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neuauflage

Nevada Pass

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Februar 2012

Alistair MacLean
Nevada Pass

(sfbentry)
Originaltitel: Breakheart Pass (London : Collins 1974)
Übersetzung: Georgette Skalecki u. Erika Nosbüsch
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1975 (Lichtenberg Verlag)
201 S.
ISBN-10: 3-7852-1166-X
Als Taschenbuch: 1977 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 01/5330)
201 S.
ISBN-10: 3-453-00707-7
Neuausgabe: 1993 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 01/8732)
201 S.
ISBN-13: 978-3-453-06364-8

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Das geschieht:

Nevada im Winter des Jahres 1873. Durch die trostlose Eis- und Schneewüste kämpft sich ein Eisenbahnzug gen Westen. An Bord: Colonel Claremont und 80 Soldaten, die im Fort Humboldt ihre an der Cholera erkrankten Kameraden verstärken sollen. Sie werden begleitet von Fairchild, dem Gouverneur von Nevada, und Marica, seiner Nichte, die zu ihrem Vater, dem Kommandanten des Forts, unterwegs ist.

Ein letztes Hindernis tut sich vor diesem Ziel auf: der Nevada-Pass – hoch, eisig, stürmisch. Kommt es hier zu einem Zwischenfall, wird niemand den Reisenden helfen können. Im Drecksnest Reese City am Fuß der Berge hält der Zug ein letztes Mal, um Holz und Verpflegung aufzunehmen. Hier kommt noch ein Passagier an Bord. US-Marshal Nathan Pearce soll den in Fort Humboldt festgesetzten Schmuggler, Aufrührer und Mörder Sepp Calhoun der Justiz überstellen. Ausgerechnet in Reese City läuft Pearce der steckbrieflich gesuchte Spieler, Revolverheld und Mörder Jack Deakon in die Arme. Er nimmt ihn fest und mit in den Zug.

Die Fahrt zum Pass wird zu einer Kette von Katastrophen. Mindestens ein Saboteur ist an Bord, der mit allen Mitteln verhindern will, dass die Soldaten ihr Ziel erreichen. Die Telegrafenleitung ist gekappt, Fort Humboldt längst von Calhouns Schurken und den mit ihnen im Bunde stehenden Paiute-Indianern unter ihrem kriegerischen Häuptling White Hand erobert und besetzt. Selbst wenn der Zug den Pass erreicht, werden ihn dort die Indianer und Calhouns Bande erwarten.

Der undurchsichtige Deakon schürt das stetig wachsende Misstrauen. Er ist nicht der, als welcher er sich ausgibt. Heimlich und unter großen Schwierigkeiten überprüft er den Zug und seine interessante Ladung und kommt einem Komplott auf die Spur. Auf dem schmalen Gleis entbrennt im und auf dem Zug ein mörderischer Kampf, in dem Freund und Feind nicht voneinander zu unterscheiden sind …

Rätsel-Krimi im Thriller-Gewand

In der ersten Hälfte Kriminal-, zum Finale hin Action-Thriller, beide beheimatet im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts: eine ungewöhnliche Kombination, die indes reizvoll aufgeht. „Nevada Pass“ ist zudem ein Unterhaltungsroman aus der guten, alten Zeit, verfasst von einem Profi des Genres, d. h. sauber geplottet, gut besetzt und ‚altmodisch‘ entwickelt, was bedeutet, es gibt einen Auftakt, einen Mittelteil mit sich steigernder Spannung und ein rasantes Finale.

Autor MacLean scheut sogar die Nähe zum klassischen Kriminalroman nicht. „Nevada Pass“ präsentiert eine Skizze des Zuges, auf den sich der Hauptteil der Handlung konzentriert, sowie einen Lageplan von Fort Humboldt und Umgebung. So raffiniert wie der „Mord im Orientexpress“ ist „Nevada Pass“ natürlich nicht, aber es beeindruckt doch die Akkuratesse, mit der MacLean seine turbulente Story in das historische Umfeld eingepasst hat.

Der Plot ist ohnehin komplexer als dies viele Kritiker zugeben mochten. MacLean kann und mag seine Nähe zum Agententhriller nicht leugnen. Gleich mehrere Parteien treiben im Zug zum Nevada-Pass ihr undurchsichtiges Spiel. Niemandem darf getraut werden, Profis leisten erfolgreich schmutzige Arbeit. Maclean nimmt seine Geschichte und seine Leser sehr ernst. Entschärfend-zynische Witzeleien gibt es nicht.

Ein Mann mit rätselhaften Zielen

Jack Deakon = James Bond? Der Vergleich ist schlüssig: Man nehme einen professionellen Troubleshooter in Regierungsdiensten, dem es nichts ausmacht mörderische Drecksarbeit ohne Ruhm und Ehre zu verrichten, weil er solches Handeln für ‚richtig‘ hält. Bei Bedarf kann ihn sein geistiger Vater mit einigen seelischen Macken schlagen; das macht ihn menschlicher, und die Kritiker lieben es.

Diese Mühe hat sich MacLean erspart. Deakon ist vielleicht ein Profi, aber einer hart an der Grenze zum Psychopathen. Er wirkt nicht nur hart und emotionsarm, er ist es auch. Fällt einmal die Maske, kommt dahinter ein unangenehmer Zeitgenosse mit ausgeprägten Killerinstinkten zum Vorschein. MacLean begründet dies damit, dass der Westen von 1873 in der Tat wild und folglich von emotional recht abgestumpften Menschen bewohnt war. Harte Winter, heiße Sommer, Seuchen, wilde Tiere, dazu Indianer, Galgenvögel, Unruhestifter: Da braucht es nach MacLean schon Männer wie Deakon, um dem Recht Geltung zu verschaffen.

Eingleisige Action mit austauschbaren Figuren

Jack Deakon wurde als Figur geschaffen, die man als Leser bei ihren Aktivitäten begleiten soll. Was Deakon denkt und fühlt, ist für MacLean Nebensache. Die Story steht für ihn im Vordergrund. Deshalb fallen die übrigen Charaktere sogar noch flacher aus. Der Gouverneur, der Marshal, der Colonel, der Häuptling, der Bandit: Sie benötigen im Grunde nicht einfach Namen. Auf der anderen Seite passt diese Austauschbarkeit durchaus zur Story, die ja vor doppelten Identitäten förmlich überquillt.

Die Leserin sei gewarnt, dass die energische Marica nur deshalb mit im Zug sitzt, weil sogar Alistair MacLean in den 1970er Jahren gelernt hatte, dass ein Roman (auch als Vorlage eines zukünftigen Films) mindestens eine weibliche Hauptrolle aufweisen muss. Ihre bloße Existenz ist aber auch alles, was MacLean ihr zugestehen möchte. Für den Fortgang der Handlung ist Marica absolut entbehrlich.

„Nevada Pass“ – der Film

„Nevada Pass“ wurde zum Bestseller und erregte umgehend das Interesse Hollywoods. MacLean kannte dort seine Pappenheimer und sorgte dafür, dass er selbst das Drehbuch schrieb, um allzu grobe Verfälschungen zu verhindern. Tatsächlich ist „Breakheart Pass“, den Tom Gries 1975 inszenierte, ein schnörkelloses B-Movie der 1970er Jahre geworden. In der Rolle des mysteriösen Deakon sehen wir den oft unterschätzten Charles Bronson. Auch die übrigen Rollen wurden mit guten Schauspielern der zweiten Hollywood-Garnitur (Ben Johnson, Richard Crenna, Jill Ireland, Charles Durning, Ed Lauter) besetzt.

Autor

Alistair Stuart MacLean wurde am 21. April 1922 im schottischen Glasgow geboren. Er wuchs in den Highlands nahe Inverness auf und besuchte die Hillhead High School in Glasgow. Der II. Weltkrieg prägte das Leben des jungen Alistair. 1941 meldete er sich zur Royal Navy. Zweieinhalb Jahre diente er auf einem Kreuzer und geriet u. a. in japanische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg studierte er an der Glasgow University Englisch. Ab 1953 arbeitete er als Schullehrer für Englisch und Geschichte an der Gallowflat Secondary School in Glasgow.

In dieser Zeit begann MacLean zu schreiben .Seine Kurzgeschichte „The Dileas“ gewann 1954 einen Preis, was ihm die Aufmerksamkeit des Verlegers William Collins sicherte. Dieser riet MacLean, ein Buch zu schreiben. „HMS Ulysses“ (dt. „Die Männer der Ulysses“) erschien 1955. Es basiert auf MacLeans Kriegserlebnissen auf See und wurde umgehend ein Bestseller.

In den nächsten drei Jahrzehnten reihte der Verfasser Erfolg an Erfolg. Der typische MacLean-Roman schildert die gefährlichen Abenteuer eines stoischen Einzelgängers oder einer isolierten Gruppe, die gegen eine feindliche Übermacht und mindestens einen Verräter in den eigenen Reihen kämpfen muss. Platziert wurde dieser Plot im II. Weltkrieg, im Geheimdienst-Milieu, später auch im internationalen Terrorismus. Ihre recht simple, aber höchst effiziente Konstruktion ließ diese Geschichten für den Film interessant werden. Zahlreiche MacLean-Werke wurden erfolgreich und vor allem in den 1960er Jahren mit großem Staraufgebot verfilmt; der Autor schrieb nicht selten selbst die Drehbücher.

Bestseller-Ruhm, Reichtum, Anerkennung: In den 1980er Jahren gehörte MacLean zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. 1983 ehrte ihn die Glasgow University mit einem Ehrendoktorhut. Aber MacLean war zu diesem Zeitpunkt bereits ein durch Alkoholismus zerstörter Mann. Am 2. Februar 1987 starb er nach einer Serie von Schlaganfällen in München; begraben wurde er in Celigny in der Schweiz, wo er als Steuerflüchtling residierte und seit den späten 1950er Jahren auch als Hotelier tätig war. Er hinterließ eine Anzahl von Exposés, die zum Teil in Filmdrehbücher verwandelt wurden. Da Geschäft außerdem Geschäft ist, arbeiteten Lohnautoren (John Denis, Simon Gandolfi, Alastair MacNeill, Hugh Miller) diese Fragmente in „Romane nach Alistair MacLean“ um, dessen Name selbstverständlich in besonderer Größe auf den Titelbildern prangte.

[md]

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Plötzlich Fee – Herbstnacht

Erstellt von Werner Karl am 3. Februar 2012

Julie Kagawa
Plötzlich Fee – Herbstnacht
Plötzlich Fee Band 3

(sfbentry)
The Iron Queen (2011)
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-26726-8
Liebe & Romantik, Kinder & Jugend, Fantasy
Erschienen 2012
Übersetzer: Charlotte Lungstrass
Titelbild GGP Media
Umfang 508 Seiten

www.heyne-fliegt.de

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Autorenporträt

Schon in ihrer Kindheit gehörte Julie Kagawas große Leidenschaft dem Schreiben: Langweilige Schulstunden vertrieb sie sich damit, all die Geschichten festzuhalten und zu illustrieren, die ihr im Kopf umher spukten – nicht gerade zur Freude ihrer Lehrer. Nach Stationen als Buchhändlerin und Hundetrainerin machte sie später ihr größtes Interesse zum Beruf und wurde Autorin. Sie lebt und schreibt mit ihrem Mann, zwei schwer erziehbaren Katzen und zwei Hunden in Louisville, Kentucky.

