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Begegnung in der Nacht

Erstellt von Michael Drewniok am 11. August 2010

Anthony Gilbert
Begegnung in der Nacht

(sfbentry)
Originaltitel: Night Encounter (London : Collins 1968)/Murder Anonymous (New York : Random House 1968)
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Taschen Krimi 3202)
Übersetzung: Mechtild Sandberg
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Während einer Dienstreise landet Arthur Crook, Rechtsanwalt, in stürmischer Nacht in einem einsamen nordenglischen Städtchen. Er ist noch vor Ort, als am nächsten Morgen die alte Witwe Abigail Nicholas tot gefunden wird: Erschlagen und vergiftet liegt sie in der Garage des „Poet‘s House“, ihres einsam gelegenen Wohnsitzes. Chefinspektor Mount, dem der Fall übertragen wird, lässt die Umgebung nach möglichen Spuren absuchen. Unweit des Mordhauses entdeckt man dabei eine zweite Leiche: Die 18-jährige Freda Woods hatte ihr Elternhaus verlassen, um in London ein eigenständiges Leben zu beginnen. Offenbar hatte sie auf dem Weg in die große Stadt einen Zug verpasst und war auf der Suche nach einer Anschlussfahrt ihrem Mörder begegnet.

Diesen meint die Polizei schnell namhaft machen zu können: Frank Piper, eigentlich ein treusorgender Ehemann und Vater, ist vor zwei Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Nach einem missglückten Raubüberfall zu drei Jahren Haft verurteilt, ist er aus dem Cumberton-Gefängnis geflohen, um einmal seine Familie zu sehen, bevor man ihn erneut verhaftet. Doch das Pech bleibt Piper treu; er wird nicht nur gefasst, sondern auch des Doppelmordes an Abigail Nicholas und Freda Woods beschuldigt.

Dafür gibt es gute Gründe, denn Piper war an beiden Tatorten. So sieht es schlecht für ihn aus, der verzweifelt seine Unschuld beteuert. Allzu deutlich sprechen die Indizien gegen ihn, sein Schicksal scheint besiegelt. Aber Piper hat Glück im Unglück: Der Anwalt Crook, der auch ein erfahrener Hobby-Kriminologe ist, mag an Pipers Schuld nicht glauben. Er übernimmt dessen Verteidigung und sammelt dabei Spuren, die in eine gänzlich andere Richtung führen; dass er richtig liegt, weiß Crook spätestens dann, als ihn eine Kugel aus dem Hinterhalt trifft …

Ewig reizvolle Krimi-Rätsel

„Es war, als täte man einen riesigen Schritt nach rückwärts in eine andere, längst vergangene Zeit, wo die Himmel noch weit waren und das Land menschenleer und ohne Grenzen.“

Diesen Satz lesen wir zwar erst auf Seite 31, aber er überrascht uns dort nicht mehr, denn längst sind wir zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Trotzdem lassen wir uns bereitwillig in eine Gegenwelt versetzen, in dem knorrige englische Dörfler und Landbewohner eine Art Wagenburg gegen lästige Eindringlinge aus der Stadt oder der Gegenwart errichtet haben. Der Wirt der Kneipe „Poet‘s Rest“ wäre froh über mehr zahlende Gäste, aber sie sollen aus dem Dorf kommen. Anwalt Crook wird wie ein Eindringlich behandelt. Man bleibt unter sich und führt ein Leben, das durch Traditionen geprägt ist: Was ist und zählt, war schon immer so und hat gefälligst so zu bleiben.

Dabei bleibt die Frage nach dem Sinn solchen Verhaltens Nebensache. Eine alte Frau haust allein in einem riesigen, abgelegenen, verfallenen Haus? Es ist das Haus ihrer Familie und ihr Wille, so zu leben, also lässt man sie. Auch dass Abigail Nicholas seit 50 Jahren denselben Wagen fährt, fügt sich in ein Umfeld, das die endlose Nutzung des Alten und Überlieferten für selbstverständlich hält.

Doch zur Tradition gehört scheinbar untrennbar das Vorurteil. Der Aufenthalt eines Sträflings zum Zeitpunkt zweier Morde wird dankbar zur Kenntnis genommen: Hier hat man den idealen Sündenbock, der einerseits verhindert, dass man den Nachbarn verdächtigen muss, während so andererseits von alten und sorgfältig vertuschten Geheimnissen abgelenkt werden kann.

Dunkle Flecken, die jedermann ignoriert

Der Krimi des Modells „Whodunit“ lebt von der Vergangenheit. Dass sich auch Anthony Gilbert dieses Plot-Elements bedienen wird, weiß der erfahrene Krimi-Leser, sobald er vom Sohn der Abigail Nicholas erfährt, der zwei Jahrzehnte zuvor bei einem mysteriösen ‚Unfall‘ in den Bergen umkam. Der Autor macht zudem nie einen Hehl aus der Tatsache, dass Frank Piper viel zu gut dem Profil des Mörders entspricht. Für besagten Krimi-Leser spricht ihn genau dies unschuldig. Darüber hinaus bemüht sich Gilbert heftig, Piper als Unglücksraben zu zeichnen, den primär eine Verkettung widriger Umstände ins Gefängnis gebracht hat.

Dies muss freilich bewiesen werden, und dazu bedarf es eines Mannes von ‚außen‘. Arthur Crook ist ein Fremder, der die Verhältnisse vor Ort nicht kennt. Genau dies macht seine Qualität als Kriminologe aus: Crook ist nicht voreingenommen, während nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die mit dem Fall betrauten Polizisten zu ‚betriebsblind‘ bzw. subjektiver den örtlichen Verhältnissen verhaftet sind, als ihnen dies selbst bewusst ist. Der Mörder lebt mitten unter ihnen. Seine Nachbarn erkennen ihn nicht, können ihn nicht erkennen, weil sie ihn in eine Schublade gesteckt haben, die ‚anständigen‘ Zeitgenossen vorbehalten ist. Folglich wollen sie ihn auch gar nicht erkennen, sondern beschuldigen den Sündenbock Piper. Diese sozialen Mechanismen stellt Gilbert mit trügerischer Heiterkeit dar. Die guten Menschen aus dem kleinen Dorf sind auch borniert und engstirnig. Damit ist „Begegnung in der Nacht“ kein klassischer „Whodunit“ mehr: Ungeachtet des leichten Tonfalls berücksichtigt Gilbert die psychologischen Aspekte der Handlung.

Der Mann im gelben Rolls Royce

Wie schon angedeutet, bedarf es eines Mannes wie Arthur G. Crook, um eine Schneise durch den Wald von Vorurteilen und Vorverurteilungen zu schlagen. Ungeachtet seiner demonstrativen Fröhlichkeit ist Crook ein Mann mit einer Mission: Er haut Unschuldige heraus, die vom System bereits durchgewalkt und aussortiert wurden. Dies ist sein Leben, das er ansonsten nicht einsam aber allein (sprich: ohne Ehefrau und Familie) verbringt, was er durch sein Detektivspiel kompensiert.

Schon äußerlich demonstriert Crook seine Ablehnung gegen das Establishment. Er kleidet sich grell, fährt einen uralten, kanariengelben Rolls Royce und trinkt Bier: Crook vermischt gute Erziehung und charakterlichen Adel mit offensiver Bodenständigkeit. Darin erinnert er zunächst an John Dickson Carrs Dr. Gideon Fell. Allerdings lässt Crook dessen oft aufdringliche Jovialität und Arroganz (nicht) vermissen.

Ungewöhnlich scharf zeichnet Gilbert die Grenze zwischen Detektiv und Polizei. Die üblicherweise durch immerhin widerwillige gegenseitige Anerkennung entfällt. Crook macht keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass die Polizei sich allzu gern auf vordergründige Indizien stützt und deshalb der Gerechtigkeit eher in den Arm fällt, statt ihr zur Geltung zu verhelfen. Deshalb neigt er zu Verschwiegenheit und Alleingängen, auch wenn ihm dies wie in diesem Fall beinahe ins Grab bringt.

Krimi-Fleiß auf hohem Niveau

Wer „Begegnung in der Nacht“ liest, wird es kaum für möglich halten, dass dieser Roman mit seinem sorgfältig entwickelten und durchaus komplexen Plot und seinen lebendigen Figuren im Grunde ein Serienprodukt ist. Die Serie um Arthur Crook zählt 50 Bände; dieser Roman ist der 45te. Sie lief von 1936 bis zum Tod des Verfassers 1973 und zählt zu den längsten und langlebigsten des Genres.

Verständlicherweise hinterlässt die Laufzeit dennoch Spuren. „Begegnung in der Nacht“ war bereits im Jahr der Veröffentlichung altmodisch. Zwar nennt Gilbert an einer Stelle explizit das Jahr 1967 als Zeitpunkt der Handlung und verbindet dies mit zeitgenössischen Reizwörtern wie „Vietnamkrieg“ oder „Rauschgifthandel“, doch dies wirkt wenig überzeugend. Zudem erstaunt die Selbstverleugnung, mit der Gilbert – ‚der‘ ja (s. u.) tatsächlich eine Frau war – in chauvinistischen Vorurteilen schwelgt. Sätze wie „Selbst ein Frauenzimmer kann nicht so hirnverbrannt sein“ findet der Leser in zahlreichen Varianten. Unter Strich dominiert jedoch das Gespür des Verfassers für Spannung, Überraschung und Humor, und dies ergibt eine Lektüre, die eine Wiederentdeckung verdient!

Autorin

Viele Jahrzehnte kannte kaum jemand das Geheimnis: Anthony Gilbert, fleißiger Autor gern gelesener Kriminalromane, war eine Frau. Lucy Beatrice Malleson wurde am 15. Februar 1899 in Upper Norwood, London, geboren. Sie besuchte die St. Paul’s Girls’ School in Hammersmith. Weil ihr Vater, ein Börsenmakler, 1914 seine Arbeit verlor, verließ Malleson die Schule und arbeitete als Sekretärin, um die Familie zu ernähren. Schon ab 1916 veröffentlichte sie außerdem erste Gedichte in verschiedenen Magazinen. Malleson, die im Arbeitsleben ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, beschloss, sich ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin zu verdienen. Ihr erster Roman („The Man Who Was London“) erschien 1925; Malleson veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym J. Kilmeny Keith.

Die junge Frau war eine wendige Autorin, die vor allem schrieb, was der Markt verlangte. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre beschloss Malleson, neben Historien- und Liebesromanen Krimis unter dem Pseudonym „Anthony Gilbert“ zu verfassen. „The Tragedy at Freyne“ wurde 1927 ihr Durchbruch. Dies war der erste Teil einer 10-teiligen Serie Scott Egerton, einen aufstrebenden Politiker, der gern als Privatdetektiv tätig wird. 1930 gehörte Malleson (neben Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, R. Austin Freeman u. a.) zu den Gründungsmitgliedern des legendären „British Detection Club“.

1936 begann Gilbert eine neue Serie um den Anwalt und Hobby-Detektiv Arthur G. Crook. Der farbenfroh exzentrisch gezeichnete Charakter wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen. Trotz ihres immensen Fleißes – Malleson schrieb als „Anne Meredith“ zusätzlich weitere Liebesromane – sind ihre Krimis nicht schematisch, auch wenn die späten Werke schon zu ihrer Entstehungszeit etwas altmodisch wirkten.

Vor allem in den 1940er und 50er Jahren schrieb Malleson Kriminal-Hörspiele für das Radio. Sie wurden nicht nur in England, sondern mehrfach auch in den USA ausgestrahlt. Malleson blieb bis an ihr Lebensende schriftstellerisch sehr aktiv. Sie starb am 9. Dezember 1973

[md]

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Voll auf Ex-Kurs

Erstellt von Werner Karl am 8. August 2010

Lena Gold
Voll auf Ex-Kurs

(sfbentry)
Goldmann Verlag
In der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN 978-3-442-47168-3
Frauenroman
1. Auflage Juni 2010
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Taschenbuch, 282 Seiten

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Zur Autorin:

Lena Gold, geboren in den wilden Siebzigern, verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Rheinland. Ursprünglich hegte sie Ambitionen, sich als karnevalistische Frohnatur einen Namen zu machen, entdeckte nach dem Abitur aber ihre Liebe zum Schreiben und machte sich auf in die Medienstadt Hamburg. Hier treibt sie seit Mitte der Neunziger ihr Unwesen, arbeitet für verschiedene Magazine und Zeitungen und verfasst dann und wann auch mal ein Drehbuch für einen flotten Unterhaltungsfilm. Mit „Voll auf Ex-Kurs“ legt sie nun ihren ersten Roman vor und leugnet nicht, dass die Geschichte autobiografische Züge trägt. Wobei sämtliche Personen und Handlungen gleichzeitig selbstverständlich komplett ausgedacht sind.

