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Der Büffeljäger

Erstellt von Michael Drewniok am 13. März 2012

Loren D. Estleman
Der Büffeljäger

(sfbentry)
Originaltitel: The Hider (New York : Doubleday 1978)
Deutsche Erstausgabe: 1988 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Western Nr. 2772)
Übersetzung: Joachim Honnef
223 S.
ISBN-13: 978-3-453-02649-0

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Das geschieht:

Citadel ist ein gottverlassenes Nest irgendwo im US-Staat Oregon. In diesem Frühling des Jahres 1898 steht Jeff Curry, gerade 18 geworden, an einem Wendepunkt seines jungen Lebens. Er ist ohne Familie und hat vom gerade verstorbenen Vater ein wenig Geld geerbt. Während er noch rätselt, was er nun anfangen soll, lernt er einen mysteriöser Mann kennen: Jack Butterworth ist ein unsteter Abenteurer, der im Bürgerkrieg gekämpft hat und anschließend kreuz und quer durch die USA gezogen ist. Gutes Geld hat er als Büffeljäger verdient, doch diese Zeiten sind längst vorbei. Seinen letzten Bison hat Butterworth vor sechs Jahren geschossen.

Seither ist etwas in ihm zerbrochen. Mit dem Büffel ging der alte Westen dahin, den Butterworth liebte und der den rauen Männern seines Schlages eine Heimat bot. Die Gegenwart ist ‚zivilisiert‘, die Gefährten sind alt und müde geworden oder längst tot. Butterworth bricht zum letzten Abenteuer seines Lebens auf. Ein Büffel hat das jahrelange Gemetzel offenbar überlebt. Der scheue Einzelgänger bewegt sich über die uralten Wanderwege seiner ausgerotteten Artgenossen. Ihm ist Butterworth seit Monaten auf der Spur. Fanatisch folgt er dem Tier, das sein Lebensinhalt geworden ist.

Fasziniert von einem Leben, das so viel farbiger ist als seines, schließt sich Jeff dem alten Mann an. Aus dem ersehnten Abenteuer wird ein Kampf auf Leben und Tod, als der Indianer Logan den Weg der beiden Reisenden kreuzt. Er ist aus einem Reservat ausgebrochen und wird von zwei korrupten Indianerpolizisten verfolgt, die ihn um jeden Preis aus dem Weg räumen wollen. Butterworth muss einen von ihnen erschießen. Aus den Jägern werden Gejagte, denn jetzt ist ihnen das Gesetz auf den Fersen. Mit schlechtem Wetter, reißenden Flüssen, sogar mit einem tollwütigen Hund werden sie konfrontiert, doch nichts kann Jack Butterworth davon abhalten, ‚seinem‘ Büffel nachzujagen 

Der Schmerz gekappter Wurzeln

Der Wandel zwischen zwei Epochen ist ein dankbares Thema für den Historien-Roman. Konfrontation oder Anpassung, Untergang oder Überleben: Dies ist der Stoff, aus dem Geschichten gewoben werden. Der „Wilde Westen“ Nordamerikas, jene relativ kurze Phase, die mit dem Ende der Indianerkriege und dem Abschluss der Kolonisation etwa 1890 ausklang, gilt als Sturm-und-Drang-Phase der USA-Gesellschaft. Sie konnte so lange dauern, wie Gesetz und Ordnung mit dem Sturm der Siedler, Eisenbahnbauer oder Goldgräber auf den Mittelwesten des Riesenkontinents schwer Schritt zu halten vermochten. Nicht selten mussten sich die Menschen ihre eigenen Regeln vor Ort schaffen und für ihre Aufrechterhaltung selbst Sorge tragen.

Das Ende dieses Schwebezustands zwischen ‚Anarchie‘ und ‚Zivilisation‘ wurde von denen, die diese Freiheit zu schätzen wussten, als Verlust empfunden. Zunächst setzte sich allerdings die Haltung der Mehrheit durch, die froh war, die ‚Barbarei‘ überwunden und geordnete Verhältnisse geschaffen zu haben. In den 1960er Jahren sorgten die aktuellen politischen Umbrüche unter einer Regierung, die sich autoritär, restriktiv, großkonzernhörig und sogar kriminell verhielt, für eine zunehmend kritische Sicht auf die eigene jüngere Geschichte.