Vorwort

“Plötzlich Fee – Herbstnacht” ist der dritte Band der Reihe, Vorgänger sind die Titel “Plötzlich Fee – Sommernacht”  und “Plötzlich Fee – Winternacht” die 2011 erschienen.

Zum Buch

Meghan konnte den König der Eisernen Feen besiegen und erfolgreich das gestohlene Zepter an den Winterhof zurück bringen. Doch nun steht sie vor neuen Herausforderungen. Sie und Ash wurden aus dem Nimmernie verband, denn sie wollte der Liebe füreinander nicht abschwören. Leider musste Meghan dabei ihren besten Freund Puck im Nimmernie zurücklassen und vermisst ihn nun schmerzlich. Doch auch in der Welt der Menschen ist Meghan weiterhin in großer Gefahr und wird von den Eisernen Feen bedroht. Als sie dann eine Nachricht von ihrem Vater erhält, der gegen eine Gefälligkeit ihre Verbannung wieder aufheben möchte, geraten Sie und Ash in große Gefahr und auch ihre Liebe wird auf die Probe gestellt …

Fazit

Auch der dritte Band der Reihe konnte mich vollkommen überzeugen. Die Hauptcharaktere entwickelten sich zu ihrem Vorteil oder Nachteil, wilde Schlachten wurden geschlagen, große Schwüre geschworen, Freundschaften auf die Probe gestellt, Herzen gebrochen und zurückerobert und so manches Mal Blut und Tränen vergossen. Viele Wendungen in der Handlung des Bandes vermochten den Leser zu überraschen und die Charaktere herauszufordern. Schnell verlor man sich mitten in einer fantastischen Welt, voller Magie und Zauber, fabelhaften Wesen und erschreckenden Monstern. Das Ende dieses Bandes kam viel zu schnell und schockierte mich über alle Maßen.

Kurz um: Auch dieser Teil ist ein Muss für alle Fans der Romantik-Fantasy.

Copyright © 2012  by Yvonne Rheinganz

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Die Jahre des Schwarzen Todes

Erstellt von Werner Karl am 30. Januar 2012

Connie Willis
Die Jahre des Schwarzen Todes

(sfbentry)
München: Heyne Verlag 2011
Heyne Taschenbuch 52712
Originaltitel: Doomsday Book 1993
ISBN 978-3-453-52712-6
Science Fiction
Deutsche Übersetzung von Walter Brumm (überarbeitete Neuausgabe).
784 Seiten

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1982 erschien Connie Willis legendäre Kurzgeschichte “Fire Watch” (dt. Brandwache) in Asimovs-SF-Magazin, in welchem sie die Bemühungen einer englischen Zeitreiseabteilung schildert, die unter Leitung des Historikers Mr. Dunworthy Menschen in die Vergangenheit schickt, um dort Geschichtsforschung zu betreiben. Geschildert werden die Erlebnisse eines jungen Mannes, der bei der Bombardierung Londons im 2.Weltkrieg eine Nacht auf der St. Pauls Kathedrale verbringt, um dort Brandwache zu stehen. Die Autorin erhielt für diese Geschichte sowohl den Hugo- als auch den Nebula-Award.

1992 erschien dann der voluminöse Roman Doomsday Book (dt. Die Jahre des schwarzen Todes), welcher wiederum die Abenteuer zeitreisender englischer Historiker schildert. Diesmal soll unter Leitung Mr. Dunworthys eine Mrs. Kivrin ins englische Mittelalter geschickt werden, genauer ins Jahr 1320. Leider geht die Reise, die im Jahre 2054 gestartet wird, schief. Kivrin landet nicht 1320, sondern einige Jahrzehnte später, inmitten der verheerenden Pestepidemie in England. Leider gelangt dabei offensichtlich auch ein gefährliches Virus in die Gegenwart, welches eine verheerende Erkrankungswelle mit vielen Opfern auslöst. Da in der Gegenwart alles drunter und drüber geht, kann sich erst einmal niemand um Kivrins Schicksal kümmern, weshalb die junge Frau in der Vergangenheit feststeckt, inmitten Siechender und einer grauenvollen Pestepidemie….

Für dieses Werk erhielt die Autorin zu recht ebenfalls die beiden bedeutendsten amerikanischen SF-Preise, zudem noch den Locus-Award. 1998 erschien Connie Willis gleichermaßen voluminöser Roman Die Farben der Zeit (To say nothing of the Dog), der ebenfalls Mr. Dunworthy und seine Zeitreiseabteilung als Protagonisten aufweist, wobei allerdings außer diesem kaum noch andere Protagonisten der anderen Abenteuer vorkommen, wie überhaupt gesagt werden muß, daß sich Willis Abenteuer ständig weiterentwickeln und man nicht unbedingt davon ausgehen kann, daß alle drei Geschichten im selben Universum spielen.

So ist z. B. die Zeitreisetheorie mittlerweile viel ausgeklügelter. Paradoxa können nicht mehr einfach so entstehen. Ein kompliziertes Geflecht von Wahrscheinlichkeiten, retro- und anterograder Veränderung der Geschehnisse und einfache Verweigerungen des Zeitreisenetzes, Passagiere zu befördern, damit diese sensible Zeiten nicht besuchen können, verhindern gravierende Paradoxa. Kein Reisender kann sich selbst begegnen, da jeder Mensch zu einer bestimmten Zeit nur einmal existieren kann (was die Ideen eines sexuellen Kontakts mit sich selbst, so wie dies z. B. die SF-Autoren Robert A. Heinlein oder David Gerrold äußertst einfallsreich erdachten, ausschließt).

Der vorliegende Roman Die Jahre des Schwarzen Todes ist einer der Meilensteine der Science Fiction. Brillant recherchiert in den historischen Fakten, erschreckend umgesetzt in den von den Pestjahren berichteten Details, atmosphärisch überbordend von “Gestank und Dreck” erspart die Autorin dem Leser wenig vom mittelalterlichen Leben. Wer hier die heile Welt vieler romantisierender Fantasyromane mit kühnen Helden, sauberen Prinzessinnen und ritterlichen Recken erwartet, wird von der Autorin mit brutaler Härte vor den Kopf geschlagen. Leser, die angesichts der düsteren Atmosphäre und des geschilderten Elends sich ihre Märchenwelt zurück wünschen, sollten besser schnell die Finger von diesem Breitwandgemälde lassen.

Einziges Manko an Willis Werk ist sicherlich die relativ hohe Seitenanzahl, die von einigen als Lesehemmer empfunden werden dürfte. Die hier erzählten Ereignisse hätten andere Autoren kürzer und kohärenter darstellen können, niemals aber prägnanter als Willis. Deshalb ist es um so erfreulicher, dass man bei Heyne diesen Meilenstein wieder aufgelegt hat, denn antiqualisch war das Buch oft nur schwer und teuer zu beschaffen gewesen, nachdem es nicht mehr aufgelegt wurde nach der Erstausgabe 1992. Da alle drei oben erwähnten Werke keine direkten Bezüge zu einander haben, muß man diese auch nicht unbedingt kennen, um Die Jahre des Schwarzen Todes goutieren zu können. Wer die anderen beiden Abenteuer mit Mr. Dunworthy aber noch lesen möchte (es lohnt sich!), für den hier die Literaturtipps:

Connie Willis: Die Farben der Zeit (oder ganz zu schweigen von dem Hunde und wie wir des Bischofs Vogeltränke schließlich doch noch fanden) (Im Org.: “To say nothing of the Dog (or how we found the Bishop´s Bird Stump at last)”; Heyne TB 06/6379.

Connie Willis: “Brandwache” (Im Org.: “Fire Watch”) in:
1) Connie Willis: Brandwache; Luchterhand TB SL 660.
2) Friedel Wahren (Hrsg.): Isaac Asimov´s SF Magazin 18. Folge; Heyne TB 06/3998.
3) Terry Carr (Hrsg.): Die schönsten SF-Stories des Jahres Band 3; Heyne TB 06/4165.
4) Isaac Asimov (Hrsg.): Die Wunder der Welt; Heyne TB 06/4332.

Copyright © 2011 by Gunther Barnewald

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Hinter jenem Vorhang

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Januar 2012

Earl Derr Biggers
Hinter jenem Vorhang

Originaltitel: Behind That Curtain (Indianapolis : The Bobbs Merrill Company 1928)
Deutsche Erstausgabe: 1930 (Universitas-Verlag/Dreipunkt Bücher 4)
Übersetzung: Curt Thesing
255 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1949 (Magazin-Verlag/MV-Kriminalroman 1)
Übersetzung: Curt Thesing
212 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1953 (Amsel Verlag/Amsel Kriro 3)
Übersetzung: Curt Thesing
201 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1956 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 84)
Übersetzung: Curt Thesing
184 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Charlie Chan und die verschwundenen Damen“): 1983 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classics Nr. 2020)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
253 S.
ISBN-13: 978-3 453 10623 9

Titel bei Booklooker.de (Goldmann-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Goldmann-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne-Ausgabe)

Das geschieht:

San Francisco in den „Roaring Twenties“ des 20. Jahrhunderts: Der junge Reporter Bill Rankin ist aufgeregt. Kapitales Wild ist ihm vor Block & Bleistift geraten: Sir Frederic Bruce, ehemaliger Chef der Kriminalabteilung von Scotland Yard, hält sich als Gast des Multimillionärs Barry Kirk in der Stadt auf. Der legendäre Ermittler ist eine Quelle fabelhafter „True-Crime“-Storys. Weil er an seinen Memoiren arbeitet und sich für ein wenig Eigenwerbung nicht zu schade ist, gewährt er Rankin eine Audienz. Dieser greift die Gelegenheit beim Schopfe. Um Bruce redseliger zu stimmen, schlägt er ihm eine Zusammenkunft mit einem berühmten Kollegen vor.

Charlie Chan von der Kriminalpolizei der Hawaii-Insel Honolulu steht eigentlich kurz vor der Heimreise; die Niederkunft seines elften Nachkömmlings steht bevor. Trotzdem freut sich er sich auf die Fachsimpelei mit Bruce. Auch Kirk ist von Chan angetan und lädt ihn auf eine kleine aber feine Abendgesellschaft ein. Dort herrscht ein großes Kommen und Gehen, was fatal ist, als Sir Frederic, der Ehrengast, mit einer Kugel im Schädel aufgefunden wird.

Alle Gäste sind verdächtig. Die Polizei ist ratlos. Eher widerwillig schaltet sich Chan in die Untersuchung ein. Bruce hatte ihm kurz vor seinem Ende erzählt, dass er sich nicht gänzlich zurückgezogen habe. Da gab es Fälle, die er nie klären konnte und um die er sich nach der Pensionierung kümmerte, um endlich „hinter jenen Vorhang zu schauen“, der das Rätsel verbarg. Aktuell beschäftigte ihn das rätselhafte Verschwinden der jungen Eva Durand in einer indischen Grenzstadt. Bruce war auf eine neue Spur gestoßen, wie er – Chan ist es nicht entgangen – angedeutet und damit eine Falle gestellt hatte.

