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neuauflage

Der Mann in der Flasche

Erstellt von Michael Drewniok am 14. Februar 2012

Bill Knox
Der Mann in der Flasche

(sfbentry)
Originaltitel: The Man in the Bottle (London : John Long 1963)/The Killing Game (Garden City/New York : Doubleday 1963)
Übersetzung: Heinz Otto
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 425)
187 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 2007)
187 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Den September halten sich schottische Angler gern frei, denn durch die Flüsse des Hochlandes schwimmen nun gewichtige Lachse. Freilich helfen vom Sportsgeist gemiedene Zeitgenossen ihrem Glück nicht selten mit ein wenig Dynamit nach; die betäubten Fische müssen sie nur noch aus dem Wasser klauben.

So hat es offenbar im Glen Lyon ein Dummkopf versucht und sich dabei selbst in Stücke gesprengt, was Inspektor Roy die Identifizierung naturgemäß erschwert. Auch Kollege Colin Thane, Leiter des Polizeireviers Millside, und Sergeant Phil Moss können zunächst nur raten, ob hier George Shaw aus Glasgow sein Ende fand, der aus seinem Camping-Kurzurlaub nicht zurückkehrte.

Als sich dies bestätigt und weil in einem Bruststück der Leiche eine Pistolenkugel steckt, wird aus der Vermissten-Suche ein Mordfall. Dieser wird Thane übertragen, der zu seinem Missfallen jedoch mit dem Geheimdienst zusammenarbeiten muss: Shaw stand im Kontakt mit vier litauischen Fischern, die vor einigen Wochen von einem russischen Trawler flüchteten, der vor der schottischen Küste seine Netze auswarf. Anführer des Quartetts ist der ehemalige Rechtsanwalt Martin Kelch, dem die sowjetischen Besatzer seines Heimatlandes übel mitspielten; seine beiden Brüder wurden verschleppt und getötet, er selbst um Stellung und Ansehen gebracht.

Dafür verantwortlich ist General Schaschkow, ein ehrgeiziger Apparatschik, der inzwischen politisch aufgestiegen ist und derzeit eine Goodwill-Tour durch Schottland unternimmt. Diese Gelegenheit will Kelch nutzen und sich rächen. Dabei soll offenbar Dynamit zum Einsatz kommen. Das Attentat muss verhindert werden, denn Moskau droht mit Konsequenzen, sollte Schaschkow etwas zustoßen. Doch Kelch ist schlau, und er hat Unterstützung gefunden. Thane und Moss ermitteln im Wettlauf mit der Zeit, wobei die Lunte dieses Mal nicht nur sprichwörtlich brennt …

Politik und Rache in einer überschaubaren Welt

Die Guten: Das waren die Vertreter des „freien Westens“, versammelt im Windschatten der Supermacht USA, gerüstet mit Waffen sämtlicher Vernichtungsklassen und unterstützt durch ein Heer eifrig gen Osten horchender Agenten. Ihnen gegenüber lauerten die Bösen: die blutrote Sowjetunion und ihre Schergen, die alles unternahmen, um die Restwelt unter ihr Joch zu zwingen, und dabei auf Gesetz & Moral lautstark pfiffen. Dazwischen erhob sich ein „Eiserner Vorhang“, der beide Seiten zumindest in Europa auch optisch klar voneinander schied.

So übersichtlich war der politische Globus bis 1991, als Glasnost und Perestroika dem (vorerst) ein Ende bereiteten und die Welt sich in ein instabiles Gemenge schwieriger zu identifizierenden Schurkenstaaten verwandelte. Für Thriller-Autoren brachen neue und schwere Zeiten an; dies galt jedenfalls für die Routiniers des Genres, die sich bisher darauf beschränken konnten, mit wenigen Reizworten ein Milieu der Bedrohung zu skizzieren, das von ihrem Publikum sofort begriffen wurde.

Auch „Der Mann in der Flasche“ profitiert von dieser Ausgangssituation. In den 1960er Jahren wusste der Leser Begriffe wie „russischer Fischtrawler“ oder „politische Säuberung“ sofort zu entschlüsseln: Die angeblichen Fischer waren Spione, die vor den Küsten des Klassenfeindes dessen Verteidigung ausforschten, und die angebliche ‚Säuberung‘ bestand in der scheinlegalen, tatsächlich brutalen Ausschaltung politischer Gegner. Kein Wunder, dass die Besichtigung einer Fabrik für elektronische Instrumente durch General Schaschkow von den britischen Gastgebern so vorbereitet wird: „Man hat die ganze Woche fieberhaft gearbeitet, alles beiseite zu räumen, was er nicht sehen soll.“ (S. 59)

Russen oder Engländer: Schotten sind misstrauisch

Solche Thriller-Elemente verknüpft Bill Knox mit dem klassischen Kriminalroman. Das funktioniert vor allem heute besser als erwartet, da nicht nur die Sowjetunion, sondern auch jener kleine Kosmos versunken ist, der dem englischen „Whodunit“ vorbehalten bleibt. In abgelegenen Winkeln der schottischen Highlands lässt Knox ihn behutsam auf- oder überleben. Hier gibt es noch Winkel, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, was dem Verfasser Raum für einen erfreulich unaufdringlichen Humor lässt; so empfängt der Diensthabende einer Hochland-Polizeistation, die gleichzeitig Wohnung ist, die Vorgesetzten aus der Stadt zwar in voller Uniform, trägt dazu aber Filzpantoffeln und muss unauffällig ein Gestell mit den trocknenden Windeln seines Nachwuchses aus dem Verhörbereich schaffen.

Oft zur Sprache kommt der Gegensatz Stadtmensch – Landmensch, ein altbekanntes, dankbares Thema, aus dem Knox gern Funken schlägt. Schweigen gilt dem knorrigen Schotten keineswegs als Behinderung einer Ermittlung; es müssen ihm halt die richtigen Fragen gestellt werden. Die daraus resultierende Atmosphäre ist lebendig und ein wenig überzeichnet, wobei Knox auf Komödienstadl-Klischees verzichten kann.

Analoge Polizeiarbeit ist harte Arbeit

Die Umtriebe litauischer Flüchtlinge, die in der Wildnis untertauchen, erdet Knox mit der Erinnerung an einen zum Zeitpunkt der Handlung kaum zwei Jahrzehnte vergangenen Kriegsalltag: Martin Becher war bereits 1945 ein Flüchtling und als solcher in einem schottischen Lager untergekommen. Hieraus resultieren seine Ortkenntnisse sowie Freundschaften, die ihm in der Gegenwart helfen, nicht nur der Polizei zu entwischen, sondern auch seinen Rachefeldzug voranzutreiben. Die ihren englischen Nachbarn im Süden eher abgeneigten Schotten identifizieren sich zudem leichter mit vier Litauern, die sich auch nach gelungener Flucht lieber im Verborgenen halten, als offiziell um Asyl zu bitten.

Solches Untertauchen, heutzutage selbst in den Highlands schwierig, ist in den 1960er möglich, weil eine Fahndung in dieser Umgebung auf eine Fährtensuche hinausläuft. Hightech erschöpft sich in Funktelefonen, die in einigen Polizeiautos eingebaut sind. Fingerabdrücke werden nicht vor Ort und online abgeglichen, sondern müssen abgenommen und ins Archiv geschickt werden, wo in Handarbeit und mit Augenmaß Karteikarten zu überprüfen sind. Die zeitgenössischen Methoden hat Knox gut recherchiert und lässt sie dort einfließen, wo sie die Handlung voranbringen: Seitenlanges, selbstgefälliges Schwelgen in nur interessanten Details ist seine Sache nicht. Das durchaus komplexe Geschehen findet nach 190 rasanten Seiten seinen Abschluss.

Zusätzlich kommen die Füße ausgiebig zum Einsatz: Colin Thane und Phil Moss sind unbedingte Anhänger einer Polizeiarbeit, die primär am Ort des jeweiligen Geschehens erledigt wird, selbst wenn sie dies an recht pittoreske Stätten führt. Auch in dieser Beziehung stützt Knox sich gern auf reale Orte und deren Kenntnis. Einem besonders malerischen aber ungemütlichen Ort verdankt dieser Roman sogar seinen ungewöhnlichen Titel, der gleich in doppelter Hinsicht einen Sinn ergibt: als Ortsbezeichnung und als Stätte eines klug vorbereiteten Geistesblitzes, der dem scheinbar bereits geklärten Fall einen unerwarteten und turbulenten Finaltwist liefert.

Routine als positive Eigenschaft

Mit dem sechsten Band seiner Serie um das Polizisten-Duo Colin Thane und Phil Moss hat sich Bill Knox sichtlich ‚eingeschrieben‘. Der sauber geplotteten und überzeugend umgesetzten Handlung entspricht eine klare Figurenzeichnung. Knox übertreibt es ein wenig mit dem Diensteifer seiner beiden Helden, was jedoch dem zeitgenössischen Umfeld entspricht; das Zeitalter der ausgebrannten, zynischen, korrupten Staatsdiener brach in der Unterhaltungsliteratur erst einige Jahre später an.

Die einfallsreiche Interpretation von Dienstregeln ist in Ansätzen trotzdem möglich, zumal auch Polizisten Menschen sind, deren Schwächen Knox nicht in den Vordergrund stellt, ohne sie andererseits zu verschweigen. Zwar beinahe freundschaftlich aber keineswegs problemfrei ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Thane und „Buddha“ Ilford, seinem anspruchsvollen Vorgesetzten. Noch deutlicher ist die Ablehnung des allzu sehr auf seine Privilegien pochenden Colonel Donnan, der als Mitarbeiter des Innenministeriums nicht nur ein Außenstehender, sondern auch (Nord-) Ire ist: Gewisse historisch bedingte Vorurteile haben sich erhalten und werden vom Verfasser aufgegriffen.