Auch der Western als Filmgenre veränderte sich in diesem Umfeld: Der „Spätwestern“ legte bloß, wie tief die Wurzeln dessen lagen, was schief gelaufen war in der Entwicklung der USA. Die Kritik kam vor allem aus den Reihen der jungen Generation. Loren D. Estleman, Jahrgang 1952, war gerade 26 Jahre alt, als er „Der Büffeljäger“ veröffentlichte. So ist es kaum verwunderlich, dass er die zeitgenössische Stimmung in seinen Roman einfließen ließ. Estleman schwelgt förmlich in einer bittersüßen Stimmung des Abschieds von einer Zeit, die – der Verfasser unterschlägt es nie – so golden nicht gewesen ist: Historische Realität wird gefiltert durch die Erinnerung.

Die Wahrheit hinter dem Mythos

Die Gegenwart (des Jahres 1898) ist eine Welt der zunehmend gesichtslosen Moderne. Estleman spricht den amerikanisch-spanischen Krieg von 1898 an, der nichts mehr mit den ‚gerechten‘ Mann-gegen-Mann-Kämpfen der Vergangenheit zu tun hat, sondern mit Kanonen und Schnellfeuerwaffen entschieden wird. Bankräuber sind keine Helden, sondern brutal-ungeschickte Strauchdiebe, die chancenlos noch am Ort ihres Verbrechens wie die Hasen abgeknallt werden. Das Gesetz ist korrupt und nutzt seine Befugnisse zur Verfolgung Unschuldiger. Politische Missstände werden ignoriert.

In dieser Düsternis spielt sich die Geschichte vom alten Büffeljäger ab, der von einem Traum nicht ablassen kann. Estleman erzählt sie mit viel Verständnis für den Außenseiter aber niemals larmoyant, sondern spannend, mit leisem Humor und Geschick für überraschende Episoden, wobei er nicht einmal davor zurückschreckt, einen tollwütigen Wahnsinnigen als deus ex machina auftreten zu lassen.

Zeugen einer toten Vergangenheit

Der alte Westen trifft auf die neue Zeit: Das Ergebnis ist keine Konfrontation, sondern eine schleichende Niederlage des Westens, dessen Repräsentanten schlicht alt und schwach werden. Jack Butterworth ist das Relikt einer Zeit, die gar nicht lang zurückliegt. Männer wie er oder Constable Fowler oder Deputy Ledbetter waren es, die den Westen Nordamerikas einerseits ‚wild‘ werden ließen, während sie ihn andererseits zähmten – und sich selbst ihrer Existenzgrundlage beraubten. Butterworth sucht die Grenzenlosigkeit eines Landes, dessen Ressourcen nicht nur ihm einst unerschöpflich schienen. Den konkreten Maßstab für diese Feststellung bildete der Bison, ein Wildrind, das noch Mitte des 19. Jahrhunderts in womöglich dreistelliger Millionenzahl die Prärien des nordamerikanischen Kontinents bevölkerte. In einer wahren Schlachtorgie wurden diese Tiere binnen weniger Jahre mit modernen Waffen fast vollständig ausgerottet.

Männer wie Butterworth waren hauptverantwortlich für diese traurige ‚Leistung‘. Mit ihren kaliberstarken Gewehren konnten sie 50 bis 100 Bisons pro Tag schießen, denen sie die Felle abzogen und deren Fleisch sie verrotten ließen. Keine Säugetierart dieser Welt kann einen solchen Aderlass überstehen. Die Büffeljäger erkannten selbst, was sie anrichteten. Konsequent verdoppelten sie ihre Anstrengungen, um unter denen zu sein, die die letzten Bisons erwischten.

In den 1880er Jahren war der Blutrausch verflogen. Auch Jack Butterworth wachte auf und fand sich verloren in einer Welt, die ihn und seinesgleichen nicht mehr benötigte. Zum Farmer oder Kaufmann eignete er sich nicht, ein Gesetzeshüter mochte er nicht werden. So zog er dem Büffel oder besser dem Geist des Büffels hinterher und wurde alt und wunderlich darüber. Der Büffel ist sein Gral geworden, den er sucht, ohne ihn wirklich töten zu wollen, denn was er dann mit sich und seinem Leben anstellen sollte, übersteigt seine Vorstellungskraft.