Nun hat er sich selbst gefangen. Wer hat ihn ermordet? Was hat sein Tod mit einem Kriminalfall zu tun, der sich eine halbe Welt entfernt ereignete? Welche Rolle spielen die chinesischen Pantöffelchen, die dem toten Bruce gestohlen wurden? Charlie Chan kann nicht widerstehen. Er ‚berät‘ den überforderten Captain Franklin und kommt schließlich einer Frau mit vielen Namen und einer alten aber längst nicht abgeschlossenen Kriminaltragödie auf die Spur …

Rätsel und Hochspannung – stilvoll

Ein Mann mit einem Geheimnis wird umgebracht; es muss ein Mitglied der Gesellschaft gewesen sein, mit der er seine letzte Party gefeiert hat. Ein Mord im von innen geschlossenen Raum ist es außerdem und damit die klassische Ausgangssituation für einen „Whodunit“ aus der „Goldenen Ära“ des Detektivromans vor dem Zweiten Weltkrieg. Earl Derr Biggers holt aus den üblichen Elementen geradezu generalstabsmäßig heraus, was die Jagd nach dem Täter spannend verzögert.

Sir Fredric Bruce ist einem außerordentlich verwickelten Verbrechen auf der Spur gewesen. Je länger Charlie Chan und die Polizei ermitteln, desto verblüffter müssen sie feststellen, dass Bruce überall auf der Welt verschwundenen Frauen nachgeforscht hat. Die Gäste jener verhängnisvollen Party sind sämtlich in solche Fälle verwickelt.

Es kommt sogar noch besser: In den meisten Fällen scheinen die verschwundenen Damen identisch zu sein, und diese im buchstäblichen Sinn multiple Persönlichkeit ist ebenfalls am Ort der Untat aufgetaucht. Langer Rede kurzer Sinn: Biggers gelingt in „Hinter jenem Vorhang“ ein faszinierender Plot, dessen Auflösung man gespannt entgegensieht.

Diese ist selbstverständlich ebenfalls klassisch: Alle Verdächtigen werden von Charlie Chan an einem Ort versammelt. Dann konfrontiert er die Anwesenden mit dem minuziös rekonstruierten Tatablauf und den Hintergründen der Bluttat. Der Höhepunkt dieses großen Finales besteht in der Demaskierung des bisher vom Leser hoffentlich nie verdächtigten Mörders, der daraufhin gern eine Waffe zieht und die Gruppe bedroht, während er (oder sie) noch offene Fragen zur Tat beantwortet, um anschließend Selbstmord zu begehen oder überwältigt zu werden.

Cover der dt. Ausgabe von 1949

Klarer Blick durch schräge Augen

Charlie Chan ist eine im Detektivroman nicht unbedingt singuläre Gestalt: ein ‚exotischer‘ Ermittler, der nicht nur begabt, sondern von ungewöhnlicher Herkunft ist und der seinem Job auf sehr individuelle Art nachgeht. So etwas fesselt, wird es richtig gemacht, die Leser stärker an die Figur, weil diese sich leichter einprägt.

Chan ist Chinese (eigentlich US-Amerikanischer chinesischer Abstammung, aber diesen feinen Unterschied scheint nicht einmal er selbst wichtig zu finden), d. h. ‚typischer‘ Repräsentant des geheimnisvollen Orients mit seinen sehr auf ihr „Gesicht“ bedachten, in den Augen des Auslands undurchschaubaren Bewohnern.

Als naturalisierter Amerikaner steht Chan seinem Geburtsland China noch sehr nahe. Er spricht die ‚neue‘ Sprache gut, aber auf angeblich ‚chinesische‘ Art, was –  so will es das Klischee – den reichlichen Einsatz blumiger Aphorismen bedeutet. Seine unzähligen Sinnsprüche haben Charlie Chan mindestens ebenso berühmt gemacht wie seine kriminalistischen Fähigkeiten (oder seine stetig wachsende Kinderschar). Aber Autor Biggers lässt nie einen Zweifel daran, dass Chan mehr ist als ein maskenhaft lächelnder Asiate. Stattdessen schildert er einen Mann, der scharf beobachtet, nachdenkt, prüft und durchaus energisch seine Kollegen zu lenken weiß. Deshalb genießt er Ansehen, geht beim ‚weißen‘ Establishment ganz selbstverständlich ein und aus und bleibt verschont von rassistischen Anfeindungen. Wenn sich eine Figur über Chan, den „Chinesen“ mokiert, ist dies immer ein Schurke oder ein Dummkopf. Angesichts der Entstehungszeit der Charlie-Chan-Romane ist dies bemerkenswert.

Frauen klug und Polizisten hilflos

Dass Earl Biggers immer für eine Überraschung gut ist, verrät die Figur der Assistentin des Bezirksstaatsanwalts. Eine Frau in wichtiger Funktion, d. h. keine Tippse oder Kaffeekocherin, sondern eine gestandene Juristin: Das ist ganz und gar keine Selbstverständlichkeit in einem Kriminalroman des Jahres 1928. June Morrow arbeitet mit der Polizei und Charlie Chan aktiv an der Lösung des Mordfalls Bruce. Zwar wird ihre Tätigkeit mit dem Hinweis auf ihr Geschlecht gern und ausführlich in Zweifel gezogen (und durch die Heirat mit einem schmucken jungen Millionär im Finale durch die für eine Frau ziemlichere Mutterrolle ersetzt), aber Miss Morrow ist definitiv eine weibliche Hauptfigur.

Die Polizei kommt wie so oft im klassischen Detektivroman eher schlecht weg: Captain Franklin sieht in der Regel den Wald vor lauter Bäumen nicht; ihm bleibt auch verborgen, dass ihn Charlie Chan ständig durch hintergründige aber sehr sarkastische Aphorismen durch den Kakao zieht. Karikierend wirkt auch Franklins Obsession, jegliche Zeitgenossen, die sich irgendwie ‚verdächtig‘ machen, umgehend verhaften zu lassen.

Von dem aus allen geschilderten Elementen entstehenden Spiel konnte das Krimi-Publikum niemals genug bekommen. Nicht alle Charlie-Chan-Romane sind gelungen, aber mit diesem hat Earl Derr Biggers großartige Arbeit geleistet und das Genre dauerhaft bereichert.

Frühe US-Ausgabe mit den Hauptdarstellern des Films zum Buch

Autor

Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, US-Staat Ohio. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie, setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan schuf, eines trügerisch sanften aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch scheiden, denn den Schwarzen Peter behält Hollywood. Earl Derr Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. “Hinter jenem Vorhang” zeigt sehr deutlich einen Charlie Chan, der ungeachtet aller skurrilen Züge ganz sicher nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wird. Statt dessen streut Biggers immer wieder Momente ein, die Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl als selbstbewussten, von seinen Fähigkeiten eingenommenen Charakter zeigen, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Zu Lebzeiten Earl Derr Biggers war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Tragisch starb der Verfasser schon 1933 an einem Herzinfarkt. Zwischen 1931 und 1948 entstanden 47 Kinofilme mit Chan-Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. („Behind That Curtain“ wurde bereits 1929 und schon als Tonfilm inszeniert; E. L. Park spielte Charlie Chan.) Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun. Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Titel bei Booklooker.de (Goldmann-Ausgabe)

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Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

[md]

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Sommer der Nacht

Erstellt von Michael Drewniok am 23. Januar 2012

Dan Simmons
Sommer der Nacht

(sfbentry)
Originaltitel: Summer of Night (New York : Putnam 1991)
Übersetzung: Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: 1992 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Jumbo 41/36)
562 S.
ISBN-10: 3-453-05338-9
Als Taschenbuch: 1996 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/9798)
766 S.
ISBN-10: 3-453-10825-6
Neuausgabe: Juli 2006 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 56505)
797 S.
ISBN-13: 978-3-453-56505-0

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Das geschieht:

Elm Haven ist ein Städtchen im ländlichen US-Staat Illinois und die Welt noch in Ordnung in diesem Sommer des Jahres 1960; Sorgen macht sich der Durchschnitts-Amerikaner höchstens wegen der ruchlosen Kommunisten, doch Präsident Eisenhower wird sie schon in Schach und im fernen Russland halten. Ansonsten herrscht Ruhe im Land, Arbeit gibt es für jedermann, die Zukunft sieht  rosig aus, und die Schwarzen verharren bescheiden auf dem Platz, den ihnen der HERR, das Schicksal und der Ku-Klux-Klan zugewiesen haben.

Die Kinder von Elm Haven warten auf die Sommerferien. Die „Old Central School“ ist ein ungemütlicher und recht unheimlicher Ort, über den der seelenlose Rektor Roon, die alte Mrs. Doubbets und der halb verrückte Hausmeister Van Syke herrschen. Glücklicherweise wird die Schule nun geschlossen und soll bald abgerissen werden. Als ein Schüler spurlos in den Korridoren des Gebäudes verschwindet, wird der Vorfall vertuscht. Dieser Vorfall ist Auslöser einer langen Kette mysteriöser Ereignisse, die ausschließlich der „Fahrradpatrouille“, fünf verschworenen und aufmerksamen Freunden um den Sechstklässler Dale Stewart, aufzufallen scheinen. Zu ihnen gesellt sich Duane McBride, ein Genie im Körper eines Bauerntölpels, dem die „Patrouille“ wertvolles Hintergrundwissen über das Grauen verdankt, das sich hinter den Kulissen der Stadt zu verdichten beginnt.

Ausgerechnet Elm Haven ist die Brutstätte eines Bundes, der sechs Jahrhunderte zuvor im Rom der berüchtigten Borgia-Päpste seinen Anfang nahm und seinerseits nur die Fortsetzung eines Kultes ist, der den altägyptischen Totengott Osiris verehrt. Die Prominenz von Elm Haven gehört zu den Götzendienern, und die „Old Central School“ ist geheimes Hauptquartier und Tempel zugleich, an dem Osiris seit Jahrzehnten grausame Menschenopfer gebracht werden. Schlimmer noch: Nach vielen Jahren der Beschwörung steht die Rückkehr des Totengottes in diese Welt unmittelbar bevor!

Elm Haven ist der ideale Ort für dieses Ereignis, denn wer würde solchen Horror ausgerechnet hier für möglich halten? So stehen die Kinder allein in ihrem Kampf, der zunehmend verbissener wird, als die Osiris-Jünger bemerken, dass man ihnen auf die Schliche gekommen ist. Unter die menschlichen Handlanger mischen sich Zombies und andere Schreckensgestalten, die über die schockierten Einwohner herzufallen beginnen …

Perfektes Grauen, betrachtet durch Kinderaugen

Was klingt wie ein Opus aus der Feder des unermüdlichen Stephen King, ist tatsächlich dem Hirn seines nicht minder fleißigen Schriftsteller-Kollegen Dan Simmons entsprungen. Dieser gehört zu den interessantesten Gestaltern der modernen Unterhaltungsliteratur, denn es gibt kaum einen Autoren, der vielseitiger ist und sein Publikum mit immer neuen Geniestreichen zu überraschen weiß. Horror, Science Fiction, Historienkrimi, Thriller: Simmons springt nach Belieben und mit mit traumwandlerischer Sicherheit  zwischen den Genres.

