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neuauflage

Erwählt

Erstellt von Werner Karl am 5. Oktober 2010

P. C. Cast & Kristin Cast
Erwählt
House of Night 3

Chosen. A House of Night Novel, USA, 2008
S. Fischer Verlag/FJB, Frankfurt, 08/2010
HC mit Schutzumschlag
Horror, Romantic Mystery, Urban Fantasy
ISBN 978-3-8414-2003-9
Leseprobe aus P. C. Cast & Kristin Cast: „Ungezähmt – House of Night 4”
Aus dem Amerikanischen von Christine Blum
Titelgestaltung von Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
nach einer Idee von Erin Fiscus/Seriendesign: Cara E. Petrus, Abbildung von Mauritius Images und Herman Estevez
Autorenfoto von Jörg Steinmetz

www.fischerverlage.de
www.HouseofNight.de
www.houseofnightseries.com/
www.pccast.net/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zoey Redbird ist ein Jungvampyr und wird zusammen mit anderen Gezeichneten in einem der „Houses of Night“ unterrichtet und in all die Dinge eingeweiht, die für ihr künftiges Leben wichtig sind. Schon früh zeigt sich, dass ihr Wandelungsprozess ein wenig anders verläuft und die Göttin Nyx sie „erwählt“ hat. Prompt ersetzt Zoey die arrogante Aphrodite als Anführerin der Töchter und Söhne der Nacht und gilt als die nächste Hohepriesterin. Zufällig wird Zoey Zeugin unheimlicher Geschehnisse, in die ihre charismatische Mentorin Neferet verstrickt ist: Jungvampyre, die sich nicht wandeln, sterben unter Qualen – und kommen als untote, grausame Monster wieder. Ausgerechnet Stevie Rae erleidet dieses traurige Schicksal. Aber Zoey ist davon überzeugt, dass ihre beste Freundin noch immer sie selbst ist und sich gegen die Lust, zu töten und Blut zu trinken, wehren kann, auch wenn es ihr immer schwerer fällt. Unaufhaltsam läuft die Zeit für Stevie Rae ab, und Zoey hat noch immer keine Idee, wie sie die Untote retten kann.

Probleme hat Zoey obendrein mit ihren drei Verehrern. Seit sie von ihrem Ex Heath getrunken hat, sind sie durch eine Prägung verbunden, und obwohl sie mit ihm Schluss machen will, kommt sie einfach nicht von ihm los. Die Beziehung zu ihrem aktuellen Freund Erik tritt darum auf der Stelle. Nun umwirbt auch noch der attraktive Lehrer Loren Blake Zoey. Und einem von ihnen schenkt sie schließlich ihre Jungfräulichkeit. Zoeys Glück ist jedoch nur von kurzer Dauer. Auf dem Schulgelände ereignen sich zwei Morde, Zoey muss weitere Verluste verkraften und erkennen, dass sie Neferet in die Falle gegangen ist …

„Erwählt“, der dritte Band der „House of Night“-Reihe, knüpft nahtlos an die Geschehnisse in den beiden vorherigen Romanen an. Man kann jedoch noch immer problemlos in die laufende Handlung einsteigen, da das Wesentliche eingangs kurz zusammengefasst wird. Natürlich ist der Lesespaß sehr viel größer, wenn man die Bücher der Reihe nach liest und mit den Personen und ihren Problemen bereits vertraut ist. In „Gezeichnet“ werden das Setting und die wichtigsten Charaktere vorgestellt. Die Geschichte spielt in einer Art Parallelwelt, in der Vampyre und Menschen relativ konfliktfrei miteinander leben, der Glaube an die Göttin Nyx zu den gängigen Religionen und Magie zum Alltag gehören. Als Location wählten die Casts ihren Heimatort Tulsa/Oklahoma. „Betrogen“ setzt die Story fort, verleiht ihr eine unerwartete Wende und zerstört das vermeintliche Idyll. Zoey ist es zwar gelungen, ihrer Rivalin Aphrodite eine empfindliche Niederlage beizubringen, doch ihre wahre Feindin ist eine andere. Neferets Pläne bleiben vorerst im Dunkeln, und obwohl die Hohepriesterin mächtig und der Schülerin um Jahre an Erfahrung voraus ist, wagt sie nicht die direkte Konfrontation. Zoey ist auf der Hut, kann sich aber niemandem anvertrauen, da sie ihre Freunde dadurch in Gefahr brächte. Hilfe erhält sie von ganz unerwarteter Seite.

Hoffte man, in „Erwählt“ mehr über Neferets Absichten zu erfahren, wird man enttäuscht. Die Gegenspielerin hat lediglich eine kleine Rolle inne und zieht aus dem Hintergrund die Fäden. Stattdessen konzentriert sich die Handlung auf Zoeys Bemühen, Stevie Rae zu retten und sich darüber klar zu werden, ob sie in Heath, Erik oder Loren verliebt ist. Tatsächlich trifft sie eine Entscheidung – mit schwer wiegenden Folgen. Der Band endet offen und mit vielen Fragen, auf die die Antworten erst in späteren Kapiteln gegeben werden: Welche Ziele verfolgt Neferet? Wer ermordete die beiden Vampyre? Könnte Zoeys Stiefvater, der den Vampyrismus als eine Strafe Gottes sieht, damit zu tun haben? Werden sich die Vampyre an den Menschen rächen? Was passierte mit Stevie Rae? Welche Konsequenzen erwarten Aphrodite? Wie verkraftet Zoey die Verluste, die sie hat hinnehmen müssen? Kann sie sich aus Neferets Falle wieder heraus winden? Man darf reichlich spekulieren, zumal die kleine Kostprobe aus „Ungezähmt“, dem vierten Teil, nicht allzu viel verrät.

Das macht „Erwählt“ zu einem etwas undankbaren ‚Mittelband„ wie schon seinen Vorgänger: Die Konflikte werden weiter ausgebaut, neue Probleme kommen hinzu, Antworten werden angerissen und zu weiteren Fragen umformuliert. Immerhin kommt die Handlung ein gutes Stück voran, die Spannung steigt durch Andeutungen, unerwartete Geschehnisse und Tragödien – so dass man ungeduldig auf die Fortsetzung wartet, die den Leser dann zweifellos noch mehr auf die Folter spannt.

P. C. und Kristin Cast ist ein wahrer Pageturner gelungen, den man auf einen Rutsch durchliest, um anschließend enttäuscht zu sein, weil es nicht gleich weiter geht. Obwohl momentan sehr viele Paranormal Romances erscheinen, in denen ähnliche Settings zu finden sind, z. B. in Stephenie Meyers „Twilight“, Lisa J. Smiths „Vampire Diaries“, Claudia Greys „Evernight“ und Richelle Meads „Vampire Academy“, gelingt es dem Autorenduo, ein eigenes Süppchen zu kochen, indem sie das Vampir-Motiv mit dem Göttinnen-Mythos (Marion Zimmer Bradley: „Die Nebel von Avalon“ – und ihre Schülerinnen) verknüpften, durch den eine dicke Portion Fantasy und Mystik in die Handlung getragen wird. Auch wirken die Protagonisten sehr viel lebendiger und nachvollziehbarer als manche ihrer Kollegen aus anderen Reihen, da sie sich wie typische, moderne Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsenen verhalten. Sie handeln, bevor sie nachdenken, begehen Fehler und lernen daraus, sie entwickeln sich weiter und übernehmen Verantwortung, sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, von kleinen, aber in ihren Augen ernsten Problemen werden sie genauso vereinnahmt wie von großen.

Dabei schießen die Autorinnen doch ein wenig über das Ziel hinaus, denn die Superlative, mit denen Zoey ausgestattet wurde und deren sich die Protagonistin bewusst ist, lassen sie mitunter wie eine Superheldin und etwas arrogant wirken, selbst wenn im nächsten Moment ein Rückzieher kommt, sie sich um Durchschnittlichkeit bemüht, eine Dummheit begeht oder andere um Hilfe bittet. Man möchte sich mit Zoey, aus deren Sicht die Ereignisse geschildert werden, identifizieren, kann es aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Romantik kommt diesmal nicht zu kurz, denn es gibt einige heiße Szenen, die jedoch nicht explizit beschrieben werden – schon in Hinblick auf die Zielgruppe: Jugendliche, insbesondere Leserinnen ab 14 Jahre. Bei den schaurigen Szenen erlauben sich die Autorinnen schon ein bisschen mehr, und man leidet mit der Hauptfigur angesichts der neuerlichen Tragödien, von denen ihr engster Kreis nicht verschont bleibt.

„Erwählt“ ist somit ein weiterer hoch dramatischer Band aus der „House of Night“-Reihe, der neugierig macht auf das Kommende, das sicher noch eine Menge Überraschungen mehr bereit hält. Die lebhafte, sympathische Zoey Redbird kann problemlos mit Bella & Edward, Sookie Stackhouse, Buffy u. a. mithalten. Hat man erst einmal Gefallen an der Serie gefunden, fiebert man jeder Fortsetzung entgegen – 15 Bände und die Verfilmung sind geplant.

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

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Saugfest

Erstellt von Werner Karl am 9. September 2010

Steffi von Wolff
Saugfest

Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-18595-5
Roman / Satire und Humor
Erschienen Juni 2010
Umschlaggestaltung: bürosüd°, München
Foto: Getty Images / Dea / A. Dagli Orti
Taschenbuch, 256 Seiten

www.fischerverlage.de
www.steffivonwolff.de

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Zur Autorin:

Steffi von Wolff, geboren 1966, arbeitet als Autorin, Redakteurin, Moderatorin, Sprecherin und Übersetzerin. Sie wuchs in Hessen auf und lebt heute mit Mann und Sohn in Hamburg. Ihre Romane sind eine Frechheit – und Bestseller.

