dabei nicht nur auf Romane, sondern bietet auch der Kurzgeschichte eine Nische. Nach der Lektüre von „Necrophobia III“ fragt sich der Leser umso konsternierter, wieso diese nach Ansicht der ‚großen‘ Verlagshäuser angeblich kein Publikum mehr findet, denn wie sonst kann sich der Horror bunter und palettenbreiter darstellen als in seiner kurzen Form?

Zwischen 1923 und 2006 erschienen die 19 hier gesammelten Storys. Schon die chronologische Spanne sorgt für Abwechslung, denn sowohl die Auslegung als auch die Darstellung von Furcht unterlag in diesen Jahrzehnten deutlichen Veränderungen: Walter de la Mare und Carlton Mellick III teilen zwar die metaphorische Beschäftigung mit dem Phantastischen, doch inhaltlich könnte die Kluft zwischen diesen beiden Autoren kaum größer sein.

Aber auch die Werke der zeitgleich schreibenden Autoren lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen; „Necrophobia III“ soll ja gerade die Vielfalt des Horrors belegen. Dieser ist vielschichtig („Unter Wölfen“), trivial („Das Geheimnis der Gruft“) oder beides („Der Phantommörder“), klassisch („Fruchtkörper“), einfach nur angestaubt („Das Haus der Tänzerin“), ein wenig experimentell („Nimm meine Hand, mein Sohn“), betont drastisch („Das Bildnis des Jonathan Collins“), schwarzhumorig („Ameisen“), auf den Schlussgag getrimmt („Zart wie Babyhaut“) oder bitter ernst („Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“).

Entdeckungen und Andeutungen

Die erfreuliche Bandbreite der präsentierten Storys und ihre Zahl verhindert eine Besprechung, die jeder Geschichte gerecht werden könnte. Der Leser wird sich unterschiedlich zwischen den Urteilspolen „sehr gut“ und „gefällt gar nicht“ bewegen. Der Rezensent kann deshalb an dieser Stelle nur auf hoffentlich allgemein interessierende Einzelheiten eingehen.

Mit „Fruchtkörper“ legt Brian Lumley nicht nur eine unheimliche Story, sondern auch eine Hommage an einen britischen Großmeister der Gespenstergeschichte vor. Im November 1907 veröffentlichte das „Blue Book Magazine“ William Hope Hodgsons (1877-1918) „A Voice in the Night“ (dt. „Stimme in der Nacht“), eine intensive Studie ‚biologischen‘ Grauens am Beispiel zweier Schiffbrüchiger, die auf einer Insel stranden, deren Gestade von einem monströsen Wucherpilz befallen sind, der auch auf menschlicher Haut gedeiht. Gerade in der Finalszene beschwört Lumley die daraus resultierenden Schrecken ähnlich intensiv herauf wie Hodgson. Obwohl der der moderne Autor sich in der Beschreibung der Effekte keinerlei Zurückhaltung auferlegen müsste, bleibt Lumley erfreulich zurückhaltend.

Jeffrey Thomas ergänzt das „Cthulhu“-Mosaik um ein interessantes Steinchen. Mit „Die Keller-Götter“ beweist er anschaulich, dass der Mythos, den H. P. Lovecraft (1890-1937) schuf und der bereits zu seinen Lebzeiten von faszinierten Autorenkollegen mit- und ausgestaltet wurde, durchaus gegenwartstauglich ist.

Simon Clark vergreift sich unerschrocken an einem literarischen Meisterwerk. „Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“ stellt eine Fortsetzung und Variation der Novelle „Heart of Darkness“ (1899, dt. „Herz der Finsternis“) dar, in der Joseph Conrad (1857-1924) den charakterlich schlichten Afrika-Reisenden Marlow auf den Handelsagenten Kurtz als verkörperte Ausgeburt der menschlichen Bosheit treffen und an dieser Erfahrung gleichzeitig reifen und zerbrechen lässt. Gelernt hat Marlow seine Lektion offensichtlich nicht, denn Clark lässt ihn ein zweites Mal in den Dschungel des Kongo = in die Abgründe der Seele zurückkehren, wobei die Lektion dieses Mal noch um einiges deutlicher und drastischer ausfällt.

Dies trifft erst recht auf Karl Edward Wagner zu, der mit „Das Bildnis des Jonathan Collins“ dem einzigen Roman von Oscar Wilde (1854-1900) – „The Picture of Dorian Gray“ (1890/91, dt. „Das Bildnis des Dorian Gray“) – einen Bärendienst erweist; Wagner kopiert die ursprüngliche Handlung, deren Finale deshalb von vornherein feststeht. Der Schluss kann deshalb nicht überraschen, während die quasi-pornografischen Sequenzen weder schockieren noch das Geschehen überzeugend illustrieren, sondern nur langweilen.

Horror heimlich oder aggressiv

Die in „Necrophobia III“ gesammelten Geschichten bestätigen und widerlegen gleichzeitig die vor allem von der Kritik gern geäußerte Meinung, dass die Phantastik dort am nachdrücklichsten wirkt, wo sie der Realität so dicht verhaftet bleibt, dass sich das Übernatürliche nur schemenhaft oder scheinbar manifestiert. Um diese Wirkung erzielen zu können,  bedarf es eines wirklich guten Schriftstellers. Walter de la Mare gelingt es, in „Der Spiegel“ seinen Lesern ein stetig und ständig wachsendes Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens zu vermitteln.

Während de la Mare dabei die Wirklichkeit niemals gänzlich aus den Augen verliert, gibt Carlton Mellick III in „Porno im August“ sie auf, ohne den Übergang seinem Publikum deutlich zu machen: Quasi dokumentarisch beschreibt er eine Welt, deren Gesetze den handelnden Figuren ebenso fremd bleiben wie dem Leser. Mellick verstößt vorsätzlich gegen jene zwar nicht niedergeschriebene aber von der Mehrheit der Grusel-Freunde eingeforderte Regel, nach der das  Grauen einer stringenten Handlung folgen und den Schrecken in einem gruseligen Höhepunkt kulminieren soll.

Solche regelkonformen Geschichten beinhaltet „Necrophobia“ natürlich auch. Sie können, aber sie müssen keineswegs ‚schlechter‘ sein als der ‚literarische‘ Horror. Während Frederick Cowles, ein noch sehr jugendlicher Robert Bloch oder Manuel Komroff an den vordergründigen Grusel der „Pulp“-Ära erinnern, verbinden Mary E. Counselman, Fritz Leiber, Mort Castle, Graham Masterton oder F. Paul Wilson (vor allem in „Weich“) den plakativen Horror mit dem Schrecken, den er dem Menschen beschert – ein Schrecken, der über einen blutreichen Tod hinausgeht. David Case treibt diese Kombination auf die Spitze. Brett McBean produziert dagegen nur heiße Luft.

Das gesammelte Grauen kommt auch dieses Mal ohne deutsche Beiträge aus – oder muss ohne sie auskommen, da sie die strengen Qualitätsvorgaben des Herausgebers nicht erfüllen konnten. (Ob ein Chet Williamson allerdings eine Alternative ist …) Sie gedeihen anderenorts prächtig, sodass man sie hier nicht vermisst. Als Buch bietet „Necrophobia III“ nicht nur inhaltlich Lektüre-Vergnügen. Die Storys sind gut übersetzt, das gedruckte Werk ist zwar ein Taschenbuch, liegt aber trotzdem schwer und sauber gebunden in der Hand, und das Cover entstammt keinem Bildstock, sondern ist gezeichnet und wurde passend zum morbiden Inhalt ausgesucht. Solche Details weiß der Leser zu schätzen, und er merkt sich, wo seine Ansprüche befriedigt werden!

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Dying to Live: Vom Überleben unter Zombies

Erstellt von Michael Drewniok am 5. Juli 2010

Kim Paffenroth
paffenroth-dying1Dying to Live 1: Vom Überleben unter Zombies

Originaltitel: Dying to Live: A Novel of Life Among the Undead (Mena/Arkansas :  Permuted Press 2007)
Übersetzung: Doris Hummel
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Festa Verlag/Horror TB 1526)
255 S.
ISBN-13: 978-3-86552-091-3

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Das geschieht:

Vor einem Jahr brach eine Seuche aus, die Menschen zu Zombies werden ließ. Die Untoten breiteten sich in rasender Geschwindigkeit über die ganze Erde aus, weil sie in immer größerer Zahl über die Lebenden herfielen, sie fraßen und in Ihresgleichen verwandelten. Sämtliche Eindämmungsversuche scheiterten, die Zivilisation brach zusammen.

Die wenigen Menschen, die der Epidemie bisher entkamen, führen wie Jonah Caine ein Leben in ständiger Angst und auf der Flucht. Die Untoten sind überall, sie haben keine Angst, kennen keine Erschöpfung oder Müdigkeit, nur Hunger. Caine hat das unstete und einsame Leben abseits der zu Todesfallen gewordenen Städte satt. Als er auf der Suche nach Lebensmitteln trotzdem wieder einmal eine Geisterstadt betritt, entkommt er nur, weil ihn Überlebende heraushauen.

Ehemalige Soldaten und versprengte Bürger haben sich in einer von Mauern umgebenen und zusätzlich gesicherten Museumsanlage verbarrikadiert und organisiert. So halten sie den auf sie eindrängenden Untoten stand. Dabei stützen sie sich stark auf die Hilfe des ehemaligen Forschers Milton, der den Biss eines Zombies überlebte und seitdem nicht nur immun gegen ihr Gift ist, sondern auch von ihnen ignoriert und sogar gemieden wird.