„Sommer der Nacht“ gehört zu seinen herausragenden Werken. Es bietet sich an und ist richtig, ihn als den besten Stephen-King-Roman zu bezeichnen, den der Meister aus Maine nicht selbst geschrieben hat. Die Parallelen zu „It“ (1986, dt. „Es“) sind augenfällig, und geradezu dreist wildert Simmons in Kings ureigenem Revier, in dem der Horror bevorzugt US-amerikanische Bilderbuch-Kleinstädte heimsucht.

Als wirklich alles möglich schien

Simmons siedelt „Sommer der Nacht“ in jener Epoche zwischen II. Weltkrieg und Vietnam an, da sich die Welt denen, die am richtigen Fleck geboren waren, als wunderbarer, geordneter Ort voller Möglichkeiten darstellte, die Automobile mit jedem Modelljahr größer wurden, der Rock’n‘Roll den Gipfel jugendlicher Rebellion markierte und jeder Tellerwäscher zum Millionär werden konnte, wenn er sich nur ins System integrierte und ansonsten tüchtig, gottesfürchtig und weiß war.

Der Verfasser verwandelt Elm Haven in eine geradezu aggressiv heile Welt, wie sie der Maler Norman Rockwell (1894-1978) in seinen kitschigen, aber unerhört beliebten Gemälden in Szene setzte. Doch nachdem Simmons seinem Publikum beinahe schmerzhaft süßlich ein Amerika im Stande der Unschuld vor Augen geführt hat, beginnt er seinen heimeligen Mikrokosmos gekonnt zu demontieren.

Es ist fast gar nichts Gold, was glänzt

Lange bevor der übernatürliche Horror Elm Haven heimzusuchen beginnt, legt der Verfasser wie nebenbei und dadurch umso drastischer offen, wo es kracht im Getriebe der Kleinstadt-Idylle. Korruption, schlecht verhohlene Vorurteile und Rassismus, Selbst- und Ungerechtigkeit, verdrängte Not, borniertes Kastenwesen, Duckmäuserei, Schubladendenken; die Liste der großen und kleinen Bosheiten, die das Leben finster machen, will kein Ende nehmen.

Nicht einmal das höchste Heiligtum selbst ernannter Tugendwächter und -bolde wird geschont: Tatsächlich entpuppt sich die (amerikanische) Familie immer wieder als wahrer Hort des Horrors, mit dem selbst die untoten Horden des Osiris nicht mithalten können.

Mit entlarvender Leichtigkeit entwirft Simmons ein atmosphärisch unerhört dichtes Stimmungs- und Sittenbild einer Zeit, die eben doch nicht so golden war wie sie nachträglich gern verklärt wird. Auch ohne Tanz der Vampire ist dies unerhört spannend zu lesen. Tatsächlich wirkt die Mär vom finsteren Urzeit-Kult lange Zeit beinahe störend in der Geschichte dieses Sommers von 1960.

Horror ohne Wenn & Aber

Als es dann ernsthaft zu spuken beginnt, flicht Simmons das Übernatürliche allerdings meisterhaft in die Handlung ein. Ganz verhalten beginnt sich das Böse einzuschleichen, umkreist und umzingelt die „Fahrradpatrouille“ wie den Leser gleichermaßen, verstört durch Andeutungen und grausames Geschehen zwischen den Zeilen, gewinnt zunehmend an Tempo und schlägt schließlich in eine wahrlich ungeheuerliche Tour de force um. An drastischen Effekten wird jedenfalls nicht gespart; gesplattert nach Herzenslust, und das Jenseits spart nicht an grotesken Besuchern mit abstoßenden Angewohnheiten.

An diesem Punkt beginnen Simmons freilich die Zügel seiner Geschichte zu entgleiten. Nachdem das Böse seine Maske endlich fallen ließ, muss es bekämpft und ausgerottet werden. Hier kann der Verfasser seine Herkunft nicht länger verleugnen: Das Grauen wird US-typisch mit brachialer Gewalt und großkalibrigen Waffen angegangen. Weil die Protagonisten nach wie vor Kinder im Alter von etwa 11 Jahren sind, wirkt die Verwandlung in Miniatur-Rambos reichlich unrealistisch. Das ist schade, weil Simmons bis zu diesem Zeitpunkt seinen jugendlichen Figuren mit traumwandlerischer Sicherheit Profil und echtes Leben zu verleihen wusste. Diese Sünde bleibt jedoch lässlich; den nachhaltig positiven Eindruck der ersten 500 oder 600 Seiten kann die große Schlussabrechnung – mehr Spektakel als Finale – nicht wirklich zu Nichte machen.

Die Übersetzung übernahm Joachim Körber, der lange Jahre Stephen Kings Romane eindeutschte und dafür einige Kritikerschelte auf sich zog. Auch „Sommer der Nacht“ liest sich an einigen Stellen etwas seltsam: Zum Beispiel verliert ein „Ensign“ namens Pulver viel von seiner Rätselhaftigkeit, würde man ihn korrekt mit „Fähnrich Pulver“ (= Titel und Figur des Films „Mr. Roberts“ von 1955 – dt. „Keine Zeit für Heldentum“) übersetzen, und ein „Kick“ ist und bleibt ein schlichter Tritt. Trotzdem leistet Körber einmal mehr bessere Arbeit, als ihm gemeinhin zugebilligt wurde.

Simmons hat seine „Fahrradpatrouille“ übrigens im Blickfeld behalten. Nach dreißig Jahren kehren die Überlebenden nach Elm Haven zurück („A Winter Haunting“, 2002; dt. „Im Auge des Winters“), um dort zu entdecken, dass sie 1960 nicht so gründlich mit dem Grauen aufgeräumt haben wie gedacht.

Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Peoria, Illinois, geboren. Er studierte Englisch und wurde 1971 Lehrer; diesen Beruf übte er 18 Jahre aus. In diesem Rahmen leitete er eine Schreibschule; noch heute ist er gern gesehener Gastdozent auf einschlägigen Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Als Schriftsteller ist Simmons seit 1982 tätig. Fünf Jahre später wurde er vom Amateur zum Profi – und zum zuverlässigen Lieferanten unterhaltsamer Pageturner. Simmons ist vielseitig, lässt sich in keine Schublade stecken, versucht sich immer wieder in neuen Genres, gewinnt dem Bekannten ungewöhnliche Seiten ab.

Über Leben und Werk von Dan Simmons informiert diese schön gestaltete Website.

[md]

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Der wandernde Spielzeugladen

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Januar 2012

Edmund Crispin
Der wandernde Spielzeugladen

(sfbentry)
Originaltitel: The Moving Toyshop (London : Victor Gollancz 1946)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Mord im 1. Stock”): 1974 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1614)
Übersetzung: Leni Sobez
159 S.
ISBN-10: 3 453 10205 3
Neuausgabe (geb.): 1993 (Haffmans Verlag)
Übersetzung: Andreas Vollstädt
273 S.
ISBN-13: 978-3-251-30011-2
Als Taschenbuch: (Wilhelm Heyne Verlag/Haffmans Kriminalromane bei Heyne 21)
Übersetzung: Andreas Vollstädt
270 S.
ISBN-13: 978-3-453-06483-6
Neuausgabe: 2003 (Dumont Verlag/DuMont’s Kriminalbibliothek 1123)
Übersetzung: Eva Sobottka
256 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-8310-3

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Titel bei Amazon.de (Dumont-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne/Haffmans-Ausgabe)

Das geschieht:

Nicht in exotische Fernen, sondern in die friedliche englische Universitätsstadt Oxford, Ort jugendlich-akademischer Abenteuer, zieht es den Schriftsteller Richard Cardogan in diesem Herbst des Jahres 1938. Allerdings verschlägt es ihn schon bei der Ankunft in einsamer Nacht in einen scheinbar verlassenen Spielzeugladen. Dort bleibt ihm gerade die Zeit, die Leiche einer älteren Frau zu entdecken, dann trifft ihn der Hieb ihres offensichtlichen Mörders. Am Morgen erwacht und entweicht Cardogan dem gruseligen Ort und kehrt mit der Polizei zurück. Das Haus findet er, doch es ist kein Spielzeugladen, ist offenkundig nie einer gewesen, und eine Leiche gibt es selbstverständlich auch nicht.

Die Polizeibeamten tippen sich vielsagend an die Stirn und setzen den offensichtlichen Spinner an die frische Luft. Verzweifelt wendet sich Cardogan an einen alten Freund: Gervase Fen ist Professor für englische Literatur an einem der zahlreichen Colleges der Universitätsstadt sowie ein bekannter Amateur-Detektiv. Außerdem ist er ein großer Exzentriker mit einem übergroßen Selbstwertgefühl, der die Welt ungern über sein Genie im Ungewissen lässt und vertrackte Fälle liebt.

Gern nimmt sich Fen daher des Falls an. Die Identität der verschwundenen Toten ist bald geklärt. Emilia Tardy war als Erbin ihrer jüngst verstorbenen Tante, der Millionärin Elizabeth Snaith, aus dem Ausland nach England gerufen worden. Rechtsanwalt Rosseter wurde mit der Testamentsvollstreckung betraut. Fen und Cardogan finden deutliche Hinweise darauf, dass er sich stattdessen des Snaithschen Vermögens bemächtigen will und mit seinen Helfershelfern lästige Konkurrenten aus dem Weg räumt. Das beschauliche Oxford verwandelt sich in einen Hexenkessel, als Fen und Cardogan den Schurken das Handwerk legen wollen, während stets im Hintergrund das große Rätsel bleibt: Wie – und warum – wandert ein Spielzeugladen durch die Stadt …?

Cover der gebundenen Haffmans-Ausgabe

Stadt des Wissens, Stadt der Exzentriker

Mord in Oxford, der Stadt der Weisen & Wirrköpfe: Kann ein englischer Krimi noch klassischer sein? Eine nette alte Damen wird erdrosselt, ein schurkischer Rechtsverdreher im Augenblick des Geständnisses durch das Fenster erschossen, ein schockierter Zeugen stiehlt Lebensmittelkonserven und wird dafür hartnäckig von der Polizei verfolgt, die gleichzeitig ignoriert, dass man sich auf den Straßen der Stadt groteske Verfolgungsjagden liefert: Schon diese Schlaglichter machen deutlich, dass „Der wandernde Spielzeugladen“ nicht unbedingt ein lupenreiner Thriller ist.

Dabei stimmen die Zutaten perfekt. Sie werden von einem ambitionierten Meister seines Fachs spielerisch so gemischt, dass aus dem Krimi eine Komödie wird, ohne dadurch die Spannung zu verlieren. Zum dritten Mal macht sich Crispin geistvoll lustig über das Genre. Gervase Fen weiß ganz genau, dass er nur die Figur in einem Kriminalroman ist. Das erklärt auch seine absolute Gleichgültigkeit sämtlichen Konventionen gegenüber; er lebt mit den übrigen Darstellern in einer Traumwelt und hat es nicht nötig, sich mit realistischen Alltagsproblemen abzugeben.