Zum Buch:

Saugfest, der etwas andere Vampirroman, so könnte die Bezeichnung dieses etwas merkwürdigen und mit einer ausgefallenen Prise Humor versehenen Buches der Autorin Steffi von Wolff lauten.

Etwas anders ist auch die Protagonistin der Geschichte. Helene ist 29 Jahre alt und Taxifahrerin. Leben ist eigentlich nicht ihr Ding, lieber wäre sie tot. Genauso behandelt Helene aber auch ihre Umwelt und Mitmenschen. An allem und jedem hat sie etwas herumzunörgeln und so ist es nicht verwunderlich, dass sie kaum Freunde hat. Mit ihrer einzigen Freundin Annkathrin überwirft sie sich, als sie auf deren Hochzeit sturzbetrunken über Annkathrins zukünftigen Ehemann Bernie herfällt und ihrer Freundin das Brautkleid voll kotzt. So weit geht die Freundschaft nicht und Helene wird der Tür verwiesen.

Von da an wird Helene merkwürdigerweise von einem Wolf verfolgt, dem Heuler, und damit nicht genug. Bei ihrer nächsten Tour mit dem Taxi soll sie an einer abgelegenen Disco eine Gruppe Jackenträger abholen. Gesagt, getan, aber besagte Jackenträger entpuppen sich als wirklich merkwürdige Gestalten, die einen dubiosen Keller in einem alten Gewölbe mit Fahrstuhl bewohnen und die beim Leser ganz klar den Eindruck von besagten Blutsaugern erwecken. Aber Helene ist saugfest und merkt natürlich rein gar nichts.

Den Vorschlag eine Liste zu erstellen mit den Personen, die Helene loswerden möchte, greift diese aber gerne auf und so kommt es zu weiteren haarsträubenden Aktionen, die mir mehr als ein Schmunzeln entlockt haben.

Die Geschichte rund um Helene ist eine Aneinanderreihung von Alltagssituationen, die hier ordentlich auf die Schippe genommen werden. Nicht jeder Leser dürfte hier jeder Episode etwas abgewinnen können, aber alles in allem gibt es hier geschriebene Comedy mit schwarzem Humor verknüpft. Mir persönlich hat der Ausflug in ein ganz anderes Genre gefallen, aber bei diesem Buch ist ganz klar: Entweder man mag es oder man mag es nicht! Dazwischen gibt es wohl ehr nicht!

Das Ende kommt jedenfalls unerwartet und dürfte auch diejenigen, die zu Beginn des Buches noch Schwierigkeiten mit der Geschichte an sich und Helene im Besonderen haben, entschädigen.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

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… und raus bist du!

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Juni 2010

queen-raus-bist-du-coverEllery Queen
… und raus bist du!

(sfbentry)
Originaltitel: Double, Double! (New York : Little, Brown, and Company 1950)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Wer ist der Nächste?“): 1953 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 55)
Übersetzung: Lola Humm-Sernau
191 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 1999 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Bd. 1085)
Übersetzung: Monika Schurr
301 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-4847-9

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Das geschieht:

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in diesem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehengeblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; der Säufer Tom Anderson ist in einem Sumpf verschwunden.

Den alten Tom hat Queen gekannt und gemocht. Als Rima, seine Tochter, in New York auftaucht und den Detektiv um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt dieser sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen, dass alle seltsamen Vorfälle einen Faktor gemeinsam haben: Irgendwie war stets Dr. Sebastian Dodd beteiligt, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Und besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest …

Idylle mit dunklen Winkeln

„… und raus bist Du!“ ist der letzte Queen-Krimi der „Wrightsville“-Serie. In „The Devil to Pay“ (1938, dt. „Des Teufels Rechnung“) hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur einher. Queen wurde ‚erwachsen‘; er arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegen strebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in „Calamity Town“ (dt. „Schatten über Wrightsville“) zum ersten Mal nach Wrightsville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: „The Murderer Is a Fox“, dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“; 1948: „Ten Days Wonder“, dt. „Der zehnte Tag“; 1950: „Double, Double!“).

Wrightsville ist scheinbar das gute, alte, intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem flachen Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der ‚richtigen‘ Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.

Rätselspiel mit ernsten Nebenwirkungen

„… und raus bist du!“ demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser Typen gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zu viel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) ‚erneuerte‘ Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das Goldene Zeitalter des klassischen „Whodunit?“-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.

Die Figuren gewinnen Tiefe

Über Ellery Queen ist weiter oben das Grundsätzliche schon gesagt worden. Das „ausgestopfte Hemd“ der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentlemans (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Rima Anderson ist – Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort – zunächst weniger eine Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus William Henry Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker „Green Mansions“ (dt. „Das Vogelmädchen“) von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Nachhilfe) eine ganz ‚normale‘ junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt.

Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der „Philosoph“, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es weiter, eine Galerie gespaltener Persönlichkeiten, wie es der Roman-Originaltitel andeutet, in einem höchst spannenden und an wendungsreichen Kriminalroman.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

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Drachenzähne

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Mai 2010

queen-drachenzahne-cover-fischer-2009Ellery Queen
Drachenzähne

Originaltitel: The Dragon’s Teeth (New York: Frederick A. Stokes 1939)
Deutsche Ausgabe (unter dem Titel „Die Drachenzähne“): 1958 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 108)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: September 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18471)
Übersetzung: Lola Humm Sernau
239 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18471-2

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Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten.

Ellery müsste auf Schloss Tarrytown, Coles palastartigem Anwesen, nach Spuren forschen. Glücklicherweise ermittelt er seit einiger Zeit nicht mehr allein: Beau Rummell, ein junger Kriminalist, konnte ihn überreden, mit ihm eine Detektivagentur zu gründen. Notgedrungen schickt Ellery nun seinen Eleven aus, der unter seinem Namen ermittelt. Rummell ist eifrig aber unerfahren, und die beiden Hauptverdächtigen in einem möglichen Mordfall Cole sind zwei hübsche Frauen.

Mit der einen, Kerrie Shawn, ist Beau bald verheiratet. Die andere, Margo Cole, sinkt im Streit mit der Braut tot zu Boden, die man mit rauchendem Revolver über der Leiche findet. Kerrie behauptet, die Schüsse seien durch das Fenster gekommen, die Waffe ihr zugeworfen worden. Inspector Richard Queen, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, kann das nicht recht glauben. Der verzweifelte Beau ruft Ellery Queen zur Hilfe, der sich in einen Fall verwickelt sieht, der noch wesentlich verzwickter ist, als er den Beteiligten zunächst erscheint …

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Zwei Detektive, eine Hochzeit & diverse Todesfälle

Der Roman „Die Drachenzähne“ konfrontiert die Ellery-Queen-Fangemeinde mit einer zunächst verwirrenden Neuerung: Wir lesen hier nicht nur eine der kurios verwickelten und klassischen Mordgeschichten, die wir kennen und lieben, sondern auch oder sogar vor allem eine ‚Kriminalromanze‘. Einer Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen – die Dame des Herzens könnte Opfer eines Komplotts, aber auch Mörderin sein – wird mindestens ebenso breiter Raum geschenkt wie dem eigentlichen Plot, der um das mysteriöse Ende eines exzentrischen Multimillionärs kreist.

Dies mag in den 1930er Jahren von Erfolg gekrönt worden sein; heute erweist sich die Mixtur als reichlich schal. Die Verfolgung und Rettung der unschuldigen Schönen hält sich ein wenig zu deutlich an ein Schema, das längst von der Zeit überrollt wurde. Die Frau der Gegenwart lässt sich nicht mehr für so dumm wie Kerrie Shawn verkaufen, die ohne die Unterstützung ihres Beaus und anderer starker Männer mehr als einmal ob ihrer geradezu aggressiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit ein düsteres Schicksal ereilen würde.

Die Handlung kommt erst in Schwung, als ein Mord geschieht und das Vater-Sohn-Gespann Richard & Ellery Queen das Heft in die Hand nimmt. Das Geschehen konzentriert sich jetzt mehr und mehr auf die Ermittlungen. Der alte Zauber der Ellery-Queen-Krimis kommt voll zur Wirkung: Im atemberaubenden Tempo werden völlig logische Lösungen präsentiert, um umgehend verworfen und durch neue Geistesblitze ersetzt zu werden. „Whodunit?“: Das ist die Frage, die über Gedeih und Verderb eines Queen-Thrillers entscheidet. Hier kann man nur bewundernd zugestehen: In letzter Sekunde fabelhaft die Kurve gekriegt! Ellery löst das Rätsel, und wie es sich gehört, ist der Täter derjenige, auf den wir nie getippt hätten.

Der eigenartige Titel spielt übrigens auf eine antike Sage an und wird uns von Ellery Queen persönlich erläutert: Einst musste der griechische König Kadmos sich einer Reihe gefahrvoller Prüfungen unterziehen. Unter anderem säte er Drachenzähne. Aus jedem erwuchs eine Gefahr. Diesem Beispiel ist Cadmus Cole mit seinem Testament gefolgt, das seinen Erben leicht den Tod, auf jeden Fall aber Unglück und Unzufriedenheit bringen kann.

Dem Nachwuchs eine Chance!

Ein Ellery-Queen-Roman ohne Ellery Queen? Ein Blinddarm-Durchbruch reißt unseren Helden zu einem recht frühen Zeitpunkt aus der Handlung, in die er als Genesender erst in der zweiten Hälfte (aber inkognito) zurückkehrt. Ihn ersetzt (oder soll ersetzen) Beau Rummell, ein junger, höchst eifriger Mann, der grundsätzlich das Zeug zur Hauptfigur hat. Kriminalistisch ist er als Sohn eines Polizisten einschlägig vorbelastet, Jura hat er studiert. Als Privatdetektiv lernt er rasch dazu.