Caine schließt sich der Gruppe an. Er findet eine neue Lebensgefährtin, und er ist es, der bei einem Außeneinsatz auf dem Dach des städtischen Krankenhauses einen funktionstüchtigen Hubschrauber entdeckt. Dieser würde den Aktionsradius der Gruppe, zu deren Mitgliedern eine Pilotin zählt, enorm steigern, doch um das Fluggerät zu erreichen, muss sich ein Kampftrupp durch ein wahres Heer von Zombies schlagen. Dabei werden Caine und einige Gefährten versprengt und geraten in die Gewalt von Ex-Sträflingen, die in ihrem gut gesicherten Gefängnis ein Terrorregiment installiert haben …

Sie kamen, bissen & faulten

Der Zombie: Eine untote Karikatur des lebenden Menschen, dem er nur noch entfernt ähnelt. Eigentlich ist er hirntot, fußlahm und planlos, aber leider ist er gleichzeitig nimmermüde, hartnäckig und vor allem in der Überzahl. Man kann den Untoten zwar ausweichen, doch wohin man auch geht, es warten nur weitere hungrige Zombies.

Bevor der Begriff „Pandemie“ an die breite Öffentlichkeit gelangte, vermittelten die lebenden Toten einen Eindruck davon, was eine weltweite Seuche anrichten könnte. Der Mensch ist auch Jahrzehnte, nachdem George A. Romero die Untoten zurückkehren ließ, auf eine Katastrophe, die alle Grenzen möglicher Präventionen sprengt, nicht vorbereitet. Deshalb stehen im Zombie-Genre überlebende Menschen immer in der Minderzahl gegen ein Heer von Untoten, die sich mit den bekannten und bewährten Methoden nicht kontrollieren lassen.

Am Zombie erschrecken sein Aussehen und seine Kommunikationsunfähigkeit. Ist der Mensch tot, wird er zwar betrauert aber auch auf den Friedhof verbannt: Aus den Augen und aus dem Sinn gerät, was sich im Kreislauf der Natur in ein hässlich anzusehendes und noch schlimmer riechendes Zerrbild des lebendigen Menschen verwandelt. Hinzu kommt die Schweigsamkeit einer Kreatur, mit der man nicht diskutieren und einen Frieden aushandeln kann. Der Zombie verkörpert die pure Zerstörung. Kein Wunder, dass er immer wieder als Sinnbild der biblischen Apokalypse beschworen wird.

Wenn gerade keine Schädel bersten

Das Bild der Toten, die sich in Massen aus ihren Gräbern erheben, besitzt für christlich orientierte Zeitgenossen besondere Symbolkraft. „Die Toten aber wissen nichts …, denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit”, heißt es in der Bibel (Prediger 9,5.10). Der Apostel Paulus fügt hinzu: „Was ich damit sagen will, liebe Brüder, ist, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können“ (1. Korinther 15,44. 49-50). Wenn dereinst die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallen, kehren die Toten zwar zurück (Offenbarung 20). Dann sind es allerdings keine Zombies, die aus den Gräbern gerufen werden, sondern „unverwesliche“ und „geistige Körper“.

Wer sich wundert, was solche theologischen Reminiszenzen in der Rezension eines Horroromans verloren haben, sei darauf hingewiesen, dass Autor Kim Paffenroth in seinem ‚richtigen‘ Beruf als Professor für Religionswissenschaften lehrt. Er kennt die christlichen Mythen und beschäftigt sich auch in seinen Romanen mit ihnen. „Dying to Live“ bildet keine Ausnahme. Vor allem im Mittelteil werden dem Leser lange Passagen auffallen, in denen Jonah Caine – dessen Namen bereits zweifach auf die Bibel (Jonas bzw. Kain) verweist – und Milton (der wiederum an John Milton erinnert, dessen Versepos „Paradise Lost“ 1665 das Ringen zwischen den Mächten des Himmels und der Hölle beschreibt) über einen möglichen Sinn der Zombie-Plage diskutieren.

Später schildert Paffenroth den verrohten Mikrokosmos eines in die Barbarei zurückgefallenen Gefängnisses. Hier stützt sich der Autor zusätzlich auf eigene Forschungen zum Werk des antiken Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus (354-430), der sich viele Gedanken über das Böse im Menschen gemacht und diese niedergeschrieben hat. Zusätzlich greift Paffenroth auf William Shakespeare und Herman Melville („Moby Dick“) zurück, wenn es darum geht, die Bestie Mensch gebührend schauerlich darzustellen.

Zurück zu den Anfängen

Diese philosophischen Erörterungen kann der Leser entweder als Mehrwert betrachten oder muss sie ertragen. Glücklicherweise stellt Paffenroth den genannten Geistesgrößen den Schöpfer des modernen Zombieversums an die Seite: In einem Nachwort bezieht er sich ausdrücklich auf George A. Romero, der zum Thema alles Grundsätzliche gesagt habe. Dem stimmen wir zu, wobei wir nur „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) und „Day of the Dead“ (1985) gelten lassen und über „Diary of the Dead“ (2007) und „Survival of the Dead“ (2010) den Mantel gnädiger Vergessenheit breiten.

Folgerichtig ist auch Paffenroth nichts wirklich Neues eingefallen. „Dying to Live“ fällt gegenüber anderen Zombie-Geschichten immerhin durch formale Qualitäten auf, die das Genre allzu oft vermissen lässt. Der Zerfall der wandelnden Leichen scheint zumindest auf die Hirne jener Autoren überzugreifen, die sich den Untoten in Serien widmen. Brian Keene, David Wellington oder Jonathan Maberry haben es mit ihren simpel gestrickten Krawall-und-Ekel-Spektakeln inzwischen auch nach Deutschland geschafft.

Paffenroth beherrscht den groben Quast ebenso wie den Feinhaarpinsel. „Dying to Live“ bietet spannende, gewaltvolle und splatterreiche Massenszenen, neben denen gut ‚beobachtete‘ und beschriebene Miniatur-Dramen für feiner ziselierten Schrecken sorgen. Das erste Kapitel stellt einen gelungenen Einstieg und ein gutes Beispiel dar: Statt über viele Seiten und in allen Details zu beschreiben, wie die Welt zum Zombieland degenerierte, schildert Paffenroth Caines Kampf mit einem Zombie als ganz alltägliches Geschehen.

Das Leben ist zäh

„Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“: Dieses alte Sprichwort beschreibt ein grundlegendes Element des Zombie-Horrors. In der Allgegenwärtigkeit des Todes scheint der Mensch den endgültigen Untergang höchstens verzögern zu können. Doch so dramatisch diese Hoffnungslosigkeit auch dargestellt wird: Irgendwann wird deutlich, dass sich das Leben seinen Weg bahnen wird. 99,9% der Menschheit mögen tot über die Erde wandern; die wenigen Überlebenden haben sich auf die Situation eingestellt. Sie werden sich vermehren und in einer Welt der Zombies den Neuanfang wagen.

Auch Kim Paffenroth mochte sich dieser tröstlichen Entwicklung nicht verschließen. „Dying to Life: Life Sentence“ (dt. 2011 als „Die Traurigkeit der Zombies“) spielt zwölf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils und in einer Welt, die zwar auf allen Ebenen von der Gegenwart der Untoten geprägt ist, in welcher der lebende Mensch sich jedoch behaupten konnte.

Autor

Kim Paffenroth wurde 1966 in Syosset, einem kleinen Ort nordöstlich von New York City, geboren. Er wurde in den US-Staaten New York, Virginia und New Mexico auf und studierte an mehreren Universitäten Religionswissenschaften, bevor er 1995 seinen Doktor an der University of Notre Dame in Indiana machte.

Paffenroth lebt mit seiner Familie in New York. Seit 2001 lehrt er am Iona College Department of Religious Studies, wobei er sich die Untersuchung religiöser Ideen und Ideologien spezialisiert hat.

Parallel dazu interessierte sich Paffenroth für phantastische Literatur und Horrorfilme. Seit 2006 verfasst er Sachbücher und Artikel, wobei er gern die Verbindung zwischen der universitären Lehre und der Populärkultur sucht und findet.  2007 erschien mit „Dying to Live: Vom Überleben unter Zombies“ auch ein erster Roman, der seitdem regelmäßig weitere Werke folgen.

Über sein Werk informiert Kim Paffenroth in seinem Blog.

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Im Haus der Kröte

Erstellt von Michael Drewniok am 14. Mai 2010

tierney-haus-der-kroete-tb-2008-coverRichard L. Tierney
Im Haus der Kröte

(sfbentry)
Originaltitel: The House of the Toad (Minneapolis : Fedogan & Bremer 1993)
Übersetzung: Martin Baresch
Deutsche Erstausgabe (geb.): Dezember 2004 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Bd. 2615)
270 S.
ISBN-13: 978-3-935822-75-6
Als Taschenbuch: Februar 2008 (Festa Verlag/Horror Taschenbuch Nr. 1518)
320 S.
ISBN-13: 978-3-86552-058-6

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Das geschieht:

James Kerrick ist zwar noch jung an Jahren, denkt aber trotzdem über den Ruhestand nach, denn mit seiner geistigen Gesundheit steht es nicht zum Besten; Kerrick hat Albträume, die ihn immer wieder mit der Vision eines blutigen Menschenopfers foltern. Möglicherweise hängt dies mit seinem stressigen Job zusammen: Kerrick ist ein Raubgräber, der archäologische Fundstätten plündert und seine Beute an reiche Privatsammler verkauft. Sein letzter Kunde soll der geheimnisvolle J. Cornelius Wassermann werden, der in seiner riesigen, einsam gelegenen Villa am Rande des Städtchens Riverton im ländlichen Illinois residiert. Für Wassermann hat Kerrick in Mexiko einige uralte Artefakte gestohlen und unter großen Schwierigkeiten in die USA geschmuggelt.