Die Übermacht des Traums

Jeff Curry ist ein Repräsentant des ‚neuen‘ Westens. Büffel kennt er nur aus Büchern. Er stammt aus einer zerrütteten Familie; der Vater hat sich tot getrunken, die Mutter die marode Farm schon lange verlassen. Jeff sucht nach einem Lebensziel. Butterworth zu begleiten ist es nicht, was der junge Mann durchaus begreift und letztlich die notwendige Konsequenz ziehen wird, doch zu diesem Zeitpunkt seines Lebens ist es für ihn das Beste, etwas ganz Neues, Verrücktes zu versuchen.

Dass es Opfer zu bringen gilt, wenn man in die weite Welt zieht, ist eine Erfahrung, die Jeff ebenfalls nicht erspart bleibt: „Der Büffeljäger“ ist auch ein „coming-of-age“-Roman, der das Erwachsenwerden eines jungen Menschen als Thema gewählt hat. Jeff spielt gleichzeitig die „Dr. Watson-Rolle“, d. h. er stellt die Fragen, die auch dem Leser auf der Zunge liegen, der sich naturgemäß in der Welt eines Büffeljägers nicht auskennt.

Ganz in der Gegenwart lebt auch Logan der sich auf seine Art als Verlierer fühlen muss. Zwar ist die Zeit der Indianerkriege vorüber, doch die Diskriminierung ist nur subtiler geworden. Eingepfercht in kargen Reservaten dort, wohin es den weißen Mann nicht zieht, weil es weder Bodenschätze noch fruchtbaren Boden gibt, fristen sie als Mündel eines bestenfalls gleichgültigen Staats ein unwürdiges Leben. Logans Vater starb im Gefängnis, er selbst musste fliehen, nachdem er einer Intrige seiner eigenen Leute fast zum Opfer fiel: Kein Wunder, dass Logan zu sarkastischen Äußerungen neigt. Aber er gehört auch zur ersten Generation der nordamerikanischen Ureinwohner, die sich zu integrieren beginnen. Logan wird schließlich „Hollywood-Indianer“ – eine ironische Coda zu einem Roman, der trotz aller Herbststimmung wunderbare Unterhaltung bietet und den Ruf des Western als eindimensionale Revolveroper nachträglich Lügen straft.

Autor

Loren D. Estleman wurde 1952 im US-Staat Michigan geboren, wo er noch heute – seit 1993 verheiratet mit der Schriftstellerin Deborah Morgan – lebt. Er war gerade 15 Jahre alt, als er seine erste Kurzgeschichte verfasste, für die er angeblich in acht Jahren 160 Ablehnungen kassierte. 1974 schloss er die Eastern Michigan University mit einem „Bachelor of Arts“ in Englischer Literatur und Journalismus ab.

Schon früh beschloss sich Estleman als professioneller Schriftsteller zu versuchen. Zu den literarischen Merkwürdigkeiten seiner frühen Jahren gehören Werke wie „Sherlock Holmes vs. Dracula“ (1978) oder „Dr. Jekyll and Mr. Holmes“ (1979). Ab 1980 schrieb er hauptberuflich.

Estleman, der sich merkwürdigerweise nicht als schneller, sondern ausdauernder Schreiber sieht, hat seit seinem Romandebüt 1976 mehr als 60 Romane und unzählige Kurzgeschichten und Artikel verfasst. Dabei beschränkte sich Estleman nicht auf historische Romane aus dem Wilden Westen. Den meisten Lesern dürfte er eher als Kriminalschriftsteller bekannt sein, dessen rabiater Held, der Privatdetektiv Amos Walker, seit 1980 im Einsatz ist.