Privat weist Rummell jene Eigenheiten auf, die ein guter Schriftsteller einem Serienhelden unauffällig aufprägt, um ihn unverwechselbar zu machen. Ellery Queen (gemeint ist dieses Mal der Autor) schlägt ihn mit einem unmöglichen Namen: Beau Brummell (1778-1840) gehört zu den großen Exzentrikern der Geschichte; ein Mann, der bis zum Exzess sein Leben der Mode und seiner Erscheinung gewidmet hatte und sprichwörtliches Vorbild für einen putzsüchtigen Lackaffen geworden ist.

Klar, dass der unglückliche Rummell als kerniger US-Amerikaner seine Jugendjahre damit verbringt Spötter zu vertrimmen und darüber groß und stark wird. Im Jahre 1939 ist er so weit, den Versuch zu wagen, in Ellery Queens (jetzt gemeint ist der Detektiv) Fußstapfen zu treten.

Der Erfolg verträgt keine Experimente

Wieso hat Queen (der Schriftsteller – ich weiß, es ist verwirrend!) seinen bekannten Helden aus dem Rennen genommen? Der Hauptgrund war ein Versuch, neue Wege zu beschreiten. 1939 ermittelte Ellery Queen bereits ein Jahrzehnt. Er hatte eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt, die ihn zu Recht berühmt und beliebt beim lesenden Publikum gemacht hatten. Dessen Erwartungen waren hoch und naturgemäß schwer zu befriedigen; welcher Serienheld steht nicht vor dem Dilemma, sich jedes Mal steigern und selbst übertreffen zu müssen?

Einen Ausweg bietet ständiger Kulissenwechsel. Das ist riskant, denn Serienhelden dürfen sich nicht wirklich ändern. Ihre Beliebtheit basiert zu einem guten Teil auf beruhigender Berechenbarkeit, auf die der Fan ungern verzichtet. Frederic Dannay und Manfred B. Lee (die Schöpfer von Ellery Queen) zeigten sich in dieser Hinsicht erstaunlich mutig. In vier Jahrzehnten veränderten und modernisierten sie ihren Detektiv fast unmerklich oder so geschickt, dass die Fans willig folgten. Außerdem experimentierten sie mit ihrer Figur, vertrauten sie anderen Schriftstellern an – oder rückten sie wie hier in den Hintergrund, wo sie den ganz hartgesottenen Queen-Freund durch eine ansonsten Queen-fremde Story führte.

“Drachenzähne” ist folglich eher ein Beau Rummell-Roman. Diese Figur ist nicht an die fixierten Queenschen Charakterzüge und Verhaltensweisen gebunden. Deshalb können ihn die Autoren auch in eine ‚richtige‘ Liebesgeschichte verwickeln, während der Ellery dieser Jahre zwischen weibfreier Denkmaschine und charmantem Frauenliebling mit Bindungsängsten changiert.

Versuch eines Lady-Thrillers

Die Lovestory zwischen Beau & Kerrie fällt zudem in eine Phase, in der Hollywood Ellery Queen (das Autorenduo und die Figur) entdeckt hatte. Schon die Verfilmungen der älteren, literarisch eher dem Fall verhafteten Queen-Romane weisen stärkere Romantik- oder Seifenoper-Elemente als die Romane auf. Weil Herzschmerz in der Filmindustrie seit jeher als verkaufsförderlicher erachtet wird als Hirnschmalz, kamen die durchaus kundenorientierten und geschäftstüchtigen Dannay & Lee den Studios entgegen.

Was für Kerrie Shawn die fatale Konsequenz hat, die uns hier als zeitgenössisches Exemplar des weiblichen Geschlechts unter die Augen tritt: ein nur notgedrungen selbstständiges „Mädchen“ (so der O-Ton), das sogleich an die breite Brust des ersten Ritters sinkt, sobald der sich endlich sehen lässt, und zuverlässig ohnmächtig wird, wenn Gefahr droht, um genanntem Ritter die Möglichkeit für mannhaften Einsatz zu bieten. Völlig passiv lässt sich Kerrie zwischen Ritter, Polizei, aufdringlichen Schurken und sonstigem Mannsvolk hin- und herschieben, weint viel und ist auch sonst eine üble Landplage. Merke: Nicht immer gleicht Nostalgie jeden Anachronismus aus! Glücklicherweise zog Ellery Queen (jetzt wieder das Autorenpaar) selbst die Konsequenzen und drosselte den Schnulzenfaktor in späteren Werken auf ein erträglicheres Format. Zur ‚reinen‘ Form des „Whodunit?“ kehrten sie allerdings nicht mehr zurück.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

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Und dann gabs keines mehr

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Mai 2010

christie-und-dann-tb-coverAgatha Christie
Und dann gabs keines mehr

(sfbentry)
Originaltitel: Ten Little Niggers or The Last Weekend/Ten Little Indians/And Then There Was None (London : HarperCollins 1939)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Letztes Weekend“): 1944 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Anna Katharina Rehmann
248 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 2006 (Fischer Verlag/TB Nr. 17404)
Übersetzung: Sabine Deitmer
224 S.
ISBN-13: 978-3-596-17404-1
Sonderausgabe (geb.): Oktober 2009 (Fischer Verlag)
319 S.
ISBN-13: 978-3-596-51114-3

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Das geschieht:

Wer ist Ulick Norman Owen? Diese Frage stellen sich zehn Männer und Frauen, die von Herkunft und Lebensart verschiedener nicht sein könnten. Besagter Mr. Owen hat sie auf ein Wochenende am Meer eingeladen. Vor einiger Zeit erwarb er „Nigger Island“, eine Insel vor der Küste der englischen Grafschaft Devon, die von einem feudalen Landsitz gekrönt wird. Sehr schön und luxuriös ist es hier, aber leider auch recht abgeschieden. Es gibt keine Fährverbindung zum Festland. Das wird fatal für unsere zehn Gäste, die eben doch eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie alle hüten ein düsteres Geheimnis. In ihrer Vergangenheit haben sie sich diverser Verfehlungen und Verbrechen schuldig gemacht, die unentdeckt und folglich unbestraft blieben.

Der mysteriöse Mr. Owen hat davon erfahren. Er, der weiterhin unsichtbar bleibt, kündigt Gerechtigkeit an. Ohne die Möglichkeit der Flucht sollen die Zehn ihre Strafe erwarten, die stets mit dem Tod identisch ist. Auf Nachsicht können die ‚Gäste‘ nicht zählen. Einen nach dem anderen ereilt das Ende, das perfide vom alten Kinderreim der „Zehn kleine Negerlein“ inspiriert ist, der gut sichtbar in jedem Zimmer aushängt.

Verzweifelt und vergeblich suchen die Verfolgten nach einer Fluchtmöglichkeit. Also ergreift man die Flucht nach vorn und durchsucht die Insel nach dem Versteck, in dem Owen sich zwischen seinen Untaten verborgen halten muss. Als dies ohne Ergebnis bleibt, dämmert der Gruppe die schreckliche Wahrheit: Owen muss einer von ihnen sein! Als potenzielles Opfer hat er die beste Tarnung. Fortan belauert und verdächtigt man einander, während die Zahl der „Negerlein“ weiter abnimmt …

Rätsel-Krimi auf die Spitze getrieben

Seit jeher wird gegen den Whodunit, jene Variante des Kriminalromans, der sich dem Wettkampf zwischen Autor und Leser auf der Suche nach dem Täter verschrieben hat, der Vorwurf erhoben, er vernachlässige die schlüssige psychologische Zeichnung seiner Figuren und ihrer Motive zugunsten einer ausgetüftelt konstruierten, aber letztlich mechanischen Handlung, die nur den Fall und dessen Lösung in den Vordergrund stelle. Dem kann grundsätzlich zugestimmt werden, bloß: Was ist eigentlich dagegen einzuwenden? Gar nichts, wie uns Agatha Christie mit dem hier vorliegenden Werk belegt. Sie gibt niemals vor, mit „Und dann gabs keines mehr“ eine realistische Geschichte zu erzählen, sondern füllt ein reizvolles Gedankenspiel mit literarischem Leben.

Ein isolierter Ort, eine überschaubare Gruppe, keine Möglichkeit zur Flucht oder zum heimlichen Eindringen der Außenwelt. Trotzdem ereignen sich diverse Morde. Wie kann das angehen? Die Zahl der Möglichkeiten ist begrenzt, sie werden von der Autorin konsequent durchgespielt. Christies Kunst besteht nun darin, dem Leser die Möglichkeiten schlüssig vor Augen zu führen. Sieh genau hin, keine Tricks, du kannst meine Hände sehen, und trotzdem werde ich dich täuschen! So gelingt es auch Agatha Christie: Sie überzeugt uns, dass „Nigger Island“ ein Ort ohne geheime Kammern und Verstecke ist. Trotzdem sterben die Besucher.

Wie kann das geschehen? Ganz einfach: Christie versteckt eben doch ein As im Ärmel. Sie beherzigt die höchste Pflicht des Whodunit: Verkaufe dein Publikum niemals für dumm, aber sei stets schlauer als deine Leser! Folgerichtig gibt es noch eine Lösung, an die möglichst niemand gedacht hat. Sie ist gelinde gesagt kompliziert und verrückt, aber sie ist gleichzeitig absolut logisch (und soll hier selbstverständlich nicht verraten werden).

Um sich die Aufgabe noch zu erschweren, aber auch um den Unterhaltungswert zu steigern, lässt Christie ihren Mr. U. N. Owen (= „Mr. Unknown“ = „Mr. Unbekannt“) nach Vorgabe eines alten Kinderreimes morden. Zehn Gäste = zehn kleine Negerlein, und wer besagten Reim kennt, weiß um die reichlich morbiden Todesarten, die hier fröhlich besungen werden!

Sie haben nichts gemeinsam – oder doch?