Der Auftraggeber ist zufrieden und möchte Kerrick gern für weitere Aufträge heuern. Dieser fühlt sich jedoch abgestoßen von dem geheimnisvollen Mann, dessen Gestalt an eine riesige Kröte erinnert. Doch Wassermann will eine Ablehnung nicht zulassen.

Kerricks Träume verschlimmern sich. Er glaubt seine Ex-Geliebte Susan als willenloses Opfer zu sehen. Plötzlich taucht Karyn, Susanns Tochter, auf. Die junge Frau stellt Nachforschungen über ihre Mutter an, die vor einem Jahr spurlos in der Nähe von Wassermanns Anwesen verschwunden ist. Über Karyn lernt Kerrick Mitglieder eines geheimen Zirkels kennen. Dieser will Wassermanns Plan durchkreuzen, der die Rückkehr Ghantas auf die Erde vorsieht. Das urzeitliche Wesen gehört zu den „Großen Alten“, die einst das Universum schufen. Die Erde dient ihnen als Weide, deren menschliches Vieh von Ghanta und dessen Brut abgeschlachtet wird. Diese Apokalypse wollen Kerricks neue Verbündete verhindern …

Alternative Horror-Weltgeschichte

Er hat es zwar zu Lebzeiten selbst angeregt, es jedoch stets als amüsantes literarisches Spiel betrachtet: Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) beanspruchte nie einen Alleinanspruch für seine größte Schöpfung, den Cthulhu-Zyklus. Zwar hat er ihn entwickelt, ihn aber nie festgeschrieben: Lovecrafts alternative Geschichte der Welt blieb stets Fragment, weil ihr kluger Erfinder sich der Tatsache bewusst war, dass allzu große Klarheit die Faszination der Saga schmälern oder sogar vernichten könnte. Stattdessen entstand aus einer Reihe lose miteinander verknüpfter Novellen und Kurzgeschichten ein Mythos: das vage Bild eines Universums, das von unfasslichen Wesenheiten erschaffen und regiert wird. In dieser unendlich fremden Welt spielen die Erde und ihre menschlichen Bewohner eine wichtige, letztlich jedoch nie geklärte Rolle.

‚Vage‘ ist ein Zustand, den vor allem die einem rationalen Denken verhafteten Zeitgenossen gar nicht schätzen. Auch Schriftsteller gehören dieser Gruppe an. Lovecrafts Cthulhu-Kosmos reizt sie – positiv, denn sie spüren den Drang, ihn durch eigene Beiträge zu erweitern, aber auch negativ, weil sie die Gelegenheit nutzen und ‚erklären‘ oder ‚ordnen‘, was nach Lovecrafts Willen höchstens zipfelhaft erfassbares Chaos bleiben sollte.

Auch Richard Tierney kann der Versuchung nicht widerstehen. Er kennt ‚seinen‘ Lovecraft, er weiß, aus welchen literarischen Quellen dieser schöpfte, und ihm sind Lovecrafts Epigonen bekannt. Wieso die Cthulhu-Saga so erfolgreich geworden ist, hat er andererseits entweder nicht verstanden, oder es war ihm egal. Tierney ist nicht der erste Autor, den der Ehrgeiz trieb, Lovecraft zu ‚korrigieren‘. „Das Haus der Kröte“ belegt, wie dies glücken und doch schiefgehen kann.

Chaos mit Methode

Beginnen wir mit dem Geglückten: Tierney hat verstanden, dass die Wiederkehr eines Gottes eines enormen logistischen Aufwands bedarf. Lovecraft hat diesen Aspekt stets ignoriert; er ließ die Anhänger der Großen Alten möglichst isoliert vom Rest der Welt schauerlichen Riten nachgehen. Dagegen stehen Ghantas Diener bei Tierney durchaus im Hier und Jetzt. Die Präparierung der Erde als gigantisches Büffet für außerirdische Ungeheuer ist ein Projekt, das nur mit viel Geld realisiert werden kann. Also haben Janus Wassermann und seine Schergen ihre Krötenfinger eng am Puls der Weltgeschichte. Sie schmieren Politiker, leiten Revolutionen ein, lenken Kriege, überschwemmen ganze Länder mit Drogen, sind immer dort zur Stelle, wo es Ordnung und Menschenrechte zu destabilisieren gilt: Die Heimat der Großen Alten ist das entropische Chaos, das hat Tierney begriffen. Nur: Ist es notwendig, diesen Aspekt so aufwändig zu erläutern? Interessiert das den Leser?

„Das Haus der Kröte“ ist wie so viele Pastiches ein Werk, das die Lovecraft-Storys als Steinbruch betrachtet, der nach Belieben geplündert werden darf. Lovecraft schrieb in einer Zeit, als sein Publikum in dieser Hinsicht weniger anspruchsvoll war. Oder war der Meister einfach souverän genug, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen? Jedenfalls fällt auf, dass Tierneys Story vor allem dort zu lahmen beginnt, wo er ausführlich über die Hintergründe des Geschehens referiert. Da nützt es ihm wenig, allerlei literarische Insiderspäßchen einzubauen, die über das Lovecraft-Universum hinausgreifen und sich bei Edgar Allan Poe, Robert W. Chambers und anderen klassischen Phantastik-Autoren bedienen.

Ich möchte es den fanatischen Fans des Meisters überlassen, die unzähligen Anspielungen oder Zitate zu enträtseln, und es bei einer persönlichen Bemerkung belassen: Die Kenntnis des Lovecraftschen Werkes und das womöglich sogar witzige Spiel mit seinen Elementen ersetzt keinesfalls einen spannenden Plot und dessen gelungene Umsetzung! Tierney misslingt es, sich die Vorlage zu Eigen und etwas Neues daraus zu machen, wie es ungleich talentierteren Schriftstellern wie Ramsey Campbell, T. E. D. Klein oder Thomas Ligotti (Tierney nennt diese Autoren übrigens selbst) gelungen ist. Daran ändert der Aufwand, mit dem der Verfasser sich müht, die Krisen dieser Welt zu einem Panorama Wassermannschen Machenschaften zu verleimen, herzlich wenig: Der Mensch der Jetztzeit weiß (hoffentlich) zu genau, dass er keiner außerirdischen Infiltration bedarf sich sein Leben zu Hölle zu machen und seinen Planeten in eine Müllhalde zu verwandeln.

Nicht zu viel erwarten, sondern einfach gruseln

„Das Haus der Kröte“ ist also keine phantastische Offenbarung. Macht man sich als Leser frei von entsprechenden Erwartungen, darf man sich auf einen flott geschriebenen, mit pulpig-vordergründigen Horroreffekten gespickten und im positiven Sinne trivialen Roman freuen. Die Figurenzeichnung ist der Story adäquat. James Kerrick ist ganz im Lovecraftschen Sinn ein Mann, der zunächst zufällig in den Bann unheiliger Umtriebe zu geraten scheint. Erst als die Handlung fortschreitet, stellt sich heraus, dass unser Held nicht ohne Grund in den Bann des Bösen geraten ist: Kerrick gehört zu einer ganzen Anzahl gleichaltriger Männer und Frauen, die bereits in ihrer Jugend sorgfältig von Wassermann so manipuliert wurden, dass sie ihm und seiner Sache als bessere Sklaven dienlich waren.

Ohne diese Vorgeschichte ist Kerrick ein reichlich unbedarfter Charakter, dessen Schicksal den Leser kalt lässt. Er trägt die Handlung, prägt sie aber nicht. Dummerweise trifft dies auf die Mehrheit der anderen Figuren ebenfalls zu. „Das Haus der Kröte“ ist kein Roman, der durch seine Protagonisten in Schwung gehalten wird. Diese spielen sämtlich nur allzu bekannte Rollen. So würde man auf den uralten Twist von der Rettung der verfolgten Schönheit nur allzu gern verzichten. Auch sonst stützt sich Tierney gern auf Klischees, lässt beispielsweise plötzlich eine Anti-Ghanta-Truppe auftreten, deren Mitglieder viel erzählen und wenig sagen.

Horror-Schurken der betont bösen Art

Ein Pluspunkt für den Verfasser: Er hat das Problem gelöst, wie sich die froschköpfigen Jünger der Großen Alten in die moderne Welt integrieren können. Lovecraft siedelte sie in streng isolierten Orten wie Innsmouth an, wo sie Fremdlinge zwar schnell vertrieben aber auch ziemlich abgeschieden für sich konspirieren mussten. Tierney betont indes die menschliche Seite der Froschmänner. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit, steigen den Menschenmädchen hinterher, kleiden sich modisch und sind auch sonst recht angepasst. Von sklavischer Gefolgschaftstreue zur Oberkröte Wassermann ist wenig zu spüren; einige Mischmenschen fragen sich sogar, ob sie die große Apokalypse, auf die sie so fleißig hinarbeiten, als Erfüllung ihrer Wünsche betrachten sollen: Sie fühlen sich inzwischen recht wohl in der Menschenwelt.