So sehen wir Fen nur einmal und dann ansatzweise seinen angeblichen Job ausüben. Nie gibt es Schwierigkeiten, wenn er sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Verbrecherjagd begibt. Dabei werfen er und seine Mitstreiter sich Zitate aus alten Romanen, Gedichten, Liedern zu, die heute in der Regel per Anhang erläutert werden müssen, vom zeitgenössischen Leser aber offensichtlich entschlüsselt werden konnten: Crispin schrieb ‚literaturfreundliche‘ Krimis, in denen der Stil über die Story triumphiert.

Der Plot belegt dies eindrucksvoll, denn der Plan, einen Laden wandern zu lassen, ist so überkompliziert, dass er nur in Crispins Oxford (fast) aufgehen kann. Erbschleicherei als Motiv ist dem klassischen britischen „Whodunit“ eines der liebsten; für Crispin ein guter Grund, die damit einhergehenden Klischees aufzuweichen und auf seine spezielle Weise zu variieren.

Cover der Heyne-Ausgabe

Wissen ist Macht – Wissen macht seltsam

In seinem dritten Abenteuer treffen wir einen Gervase Fen auf der Höhe seiner Tatkraft: eine unwiderstehliche Mischung aus Genie, Chaot und purer Lebensfreude. Edmond Crispin hat sichtlich an schriftstellerischem Geschick gewonnen und krönt seine turbulente Geschichte mit liebenswerten, karikiert überzeichneten Figuren.

Der Schauplatz bietet sich natürlich geradezu an. Geflügelt ist das Wort vom zerstreuten Professor, und Oxford ist das Nest, in dem sie aus dem Ei schlüpfen. In fernab der schnöden Alltagswelt beheimateten Elfenbeintürmen gehen sie hoch geehrt und gut bezahlt ihren Forschungen nach und bilden die zukünftige Elite ihres Landes aus; wahrlich eine versunkene Welt, die in der kulturfeindlichen Gegenwart noch fremdartiger anmutet.

Käuze hocken hier in jedem Collegefenster. Crispin stellt uns eine repräsentative Auswahl vor, während er seine Hauptfiguren kreuz und quer durch Oxford hetzt. Unter diesen sticht der uralte, stocktaube, immer noch lebenslustige Ex-Professor Wilkes hervor. Aber auch die nichtakademischen Bürger treten gelinde gesagt exaltiert auf; die Umgebung färbt ab. Da gibt es beispielsweise wie selbstverständlich literaturbeflissene Lastwagenfahrer, die sich bereitwillig für eine Verfolgungsjagd zur Verfügung stellen. Die weibliche Hauptrolle ist keine College-Frau, sondern ein Mädchen aus dem Volke; frank und frei im Denken und Reden, mit beiden hübschen Beinen fest im Leben stehend.

Wie es sich für ein Krimi-Märchen gehört, sind die Schurken so demonstrativ böse, dass man sie keinen Augenblick ernstnehmen kann. „Rechtsanwalt“ Rosseter gibt sich zwar große Mühe, als skrupelloser Schuft und Mörder zu überzeugen, aber er vergisst dabei keine Sekunde seine Manieren. Seine Helfershelfer mimen ebenfalls gern den verkommenen Strolch, stellen sich aber bei jeglichem kriminellen Tun so ungeschickt an, dass man sie nicht gerade als Bedrohung betrachtet. So rundet sich das Bild eines ‚Kriminalromans‘, der britisch humorvoll selbst einen Mord in das Geschehen zu integrieren weiß.

Anmerkung

Anscheinend wusste Crispin auch die Größten zu beeindrucken: Das dramatische Finale, in dem sich Fen und der Mörder auf einem amoklaufenden Karussell einen Kampf auf Leben und Tod liefern, finden wir fünf Jahre später fast originalgetreu übernommen von Alfred Hitchcock in „Strangers on a Train“ (1951, dt. „Der Fremde im Zug“).

Autor

Edmond Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines schmalen Werkes zu den großen Autoren des klassischen englischen Kriminalromans. Eigentlich war er Musiker; zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford, wo er auch moderne Sprachen studiert hatte, später Komponist, der neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf.

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Montgomery/Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen. Nach 1951 widmete sich Montgomery zunächst seiner musikalischen Laufbahn und später zunehmend dem Alkohol, bevor er nach 26 Jahren Fen noch einmal zurückkehren ließ, womit er ihm und den Lesern nach Ansicht der Literaturkritik keinen Dienst erwies. Zu diesem Zeitpunkt war Montgomery längst ein ausgebrannter, von Krankheit gezeichneter Mann. Er starb 1978.

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Die Gervase-Fen-Serie:

(1944) Mord vor der Premiere (The Case of the Gilded Fly/Obsequies at Oxford) – DuMont KB 1080
(1945) Heiliger Bimbam (Holy Disorders) – DuMont KB 1105
(1946) Der wandernde Spielzeugladen (The Moving Toyshop) – DuMont KB 1123
(1947) Schwanengesang (Swan Song/Dead and Dumb) – DuMont KB 1129
(1948) Liebe stirbt zuerst (Love Lies Bleeding) – DuMont KB 1134
(1948) Mit Freuden begraben (Buried for Pleasure) – DuMont KB 1137
(1950) … vorm Tor der Leichenwagen (Frequent Hearses/Sudden Vengeance) – UK 740
(1952) Anonyme Briefe/Giftbriefe (The Long Divorce/A Noose for Her) – UK 835/GK 5245
(1977) Der Mond bricht durch die Wolken (The Glimpses of the Moon) – GK 5205

DuMont KB = DuMont Kriminal-Bibliothek
GK = Goldmann Kriminalroman
UK = Ullstein Kriminalroman

[md]

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Das Haus des Schreckens

Erstellt von Michael Drewniok am 18. Januar 2012

Kurt Luif (Hg.)
Das Haus des Schreckens
Horror-Stories

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Inge Rhee
Deutsche Erstausgabe: 1972 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 922)
125 S.
ISBN-10: 3-453-00244-X

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Inhalt:

Acht Horrorstorys spielen in diversen Häusern, die von Geistern heimgesucht oder von Irrsinnigen, Mördern oder Psychopathen bewohnt werden:

- Bram Stoker: Das Haus des Schreckens (The Judge‘s House): Der alte Richter ließ für sein Leben gern hängen; nach seinem Tod übernimmt er den Job selbst.

- Richard Davis: Das verfluchte Zimmer (The Sick Room): Soll man ein Haus aufgeben, weil  in einem bestimmten Zimmer ständig Besucher hässlich zu Tode kommen?

- W. H. Carr: Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche (Mrs. Anstey‘s Scarecrow): Die schöne Witwe Anstey lässt sich vom Mörder ihres Gatten nicht umgarnen, sondern schickt ihm einen gruseligen Rachegeist auf den Hals.

- Vernon Routh: Schöpfer der Finsternis (The Black Creator): Der verrückte Wissenschaftler treibt es mit seiner Leidenschaft für das Entstellte und Hässliche so lange, bis sich seine Kreaturen gegen ihn wenden.

- Philip James: Das Schädel-Glockenspiel (Carillon of Skulls): Nur noch einen Kopf benötigt der irre aber zauberkundige Künstler, um ein ausgesprochen bizarres Musikinstrument fertig zu stellen.

- Raymond Williams: Lächeln bitte …! (Smile Please): Für 6000 Pfund soll sie die nackte Eva spielen, doch in ihrer Geldgier vergisst die schöne Delorice, dass es kein Paradies ohne Schlange gibt.

- M. S. Waddell: Plötzlich – nach einem guten Abendessen (Suddenly After a Good Supper): Scheintot hat man Denis in die Familiengruft geschoben, aus der er nicht entkommen kann und zu verhungern droht, bis er sich der kürzlich verstorbenen Großmutter erinnert.

- Dulcie Gray: Das Halsband (The Necklace): Ist es nicht egal, ob man Ketten aus Perlen oder Augen anfertigt? Dies fragt sich der verrückte Bernard, der seine eigene Antwort findet.

Trash as Trash Can

Ich bin stets aufs Neue überrascht, wenn ich ein Buch finde, dessen Geschichte interessanter ist als sein Inhalt. Der ist in diesem Fall fast durchweg so offensichtlicher Horror-Trash, das ein Rezensent neugierig werden muss: Wie kann es zur Veröffentlichung einer kuriosen Sammlung wie „Das Haus des Schreckens“ kommen? Versprochen wird (von einem klugerweise anonym bleibenden Texter) auf der Rückseite dieses Taschenbüchleins nicht wenig: „Dieses Buch lehrt sie das Fürchten, verursacht Gänsehaut, lässt ihre Haare zu Berge stehen und das Blut in den Adern gefrieren.“ An die 1970er Jahre kann ich mich erinnern, auch wenn ich damals noch jung an Jahren war. Deshalb vermag ich mit Sicherheit zu sagen, dass die Menschen schon damals so hart im Nehmen waren, dass die beschriebenen Reaktionen mit Sicherheit ausblieben.

„Horror-Trash“ oder „Trash Fiktion“ ist kein unbedingt abqualifizierender Begriff. Er definiert in unserem Fall Storys, die nur der reinen Unterhaltung dienen. Sie zielen unter sorgfältiger Umgehung des Hirns auf den Bauch, beziehen gern auch tiefer gelegene Körperregionen ein und sind völlig schamlos in der Wahl der Mittel, um den Zieleffekt zu erreichen. Also baut Raymond Williams in „Lächeln bitte …!“ die ziemlich fehlplatzierte, weil detaillierte Schilderung eines Striptease in die Story ein, was um 1970 provokant oder anregend gewirkt haben mag.

Hauruck-Horror en detail

Vordergründigkeit ist Trumpf. Geradezu verzweifelt sucht man als Leser nach dem sonst üblichen Subtext, der einer Geschichte z. B. eine moralische Aussage verleiht. Doch im „Haus des Schreckens“ gibt es keine Raffinesse und keinen Schein, gespukt wird nie subtil sondern drastisch und blutig, wobei sich die Geister in der Regel einen Dreck darum scheren, ob ihre Opfer Schuld auf sich geladen haben („Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche“) oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind („Das Halsband“).

Insofern fallen zwei Geschichten aus dem Rahmen. „Das Haus des Schreckens“ ist ein echter Klassiker aus der Feder des „Dracula“-Schöpfers Bram Stoker, der freilich ebenfalls gern mit Schockeffekten arbeitete. Bei nüchterner Betrachtung stechen seine Tricks ins Auge, an die man während der Lektüre nicht zur Kenntnis nimmt, weil Stoker sein Handwerk versteht und eine wirklich gespenstische Atmosphäre kreiert.

Dies gelingt ansatzweise noch Richard Davis („Das verfluchte Zimmer“), während die übrigen Autoren uns den Horror mit dem Holzhammer eintreiben wollen. Vernon Routh schießt mit „Schöpfer der Finsternis“, einer zum Lachen reizenden Rumpelmär um einen verrückten Wissenschaftler, den Vogel ab. Den Plot klaut er aus H. G. Wells „Die Insel des Dr. Moreau“. Dass Horroreffekte getimt werden können und müssen, ist ihm sichtlich unbekannt. Immerhin weiß Routh, wohin er mit seiner Handlung will, während Philip James im „Schädel-Glockenspiel“ mit surrealen Phantastik-Elementen experimentiert – oder ist diese Interpretation nur der verzweifelte Versuch Ihres Rezensenten, dieser Story so etwas wie einen Sinn zu unterstellen? –, bis er sein Machwerk mit einem bemerkenswert überraschungsarmen Schlussgag krönt.