Wer ist’s gewesen? Diese Frage beschäftigt den Leser, dessen Neugier sich steigert, je mehr Gäste ins Gras beißen müssen. Die Mechanik der Handlung führt dazu, dass die Figuren als Individuen weniger wichtig sind denn als Gruppe von Verdächtigen. Christie zeichnet sie deshalb mit deutlichen, aber flüchtigen Strichen: Die Männer und Frauen auf „Nigger Island“ bleiben uns fremd. Wir müssen und sollen sie auch gar nicht näher kennen lernen. So verharren wir in derselben Unsicherheit wie sie selbst: Jede/r ist verdächtig! Obwohl Agatha Christie in ihrer langen Karriere vielleicht zu viele Whodunits schrieb oder sogar produzierte, ist sie auch dafür berühmt geworden, mehrfach mit den Regeln dieses Genres gespielt und sie mehrfach in ihr Gegenteil verkehrt zu haben. „Mord im Orient-Express“ („Murder on the Orient Express“, 1934) und „Tod in den Wolken“ („Death in the Clouds“/„Death in the Air“, 1935) zählen zu den bekannten Beispielen, aber auch und ganz besonders der vorliegende Roman gehört dazu.

Hier steckt nicht eine Gruppe Unschuldiger in Schwierigkeiten. Die Zehn sind in der Tat Mörder oder haben durch Leichtsinn oder Pflichtvergessenheit den Tod anderer Menschen verursacht. Sie alle leugnen es zunächst, gestehen es später aber ein. Diese Offenheit geht einher mit dem allmählichen, dann immer rascher ablaufenden Verfall gesellschaftlicher Etikette. Was zunächst eine zugeknöpfte Schar fremder Menschen war, zerfällt archaisch in ums Überleben ringende, einander misstrauende, Bündnisse knüpfende und wieder verwerfende, zunehmend jede Maske fallen lassende Einzelkämpfer. Dieser Prozess wird von Christie überzeugend und nie zimperlich inszeniert und macht den Reiz aus, den „Und dann gabs keines mehr“ nicht nur auf Generationen von Krimilesern, sondern auch auf Theater- und Filmschaffende ausübte: Hier bieten sich einem Schauspielerensemble reizvolle Herausforderungen!

So wurde aus dem Roman bereits 1943 ein Bühnenstück – Agatha Christie hat es selbst verfasst – und 1945 ein Kinofilm. Regisseur René Clair schuf mit „And Then There Were None“ (dt. „Das letzte Wochenende“) die erste und wohl beste Fassung. Mindestens viermal (1965, 1975, 1989) wurde der Roman seitdem verfilmt. Weitaus größer ist die Zahl der Filme, die sich der Plot-Konstellation mehr oder weniger deutlich bedienen; u. a. deklinierte Renny Harlin es mit seinem Thriller „Mindhunters“ (2004) durch.

Exkurs: Lady Agathas zweifelhafter Nachruhm als ‘Rassistin’

„Und dann gabs keines mehr“ gehört zu den Klassikern des Kriminalromans und wird auch in Deutschland seit sechs Jahrzehnten ständig neu aufgelegt. Außerhalb des Genres wurde dieses Buch vor einigen Jahren aufgrund seines anrüchigen Titels bekannt. „Ten Little Niggers“ betitelte Christie ihr Werk 1939. So hatte Frank Green 1869 seinen unsterblich gewordenen Kinderreim genannt, welcher der Verfasserin als Grundlage für ihr streng konstruiertes Mordrätsel diente.

1869 durfte man das Wort „Nigger“ noch verwenden. 1939 war dies schon nicht mehr so selbstverständlich. Christie wurde das bewusst, als sie ihren Roman in die USA verkaufen wollte. Dort hätten die schwarzen Leser – zwar politisch und gesellschaftlich diskriminiert, aber als zahlende Kunden durchaus gern gesehen – womöglich verärgert reagiert. Also titelte man das Werk in „Ten Little Indians“ um – und stieß damit eine weitere ethnische Minderheit vor den Kopf. Kein Wunder, dass man mit dem nächsten Neutitel auf Nummer Sicher ging: „And Then There Where None“.

In Deutschland gab es lange keinen Grund zu solchem Tun: Hier hieß der Roman seit jeher neutral „Letztes Weekend“. Erst 1985 wurde er neu übersetzt und erhielt den Titel „Zehn kleine Negerlein“: korrekt, aber auch eine tickende Zeitbombe, die 2002 als deutsches Lehrstück explodierte. In diesem Jahr sollten die „Zehn kleinen Negerlein“ in Hannover als Theaterstück aufgeführt werden. Ein Verein namens „African Action“ monierte den Titel, was zunächst höchstens die immer dankbaren Medien interessierte. Aber genannter Verein alarmierte die „Antidiskriminierungsstelle“, die es in der niedersächsischen Landeshauptstadt gibt. Mit deutscher Gründlichkeit nahm sie ihre Arbeit auf, informierte die erstaunten Christie-Erben in London (wo sich bisher offenbar kein Protest erhoben hatte) und ließ nicht eher locker, bis diese einer Umtitelung des Theaterstücks für Deutschland zustimmten.

Weil man schon einmal dabei war, erweiterte man diese Zustimmung auf die Neuauflage des Buches, das seither ebenfalls „Und dann gabs keines mehr“ heißt. Leider konnte man handlungsintegrale Elemente wie „Nigger Island“, den Ort des Geschehens, nicht politisch korrigieren. Auch das alte Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ findet weiterhin mehrfach Erwähnung. Deshalb gibt’s einleitend vorsorglich eine weitschweifige Entschuldigung an möglicherweise erregte Zeitgenossen. Und so ist diese Welt wieder ein besserer Ort geworden …

[md]

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Betrogen

Erstellt von Werner Karl am 24. April 2010

betrogenP. C. Cast & Kristin Cast
Betrogen
House of Night 2

Betrayed – A House of Night Novel, USA, 2007
S. Fischer Verlag/FJB, Frankfurt am Main, 03/2010
HC mit Schutzumschlag, Jugendbuch, Horror, Romantic Mystery
ISBN 978-3-8414-2002-2
Leseprobe aus „Erwählt – House of Night 3“/1695
Aus dem Amerikanischen von Christine Blum
Titelgestaltung von Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München – Zürich, Hanna Hörl,
nach einer Idee von Cara E. Petrus, unter Verwendung eines Motivs von Elke Hesser/gettyimages
Autorenfoto von Kim Doner

www.fischerverlage.de
www.HouseofNight.de
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Zoey Heffer – jetzt Zoey Redbird – ist eine Jungvampyrin, die zusammen mit andern Jugendlichen, die den Wandel vom Mensch zum Vampyr durchmachen müssen, in einem der „Houses of Night“ unterrichtet und mit ihrem zukünftigen Leben vertraut gemacht wird. Allerdings verläuft diese Phase bei Zoey etwas anders: Obwohl der Wandel gerade erst begonnen hat, ist das Mal, mit dem die Göttin Nyx ihre Auserwählten zeichnet, zwischen Zoeys Brauen bereits deutlich sichtbar. Sie weist eine Affinität zu allen fünf Elementen auf und nutzt diese Gabe, um Aphrodite, die arrogante Anführerin der Töchter und Söhne der Nacht, der es nur um ihr eigenes Ansehen geht, zu entmachten und ihre Stelle auch als angehende Hohepriesterin einzunehmen. Seither wurde das Mal um neue Zeichen erweitern, die sich um Zoeys Gesicht bis hinab zu ihren Schultern ranken. Etwas Vergleichbares haben die erwachsenen Vampyre noch nie gesehen.

Zoey hat keine andere Wahl, als sich damit abzufinden, dass sie in den Augen aller jemand Besonderes ist und dass man viel von ihr erwartet. Dabei stehen ihr einige Mitschüler treu zur Seite. Stevie Rae, Shaunee, Erin, Damian und Erik haben sich längst als zuverlässige und mutige Freunde bewährt. Und doch gibt es Dinge, die sie ihnen nicht oder nur eingeschränkt anvertrauen kann, denn entweder würde man ihr nicht glauben oder der Mitwisser geriete in große Gefahr. Die Situation eskaliert, als zwei menschliche Jungen in der Nähe des House of Night tot und blutleer aufgefunden werden. Die Behörden ermitteln, und auch Zoey wird befragt, da sie die Opfer flüchtig kannte. Dann verschwindet ihr Ex Heath, und in einem Albtraum sieht sie, wie er von vermummten Gestalten verschleppt wird, die sie bislang für die Geister von Mitschülern hielt, die nicht gewandelt wurden, sondern gestorben sind. Da sie sein Blut getrunken hat, kann sie Verbindung mit Heath aufnehmen und den Ort finden, an dem er gefangen gehalten wird.

Dort wird Zoey mit Dingen konfrontiert, die viel schlimmer sind, als sie auch nur geahnt hat. Eine Person, an der sie besonders hing und die sie verloren hatte, ist nun eine völlig andere, während jemand, dem sie lange vertraute, in diese grausigen Dinge verstrickt ist, gänzlich unbekannte Ziele verfolgt und Zoey „betrogen“ hat. Plötzlich sieht sich die Sechzehnjährige einer mächtigen Feindin gegenüber, während eine einstige Gegenspielerin zur Verbündeten werden könnte …

Der zweite Band der Serie „House of Night“, „Betrogen“, knüpft nahtlos an den Vorgänger, „Gezeichnet“ an. Falls jemand erst jetzt hinzu stößt, fasst ein kurzer Rückblick das Bisherige aus Sicht der Hauptfigur Zoey zusammen und stimmt zugleich den Kenner auf das Kommende ein. Zoeys Handeln konnte ein großes Unheil verhüten und blieb nicht ohne Folgen: Sie selber ist in den Mittelpunkt der Beachtung gerückt, die neue Anführerin der Töchter und Söhne der Nacht geworden und gilt als die nächste Hohepriesterin. Ihre ungewöhnliche Zeichnung macht auch optisch deutlich, dass Nyx sie auserwählt und mit besonderen Gaben gesegnet hat, offenbar um notwendige Reformen einzuleiten. Im Gegenzug wird Zoeys Rivalin Aphrodite isoliert und von allen im Stich gelassen. Die Eltern, die sie für ihre Zwecke benutzen wollten, beschimpfen sie, die Freunde, die sich in Aphrodites Glanz gesonnt hatten, ziehen sich zurück, und die Hohepriesterin Neferet hat nur noch eiskalte Verachtung für ihren einstigen Schützling übrig, behauptet sogar, dass Nyx Aphrodite bestraft habe, indem ihr die Gabe der Vision genommen wurde.