Janus Wassermann selbst ist natürlich ein Bösewicht wie er im Buche steht. Schon der Name signalisiert grell die verborgene Seite des Schurken: Janus ist der Name eines doppelgesichtigen Gottes der römischen Mythologie, der Ein- oder Ausgänge bewachte. „Wassermann“ deutet auf die aquatische Herkunft hin. Keine Ahnung, wieso ein im Geheimen operierender Schurke sich einen so sprechenden Namen wählt, aber schließlich scheint Wassermann auch sonst ein gewisser Drang zum Größenwahn innezuwohnen. Leider tritt er so theatralisch auf, dass sich der filmhistorisch kundige Leser sogleich den späten Orson Welles in seiner Rolle vorstellen kann (die heute vermutlich Anthony Hopkins übernehmen würde). Das reale Vorbild für Wassermann ist nach Tierneys eigener Auskunft übrigens der „Magicker“, Okkultist und Schriftsteller Aleister Crowley (1875-1947).

Letztlich unterstreicht die Figurenzeichnung das zur Handlung Gesagte: „Das Haus der Kröte“ ist kein schlechter Roman. Verfasser Tierney unterhält, er treibt seine Spielchen mit dem Mythos, er spart nicht mit gruseligen Effekten. Dennoch gehört sein Buch zu jenen, die gelesen und vergessen werden, fast noch bevor man die letzte Zeile gelesen hat.

Autor

Richard Louis Tierney (geb. 1936) gehört eindeutig zu den Randgestalten des phantastischen Genres. Eine gewisse Bekanntheit verdankt er einem weiterem Pastiche-Projekt: Gemeinsam mit David C. Smith verfasste Tierney eine Serie neuer Abenteuer der „Red Sonja“, jener Schwert schwingenden Amazone, die sich in den 1930er Jahren Robert E. Howard (1906-1936) einfallen ließ.

Als Lovecraft-Kenner zeigte sich Tierney in seinem Essay „The Derleth Mythos“ (1973). Hier schlüsselte er auf, wie stark sich Lovecrafts Sicht des Cthulhu-Universums unter seinem ‚Erben‘ und ‚Nachlassverwalter‘ August Derleth (1909-1971) in einen simplen Kampf zwischen Gut und Böse verwandelte. Das Erstaunliche daran ist, dass Tierney sich in „Das Haus der Kröte“ eher an Derleth als an Lovecraft hielt und seine eigene Argumentation ad absurdum führte.

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Das schleichende Chaos

Erstellt von Michael Drewniok am 27. April 2010

lovecraft-chaos-coverHoward Phillips Lovecraft
Das schleichende Chaos

(sfbentry)
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2006 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Nr. 2619)
288 S.
ISBN: 978-3-86552-056-2

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Das geschieht:

Diese Sammlung präsentiert zwölf Storys des Genre-Großmeisters H. P. Lovecraft (1890-1937).

- Der Baum (“The Tree”, 1921), S. 7-12: Im klassischen Griechenland muss ein neidischer Bildhauer erleben, dass der Mord an einem Konkurrenten nicht ungesühnt bleibt, weil dieser Umgang mit den Göttern pflegte …

- Hypnos (“Hypnos”, 1923), S. 13-22: Neugier kann tödlich enden, wenn jenseits von Zeit und Raum jemanden gibt, der sich nicht mehr abschütteln lässt, wird er auf dich aufmerksam …

- Iranons Suche (“The Quest of Iranon”, 1935), S. 23-32: Viele Jahre verbringt ein Sänger auf der Suche nach seiner verlorenen Heimatstadt, bis ihm der Zufall eine bittere Lebenslüge offenbart …

- Polaris (“Polaris”, 1920), S. 33-38: Das Licht eines Sterns führt den Träumer zurück in ein früheres Lebens, als die Menschen einer versunkenen Hochkultur Krieg gegen dämonische Gegner führten …

- In der Gruft (“In the Vault”, 1920), S. 39-50: Ein hartgesottener Totengräber muss lernen, dass es Zeitgenossen gibt, die sogar nach dem Tod ihnen angetanes Unrecht rächen …

- Das Bild im Haus (“The Picture in the House”, 1919), S. 51-62: Reisen bilden – oder sie führen dich in das Haus eines hungrigen Irren, der gerade nach einem neuen Opfer Ausschau hält …

- Jäger der Finsternis (“The Haunter of the Dark”, 1936), S. 63-94: In der Turmspitze einer verfluchten Kirche lauert das Böse, bis ein allzu neugieriger Forscher es aus seinem Schlupfwinkel lockt …

- Das Verderben, das über Sarnath kam (“The Doom that Came to Sarnath”, 1920), S. 95-104 : Menschen aus einer der Forschung unbekannten Vorzeit triumphieren nach ihrem grausamen Krieg gegen schneckenhafte Nachbarn zu früh …

- Die anderen Götter (“The Other Gods”, 1933), S. 105-112: Ein kluger aber allzu eingebildeter Mann spioniert den Göttern hinterher, die diesen Frevel auf gänzlich ungeahnte Weise zu strafen wissen …

Die Musik des Erich Zann (“The Music of Erich Zann”, 1922), S. 113-124: Der alte Mann weiß eine Melodie zu spielen, die nicht die Toten, sondern auch Kreaturen aus einer fremden Dimension weckt und in unsere Welt bringt …

- Träume im Hexenhaus (“The Dreams in the Witch House”, 1933), S. 125-174: Eine vor Jahrhunderten hingerichtete Hexe kann sich auf ihr physikalisches Wissen und teuflische Hilfe verlassen, als sie zurückkehrt und ihr grausiges Zauberwerk fortsetzt …

- Der Schatten aus der Zeit (“The Shadows Out of Time”, 1936), S. 175-265: Ein Wissenschaftler wird von bizarren Visionen einer Reise in die ferne Vergangenheit der Erde geplagt, die sich als sehr real herausstellen …

- Dorothy C. Walter: Drei Stunden mit H. P. Lovecraft (S. 266-279)

- R. H. Barlow: Notizen zu Lovecraft (S. 280-285)

Einige Erläuterungen zu dieser Sammlung

Elf kurze Geschichten und eine Novelle machen die literarische Entwicklung nachvollziehbar, die Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) zu einem der wichtigsten Autoren der modernen Phantastik werden ließ. Der Weg war lang und reich an Sackgassen, denn Lovecraft betrat die Szene nicht als Großmeister, der heute gefeiert und verehrt wird.

Um diese Sammlung diverser Lovecraft-Geschichten besser einordnen zu können, bedarf es einiger Hintergrundinformationen, die dieser Buchausgabe leider fehlen. Dies stört sicherlich die meisten Leser nicht, weil die präsentierten Geschichten für sich stehen und glänzend unterhalten können. Doch selbst dem Laien wird dabei auffallen, dass der Lovecraft-Horror anders ist. Dieser Mann nahm seinen Job sehr ernst, obwohl er dies stets herunterspielte. Angst war für Lovecraft ein Phänomen, das ihn Zeit seines Lebens beschäftigte. Er arbeitete hart daran sie zu beschwören bzw. in Worte zu fassen.

Dem ordnete Lovecraft die Handlung konsequent unter. Action wird mancher Leser vermissen. Sie interessierte Lovecraft ebenso wenig wie eine sorgfältige Figurenzeichnung. Seltsam unpersönlich wirken seine Protagonisten; sie können kaum Sympathien erwecken, denn sie lassen außer Neugier und Furcht keine tieferen Emotionen erkennen. So lässt ihr meist schauerliches Ende den Leser eher kalt.

Keine Konzessionen an den Massengeschmack

Die Storys des jungen Lovecraft wirken in dieser Hinsicht besonders unzugänglich. “Der Baum”, “Iranons Suche”, “Polaris”, “Das Verderben, das über Sarnath kam” sowie “Die anderen Götter” spielen in imaginären Traumwelten, die man als literarische Interpretationen historischer Realitäten bezeichnen könnte. Lovecraft sah sich als Fremdling in einer Gegenwart, deren Alltag ihn überforderte. Er träumte sich in vergangene, angeblich bessere Zeiten zurück. “Der Baum” stammt aus einer Phase, in der er das klassische Griechenland favorisierte; später dominierte seine Liebe zur neuenglischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.

“Iranons Suche”, “Polaris” und “Das Verderben, das über Sarnath kam” und “Die anderen Götter” zeugen von Lovecrafts Drang, wie Clark Ashton Smith, Lord Dunsany, Arthur Machen und andere zeitgenössische Autoren eigene (Traum-) Welten zu erschaffen. Diese Storys stehen der Fantasy nahe, wobei sich ihre Verfasser von den Geschichten aus 1001 Nacht, den europäischen Sagen und den Legenden der Antike inspirieren ließen. Lovecraft leistet auch hier Beachtliches, doch ist ihm die Form mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, was seine phantastischen Kunstmärchen recht manieriert und altmodisch wirken lässt.

“Polaris”, “Das Verderben, das über Sarnath kam” und “Die anderen Götter” zeigen allerdings einen Lovecraft, der bereits über sein grandioses Konzept eines Universums nachdenkt, das zwar auf der Basis von Naturgesetzen, doch unter Beteiligung unfassbar fremder Wesenheiten – aus Menschensicht bösartiger Götter – entstand und existiert. Bis zu seinem Tod verfeinerte er seine alternative Weltchronik, die als Cthulhu-Mythos legendär wurde.