Dulcie Gray macht es besser. Sie erzählt in „Das Halsband“ eine ganz einfache Geschichte und setzt auf den Schock des finalen Gags, der allerdings schon zur Entstehungszeit keine Ohnmachtsanfälle verursacht haben dürfte. Das gilt auch für „Plötzlich – nach einem guten Abendessen“, wobei M. S. Waddell immerhin durch einen gesunden Sinn für makabren und politisch unkorrekten Humor gefällt.

Why Can Such Things Be?

Es ist nicht gerade einfach bzw. unmöglich, Näheres über die Verfasser der hier präsentierten Storys herauszufinden. (Bram Stoker ist natürlich die Ausnahme.) Glücklicherweise ist das auch nicht notwendig weil den Aufwand nicht wert. Interessanter ist die Entstehungsgeschichte von „Das Haus des Schreckens“. Die Sammlung wurde von Kurt Luif (geb. 1942) für den Heyne-Verlag zusammengestellt. Luif ist dem Trash-Horror-Fan wesentlich bekannter unter diversen Pseudonymen. Als „Neal Davenport“ konzipierte in den 1970er Jahren gemeinsam mit Ernst Vlcek die berühmte (oder berüchtigte) Horror-Serie „Dämonenkiller“, und als „James R. Burcette“ fabrizierte er Heftchen-Grusel für die „Vampir“-Horrorromane. Seine Werke entbehren nicht eines gewissen nostalgischen Charmes, denn sie plündern zum Zweck der Unterhaltung skrupellos die Schatzkammern des Genres und ignorieren dessen Regeln. Als Herausgeber hielt sich Luif 1972 strikt an das Erlernte.

Zudem konnte er zeitsparend auf den Spuren eines erfolgreichen Vorbilds wandeln: Herbert van Thai (1904-1983) gab zwischen 1959 und 1983 in England 24 Bände von „The Pan Book of Horror Stories“ heraus. „Das Haus des Schreckens“ beinhaltet ausschließlich Storys aus dem „Pan Book“-Thesaurus. Diese orientierten sich inhaltlich an den Pulp-Magazinen der 1920er bis 1950er Jahre, welche auch das Horror-Segment ohne Anspruch auf literarische Qualität bedienten (und dabei vielen echten Talenten als Spielwiese dienten).

Mit Billig-Horror kann man immer noch Geld machen, so lautete wohl die Idee hinter den „Pan Books“. Das Umfeld war günstig: Filme wie „The Exorcist“ oder die „Omen“-Trilogie waren in den 1970er Jahren ungemein erfolgreich. Harter Horror mit ausgeprägtem Gore-Faktor war in den Mainstream vorgestoßen. Die Nutznießer folgten umgehend: sie arbeiteten vorwiegend mit der groben Kelle und lieferten Blutspuk für die anspruchslosen Massen. Es dauerte einige Jahre, bis diese den brandigen Braten rochen. Hilfreich war ihnen dabei eine neue Generation von Schriftstellern, die literarischen Anspruch sehr wohl mit Unterhaltung zu kombinieren wussten: Stephen King, Peter Straub, Clive Barker und Ramsay Campbell bildeten nur die Spitze des Eisbergs. Ihr Siegeszug und der Tod van Thais läuteten das Ende der „Pan Books of Horror Stories“ ein.

Sie gelten einer kleinen aber entschlossenen Fangruppe heute als Kult und leben auf diese Weise weiter. „Das Haus des Horrors“ ist ein Wurzelhaar in der Geschichte des von der Kritik meist ignorierten oder verspotteten, aber von seinen Fans heiß geliebten Simpel-Horrors und wurde deshalb hier in einer Breite vorgestellt, die den ‚ernsthaften‘ Kritiker womöglich verwundert (oder entsetzt).

[md]

Titel bei Booklooker.de (Verfassernamen “Luif” eingeben)
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Das Monstrum – Tommyknockers

Erstellt von Michael Drewniok am 9. Januar 2012

Stephen King
Das Monstrum – Tommyknockers

(sfbentry)
Originaltitel: The Tommyknockers (New York : Viking Penguin Inc. 1988)
Übersetzung: Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 1988 (Hoffmann und Campe Verlag)
687 S.
ISBN-10: 3-455-01902-1
Als Taschenbuch: Wilhelm Heyne Verlag (TB Nr. 01/7995)
687 S.
ISBN-10: 3-453-03697-2
Neuausgabe: Februar 2011 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43585)
Übersetzung: Joachim Körber, bearbeitet von Lars Klappert
1072 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-43585-8
Als eBook: März 2011 (Wilhelm Heyne Verlag)
1072 Seiten
ISBN-13: 978-3-641-05354-3

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de (Auf der Website bitte den Autorennamen „King“ eintragen)

Das geschieht:

Mitten im schönen US-Staat Maine liegt dort, wo die Wälder tief und die Menschen rustikal sind, das kleine Städtchen Haven. Die Bürger bleiben gern unter sich, Touristen verirren sich nur selten in diese Gegend. So gefällt es Roberta „Bobbi“ Anderson, beliebte Autorin viel gelesener Western-Romane, aber privat eher auf Abstand bedacht und daher recht zufrieden in der einsam gelegenen Waldhütte eines verstorbenen Onkels hausend. Gesellschaft leisten ihr dort zeitweise Jim Gardener, einst Dichter und erfolgreicher Universitätsdozent, heute ein ausgebrannter Alkoholiker und ungebremst auf dem Weg in den Untergang, sowie der alte Beagle Peter.

Bobbi streift nach einem harten Tag hinter der Schreibmaschine – wir schreiben das Jahr 1988 – gern durch die ausgedehnten Wälder hinter ihrem kleinen Haus. Bei einem dieser Spaziergänge stößt sie auf ein merkwürdiges metallenes Artefakt, das harmlos aus dem Boden ragt. Erst neugierig geworden, dann erfasst von einem seltsamen inneren Drang, beginnt Bobbi zu graben und legt Teile eines Objektes frei, das riesengroß und rund ist: Bobbi ist auf eine Fliegende Untertassen gestoßen, die vor vielen Jahren abstürzte und vom Schutt der Äonen begraben wurde, aber dabei völlig unbeschädigt blieb: außen und vor allem innen …

Bobbi gerät in den Bann ihres Fundes, der auf unheimliche Art ihr Denken und Handeln bestimmt. Auch der entsetzte Jim Gardener kann den unheiligen Zauber nicht brechen: Die „Tommyknockers“, sagenhafte Geister oder Dämonen, die den Menschen des Nachts in böser Absicht auflauern, treten in der Gestalt außerirdischer Untoter auf. Erst ist es nur die unglückliche Bobbi, die sich in einer aberwitzigen Metamorphose in ein Wesen aus einer anderen Welt verwandelt. Dann kommen die Tommyknockers über die Bürger von Haven; sie wollen endlich vollenden, was ihnen einst misslang: die biologische Unterwanderung und Übernahme der gesamten Menschenwelt …

Großes Drama in kleiner Stadt

„Es war eine Fliegende Untertasse. Sie waren von der Air Force abgetan worden, von denkenden Wissenschaftlern, von Psychologen. Kein Science-fiction-Autor mit einem Funken Selbstachtung baute eine in seine Geschichten ein … Sie waren der älteste Heuler in einem Buch. Fliegende Untertassen waren mehr als passé; allein schon die Vorstellung war ein Witz, und nur Wirrköpfe und religiöse Exzentriker räumten ihnen überhaupt noch Platz ein, und selbstverständlich die Regenbogenpresse …“

Klar, dass ein mit allen Wasser der Schriftstellerei gewaschener Vollprofi wie Stephen King nicht widerstehen konnte und ausprobieren wollte, ob er quasi mit einer auf den Rücken gebundenen Schreibhand ein uraltes Klischee mit neuem Leben erfüllen konnte. In gewisser Weise ist es ihm zweifellos gelungen, doch in den Chor der Begeisterung mischt sich die Stimme der Kritik, die da verkündet, dass nicht nur die Tommyknockers schon lange mausetot sind.

Aber Vorsicht: „The Tommyknockers“ entstand bereits im Jahre 1988. Da lagen „Akte X“ und tausend Epigonen noch in der Zukunft. Kings spukiges Alien-Garn ist daher längst nicht so abgedroschen, wie es dem heutigen Leser erscheinen mag. Trotzdem blieb dem Roman schon damals das Wohlwollen der Kritik versagt. (Nichts Neues für Stephen King.) Auch die Resonanz des Publikums blieb verhalten, was noch lange nicht hieß, dass es sich beim Buchkauf zurückhielt: Auch die „Tommyknockers“ fuhren wieder einmal Rekord-Geldernten ein.

Warum mag niemand die „Tommyknockers“?

Und doch scheint dieser Geschichte das gewisse Etwas zu fehlen, das King-Werke wie „Shining“ oder „Salem’s Lot“ (dt. „Brennen muss Salem“) in den Rang ewiger Klassiker erhob. Was es ist, lässt sich nur nach langem Nachsinnen in Worte fassen. Unvoreingenommen (neu) gelesen, ist „The Tommyknockers“ nämlich eine sehr vergnügliche Tour-de-force durch Science Fiction und Horror.

Doch King lässt hier etwas geschehen, was er bis dato besser im Griff hatte: Er verschleppt die Geschichte, überfrachtet sie mit überflüssigen Nebenhandlungen und bläht sie dadurch unnötig auf. Daran mussten wir Fans uns nach 1990 leider gewöhnen, denn Kings Romane wurden zunehmend geschwätziger und seelenloser. Nach eigenem Geständnis war dies eine Folge seiner zunehmenden Alkohol- und Drogensucht. Nachträglich versteht man natürlich besser, wieso King den quälenden Seelennöten und Delirien des Jim Gardener so viel Spielraum gibt: In gewisser Weise schrieb er gegen ganz persönliche Dämonen an. (Um den letzten Tropfen aus der King-Kuh zu melken, wurde dem deutschen Publikum 2011 eine „bearbeitete“ und „ungekürzte“ Fassung der „Tommyknockers“ präsentiert, die dank einer kreativen Satzgestaltung auf knapp 1100 Seiten angeschwollen ist …)

Die Episodenhaftigkeit wird durch die eigentümliche Dreiteilung der Geschichte unterstrichen. Teil 1 schildert die Entdeckung des Raumschiffs durch Bobbi Anderson und führt Jim Gardener ein. Teil 2 – mit Abstand der bessere – wirft einen Blick auf das Kleinstadtleben von Haven, das durch die Tommyknockers einen bemerkenswerten, wenn auch unguten Aufschwung erfährt. Teil 3 leitet zwar das große Finale ein, wechselt aber noch einmal die Perspektive und wirft Bobbis Schwester Anne, den Schrecken ihrer Kindheit, in die Handlung. Das führt zu weiteren, jetzt störenden Verzögerungen: Anne hätte eindeutig früher auftreten müssen, wenn sie nicht überhaupt als Figur überflüssig ist. Jetzt sollte sich alles nur noch um die Apokalypse in Haven drehen, die weiß Gott spektakulär genug ausfällt. Die böse Schwester kann vor dieser Kulisse kein Profil gewinnen, und ihr schauriges, verdientes Ende lässt den Leser kalt.