Letztlich rauft man sich im Angesicht der Krise jedoch zusammen, denn Knox beschreibt die Arbeit von Profis. Fachkenntnis und Hartnäckigkeit bilden die Schlüssel zum Erfolg, das Glück macht sich rar und bleibt dem Tüchtigen vorbehalten. Der darin wurzelnde Realitätssinn korrespondiert reizvoll mit jenen Elementen, die für die notwendige Spannung und ein wenig Humor sorgen. Noch sind die Romane von Bill Knox keine ‚echten‘ Krimi-Klassiker, aber sie sind eindeutig auf dem Weg dorthin.

Autor

William Knox wurde 1928 im schottischen Glasgow geboren. Mit 16 Jahren wurde er jüngster Reporter der Stadt und spezialisierte er sich auf Kriminal- und Gerichtsfälle. Später war er Schottland-Korrespondent einer englischen Sonntags-Zeitung und arbeitete in der Nachrichtenzentrale der schottischen Fernsehgesellschaft „Scottish Television“ (STV).

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begann Knox Kriminalromane zu schreiben. 1957 startete seine Serie um das Polizisten-Gespann Colin Thane und Phil Moss, die in Glasgow und Umgebung mit jeder möglichen Form des Verbrechens konfrontiert wurden. Die Kenntnis der realen Polizeiarbeit half Knox in Kombination mit seiner Ortskenntnis beim Entwurf solider Plots. Thane & Moss ermittelten in 24 Fällen.

Trotz eines enormen Arbeitstempos schrieb Knox spannende und zudem gut recherchierte Geschichten. Er reiste gern, was sich in einer weiteren Reihe niederschlug: Jonathan Gaunt ist Finanzinspektor für das königliche Schatzamt und als solcher oft in Europa unterwegs, das er in elf abenteuerlichen Kriminalfällen zwischen 1970 und 1990 durchquerte. Für die schottische Fischereibehörde gingen Webb Carrick und William „Clapper“ Bell ab 1964 auf Patrouillenfahrt durch schottische Gewässer. Diese Serie lief bis 1991 in 15 Bänden.

Knox war ein beliebter und bekannter Autor, was sich in den 1970er Jahren das Fernsehen zu Nutze machte. Er moderierte „Crime Desk“, eine Sendung, die sich mit ungeklärten Kapitalverbrechen in Schottland beschäftigte. Zwölf Jahre stand Knox der Sendung vor. Parallel dazu präsentierte er „Tales of Crime“, eine Serie, die große Kriminalfälle der schottischen Geschichte aufrollte.

Insgesamt schrieb Bill Knox mehr als 60 Kriminalromane. Im März 1999 ist er über der Arbeit an einem weiteren Band der Thane-Moss-Serie gestorben; sein Schriftsteller-Kollege Martin Edwards stellte ihn fertig.

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Die Colin-Thane/Phil-Moss-Serie:

(1957) Aus sicherer Quelle (Deadline for a Dream/In at the Kill) – GK 1073
(1959) Drei Paar Nylonstrümpfe (Death Department) – GK 1081
(1960) Ferngespräch nach Rom (Leave it to the Hangman) – GK 1171
(1962) Kleine Blutstropfen (Little Drops of Blood) – GK 1206
(1962) Spanische Dukaten (Sanctuary Isle/The Gray Sentinels) – GK 1226
(1963) Der Mann in der Flasche (The Man in the Bottle/The Killing Game) – GK 2007
(1965) Whisky floss in Strömen (The Taste of Proof) – GK 2125
(1966) Blutgruppe B (The Deep Fall/The Ghost Car) – GK 2242
(1967) Gangsterschlacht in Glasgow (Justice on the Rocks) – GK 3109
(1969) Der Halsabschneider (The Tallyman) – GK 3188
(1970) Dynamit in falschen Händen (Children of the Mist/Who Shot the Bull?) – GK 3273
(1971) Ins Feuer mit der Hexe (To Kill a Witch) – GK 4124
(1973) Das Spiel wird ernst (Draw Batons!/Penalty Shootout) – GK 4296
(1975) Rallye ins Jenseits (Rally to Kill) – GK 4464
(1977) Der Fehler des Piloten (Pilot Error) – GK 4673
(1978) Whisky macht das Kraut nicht fett (Life Bait) – GK 4873
(1981) Der Tod des Sargmachers (A Killing in Antiques) – GK 4918
(1983) Mit falschen Etiketten (Hanging Tree) – GK 4966
(1986) Die Tote vom Loch Lomond (The Crossfire Killings) – GK 5025
(1989) The Interface Man (kein dt. Titel)
(1996) The Counterfeit Killers (kein dt. Titel)
(1997) Blood Proof (kein dt. Titel)
(1998) Death Bytes (kein dt. Titel)
(1999) The Lazarus Widow (vollendet von Martin Edwards) (kein dt. Titel)

GK = Goldmann Kriminalroman

[md]

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Das Exil der Königin

Erstellt von Werner Karl am 9. Februar 2012

Cinda Williams Chima
Das Exil der Königin
Der Dämonenkönig 2

(sfbentry)
The Exiled Queen, USA, 2010
Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1. Auflage: 10/2011
TB 9675
Romantic Mystery, Urban Fantasy
ISBN 978-3-442-46975-8
Aus dem Amerikanischen von Susanne Gerold
Titelgestaltung von UNO Werbeagentur, München unter Verwendung des
Motivs „The Exiled Queen“ von Cinda Williams Chima/Larry Rostant, 2010

www.goldmann-verlag.de
www.cindachima.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Vor tausend Jahren gelangte ein machtvolles Amulett in die Hände eines magisch talentierten Mannes. Nach seinem Tod gab man ihm den Namen „Dämonenkönig“. Das Amulett schien lange Zeit verschwunden, doch der Dämonenkönig hat einen Nachfahren: Han Alister gerät durch Zufall an das Amulett. Seitdem befindet er sich auf der Flucht vor dem Hohemagier Lord Bayar, der alles versucht, um das Artefakt in seine Finger zu bekommen. Han Alister begibt sich zusammen mit seinem Freund Dancer auf dem Weg nach Odenford. Nur dort wird es ihm möglich sein zu lernen, seine magischen Fähigkeiten zu kontrollieren.

Die Königinnentochter befindet sich ebenfalls auf der Reise dorthin, um einer erzwungenen Heirat mit dem Sohn von Lord Bayar zu entgehen. Amon Byrne ist ihr Beschützer, Wegbegleiter und zugleich der Mann, den sie liebt und begehrt. Amon erwidert die Gefühle der jungen Frau, obwohl er weiß, dass Raisa nie sein eigen sein darf. Zu vieles spricht dagegen. doch die Liebe findet einen Weg.

In der Welt der Fantasy werden gerne geheimnisvolle Amulette, Ringe oder andere machtvolle Gegenstände in den Mittelpunkt gestellt, um die sich interessante Geschichten ranken. Eines der größten literarischen Werke auf dem Fantasy-Sektor ist und bleibt dabei „Die Herr der Ringe“-Saga. Mächtige Artefakte sind zwar keine Seltenheit, die Story von Cinda Williams Chima ist aber interessant, verspricht viel und weist inhaltlich eine ganze Menge Abenteuer, Action, Gewalt, Freundschaft und Liebe auf. Dazu gibt es magische Schlachten, die plastisch und interessant erzählt werden. Dass die Protagonisten z. B. einem weinenden Kind nicht helfen können, lässt die entsprechende Szene schon sehr real wirken. Der Hauptplot dreht sich um Han Alister, doch auch die Königinnentochter Raisa entwickelt sich zu einer interessanten jungen Wegbegleiterin. Immer wieder verknüpft die Autorin die beiden Schicksale der Protagonisten.

Ein gelungener Einfall ist auch die Universitätsstadt Odendorf, in der Personen mit politischen Ambitionen nichts zu suchen haben. Stattdessen können Studenten aller Couleur ihren jeweiligen Studien nachgehen, ohne in die herrschenden Feindseligkeiten hineingezogen zu werden. Dies gefällt natürlich nicht allen Beteiligten, wodurch die unterschwellige Gefahr, in der die Freunde sich befinden, noch plastischer und faszinierender wird.

Cinda Williams Chima weiß, wie sie den Leser bei der Stange hält. Die unerwarteten Wendungen in der Story sowie die Auseinandersetzungen der Figuren mit den verschiedenen Situationen wird spannend und mit durchweg rotem Faden erzählt. Fans des Fantasy-Genres können sich bei diesem Titel auf entspannte Lesestunden freuen.

Copyright © 2011 by Petra Weddehage (PW)

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Der Krähenturm

Erstellt von Werner Karl am 1. Februar 2012

Kerstin Pflieger
Der Krähenturm

(sfbentrry)
München: Verlagsgruppe Random House 2012
Goldmann Tradepaperback 47679
ISBN 978-3-442-47679-4
Fantasy, Mystery
476 Seiten

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Nachdem Icherios Ceihn sein erstes Abenteuer, eine gefährliche Ermittlung für die “Kanzelley zur Inspektion unnatürlicher Gegebenheiten” im Schwarzwald des Jahres 1771, glücklich überstanden hat, führt ihn ein neuer Auftrag von Karlsruhe aus mit der Geisterkutsche nach Heidelberg. Dort hofft der junge Gelehrte, der ein Studium an der dortigen Universität beginnen soll, auch endlich die genaueren Umstände des Todes seines guten Freundes zu erfahren, kann er selbst sich an nichts mehr erinnern und argwöhnt selbst an dessen Ableben Schuld zu haben. Dabei kreuzen ein Hexenjäger auf heißer Spur, ein seltsamer Untoter namens der Glasfürst, magische Puppenmacher, Auftragsmörder, Hexen, Geister, Vampire und sonstige Gelichter seinen Weg und bald ist Ceihn in ein Komplott verwickelt, welches zum Untergang der ganzen bekannten naturwissenschaftlich basierten Welt führen könnte…

Haben Sie es nicht eine Nummer kleiner, so möchte man die Autorin fragen. Tatsächlich vergaloppiert sich Kerstin Pflieger hier mächtig was Tempo und Konstruktion der Geschichte angeht. War der Auftaktband der Serie um Icherios Ceihn noch ein sensationell gelungenes Debüt, so ist der Nachfolgeband eine arge Enttäuschung. Zu viele Handlungsstränge mit zu vielen Figuren, die alle in jedem Kapitel eine oder mehrere sensationelle Entdeckungen machen und/oder haarsträubende Abenteuer erleben müssen. Da wird mal kurz und nebenbei dein Hexenfluch nebst der untoten Verursacherin gebannt, eine ermordete Nixe ihren Artgenossinnen zurückgegeben und einige Auftragskiller entlarvt und über den Jordan befördert. Hier hat die Autorin eindeutig zu viel gewollt, durch ihren Supergau an Action die wunderbare Atmosphäre, die noch ihren Erstling auszeichnete, gar nicht erst generieren können.