Die Schrecken werden konkreter

In “Die Musik des Erich Zann” treten diese Geschöpfe in der Gegenwart (des 20. Jahrhunderts) auf. Erst dieser Schritt lässt sie quasi real werden, denn sie wüten nun in einer Welt, die dem Leser vertraut ist. Meisterhaft setzt Lovecraft immer wieder in Szene, wie neugierige Forscher auf die rudimentären Spuren dieser Kreaturen stoßen und mehr in Erfahrung bringen, als sie verkraften können. Kommen sie mit dem Leben davon, verlieren sie im Augenblick der Wahrheit – der Begegnung mit dem “schleichenden Chaos” – Bewusstsein und Gedächtnis; oft finden sie einen grässlichen Tod, doch auf jeden Fall bleibt das Rätsel gewahrt. “Jäger der Finsternis” ist eine Story des “reifen” Lovecraft, der hier mit sämtlichen Elemente seiner Kosmologie arbeitet.

In “Träume im Hexenhaus”, einer der besten und berühmtesten Lovecraft-Storys, scheint der Verfasser zunächst klassische Gestalten des Horrorgenres zu beleben: die böse Hexe, ihren Helfer-Dämonen, den Teufel. Doch Lovecraft geht gleich mehrere Schritte weiter. In den 1930er Jahren hat er den reinen Horror längst zu seiner ganz persönlichen Version der Science Fiction entwickelt. Der naturwissenschaftlich und astronomisch außerordentlich interessierte Schriftsteller verfolgte die zeitgenössischen Forschungen aufmerksam. Die Relativitätstheorie Einsteins – die er in “Der Schatten aus der Zeit” explizit anspricht – schien sein Bild einer Mehrdimensionalität der Welt zu stützen, in deren Falten Lovekraft das Unsagbare nistet ließ. Die Hexe Kezia Mason entfloh ihrer Zelle nicht per Zauberspruch, sondern aufgrund physikalischer Kenntnisse: Sie schuf sich ein Portal, das Lovecraft so eindeutig beschreibt, dass es der heutige Leser sofort als Wurmloch erkennt. Wer hätte das in einer simplen Gruselstory erwartet?

Erzählerische Vollendung und unerwartete Seitentriebe

Lovecraft ist jedoch selten simpel. Auch in “Der Schatten aus der Zeit” zeigt er sich auf der Höhe seines Könnens. Seinen Götter-Kosmos hat er fest im Griff, so dass er daran gehen kann, diverse Fassetten zu beleuchten. In einem seiner seltenen Kurzromane entfaltet er kein Panorama der unbekannten Erdgeschichte, sondern beschränkt sich wie üblich auf Andeutungen: Anders als viele seiner Epigonen beging Lovecraft nie den Fehler, allzu viel zu erklären, zu verraten und dadurch zu entzaubern. Freilich lüftet er den Schleier zumindest hier ein wenig höher als sonst und schwelgt in der Schilderung einer Zivilisation, die unsere Erde vor 150 Millionen Jahren bewohnte. Hier droht Lovecraft profan zu werden, denn seine Tentakelschnecken wirken trotz einer wahren Flut von Adjektiven, die ihre Fremdheit herausstellen sollen, eigentlich nicht sehr fürchterlich. Erst im zweiten Teil seiner Novelle findet Lovecraft zur alten Größe zurück, als er seinen Protagonisten nicht nur die Stadt der Urzeitwesen finden lässt, sondern ihn auch mit einem Schrecken konfrontiert, der stets schattenhaft bleibt und daher wirklich schauerlich wirkt.

Dann ist da noch “In der Gruft”, eine Geschichte, die aus dem Rahmen dessen fällt, was man von Lovecraft erwarten zu können glaubt. Hier präsentiert er einen ganz einfachen, wunderbar klar konstruierten Plot, der handfestes Grauen mit einem unerhörten Gespür für knochentrockenen, rabenschwarzen Witz verbindet. George Birch ist eine bemerkenswerte Figur, die noch heute Maßstäbe setzt in jenem Bereich der Komik, der Leichenbestatter, Pathologen oder Unfallärzte in den Mittelpunkt stellt. “In der Gruft” lässt ein wunderbares Timing erkennen. Lovecraft holt alles aus dem absurden Geschehen heraus. Es ist schade, dass er sich diesen Sinn für Humor später nicht mehr gestattet hat.

Interessantes oder überflüssiges Beiwerk?

Neben den zwölf Geschichten findet der Leser dieses Buches noch zwei biografische Skizzen zu H. P. Lovecraft. 1937 war dieser von der Literaturszene unbeachtet gestorben. Nach dem II. Weltkrieg wurde Lovecraft wiederentdeckt. Damit verbunden war die Neugier auf Fakten aus seinem Leben. Lovecraft hatte sehr zurückgezogen gelebt. Gesellschaftlichen Kontakt hielt er schriftlich; er gehört zu den fleißigsten Briefschreibern aller Zeiten. Wenige Menschen kannten ihn persönlich. Sie wurden zu begehrten Zeitzeugen, als es später darum ging Lovecrafts Leben zu rekonstruieren.

Allerdings stellt man sich die Frage, ob die hier abgedruckten Texte von Dorothy C. Walter und R. H. Barlow eine gute Wahl waren. Beide haben objektiv wenig zu sagen, liefern nur Mosaiksteine, die der Leser ohne biografisches Wissen in Sachen Lovecraft ratlos in den Händen dreht. Der Sonderling-Aspekt wird bis zur Karikatur betont, doch Lovecraft war kein Freak.

Lovecrafts literarisches Werk wurde in Deutschland schon seit den späten 1960er Jahren und recht vollständig im Suhrkamp-Verlag herausgebracht. Die eingedeutschten Texte mögen vor allem den jüngeren Lesern geschraubt und altertümlich erscheinen, was mit ein Grund für Herausgeber Frank Festa war, Lovecrafts Erzählungen und Novellen neu übersetzen zu lassen. Sie lesen sich nun flüssiger, ohne an Wirkung verloren zu haben. Ob die Neuübersetzung notwendig war, ist eine Frage, die sich jede/r Leser/in selbst beantworten muss und kann, denn die Suhrkamp-Ausgaben sind glücklicherweise weiterhin erhältlich. Unabhängig davon gehören “Das schleichende Chaos” und die übrigen Bände der Festa-Edition in den Bücherschrank jedes Phantastik-Fans!

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn. Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich bereits als Wunderkind erwiesen hatte. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Am Alltagsleben nahm Howard kaum teil, litt unter (psychosomatischen) Beschwerden, besuchte nur sporadisch die Schule. Stattdessen vergrub er sich daheim und widmete sich seinen privaten Studien, die er mit enormem Enthusiasmus betrieb. Er gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden “Pulp”-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In New York konnte sich Lovecraft nicht einleben, die Ehe scheiterte. Schon 1926 kehrte er nach Providence zurück. In den zehn Lebensjahren, die ihm noch blieben, führte er das bescheidene Leben eines Ghostwriters und Unterhaltungsschriftstellers. Als solcher machte er beachtliche Fortschritte und schuf die Cthulhu-Saga. “The Call of Cthulhu” (1926), “At the Mountains of Madness” (1931, dt. “Berge des Grauens”) oder “The Shadow out of Time” (1934/35, dt. “Der Schatten aus der Zeit”) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen unter Wert in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – “The Shadow over Innsmouth” – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, verdankt er den Bemühungen zweier junger Verehrer. August Derleth und Donald Wandrei gründeten 1939 den Verlag “Arkham House”, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich hinter, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter aber origineller Mann mit großen Visionen, der den Horror mit der Science Fiction mischte, ohne dem naiven Traum von einer technisierten Zukunft hinterher zu laufen. Stattdessen schuf Lovecraft etwas Eigenständiges: ein alternatives Universum mit eigenen Naturgesetzen, so konsistent in seiner Darstellung, dass es uns, die wir um seine fiktive Gestalt wissen, eben doch möglich erscheint.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art ist diese.

[md]

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Erweckung

Erstellt von Werner Karl am 11. Februar 2010

erweckungF. Paul Wilson:
Erweckung

Originaltitel: Reborn (1990).
Aus dem Amerikanischen von Michael Plogmann.
Leipzig: Festa Verlag 2009.
Umfang 397 Seiten
ISBN 9783865520821

www.festa-verlag.de

F. Paul Wilson wurde durch seine wunderbaren Romane um Handyman Jack (im Original ”Repairman Jack”) bekannt und zu Recht werden diese Werke bei den Fans sehr geschätzt. Bereits vor der Ausarbeitung dieser Serienfigur beschrieb der Autor andere Abenteuer, die im gleichen Kosmos spielen, den sogenannten ”Adversary-Zyklus”, dessen vierter Band hier nun erstmals auf Deutsch vorliegt (und während die ersten drei in sich abgeschlossen Bände unter den Titeln Das Kastell, Die Gruft und Die Gabe bereits in den 90ern bei Goldmann erschienen sind und nun neu übersetzt und ungekürzt auch bei Festa vorliegen, ist das vorliegende Buch eine Erstveröffentlichung im Deutschen Sprachraum). Um es vorweg zu nehmen: Leider kann sich Erweckung in keinster Weise mit den hervorragenden Romanen um Handyman Jack messen!