Zeitlos und immer wieder gern beschworen

Ganz der Alte ist King mit seiner Prämisse geblieben, dass Außerirdische auch nur Menschen (und nicht zwangsläufig die Elite des Universums) sind. Als solche ließ er sie nach 1988 mehrfach über die Erde herfallen. Mal laden sie High-Tech-Schrott ab und bescheren den neugierigen Findern die Überraschung ihres Lebens („From a Buick Eight“, 2002, dt. „Der Buick“), dann planen sie eine Invasion der etwas offensiveren aber einfältigen Art („Dreamcatcher“, 2001, dt. „Duddits – Dreamcatcher“)

Hier manchmal rammen sie also eine Fliegende Untertasse unangespitzt in den Waldboden des schönen, dank King von Vampiren, Zombies und ähnlichen Unholden viel geplagten US-Staates Maine. Die Parallelen zwischen „Tommyknockers“ und den beiden anderen Werken sind erstaunlich, wenn man sie in kurzem Abstand liest. Sie können mit Fug und Recht als Variationen desselben Themas bezeichnet werden, ohne dass King deshalb ein Vorwurf gemacht werden könnte. Er ist stets der erste, der darauf hinweist, dass ihm schon lange nichts wirklich Neues mehr einfällt – eigentlich nie eingefallen ist, denn auch die viel gelobten Frühwerke stützten sich stets auf Genreklassiker. Vampire, Werwölfe, Mutanten: Wenn King überhaupt jemals ein ‚neues‘ Monster erfunden hat, dann ist es der (wieder außerirdische) Gestaltwandler, den er in „It“ (dt. „Es“) 1986 in die Welt setzte.

Sie kommen gern wieder

Pennywise, der finstere Clown, aus „Es“, bekommt übrigens in „Tommyknockers“ einen Cameo-Auftritt. Dieselbe Ehre erfährt David Bright, rasender Reporter aus „The Dead Zone“ (1979, dt. „Das Attentat“). Die wenigen überlebenden Tommyknockers erleiden ein Schicksal, das man selbst ihnen nicht gewünscht hätte: Sie fallen dem wiedererstandenen „Shop“ in die Hände, den 1980 das „Feuerkind“ Charlie („Firestarter“) in Schutt und Asche gelegt hatte.

King liebt es, zwischen seinen Werken solche Verbindungen herzustellen. Er greift auch auf die Schöpfungen von Kollegen zurück; so ist Hugh Crane, der zwielichtige Gründervater Havens, natürlich eine Reminiszenz an den gleichnamigen Erbauer des furchtbaren „Hill House“, dem Regisseur Robert Wise 1962 ein filmisches Denkmal setzte („The Haunting“, dt. „Bis das Blut gefriert“).

„The Tommyknockers“ wurde – wie die meisten Stephen King-Geschichten schlecht – verfilmt: 1993 als aufwändig in Szene gesetzter TV-Zweiteiler mit Marg Helgenberger als Bobbi Anderson und Jimmi Smits als Jim Gardener; drei Stunden lähmender Langeweile, die den Zuschauer wünschen lassen, selbst von den Tommyknockers überfallen zu werden, damit das Elend endlich sein Ende hat.

Autor

Normalerweise folgt an dieser Stelle ein Autorenporträt. Hier unterbleibt dies; aus gutem Grund, denn der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland –  seien stellvertretend genannt;  sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de (Auf der Website bitte den Autorennamen „King“ eintragen)

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Der chinesische Papagei

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Januar 2012

Earl Derr Biggers
Der chinesische Papagei

Originaltitel: The Chinese Parrot (New York : Grosset & Dunlap 1926)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Chinesen-Papagei“): 1928 Verlag Rijke & Stock/Internationale Abenteuerreihe)
Übersetzung: Reinhard Rijke
304 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der Chinesenpapagei“): 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane 51)
Übersetzung: Reinhard Rijke
203 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 125)
Übersetzung: Reinhard Rijke
186 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1981 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1952)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
174 S.
ISBN-13: 978-3-453-10555-3
Neuausgabe: Juli 2004 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Nr. 1135)
Übersetzung: Monika Schurr (mit einem Nachwort von Volker Neuhaus)
315 S.
ISBN-13: 978-3-8321-8332-5

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Das geschieht:

Nach vielen Jahren trifft Alexander Eden, gut situierter Diamantenhändler in San Francisco, seine heimliche Jugendliebe Alice Phillmore-Jordan wieder. Die einst märchenhaft reiche Witwe steht vor dem finanziellen Ruin, weshalb sie die legendären Phillmore-Perlen zum Verkauf anbieten muss, die Eden zum Höchstpreis loszuschlagen gedenkt. P. J. Madden, Börsenhai und Multimillionär, kauft sie für sein Töchterlein. Nun gilt es, den Schatz vom Phillmoreschen Familiensitz auf der Hawaii-Insel Honolulu in Maddens Besitz zu überführen. Da die Perlen einen Wert von über 200.000 Dollar repräsentieren, sind die Beteiligten verständlicherweise nervös, zumal die Unterwelt inzwischen Wind von dem Handel bekommen hat.

Eden schickt Bob, seinen Sohn, einen Lebemann mit Mumm in den Knochen, auf die weite Reise zu Maddens einsamer Farm in der kalifornischen Wüste. Alice Jordan stellt ihm einen Vertrauten zur Seite: den Chinesen Charlie Chan, einst Dienstbote im Hause Phillmore, aber dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes schon lange Beamter der Kriminalpolizei von Honolulu, wo er für seinen Spürsinn, seine orientalische Gelassenheit und sein drolliges Kauderwelsch-Amerikanisch berühmt ist.

Madden verhält sich merkwürdig, wirkt gar nicht wie der souveräne Geschäftstycoon, der Wall Street und die Finanzwelt in Schrecken hält, und dringt eigentümlich heftig auf die Herausgabe der Perlen. Wenig Vertrauen wecken auch die zwielichtigen Gestalten, mit denen er sich umgibt. Chan rät daher zur Vorsicht. Unter falschem Namen lässt er sich als Koch anstellen und entdeckt rasch weitere Hinweise darauf, dass ein Verbrechen im Gange ist.

Unterstützt von Jungmann Bob, einem kauzigen Hinterwäldler-Reporter und einer jungen, hübschen Dame vom Film kommt Chan einem abenteuerlichen Komplott auf die Schliche. Dieses Spiel ist gefährlich, und der unglückliche, weil allzu geschwätzige Papagei Tony wird nicht der einzige sein, der dabei sein Leben lassen muss …

Krimi-Klassik ohne Klasse

„Der chinesische Papagei“ gehört zu den Klassikern, nach deren Lektüre sich der Leser verwundert fragt, wie er zu seinem Status gelangen konnte. Nüchtern betrachtet ist dieser Roman nämlich ein ziemlich mittelmäßiger, und selbst dieses Urteil wurde zugunsten des Angeklagten gefällt.

Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil, der sich mehr oder weniger im Kreise falscher Alibis, unschuldig Verdächtigter und verdächtiger Unschuldiger dreht. „Der chinesische Papagei“ unterhält am besten in jenen Kapiteln, die in San Francisco spielen. In der Wüste beginnt die Story zu kümmern. Sie erholt sich nicht einmal im Finale, das keine echten Überraschungen bieten kann. Dazwischen gelingen Biggers zwar immer wieder pittoreske Szenen, die indes zur Handlung kaum etwas beitragen. Von realistischer Detektiv- oder Polizeiarbeit kann übrigens auch keine Rede sein, und das angeblich so perfekt geplante Verbrechen, dem wir eher ungläubig beiwohnen, könnte nicht einmal Tony, den Papagei, täuschen.

Womöglich ist es auch die Enttäuschung, den literarischen Meisterdetektiv Charlie Chan im Vergleich mit seinen Hollywood-Inkarnationen verlieren zu sehen. Hier haben wir nämlich den seltenen Fall, dass der Film das Buch bei weitem übertrifft. Zwischen 1932 und 1947 entstanden mehr als vierzig Kinofilme mit Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun.

Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste; „Der chinesische Papagei“ ist der zweite auf dieser kurzen Liste. Zu Biggers Lebzeiten war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Unglücklicherweise starb der Verfasser gerade dann, als Hollywood auf ihn aufmerksam geworden wurde.

Cover der TB-Ausgabe von 1957 (Sammlung md)

Kluger Mann mit Hang zum Blumigen

Wie so oft ist das Leben des Verfassers interessanter als sein Werk. Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, Ohio, mitten im noch wilden Westen, wie er später gern zu Besten gab. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete Eleanor Ladd aus Medford, Massachusetts, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie („If You’re Only Human“), setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern, die paradoxerweise mitten in der Wüste lagen: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Sein Repertoire erweiterte sich. Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan entwarf, eines trügerisch sanften, aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Selbstbewusst in schwierigen Zeiten

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch unterscheiden; den Schwarzen Peter behält Hollywood. Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. Auch im „chinesischen Papagei“ gibt es Szenen, die sehr deutlich machen, dass der Verfasser Charlie Chan ungeachtet aller skurrilen Züge nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wissen wollte.

Stattdessen streut Biggers immer wieder Momente ein, in denen er dünkelhafte Bleichgesichter gar nicht gut dastehen lässt. Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl ein selbstbewusster, von seinen Fähigkeiten eingenommener Charakter, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

[md]

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Der Silberschatz von La Barranca

Erstellt von Michael Drewniok am 4. Januar 2012

Gordon D. Shirreffs
Der Silberschatz von La Barranca

(sfbentry)
Originaltitel: Barranca (New York : Signet 1966)
Übersetzung: Richard Augustin
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Western Nr. 2188)
174 S.
[keine ISBN]

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Inhalt

Arizona 1868: Durch die Wüste des amerikanisch-mexikanischen Grenzgebietes kämpfen sich zwei Flüchtlinge. Matt Dustin und Sheldon Burnett haben im US-Bürgerkrieg auf der ‚falschen‘ – der konföderierten – Seite gekämpft. Weil sie der Sache der Süden treu geblieben sind, haben sie der neuen Regierung nie die Treue schwören wollen. Stattdessen sind sie nach Mexiko gegangen und haben dem unglücklichen Kaiser Maximilian bis zu dessen Ende als Söldner gedient. Nun sind sie zwei Männer ohne Heimat, die unstet umher vagabundieren.

Nur knapp entkommen Dustin und Burnett einer Gruppe Apachen, die in dieser Wüste für Angst und Schrecken sorgen. Die Indianer haben eine Grenzstation überfallen und die Betreiber grausam umgebracht. Frank Harley, den sie gefoltert und geblendet zum Sterben zurückließen, hat überlebt. Zum Dank für seine Rettung weiht er Dustin und Burnett in ein Geheimnis ein: Er kennt den Standort der sagenhaften Silbermine von La Barranca Escondida! Seit ein Jahrhundert zuvor die spanischen Jesuiten Mexiko verlassen mussten, galt sie als verschollen und verflucht. Lange hattn die ebenso frommen wie gierigen Geistlichen die Mine betrieben und die einheimischen Indianerstämme gezwungen, das wertvolle Metall abzubauen. Zu Hunderten sind sie dabei umgekommen und lernten das Silber zu hassen, das sie zu Sklaven des weißen Mannes machte.