Estleman-Geschichten wurden in viele Sprachen übersetzt. Aber auch die Kritik liebt ihn; er gilt als der mit den meisten Auszeichnungen bedachte Autor seiner Generation. Zu seinen Preisen gehören gleich drei „Shamuses“ der „Private Eye Writers of America“, vier „Golden Spurs“ der „Western Writers of America“, zwei „American Mystery Awards“ des „Mystery Scene Magazine“ und, und, und … Wer’s ganz genau wissen will, werfe einen Blick auf die Website; der Verfasser ist niemand, der sein Licht unter den Scheffel stellt.

[md]

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Die Triffids

Erstellt von Michael Drewniok am 8. März 2012

John Wyndham
Die Triffids

(sfbentry)
Originaltitel: The Day of the Triffids (London : Michael Joseph 1951)
Deutsche Erstausgabe
(geb.): 1955 (Süddeutscher Verlag)
Übersetzung: Hubert Greifeneder
314 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch
: 1960 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 39)
Übersetzung: Hubert Greifeneder
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe
(geb.): März 2006 (Verlag Heinrich & Hahn)
Übersetzung: Hubert Greifeneder (überarbeitet von Inge Seelig)
261 S.
ISBN-13: 978-3-8659-7036-7
Als Taschenbuch
: März 2012 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 52875)
Übersetzung: Hubert Greifeneder (überarbeitet von Inge Seelig)
304 S.
ISBN-13: 978-3-453-52875-8
Als eBook
: März 2012 (Wilhelm Heyne Verlag)
Übersetzung: Hubert Greifeneder (überarbeitet von Inge Seelig)
ISBN-13: 978-3-641-07682-5

Titel bei Buch24.de (Heyne)
Titel bei Buch24.de (Heinrich & Hahn)
Titel bei Libri.de (Heyne)
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Das geschieht:

William Masen verwünscht den Arbeitsunfall, der ihm vorübergehend das Augenlicht raubt, denn er kommt dadurch um den Genuss eines einmaligen kosmischen Schauspiels: Die Erde gerät in den Schweif eines Kometen, und der Nachthimmel färbt sich zum Entzücken vieler Milliarden Zuschauer grün.

Wenige Stunden später sind diese Menschen blind. Das Ende der Zivilisation ist völlig unspektakulär gekommen. Masen, den sein Augenverband vor dem Unglück rettete, findet sich im Chaos wieder. London ist eine Stadt der Hilflosen geworden. Rettung wird nicht kommen, denn überall spielt sich dieselbe Tragödie ab. Die Menschen sterben –  an Hunger, aus Verzweiflung, an einer mysteriösen Seuche – und durch die Triffids.

Vor einigen Jahren sind sie erschienen: mutierte oder genetisch erzeugte Pflanzen. Aus ihnen lässt sich hochwertiges Öl gewinnen, aber Triffids können laufen, und sie verfügen über einen giftstachelbewehrten Tentakel, den sie zielsicher einzusetzen wissen. Um des Profits wegen hat man sie trotzdem gezüchtet, ohne sie je wirklich zu erforschen. Das rächt sich jetzt, wie Mason weiß, der auf einer Triffid-Farm gearbeitet hat und schon längst den Verdacht hegt, dass diese Pflanzen über Intelligenz verfügen und sich verständigen können.

Nun schlagen sie zurück. Überall lauern sie in den Städten, vor allem aber auf dem Land auf die Überlebenden. Vor allem sind es jedoch die Menschen selbst, die sich die wahre Hölle auf Erden bereiten. Wie Masen sind sie nicht alle blind geworden. Während sich die Leichen türmen, beginnen Verteilungs- und Machtkämpfe. Mit seiner neuen Gefährtin, der jungen Schriftstellerin Josella Playton, gerät Masen immer wieder zwischen die Fronten selbsternannter Welterneuerer, religiöser Fanatiker, verbohrter Statuswahrer oder simpler Räuber und Mörder. Im Hintergrund warten geduldig die Triffids, und ihr Tag kommt schneller, als ihre abgelenkten Gegner es erwarten …

Apokalypse britisch

Der Tenor ist kühl, der Stil betont sachlich: „Die Triffids“ gleicht über weite Strecken einem Tatsachenbericht. Andererseits wirkt das Buch durch die Distanz, die es vorgeblich zur eigenen Geschichte aufbaut, sogar noch intensiver: Wyndham, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Nachrichten-Fachmann war, weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss, um sein Publikum in den Bann zu schlagen. Ganz so einfach ist die Geschichte ohnehin nicht gestrickt, die Alternativen eines Lebens nach einem Atomschlag (s. u.) durchspielt.