Zum Buch:

Pia ist 33 Jahre von Beruf Texterin in einer Werbeagentur und gerade von ihrem Freund Sebastian, den sie liebvoll Basti nennt, verlassen worden. Damit aber kommt Pia nicht klar und nicht nur das: Sie will sich damit einfach nicht abfinden und setzt alles daran ihn zurück zu gewinnen. Nachdem dies mit den üblichen Methoden: Telefonanrufen, SMS, Briefen, etc. nicht gelingt und Pia auf der Arbeit keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, stößt sie auf eine Seminarankündigung im Internet. Das Institut für angewandte Liebesberatung bietet im Rahmen des Voll-Auf-Ex-Kurs-Seminars in Berlin eine 99prozentige Erfolgsgarantie den Ex zurück zu erobern. An diesem Seminar nimmt Pia trotz der 350 Euro hohen Teilnahmegebühr und der möglichen Hotlineberatung unter einer 0190 Nummer teil. Im Seminar lernt Pia den sympathischen Lars kennen, der zufälligerweise genau wie sie aus Hamburg stammt und fortan als Pflichtdate zu Pias Leben dazu gehört.

Sechs Wochen soll sie sich von nun an von ihrem geliebten Ex, Basti, fernhalten, sich jeden Tag etwas Gutes tun, eine Stunde Sport pro Tag betreiben und sich mit unterschiedlichen Männern zum Pflichtdate treffen. Aber irgendwie läuft nicht alles nach Plan. Pia trifft sich zwar mit Lars, begegnet dabei aber auch Basti und lässt sich zu den verschiedensten Kurzschlusshandlungen hinreißen. Außerdem ist Pias noch Ehemann Philip an Pia immer noch interessiert und versucht als guter Freund so gut es geht für sie da zu sein. Also begleitet Philip seine Frau zunächst beim Joggen, was ein etwas schwieriges Unterfangen scheint, ist Pia doch nicht gerade eine Sportskanone. Auch auf der Arbeit läuft es für Pia nach dem Seminar zunächst nicht rund, nachdem sie versehentlich Werbetexte für eine Baumarktkette vertauscht hat. Darauf folgt prompt ihre fristlose Kündigung.

Aber schließlich wendet sich das Blatt und alles kommt ganz anders….

Mit vielen lustigen Verwicklungen und spritzigem Humor präsentiert uns die Autorin hier eine Geschichte über Liebeskummer an sich und im Besonderen. Dieses Gefühl, das jeder von uns schon einmal erlebt haben dürfte, bietet hier die Grundlage für häufige Lachattacken. Ein ernstes Thema wird hier so lustig dargestellt, dass man sich fast wünschen könnte selbst die Pia in der Geschichte zu sein.

Ich muss der Autorin wohl wirklich zustimmen: „Denn Liebeskummer kann auch ganz lustig sein.“

Copyright © 2010 by Iris Gasper

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Ein reines Gewissen

Erstellt von Michael Drewniok am 1. August 2010

Ian Rankin
Ein reines Gewissen

Originaltitel: The Complaints (London : Orion 2009)
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2010 (Manhattan im Goldmann Verlag)
512 S.
ISBN-13: 978-3-442-54650-3

Als eBook: März 2010 (Goldmann Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03854-0

Als Hörbuch: März 2010 (Random House Audio)
6 CDs (= 420 min.), gelesen von Heikko Deutschmann
ISBN-13: 978-3-8371-0292-5

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Das geschieht:

Malcolm Fox: geschieden, trockener Alkoholiker und Mitarbeiter der Dienstaufsichtsbehörde der Lothian and Borders Police im schottischen Edinburgh. Weil er den Kollegen auf die Finger schaut, ist er höchst unbeliebt. Gerade hat er den zwar korrupten aber ungemein beliebten Glen Heaton vom Revier Torphichen Place zu Fall gebracht und sich dadurch verhasster denn je gemacht.

Dies nutzt Detective Chief Inspector William „Bad Billy“ Giles, Heatons bester Freund, rachsüchtig aus, als Vince Faulkner, der Lebensgefährte von Foxes Schwester Judith, erschlagen aufgefunden wird. Giles nimmt Judith in die Mangel, aber noch stärker würde es ihn freuen, könnte er dem Bruder eine Beteiligung an dem Verbrechen nachweisen: Faulkner hat Judith schwer geschlagen, und der wütende Fox wusste davon.

Zu allem Überfluss überträgt Giles den Mordfall seinem Detective Sergeant Jamie Breck. Genau diesen sollte Fox just für DS Anthea „Annie“ Inglis von der Kinderschutz-Abteilung der Polizei überwachen, denn Breck steht im Verdacht, pädophil zu sein und verbotene Sex-Fotos in einschlägigen Internet-Kreisen zu tauschen. Noch fehlen eindeutige Beweise, und diese zu beschaffen, fällt Fox immer schwerer, denn Breck scheint ein ehrlicher Polizist zu sein, den er zunehmend sympathischer findet.

Die Schlinge um den Hals des Beamten zieht sich zu, bis Fox zum Gegenangriff übergeht. Er zieht eine kleine Gruppe von Kollegen und Freunden auf seine Seite und erkennt, dass er als Bauernopfer in einer Intrige dienen soll, in die nicht nur hochrangige Polizisten, sondern auch Stadtpolitiker, Geschäftsleute und Gangster verwickelt sind, die in der aktuellen Wirtschaftskrise gefährdete Investitionen sichern wollen und dabei vor keiner Gewalttat zurückschrecken …

Behutsame Übergabe des Staffelholzes

Eine etablierte, gut laufende und bei den Lesern beliebte Serie abzuschließen, birgt für einen Schriftsteller gleichermaßen Möglichkeiten und Risiken. Nach 17 Romanen um John Rebus war Ian Rankin in eine schöpferische Sackgasse geraten. Aus der Figur hatte er herausgeholt, was sie ihm zu bieten schien. Sich ihrer zu entledigen, gestattete einen Neubeginn ohne eine Rebus-Chronologie, die einen beachtlichen Umfang angenommen hatte und deren Beachtung der kritische Leser forderte.

Aber würden besagte Leser eine gänzliche neue Figur akzeptieren? Die Frage bleibt offen, denn mit „Ein reines Gewissen“ hat sie Rankin keineswegs beantwortet: Dieser erste Krimi um Malcolm Fox liest sich wie der 18. Rebus-Roman, denn höchstens der Name und einige wenige Charakterzüge unterscheiden den alten vom neuen ‚Helden‘.

Nicht einmal den Ort des Geschehens hat Rankin gewechselt. Wieder spielt sich die Geschichte im schottischen Edinburgh ab. Wir lesen vertraute Namen und finden uns in bekannten Polizeirevieren wieder, in denen nur das Personal gewechselt zu haben scheint. Oder werden wir in den nächsten Fox-Folgen auf bekannte Figuren stoßen? Generell herrscht jedenfalls die Rebus-typische Routine, es werden vertraute Polizei-Witze gerissen und Intrigen gesponnen.

Die alten = die neuen Schurken

Auch außerhalb des polizeilichen Umfelds finden wir eine bekannte Welt wieder, in der Politik, Wirtschaft, Gesetz und Verbrechen dicht miteinander verwoben sind. Rankin hat stets tagesaktuelle Ereignisse aufgegriffen und in seine Romane einfließen lassen. Dort dienen sie entweder dem Plot, oder sie stellen Kommentare dar, in denen der Verfasser seine Kritik an bestimmten Missständen mit den Lesern teilen möchte.

Diese Kritik geht meist in dieselbe Richtung: Die Großen bereichern sich, die Kleinen zahlen die Zeche. Durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 hat sich diese Ungerechtigkeit verstärkt. Rankin schildert Spekulanten, die nach dem Zerplatzen der künstlich aufgeblähten Finanzblase panisch versuchen, ihre auf Pump zusammengerafften Vermögen in Sicherheit zu bringen. Dabei lassen sie letzte Reste von Rechtmäßigkeit, Rücksicht und Moral fahren. Der Mord an Vince Faulkner wird zur bitteren Fußnote eines Krisengeschehens, das sich erdrutschartig von ‚oben‘ nach ‚unten‘ fortsetzt: Der ahnungslose, dumme Normalbürger taugt immer noch als Kanonenfutter, das der in Geldnot geratene Spekulant den Wölfen vorwerfen kann, während er schwer mit Schätzen beladen die Flucht in die aktuelle Steueroase fortsetzt.

Auf die Solidarität ebenfalls angeschmierter Leidensgenossen sollte der gewöhnliche Steuerzahler dabei nicht rechnen. Malcolm Fox wird Opfer einer Intrige, aber vielleicht sollte man lieber von einem ganzen Bündel intriganter Vorgänge sprechen, die Rankin im Finale (ein wenig locker aber logisch) zu einem Gesamtkomplott bündelt. Dabei enthüllt er besonders infame Mechanismen des Machterhalts, die u. a. Mobbing und die gegenwärtige Angst des Arbeitsnehmers vor dem Jobverlust einschließen: Fox gerät auch deshalb in die Bredouille, weil korrupte Vorgesetzte ehrgeizigen Untergebenen ein paar Brocken hinwerfen: Als Gegenleistung für die Versetzung eines ungeliebten Kollegen wird deshalb ein schuldfreier Polizist angeschwärzt.

Einzelgänger mit großer Freundesschar

In diesem Haifischbecken tummelte sich Malcolm Fox bisher regelkonform. Dass er sich plötzlich vom kleinen Fisch in einen bissigen Flossenbeißer verwandelt und dennoch glaubwürdig bleibt, verdankt Rankin dem Trick, Fox in eine Abteilung zu versetzen, in der Tricks und doppelte Böden zum Arbeitsalltag gehören. Als Mitglied der Dienstaufsicht kennt er die Kniffe verdächtiger Kollegen. Dieses Wissen kann er nutzen, als ihm übel mitgespielt wird.

Die Genese vom Querkopf zum Quertreiber, der sich nicht verheizen lassen will, gelingt auch deshalb so bruchlos, weil Fox als Figur sehr vertraute Züge aufweist. Die Ähnlichkeit zwischen Fox und Rebus wurde schon angesprochen. Womöglich wäre „Deckungsgleiche“ der treffendere Ausdruck. Die Parallelen gehen bis in die Details; sie schließen die Wohnkultur, das komplizierte Verhältnis zu Frauen, das Schimpfen über die ewig verstopften Straßen von Edinburgh oder das Wetter ein.

Wie der bärbeißige Rebus kann auch Malcolm Fox auf ein erstaunliches Netzwerk ihm gewogener Kollegen und Freunde zurückgreifen. Eigentlich steht er nie allein gegen alle. Gerät Fox einmal in eine Sackgasse, erreicht ihn garantiert ein Handy-Anruf, der ihn erneut auf eine alternative Spur bringt. Das Tempo ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Schwieriger fällt es, die Details der monströsen Verschwörung im Hinterkopf zu behalten, während die Handlung zügig weiter voranschreitet.