Ganz im Gegenteil ist der vorliegende Roman ein furchtbar verquast religiös wirkendes Werk, welches wohl einerseits eine Hommage an Rosemarys Baby darstellen soll, andererseits vor dem Hintergrund des Kampfes zweier gewaltiger Mächte spielt, deren eine zwar als vernichtend, deren andere aber mitnichten als Positiv oder dem Menschen freundlich gesinnt dargestellt wir, sondern eher als neutral und die Menschheit ignorierend, weshalb diese weiterhin ihren Geschäften nachgehen kann. Leider kommt dieser Hintergrund, den Wilson wohl erst später so differenziert dargestellt hat, im vorliegenden Buch gar nicht wirklich heraus. Statt dessen scheint es um die Wiederkunft der vernichtenden Macht zu gehen und um die verheerende Wirkung, welche davon erwartet wird. Leider unterscheidet sich deren Beschreibung in Nichts vom ”gewöhnlichen Antichristen”, den religiöse Wirrköpfe immer wieder gerne bemühen.

Alles beginnt mit einem Flugzeugabsturz, in dem ein berühmter Wissenschaftler und sein Kollege gleichzeitig getötet werden. In seinem Testament bedenkt der Wissenschaftler einen jungen, verheirateten Mann namens Jim Stevens mit viel Geld und seinem Grundbesitz, einer alten, prächtigen Villa. Stevens ist verblüfft, erhofft sich jedoch von dem Erbe endlich Aufklärung über seine Herkunft, wurde er als Baby doch vor die Schwelle eines Waisenhauses gelegt (Klischee, ick hör dir trapsen!). Was der junge Mann dann erfährt, lässt seine bis dato recht heile Welt wanken, denn der Wissenschaftler war während des 2. Weltkriegs an einem Geheimprojekt der US-Armee beteiligt mit dem Ziel, den perfekten Soldaten zu klonen. Tatsächlich ist Jim der erste Klon weltweit, hergestellt aus dem Zellkern des Wissenschaftlers. Durch einen dummen Zufall erfährt jedoch ein Sensationsreporter von dieser Tatsache, da er die Tagebücher des Wissenschaftlers in die Hände bekommt, und macht die abstruse Geschichte öffentlich (so sind sie halt, die bösen Journaillen!).

Prompt taucht eine Gruppe religiöser Fanatiker bei Stevens auf, die ihn für den Antichristen halten. Als Jim diese beschwichtigen will, steigt er auch den hohen Zaun der Villa, rutscht ab und spießt sich selbst, wie dereinst der Sohn von Romy Schneider, an den Spitzen des Zauns auf, mit tödlichen Folgen. Alle sind geschockt, die Fanatiker genauso wie Jims Ehefrau. Doch die Wiederkehr des Bösen steht noch immer an, aber wer verbirgt sich dahinter? Während die Fanatiker erst noch rätseln, hat des Böse Zeit, im Verborgenen zu wirken…

Geradezu unerträglich sind die ständigen religiösen Bezüge, die der Autor verwendet und die an das abstruse Werk eines Bibelfanatikers erinnern. Dass die dämlichen religiösen Wirrköpfe in der vorliegenden Geschichte schlußendlich auf der Seite der ”Guten” stehen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Dialoge wie folgender, die leider nicht als Satire interpretiert werden können, da der Autor viel zu ernsthaft seine Schauermär erzählt, machen das Niveau der Erzählung leider nur zu deutlich: ”Das klingt wie Rosemarys Baby”, sagte Grace. Martin sagte: ”Gott wirkt auf verschlungene und unergründliche Weise. Vielleicht hat er den Autor dazu gebracht, ein solches Buch zu schreiben; vielleicht hat er daraus einen Bestseller gemacht, damit wir alle das Zeichen sehen.” Grace hielt das nicht für glaubwürdig: ”Gott wirkt durch die Bestsellerliste der Times?” Martin sprang auf. ”Seine Hand ist überall! Und selbst jetzt wächst der Antichrist im Weib dieses Klons heran. Das erklärt, warum wir kein Verschwinden des Bösen gespürt haben, als der Klon starb.” (Seite 304)

Wäre dies ironisch gemeint und würde sich Erweckung an irgend einer Stelle durch fehlende ”Ernsthaftigkeit” auszeichnen, so könnte der über alle Maßen hohle Dialog oder die dämliche Geschichte, die sich der Autor hier abringt, witzig sein und eine Parodie auf übliche Klischees darstellen, aber dazu benehmen sich der Autor und alle Protagonisten viel zu ernsthaft vom Anfang der kruden Geschichte bis zum vorläufigen bitteren Ende. Dazu kommt die Tatsache, dass Wilson seine mit Abstand sympathischste und glaubhafteste Figur abrupt nach knapp 260 Seiten versterben lässt. Was bleibt sind flache Charaktere, die vor dem Auge des Lesers kaum lebendig werden. Wäre nicht die gute Übersetzung von Michael Plogmann und der spannende Stil des Autors, würde man als Leser allerdings gar nicht so weit kommen. Sie sind, neben dem sympathischen Jim Stevens, das einzige Plus des Romans.

Auch die gelegentlichen Rechtschreibfehler der vorliegenden Ausgabe sind kein wirkliches Vergnügen, nimmt man vielleicht den köstlichen Fehler der ”Ideen des März” (Seite 306) aus, ist dies doch der einzig wahre Schenkelklopfer von Erweckung (wohl nicht auf dem Mist des Übersetzers gewachsen, kann man diesen Lapsus aber wohl nicht wirklich als ”beabsichtigten” Humorpunkt verbuchen). Schlußendlich ist das vorliegende Buch eine herbe Enttäuschung und wird sich wohl nur deshalb gut verkaufen, weil alle Fans von Handyman Jack natürlich wissen wollen, wie und vor allem warum es mit dessen Universum zu Ende geht. Denn genau hiervon handelt die abschließende, inhaltlich aufeinander folgende Trilogie der Bände 4-6 innerhalb des ”Adversary-Zyklus”.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald
 
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Das Haus an der Grenze

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Dezember 2009

hodgson-haus-grenze-cover-festaWilliam Hope Hodgson
Das Haus an der Grenze

Originaltitel: The House on the Borderland (London : Chapman & Hall 1908)
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel-Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
Übersetzung: Traude Dienel
254 S.
ISBN 978-3-458-05818-2
Als Taschenbuch: 1985 (Suhrkamp Verlag Nr. 1089/Phantastische Bibliothek Bd. 140)
287 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37589-1
Diese Neuausgabe: April 2004 (Festa-Verlag/Die bizarre Bibliothek Nr. 1306)
Übersetzer: Michael Siefener
174 S.
ISBN-13: 978-3-935822-42-8
www.festa-verlag.de
(sfbentry)

Das geschieht:

In einer abgelegenen Gegend Westirlands steht ein verrufenes Haus, das der Teufel selbst errichtet haben soll. Für diese Theorie der Einheimischen gibt es Gründe, denn der Eigentümer, ein verschrobener Einzelgänger, sieht sich von bösartigen, gänzlich unirdischen Schweinewesen belagert. Als er diese knapp zurückgeschlagen hat, verwandelt sich das Haus selbst in ein Portal, durch das sein Bewohner auf eine fantastische Reise durch Zeit und Raum gerissen wird.

Er erlebt eine sich über Jahrmillionen erstreckende Vision vom allmählichen Ende der Erde und des Sonnensystems, bereist als Geistwesen fremde Dimensionen, trifft seine verstorbene Geliebte wieder und entdeckt dabei immer neue Hinweise darauf, dass am Anfang und Ende allen Seins offenbar das verfluchte Haus steht. Nach seiner Rückkehr in die Gegenwart bieten die rätselhaften Mächte der Finsternis einen weiteren furchtbaren Gegner gegen ihn auf, dem er sich zum aussichtslosen Kampf stellen muss …

Keine einfache Gruselgeschichte

Nur wenige Romane, Novellen und vor allem Kurzgeschichten hat William Hope Hodgson während seiner allzu kurzen Schriftstellerkarriere verfasst. Sie gehören zu den großen Werken der angelsächsischen Phantastik. “Das Haus an der Grenze” ist eine außergewöhnliche Mischung aus Horror, Abenteuer, Fantasy und Science Fiction, wobei die meisten Genres zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht einmal so bezeichnet wurden.

Man ist erstaunt, wie viele Elemente der Handlung in späteren Romanen und Erzählungen wiederkehren. Ähnlich wie der ungleich bekanntere H. G. Wells gehört auch Hodgson zu den vielen Vätern der SF. Er hat die astronomische Fachliteratur seiner Zeit offensichtlich genau studiert. Die Reise durch das gegenwärtige und zukünftige Sonnensystem weist aus wissenschaftlicher Sicht freilich gewisse Alterserscheinungen auf, um es vorsichtig auszudrücken, aber das wird mehr als wettgemacht durch die Wortgewalt, mit der sie der Verfasser in Szene setzt.

Seine ‘Außerirdischen’ lässt Hodgson im Ambiente der viktorianischen Gruselliteratur auftreten. Zwanzig Jahre später hätte er sie möglicherweise schon viel vertrauter im Stil der “Pulp”-Magazine gestaltet, denn er war ein Schriftsteller, dem der Publikumserfolg am Herzen (und an der Geldbörse) lag.