Für einen scheinbar simplen Unterhaltungsroman werden grundsätzliche moralische Fragen aufgeworfen und erörtert. Gibt es so etwas wie einen ‚richtigen‘ Weg im Angesicht der definitiven Katastrophe? Ist irgendwann der Moment gekommen, in dem sich jede/r selbst der nächste sein darf – oder muss? Oder sind wir Menschen verpflichtet, in Solidarität unterzugehen? Wyndham drückt sich nicht um solche und viele andere unangenehme Fragen und die noch unangenehmeren Antworten. Er kommt dabei aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern bettet seine Thesen in eine straff konstruierte, spannende Handlung ein bzw. ihr unter: Das ist der Stoff, aus dem Klassiker bestehen!

Dazu kommt das in vielen zeitgenössischen Filmen konservierte Bild vom guten, alten England, das von skurrilen, aber liebenswerten Menschen bevölkert wird, die mit einer guten Tasse Tee und dem berühmten britischen Understatement noch jede Katastrophe überstehen: SF-Fachmann (und Landsmann) Brian W. Aldiss nannte Wyndham nicht umsonst den Meister der „gemütlichen Apokalypse“. Aber eigentlich meint er damit wohl die Abwesenheit von Hysterie und plakativer Doomsday-Gewalt, die viele spätere Weltuntergangs-Szenarien prägen. Wyndham deutet das Grauen an. Es wirkt dadurch wesentlich eindringlicher. Hinzu kommt die im II. Weltkrieg unfreiwillig gründlich gelernte Lektion, dass sich der Mensch auch an das Grauen gewöhnen und mit ihm leben kann.

Böse Pflanzen und bösartige Menschen

Die Triffids sind in dieser Geschichte nicht wirklich notwendig, denn die Agonie wird durch sie nur beschleunigt, aber nicht verursacht. Kein Komet, sondern eine Art Vorläufer des in den 1980er Jahren von den USA tatsächlich geplanten „Star-Wars“-Programms hat die Menschheit vergiftet. Der ins All verlagerte Schutzschild entpuppt sich als optimale Methode der Selbstvernichtung: ein seltener Moment, in dem die Science Fiction wirklich kluge Voraussagen für die Zukunft trifft.

Die Triffids bleiben indirekt ein wichtiges Element der Handlung, denn sie personifizieren die Schuld der Menschheit am eigenen Untergang. Wyndham, der den II. Weltkrieg an vorderster Front erlebt hatte, war vom Kalten Krieg und dem damit verbundenen Wettrüsten der Supermächte USA und UdSSR entsetzt. Mit Weitsicht (die allerdings wohl jeder denkende Zeitgenosse für sich hätte reklamieren können) sah er voraus, was daraus entstehen könnte – ein neuer, dieses Mal alles und jeden vernichtenden Weltkrieg.

Jedermann im Ausnahmezustand

William Masen, der klassische Jedermann, der in der Not unbekannte Überlebens-Qualitäten an sich entdeckt: John Wyndham wählt mit Bedacht einen geradlinigen, praktisch denkenden Mann als Hauptfigur seines Dramas aus. Ein bisschen klüger als der Durchschnitt ist er natürlich trotzdem. Als Ich-Erzähler muss Masen in der Lage sein, stellvertretend für seine Leser über das Gesehene und Erlebte zu reflektieren. Wyndham macht aus ihm außerdem einen Naturwissenschaftler, der bereits seine Erfahrungen mit den Triffids gemacht hat. So ist dieser Masen ein Mann, dem man zuhört. Darüber hinaus hegt man keine Gefühle für ihn.