Da der Leser kaum Zeit hat, zu Atem zu kommen, fallen wunderbare Figuren wie der Glasfürst erst gar nicht ins Auge, die tolle Idee mit den Geistern der Brandopfer einer größeren Stadt kann erst gar nicht ausgereift geschildert werden, sondern wird nur kurz angerissen und damit verschenkt. Pflieger verbaselt ihr Potential leider nur allzu leichtfertig, fühlte sich wohl bemüßigt, Icherios erstes Abenteuer unbedingt weit übertreffen zu müssen, was leider genau zum Gegenteil führt. Und so wie der Effekt einer an jedem Tag genossenen Lieblingsspeise irgendwann zum Überdruss führt, so vergällt auch ein Übermaß an Handlung und Action meist den Lesegenuss.

Dazu kommen noch kleinere handwerkliche Fehler wie die Erwähnung einer “blauen Rose” als Lieblingsblume des Verstorbenen (hier hätte eine real existente Blume auch gereicht, man muss doch nicht immer gleich so maßlos übertreiben!) und vor allem die seltsame Literatur, die auf dem Bücherbord der örtlichen Niederlassung des “Ordo Occulto” in Heidelberg steht, nämlich Bücher von Shakespeare, Goethe und Lenz (Seite 73)!!! Abgesehen davon, dass die meisten Leser automatisch beim Schriftstellernamen Lenz an Siegfried Lenz denken, da sein Namensvetter, der Autor Jakob Lenz, heutzutage nicht mehr ganz so bekannt ist, muss man sich als Leser doch ernsthaft fragen, mit welcher Zeitmaschine ein Mitglied der Organisation hier wohl unterwegs gewesen sein muss, denn die Erzählung spielt schließlich 1771. Jakob Lenz hatte zwar sein erstes Versepos zwei Jahre zuvor veröffentlicht, sonst aber nichts weiter. Und Goethe war 1771 noch völlig ohne eigenständige Publikation, erst 1773 erschien das berühmte Werk um den Edelmann Götz von Berlichingen (vorher verfasste Werke wurde erst später publiziert).

So bleibt Der Krähenturm unbefriedigend und nach dem grandiosen Auftakt eine herbe Enttäuschung, obwohl das Buch noch immer lesbar ist. Das große Potential der Figur und vor allem der Autorin sollte man deswegen aber nicht in Zweifel ziehen, denn gerade Debütanten unterläuft nach dem gelungenen Auftakt manchmal ein solcher Fehler. Prominentestes Beispiel hierfür ist sicherlich Jim Butcher, der mit seiner genialen Serie um den im Chicago der Jetztzeit lebenden Magier Harry Dresden eine ebenso wunderbare wie überzeugende Figur geschaffen hat. Auch diesem Autor misslang nach gutem Auftakt (Sturmnacht) der zweite Roman (Wolfsjagd) völlig, indem er zu viel wollte und damit unglaubwürdig wirkte und die Atmosphäre zerstörte. Mittlerweile werden die Geschichten um Harry Dresden von Band zu Band immer noch besser, obwohl die Romane von der Seitenzahl her immer voluminöser werden. Ein perfekt konstruierter Spannungsbogen von 600 Seiten ist hier mittlerweile die Regel und ein wahres Wunder!

Also, auf ein Neues Frau Pflieger! Es wird schon!

Copyright © 2012 by Gunther Barnewald

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Die Kathedrale der verlorenen Dinge

Erstellt von Werner Karl am 30. Januar 2012

David Whitley
Die Kathedrale der verlorenen Dinge

(sfbentry)
Originaltitel: Children of the Lost (2009)
München: Verlagsgruppe Random House 2010
Goldmann Taschenbuch 47467
ISBN 978-3-442-47467-7
447 Seiten
Aus dem Englischen von Peter Beyer

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Das vorliegende Buch ist die Fortsetzung zu Die Stadt der verkauften Träume, und damit Mittelteil einer laut Klappentext auf drei Bände konzipierten Serie (hoffentlich wird aus der “Trilogie” nicht eine fantasytypische Unendlichserie!).

Mark und Lily sind inzwischen Jugendliche von 15/16 Jahren und wurden aus Agora verbannt. Erstmals in ihrem bewussten Leben betreten sie so den Dschungel jenseits der Stadt auf der Suche nach ihrer Bestimmung, denn ihnen wurde vorausgesagt, sie würden dereinst großen Einfluß auf die Geschichte Agoras nehmen.

Nachdem Lily nur knapp den Angriff eines Raubtiers überlebt hat, erreichen die beiden eine dörfliche Gemeinde, wo sie nach anfänglichem Misstrauen freundlich aufgenommen werden. Doch der scheinbare Frieden wird immer wieder von bestialischen Ausbrüchen einzelner Bewohner unterbrochen, die einer unheimlichen Traummacht nachgeben, die das Bewußtsein der Menschen zu manipulieren scheint. Auch die beiden Jugendlichen geraten in Gefahr, denn außer der mysterösen Macht lauert auch noch das scheinbar idyllische Leben in dem Dorf, welches vor allem Lily in ihren Bann zieht…

Auch mit dem zweiten Abenteuer von Lily und Mark gelingt dem Autor ein unterhaltsames Buch, welchem es jedoch leider an Spannung etwas mangelt. Auf über 400 Seiten passiert hier leider viel zu wenig. Die überzeugende Atmosphäre und vor allem das unglaubliche Erzähltalent des jungen Autors retten die Geschichte dann aber doch. Die liebenswerten Protagonisten halten den Leser ebenfalls bei der Stange, auch wenn dem Autor die guten Ideen ziemlich ausgegangen zu sein scheinen.

Hoffentlich fällt Whitley beim Abschlußband mehr ein, denn gemessen am Auftaktband ist Die Kathedrale der verlorenen Dinge eine leichte Enttäuschung

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

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Nichts wie weg!

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Januar 2012

Garrison Keillor
Nichts wie weg!

(sfbentry)
Originaltitel: Leaving Home (New York : Viking, Penguin 1987)
Übersetzung: Edith Walter
Deutsche Erstausgabe: Juni 1996 (Wilhelm Goldmann Verlag/Taschenbuch Nr. 42764)
285 S.
ISBN-13: 978-3-442-42764-2

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Das geschieht:

Garrison Keillor kehrt zurück nach Lake Wobegon, der Kleinstadt irgendwo im US-Staat Minnesota, die es leider aufgrund gewisser historischer Fehlentscheidungen nicht auf die Landkarte geschafft hat. So bleiben die Bürger meist unter sich, was ihnen nur lieb ist, je weiter sich die Schere zwischen Gegenwart und Fortschritt schließt.

Viel zu rasch schreitet das Leben nämlich nach Ansicht vor allem der älteren Einwohner voran. Das kann nichts Gutes bringen, Sicherheit bietet allein das Festhalten am Bewährten. Gibt es darüber hinaus Fragen, so steht für die Lutheraner Pastor Ingquist und für die Katholiker Pater Emil bereit, denn die Bibel kennt Rat für alle Lebensprobleme, auch wenn die Konfessionen die Kenntnis der eigentlichen Wahrheit für sich beanspruchen; besonders Pater Emil hat viel von einem frühchristlichen Missionar an sich.

Aber so wird es gewünscht in Lake Wobegon: Man unterwirft sich den Autoritäten, die gefälligst Respektspersonen zu bleiben haben. Der Mensch ist schwach, der Versuchungen gibt es zu viele. Lebensfreude gilt daher als verdächtig. Spaß ist gestattet, wenn die Arbeit getan ist und er geprüft und freigegeben wurde. Dem echten Bürger von Lake Wobegon ist er trotzdem unheimlich, zumal er oder sie in dieser Stadt niemals ohne Aufsicht bleibt.

Lake Wobegon ist ein Aquarium, dessen Fische die vertraute Umgebung ungern verlassen. Die Krebsbachs, Thorvaldsons, Lundbergs oder Bunsens sind nicht nur Familien, sondern Dynastien, die auf eine anderthalb Jahrhunderte alte Geschichte zurückblicken; eine Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, was zu endlos verflochtenen Stammbäumen geführt hat, die freilich von den älteren Angehörigen problemlos hinuntergebetet werden können.

So geschieht für Außenstehende quasi rein gar nichts in Lake Wobegon, was von den Bürgern freilich gänzlich anders beurteilt wird. Aus diesem Kontrast entsteht die aus dem „Lake Wobegon“-Band (Goldmann-TB Nr. 42234) bekannte und beliebte Komik, in die sich Wiedersehensfreude mischt, treffen wir doch alle lieb gewonnenen, weil skurrilen und verschrobenen Gestalten wieder und lernen sogar einige neue kennen.

Eine Stadt kreist um sich selbst

„Es war eine stille Woche in Lake Wobegon“: So beginnt jede der 36 in diesem Band versammelten Erzählungen. Sie tragen zunächst abschreckende Titel wie „Ein Glas Wendy-Bier“, „Hühner“ oder „Das Hochhaus“, die von Banalitäten künden und rührseligen Auf-dem-Land-ist-alles-besser-Kitsch androhen. Einerseits zutreffend, andererseits weit gefehlt. Jawohl, es geht um Kleinigkeiten wie der Genuss eines sehr speziellen Biers, das Problem, ein geköpftes Huhn einzufangen, die Wahl eines neuen Wohnsitzes bzw. die trickreiche Verhinderung dieses Unterfangens. Für die Bürger von Lake Wobegon sind dies aber lebenswichtige Fragen. Verfasser Keillor weiß es. Er nimmt seine Figuren ernst und stellt sie niemals bloß, eine angenehme Abwechslung in einer Gegenwart, die zunehmend Humor mit Klamauk und Schadenfreude gleichsetzt..