Keine simple, weil komplexe, intensive und buchstäblich mitreißende Lektüre bietet “Das Haus an der Grenze” auch heute noch. Mit dokumentarischer Präzision und poetischer Eindringlichkeit gleichzeitig entführt Hodgson in Raum und Zeit. Er zeigt sich dabei als Visionär, dessen Bilder kraftvoll und einprägsam sind. Dabei verlangt er viel Aufmerksamkeit vom Leser. Als die Welt in fernster Zukunft buchstäblich untergeht, sich alle bekannten Strukturen auflösen und verändern, gilt es Wort für Wort zu studieren.

hodgson-haus-coverReizvoll unfertige Albtraum-Vision

Seine besondere Anziehungskraft zieht “Das Haus an der Grenze” aus seiner eigentümlichen Struktur. Die Geschichte des stets namenlos bleibenden Einsiedlers wird uns als Tagebuchaufzeichnung verkauft, die zwei Reisende viele Jahre nach dem Geschehen in den Ruinen des Teufelshauses finden und später an W. H. Hodgson weitergeben, der sie herausgibt (und dabei mit einigen Kommentaren versieht). Sie bleibt Fragment; die Witterung hat Teile der Chronik zerstört. Vor allem aber berichtet der Erzähler nur. Er interpretiert selten, weil er selbst die Zusammenhänge niemals begreift. Wieso gibt es auf einem fremden Planeten ein exaktes Duplikat des Hauses? Wer hat es aus welchen Gründen gebaut? Woher kommen die Schweinewesen wirklich? Frage reiht sich an Frage, aber meist bleibt die Antwort aus.

Erstaunlicherweise stört das ebenso wenig wie die fast völlige Abwesenheit von Action. ‘Logische’ Erklärungen sind der Tod mancher phantastischen Erzählung. Lässt man dem Leser den Raum für eigene Lösungsversuche, bezieht man ihn ein und steigert die Faszination, zumal man sich nie gänzlich sicher sein kann, ob man richtig liegt. Auf der anderen Seite kann und soll nicht geleugnet werden, dass “Das Haus an der Grenze” und die längeren Arbeiten Hodgsons generell sämtlich recht episodisch wirken; der Mann wollte oder konnte offensichtlich keine roten Fäden legen. Die Entscheidung obliegt letztlich wieder dem Leser.

W. H. Hodgson wird in seiner englischen Heimat als großer Erzähler in Ehren gehalten. Seine Werke wurden inzwischen fast vollständig ins Netz gestellt und lassen sich auf diese Weise leicht im Originalton lesen. “Das Haus an der Grenze” ist z. B. hier finden. Die Lektüre verrät die Herausforderung, vor welche der deutsche Übersetzer gestellt wurde. Er hat seine Arbeit gut gemacht und balanciert behutsam zwischen dem eigentümlich altmodischen Tonfall, den Hodgson seinem ältlichen, im Stil des späten 18. Jahrhunderts schreibenden Protagonisten unterlegt, und dem Duktus der Gegenwart, der vor allem den jüngeren Lesern dieses nicht einfache aber fesselnde Werk näher bringen kann.

Autor

William Hope Hodgson wurde am 15. November 1877 in Blackmore End, Essex, England, als eines von zwölf Kindern geboren. Sein Elternhaus verließ er früh, um zur Handelsmarine zu gehen. Zwischen 1891 und 1904 fuhr er zur See, konnte sich aber nie an die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten an Bord, den Schmutz oder die Gefahren gewöhnen. So musterte er ab und eröffnete in Blackburn nahe Liverpool ein Studio für Bodybuilder. Das Geschäft lief schlecht, aber Hodgson schrieb viele Artikel über seine Arbeit und begann über eine Karriere als Schriftsteller nachzudenken. Seine Jahre auf den Weltmeeren lieferten ihm genug Stoff für phantastische Seespukgeschichten. Mit “A Tropical Horror” debütierte Hodgson 1905 in “The Grand Magazine”.

1907 folgte der Episoden-Roman “The Boats of the ,Glen Carrig’” (dt. in “Stimme in der Nacht”, Suhrkamp Taschenbuch Nr. 749/64, neu aufgelegt als Nr. 2709/340), ein erstes längeres Werk. 1908 erschien “The House on the Borderland”, mit dem Hodgson bewies, dass er auch auf dem trockenen Land Angst & Schrecken zu verbreiten wusste. “Carnacki the Ghost Finder” betrat die literarische Bühne 1910. Zwei Jahre später erschien Hodgsons episches Hauptwerk: “The Night Land”, eine Geschichte aus fernster Zukunft, die viele brillante Stimmungsbilder aus “The House on the Borderland” aufgreift und vertieft (sowie leider auch breittritt).

Hodgson heiratete 1913 und zog mit seiner Gattin nach Südfrankreich. Er schrieb nur noch wenig. Bei Kriegsausbruch 1914 ging er nach England zurück und wurde als Offizier der Royal Field Artillery zugeteilt. Eine schwere Kopfverletzung auf dem Schlachtfeld überlebte er knapp und kehrte an die Front zurück. Hier traf ihn am 17. April 1918 ein deutsches Artilleriegeschoss. Er war sofort tot.

Der recht kritische H. P. Lovecraft (1890-1937) rühmte Hodgsons Idee des “kosmischen Schreckens” und ließ sich für die eigene Cthulhu-Saga inspirieren. Wäre Hodgson ein längeres Leben vergönnt gewesen, hätte er vielleicht wie Lovecraft Bezüge zwischen seinen literarischen Welten hergestellt und einen Kosmos mit eigenen Regeln geschaffen. Ansätze dazu finden wir z. B. in den mysteriösen Schweinewesen, die auch dem “Geisterfinder” Carnacki, den Hodgson in einer ganzen Serie von Kurzgeschichten auftreten ließ, zu schaffen machen.

[md]

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Necrophobia II

Erstellt von Michael Drewniok am 26. November 2009

festa-necrophobia-2-coverFrank Festa (Hg.)
Necrophobia II – Die graue Madonna und andere Horrorgeschichten

Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel (4), Sigrid Langhaeuser (3), Jutta Swietlinski (2), Alexander Amberg (2), Felix Lake, Felix F. Frey, Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, Heiko Langhans, Otto Knörrich (je 1)
Cover: Markus Vesper
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Festa Verlag Nr. 1521/Horror TB, Bd. 20)
415 S.
ISBN-13: 978-3-86552-061-6

18 klassische und moderne, meist selten und manchmal gar nicht veröffentlichte Kurzgeschichte erfassen das weite Spektrum der Phantastik:

- Graham Masterton: Die graue Madonna (The Grey Madonna, 1995), S. 9-27: Im belgischen Brügge verlor Dean auf tragische Art seine Gattin; sie hatte sich Rat suchend an die denkbar falsche Person gewandt, die der untröstliche Ehemann zu seinem Unglück ebenfalls findet …

- Christopher Fowler: Die langweiligste Frau der Welt (The Most Boring Woman in the World, 1995), S. 29-41: Eine vernachlässigte und betrogene Hausfrau und Mutter schwelgt in Rachevisionen, deren Umsetzungen näher rücken …

- Stefan Grabinski: Szamotas Geliebte (Kochanka Szamoty, 1922), S. 43-60: Endlich erhört sie den vor Liebe Verrückten, doch wen hat er eigentlich woher zu sich gerufen?

- David H. Keller: Da unten ist nichts! (The Thing in the Cellar, 1952), S. 61-69: Jedes Kind fürchtet sich vor dem Ding in der Dunkelheit, doch was geschieht, wenn es wirklich existiert …?

- Guy de Maupassant: Die Tote (La morte, 1887). S. 71-76: Im Laufe einer denkwürdigen Nacht auf dem Friedhof erfährt der Geliebte, um wen tatsächlich er so untröstlich trauert …

- F. Paul Wilson: Schockwellen (Aftershock, 1999), S. 77-127: Im Augenblick des eigenen Todes zeigen sich geliebte Verstorbene: eine Erfahrung, die bizarres Verhalten nach sich zieht …

- Clark Ashton Smith: Necropolis – Das Reich der Toten (The Empire of the Necromancers, 1932), S. 129-141: Zwei mächtige aber moralfreie Zauberer schaffen sich ein Heer aus Zombie-Sklaven, doch sie treiben es schließlich so toll, dass sogar die Toten rebellieren …

- Simon Clark: Die Geschichte des Totengräbers (The Gravedigger’s Tale, 1988), S. 143-153: Was der faule Totengräber dieses Mal aus der Erde holte, hätte er besser lagern sollen, denn es erweist sich als nicht richtig tot …

- Margaret Irwin: Das Buch (The Book, 1930), S. 155-174: Wer es liest und seinen Anweisungen folgt, wird reich und berühmt – bevor der eigentliche Preis gefordert wird …

- Brian McNaughton: Ringard und Dendra (Ringard and Dendra, 1997), S. 175-219: Ein junges Paar sucht Zuflucht bei einem Hexenmeister, was wie erwartet für teuflische Folgen sorgt …

- Karl Hans Strobl: Das Auge (1926), S. 221-230: Der berühmte Schriftsteller fühlt sich im Wahn beobachtet, und ein kleiner Junge rückt ihm in seiner Neugier ein wenig zu nahe …

- Storm Constantine: So ein nettes Mädchen (Such a Nice Girl, 1997), S. 231-257: Wer war Emma wirklich? Die unbedarfte Nachbarin findet es heraus, was ihr mehr Wissen über schwarze Magie beschert als sie verkraften kann …