Es ist reiner Zufall, dass Zoey einige dieser Dinge aufschnappt. Wider Willen beginnt sie, Sympathie und Mitleid für Aphrodite zu empfinden, schließlich hat sie selber Eltern, die kaum einen Deut besser als die der Feindin sind. Auch begreift sie, wie viel ihr die Freundschaft zu Stevie Rae und den anderen bedeutet, die, was auch kommen mag, Zoey nicht fallen lassen würden, so wie es die falschen Freunde von Aphrodite taten. Außerdem lernt sie eine ganz andere Seite von ihrer Mentorin Neferet kennen, welche sie zur Vorsicht gemahnt. Und diese erweist sich als begründet, denn immer wieder passiert etwas – zunächst nur kleine Dinge -, die Zoey an der Aufrichtigkeit Neferets zweifeln lassen. Allerdings kann sie mit niemandem über ihre Befürchtung reden, denn selbst ihre Freunde lassen sich von der charismatischen Vampyrin blenden. Bloß Aphrodite blickte bereits hinter die schöne Fassade, und obwohl sich die Mädchen nicht mögen, ist sie es, die Zoey mehr als einmal warnt und sie wissen lässt, dass ihre Rivalin keineswegs ihre visionären Kräfte eingebüßt hat.

Dadurch wird Zoeys Welt völlig auf den Kopf gestellt – nichts ist so, wie es sein sollte. Hinzu kommen erschütternde Geschehnisse jenseits der Schulmauern, die die Polizei gern den Vampyren anlasten würde, und eine Tragödie in Zoeys unmittelbarer Umgebung, denn sie verliert einen wichtigen Freund. Plötzlich hat sie Träume und Visionen, und ihr Ex Heath wird zum Schlüssel, wenngleich das Rätsel nur noch größer wird. Von daher fällt „Betrogen“ etwas unbefriedigend aus, denn nach „Gezeichnet“, in dem das Setting und die Hauptfiguren vorgestellt und der Konflikt vage angedeutet wurden, erweist sich der zweite Teil als Weichen stellend, denn das scheinbare Idyll zerplatz wie eine Seifenblase, und was bleibt, ist etwas Düsteres und Gefährliches. Zoey deckt ein übles Geheimnis auf und erkennt ihre wahre Feindin, kann das Puzzle aber noch nicht zusammensetzen, d. h., viele wichtige Antworten werden auf spätere Kapitel verschoben.

In diesen spannenden Plot verwoben ist natürlich eine auf Teenager-Bedürfnisse abgestimmte Romanze. Auch Jungvampyre erweisen sich als anfällig für die üblichen Irrungen und Wirrungen des Herzens. Zoey ist mit Erik liiert, aber ihre Beziehung tritt auf der Stelle, schon wegen Heath, der nicht von Zoey loskommt, da sie von seinem Blut getrunken hatte. Doch noch ein Dritter mischt mit. Wer letztlich das junge Mädchen erobern wird, bleibt ebenfalls offen – und da weitere Bände folgen sollen, darf man davon ausgehen, dass sich das Liebeskarussell noch einige Male drehen wird. Alles in allem bieten P. C. & Kristin Cast mit ihrer „House of Night“-Serie zeitgenössische und altersgerechte Unterhaltung zu einem populären Thema. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und seltener Kollegen verbinden sie mit den Vampyren das ‚Göttinnen-Thema’, das in den 1970er Jahren aktuell war (Marion Zimmer Bradley: „Die Nebel von Avalon“) und nun eine Renaissance erleben könnte. Das Szenario wirkt realistisch, da als Vorlage für die Parallelwelt das heimatliche Tulsa/Oklahoma dient.

Freilich gibt es im Moment eine Menge Romantic Mystery- und Romantic Fantasy-Romane, so dass man die Qual der Wahl hat. Beispielsweise konnte Stephenie Meyer mit ihrer „Twilight“-Serie viele Fans um sich scharen, und Lisa J. Smiths „Vampire Diaries“ erfuhren prompt eine Neuauflage und profitieren gerade von der gleichnamigen TV-Serie. „The House of Night“ kann mit diesen und anderen überaus beliebten Reihen problemlos mithalten, zumal die Autorinnen doch ein wenig anders an das Motiv der ‚High School-Vampires in Love’ herangehen. Ihre Protagonisten sind frech, witzig und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist (was manchmal schon ein bisschen zu ‚cool’, zu dick aufgetragen wirkt). Sie jammern nicht lange, sondern handeln spontan, so dass die Geschichte voran kommt und immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet. Selbst die romantischen Szenen sind weniger steif und durchweg nachvollziehbarer, auch wenn die Beteiligten – noch – nicht bis zum Äußersten gehen.

Von daher ist der Titel auch für das reifere Publikum reizvoll, denn man erlebt Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsenen, die noch einige Teenager-Probleme bewältigen müssen und sich entsprechend verhalten, dabei aber immer mehr Verantwortung übernehmen und sich weiter entwickeln. Die Charaktere können überzeugend ihre Rollen erfüllen, selbst Zoey, die schon arg viele Superlative aufweist. Die Story ist spannend und gerade in „Betrogen“ überaus dramatisch und tragisch, da Verluste bewältigt und schlimme Tatsachen akzeptiert werden müssen. Leider ist dieser zweite Roman ein richtiger ‚Mittelband’, in dem zwar eine Menge passiert, die Handlung weiter kommt und eine Wende nimmt, der aber zu wenige Antworten gibt. Am Ende darf man reichlich spekulieren – und hoffen, dass die Fortsetzung, „Erwählt“, die Fischer für August 2010 angekündigt hat, wenigstens einige Enthüllungen bietet.

Hat man Gefallen am ersten Teil von „House of Night“ gefunden, wird man gewiss auch die nächsten Bücher lesen wollen, von denen es, laut den Autorinnen, wenigstens 15 geben soll. Das bedeutet eine Menge atemberaubende und romantische Spannung für Leserinnen ab 14 Jahre.

Copyright 2010 © by Irene Salzmann (IS)

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Gezeichnet

Erstellt von Werner Karl am 10. April 2010

gezeichnetP. C. Cast & Kristin Cast
Gezeichnet
House of Night 1

Marked – A House of Night Novel, USA, 2007
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 12/2009
HC mit Schutzumschlag, Jugendbuch, Horror, Romantic Mystery
ISBN 978-3-596-86003-6
Aus dem Amerikanischen von Christine Blum
Titelgestaltung von Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München – Zürich,
Hanna Hörl, nach einer Idee von Cara E. Petrus, unter Verwendung eines Motivs von Elke Hesser/gettyimages
Autorenfoto von Kim Doner

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Die Romane von Stephenie Meyer haben gerade auch im Jugendbuch-Bereich eine Welle losgetreten, die jetzt immer noch nach Deutschland hinüber schwappt – nicht nur in Form von einfachen Nachahmungen, in denen die jugendliche Heldin durch Zufall in Berührung mit der Welt der Dunkelheit kommt, und sich dort in den schönen und starken Vampir verliebt, sondern durchaus auch in eigenständigen Geschichten, die klassischen Handlungsmustern neue Facetten abzugewinnen versuchen. Eine Reihe, die neu bei Fischer erscheint, ist „House of Night“ von P.C. und Kristin Cast. Mit „Gezeichnet“ führen Mutter und Tochter erstmals in ihre Welt ein. Die sechzehnjährige Zoey Heffer ist ein ganz normaler Teenager, wenngleich sie ziemliche Probleme mit ihrem Stiefvater hat, der einer fundamentalistisch-christlichen Kirche angehört.

Doch dann ändert sich alles, als plötzlich ein fremder junger Mann auf sie zutritt und sie zeichnet. Ein bläulich schimmernder Halbmond erscheint auf ihrer Stirn und macht damit für alle anderen deutlich, dass sie mehr als ein Mensch ist. Sie wird sich in nicht all zu ferner Zukunft in einen Vampyr verwandeln. Das führt dazu, dass sich alle von ihr abwenden – Bekannte und Freunde, ja selbst die eigene Familie. Allein ihre Großmutter Sylvia Redbird steht zu Zoey und nimmt das Mädchen erst einmal bei sich auf, als wisse sie, was mit ihr passieren wird. Später bringt sie Zoey sogar in das „House of Night“, ein Internat in dem junge Vampyre lernen sollen, ihr Leben zu meistern. Das Mädchen wird freundlich empfangen; vor allem Neferet, die sich als ihre Mentorin vorstellt, scheint eine ganze Menge in ihr zu sehen. Mit ihrer Zimmerkameradin Stevie Rae und deren Freunde Erin, Shaunee und Damien kommt das junge Mädchen auch sofort gut aus.