In die Erleichterung darüber, dass Fox den Einstieg in die neue Rankin-Serie so erleichtert, mischt sich dennoch Ärger: Wieso hat der Autor Rebus abgesägt, um ihn quasi umgehend wiederauferstehen zu lassen? Wie wäre es mit einem echten Neustart? Oder sollte man lieber froh sein, dass Rankin nicht auf Biegen und Brechen versucht, das Rad neu zu erfinden? „Ein reines Gewissen“ bietet inhaltlich (oder formal) keine Originalität. Was Rankin beherrscht – es ist bekanntlich eine ganze Menge –, variiert er jedoch so gut, dass einmal mehr ein überdurchschnittliches Lektürevergnügen daraus entspringt.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 (vorläufig?) in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers’ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

[md]

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Ein Ort zum Sterben

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Juli 2010

Carol O’Connell
Ein Ort zum Sterben

Originaltitel: Mallory’s Oracle (1994)
Übersetzung: Renate Orth-Guttmann
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Mallorys Orakel“): 1995 (Knaus Verlag)
316 Seiten
ISBN-13: 978-3-8135-2666-0

Neuausgabe: Juni 2010 (btb Verlag/Nr. 75258)
316 Seiten
EUR 14,95
ISBN-13: 978-3-442-75258-4

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Das geschieht:

Vor fünfzehn Jahren kam Mallory als elternloses Straßenkind und Diebin zum Ehepaar Markowitz. Louis, einem hohen Beamter bei der Mordkommission der Stadt New York, und seiner früh verstorbenen Frau ist es nie gelungen, Mallory zu ‚zivilisieren‘. Ihre barbarische Kindheit konnte die junge Frau, die selbst zur Polizei ging und es inzwischen bis zum Sergeanten gebracht hat, nicht überwinden. Gefühle kennt oder zeigt sie kaum, noch immer gilt für sie das Recht des Stärkeren.

Weil Markowitz seine schützende Hand über sie hielt, ist Mallory mit dem Gesetz nie wirklich in Konflikt geraten. Doch nun ist ihre Welt erneut aus den Fugen geraten: Louis Markowitz wurde ermordet – vom „Unsichtbaren“ oder „Ladykiller“, einem Serienmörder, der sich auf ältere und reiche Damen spezialisiert hat. Markowitz war der Leiter einer Sonderkommission für Gewaltverbrechen, die sich speziell mit diesen Fällen befasste.

Der erfahrene Polizist hat sich offenbar in eine Falle locken lassen. Mallory, die den einzigen Menschen verloren hat, der ihr nahe stand, beginnt mit eigenen Recherchen. Sie gibt vor, als Privatermittlerin für ihren Freund, den genialen aber chaotischen Unternehmensberater Charles Butler zu arbeiten. Dabei kommt Mallory nicht nur einem, sondern mehreren bizarren Verbrechen auf die Spur, in die (unter anderem) viele nette, alte, schwer reiche und in ungeheuerliche Börsenschwindeleien verwickelte Damen, eine giftmischende Hellseherin, eine undurchsichtige Ex-Zauberin, ein übergeschnapptes Wunderkind sowie eine dem Wahn verfallene Tänzerin verwickelt sind.

Mallory schont weder sich noch ihre Verdächtigen oder gar die geplagten Kollegen Lieutenant Coffee und Sergeant Riker, als sie auf ein Komplott stößt, das immer weitere Kreise zieht – bis Mallory erkennen muss, dass sie, der ermordete Markowitz, Charles Butler und überhaupt alle Personen, die sie seit Jahren kennt oder zu kennen glaubte, nur Figuren in einem mörderischen Spiel sind, bei dem im Hintergrund eine mabusehafte Verbrechergestalt seit Jahrzehnten unsichtbar die Fäden zieht …

Kalte Heldin, heiß geliebt

Willkommen in der psychotischen Welt von Kathleen Mallory, die ihrem geliebten aber emotional auf Abstand gehaltenen Adoptiv-Vater einst verbot, sie beim Vornamen zu nennen. Dirty Harry ist ein Waisenknabe gegen diese junge Frau, die im permanenten Kriegszustand mit sich und der Welt liegt. Pardon wird denn auch weder verlangt noch gegeben in diesem ersten von bisher neun Mallory-Abenteuern.

Mallory-Romane machen süchtig. Das ist erstaunlich, da der Charakter der Titelfigur eigentlich ein wenig zu holzschnittartig geraten ist. Mallory ist manisch tüchtig, kennt keine Furcht, schießt wie der Teufel, ist selbstverständlich bildhübsch, und ein scharfer Blick aus zusammengekniffenen Augen genügt, um selbst den hartgesottensten Zeitgenossen in Angst und Schrecken zu versetzen. Alle fürchten oder lieben Mallory, scharwenzeln um sie herum, möchten ihr gefallen und werden doch von der kalten Göttin kaum zur Kenntnis genommen. Falls man Mallorys Ordnungssucht und Gefühlsarmut als Macken bezeichnen möchte, sind es doch ‚attraktive‘ Schwächen, die am polierten Gesamtbild keine Kratzer hinterlassen.

Wenig originell sind auch die Figuren in Mallorys Dunstkreis geraten; da haben wir den ehrlichen, überlasteten, knurrigen Bullen mit dem mühsam verborgenen goldenen Herzen oder den „besten Freund“, hier als körperlich gehandicaptes Genie, das die Heldin mehr oder weniger offen anschmachtet, aber höchstens als Gehilfe zur Kenntnis genommen wird – falls überhaupt.

In einer Welt ohne Gnade

Aber siehe da: Schon nach wenigen Seiten hat man sich an die latente Comic-Atmosphäre gewöhnt und findet trotz erst Geschmack und dann Gefallen an der Geschichte. Hinter den Übertreibungen und den überzeichneten Figuren kommt ein ausgesprochen raffinierter und vielschichtiger Krimi-Plot zum Vorschein. Ein Serienmörder geht um, aber er ist niemals mehr als eine Nebenfigur. Folgerichtig stört er im großen Finale beinahe und geht ein wenig verloren in dem wahrlich verwickelten (aber nie verworrenen) Geflecht moderner Wirtschaftskriminalität und teuflischer Menschenmanipulation.

So ist es Carol O’Connell tatsächlich gelungen, sich die abgedroschenen Klischees des modernen Großstadt-Cop-Krimis zueigen zu machen, sie spielerisch zu verdrehen und zu etwas Neuem oder wenigstens Ungewöhnlichem zusammenzusetzen. Geschieht dies gewollt oder eher unfreiwillig? Das wird nie deutlich; O’Connell könnte dem Image ihrer Heldin durchaus selbst verfallen sein, denn obwohl Mallory sich als Polizistin nicht als unfehlbar erweist, stapft sie ansonsten ikonengleich (aber immerhin nicht roboterhaft) durch das Geschehen, ohne dass ihr Denken und Handeln jemals auch nur annähernd ironisch gebrochen würde. Nur Helden mit einem Sprung sind allerdings wirklich interessant; an einer allzu glatten Oberfläche gleitet jede Aufmerksamkeit auf Dauer ab.

O’Connell ist auf der anderen Seite konsequent genug, Mallory als Mallory aus der Handlung zu entlassen. Es gibt keine kitschige Menschwerdung auf den letzten Buchseiten. Stattdessen hilft Mallory der Gerechtigkeit auf drastische und eindeutig kriminelle Weise auf die Sprünge, und sie wird damit durchkommen, ohne von Zweifeln geplagt zu werden. Das ist eine erfreuliche Abkehr vom auch heute noch zu gern moralisierenden Buch- oder Filmthriller.

Mallory kommt wieder!

Die besondere Qualität einer konsequenten Heldin blieb auch dem deutschen Publikum nicht verborgen. „Mallorys Orakel“ erschien hierzulande erstmals 1994 und wurde mehrfach aufgelegt. Dem Auftakt folgten die folgenden fünf Bände, die – so ist das unerbittliche Gesetz der Serie – mit dem Debüt nicht mithalten konnten, obwohl vor allem die Bände 2 bis 4 großartige Unterhaltung bieten.

Zu vollgasig war ihr Debüt gewesen, als dass Mallory dieses Tempo durchhalten konnte. In den folgenden Romanen nahm ihre geistige Mutter – die vom Erfolg des Erstlings selbst überrascht wurde – das Gas folgerichtig zurück. Außerdem wurde der Schleier über Mallorys düsterer Vergangenheit allmählich gehoben.

Aus Deutschland war Mallory nach Band 6 für einige Jahre verschwunden. Erst 2010 kehrte sie mit ihrem neuesten Abenteuer zurück; erneut fand sie ihr Publikum, sodass auch Band 1 (unter unnötig und nichtssagend verändertem Titel) neu aufgelegt wurde. Mallory ist wieder da – und dieses Mal wird sie hoffentlich bleiben!

Autorin

Carol O’Connell (geb. 1947) verdiente sich ihren Lebensunterhalt viele Jahre als zwar studierte, aber weitgehend brotlose Künstlerin. Zwischen den seltenen Verkäufen eines Bildes las sie fremder Leute Texte Korrektur, und sie versuchte sich an einem Kriminalroman der etwas ungewöhnlichen Art.

1993 schickte O’Connell das Manuskript von „Mallory’s Oracle“ (dt. „Mallorys Orakel“/„Ein Ort zum Sterben“) an das Verlagshaus Hutchinson: nach England! Dies geschah, weil Hutchinson auch die von O’Connell verehrte Thriller-Queen Ruth Rendell veröffentlichte und womöglich freundlicher zu einer Anfängerin sein würde.

Naiv gedacht, vielleicht aber auch ein kluger Schachzug. Hutchinson erkannte jedenfalls die Qualitäten von „Mallory’s Oracle“, erwarb die Weltrechte und verkaufte sie profitabel auf der Frankfurter Buchmesse. Als das Buch dann in die USA ging, musste der Verlag Putnam 800.000 $ locker machen; nicht schlecht für ein Erstlingswerk!

Seither schreibt O’Connell verständlicherweise hauptberuflich; vor allem neue Mallory-Geschichten, aber auch das ebenfalls sehr erfolgreiche „Judas Child“ (dt. „Das Judaskind“). Carol O’Connell lebt und arbeitet in New York City.

[md]

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Für Menschen verboten

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Juli 2010

(Bild: Sammlung md)Lloyd Biggle
Für Menschen verboten

(sfbentry)
Originaltitel: All the Colors of Darkness (Garden City/New York : Doubleday 1963)
Übersetzung: Tony Westermayr
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Zukunftsromane Z 59)
Cover: Eyke Volkmer
186 S.
ASIN: B0000BGJAY
Als Taschenbuch: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Weltraum Taschenbücher 048)
Cover: Eyke Volkmer
186 S.
ASIN: B0000BGJAX

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Das geschieht:

Im Jahre 1986 gelingt in diesen (alternativen) Vereinigten Staaten von Amerika die Entwicklung eines bahnbrechenden Verfahrens zur Materieübermittlung: Statt mühsam zu reisen oder transportiert zu werden, können Menschen und Fracht nun per Teleportation in Nullzeit an jeden gewünschten Ort geschafft werden. Diese Erfindung wird nicht nur das Verkehrswesen revolutionieren, sondern alle Aspekte des Alltagslebens verändern. Nicht alle Menschen scheinen davon begeistert zu sein. Privatdetektiv Jan Darzek wird mit einer perfiden Form von Sabotage konfrontiert. Angeheuert hat ihn Ted Arnold, leitender Ingenieur der Teleportations-Gesellschaft, nachdem Reisende zwar abgestrahlt, aber am Zielort nicht empfangen wurden.

Sind sie zwischen den Dimensionen ‚hängen‘ geblieben? Für die „Universal Teleport“, die das Monopol auf die neue Technik besitzt, wäre dies ein vernichtender Rückschlag. Darzek entdeckt allerdings, dass es immer dieselben, stets gut maskierten ‚Reisenden‘ sind, die auf die beschriebene Weise ‚verschwinden‘. Sein Erfolg bleibt den Verdächtigen nicht verborgen; sie versuchen, Darzek zu entführen und scheitern nur knapp. Der Detektiv geht in die Offensive. Als er das nächste Mal einen der Saboteure beschattet, folgt er ihm mit einem beherzten Sprung in den manipulierten Senderstrahl – und findet sich auf dem Erdmond wieder!