- Montague Rhodes James: Pfeife, und ich komme zu dir, mein Freund! (Oh, Whistle, and I Come to You, My Lad, 1904), S. 259-284: Als ein neugieriger Urlauber in die am Strand gefundene antike Pfeife bläst, erscheint des Nachts ein unerfreulicher Besucher …

- Cornell Woolrich: Papa Benjamin (Papa Benjamin, 1962), S. 285-340: Wer die Voodoo-Götter beleidigt, darf sich über spektakuläre Strafmaßnahmen nicht wundern …

- John Keir Cross: Das Glasauge (The Glass Eye, 1946), S. 341-361: Es gibt kein Leid auf dieser Welt, das nicht durch noch größeres Unglück übertroffen werden könnte …

- Algernon Blackwood: Der Schrecken der Zwillinge (The Terror of the Twins, 1914), S. 363-372: Der zornige Vater hielt die Geburt seiner Zwillingssöhne schon immer für einen Irrtum der Natur, den er nach seinem Tod zu korrigieren gedenkt …

- Mort Castle: Party-Time (Party Time, 1984), S. 373-376: Wenn Söhnchen nur zu bestimmten Anlässen aus dem Keller gelassen wird, so gibt es dafür gute Gründe …

- Graham Masterton: Der Hexenkompass (Witch-Compass, 2000), S. 377-412: Er erfüllt dir zuverlässig deine Wünsche, aber du bist womöglich nicht glücklich mit dem Ergebnis, den du zahlst deinen speziellen Preis dafür …

- Frank Festa: Nachwort, S. 413-415

Sie kommen wieder, aber lange hat’s gedauert

Viel, sehr viel Zeit ist verstrichen, bis diese neue Sammlung alter und aktueller Storys im Festa-Verlag erschien. Fast musste man als enthusiastischer Leser des ersten “Necrophobia”-Bandes schon bangen, dass diese der phantastischen Kurzgeschichte gewidmete Reihe eingegangen war, bevor sie sich überhaupt zur Reihe entwickeln konnte. So ist es glücklicherweise nicht gekommen, doch die dreijährige Pause verdeutlicht einmal mehr, dass der ‘kurze Horror’ in Deutschland einen schweren Stand hat.

Dabei nahm Herausgeber Frank Festa deutschsprachige Storys der Gegenwart erst gar nicht in seine Sammlung auf. Er begründet das mit deutlichen Worten: “Nun, ich habe schon öfter erklärt, dass ich lieber die Originale veröffentliche als deren Kopien, und zurzeit sehe ich wirklich keinen eigenständigen, unamerikanisierten Horrorautor im deutschen Sprachraum.” (S. 414) Die Anhänger der deutschen Phantastik werden dies energisch und empört bestreiten, der Rezensent gibt Festa Recht und setzt noch eins drauf: Deutscher Grusel ist nicht nur Nachahmung, sondern Horror auf Groschenheft-Niveau, der seine Existenz dem Reservat der aktuellen Kleinverlage verdankt, die ihm mit viel Liebe aber wenig Sinn für Qualität eine unverdiente Scheinblüte bescheren.

Sie kommen nicht nur in der Nacht

Das trifft auf die Mehrzahl der in “Necrophobia II” versammelten Storys glücklicherweise nicht zu. Aus zwölf Jahrzehnten stammen sie und dokumentieren damit die Entwicklung, die das Genre nahm. Eine ‘akademische’ Präsentation ist dem Herausgeber dabei fern; “Necrophobia II” gehorcht keiner inhaltlichen und erst recht keiner chronologischen Systematik, Unterhaltung ist Trumpf. Alte und neue Geschichten stehen nebeneinander, thematisch decken sie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – das breite Spektrum des Genres ab. Monster, Vampire, Phantome, Wahnsinn: Alles ist da, ein lange, gut bestückte Tafel für den gierigen Leser. Welchem Leser welche Story besser gefällt, ist natürlich Ansichtssache. An dieser Stelle können nur einige (subjektive) Hinweise und Hintergrundinformationen folgen.

Gespenster, Gespenster …

Die gute, alte Gespenstergeschichte wird in dieser Sammlung gleich mehrfach erzählt. Sie hat sich im Kern nicht geändert: Im Leben blieb der verstorbene Mensch ‘unvollendet’, sodass er (oder sie) nun als Geist spuken und für Abhilfe sorgen oder sich rächen möchte.

Handwerklich perfekt drechselt Montague Rhodes James [1862-1936] seine Gruselmär vom Tempelritter-Schutzgeist. Sehr typisch für den Verfasser trifft dessen Zorn einen völlig Unschuldigen: James-Gespenster unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse; sie haben es auf alle Lebenden abgesehen. Vermutlich kann nur ein Autor, der rein gar nicht an Gespenster glaubt, sie so perfekt, d. h. spannend, witzig und ohne Beachtung ‘literarischer’ Qualitäten heraufbeschwören wie James! Weniger elegant und nüchtern im Ton aber mindestens ebenso konsequent ist David H. Keller [1880-1966], der gar nichts von einem Happy-End hält, nur weil sein (niemals auch nur zipfelhaft sichtbar werdender) Keller-Schrecken Kinder als Beute bevorzugt. Wie man diesen Plot als makabren Scherz zelebriert, zeigt uns Mort Castle [*1946].

Wesentlich ‘psychologischer’ geht James’ Zeitgenosse Algernon Blackwood [1869-1951] an das Thema heran. Das Gespenst des Vaters hat ein Motiv für sein Tun, das grausam und grauenvoll ist, was Blackwood einmal mehr ungemein stimmungsvoll darzustellen weiß. Graham Masterton [*1946] stellt unter Beweis, dass das Konzept des Gespenstes auch heute keineswegs unmodern geworden ist. F. Paul Wilson [*1946], mit seinen “Handyman-Jack”-Geschichten sonst eher für grobschlächtigen Horror bekannt, erstaunt mit einer ‘aktuellen’ und doch höchst klassischen Gespensterstory.

Rückkehr als Leiche

Noch erschreckender als das Gespenst wirkt die Vorstellung vom oder von der Toten, der oder die in persona aus dem Grab zurückkehrt und nicht nur durch das Erscheinen, sondern auch durch den Anblick (und den Geruch) Entsetzen verbreiten. Sehr drastisch spielt das Simon Clark [*1958] durch, der freilich gleichzeitig belegt, dass Horror und (friedhofserdeschwarzer) Humor erstaunlich gut korrespondieren.

Deutlich allegorischer beschäftigt sich Guy de Maupassant [1850-1893] mit dem Thema Tod. Die Erlebnisse seines Helden mögen sich so ereignet haben oder die Ausgeburt eines kranken Hirn seins; eine Entscheidung, die dem Leser überlassen bleibt, ohne dass diese an der ‘Moral’ der Geschichte etwas ändern würde. Ähnlich diffus bleibt Stefan Grabinski [1887-1936], der dem Schrecken indes eine perfide Präsenz verleiht; sein Geist gehört zu den wahrlich seltsamen seiner Art.

Grabinskis Geschichte balanciert auf der Schneide zwischen ‘reinem’ Spuk und dem Grauen, das der beschwört, der sich mit dem Jenseits einlässt und dabei meist mehr abbeißt als er oder sie zu schlucken vermag. Margaret Irwin [1889-1969], Cornell Woolrich [1903-1968] und noch einmal Graham Masterton thematisieren das schaurige Angebot, das scheinbar eine ‘Abkürzung’ zu Reichtum und Macht bietet, bis die Macht im Hintergrund ihren Preis einfordert. (Die Woolrich-Story gehört zu den Ausgrabungen Festas; leider hält sie in der Umsetzung nicht, was der Plot verspricht, und sie transportiert zahlreiche zeitgenössische Rassismen.) Storm Constantine [*1956] überrascht mit einer Nachwuchs-Magierin, die zur Abwechslung einmal erfolgreich bleibt; ohne Opfer geht es jedoch ebenfalls nicht ab.

Wahn und Wirklichkeit

Der letzte Schritt zum ‘realen’ Grauen ist der Verzicht auf Übernatürliches. John Keir Cross [1911-1967], Karl Hans Strobl [1877-1946] und Christopher Fowler [*1953] erzählen von Menschen in der Krise, deren Stress sie geistig zu zerbrechen droht oder schon zerbrochen hat. Die Folgen sind furchtbar, weil hier der Mensch und nur der Mensch die Verantwortung für daraus resultierende Wahnsinnstaten trägt.

Aus dem Rahmen fallen die Storys von Clark Ashton Smith [1893-1961] und Brian McNaughton [1935-2004]. Sie mischen Horror mit Fantasy zur “Dark Fantasy”, wobei Smith trotz des schwülstigen, künstlich altmodischen Tonfalls fesselt, während McNaughton ein weiteres Mal mit seiner (zudem aus dem früheren Festa-Sammelband “Psycho-Express” von 2000 recycelten) haltlos zwischen Pathos und Klamauk schwingenden Mär langweilt: neben “Papa Benjamin” ist diese Story die einzige echte Enttäuschung in “Necrophobia II”.

Damit lässt sich leben. Das grundsätzliche Konzept der “Necrophobia”-Reihe hat seine Tragfähigkeit bewiesen. Bleibt zu hoffen, dass es bis zum dritten Teil nicht wieder so lange dauert.

[md]

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