Hier haben wir es mit echtem Humor zu tun. Leise schleicht er sich heran, um den Leser um so heftiger ins Zwerchfell zu springen. Fast sachlich – als echter Chronist eben – beschreibt der Verfasser sein Städtchen und dessen Bewohner. Der Witz entsteht aus dem Widerspruch, der daraus entsteht, dass die Menschen in Lake Wobegon eine sehr exotische Weltsicht haben. Reizvoll ist dabei, dass sie zwar Hinterwäldler aber keine Rednecks sind, sondern eigenwillige Querdenker. Sie finden für Probleme, die im Grunde keine sind, Lösungen, mit denen man so nie gerechnet hätte.

Das Lachen bleibt stecken

Wobei hinter dem scheinbar Banalen immer wieder die Realität durchschimmert. Selbstverständlich kann man sich das Lachen nicht verbeißen, wenn Pater Emil wieder einmal seine sündhaften Schäfchen strammstehen lässt. Doch man erkennt auch die Tricks, derer er sich in Vertretung seiner Kirche dabei bedient: Religion à la Lake Wobegon ist auch ein Produkt taktisch eingesetzter Manipulation – natürlich nur zum Besten der Betroffenen, was freilich das Perfide des Systems um so deutlicher werden lässt.

Solche Regeln, die meist Einschränkungen sind, prägen generell das Leben in Lake Wobegon und machen es erst zu dem seltsamen Ort, über den wir, die wir dort nicht leben (müssen), so amüsieren. Da ist es nur gut und gerecht, dass auch jene, die an den Strippen ziehen, von der Lex Lake Wobegon nicht ausgenommen sind. Ob Pater, Polizist oder Schuldirektor: Sie fangen sich in den eigenen Fallstricken. Das Dorfleben ist da unerbittlich.

Dieser Humor ist still aber stets gegenwärtig. Man kann den Verfasser nur aus tiefem Herzen bewundern, mit welcher Kunst er Wort an Wort, Satz an Satz setzt, ohne die Lake-Wobegon-Atmosphäre jemals zu zerstreuen. Stattdessen macht er sein Publikum süchtig. Man möchte immer neue Geschichten lesen. Kein Wunder, dass Garrison Keillor sie – glückliches Amerika! – in seiner längst klassischen Radioshow „A Prairie Home Companion“ immer wieder erzählen muss.

Autor

Gary Edward Keillor wurde 1942 in Anoka, US-Staat Minnesota, geboren. Es dauerte lange, bis er seinem geliebten und verhassten Heimatstaat entkam. Zunächst schaffte er es bis zur Universität von Minnesota, wo er seinen Abschluss im Fach Journalismus machte. Hier war es auch, wo er seine lebenslange Liebe zum Radio entdeckte und erste Features über den Äther schickte.

1969 wurde Keillor Journalist und arbeitete für den „New Yorker“. Fünf Jahre später schrieb er einen Artikel über die dortige Oper. Dies inspirierte ihn zum Radio zu wechseln, wo er eine Live-Show ins Leben rief: „A Prairie Home Companion“ wurde vor Publikum aus einem Theatersaal ausgestrahlt. 13 Jahre lief die Show, dann wechselte Keillor nach New York und startete „The American Radio Company“. Nach vier höchst erfolgreichen Jahren nannte er das Programm wieder „A Prairie Home Companion“. Es läuft noch heute.

Als Schriftsteller hat Keillor zahlreiche Bücher mit geistreichen und amüsanten Geschichten gefüllt, die nicht nur um Lake Wobegon, sondern um die generellen Höhen und Tiefen des Lebens kreisen. Dazu kommen Kinderbücher, Gedichte und Hörbücher. Garrison Keillor lebt in New York.

[md]

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Hinter jenem Vorhang

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Januar 2012

Earl Derr Biggers
Hinter jenem Vorhang

Originaltitel: Behind That Curtain (Indianapolis : The Bobbs Merrill Company 1928)
Deutsche Erstausgabe: 1930 (Universitas-Verlag/Dreipunkt Bücher 4)
Übersetzung: Curt Thesing
255 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1949 (Magazin-Verlag/MV-Kriminalroman 1)
Übersetzung: Curt Thesing
212 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1953 (Amsel Verlag/Amsel Kriro 3)
Übersetzung: Curt Thesing
201 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1956 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 84)
Übersetzung: Curt Thesing
184 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Charlie Chan und die verschwundenen Damen“): 1983 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classics Nr. 2020)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
253 S.
ISBN-13: 978-3 453 10623 9

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Das geschieht:

San Francisco in den „Roaring Twenties“ des 20. Jahrhunderts: Der junge Reporter Bill Rankin ist aufgeregt. Kapitales Wild ist ihm vor Block & Bleistift geraten: Sir Frederic Bruce, ehemaliger Chef der Kriminalabteilung von Scotland Yard, hält sich als Gast des Multimillionärs Barry Kirk in der Stadt auf. Der legendäre Ermittler ist eine Quelle fabelhafter „True-Crime“-Storys. Weil er an seinen Memoiren arbeitet und sich für ein wenig Eigenwerbung nicht zu schade ist, gewährt er Rankin eine Audienz. Dieser greift die Gelegenheit beim Schopfe. Um Bruce redseliger zu stimmen, schlägt er ihm eine Zusammenkunft mit einem berühmten Kollegen vor.

Charlie Chan von der Kriminalpolizei der Hawaii-Insel Honolulu steht eigentlich kurz vor der Heimreise; die Niederkunft seines elften Nachkömmlings steht bevor. Trotzdem freut sich er sich auf die Fachsimpelei mit Bruce. Auch Kirk ist von Chan angetan und lädt ihn auf eine kleine aber feine Abendgesellschaft ein. Dort herrscht ein großes Kommen und Gehen, was fatal ist, als Sir Frederic, der Ehrengast, mit einer Kugel im Schädel aufgefunden wird.

Alle Gäste sind verdächtig. Die Polizei ist ratlos. Eher widerwillig schaltet sich Chan in die Untersuchung ein. Bruce hatte ihm kurz vor seinem Ende erzählt, dass er sich nicht gänzlich zurückgezogen habe. Da gab es Fälle, die er nie klären konnte und um die er sich nach der Pensionierung kümmerte, um endlich „hinter jenen Vorhang zu schauen“, der das Rätsel verbarg. Aktuell beschäftigte ihn das rätselhafte Verschwinden der jungen Eva Durand in einer indischen Grenzstadt. Bruce war auf eine neue Spur gestoßen, wie er – Chan ist es nicht entgangen – angedeutet und damit eine Falle gestellt hatte.

Nun hat er sich selbst gefangen. Wer hat ihn ermordet? Was hat sein Tod mit einem Kriminalfall zu tun, der sich eine halbe Welt entfernt ereignete? Welche Rolle spielen die chinesischen Pantöffelchen, die dem toten Bruce gestohlen wurden? Charlie Chan kann nicht widerstehen. Er ‚berät‘ den überforderten Captain Franklin und kommt schließlich einer Frau mit vielen Namen und einer alten aber längst nicht abgeschlossenen Kriminaltragödie auf die Spur …

Rätsel und Hochspannung – stilvoll

Ein Mann mit einem Geheimnis wird umgebracht; es muss ein Mitglied der Gesellschaft gewesen sein, mit der er seine letzte Party gefeiert hat. Ein Mord im von innen geschlossenen Raum ist es außerdem und damit die klassische Ausgangssituation für einen „Whodunit“ aus der „Goldenen Ära“ des Detektivromans vor dem Zweiten Weltkrieg. Earl Derr Biggers holt aus den üblichen Elementen geradezu generalstabsmäßig heraus, was die Jagd nach dem Täter spannend verzögert.

Sir Fredric Bruce ist einem außerordentlich verwickelten Verbrechen auf der Spur gewesen. Je länger Charlie Chan und die Polizei ermitteln, desto verblüffter müssen sie feststellen, dass Bruce überall auf der Welt verschwundenen Frauen nachgeforscht hat. Die Gäste jener verhängnisvollen Party sind sämtlich in solche Fälle verwickelt.

Es kommt sogar noch besser: In den meisten Fällen scheinen die verschwundenen Damen identisch zu sein, und diese im buchstäblichen Sinn multiple Persönlichkeit ist ebenfalls am Ort der Untat aufgetaucht. Langer Rede kurzer Sinn: Biggers gelingt in „Hinter jenem Vorhang“ ein faszinierender Plot, dessen Auflösung man gespannt entgegensieht.

Diese ist selbstverständlich ebenfalls klassisch: Alle Verdächtigen werden von Charlie Chan an einem Ort versammelt. Dann konfrontiert er die Anwesenden mit dem minuziös rekonstruierten Tatablauf und den Hintergründen der Bluttat. Der Höhepunkt dieses großen Finales besteht in der Demaskierung des bisher vom Leser hoffentlich nie verdächtigten Mörders, der daraufhin gern eine Waffe zieht und die Gruppe bedroht, während er (oder sie) noch offene Fragen zur Tat beantwortet, um anschließend Selbstmord zu begehen oder überwältigt zu werden.

Cover der dt. Ausgabe von 1949

Klarer Blick durch schräge Augen

Charlie Chan ist eine im Detektivroman nicht unbedingt singuläre Gestalt: ein ‚exotischer‘ Ermittler, der nicht nur begabt, sondern von ungewöhnlicher Herkunft ist und der seinem Job auf sehr individuelle Art nachgeht. So etwas fesselt, wird es richtig gemacht, die Leser stärker an die Figur, weil diese sich leichter einprägt.