Außerirdische Intelligenzen fürchten, dass der Mensch per Materietransmitter ins All vorstoßen wird, wo man ihn noch lange nicht sehen möchte. Sie wollen die neue Technik in Verruf bringen. Darzek sieht sich in die Rolle eines unfreiwilligen Botschafters der Menschheit gedrängt; ein Himmelfahrtskommando, denn der ET-Mondstation geht buchstäblich die Luft aus, was seine Schuld ist und die Verhandlungen nicht gerade erleichtert …

Die Vergangenheit der Zukunft

Als Lloyd Biggle „Für Menschen verboten“ Anfang der 1960er Jahre schrieb, lag 1986 beruhigend weit in einer Zukunft, die der Autor nach eigenen Vorstellungen gestalten konnte. Als sich das Jahr X dann tatsächlich näherte, mag Biggle der Gedanke gekommen sein, einst lieber ein wenig großzügiger kalkuliert zu haben: Während sein Roman (zumindest im angelsächsischen Sprachraum) weiterhin präsent geblieben war, glänzte die Teleportation 1986 durch vollständige Abwesenheit.

Auch sonst hatte die Zeit Biggles Geschichte überrollt. Bahnbrechende Erfindungen wurden längst nicht mehr wie in der Ära Thomas Alva Edison im stillen Kämmerlein oder wie in unserem Roman in einem baufälligen, zum Abriss freigegebenen Lagerschuppen gemacht. Das denkende, mit Hightech ausgestattete Kollektiv hatte dem individuellen Genie weitgehend den Garaus gemacht.

Und sollte der Mensch irgendwann doch teleportieren können, ist davon auszugehen, dass die dafür gebauten Stationen in Konzept und Gestalt nicht den Bahnhöfen des 19. und 20. Jahrhunderts entsprechen werden. Dann wäre ein Jan Darzek allerdings arbeitslos als Detektiv, der sich zwanglos unter die abreisenden oder eintreffenden Gäste mischt und mit scharfem Auge statt moderner Überwachungstechnik ermittelt.

„Für Menschen verboten“ ist ein Unterhaltungsroman und kein Gedankenmodell für die Zukunft. Um dem eigentlichen Zweck gerecht werden zu können, musste Biggle vereinfachen. Die faktisch kaum absehbaren Umwälzungen, die eine Teleportations-Technik mit sich brächte, kann er nur andeuten, zumal Biggle mit dem eigentlichen Plot eine ganz andere Richtung ansteuert. Das Teleportieren ist nur Katalysator. Den sich darum drehenden Handlungsstrang bettet Biggle deshalb nicht harmonisch in eine detailliert dargestellte Zukunftsgesellschaft ein, sondern rammt ihn förmlich in den Alltag eines nur notdürftig modifizierten Jahres 1963.

Auf dem Mond wird alles besser

Altmodisches aber echtes Science-Fiction-Feeling kommt auf, sobald Darzek auf dem Mond gelandet bzw. gestrandet ist. Plötzlich wird deutlich, was Biggle sehr viel stärker interessiert als zukünftige Hightech: So filigran, wie man ihn bisher nicht kannte, schildert er die schwierige, behutsame, von beiderseitigem Misstrauen und Missverständnissen geprägte Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Außerirdischen.

Hier finden wir den Einfallsreichtum, der SF so faszinierend machen kann. Der Musikwissenschaftler Biggle nutzt die gesamte Spannbreite der Kommunikation: Der Sinn eines Wortes wird nur zum Teil durch seine Buchstaben definiert; ebenso wichtig ist der Klang; der Originaltitel spielt auf diese Entdeckung an. Sowohl Darzek als auch seine ‚Gastgeber‘ müssen lernen, zwischen den ‚Zeilen‘ zu lesen, um trotz „differierender Farben“ zu einer echten Verständigung zu kommen – ein Prozess, der hier nur zu Beginn von Gewalt begleitet wird und schnell in intensive, für den Leser gar nicht langweilige Diskussionen übergeht.

Dieser Aspekt lenkt zudem davon ab, dass Biggle, der bisher primär Kurzgeschichten geschrieben hatte, der ‚lange Atem‘ für einen Roman noch fehlt. Die Handlung zerfällt in drei Episoden, die sich nicht wirklich einem Gesamtgeschehen fügen. Biggle beginnt mit einer Kriminalgeschichte, in der die wenigen SF-Elemente auf die weiter oben beschriebene Weise fremd wirken. Sehr abrupt schwenkt der Plot um; die SF bekommt auf dem Mond die Oberhand. Außerdem findet sie hier bereits ihr eigentliches Ende. Der lange Epilog, der noch folgt, ist für die eigentliche Handlung irrelevant; der Leser bekommt den Eindruck, Biggle müsse Seiten schinden, um sein Buch auf die mit dem Verlag vereinbarte Länge zu bringen.

Die Zukunft ist gar nicht so wild

Durch gute Detailarbeit kann Biggle die Defizite der Handlung wettmachen. Die friedliche Art des Erstkontaktes fand bereits Erwähnung. Hier sei noch angefügt, dass „Für Menschen verboten“ in der Zeit des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion entstand. Die daraus resultierenden Differenzen haben zwar keinen Einfluss auf die Handlung, fließen aber als jederzeit zu berücksichtigende ‚Realität‘ mehrfach in das Geschehen ein.

Die Handlung spiegelt zudem einen ausgeprägten Sinn für trockenen Humor wider. Viele Scherze zünden zwar nicht mehr, weil sie stark ihrer Entstehungszeit verhaftet sind, und manche gehen nach hinten los; Biggles Spiel mit Vorurteilen, die gern mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht werden, wirkt heute nicht einmal mehr plump, sondern nur noch altmodisch.

Freilich schließt die Überzeichnung sämtliche Figuren ein und macht auch vor den Außerirdischen nicht Halt. Ernst nehmen kann man den Masterplan der Außerirdischen wahrlich nicht. Für ihr sinnarmes Sabotieren findet Biggle eine charmante Begründung: Verwirrung stiftet auf der Erde kein Team qualifizierter ET-Spezialisten, sondern eine überforderte Not-Besatzung.

Zu ihrem Glück treffen sie auf Erdmenschen, die selbst keine Geistesleuchten sind. Biggle streut milde Kritik an verbohrten Politikern, auf den schnellen Dollar fixierten Geschäftsmännern, allzu wirklichkeitsfremden Wissenschaftlern und den normalen Durchschnittsmenschen ein, der lange partout nicht begreifen will, welche Vorteile die Teleportation bietet, sondern misstrauisch nach dem Haken an der Sache fragt. Als dann sogar die reisezeitlose Mondfahrt möglich wird, tummeln sich auf dem Erdtrabanten zum Ärger der Forscher immer neue Prominente, die sich einige vergnügte Stunden in verminderter Schwerkraft machen wollen und wie Fleisch gewordene Mondkälber durch die Krater tollen: Diese Passagen konnten ihren Witz bewahren!

„Für Menschen verboten“ gehört nicht zu den großen Klassikern der Science Fiction. Lloyd Biggle hatte aber den richtigen Ton getroffen: Seinen Lesern gefiel die Mischung aus nie bierernster SF und Krimi. Drei Jahre später kehrte Jan Darzek zurück, und in den 1970er Jahren ließ Biggle drei weitere Romane der Serie folgen.

Autor

Lloyd Biggle, jr., wurde am 17. April 1923 in Waterloo, US-Staat Iowa, geboren. Während des II. Weltkriegs diente er als Verbindungsoffizier bei der Infanterie, war u. a. in Deutschland stationiert und wurde dort zweimal im Gefecht verwundet. Nach dem Krieg studierte Biggle Musikwissenschaften an der Universität von Michigan in Detroit. Nach seiner Promotion war er in den 1950er Jahren Dozent für dieses Fach.

Parallel dazu begann Biggle 1955 eine Karriere als professioneller Schriftsteller. Er war erfolgreich, und nach der Veröffentlichung des Romans „All the Colors of Darkness“ (1963, dt. „Für Menschen verboten“) schrieb er hauptberuflich. Dabei fand er rasch seinen eigenen Stil, der „harte“ SF-Technik mit der Extrapolation zeitgenössischer Kunst, klugen Gedanken über mögliche gesellschaftliche Entwicklungen und vielschichtigen Figuren verband. Bekannt wurde Biggle zudem als Verfasser spannender, oft im viktorianischen England spielender Kriminalgeschichten. Mit Großvater Rastin oder Lady Sara Varnley schuf er eigene, recht populäre Protagonisten in diesem Genre. Biggle schrieb auch neue Geschichten um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes.

In den 1970er Jahren gründete Biggle die „Science Fiction Oral History Association“, um Reden und Diskussionen kompetenter Autorinnen und Autoren der SF aufzuzeichnen und zu sammeln, die sonst unwiederbringlich verloren wären (www.sfoha.org). Lange Jahre war er außerdem Schatzmeister der „Science Fiction Writers of America“ – ein ungemein rühriger, hochaktiver Mann ungeachtet dessen, dass er seit den frühen 1980er Jahren gegen eine Leukämie- und Krebserkrankung kämpfte, der er am 12. September 2002 schließlich zum Opfer fiel.

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Als es noch Menschen gab

Erstellt von Michael Drewniok am 27. Juni 2010

simak-menschen-cover-2010Clifford D. Simak
Als es noch Menschen gab

Originaltitel: City (New York : Ace Books 1981; dies ist die erste Gesamtausgabe der neun „City”-Storys)
Deutsche Erstausgabe der vollständigen, überarbeiteten u. kommentierten Gesamtfassung: März 2010 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 52628)
Übersetzung: Tony Westermayr u. Ulrich Thiele
412 S.
ISBN-13: 978-3-453-52628-0

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Das geschieht:

In neun Geschichten erzählt der Verfasser vom Ende der Menschheit, das hier ohne Krieg und Gewalt stattfindet, sondern einerseits evolutionär begründet ist und andererseits gesteuert wird, wobei alte Untugenden immer wieder durchschlagen und schließlich einen radikalen Neubeginn erforderlich machen:

- Die Stadt („City”, 1944): Gegen den Widerstand ihrer letzten Bürger soll eine US-Geisterstadt als lästiges Relikt der Vergangenheit zerstört werden.

- Das Haus („Huddling Place”, 1944): Obwohl man an anderer Stelle dringend seiner Hilfe bedarf, kann ein Arzt sein zur Falle gewordenes Heim nicht verlassen.

- Census („Census”, 1944): Sowohl die Zivilisation der Hunde als auch die Abspaltung der menschlichen Mutanten nimmt ihren Lauf.

- Die Flucht („Desertion”, 1944): Ausgerechnet auf dem Planeten Jupiter entdecken Menschen ein reales Paradies.

- Das Paradies („Paradise”, 1946): Die meisten Menschen verlassen die Erde und beginnen ein neues Leben auf dem Jupiter.

- Zeitvertreib („Hobbies”, 1946): Die wenigen auf der Erde verbliebenen Menschen geben sich sinnlosen Beschäftigungen hin.

- Äsop („Aesop”, 1947): Weil der Mensch von der Gewalt nicht lassen kann, wird er von der Erde entfernt; die Hunde übernehmen den Planeten.

- Die Lösung („The Trouble with Ants”/„The Simple Way”, 1951): Roboter Jenkins wird Zeuge, wie die Zivilisation der Ameisen den Menschen in den Untergang folgt.

- Epilog („Epilog”, 1973): Jenkins hält einsam Wache auf einer auch von den Hunden verlassenen Erde.

Cover der (gebundenen) dt. Erstausgabe von 1964 (Bild: Sammlung md)

Cover der (gebundenen) dt. Erstausgabe von 1964 (Bild: Sammlung md)

Eine (beinahe) friedliche Apokalypse

Die Welt ging und geht in der Science Fiction oft unter. Meist ist der Mensch selbst verantwortlich für sein Ende, das aber auch durch Fremdeinflüsse und dumme Zufälle (Asteroiden-Einschlag, außerirdische Attacke, Zombie-Epidemie) verursacht werden kann. Einigende Elemente sind viel Krawall und Sachschaden, während die Opferzahlen so dramatisch steigen wie die Spritpreise vor den Feiertagen: Wenn es schon aus ist, treten wir wenigstens mit Blitz und Donnergetöse ab!