Doch es läuft nicht alles so glatt, wie Zoey hoffte. Zwar sind die erwachsenen Vampyre in Ordnung und die meisten anderen Mitschüler recht nett, aber da sind auch noch die arrogante Aphrodite und ihre Anhänger, die ziemlich großen Einfluss im „House of Night“ zu haben scheinen. Schon sehr früh entwickelt sich Rivalität zwischen den beiden und das nicht nur wegen dem attraktiven Eric Night, denn Zoey ist auch noch mit anderen Besonderheiten gesegnet, die Aphrodite mehr als neidisch machen. Natürlich erfinden die beiden Autorinnen das Genre nicht neu, denn sie bedienen sich vieler Versatzstücke, die man bereits aus anderen Romanen kennt. Sie verleihen ihren Vampiren eine mystische Seite, die man sonst nur aus Büchern kennt, in denen junge Frauen von alten Göttern oder Göttinnen gestreift und magische Gaben verliehen bekommen, mit denen sie Geister, aber auch die Elemente beeinflussen können. Viel davon ist hier zu finden, auch die damit einhergehenden Rituale, wie man sie etwa von den Wicca kennt. Selbst die Moral und Einstellung der Vampyre sind daran angelehnt und unterscheiden sich damit ein wenig von denen anderer Romane. Trotz aller Überlegenheit versuchen sie, im Einklang mit der Schöpfung zu leben, auch wenn sie diese zerstören könnten.

Wie zu erwarten ist, erweist sich Zoey als die Auserwählte, die allen anderen überlegen ist, wenn sie erst einmal das volle Potential ihrer Gaben erkennt. Um nicht ganz zu einer Superheldin zu werden, begreift sie zuerst nicht, was eigentlich mit ihr los ist und bleibt auch später sehr menschlich und bescheiden. Das Ganze ist in eine recht typische Highschool-Atmosphäre eingebettet, wie man sie schon aus einschlägigen Teenie-Romanzen kennen gelernt hat. Aphrodite entspricht der zickigen und egoistischen Schulschönheit, die glaubt, alle anderen nach ihrer Pfeife tanzen lassen zu können, Eric dem von allen umschwärmten Schönling, der letztendlich doch das Herz auf dem rechten Fleck hat. Natürlich gibt es auch die Außenseiter und Freaks, die letztendlich hier aber zu den Opfern werden, und letztendlich die auf dem Boden gebliebenen Jungen und Mädchen aus Zoeys Freundeskreis.

Das alles wird aber recht lebendig und unterhaltsam erzählt. Den beiden Autorinnen gelingt es, einem die Helden so nahe zu bringen, dass man mit ihnen fiebert und gespannt ist, ob sie die Gefahren und Probleme meistern. Und auch wenn am Ende die Geschichte abgeschlossen ist, so bleiben doch noch einige Fragen offen, die neugierig darauf machen, wie es weiter geht. Obwohl sich das Buch in erster Linie an Jugendliche ab 13 oder 14 Jahre wendet, werden auch ältere Leser gut unterhalten, da die Figuren nicht all zu übertrieben dargestellt sind und sich die Handlung als vielschichtiger erweist, als erwartet.

Alles in allem ist „Gezeichnet“ ein gelungener Auftakt der „House of Night“-Reihe, der nicht nur Fans von Geschichten im Stil von „Bella und Edward“ gefallen dürfte sondern auch denen, die inzwischen von Vampirbüchern mehr erwarten als nur eine dramatische Romanze.

Copyright © 2010 by Christel Scheja (CS)

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Flirtline – Wenn du dem Falschen vertraust

Erstellt von Werner Karl am 3. April 2010

flirtlineMarkus Showe
Flirtline – Wenn du dem Falschen vertraust

Fischer Generation, Frankfurt, 01/2008
TB, Jugendbuch, Drama, Romance
ISBN 978-3-596-80759-8
Titel gestaltung von Bilek Krämer Jäger unter Verwendung eines Fotos von Jonathan Cavendish/CORBIS
Autorenfoto von Anneser

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Lisas Eltern haben sich getrennt, und zusammen mit ihrer Mutter ist das Mädchen in eine andere Stadt gezogen. Während sich Lisa schwer tut, in der neuen Klasse Anschluss zu finden, hat die Mutter, die den Lebensunterhalt für sie beide verdient, bald einen Freund. Lisas Hoffnung, dass sich der Vater wenigstens an manchen Wochenenden um sie kümmern würde, zerschlägt sich schnell, denn er plant, mit seiner Gefährtin ins Ausland zu gehen. Die Enttäuschung lässt Lisa an ihrer Mutter aus und zieht sich immer mehr zurück. Als sie wieder einmal einen Abend allein vor dem Fernseher verbringt, ruft sie spontan bei einer „Flirtline“ an, für die gerade Werbung gemacht wird und die für Frauen kostenlos ist. Der Zufall will es, dass sie an Daniel gerät, der nur wenig älter ist, sich sehr nett anhört und ihr das Verständnis entgegen bringt, das sie bei ihren Eltern vermisst. Lisa ahnt nicht, dass Daniel sie lesen kann wie ein aufgeschlagenes Buch. Schon bald kennt er ihren richtigen Namen und ihre Adresse und beobachtet sie. Als sie von zu Hause ausreißt und sein Hilfeangebot annimmt, schnappt die Falle zu, und zu spät erkennt sie sein wahres Gesicht …

„Flirtline“ ist ein Jugenddrama, das Probleme aufgreift, mit denen sich viele Kinder und Jugendliche konfrontiert sehen: Die Eltern trennen sich und haben sich, nach Ansicht der Kinder, zu wenig Mühe gegeben, um die Familie zu erhalten. Vater und Mutter finden neue Partner und haben darum weniger Zeit für die Kinder. Die ungewohnte Situation und vielleicht eine neue Arbeit lassen das Elternteil oft gereizt reagieren, und die Kinder vermissen die einstige Geborgenheit und das Verständnis, das ihnen früher entgegengebracht wurden. Zu oft werden sich die Kinder selbst überlassen. Ihre Probleme, vor allem wenn es darum geht, Anschluss an Gleichaltrige zu finden, werden nicht genug beachtet. In Folge erliegen sie verschiedenen Verlockungen, in diesem Fall einem kostspieligen Dating-Service. Auch wenn man private Nummern austauscht, gerade beim Handy kann das so teuer werden, dass junge Menschen schnell in der Schuldenfalle sitzen. Kleine und größere Diebstähle u. ä. sind die nächsten Schritte.

Noch schlimmer wird es, wenn man an falsche Freunde gerät, wenn derjenige, dem man vertraut hat, nicht der ist, der er vorgab zu sein. So wie bei Lisa, die Trost bei Daniel sucht, der psychische Probleme hat, die keiner erkannte. Für seine Eltern ist er ein Loser, andere Jugendliche und insbesondere die Mädchen schenken ihm nicht die Beachtung, nach der er sehnt; nach einigen Enttäuschungen ist er voller Wut und Hass. Spielt Lisa nicht nach seinen Regeln, soll sie büßen. Man kann sich sehr leicht in Lisas Denken hineinversetzen, wenngleich reifere Leser hin und wieder finden werden, dass sie in manchen Momenten überreagiert und wirklich zu blauäugig in Daniels Falle tappt. Markus Showe möchte durch dieses realistisch erzählte Schicksal auf die vielen Gefahren hinweisen, in die arglose (junge) Menschen geraten können. Er warnt, verzichtet aber darauf, Patentlösungen anbieten zu wollen, denn die gibt es nicht. Jede Situation und auch die Beteiligten sind anders. Man kann bloß vorsichtig und wachsam sein.

Nur ganz behutsam wird durch Lisas Dialoge mit den Eltern angedeutet, dass die Kinder selten merken, wie egoistisch sie sein können, da sie nur an sich selber, nicht aber an die anderen denken, die in einer solchen Krise ebenfalls leiden. Könnten die Eltern mit neuen Partnern ihr Glück finden, wird es ihnen missgönnt, dabei sind es die Kinder, die früher oder später aus dem Haus gehen, eine Familie gründen und Mutter oder Vater allein lassen – die vielleicht ihre Chance verpasst haben und einsam bleiben, nachdem sie für die Kinder ständig zurücksteckten.

„Flirtline“ ist ein fesselndes und zugleich einfühlsam geschriebenes Buch für Leserinnen und Leser ab 12 Jahre, das durchaus am Verhalten der Eltern und auch vorsichtig an dem der Kinder Kritik übt. Der Titel kann als Unterrichtslektüre empfohlen werden, denn er bietet neben einer realistischen, vordergründig spannenden Geschichte einen aufklärenden und diskussionswürdigen Inhalt. Als besonderes Extra ist eine URL angegeben, die zu einer Bonus-Geschichte führt, in der Daniels weiteres Schicksal behandelt wird.

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

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Frauen reden zuviel

Erstellt von Michael Drewniok am 30. März 2010

truss-frauen-coverSeldon Truss
Frauen reden zuviel

(sfbentry)
Originaltitel: Ladies Always Talk (London : Hodder & Stoughton 1950)/Why Slug a Postman? (Garden City/New York : Doubleday 1950)
Übersetzung: Maria Meinert
Deutsche Erstausgabe: 1962 (Alfred Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane Nr. 171)
189 S.
[kein ISBN]


Das geschieht:

Das Schicksal treibt seltsame Scherze mit der jungen Ann Smith aus London: Zwar stammt sie aus gutem Haus, ist aber arm wie eine Kirchenmaus, denn mit einer reichen Tante hat sich die Familie schon lange verkracht. Nun muss sie eine Stelle als Dienstmädchen in der Pension der strengen Miss Melrose annehmen. Ausgerechnet dort hat sich auch Miss Blenkarne, besagte Tante, einquartiert, die von der Anwesenheit der Nichte nichts ahnt.

Die Pension ist der Wohnort zwar wohlhabender aber recht kapriziöser Zeitgenossen. Sie beklagen sich gern und intrigieren noch lieber. Derzeit ist ein seltsamer Vorfall Thema der Tischgespräche: Als der Postbote vor dem Haus den Briefkasten leeren wollte, wurde er überfallen und niedergeschlagen. Der Dieb stahl kein Geld, sondern nur die von den Hausbewohnern eingeworfenen Briefe; eine Tat, die auch bei der Polizei für Ratlosigkeit sorgt.