Chan ist Chinese (eigentlich US-Amerikanischer chinesischer Abstammung, aber diesen feinen Unterschied scheint nicht einmal er selbst wichtig zu finden), d. h. ‚typischer‘ Repräsentant des geheimnisvollen Orients mit seinen sehr auf ihr „Gesicht“ bedachten, in den Augen des Auslands undurchschaubaren Bewohnern.

Als naturalisierter Amerikaner steht Chan seinem Geburtsland China noch sehr nahe. Er spricht die ‚neue‘ Sprache gut, aber auf angeblich ‚chinesische‘ Art, was –  so will es das Klischee – den reichlichen Einsatz blumiger Aphorismen bedeutet. Seine unzähligen Sinnsprüche haben Charlie Chan mindestens ebenso berühmt gemacht wie seine kriminalistischen Fähigkeiten (oder seine stetig wachsende Kinderschar). Aber Autor Biggers lässt nie einen Zweifel daran, dass Chan mehr ist als ein maskenhaft lächelnder Asiate. Stattdessen schildert er einen Mann, der scharf beobachtet, nachdenkt, prüft und durchaus energisch seine Kollegen zu lenken weiß. Deshalb genießt er Ansehen, geht beim ‚weißen‘ Establishment ganz selbstverständlich ein und aus und bleibt verschont von rassistischen Anfeindungen. Wenn sich eine Figur über Chan, den „Chinesen“ mokiert, ist dies immer ein Schurke oder ein Dummkopf. Angesichts der Entstehungszeit der Charlie-Chan-Romane ist dies bemerkenswert.

Frauen klug und Polizisten hilflos

Dass Earl Biggers immer für eine Überraschung gut ist, verrät die Figur der Assistentin des Bezirksstaatsanwalts. Eine Frau in wichtiger Funktion, d. h. keine Tippse oder Kaffeekocherin, sondern eine gestandene Juristin: Das ist ganz und gar keine Selbstverständlichkeit in einem Kriminalroman des Jahres 1928. June Morrow arbeitet mit der Polizei und Charlie Chan aktiv an der Lösung des Mordfalls Bruce. Zwar wird ihre Tätigkeit mit dem Hinweis auf ihr Geschlecht gern und ausführlich in Zweifel gezogen (und durch die Heirat mit einem schmucken jungen Millionär im Finale durch die für eine Frau ziemlichere Mutterrolle ersetzt), aber Miss Morrow ist definitiv eine weibliche Hauptfigur.

Die Polizei kommt wie so oft im klassischen Detektivroman eher schlecht weg: Captain Franklin sieht in der Regel den Wald vor lauter Bäumen nicht; ihm bleibt auch verborgen, dass ihn Charlie Chan ständig durch hintergründige aber sehr sarkastische Aphorismen durch den Kakao zieht. Karikierend wirkt auch Franklins Obsession, jegliche Zeitgenossen, die sich irgendwie ‚verdächtig‘ machen, umgehend verhaften zu lassen.

Von dem aus allen geschilderten Elementen entstehenden Spiel konnte das Krimi-Publikum niemals genug bekommen. Nicht alle Charlie-Chan-Romane sind gelungen, aber mit diesem hat Earl Derr Biggers großartige Arbeit geleistet und das Genre dauerhaft bereichert.

Frühe US-Ausgabe mit den Hauptdarstellern des Films zum Buch

Autor

Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, US-Staat Ohio. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie, setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan schuf, eines trügerisch sanften aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch scheiden, denn den Schwarzen Peter behält Hollywood. Earl Derr Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. “Hinter jenem Vorhang” zeigt sehr deutlich einen Charlie Chan, der ungeachtet aller skurrilen Züge ganz sicher nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wird. Statt dessen streut Biggers immer wieder Momente ein, die Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl als selbstbewussten, von seinen Fähigkeiten eingenommenen Charakter zeigen, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Zu Lebzeiten Earl Derr Biggers war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Tragisch starb der Verfasser schon 1933 an einem Herzinfarkt. Zwischen 1931 und 1948 entstanden 47 Kinofilme mit Chan-Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. („Behind That Curtain“ wurde bereits 1929 und schon als Tonfilm inszeniert; E. L. Park spielte Charlie Chan.) Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun. Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Titel bei Booklooker.de (Goldmann-Ausgabe)

Titel bei Amazon.de (Goldmann-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne-Ausgabe)

Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

[md]

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Totenwache

Erstellt von Michael Drewniok am 21. Januar 2012

Tim Downs
Totenwache

(sfbentry)
Originaltitel: Chop Shop (West Monroe/Louisiana : Howard Books 2004)
Übersetzung: Christian Quatmann
Deutsche Erstausgabe: November 2010 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46528)
448 S.
ISBN-13: 978-3-442-46528-6
Als eBook: November 2010 (Wilhelm Goldmann Verlag)
448 S.
ISBN: 978-3-641-05160-0

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
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Das geschieht:

Die Karriere der Pathologin Dr. Riley McKay will am Rechtsmedizinischen Institut von Allegheny County im US-Staat Pennsylvania nicht recht in Gang kommen. Dr. Nathan Lassiter, ihr Chef, nutzt sie aus und verbietet ihr, an bestimmten Obduktionen teilzunehmen. Letzteres erregt ihre Neugier. Riley beschafft sich einige auf diesen Leichen gesammelte Insekten und bittet Dr. Nicholas Polchak um Hilfe.

Der forensische Entomologe lehrt als Dozent an der North Carolina State University und genießt zumindest fachlich einen guten Ruf. Privat ist Polchak ein kritisch denkender Exzentriker, dem seine Forschung über alles geht und der nicht bereit ist, sich als gut geschmiertes Rädchen in die Universitätsmaschine einfügen zu lassen.

Da Polchak sich quasi auf Anhieb in die nicht nur kluge, sondern auch schöne Riley McKay verliebt, ist er bereit, ihr bei den Ermittlungen zu helfen. Weil er dabei ebenso unorthodox wie erfolgreich vorgeht, werden schnell Lassiters Verbindungen zu einer aufstrebenden Firma namens „PharmaGen“ offenbar. Dort will man Medikamente entwickeln, die speziell auf das Genom von Kranken abgestimmt werden und dadurch besonders gut wirken.

Doch „PharmaGen“ steckt in finanziellen Schwierigkeiten, denn die Vorarbeiten ziehen sich hin. Dies macht die Firma anfällig für die Einflüsterungen des manipulativen Dr. Julian Zohar, der als Geschäftsführer der Koordinationsstelle für Organbeschaffung in Pittsburgh seit Jahren darum bemüht ist, die Organspende-Bereitschaft seiner Mitmenschen zu erhöhen. Da er damit erfolglos blieb, ging Zohar zu unredlichen Methoden über. Er hat sich der Dienste einiger skrupelloser Schergen versichert, die ‚Spender‘ auf offener Straße überfallen und ihrer wertvollen Organe berauben. Zohar verkauft sie für viel Geld reichen aber kranken und schweigsamen Zeitgenossen. Schnüffler wie Polchak und McKay sind schlecht fürs Geschäft, und Zohar macht sich Gedanken, ob und wie er sie am schnellsten ausschalten kann …

Nicht allzu ausführliche Körperwelten

Ein Kriminalroman mit zwei Forensikern in den Hauptrollen, von denen der eine sich der Erforschung leichenfleischhungriger Insekten verschrieben hat: Erwarten ‚durfte‘ man den Versuch, die „CSI“-gestählte Leserschaft durch die neuerlich auf die Spitze getriebene Schilderung verwesungsbedingter Scheußlichkeiten aufmerksam zu machen.

Da sogar dieser Fraktion allmählich übel zu werden beginnt, ist es erfreulich zu erfahren, dass Tim Downs sich in diesem Punkt zurücknimmt. Detaillierte Leichenschauen sind in diesem zweiten Teil seiner Serie um den Entomologen Nick Polchak weder Selbstzweck noch ein Drehen an der Ekel-Schraube, sondern nur dort angesagt, wo sie der Story dienen.

Der zynische Rezensent könnte nun einwenden, dass dies der erste deutliche Hinweis auf einen zwar routinierten aber gleichzeitig glatten, seine Leser etwas zu offensichtlich manipulierenden Krimi ist. Für vor allem unterhaltsame Dutzendware gibt es jedoch ein kopfstarkes Publikum, dem Downs Interesse – wenn auch nicht unbedingt als Krimi-Autor – seit jeher gilt. Er orientiert sich deshalb am US-Fernsehen, dessen Erfolg u. a. auf das möglichst geschickte Neu-Arrangement bewährter Elemente zurückzuführen ist.

Grissom 2.0 – dieses Mal mit Gefühl

Dazu gehört die Balance zwischen „Handlung“ und „Hintergrund“: Während das Geschehen seinen Lauf nimmt, wird das Privatleben der Hauptfiguren thematisiert. Auf diese Weise steigert sich die Identifikation zwischen Leser und Figur. Dies funktioniert bei geschickter und wohldosierter Anwendung sogar bei denen, die solche seifenoperliche Einschübe mit Misstrauen betrachten.

Alte Tricks lassen sich verpacken. So hilft es, den Figuren ‚interessante‘ Eigenarten auf den Papierleib zu schreiben. Dabei sollte nicht übertrieben werden. Ein bisschen exzentrisch ist liebenswert, richtig schräg dagegen riskant, weil es das Zielpublikum verschrecken könnte. Also setzt Autor Downs seinem Dr. Polchak eine monumentale Brille auf, die allein ihn bereits optisch vom Gros seiner Mitmenschen absetzt. Ansonsten und trotzdem ist Nick ein Chaot und sanfter Meuterer gegen das Establishment, was ja jeder von uns gern wäre, sich zu sein in der Regel aber nicht traut.

Dazu kommen eine tragische, allmählich enthüllte Familiengeschichte, ein nettes Wesen, das trotz der unkonventionellen Fassade sogar von schönen Frauen wahrgenommen wird, sowie einige gute Freunde, denen Downs den Realismus zugunsten offensiver Schnurrigkeit ausgetrieben hat, was sie stets gut für ulkige Zwischenszenen werden lässt: Fertig ist der kantenfreie Grissom 2.0, der nie irritiert, sondern völlig für sich einnimmt.