Dass sich Clifford D. Simak nicht auf die bewährten Routinen des „Doomsday”-Subgenres stützen würde, ist zumindest denjenigen klar, die schon einmal einen Roman oder eine Kurzgeschichte dieses Verfassers gelesen haben. Simak bediente sich zwar sämtlicher Themen der SF, wobei er jedoch stets ein Mann der ruhigen Töne blieb. Wie „Als es noch Menschen gab” beweist, vermochte er auch ohne schwere Geschütze sehr gut das Ende der Menschheit in Szene zu setzen, trotzdem für Betroffenheit bei seinen Lesern zu sorgen und dabei spannend zu bleiben.

Die der Handlung innewohnende Tragik liegt in der Natur des Menschen begründet. Simak beschreibt in einem ausführlichen Nachwort, wie die Erzählungen, die er später in dem vorliegenden Buch sammelte, in einer Zeit entstanden, als die Erdmenschen aus den Gräueln des gerade überstandenen II. Weltkriegs rein gar nichts gelernt zu haben schienen. Stattdessen standen sich nunmehr atomar gerüstete Gegner in einem „kalten” Krieg gegenüber, der sehr schnell heiß und dieses Mal global tödlich werden konnte. Das Talent zur technischen Innovation, so schien es Simak, ging offensichtlich einher mit einem tief verankerten Hang zur Gewalt, und dieser würde sich immer wieder seinen Weg bahnen.

In „Als es noch Menschen gab” fällt der III. Weltkrieg aus. Die Atomkraft wird friedlich genutzt. Die sozialen Strukturen beginnen sich gravierend zu ändern. Der Mensch gibt das kollektive Leben in der Stadt auf. Er zieht aufs Land, mutiert zum Individuum und verliert jenen Zusammenhalt, der ihn einerseits aggressiv und andererseits im Austausch von Meinungen und Theorien erfinderisch werden ließ. Noch später verlassen die meisten Menschen die Erde und gehen in der zivilisationslosen Gesellschaft vergeistigter Jupiter-Geschöpfe auf.

Cover der TB-Erstausgabe von 1964 (Bild: Sammlung md)

Cover der TB-Erstausgabe von 1964 (Bild: Sammlung md)

Der Wolf bleibt immer Wolf

Zurück bleiben wenige Menschen, die das außerirdische ‚Paradies’ scheuen und auf der Erde ohne Sorgen oder Bedürfnisse aber auch ohne Ziele leben, sowie Hunde und Roboter. Die Hunde sind inzwischen intelligent geworden und können sprechen – eine vergangene Großtat der menschlichen Wissenschaft, hier einmal mehr verkörpert durch ein Mitglied der Familie Webster.

Simak stellt die Websters als Identifikationsfiguren in den Mittelpunkt der Ereignisse, die von ihnen erst gesteuert und später nur noch registriert werden. Auch die ‚Parallel-Zivilisation’ der Hunde ist ein Projekt der Websters. Sie wollen dem Menschen eine Intelligenz zur Seite zu stellen, die von den beschriebenen Wesensmakeln rein ist. Als die Menschen nach und nach verschwinden, übernimmt der unsterbliche Roboter Jenkins die Rolle der Websters. Er führt die Hunde in eine neue Zeit, in der alle Tiere intelligent geworden sind, sich verständigen können und einen globalen Friedenspakt geschlossen haben.

Erst jetzt setzt die eigentliche Apokalypse ein: Der Zufall verdeutlicht Jenkins, dass der fast ausgestorbene Mensch sein Gewaltpotenzial bewahrt hat und es erneut über die Erde bringen könnte. Also macht er dem ein Ende und entführt die Menschen an einen fernen Ort, an dem sie Gebrauch von ihrer Aggression machen können. Zurück bleibt eine menschenleere Erde, auf der die friedfertigen Hunde das Sagen haben. In den letzten beiden Erzählungen gibt es keine Websters mehr, und auch die Hunde sind verschwunden; der Roboter Jenkins spielt die Rolle des Testamentsvollstreckers und Hüters einer Vergangenheit, die nur mehr ihm wichtig ist.

Chronik mit vielen absichtlichen Fragezeichen

Simak verzichtet auf die Stringenz einer Handlung, die er stattdessen in einzelne Erzählungen aufgliedert. Damit bewahrt er dem „City”-Zyklus seine ursprüngliche Struktur: Die zunächst acht Erzählungen entstanden zwischen 1946 und 1951 als Storys, die vom Verfasser 1952 zum gleichnamigen Buch zusammengefasst wurden. Erst jetzt entstanden die verbindenden Kommentare, in denen hündische Historiker und Philosophen einer fernen Zukunft sich an der Deutung der wenigen hinterlassenen Quellen versuchen. (22 Jahre später fügte Simak eine neunte Geschichte hinzu. Sie sollte dem „City”-Zyklus abrunden, entstand aber in einem deutlich veränderten Umfeld, sodass sie nur schlecht zu den originalen acht Storys – die sich außerdem längst zum Kanon gefügt hatten – passen wollte.)

Die Geschichten aus „Als es noch Menschen gab” liegen auf einer Zeitachse, die im Jahre 1990 beginnt und viele Jahrtausende in die Zukunft reicht. Insgesamt ergibt sich trotz der Episoden-Struktur eine durchgängige Geschichte. Sie weist Lücken auf, die der Leser dank der Simakschen Andeutungen selbstständig zu füllen weiß. (Apropos Lücke: „Als es noch Menschen gab” gehört zu den Meisterwerken der Science Fiction, obwohl dem Verfasser in Sachen Science gewaltige Patzer – Hunde werden nicht intelligent, nur weil sie sprechen können, Jupiter ist ein Gasplanet ohne begehbare Oberfläche, und die Stadt hat als Lebensraum überlebt – unterliefen, wie der nachgeborene SF-Kollege Peter Watts in seinem Vorwort einerseits nachweist, während er gleichzeitig die Beständigkeit der Fiction betont.)

Simak zeigt sich als Meister der Ökonomie; sein gewaltiges Epos einer möglichen Zukunft umfasst in der Originalausgabe von 1952 gerade 224 Seiten. Auch ergänzt durch die neunte Story, durch Vor- und Nachwort degeneriert „Als es noch Menschen gab” nie zu einem jener endlosen, geschwätzigen Serienprodukte, zu der erfolgreiche SF-Ideen heutzutage viel zu oft ausgewalzt werden. Dass dieses Buch in seiner aktuellen deutschen Neuausgabe mehr als 400 Seiten stark ist, ‚verdankt’ es einem überaus aufgelockerten Druckbild mit großen Buchstaben und großzügigen Rändern …

Übrigens wurden die acht ursprünglichen „City”-Storys nicht neu übersetzt; der Heyne-Verlag griff auf die Eindeutschung von Tony Westermayr aus dem Jahre 1964 zurück. Obwohl der oft geschmähte Übersetzer hier leistete gute Arbeit leistete, wäre eine neue deutsche Fassung nach beinahe fünf Jahrzehnten und anlässlich dieser Neuausgabe eigentlich fällig gewesen.

Cover der (dritten) TB-Ausgabe von 1981 (Bild: Sammlung md)

Cover der (dritten) TB-Ausgabe von 1981 (Bild: Sammlung md)

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Mil(l)ville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star” angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories”. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction”. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City”-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner’ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen’ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave”, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame” aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

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Der Tote von Exmoor

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Juni 2010

hare-exmoor-coverCyril Hare
Der Tote von Exmoor

(sfbentry)
Originaltitel: He Should Have Died Hereafter (London : Faber & Faber Ltd. 1958)
Deutsche Erstveröffentlichung: 1959 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsthriller Nr. 27)
Übersetzung: Karl Hellwig
223 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Er hätte später sterben sollen“): 1978 (Wilhelm Goldmann Verlag/Krimi Nr. 4782)
Übersetzung: Renate Meyer
155 S.
ISBN-13: 978-3-442-04782-6

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Das geschieht:

Ungute Kindheitserinnerungen beschleichen den ältlichen Ex-Anwalt Francis Pettigrew, als ihm seine deutlich jüngere Gattin Eleanor als Urlaubsort ausgerechnet den Flecken Sallowcombe am Rand des großen Exmoors nahe der englischen Westküste vorschlägt. Vor einem halben Jahrhundert hatte er dort als Kind am Hang von Bolter’s Tussock eine Leiche gefunden, aber im Schreck nie davon erzählt.

Nun kehrt er zurück. Wider Erwarten gefällt es ihm, obwohl der Joliffe-Hof, auf dem das Ehepaar unterkommt, kein glücklicher Ort ist. Der alte Joliffe ist ein Tyrann, seine Tochter Edna wurde von ihrem nichtsnutzigen Gatten John Gorman mit zwei Töchtern sitzen gelassen. Die Gormans selbst sind ein hart am Rande der Legalität versippter Groß-Clan, dessen liebste Beschäftigung das gegenseitige Verklagen ist. Die Feindschaft ist schlimmer denn je, denn der alte Gilbert Gorman, der als reicher Mann gilt, liegt im Sterben. Seine Verwandtschaft lauert auf die Erbschaft.

Pettigrew versucht derweil, sein Trauma zu bewältigen. Er stattet Bolter’s Tussock einen Besuch ab – und stößt dort wiederum auf einen Toten! In wilder Panik holt Pettigrew Hilfe, doch als er mit einigen örtlichen Honoratioren an den Ort der Untat zurückkehrt, ist dort nichts mehr zu finden. Stattdessen gilt Pettigrew nun als spinnerter Städter.

Ein alter Freund erfährt von seinem Erlebnis: Superintendent Mallett, der sich im Ruhestand in Sallowcombe niedergelassen hat. Er geht der Sache nach, doch inzwischen hat die Polizei am Bolter’s Tussock tatsächlich eine Leiche gefunden: die von John Gorman, der im Tod eine bemerkenswerte Mobilität entwickelt. Sein Wiedergängertum scheint eng verknüpft mit dem britischen Erbrecht zu sein. Die Beantwortung dieser Frage entwickelt sich zum Wettlauf zwischen Ermittler und Mörder, bis ein energisches Moor-Pony mit einem Schlag alle Rätsel löst …

Leidenschaften unter sumpfiger Oberfläche

Ein gesetzter Herr sacht fortgeschrittenen Alters macht Urlaub auf dem Bauernhof; bereits die Ausgangssituation signalisiert, dass es in dieser Geschichte ruhig zugehen wird. Unter der rustikalen Oberfläche mit ihren scheinbar einfach gestrickten Bewohnern geht es allerdings heftig zur Sache – auch das nur bedingt subtil zwar, aber wirkungsvoll und für manchen Zeitgenossen mit üblen Folgen.

Willkommen also wieder einmal in der Welt des klassischen britischen Krimis, der sich wenig um die in anderen Sparten des Genres so vergötzte Psychologie schert, sondern vor allem ein kunstvoll vertracktes Verbrechen in den Mittelpunkt einer möglichst unterhaltsamen Geschichte stellt. An strategisch günstigen Stellen werden einprägsame Typen postiert. Hier sind es u. a. blasierte Landadlige, komödienstadleske Dorfbürger oder derbes Landvolk mit deutlichen Spuren allzu aktiver Inzucht. Im Finale, das vor dem Kanzleigericht zu London spielt, gesellen sich paragrafenverliebte Vollblutjuristen hinzu.

Die Story an sich ist einfach, aber sie wird mit viel Ironie und deutlicher Ortskenntnis und -liebe erzählt. Sehr stimmungsvolle Landschaftsbeschreibungen schweifen nicht ab, sondern charakterisieren das Exmoor und seine nicht ohne Grund etwas wunderlichen Bewohner. Der eigentliche Kriminalfall rankt sich wie so oft bei Hare, der viele Jahre als Jurist arbeitete, um eine der zahllosen Lücken oder Besonderheiten der englischen Gesetzgebung, die, wenn man um sie weiß, außerordentlich kuriose und dem Menschenverstand eigentlich abholde Vorhaben, die in unserem Fall dem berühmten britischen Humor einige gelungene Auftritte verschaffen, inspirieren kann.