Wenig später unterläuft Ann offenbar ein fataler Irrtum, als sie eine Dose Lachs, die ihre Haltbarkeit längst überschritten hat, zum Verzehr freigibt. Miss Blenkarne überlebt diese Mahlzeit nicht. Miss Melrose schiebt die Verantwortung auf ihre flugs gefeuerte Angestellte, und auch die Polizei reagiert argwöhnisch. Der mögliche Erbtanten-Mord, von Ann ohnehin energisch bestritten, wäre allerdings nutzlos, denn Miss Blenkarnes Bankkonto ist leer: In den letzten Monaten hat sie ihren gesamten Wertpapierbesitz zu Geld gemacht, das nun verschwunden ist.

Wer hat die alte Dame dazu veranlasst? Wo ist das beträchtliche Vermögen geblieben? Scotland Yard schickt Chefinspektor Gidleigh in das Haus Chester Grove Nr. 36. Geduldig beginnt der erfahrene Ermittler den kriminellen Knoten zu entwirren, was zu überraschenden Ergebnissen führt …

Die Attraktion der Wiederholung

Plot, Figurenpersonal, Schauplatz, Schreibstil: Dies sind die vier Eckpfeiler des typischen Rätselkrimis. Sie stecken ein vergleichsweise überschaubares Gelände ab, in dem nichtsdestotrotz zahllose unterhaltsame Kriminalromane spielen, obwohl ihre Handlungen bereits bei geringem Betrachtungsabstand nur schwer zu differenzieren sind. Dennoch lieben die Fans diese gemütliche („cozy“) Nische, in der sie zumindest lesend dem Alltag eine Weile entfliehen können.

Nichts dagegen einzuwenden, wenn dies so unwiderstehlich offen und (dies freilich unfreiwillig) altmodisch geschieht wie in unserem Fall. Schon der Titel „Ladies Always Talk“ und erst recht seine deutsche Übersetzung würden heute politisch korrekten Widerstand provozieren. Überhaupt spielt das Geschehen in einer überholten Welt, wobei der Zeitfaktor zumindest in einem entscheidenden Detail auch vom historisch uninteressierten Leser berücksichtigt werden muss: Dass in einer Pension des beschriebenen Niveaus Luxus-Lebensmittel nicht nur aus der Konservendose stammen, sondern diese darüber hinaus verrostet und verdorben sein können, ist dem Mangel der ersten Nachkriegsjahre geschuldet, die den zeitlichen Hintergrund unserer Geschichte bilden; der II. Weltkrieg hat auch in England seine Spuren hinterlassen.

Die Pension selbst stellt die im „Whodunit“ unverzichtbare isolierte und übersichtliche Kulisse dar. Hier spielt sich der Mord statt, der das Krimi-Geschehen in Gang setzt, und hier wohnen die der Tat Verdächtigen: So fordert es das Versprechen der Fairness, das der miträtselnde Leser als gegeben voraussetzt.

Im Puppenhaus der unterdrückten Triebe

Bis sich der mit dem Fall betreute Detektiv – der zum sechsten Mal auf einen Fall angesetzte Chefinspektor Gidleigh – blicken lässt, sind beinahe 100 Buchseiten gelesen. Dem Geschick des Verfassers ist zu verdanken, dass wir ihn gar nicht vermissen. Mit der Pension am Chester Grove schuf der Verfasser einen mustergültigen, in sich selbst ruhenden „Whodunit“-Mikrokosmos, den wir uns gern gemächlich vorstellen lassen.

Das Haus selbst ist alt und mit vielen Gängen und Treppen versehen, die einem Übeltäter Auftritt und Flucht erleichtern. Zudem lebt in jedem Raum eine unterhaltsam exzentrische Figur. Truss spielt hier mit Genre-Klischees, die er gleichzeitig konserviert. Wie ‚realistisch‘ ist eine Verdächtigen-Schar, die u. a. aus einem indischen Militär-Veteranen, einer belgischen Als-ob-Gräfin, einer hysterischen Tante und einem sarkastischen Arzt besteht? Hinzu kommen eine Wirtin mit mysteriöser Vergangenheit, ein sardonischer Butler, der stets dort auftaucht, wo etwas geschieht, das er weder sehen noch hören sollte, ein grenzdebiles Hausmädchen und eine ungerührte Köchin, die ohne einen Blick auf den möglicherweise bedenklichen Zustand der Lebensmittel zu werfen („Dafür bin ich nicht da.“) blind und stur zubereitet, was ihr unter die Finger gerät.

Ann Smith passt gut in diese seltsame Gesellschaft. Auf der einen Seite ist sie die Maid in Not, die unter einen Mordverdacht gerät, der erst in letzter Sekunde von ihr genommen werden kann. Gleichzeitig beschreibt Truss einen Charakter mit Widerhaken, die den Leser in Unsicherheit wiegen: Wie unschuldig ist Miss Smith wirklich?

Kein Held, sondern nur ein objektiver Ermittler

Das fragt sich und sie auch Chefinspektor Gidleigh. Genretypisch lässt er sich dabei nicht wirklich in die Karten schauen. Er gehört zu den stillen aber deshalb nicht weniger gründlichen Ermittlern und nähert sich der Wahrheit ruhig aber unerbittlich, indem er sich auf Indizien stützt und Vorurteile oder falsche Anschuldigungen unberücksichtigt lässt: „Frauen reden zuviel“ ist auch ein Schulbeispiel für die Macht des (falschen) Verdachtes. Ebenso witzig wie in der Sache ernst demonstriert Truss uns dies am Beispiel einer gerichtlichen Leichenschau, in deren Verlauf der Leumund von Ann Smith durch an sich belanglose Aussagen Stück für Stück demontiert wird: Unterm Strich addieren sich diese Informationen zu einem widersprüchlichen Bild, das die junge Frau schlecht dastehen lässt. Die Justiz bevorzugt einfache Lösungen, und die Presse liebt den Skandal: Zwischen Ann Smith und ihrer Verurteilung steht schließlich nur noch Gidleigh.

Ihn kann man trotzdem schwerlich als Helden bezeichnen. Gidleigh ist kein Sherlock Holmes, der ebenso genial wie verschroben und damit unterhaltsam seinem Job nachgeht. Diese Charakterisierung ist für den Verfasser durchaus vorteilhaft: Die Geschichte funktioniert auch ohne Gidleigh, der wie gesagt erst involviert wird, als die Ereignisse im Haus Chester Grove Nr. 36 gründlich so verwirrt wurden, dass nur ein außergewöhnlicher Ermittler die Wahrheit noch aufdecken kann.

Wortwitz im Dienst des Geschehens

Den blassen Gidleigh gleicht Truss durch einen Schreibstil aus, der treffsicher zwischen Ernst und Humor balanciert, was sich – selten genug gelingt dies – in der deutschen Übersetzung erhalten hat: Als die Polizei einen verdächtigen Koffer sicherstellt, schaltet sich der Beamte in der Gepäckaufbewahrung sachkundig so ein: „Zu klein für eine Leiche … Oder es müsste schon ein Baby sein. Und nicht schwer genug für Silber.“ (S. 121) Eher in die heutige Zeit passt auch eine angeregte Diskussion über den Giftgehalt von Erbrochenem, die in einem gut besetzten Speiselokal stattfindet (S. 119f.).

Dass der Verfasser für seinen Mord eine schlüssige und spannende Auflösung findet und sie in ein großes Finale kleidet, ist keine Überraschung mehr, sondern rundet das günstige Urteil über dieses Buch ab und weckt den Wunsch nach einer Wiederentdeckung bzw. Neuveröffentlichung von Seldon Truss, der Krimis zu schreiben vermochte, die gerade so überzeichnet wurden, dass sie der Zeit kurzweilig widerstehen konnten.

Autor

Über das Leben von Leslie Seldon Truss ist – obwohl es beinahe ein Jahrhundert währte – nicht viel bekannt. Geboren wurde er 1892, und zunächst zog es ihn zum gerade erfundenen Film: Truss gehört zu den Gründergestalten des britischen Kinos, für das er in den 1910er und frühen 20er Jahren als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur tätig war.

In den 1920er Jahren begann Truss eine zweite Karriere als Schriftsteller. Erfolg hatte er mit seinen Kriminalromanen, von denen der erste („The Stolen Millionaire“) 1929 erschien. Sieben Jahre später schuf Truss mit dem Scotland-Yard-Beamten Gidleigh eine Serienfigur, die zwischen 1936 und 1965 in 23 Romanen – klassischen „Whodunits“ – auftrat.

1969 beschloss Truss – der auch einige Bücher unter dem Pseudonym „George Selmark“ veröffentlichte – seine Schriftsteller-Laufbahn mit dem Roman „The Corpse That Got Away“. Sein Ruhestand währte lange, denn Sheldon Truss starb erst 1990 im gesegneten Alter von 98 Jahren.