Ihm zur Seite steht eine Heldin, die wie schon erwähnt nicht nur schön, sondern auch intelligent bzw. klug ist und die positiven Seiten des zerknautschten Dr. Nick sogleich erkennt. Sie trägt keine dicke Brille, sondern ist mit einem Nierenleiden geschlagen, das den gutherzigen Leser um sie bangen lässt. Zwar ist die nette Riley ein wenig zu steif in Wesen und Charakter, aber Nick lehrt sie, lockerer zu werden, d. h. sich auf Prominenten-Partys einzuschleichen, in die Häuser Verdächtiger einzubrechen oder heimlich Leichen zu untersuchen.

Immer verdächtig: Krimi mit Moral

Der Plot bzw. der Fall klingt alarmierend aktuell und authentisch, ist aber tatsächlich völlig abgehoben. Dass ein verrückter aber (selbstverständlich) genialer Nachfahre von Dr. Frankenstein Organtransplantate im Stil des organisierten Verbrechens beschafft, die erforderliche ‚Ware‘ dabei jedoch durch Mord und nach Operation im Straßengraben beschafft werden muss, will einfach nicht logisch klingen und würde nicht nur einer neugierigen Nachwuchs-Pathologin auffallen.

Downs geht es auch nicht um Realismus. Auf der einen Seite findet sich – als Absicht redlich – der Wunsch, eine möglichst spannende Handlung zu kreieren. Dem gegenüber steht das Bedürfnis, dem Publikum außerdem eine Lehre zu erteilen. Tim Downs ist nicht ‚nur‘ Autor, sondern auch Missionar. Dies darf man wörtlich nehmen, denn er gehört zu den treibenden Kräften innerhalb des „Campus Crusade for Christ“, einer Bewegung, die christliches Denken und entsprechende Werte in den Köpfen zukünftiger Wissenschaftler verankern will. (Die US-Leser finden „Totenwache“ übrigens im Programm eines auf ‚christliche‘ Literatur spezialisierten US-Verlags.)

Was damit gemeint ist, verdeutlicht u. a. eine ausführliche Unterhaltung zwischen Dr. Nick und einem alten, weisen, gar liebenswürdigen Theologen, in deren Verlauf vermittelt wird, dass Gott dort verortet werden sollte, wo schnöde Fakten das Universum aus jenen Fugen geraten lassen, innerhalb derer die frommen Anhänger eines göttlich-„smarten“ Weltbilds es lieber gebettet sehen. Die Argumentation ist hinterlistig aber in ihrem geschmeidigen Zurechtbiegen der Fakten interessant, für die Handlung hat sie freilich keinerlei Bedeutung.

Zwar trägt Downs nie ganz dick auf, doch er kann und will seinen Hintergrund nicht verleugnen. Das erschwert allerdings die publikumswirksame Annäherung von Dr. Nick und Dr. Riley, die zwar wollen aber nicht können, weil sie Vorbildfunktionen erfüllen müssen. Sie verstecken sich daher hinter scheinbar unverbindlichen Witzeleien (Nick) oder persönlichen Ängsten (Riley) und eiern auf diese Weise viele Kapitel ziellos umeinander. Als es so nicht mehr weitergeht und unkeusche Ferkeleien drohend bevorstehen, löst ein tragisches Ereignis dieses Dilemma.

Schwach ist der Mensch, schlau das Böse

Der Teufel tritt heutzutage lieber im Anzug gewandet und ohne Forke auf. Downs gibt sich große Mühe, den Organräuber Zohar nicht als selbstgerechten Schurken, sondern als fehlgeleiteten Menschen darzustellen. Er wollte einst das Richtige und hat sich erst nach dem Scheitern seines Plans entschlossen, den Doppelpfad von Recht und Ethik zu verlassen. Auch dies wird uns im Rahmen einer lehrreichen Diskussion zwischen Polchak und Zohar dargelegt, was wie vorauszusehen mit einem moralischen Sieg des guten Dr. Nick endet, während sein Gegner sich als schlechter Verlierer in Mordankündigungen ergeht.

Damit es im Finale noch ein wenig dramatischer zugeht, enthüllt ein Mitglied von Zohars Mord-und-Ausschlacht-Teams seine schockierende Doppel-Identität. Noch ist der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit nicht erklommen, denn nicht das Gesetz, sondern eine Art göttliche Gerechtigkeit richtet (in selbstgerechter Zusammenarbeit mit Dr. Nick) Zohar und seine Strolche. Das soll nach Downs Willen seine Leser bis ins Mark treffen, ist aber vor allem eines: lächerlich.

So scheitert dieser Roman nicht an seiner Plotschwäche oder einem schlechten Stil, sondern am Sendungsbewusstsein seines Verfassers. Downs schreibt gut genug, um erkennbar zu machen, wie er seine Geschichte durch die ihr aufgezwängte Mission erst hemmt und schließlich ruiniert. Das ist interessant zu verfolgen aber dem Krimi-Genuss keinesfalls förderlich.

Autor

Die erste Karriere des Tim Downs begann während seiner Studienzeit an der Indiana University. Dort schuf er 1974 den Comic Strip „Downstown“, der zunächst die harmlosen Alltags-Abenteuer zweier Studenten erzählte, die 1979 in die Erlebnisse zweier Single-Freunde überführt wurden, als Downs seinen Strip an das „Universal Press Syndicate“ verkaufen konnte. In den dort angeschlossenen Zeitungen erschien „Downstown“ sieben Jahre, bevor Downs die Serie 1986 auf eigenen Wunsch beendete.

Als Schriftsteller begann Downs in Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau Joy sowie in seiner Eigenschaft als Gründer des „Communication Center“, einer mit dem „Campus Crusade for Christ“ verbandelten Einrichtung, die auf den Erhalt christlicher Werte (in der Definition genannter Kreuzfahrer) in der Welt der Wissenschaft zielt. Diesbezügliches Gedankengut floss 1999 in Downs Erstling, das Sachbuch „Finding Common Ground“, ein.

2003 ergänzte er sein Repertoire um Kriminalromane, in denen er seine Lehren in Unterhaltung verpackt. „Shoofly Pie“ wurde gleichzeitig das Debüt des forensischen Entomologen Dr. Nicholas Polchak, zu dessen weiterhin fortgesetzten Aktivitätsbeschreibungen als privater und genrekonform auf eigene Faust handelnder Ermittler sich einige Stand-Alone-Thriller gesellten. Zumindest ein Publikum, das geistliche Anleitung à la Downs schätzt, ließ seine Bücher recht erfolgreich werden.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Tim Downs in Cary, US-Staat North Carolina.

Website

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Die Nick-Polchak-Romane:

(2003) Fliegenfutter (Shoofly Pie) – Goldmann TB 46527
(2004) Totenwache (Chop Shop) – Goldmann TB 46528
(2007) First the Dead
(2008) Less Than Dead
(2009) Ends of the Earth
(2011) Nick of Time

[md]

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Das Pendel des Todes

Erstellt von Michael Drewniok am 16. Januar 2012

Catharine Aird
Das Pendel des Todes

(sfbentry)
Originaltitel: His Burial Too (London : Collins Crime Club 1973)
Übersetzung: Tony Westermayr
Deutsche Erstausgabe: 1975 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann rote Krimi 4439)
154 S.
ISBN-13: 978-3-442-04439-9

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de

Das geschieht:

Richard Tindall ist verschwunden. Der ansonsten so zuverlässige Chef einer kleinen aber feinen Firma, die Produkte vor der Markteinführung auf ihre Tauglichkeit überprüft, hinterlässt seiner Tochter Fenella ein Chaos. Geheime Aufzeichnungen können nicht gefunden werden, ein obskurer ‚Geschäftsmann‘ behauptet hartnäckig, der neue Eigentümer des Unternehmens zu sein, niemand scheint Tindall gesehen zu haben, bevor er sich in Luft auflöste.

Die Kriminalpolizei des Örtchens Berebury in der englischen Grafschaft Calleshire schickt ihren besten Mann: Kriminalinspektor Christopher Dennis Sloan. Lange muss dieser nicht nach Tindall fahnden lassen; man findet das, was von ihm übrig ist, im Turm der alten Kirche von Randall‘s Bridge unter den Trümmer des Fitton-Monuments, einer riesigen Marmorskulptur aus alter Zeit. Als ihn das monströse Kunstobjekt traf, war Tindall freilich bewusstlos, wie Polizeiarzt Dabbe herausfindet. Man hat ihn ermordet, doch wer war es und vor allem wie? So dick ist die Trümmerschicht, dass sich die beiden Türen zum Kirchturm nicht mehr öffnen lassen. Andere Zugänge gibt es nicht. Wie hat sich der Täter aus dem Staub gemacht?

Auch das Warum bleibt offen. Tindalls Firma ist in keine dunklen Machenschaften verwickelt, Feindschaften gibt es nicht – scheinbar, denn hart bedrängt vom ungeduldigen Chefinspektor Leeyes und nicht wirklich unterstützt durch den jungen, eher vorlauten als hellen Konstabler William Crosby stößt Sloan auf einige Unstimmigkeiten. Wo ist Fenellas Freund geblieben, der nicht wie angekündigt nach Italien geflogen ist? Wieso sind streng geheime Papiere verschwunden? Warum hat Tindall seine Firma verkauft – oder hat er gar nicht? Die Zeit drängt, es dauert nicht lange, bis die nächste Leiche gefunden wird. Der Mörder ist schlau und er verfügt über naturwissenschaftliche Kenntnisse, die ihm scheinbar gestatten, die Zeit zu betrügen …

Mordinstrument Marmorstatue

Selbstverständlich ist der Mörder derjenige, den (oder die?) wir am wenigsten verdächtigt haben. So ist es Brauch im guten, alten Kriminalroman aus England, der wohl niemals aussterben wird. Wieso sollte er auch, ist doch der Spaß an einem „Whodunit“ ein zeitloser. Unmögliche Morde in verschlossenen Räumen faszinieren immer; hier ist es nicht anders, obwohl die Atmosphäre mit einem der bewährten Landhaus-Thriller kaum vergleichbar ist. „Das Pendel des Todes“ (Fluch auf den Trottel, der sich diesen die Pointe fast vorwegnehmenden deutschen Titel ‚einfallen‘ ließ!) wirkt nie wie ein Krimi aus der „Goldenen Ära“. Es werden keine Figuren und Situationen aus längst versunkenen Tagen abgestaubt und zum Einsatz gebracht. Berebury ist eine Kleinstadt der Gegenwart (bzw. der 1970er Jahre) und keineswegs abgeschnitten von den Realitäten der Moderne.