Watson wider Willen

Francis Pettigrew ist im Grunde zu beneiden. Obwohl er sich selbst ständig als „alten Mann“ bezeichnet, ist er wohl höchstens um die 60 Jahre alt. Schon seit einigen Jahren ist er im Ruhestand und kann sich seinen Hobbys widmen. Zudem ist er verheiratet mit einer sehr viel jüngeren Frau, die ihn tatsächlich liebt. Kinder gibt es nicht, also auch keine familiären Verpflichtungen.

Kein Wunder also, dass dieser den profanen Alltagssorgen enthobene Mann uns ein wenig weltfremd erscheint. Für die Krise ist er nicht geboren, das hat er schon als kleiner Junge bewiesen, als er einen Todesfall verschwieg. In der Gegenwart bringt ihn seine sanfte Versponnenheit mehr als einmal in Verlegenheit. Dabei ist Pettigrew beileibe nicht dumm; in dunkler Nacht bemerkt er so einiges, was nicht für seine Augen bestimmt war.

Ein milder Mr. Holmes

Aber es bedarf eines Fachmanns, diese Beobachtungen zu sichten. Diese Aufgabe übernimmt Mr. Mallett, der Meisterkriminalist außer Dienst. Er trägt deutlich die Züge des älteren Sherlock Holmes; Hare selbst lässt seine Figuren scherzhaft diesen Vergleich ziehen. Mit außerordentlich scharfem Verstand (wenn auch mit Holmes-untypischen Picknick-Appetit), Fachwissen und der Hartnäckigkeit des wahren Detektivs – irgendwie kann man sich Mallett gar nicht als Polizisten vorstellen, zumal die den Mordfall Gorman bearbeitenden Beamten als ziemlich überforderte Dilettanten beschrieben werden – geht er an die Sache heran. Ansonsten wird er von Hare mit demselben milden Spott bedacht wie die übrigen Figuren: Malletts Haus, auf das er sehr stolz ist, wird als Gruselhort des schlechten Geschmacks dargestellt.

Mrs. Pettigrew spielt – die weiblichen Leser der Jetztzeit mögen es mit Missfallen zu Kenntnis nehmen – nur eine Nebenrolle. Sie ist fixer auf den Beinen als ihr Gatte und besitzt sogar einen Führerschein. Deshalb kann Hare sie auf größere Erkundungstouren durch das Exmoor schicken und zusätzliche Informationen sammeln lassen.

Ansonsten treffen wir wie gesagt auf die üblichen überzeichneten Gestalten des klassischen Krimis. Mancher verbirgt freilich unangenehme, sogar mörderische Züge, aber das hält sich alles im Rahmen des Schicklichen und Unterhaltsamen. „Der Tote von Exmoor“ entstand 1958, als der Noir und/oder „Hardboiled“-Krimi mit seinen an Unbarmherzigkeit grenzenden, weil die Abgründe der Seele ausleuchtenden Menschenbildern schon eine eigene Geschichte hatte. Doch Cyril Hare zeigt sich in seinem letzten Kriminalroman noch einmal als Repräsentant einer altmodischen, aber nie wirklich untergegangenen Epoche: Der Kuschel-Krimi hat ihn überlebt und ist in der globalisierten Gegenwart viriler denn je.

Autor

Cyril Hare wurde im Jahre 1900 in Mickleham, Grafschaft Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark geboren. Er lernte das englische Landleben kennen und schätzen, war ein passionierter Jäger und Angler. Clark studierte Jura am New College zu Oxford, und wurde 1924 Anwalt. 1933 heiratete Clark Mary Barbara Lawrence. Das Paar ließ sich in Cyril Mansions in Battersea nieder. Clark arbeitete als Jurist u. a. am Hare Court, Temple.

Daneben pflegte er seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Sketchen für das „Punch“-Magazin verlegte sich Clark auf Kriminalromane, in die er seine Erfahrungen als Jurist einfließen ließ. Als Pseudonym – schließlich war er ein angesehener Mann des Rechtes – wählte er Cyril Hare. Als erster Roman erschien 1937 „Tenant for Death“ (dt. „Ruhige Wohnung mit eigener Leiche“). Seien Helden wurden Inspektor Mallett von Scotland Yard und Anwalt Francis Pettigrew. Sie treten mehrfach gemeinsam auf.

Der Kritik schätzt Hare als kompetenten Handwerker, der das Rad der Kriminalliteratur nicht neu erfunden, aber zuverlässig mit in Schwung gehalten hat. Sein Werk ist schmal. Hare blieb Zeit seines Lebens Jurist und schrieb nur in der Freizeit. Neun Kriminalromane, ein Kinderbuch und ein Theaterstück erschienen in zwanzig Jahren. Ein Band mit Kriminalgeschichten kam nach Hares frühem Tod 1958 heraus.

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Todeskammer

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Juni 2010

rayne-todeskammer-coverSarah Rayne
Todeskammer

Originaltitel: The Death Chamber (London : Simon & Schuster UK Ltd. 2008)
Übersetzung: Ursula Bischoff
Deutsche Erstausgabe: März 2010 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 47033)
542 S.
ISBN-13: 978-3-442-47033-4

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Das geschieht:

Seit 1790 steht Calvary Goal auf einem Hügel unweit des Dorfes Thornbeck in der englischen Grafschaft Cumbria. Das große Gefängnis wurde berühmt und berüchtigt durch seine fleißig genutzte Todeskammer, in der mehr als 800 Schwerverbrecher gehängt wurden. Schon lange steht der alte Bau leer, ist baufällig und soll verkauft werden. Um die Werbetrommel für Calvary Goal zu rühren, hat man dem Dokumentarfilmer C. R. Ingram gestattet, mit einigen Studenten ein fragwürdiges Experiment zu inszenieren: Der blinde Schriftsteller Jude Stratton soll eine Nacht in der Todeskammer verbringen und herausfinden, ob es dort womöglich umgeht.

Anderenorts bekam Georgina Grey gerade Post von der „Caradoc-Gesellschaft“, die sich nach fast einem Jahrhundert der Erforschung übersinnlicher Phänomene auflösen will. Ihr Urgroßvater Walter Kane, Gefängnisarzt in Calvary Goal, hatte die Arbeit der Gesellschaft durch ein finanzielles Legat gefördert. Die verbliebenen Mittel sollen nun an Georgina als letzte Erbin zurückfließen. Von ihrem Lebensgefährten verlassen und ruiniert, käme ihr dieses Geld Georgina gerade recht, sodass sie sich umgehend nach Thornbeck begibt.

Dort hütet Vincent Meade, Sekretär der Gesellschaft, ängstlich die Geheimnisse einer turbulenten Vergangenheit, in der Calvary Goal immer wieder von Skandalen und kriminellen Umtrieben erschüttert wurde. Da Meade selbst Teil dieser unterdrückten Geschichte ist, will er Georgina, die diverse entlarvende Papiere erben wird, notfalls mit Gewalt mundtot machen. Eine weitere Nacht, die Jude Stratton mit der inzwischen zum Fernsehteam gestoßenen Georgina unter dem Galgen von Calvary Goal verbringen wird, verschafft Mead die ideale Ausgangsposition …

Schauerliche Komödie auf diversen Zeitebenen

Manches Buch liest man, während und obwohl man sich von Seite zu Seite lauter fragt, was um Himmels willen der Verfasser (oder in unserem Fall die Verfasserin) uns da vorsetzt. „Todeskammer“ – das sind 550 Seiten einer absurden Krimi- und Schauermär, die man weder ernst nehmen mag noch kann, obwohl Sarah Rayne in diesem Punkt möglicherweise gänzlich anderer Meinung ist, denn sie hat sich sichtlich Mühe gegeben mit ihrem Plot, der parallel auf vier Zeitebenen spielt, die im Verlauf des Geschehens immer dichter miteinander verschränkt werden. Calvary Goal wird Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte, die 1917 beginnt, 1938 ihre rasante Fortsetzung findet, 1958 gewaltsam auflebt und im 21. Jahrhundert in einem vor Mord & Spuk & Schwachsinn förmlich berstenden Höhepunkt gipfelt.

Eigentliches Zentrum der Geschichte ist der Hinrichtungstrakt des alten Gefängnisses. Wenn Rayne das Zeremoniell der staatlich legalisierten Menschentötung schildert, läuft sie zur Hochform auf. Die Autorin hat ausgiebig recherchiert. Ihre Darstellungen sind präzise, und sie verfügt durchaus über das schriftstellerische Talent, um Schrecken und Komik des Alltags in der Todeszelle auszumalen.

Beide Emotionen sind enge Verwandte. Zwar werden in Calvary Goal Menschen quasi in Serie umgebracht. Trotzdem hat sich hier eine sehr lebendige und farbenfrohe Gesellschaft mit dem Tod eingerichtet. Es wird intrigiert, die Ehe gebrochen und das Gesetz sabotiert, dass es die reine Freude ist. Zum idealen Sendboten des Unheils mutiert der verlotterte, verfressene, moralisch marode Wärter Saul Ketch, der stets zur falschen Zeit am richtigen Ort auftaucht und als griechischer Ein-Mann-Chor die Ereignisse auf unnachahmliche Weise kommentiert.

Der Zufall macht viele Überstunden

Dass Ketches komische Eskapaden sich wenig harmonisch ins das Gesamtgefüge dieser Geschichte integrieren, darf nicht weiter stören, da „Todeskammer“ zwar eine Story und einen roten Faden aber keine stringente Struktur besitzt. Von einem Kapitel zum nächsten kann die Stimmung zwischen Dramatik und Slapstick changieren, wobei wie schon angedeutet fraglich ist, ob Rayne dies so gewollt hat. Als Kitt dient den Szenen eine gewisse Gefühlsduseligkeit, da Rayne ein Faible für ‚tragische‘ Liebesgeschichten hat, die im Umfeld der „Todeskammer“ (glücklicherweise) nur selten funktionieren.

Die Komik – sei sie nun echt oder unfreiwillig – wirkt auch deshalb, weil die Verfasserin quasi schreibt, ohne eine Miene zu verziehen. Der Grundton bleibt bierernst, was die bizarren Plot-Kapriolen erst recht glänzen lässt. So gibt es kaum eine Hauptfigur ohne mindestens zwei Identitäten. Der Leser findet es ebenso grandios wie abstrus, wenn Rayne wieder einmal Lebensläufe miteinander verschmilzt, wobei sie die Gesetze der Wahrscheinlichkeit völlig ignoriert. Der Zufall triumphiert mit einer Dominanz, die ihm jeden Ernst raubt. Todeszelle und Hinrichtungskammer verwandeln sich in das Bühnenbild einer Boulevardkomödie. Wo sich dort heimliche Liebhaber in Schränken verstecken, kommt es hier unter dem Galgen zu Verwechslungen und Verwirrungen. Ständig wird der oder die Falsche gehängt, überleben Todeskandidaten, flüchten und kehren in anderer Gestalt zurück.

Die Grenzen zwischen ehrbaren Gesetzesdienern und –brechern sind jederzeit fließend. Aus Patrioten werden Serienmörder, während unschuldige Schönheiten den Wahnsinn unverdünnt vererben. Ein Arzt mutiert zum „mad scientist“, der unbedingt das Gewicht der menschlichen Seele ermitteln will, eine gramgebeugte Adelsfrau verfällt dem Spiritismus, der sich als Sammelbecken dreister aber ebenfalls übergeschnappter Betrüger entpuppt.

Die Gegenwart ist keineswegs ruhiger. Das Fernsehen schickt eine primär von sich selbst überzeugte Gruppe von ‚Dokumentarfilmern‘ nach Thornbeck, die mit der Wahrheit wenig am Hut haben und um des Sensationseffektes u. a. einen blinden Ex-Journalisten ‚ermitteln‘ lassen. Eine ziemlich dumme Frau schließt sich ihnen an und gerät ahnungslos auf die Spuren alter Geheimnisse, die exakt jenen einen Menschen aktiv werden lassen, der sich von ihnen bedroht fühlen muss. Dies setzt eine neue Lawine obskurer Untaten in Gang, die den weiter oben bereits erwähnten Zufall höchstens völlig betrunken am Werk zeigen. Weil Sarah Rayne einst Liebesromane produzierte, kann sie nicht widerstehen und zimmert eine Holzhammer-Romanze hinzu, die womöglich erneut satirisch gemeint ist.