Mit Geld lassen sich viele Probleme lösen. Dustin und Burnett schließen deshalb einen Pakt mit Harley: Gemeinsam wollen sie sich zur Mine durchschlagen und die Satteltaschen mit Silber füllen. Der Weg wird zur Höllenfahrt. Die glühend heiße Wüste ist ohne Wasser aber keineswegs menschenleer. Indianer und Räuberbanden lauern auf unvorsichtige Reisende. Der permanente Stress sorgt für Unfrieden. Schon bevor La Barranca erreicht ist, scheint sich der Fluch zu erfüllen …

Schatzsuche als Irrfahrt in den Tod

Der Western – ein Genre, das so simpel scheint, überrascht bei näherer Betrachtung durch seine thematische Bandbreite. „Der Silberschatz von La Barraca“ lässt ‚typische‘ Elemente fast völlig unter den Tisch fallen, ohne dass man sie vermissen würde. Jawohl, es werden Colts und Winchesters gezogen und Indianer greifen ebenfalls an. Das war’s dann aber schon mit den bekannten Klischees.

Tatsächlich wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Die Menschen spielen eine untergeordnete Bedeutung. Im Mittelpunkt steht das Land – eine von der Sonne verbrannte Bergwüste von schier unendlicher Weite, feindlich und gefährlich aber gleichzeitig von hypnotisierender Anziehungskraft. Wer sich in diese Welt wagt, wird von ihr verschluckt und findet sich in einem Vakuum wieder. Das Bekannte bleibt zurück und wird durch eigene Regeln ersetzt. Man hält sich an sie oder kommt um; eine Alternative gibt es nicht.

Die Apachen und die Yaquis diesseits und jenseits der Grenze haben den Schritt vollzogen. Sie können überleben, aber sie wurden geprägt vom Dasein in dieser Öde. Für den ‚zivilisierten‘ Außenseiter wirken sie archaisch grausam und unmenschlich. Der Eindruck wird bei Shirreffs verstärkt, der sie kaum jemals als Individuen zeigt. Die Indianer manifestieren sich als Rauchsäule am Horizont, als berittene Horde, als gesichtslose Bedrohung. Sie addieren sich zur Hitze, zur Trockenheit und zu den anderen Schrecken des Landes.

Das Silber und der Wahnsinn

Dabei bedarf es keiner Indianer, die Verderben und Tod bringen – das schaffen unsere Schatzsucher selbst viel besser. Matt Dustin und Sheldon Burnett kommen bereits als Geschlagene in das Grenzland. Ihre Heimat haben sie verloren, ihre Freundschaft beginnt unter den Belastungen der Dauerflucht zu zerbrechen. Die Suche nach La Barranca ist der verzweifelte Versuch dem Schicksal zu entkommen. Zumindest Shell beginnt dies allmählich zu begreifen.

Von den beiden Hauptfiguren ist er der besonnene und nachdenklichere Part. Als er erzählen soll, was er mit dem Silber kaufen möchte, das womöglich auf die Freunde wartet, fallen ihm ausgerechnet Bücher ein. Obwohl er es sich nicht eingestehen mag, hat Shell begriffen, dass der Krieg vorüber ist und seine Ideale wertlos geworden sind. Die denkwürdige Begegnung mit einem ehemals charismatischen Vorgesetzten, der nun müde ist und den Unterwerfungseid schwören will, öffnet ihm endgültig die Augen: Es gibt ein Leben nach dem Krieg, wenn er sich ihm nur stellen will!

Dusty ist das dunkle Spiegelbild des Freundes. Er entwickelt sich nicht weiter, bleibt der Soldat oder besser Söldner, der sich mit Gewalt nimmt, was er begehrt. Während sich Shell moralische Standards bewahren konnte, ist Dusty seelisch verwildert. Je näher der Schatz von La Barranca rückt, desto deutlicher wird die Veränderung. Dusty plündert und tötet ohne Reue. Zudem hat das Silberfieber Dusty erwischt. In La Barranca lagert ein so großer Schatz, dass zwei Männer in tausend Jahren nicht ausgeben könnten. Dennoch will Dusty ihn am liebsten für sich allein. Dies ist der wahre Fluch von La Barranca. Er vervollständigt die Schrecken des Grenzlandes.

Ein Totentanz ins Nirgendwo

Die ‚Suche‘ nach dem Silberschatz ist reich an Absurditäten. Ständig vergrößert sich die Gruppe, die ins Nichts zieht. Zu den beiden Amerikanern gesellen sich nach und nach ein blinder Träumer, ein merkwürdiger Priester, eine schöne Frau, ihr stummer Leibwächter und ein zynischer mexikanischer Soldat. Dies sorgt für Spannungen und Streitigkeiten, die allein die Gruppe gut beschäftigen. Im Verlauf der Handlung ergeben sich einige Gelegenheiten, das Unternehmen abzubrechen. Wider besseres Wissen kann sich niemand dazu überwinden. Die Anziehungskraft von La Barranca ist zu groß.

Diese inneren Konflikte weiß Autor Shirreffs ebenso spannend zu schildern wie den Zug durch die Wildnis. Trotz einiger Schießereien geschieht wenig. Gefährlicher sind die ständig aufflackernden Streitigkeiten. Dazu kommen Shirreffs grandiosen Landschaftsbeschreibungen. Man meint die Hitze und den Staub förmlich auf der Haut zu spüren.

Klischees bleiben nicht aus. Ihre hässlichen Häupter erheben sich in unerwünschter Vielzahl, als die feurige Rafaela die Szene betritt. Schöne Frau + geile Kerls: Dieser Teil des Geschehens wirkt dem angeblichen Leserinteresse geschuldet, das eine Schatzsuche ohne weibliche Beteiligung offenbar nicht attraktiv gefunden hätte. Immerhin hält sich Shirreffs zurück; die meiste Zeit wirkt Rafaela überflüssig in dem hitzigen Drama, das ganz andere Akzente setzt.

„Der Silberschatz von La Barranca“ ist trotz dieser Schwäche ein erstaunlich unterhaltsamer Roman. Shirreff kennt, was er beschreibt, und er arbeitet ökonomisch. Die obligatorischen Western-Elemente ergänzt er, indem er auf Stilmittel des Abenteuer-Genres und sogar der Phantastik zurückgreift: La Barranca ist letztlich ein zeitloser, verwunschener Ort; mehr Wunsch- oder Albtraum als Realität – und genau das ist die Moral dieser lesenswerten Geschichte!

Exkurs: Sagenhafte Schätze am Ende der Welt

Eine versunkene Silbermine spanischer Kirchenmänner in der Wüste von Mexiko? Dabei kann es sich doch nur um die Erfindung eines unterhaltungsfreudigen Schriftstellers handeln! Weit gefehlt – wieder einmal schlägt die Realität jede Fiktion. Seit jeher ist der Jesuitenorden davon überzeugt, die irdischen Geschicke viel besser lenken zu können als die moralisch verworfenen Machthaber dieser Welt. Ende des 16. Jahrhunderts übertrieben die Jesuiten es in Spanien mit ihrem Machtanspruch so arg, dass es sogar der allerkatholischen Majestät Philipp II. zu viel wurde und er die Privilegien des Ordens stark einschränkte.

Vor Ort fügte er sich, doch in sicherer Entfernung blieb alles wie bisher. Spanien besaß ausgedehnte Kolonien in der Neuen Welt, die vom südamerikanischen Bolivien weit hinauf in den Norden des Doppelkontinents reichten. Hier errichteten die Jesuiten Missionsstationen, die sie dort, wo reiche Gold- und Silbervorkommen anstanden, gern durch Bergwerke ergänzten. Die vor Ort ansässigen Indianerstämme wurden, da gotteslose Heiden, zur Arbeit in den Minen angehalten. Da die Förderung des jesuitischen Reichtums als Gottes Wille galt, wurden sklavenähnliche Arbeitsbedingungen (jedenfalls von den Jesuiten) in Kauf genommen.

Selbstverständlich bekam der König bald Wind von der Sache, gegen die er nichts einzuwenden hatte, wenn er seinen Anteil bekam: 20% forderte er. Die Jesuiten frisierten ihre Abrechnungen und bunkerten Gold und Silber in Amerika, statt es nach Spanien zu schaffen. 1767 ließ der erzürnte König die Jesuiten aus den Kolonien vertreiben. Zurück blieben ihre Minen und zahlreiche Barren und Münzen, die in Erwartung der baldigen Rückkehr sorgfältig verborgen wurden. Daraus wurde jedoch nichts, und das Wissen um diese Schätze ging verloren.

In den Jahrhunderten seit dem Verschwinden der Jesuiten sind immer wieder Reisende zufällig auf alte Minen oder vergrabenes Silber gestoßen. Aufgrund der Größe der meist abgelegenen Berg- und Wüstenlandschaften konnten die exakten Positionen nicht ermittelt werden, und die Stätten versanken erneut in Vergessenheit.

Autor

Gordon Donald Shirreffs wurde im Jahre 1914 in Chicago, Illinois, geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Angestellter der „Union Tank Car Company“, bis er 1940 zur Armee ging und seinen Kriegsdienst leistete. 1946 kehrte Shirreffs ins Zivilleben zurück und schlug sich als Vertreter durch. 1948 eröffnete er einen Laden für Scherzartikel und Spielzeug.

Tagsüber arbeitete Shirreffs, nachts versuchte er sich als Schriftsteller. Er besuchte Schreibkurse in Chicago. 1952 zog er mit seiner Familie nach Kalifornien, wo er sich als professioneller Autor niederließ. Shirreffs begann mit Storys, die in Comics verwandelt wurden. Meist waren es Western: Roy Rogers, Johnny Mack Brown, Auntie Duchess, Rin Tin Tin (ein lassieschlauer Schäferhund im Dienst der US-Kavallerie). 1956 gelang ihm der Verkauf eines ersten Romans („Rio Bravo“, ebenfalls ein Western).

Shirreffs kam gut ins Geschäft, denn er war vielleicht kein begnadeter, aber ein versierter und vor allem schneller Schreiber: In vier Jahrzehnten erschienen mehr als 80 Bücher – nicht nur Western, sondern auch Kinder- und Sachbücher – und 150 Kurzgeschichten, die auch unter Pseudonymen wie Gordon Donalds, Stewart Gordon und Jackson Flynn erschienen. Darüber hinaus schrieb Shirreffs Drehbücher für Kino und Fernsehen.

Seit jeher investierte Shirreffs viel Zeit in die Recherche. Die korrekte historische Darstellung seiner Western war ihm wichtig. Mit über 50 Jahren drückte er noch einmal die Universitätsbank und studierte Geschichte. In seinen späteren Jahren entwickelte Shirreffs auch schriftstellerischen Ehrgeiz – seine Serie um den Westmann Kershaw erreichte geradezu epischen Umfang.

Im Alter von 82 Jahren erlag Gordon D. Shirreffs im Dezember 1996 einem Schlaganfall.

[md]

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