Den Zauber der genannten Ära belegt Catharine Aird auf andere Weise: Sie überzeichnet – dies noch ganz klassisch – ihre Figuren, die deshalb leicht karikiert wirken. Außerdem setzt sie auf Wortwitz. „Das Pendel des Todes“ erinnert (nicht nur) hierin sehr an die großartige Dalziel/Pascoe-Serie des Reginald Hill. Auch Furcht vor dem Skurrilen muss sich Aird nicht vorwerfen lassen. Es kann sehr witzig sein, wenn ein Mann unter eine Steinstatue gerät. Vor allem ist es so absurd, dass sich die Spannung leicht in Heiterkeit entlädt, wenn man kundig geleitet wird. Aird gelingt das Kunststück, zwischen dem Makabren und dem Scherz die Balance zu halten.

Was sie sich schließlich als Auflösung ihres marmornen Mordrätsels hat einfallen lassen, hätte auch John Dickson Carr, dem Meister des vertrackten Tötens, gut gefallen. Zufrieden spart sich der Leser den Widerspruch, dass eine Untat wie die beschriebene wohl kaum eine zuverlässige Lösung ist, einen unliebsamen Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen.

Unerwartete Tücken des Objekts

In einer leicht wahnwitzigen Welt ist Inspektor C. D. Sloan notgedrungen ein ruhender Pol. Er ist im Gegensatz zu seinen Kollegen ein Mann ohne besondere Eigenschaften. Das ist gut so, denn einer muss die kriminalistische Arbeit leisten. Weder von seinen Untergebenen noch von seinem Chef kann Sloan nämlich große Hilfe erwarten. Chefinspektor Leeyes beschränkt sich darauf, ihn anzufauchen oder mit der Umsetzung nur halb verstandener aber ‚moderner‘ Polizeimethoden zu beauftragen. Konstabler Crosby ist eifrig, wird es aber als verhinderter Rennfahrer und entschiedener Gegner des deduktiven Denkens nicht weit bringen in seinem Job.

Die Nähe zu den Romanen von Reginald Hill wurde bereits erwähnt. Leeyes ist Dalziel, Sloan Pascoe. Sogar einen Sergeant Wield gibt es, den ranggleichen und ansonsten ebenso unerschütterlichen Gelven, der dieses Mal indes zu Sloans großem Kummer verhindert ist. Es fehlt selbstverständlich nicht der abgebrühte Polizeiarzt, Dr. Dabbe, der zynische Späßchen über den Tod reißt.

Es fällt auf, dass Aird die Figur der Fenella Tindall sehr realistisch schildert. Angesichts der Tatsache, dass sie nie wirklich in Verdacht gerät und auch sonst eine Nebenfigur bleibt, ist dies unverständlich; es wirkt außerdem fremd, da sich im Tindallschen Haushalt und in der Firma des Vaters recht verschrobene Gestalten aufhalten. (Was sie dort eigentlich herstellen bleibt das Geheimnis der Verfasserin – ein weiterer hübscher Scherz, der wie nebenbei serviert wird und deshalb umso wirksamer ist.)

Autorin

Catherine Aird wurde 1930 als Kinn Hamilton McIntosh im englischen Huddersfield, Yorkshire, geboren. Über die Verfasserin ist kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Dabei ist sie eine durchaus erfolgreiche und produktive Schriftstellerin, der offenbar die Prominenz einer Elizabeth George oder Ruth Rendell versagt blieb. Die mögliche Erklärung: Aird wird von der Kritik gewogen und literarisch als zu leicht befunden.

In Deutschland ist sie jedenfalls absolut unbekannt. Dabei führt Aird die Serie um C. D. Sloan vom CID Department in West Calleshire, England (diese Grafschaft gibt es übrigens in der Realität nicht), bis auf den heutigen Tag fort.

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de

Die Inspektor-Sloan-Romane:

(1966) Der Nonnenmörder (The Religious Body) – Goldmann Krimi Nr. 4490
(1968) Wer ist Henrietta? (Henrietta Who?) – GK 4498
(1969) Schloßgeheimnisse (The Complete Steel/US-Titel: The Stately Home Murder) – GK 4504
(1970) Skelett mit Folgen (A Late Phoenix) – GK 4512
(1973) Das Pendel des Todes (His Burial Too) – GK 4439
(1975) Die Antwort steht im Testament (Slight Mourning) – GK 4554
(1977) Parting Breath (kein dt. Titel)
(1979) Some Die Eloquent (kein dt. Titel)
(1980) Passing Strange (kein dt. Titel)
(1982) Last Respects (kein dt. Titel)
(1984) Harm’s Way (kein dt. Titel)
(1986) A Dead Liberty (kein dt. Titel)
(1990) The Body Politic (kein dt. Titel)
(1993) A Going Concern (kein dt. Titel)
(1996) After Effects (kein dt. Titel)
(1997) Injury Time (kein dt. Titel)
(1998) Stiff News (kein dt. Titel)
(2000) Little Knell (kein dt. Titel)
(2003) Amendment of Life (kein dt. Titel)
(2005) A Hole in One (kein dt. Titel)
(2007) Losing Ground (kein dt. Titel)
(2010) Past Tense (kein dt. Titel)

2003 erschien außerdem Chapter and Hearse and Other Mysteries, eine Sammlung von Kurzgeschichten um Inspektor Sloan.

[md]

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Spuren im Schnee

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Januar 2012

Victor Gunn
Spuren im Schnee

(sfbentry)
Originaltitel: The Dead Man Laughs (London : Collins 1944)
Übersetzung: Olga Otto
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 126)
200 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1958 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 147)
200 S.
[keine ISBN]

Bisher letzte Ausgabe: September 1980 (Wilhelm Goldmann Verlag/Krimi Nr. 00147)
157 S.
ISBN-13: 978-3-442-00147-7

Titel bei Booklooker.de (Autorenname „Gunn“ eintragen)
Titel bei Amazon.de

Das geschieht:

Chefinspektor Bill Cromwell vom Scotland Yard ist noch übler gelaunt als sonst, weil ihn ein dringender Auftrag aus London in die winterlich verschneite Grafschaft Surrey führt: Maurice Hatherton ist aus dem Gefängnis entflohen. Fassen konnte man den Dieb und Mörder vor drei Jahren nur aufgrund der Aussage von Sir Kenneth Parsloe, Herr auf Higham Top, dem Hatherton deshalb Vergeltung schwor. Die Polizei zweifelt nicht, dass er dies verwirklichen will. Cromwell, sein Assistent Johnny Lister und Inspektor Catchpole von der Grafschaftspolizei sollen Sir Kenneth warnen und schützen.

Aufgrund der Witterung gestaltet sich die Reise schwierig. Als die drei Beamten endlich eintreffen, kommen sie gerade rechtzeitig, um Sir Kenneth tot und steifgefroren neben seinem Wagen aufzufinden: Offenbar ist der als rücksichtsloser Raser bekannte Edelmann auf eisglatter Fahrbahn verunglückt. Cromwell erkennt am Unfallort zwar keine verräterischen Spuren im Schnee, stellt aber beinahe einen stillen Beobachter: Es ist Hatherton, der seiner Drohung offenbar Taten folgen ließ. Nun kann er zu allem Überfluss mit seinem Motorrad entkommen.

Cromwell nistet sich auf Higham Top ein. Die auffällige Nervosität von Dr. Trumper, dem besten Freund des Verstorbenen, hat seine Aufmerksamkeit erregt. Warum ist der Arzt so ängstlich bemüht, Cromwell die eingehende Untersuchung des Leichnams zu untersagen? Was treibt Trumper, der auch Wissenschaftler ist, in seinem mysteriösen Forschungslabor? Ist Hatherton überhaupt für den Tod von Sir Kenneth verantwortlich? Wie konnte Peter, Kenneth‘ seit vielen Jahren verschollener Bruder, so prompt auf der Bildfläche erscheinen, um sein Erbe anzutreten? Viele Fragen, zu denen sich für Cromwell und Lister bald ein lebenswichtiges Problem gesellt: Wie gelingt es, aus einer hermetisch abgeriegelten Kühlkammer zu flüchten …?

Ein Toter lacht, aber Cromwell siegt!

„The Dead Man Laughs” ist ein (Original-) Titel, der zwangsläufig die Aufmerksamkeit des Lesers weckt. Dies und der automatische Griff zur Geldbörse zwecks Erwerbs des so getauften Krimis war verlagsseitig die Primärintention hinter der eigenwilligen Namengebung. Gleichzeitig gibt der Titel dem Lektüre-Publikum einen ersten Hinweis auf die Lösung dieses achten Falls von Chefinspektor Bill Cromwell und Sergeant Johnny Lister.

Wer freilich meint, mit dieser Andeutung und nach der Lektüre einiger Seiten, die formal ein recht simpel gestricktes Krimi-Vergnügen ankündigen, besagte Lösung bereits erkannt zu haben, sei gewarnt: Victor Gunn ist ein Vielschreiber, der immer für (mindestens) eine Überraschung gut ist. Sobald wir nach guter, alter „Whodunit“-Sitte mit ihm bzw. dem ermittelnden Detektiv gleichgezogen haben, wechselt er prompt die Spur.