Geister kommen auch vor

Um der bösen Geißel Glaubwürdigkeit endgültig den Garaus zu machen, verschneidet Rayne das hoch kriminelle Treiben grob mit diversen Elementen des Schauerromans. Grundsätzlich ist dies eine ehrwürdige Tradition im klassischen Krimi, der sich u. a. John Dickson Carr (1906-1977) gern und gut bediente (und in „Hag’s Nook“, dt. „Tod im Hexenwinkel“, 1933 ebenfalls ein aufgelassenes Gefängnis, in dem es zu spuken scheint, als Schauplatz nutzte). Rayne entwirft liebevoll eine an Grausigkeiten reiche Gefängnis-Geschichte, die Geister eigentlich produzieren MUSS. Ganz in der Tradition der Klassiker fügt sie ihrem Roman einen Übersichtsplan bei, mit dessen Hilfe man verfolgen kann, wo Gut und Böse durch Flure und Zellen tappen. (Dort findet man u. a. einen kleinen aber für die Handlung wichtigen Schuppen, in dem der Ätzkalk-Vorrat der Anstalt lagert, über dessen Verwendung Rayne viel Interessantes zu berichten weiß …) Wundert sich jemand, dass sich aller Spuk letztlich als Humbug erweist? Einmal mehr wirft Rayne eifrig Nebelkerzen. Dabei kann ihr auch ohne Geister beim besten Willen kein Leser im wüsten Gewirr ihrer Gefängnis-Mär auf die Schliche kommen.

„Todeskammer“ ist somit Krimi-Trash pur. Das Lektüre-Vergnügen ist dennoch erheblich, weil die Autorin das Handwerk des Schreibens versteht und ihr diesbezügliches Können auch die Übersetzung überstanden hat. (Oder verdanken wir etwa der Übersetzerin dieses seltsame Schillern zwischen dramatischem Ernst und markerschütternder Komödie?)

Autorin

Sarah Rayne wurde am 12. April 1947 als Bridget Wood geboren. Nach eigener Auskunft begann sie als Tochter eines irischen Komödienautors bereits als Teenager zu schreiben. Sie besuchte eine Klosterschule; anschließend begann die für später erfolgreiche Schriftsteller offenbar obligatorische Odyssee durch unzählige Kurzzeit-Jobs.

Erst 1982 gelang Wood die Veröffentlichung ihres Romanerstlings. „Mask of the Fox“ erschien unter ihrem Geburtsnamen, den sie als Autorin bis 1994 beibehielt. In dieser Phase veröffentlichte sie Fantasy- und Gruselgeschichten, die sie mit jenen romantischen Einlagen verschnitt, die vor allem Leserinnen schon schätzten, bevor Stephenie Meyer & Co. die Schreckensherrschaft der saft- und kraftlosen Bellas und Edwards einläuteten. Hervorzuheben ist die vierteilige „Wolfking“-Serie, die in einem postatomaren Irland spielt und allerlei ‚keltische‘ Plump-Klischees bedient.

Ab 1994 wechselte Wood zum Pseudonym „Frances Gordon“, doch ihr Programm blieb unverändert; höchstens der Schmalz-Anteil ihrer romantischen, von Uralt-Flüchen und reinkarnierten Finsterbolden wimmelnden Horror-Schinken stieg. 2003 wechselte Wood abermals das Pferd bzw. ihr Pseudonym. Als „Sarah Rayne“ schreibt sie nunmehr „psychologische Thriller“, die jedoch – die Leserinnen seien beruhigt – weiterhin tief in der weiblichen Seele gründeln.

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Notausstieg

Erstellt von Michael Drewniok am 1. Juni 2010

carmichael-notausgang-notausstieg-coverHarry Carmichael
Notausstieg

(sfbentry)
Originaltitel: Emergency Exit (London : Collins 1957)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Notausgang“): 1959 (Humanitas Verlag/Blau/Gelb Kriminalroman 31)
Übersetzung: Heinz Friedrich Kliem
159 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1975 (Wilhelm Goldmann Roman/Goldmann rote Krimi 4489)
Übersetzung: Wulf Bergner
152 S.
ISBN-13: 978-3-442-04489-4

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Das geschieht:

Die Cresset-Versicherung versichert sich der Dienste des Assessors John Piper, der als Detektiv möglichen Betrugsfällen auf den Grund geht. Dieses Mal bereitet der seltsame Tod des Vaughan Mortimer Kopfzerbrechen. Der Miteigentümer der kleinen Fluggesellschaft „Europair Charter Company“ in der südenglischen Grafschaft Sussex ist beim Testflug mit einer gerade reparierten Maschine umgekommen, nachdem erst die Motoren explodierten und sich dann der Fallschirm des Piloten nicht öffnete.

Kurz vor seinem Ende hatte Mortimer seine Lebensversicherung auf 10.000 Pfund erhöht. Da der Versicherung die Liquiditätsprobleme der „Europair“ bekannt waren, wurde eine Auszahlung bei Selbstmord ausgeschlossen. Drei Monate später ist Mortimer tot, und die Versicherung würde sich gern vor der Bezahlung drücken.

Piper findet bei seinen Ermittlungen allerdings Spuren, die entweder Vorsatz oder gar Mord andeuten. Mortimer trank und stritt mit seinem Geschäftspartner Colin Fox. Auch um seine Ehe stand es schlecht, denn offenbar betrog ihn Mrs. Mortimer mit besagtem Fox. Mit 10.000 Pfund könnte das Paar die „Europair“ von allen Verbindlichkeiten befreien und das Geschäft einträglich weiterführen, was die Witwe und Fox in den Rang von Hauptverdächtigen erhebt.

Dass Piper einen Nerv trifft, macht ihm jemand drastisch klar: Lillian Booth, die ihm wichtige Zeugenaussagen verkaufen wollte, wird dem Ermittler ermordet ins Bett gelegt. Nur seiner langen Freundschaft mit Inspektor Hoyle verdankt es Piper, dass diese Falle nicht zuschnappt. Er intensiviert seine Nachforschungen und gerät einem fein eingefädelten aber außer Kontrolle geratenen Betrug auf die Spur …

Krimi ohne Feuer

Ein Mann springt aus einem brennenden und abstürzenden Flugzeug; sein Fallschirm öffnet sich nicht, er stürzt ins Meer und verschwindet spurlos in den Wogen, während die Maschine an der nahen Meeresküste zerschellt: „Notausstieg“ beginnt mit einer Dramatik, zu welcher die Handlung nie mehr zurückfindet. Dies wäre nicht schlimm, denn viele Krimis beginnen mit einem spektakulären und komplexen Verbrechen, das anschließend ungeachtet falscher Spuren und irritierender Indizien aufgeklärt werden muss – ein Geschehen, dem bekanntlich eine ganz eigene Spannung innewohnt.

Allerdings hängt es vom Talent des jeweiligen Verfassers ab, ob das Wühlen in Papieren, das Befragen von Zeugen und die Auswertung von Tatortfunden den Leser fesseln kann. Harry Carmichael stellt dies – sicherlich unfreiwillig – unter Beweis, indem ihm genau dies nur gerade eben gelingt. Dabei ist „Notausstieg“ ein Krimi mit funktionstüchtigem Plot. Auch hält der Autor sich an die Konventionen des Genres. Unser Detektiv arbeitet sich hartnäckig zur Lösung voran. Bis es soweit ist, werden ihm viele Lügen erzählt und nicht nur Knüppel, sondern sogar Leichen zwischen die Beine geworfen.

Dennoch ist „Notausstieg“ ein Krimi, der nicht wirklich fesseln kann und im Gedächtnis haften möchte. Allzu routiniert spult Verfasser Carmichael sein Garn ab. Und John Piper ist ein redlicher Mann, doch interessant ist er nicht. Wir beobachten ihn bei seiner Arbeit. Die ist sein Leben, denn ein Privatmann Piper existiert nicht; kurz wird eine private Tragödie angedeutet, die sich in einem der früheren zehn Romanen der Serie abgespielt haben muss.

Cover der dt. Ausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Cover der dt. Ausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Krimi ohne Raffinesse

Was treibt Piper an? Als Leser vermutet man die übliche Liebe zum Gesetz oder besser: zur Gerechtigkeit, die üblicherweise durch Ironie bemäntelt wird. Carmichael scheint das Image seines Helden indes gleichgültig zu sein. Piper behauptet zwar einmal, er werde dem Fall nachgehen, auch wenn man ihm den Auftrag entziehen würde, doch besonders energisch klingt dies nicht.

Wenig Geschick legt Carmichael an den Tag, als er den Bösewicht eine tote Zeugin in Pipers Bett schleppen lässt. Glaubt der Mörder tatsächlich, er könne den lästigen Schnüffler auf diese Weise stoppen? Pflichtgemäß aber ohne jeden Verdacht gegen Piper nimmt Inspektor Hoyle dessen Aussage zur Kenntnis, wertet die Spuren aus und legt die nie wirklich bedrohlich in der Luft liegende falsche Mordanklage problem- und folgenlos ad acta.

Generell will kaum Spannung aufkommen. Sobald ein Verdächtiger frech wird, weist Piper ihn oder sie in die Schranken. Wieso tappt ein Detektiv, der die Fäden fest in der Hand hält, dessen ungeachtet so lange im Dunkeln? Dazu kommen Verdächtige, die sich vorsätzlich verdächtig verhalten, es aber gar nicht sind: Das Krimi-Rätsel wird vom Verfasser künstlich aufgebauscht und über die mit dem Buchverlag vereinbarte Seitenzahl gerettet.

Krimi ohne Klassik

Viele klassische Krimis sind ihrer Entstehungszeit verhaftet. Sie konservieren – meist unabsichtlich – gesellschaftliche oder kulturelle Normen, die längst obsolet geworden und in Vergessenheit geraten sind. Reizvoll können solche altmodischen Lebensaspekte werden, wenn sie in die Handlung einfließen. Carmichael erinnert einerseits glaubhaft an eine Zeit, als Fluggesellschaften noch keine globalen Konzerne sein mussten, sondern durch Piloten gegründet und geleitet werden konnten, die für einen Krieg gut ausgebildet aber nach 1945 überflüssig waren und nach beruflichen Perspektiven suchten.

Andererseits bedient sich Carmichael diverser Klischees, die heute nur noch abgeschmackt sind, sodass sie auch den Nostalgiker irritieren und ärgern. Vor allem das Frauenbild des Verfassers wurde (glücklicherweise) von der Zeit eingeholt und niedergestreckt. Lillian Booth, eine lebenslustige Frau, die sich offensichtlich um die zeitgenössischen Konventionen nicht kümmert, wird bei Carmichael zur Schlampe mit kriminellen Anwandlungen, die ihr Schicksal – sie gerät dem Mörder in die Quere und wird umgebracht – ‚verdient‘. Sie riecht nach „süßlichem Parfüm“, ihr Blick ist „wissend“, und in ihrer Handtasche findet die Polizei ein Stück Seife, eine Zahnbürste und frische Seidenstrümpfe: Utensilien, die auf eine geplante Übernachtung nach eheloser Unzucht schließen lassen. Sollte sie in dieser Hinsicht auf Piper gesetzt haben, wäre sie auf jeden Fall gescheitert; er hatte bereits bei einem frühen Treffen aufgrund ihres signalisierten Interesses voll sittlichen Entsetzens die Flucht ergriffen.

Der Fall des sabotierten Piloten wird wie bereits gesagt schlüssig aufgelöst. Elegant geschieht dies freilich nicht; man hört das Gefüge förmlich knirschen, wenn der Plot im letzten Viertel in eine Richtung geworfen wird, die weniger der Handlungsstringenz als dem Bemühen um eine finale Überraschung geschuldet ist. Carmichael rettet sich ins Ziel, aber er kann von Glück sprechen, dass seine Geschichte noch vor Seite 160 endet. Länger hätte weder sie noch der Leser durchgehalten.