[md]

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Love Lessons

Erstellt von Werner Karl am 22. März 2010

love-lessonsJacqueline Wilson
Love Lessons

GB, 2005
Fischer Schatzinsel/Generation, Frankfurt, 03/2009
mit Genehmigung des Sauerländer Verlags/Patmos, Düsseldorf, 2007
TB, Jugendbuch, Drama, Romance
ISBN 9783596808397
Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss
Titelgestaltung von Caroline Liepins
Autorenfoto von privat

www.fischerverlage.de
www.fischerschatzinsel.de
www.jacquelinewilson.co.uk/

Prue und Grace sind 14 und 11 Jahre alt. Die Mädchen wachsen in einem Elternhaus auf, das mehr als nur erzkonservativ ist. Der von sich eingenommene Vater tyrannisiert die Familie mit seinen unzeitgemäßen Ansichten, die Mutter unterwirft sich ihm völlig, und den Kindern wird ein Leben verwehrt, wie es für andere in ihrem Alter völlig normal ist: Sie müssen altmodische, selbst genähte Kleider tragen, dürfen nicht in die Schule gehen, Besuche bei Mc Donald’s, Rundfunkgeräte und Kontakte zu Gleichaltrigen sind tabu. Nachdem der Vater einen Schlaganfall erlitt, bricht die von ihm mühsam konstruierte Welt auf einen Schlag zusammen. Die Mutter fühlt sich überfordert, als sie feststellt, wie hoch die Familie verschuldet ist, da die heruntergekommene Buchhandlung in den vergangenen Jahren so gut wie keine Kunden hatte, und das Schulamt verlangt, dass die Mädchen regelmäßig den Unterricht besuchen.

So haben Prue und Grace keine andere Wahl, als sich an einer verrufenen Schule einzuschreiben – die Wartelisten bei den besseren Instituten sind einfach zu lang. Während die fröhliche, unkomplizierte Grace schon am ersten Tag zwei Freundinnen findet und sich schnell anpasst, hat Prue mehr Probleme, denn für ihre Klassenkameraden stellen Äußerlichkeiten und abweichendes Verhalten ideale Angriffsflächen dar, und einige Tritte ins Fettnäpfchen besorgen den Rest. Um sich zu schützen, baut Prue eine Mauer aus Arroganz auf, mit der sie auch bei den Lehrern aneckt. In Mathe und den Naturwissenschaften wird sie als hoffnungsloser Fall weitgehend in Ruhe gelassen; in den anderen Fächern reizt sie durch umfassende Kenntnisse. Allein Keith Raxberry, der junge Kunstlehrer, blickt hinter die Fassade und erkennt, wie unglücklich Prue ist. In seinen Stunden blüht sie auf, denn schon immer war es ihr Wunsch, Kunst zu studieren.

Rax, wie er von Kollegen und Schülern genannt wird, bietet Prue einen Job als Babysitter an, denn er hat zwei kleine Kinder, und seit sie auf der Welt sind, konnten er und seine Frau nicht mehr ausgehen. Prue nimmt an, denn auch kleine Beträge helfen ihrer Mutter weiter. Längst hat sich das Mädchen in den Lehrer verliebt und übersieht darüber ihren Mitschüler Toby, der gern mit ihr befreundet wäre. Schließlich eskaliert die Situation: Prue gesteht Rax ihre Gefühle, und er reagiert anders, als erwartet. Obendrein wird der Vater unverhofft aus dem Krankenhaus entlassen, und alle fürchten sich davor, wie er reagieren wird, sobald er feststellt, dass das Leben ohne ihn weitergegangen ist und sich die Uhr nicht mehr zurückdrehen lässt …

Titel, Klappentext und das bunte Cover vermitteln den Eindruck, dass es sich bei „Love Lessons“ um eine vergnügliche Teenager-Komödie handelt, in der eine Außenseiterin lernen muss, sich in der ‚realen’ Welt zu behaupten, während ihr Umfeld durch sie langsam begreift, dass Äußerlichkeiten nicht alles sind; dazu ein paar Irrungen und Wirrungen des Herzens, bis der Märchenprinz gefunden ist – „Aschenputtel“ und „Grease“ lassen grüßen. Aber weit gefehlt! „Love Lessons“ ist ein Jugend-Drama, das weit über das hinausgeht, was man in ähnlichen Büchern vielleicht schon gelesen hat. Prue, die Hauptfigur, lebt mehrere Jahre völlig abgeschottet von ihrer Umwelt. Sie bemüht sich, den tyrannischen Vater zu beeindrucken, während sie sich ihren Teil über ihn denkt, sie lässt sich von der ängstlichen Mutter vorschieben, wenn der Vater von unangenehmen Dingen erfahren muss, und sie tröstet ihre Schwester, die wegen ihrer Naivität und ihres Übergewichts besonders unter dem Vater zu leiden hat.

Natürlich ahnt Prue, wie das Leben ‚draußen’ aussieht, denn sie beobachtet Gleichaltrige, kauft sich heimlich Magazine und träumt davon, so zu sein wie die anderen. Als sie zur Schule gehen soll, glaubt sie zunächst, eine Chance zu haben, dass ihre Wünsche wahr werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Lehrer und Mitschüler schikanieren sie gleichermaßen, weil sie nicht der ‚Norm’ entspricht. Für Prue ist es außerdem ein herber Schlag gegen ihr Selbstbewusstsein, als sie feststellt, wie einseitig der Unterricht ihres Vaters war und man sie in ihren starken Fächern als Streberin hasst. Dass sich ‚die dumme’ Grace sehr viel leichter tut, schmerz ebenfalls. Kunstlehrer Rax ist der einzige Lichtblick, dem zuliebe Prue weiterhin zur Schule geht. Prompt verliebt sie sich in ihn. Statt sich wie bisher in Tagträume voller imaginärer Freunde zu flüchten, malt sie sich nun eine rosige Zukunft an seiner Seite aus. Als sie sich ihm offenbart, bringt dieses Steinchen eine Lawine ins Rollen. Daheim passiert dasselbe, denn der Vater wird, immer noch leicht behindert, aus der Klinik entlassen und ahnt nicht, was sich alles in den vergangenen Wochen verändert hat. Wie steht Rex zu Prue, und wie wird er sich entscheiden? Wie wird es der Vater aufnehmen, dass sich die Familie über seine Befehle hinweggesetzt hat? Werden sich ihm Frau und Kinder wieder unterwerfen? Gibt es für Grace und Prue ein Happy-End?

Man fühlt mit Prue, denn jeder kann sich in ihre Situation versetzen. Zwar ist sie ein wahres Extrem, aber für Jugendliche sind schon geringfügigere Abweichungen von der ‚Norm’ eine Katastrophe: Stoffhosen und Mantel statt Jeans und Parka, No Name-Klamotten statt Designer-Waren, ein Walkman statt ein iPod, ein Schachspiel statt den Game-Cube … Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Der ‚Herden-Zwang’ wird zudem immer schlimmer und nimmt keine Rücksicht auf Individualität und finanzielle Engpässe. Der Schein ist wichtiger als das Sein, Äußerlichkeiten sind wichtiger als innere Werte und Begabungen. Allerdings will die Autorin die Schuld an Prues Isolation nicht allein deren Mitschülern zuweisen. Wie Grace hätte sie die Möglichkeit gehabt, wenigstens zwei, drei Freundschaften zu knüpfen und damit einen Einstieg zu finden, aber Prue hält sich für etwas Besseres, nachdem die Familie ihr jahrelang vorgebetet hat, wie begabt sie sei. Dass dies überhaupt nicht oder nur in bestimmten Bereichen der Fall ist, ist für sie so schwer zu verdauen, dass sie aufgibt, statt zu kämpfen und zu lernen.

In gewisser Weise spiegelt die Rollenverteilung der Eltern wider, wie die beiden Mädchen vom Wesen her sind. Grace scheint so schwach zu sein wie ihre nachgiebige, verhuschte Mutter, aber beide passen sich schneller an, als erwartet, und wachsen schließlich über sich hinaus. Der Vater, der eigentlich nichts vorzuweisen hat, auf das er stolz sein kann, bloß leere Phrasen drischt und nichts zu einem erfolgreichen Ende bringt, hat Prue beinahe zu seinem Ebenbild geformt. Ohne ihre Individualität und die Impulse von Außen wäre es bloß eine Frage der Zeit gewesen, wann sie ebenfalls zur knurrigen, fluchenden Ignorantin würde – etwas, das sie in einem lichten Moment entsetzt begreift.

Statt die Konsequenzen zu ziehen, klammert sich Prue an Rax, der den Fehler begeht, dem Mädchen weit mehr helfen zu wollen, als es das Lehrer -Schüler-Verhältnis erlaubt. Man fühlt sich ein wenig an „Lolita“ und „Baby Doll“ erinnert, an Bücher und Filme, in denen eine Kindfrau zur großen Versuchung für einen um mehrere Jahre älteren Mann wird. Tatsächlich ist Prue auf der einen Seite sehr kindlich, unkonventionell und in sich und ihre versponnenen Welten zurückgezogen, auf der anderen altklug, extrovertiert und sich ihrer Fraulichkeit bewusst. Diese Mischung übt auf einen Künstler, der sich den Konventionen unterwerfen muss, um seine phantasielose Familie zu ernähren, einen ungemeinen Reiz aus.

Natürlich platzen nach einer Handlung, die den Leser durch interessante und typische Charaktere, dramatische und teils vorhersehbare Entwicklungen und die realitätsnahe Kritik fesselt, die Bomben. Es gibt kein Happy-End, wie es in vielen Jugendbüchern üblich ist, die nach all den Konflikten wenigstens den Figuren ein Stückchen heile Welt und einen versöhnlichen Schluss zukommen lassen wollen. Dieser Ausgang kommt nicht wirklich überraschend, passt aber bestens zu der heiklen Ausgangssituation und den bedrückenden Vorkommnissen. Jacqueline Wilson hat genau den richtigen Tonfall für Prue getroffen und schildert mitreißend ihre Geschichte. Für Leserinnen ab 13 Jahre, die schon genug heitere „Freche Mädchen“-Bücher u. ä. gelesen haben und die etwas ernsthaftere Lektüren suchen, welche dennoch Pfiff haben, ist „Love Lessons“ ein empfehlenswerter Titel. Auch als zeitgenössische Deutsch-Lektüre in den Klassen 7 bis 9 kann man sich den Roman gut vorstellen. (3xPRT)

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Volker Giffeler
2.Sigried Donath
3.Diana Merckens
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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