Dieses Mal schlägt er gleich mehrere Haken. Dass es bei Sir Kenneth‘ Unfall nicht mit rechten Dingen zuging, bedarf keiner Erwähnung. Mit der definitiven Erläuterung des Wie und Warum rechnet der Leser im Finale. Stattdessen informiert uns Gunn bereits vor der Halbzeit dieses Romans über die Hintermänner eines Komplotts, das nunmehr ins Zentrum des Geschehens rückt. Der Verfasser tritt einen Schritt zurück und lässt uns beobachten, wie Cromwell & Lister und die schurkischen Verschwörer einander umkreisen, ohne – anders als wir – über den jeweiligen Stand der Dinge informiert zu sein. Nach Kräften bemüht man einander übers Ohr zu hauen, aber es ist kein Spoiler anzumerken, dass Cromwell wieder ein letztes As in der Hinterhand behält.

Das darf man beinahe wörtlich nehmen, denn nachdem der eigentliche Fall aufgeklärt ist, geht es in die Verlängerung, und Cromwell löst auch noch einen Mordfall, der bisher nur nebenbei eine Rolle spielte. Deshalb ist es ein überaus lebendiger Cromwell, der zuletzt lacht!

Winterlich und auch sonst recht frisch

Dass „Spuren im Schnee“ erst der achte Krimi der Cromwell-Reihe ist, macht sich deutlich und positiv bemerkbar. Obwohl das eigentliche Mordrätsel an cozy-typischer Umständlichkeit kaum zu übertreffen ist, hält Gunn die Ereignisse ständig in Gang. Cromwell ist deutlich aktiver als in späteren Bänden. Gleich mehrfach spricht Assistent (und Watson) seinen Chef auf dessen Ähnlichkeit mit Sherlock Holmes an. In der Tat schont sich Cromwell nicht, wenn der die gefrorene Landschaft von Surrey nach Indizien absucht. Auch seine Wortkargheit passt zum „Großen Detektiv“ aus London, denn Cromwell hasst es, seinen Vermutungen Ausdruck zu verleihen. Dies würde ihm außerdem die Schau stehlen, und das ließe er niemals zu!

Verhältnismäßig oft spielt die Handlung im Freien. Der „Winter“ besaß auf dem englischen Land (und vor dem Klimawandel) eine Präsenz, die sich der heutige Leser nur noch schwer vorstellen kann. Er (und selbstverständlich sie) müssen nicht frieren, sondern können sich einer Schnee- und Eisstimmung erfreuen, die zum Charme des Geschehens erheblich beiträgt. Zwischendurch wird es gemütlich und altmodisch, man wärmt sich am offenen Kaminfeuer, spricht dem Alkohol genüsslich zu und raucht mit voller Lungenkraft. Die Landpolizei ist ein bisschen dümmlich, Bedienstete bewegen sich beinahe unsichtbar im Hintergrund. Cromwell wirbelt die selbstgefällige Ruhe, die für ein Gelingen des sorgsam eingefädelten Verbrechens mitverantwortlich ist, kräftig durcheinander: In dieser vergangenen Ära darf man das, wenn man ein berühmter Detektiv von Scotland Yard ist.

Zwischendurch geraten Meister Cromwell & Schüler Lister sogar in eine gruselige Todesfalle, auf die jeder „mad scientist“ aus den Horrorfilmen der 1930er und 40er Jahre stolz sein könnte. Solche ‚Action‘ verkniff sich Gunn in späteren Cromwell-Abenteuern. Er ersetzte sie leider durch etwas, das er uns dieses Mal erspart: „Spuren im Schnee“ kommt ohne Jungmädchen-Rettung und schmalzige Liebesgeschichte aus. Der Fall ist und bleibt das Zentrum des Geschehens. Erstaunliche Wendungen und Enthüllungen können und sollen daran nichts ändern. Ohnehin gibt es nur einen Anspruch: „Spuren im Schnee“ soll unterhalten! Wer Faible für Krimi-Literatur besitzt, die es ein wenig gemächlich angehen lässt, wird dem Verfasser gern ein Gelingen dieses Auftrags bescheinigen.

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen Romanen und Story-Sammlungen vorbehalten, die Brooks um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964; eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

[md]

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Der chinesische Papagei

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Januar 2012

Earl Derr Biggers
Der chinesische Papagei

Originaltitel: The Chinese Parrot (New York : Grosset & Dunlap 1926)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Chinesen-Papagei“): 1928 Verlag Rijke & Stock/Internationale Abenteuerreihe)
Übersetzung: Reinhard Rijke
304 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der Chinesenpapagei“): 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane 51)
Übersetzung: Reinhard Rijke
203 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 125)
Übersetzung: Reinhard Rijke
186 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1981 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1952)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
174 S.
ISBN-13: 978-3-453-10555-3
Neuausgabe: Juli 2004 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Nr. 1135)
Übersetzung: Monika Schurr (mit einem Nachwort von Volker Neuhaus)
315 S.
ISBN-13: 978-3-8321-8332-5

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Das geschieht:

Nach vielen Jahren trifft Alexander Eden, gut situierter Diamantenhändler in San Francisco, seine heimliche Jugendliebe Alice Phillmore-Jordan wieder. Die einst märchenhaft reiche Witwe steht vor dem finanziellen Ruin, weshalb sie die legendären Phillmore-Perlen zum Verkauf anbieten muss, die Eden zum Höchstpreis loszuschlagen gedenkt. P. J. Madden, Börsenhai und Multimillionär, kauft sie für sein Töchterlein. Nun gilt es, den Schatz vom Phillmoreschen Familiensitz auf der Hawaii-Insel Honolulu in Maddens Besitz zu überführen. Da die Perlen einen Wert von über 200.000 Dollar repräsentieren, sind die Beteiligten verständlicherweise nervös, zumal die Unterwelt inzwischen Wind von dem Handel bekommen hat.

Eden schickt Bob, seinen Sohn, einen Lebemann mit Mumm in den Knochen, auf die weite Reise zu Maddens einsamer Farm in der kalifornischen Wüste. Alice Jordan stellt ihm einen Vertrauten zur Seite: den Chinesen Charlie Chan, einst Dienstbote im Hause Phillmore, aber dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes schon lange Beamter der Kriminalpolizei von Honolulu, wo er für seinen Spürsinn, seine orientalische Gelassenheit und sein drolliges Kauderwelsch-Amerikanisch berühmt ist.

Madden verhält sich merkwürdig, wirkt gar nicht wie der souveräne Geschäftstycoon, der Wall Street und die Finanzwelt in Schrecken hält, und dringt eigentümlich heftig auf die Herausgabe der Perlen. Wenig Vertrauen wecken auch die zwielichtigen Gestalten, mit denen er sich umgibt. Chan rät daher zur Vorsicht. Unter falschem Namen lässt er sich als Koch anstellen und entdeckt rasch weitere Hinweise darauf, dass ein Verbrechen im Gange ist.

Unterstützt von Jungmann Bob, einem kauzigen Hinterwäldler-Reporter und einer jungen, hübschen Dame vom Film kommt Chan einem abenteuerlichen Komplott auf die Schliche. Dieses Spiel ist gefährlich, und der unglückliche, weil allzu geschwätzige Papagei Tony wird nicht der einzige sein, der dabei sein Leben lassen muss …

Krimi-Klassik ohne Klasse

„Der chinesische Papagei“ gehört zu den Klassikern, nach deren Lektüre sich der Leser verwundert fragt, wie er zu seinem Status gelangen konnte. Nüchtern betrachtet ist dieser Roman nämlich ein ziemlich mittelmäßiger, und selbst dieses Urteil wurde zugunsten des Angeklagten gefällt.

Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil, der sich mehr oder weniger im Kreise falscher Alibis, unschuldig Verdächtigter und verdächtiger Unschuldiger dreht. „Der chinesische Papagei“ unterhält am besten in jenen Kapiteln, die in San Francisco spielen. In der Wüste beginnt die Story zu kümmern. Sie erholt sich nicht einmal im Finale, das keine echten Überraschungen bieten kann. Dazwischen gelingen Biggers zwar immer wieder pittoreske Szenen, die indes zur Handlung kaum etwas beitragen. Von realistischer Detektiv- oder Polizeiarbeit kann übrigens auch keine Rede sein, und das angeblich so perfekt geplante Verbrechen, dem wir eher ungläubig beiwohnen, könnte nicht einmal Tony, den Papagei, täuschen.

Womöglich ist es auch die Enttäuschung, den literarischen Meisterdetektiv Charlie Chan im Vergleich mit seinen Hollywood-Inkarnationen verlieren zu sehen. Hier haben wir nämlich den seltenen Fall, dass der Film das Buch bei weitem übertrifft. Zwischen 1932 und 1947 entstanden mehr als vierzig Kinofilme mit Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun.

Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste; „Der chinesische Papagei“ ist der zweite auf dieser kurzen Liste. Zu Biggers Lebzeiten war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Unglücklicherweise starb der Verfasser gerade dann, als Hollywood auf ihn aufmerksam geworden wurde.

Cover der TB-Ausgabe von 1957 (Sammlung md)

Kluger Mann mit Hang zum Blumigen

Wie so oft ist das Leben des Verfassers interessanter als sein Werk. Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, Ohio, mitten im noch wilden Westen, wie er später gern zu Besten gab. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete Eleanor Ladd aus Medford, Massachusetts, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie („If You’re Only Human“), setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern, die paradoxerweise mitten in der Wüste lagen: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Sein Repertoire erweiterte sich. Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan entwarf, eines trügerisch sanften, aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Selbstbewusst in schwierigen Zeiten

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch unterscheiden; den Schwarzen Peter behält Hollywood. Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. Auch im „chinesischen Papagei“ gibt es Szenen, die sehr deutlich machen, dass der Verfasser Charlie Chan ungeachtet aller skurrilen Züge nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wissen wollte.

Stattdessen streut Biggers immer wieder Momente ein, in denen er dünkelhafte Bleichgesichter gar nicht gut dastehen lässt. Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl ein selbstbewusster, von seinen Fähigkeiten eingenommener Charakter, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

[md]

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