Autor

Harry Carmichael ist das Pseudonym des viel beschäftigten Kriminalschriftstellers Leopold Horace Ognall (1908-1979), der auch als „Hartley Howard“ sehr aktiv war. Obwohl seine Geschichten oft in den USA spielten, war Ognall Brite und erfolgreich als Autor vor allem in seiner Heimat, während relativ wenige Romane den Weg über den Atlantik in das Land fanden, in dem sie spielten. Auf dem europäischen Kontinent wurden Ognalls Bücher dagegen gern gelesen; in Deutschland wurde sogar fast das gesamte Werk übersetzt, was angesichts des Umfangs der Bibliografie bemerkenswert ist.

Die leichtgewichtige und serientaugliche aber handwerklich durchaus achtbare Machart sowie die (möglicherweise unfreiwillige) Mischung aus traditionellem britischen Krimi und (nicht allzu hartem) US-Thriller sprach das hiesige Publikum offensichtlich an, solange der Verfasser neue Romane liefern konnte. Als Ognall 1979 starb, ließ die Resonanz stark nach. Heute ist Ognall sowohl als Hartley Howard als auch als Harry Carmichael aus der deutschen Krimi-Szene verschwunden.

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Als alles auseinanderfiel

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Mai 2010

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(Bild: Sammlung md)

(sfbentry)
Originaltitel: After Things Fell Apart (New York : Ace Books 1970)
Deutsche Erstausgabe: 1973 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann SF 0180)
Übersetzung: Jürgen Saupe
Cover: Ron Kirby
160 S.
ISBN-13: 978-3-442-23180-5

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Das geschieht:

In diesen fiktiven letzten Jahren des 20. Jahrhunderts sind die USA schon vor etwa drei Jahrzehnten auseinandergebrochen. Unzählige Stadtstaaten sowie kleine und kleinste Territorien haben sie mehr oder weniger ersetzt. Sie werden von ideologisch oft extremen Splittergruppen beherrscht, die einander bekämpfen, Bündnisse schließen, in neue Fraktionen zerfallen und insgesamt für eine Gegenwart ohne übergeordnete Strukturen sorgen.

Im ehemaligen Großraum San Francisco genießt das „Private Inquiry Office“ eine gewisse Neutralität als vermittelnde Instanz, die von den meisten Gruppen akzeptiert wird. Die Mitarbeiter des PIO können gerufen werden, wenn das fragile Gleichgewicht der unterschiedlichen Kräfte gar zu sehr in Gefahr gerät. Aktuell sorgt eine Gruppe namens „Männermord“ für Unruhe. Unter der Führerschaft der mysteriösen „Lady Day“ überfallen, entführen und töten radikale Feministinnen Männer in einflussreichen Positionen.

Jim Haley begibt sich im Auftrag des PIO auf einen riskanten Außeneinsatz. Er soll Lady Day identifizieren und ihr Hauptquartier lokalisieren. Seine Mission verwandelt sich in eine irrwitzige Odyssee durch ein Land, das durch Anarchie und Chaos gekennzeichnet wird. Wo die ‚echte‘ Mafia gegen die „Amateur-Mafia“ kämpft, Neo-Trapper sich Musketen-Gefechte mit afro-amerikanischen Klassenkämpfern liefern oder Überlebende des FBI ein Hotel nach geheimdienstlichen Vorschriften führen, bleibt Haley, der sich zwischenzeitlich in die schöne aber undurchsichtige Janey verliebt hat, hartnäckig auf seiner Spur, um schließlich die allgemeine Verwirrung auf einen neuen Höhepunkt zu treiben …

Das Ende als neuer Anfang vom Ende

Nach dem II. Weltkrieg schien in den USA nur der Himmel die Grenze des Machbaren darzustellen – und dies nur vorläufig, denn Anfang der 1960er Jahre verkündete Präsident Kennedy, es würden spätestens am Ende des Jahrzehnts Amerikaner auf dem Mond stehen; ein Vorhaben, das bekanntlich glückte. Ohne die Kommunisten wäre das Leben – zumindest für die Fleißigen, Angepassten & nicht Ausgegrenzten – mit Jobs im Überfluss, ökonomischer Weltherrschaft und Automobilen, die mehr als 20 Liter Sprit pro 100 km verbrauchen durften, das Paradies auf Erden gewesen.

Aber in diesen 1960er Jahren begann das scheinbar selbstzufrieden in sich selbst ruhende US-Imperium Risse zu zeigen. Alte Probleme waren nie gelöst, sondern nur verdrängt worden, neue kamen hinzu. Vor allem die Jugend ließ sich nicht mehr disziplinieren bzw. drangsalieren. Rassendiskriminierung, Krieg in Vietnam, bürgerkriegsähnliche Unruhen in zahlreichen Städten: Es gärte in den USA, während gleichzeitig alternative Lebensmodelle entstanden. Die Hippie-Bewegung fand das Interesse der Medien, aber das Aufbrechen als überkommen empfundener Alltagsmodelle wurde nicht nur von den Blumenkindern exerziert. Konservativ und progressiv, friedlich und paramilitärisch, anarchistisch und faschistoid: Diese Gruppen deckten das gesamte politische und soziale Spektrum ab.

Dass es nicht mehr so weitergehen konnte wie bisher, dämmerte auch jenen, die Angst vor Veränderung hatten. Spätestens die Ölkrise des Jahres 1973 kündigte das Ende des immerwährenden Aufschwungs an. Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung blieben keine Schlagwörter leicht zu ignorierender Öko-Freaks mehr, sondern wurden bittere Realität.

Die Zukunft im Mixer der Gegenwart

In einer so in Bewegung geratenen Gegenwart schuf Ron Goulart 1970 die „Fragmented-America“-Serie, deren erster Band „Als alles auseinanderfiel“ wurde. Goulart griff die herrschenden Verhältnisse und Umbrüche auf, mischte und extrapolierte sie. Es entstand ein ‚moderner‘ Science-Fiction-Roman, der nicht mehr den menschlichen Triumphzug durch das Weltall feierte, sondern sich auf die alltäglichen Probleme des Heimatplaneten konzentrierte.

Um 1970 schien der Zusammenbruch der ‚alten‘ Ordnung durchaus möglich. Was geschähe, sinnierte Goulart, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte? Wie könnte das Leben aussehen, würden die neuen, idealistischen Gruppen die Macht übernehmen? Als ernsthafter Visionär sah der Verfasser sich dabei nicht; diese Rolle überließ er anderen Schriftstellern. Goulart betrachtete sich als Satiriker, der die mögliche Zukunft überspitzt darstellen wollte. Auf diese Weise konnte er einerseits Grenzen ignorieren, während er andererseits ein größeres Publikum erreichte: Kritik wird problemloser zur Kenntnis genommen, wenn man sich dabei amüsieren kann. Ohnehin verschmäht Goulart auch den einfach ‚nur‘ witzigen Effekt nicht, wenn er von Nudisten-Rabatten, an die Presse verkauften Aufständen oder widerspenstigen Robotern fabuliert.

Die Schlange beißt sich in den Schwanz

Goulart kommt in „Als alles auseinanderfiel“ zu dem Schluss, dass der Mensch nichts dazulernt. Die neue Welt ist trotz ihrer seltsamen Auswüchse grundsätzlich die alte geblieben. Faktisch treten höchstens Wesenszüge wie Hab- und Machtgier, Inkompetenz, Fanatismus oder Verblendung stärker hervor. Der Staat ist ein Kompromiss, der die gröbsten Spitzen politischer, juristischer oder kultureller Seitenwege nivelliert. Das „fragmentierte Amerika“ ist demgegenüber ein Konglomerat eigenbrötlerischer Splittergruppen, deren Handeln demonstriert, dass sie vor allem die eigenen Vorstellungen verwirklichen wollen. Sie haben keine Probleme damit, dies auf Kosten anderen und außenstehender Menschen zu tun. Das einende Element scheint dem Verfasser die allgegenwärtige Bestechlichkeit zu sein.

Als Autor vertritt Goulart eine zumindest latent konservative Haltung. Ohne zentrale Ordnungsmacht oder –kraft bricht das Chaos aus. Auf die Idealisten oder gar die selbst ernannten Retter darf man nicht zählen. Stattdessen bekommen alte Krisengewinnler wieder Oberwasser. Jim Haley führt uns durch diese aus den Fugen geratene Welt wie einst Alice durchs Wunderland. Der Plot ist Nebensache, die Suche nach der „Lady-Day“-Bewegung hält die Handlung nur in Gang. Haley soll mit möglichst vielen Gruppen Kontakt aufnehmen, um dem Leser die Heterogenität dieser Zukunft vor Augen zu führen.

Das in der SF oft dominierende technische Moment dient Goulart höchstens als Verstärker in der Darstellung des allgemeinen Durcheinanders. Von Hightech ist in diesem Amerika keine Rede mehr. Goulart liebt Geräte und Roboter, die ihre Funktionalitäten quasi ins Gegenteil verkehrten und dem Menschen nicht Diener, aber auch nicht Herren, sondern in erster Linie lästig sind. Sie unterstreichen das Chaos, in das sie sich so problemlos fügen, dass man sie – zumindest im Fall der Roboter – von den Menschen kaum noch unterscheiden kann.

Chaos endet – vorläufig

„Als alles auseinanderfiel“ unterhält heute primär als oft altmodische aber grundsätzlich noch funktionierende Geschichte. Der Humor ist hauptsächlich trocken und konnte sich ebenfalls erhalten. Viele der von Goulart karikierten Missstände haben im Kern ihre Daseinsberechtigung bewahren. Was von der Zeit eingeholt wurde, amüsiert als Gruß einer vergangenen Zukunft. Der historisch bewanderte Leser freut sich darüber hinaus über das geistreiche oder wenigstens gelungene Spiel mit historischen Realitäten.

Das politische und kulturelle Tauwetter währte in den USA keine zehn Jahre. Es endete spätestens 1981 mit der Präsidentschaft Ronald Reagans, der perfekt die Rückkehr zu den „alten Werten“ symbolisierte. In genau diesem Jahr schloss Ron Goulart seine „Fragmented-America“-Serie mit ihrem fünften Band ab. Zu diesem neuen Amerika fiel ihm offenbar nichts Komisches mehr ein.

Autor

Ron Goulart wurde am 13. Januar 1931 in Berkeley im US-Staat Kalifornien geboren. Der Sohn eines Fabrikarbeiters studierte an der Universität ebendort und ging anschließend in die Werbung, was für seine spätere Aktivität als Schriftsteller prägend wurde. Schon 1952 erschien mit „Letters to the Editor“ eine erste Science-Fiction-Story, doch es dauerte bis 1960, bevor Goulart Vollzeit-Autor wurde.

Als solcher beschränkte er sich keineswegs auf die Phantastik, sondern veröffentlichte auch zahlreiche Kriminalromane. Goulart textete außerdem für Comics wie „Vampirella“ und „Star Hawks“. Unter diversen Pseudonymen schrieb er darüber hinaus für Serien wie „Avenger“ (als Kenneth Robeson), „Flash Gordon“ (als Con Steffanson), „Phantom“ (als Frank S. Shawn) oder „Kampfstern Galactica“ und griff William Shatner hilfreich beim ersten Band der „TekWar“-Serie unter die Arme.

In denjenigen SF-Romanen und Kurzgeschichten, die unter seinem eigenen Namen erschienen, gab Goulart sich gern satirisch oder wenigstens humorvoll. Vor allem Maschinen mit Fehlfunktionen haben es ihm angetan, doch Goulart vermag auch den Wahnsinn im ‚Menschen‘ heraufzubeschwören, wie er mit seiner sehr beliebten Serie um das Chamäleonkorps bewies, dessen Mitglieder ihre Gestalten verändern können, was ihnen ermöglicht, auch und gerade bizarre Missionen zu übernehmen.

[md]

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