Ähnlich verhält es sich mit der weiblichen Hauptfigur. Josella Playton ist eine passive Person. Man kann es ihr freilich nicht zum Vorwurf machen, denn das ist die Rolle, in die der Zeitgeist sie drängt. Ihre Selbstständigkeit als erfolgreiche Schriftstellerin stellt sie selbst als unweibliche Verirrung dar. Später schlüpft sie erleichtert in ihre angeblich von Gott oder wenigstens den Zeitumständen gewollte Rolle als Ehefrau und Mutter eines zukünftigen Menschengeschlechts.

Als interessantere Figur erweist sich die männliche Nebenrolle. Coker ist ein Praktiker und Idealist, der nicht annähernd so gefasst und ‚vernünftig‘ wie Masen seine blinden Mitmenschen verrecken lassen will, sondern sich ihrer annimmt und um der guten Sache willen den Konflikt nicht scheut. Er scheitert, muss scheitern angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, aber er geht daran nicht zugrunde, sondern arrangiert sich unverdrossen mit den Tatsachen und findet einen neuen Weg, mit Anstand zu überleben: Wyndham entlässt seine Leser nicht ohne jeden Hoffnungsschimmer aus der Handlung.

Die Triffids kehren zurück

„The Day of the Triffids“ (1962, dt. „Blumen des Schreckens“), der Film, gehört zu den großen Trash-Klassikern der Kinogeschichte. Von und mit Dilettanten vor und hinter der Kamera praktisch ohne Budget heruntergekurbelt, hält er sich nur rudimentär an die Vorlage und liefert selbstverständlich das obligatorische Kino-Happy-End. Auf technisch höherem Niveau aber auch nicht viel besser geriet 2009 ein aufwendiger TV-Zweiteiler der BBC. Womöglich kommen die Killer-Pflanzen besser zur Geltung, sollte Sam Raimi tatsächlich seine Ankündigung verwirklichen und 2013 einen neuen „Triffids“-Film in die Kinos bringen.

Zum 50-jährigen Jubiläum des Romans verfasste der britische Autor Simon Clark 2001 eine Fortsetzung: „The Night of the Triffids“ spielt 25 Jahre nach dem Untergang. Im Mittelpunkt der (recht wirren) Handlung steht David, der inzwischen herangewachsene Sohn von William Masen. Ihn verschlägt es u. a. in die USA, wo wider Erwarten New York bzw. die Insel Manhattan den Triffids standhielt – um sich in eine noch viel üblere, von Menschen maßgeschneiderte Privathölle zu verwandeln, während John Wyndham auf Höchsttouren im Grab routiert …

Mit „Die Triffids“ nahm übrigens 1960 die ehrwürdige SF-Reihe des Wilhelm Heyne-Verlags – noch innerhalb der „Allgemeinen Reihe“ – ihren Anfang: ein guter Griff, denn dieser Klassiker erreichte bis in die 1980er Jahre eine sechsstellige Auflagenhöhe! Nachdem ein anderer Verlag sich des Klassikers angenommen und ihn 2006 ungekürzt sowie sogar gebunden auf den Buchmarkt gebracht hatte, kehrten „Die Triffids“ 2012 (und ergänzt durch ein allerdings knappes Vorwort des SF-Autoren M. John Harrison) zu ‚ihrem‘ Heyne-Verlag zurück.

Autor

John Wyndham alias John Wyndham Parkes Lucas Beynon Harris (1903-1969): ein britischer SF-Veteran, der schon seit 1925 schrieb. Als Grafiker, Werbefachmann, Verwaltungsangestellter usw. war er hauptberuflich tätig. Seine phantastischen Geschichten erhoben sich nie über das Niveau der hauptsächlich dem Trivialen verhafteten Pulp-Magazine dieser Jahre. Erst die Erfahrungen des II. Weltkriegs, an dem Wyndham aktiv als Mitglied einer Nachrichten-Einheit u. a. an der mörderischen Invasion in der Normandie teilnahm, führte zum Wandel. Invasionen und Weltuntergänge sollten Wyndham ab 1945 beschäftigen.

Auf „Post-Doomsday“-Geschichten, in denen er besonders das von Hitler gezauste britische Inselreich immer wieder nun kosmischen Katastrophen aussetzte, besaß er schließlich eine Art Monopol. Schon der erste Nachkriegsroman „The Day of the Triffids“ (1951; dt. „Die Triffids“) zeigte den ‚neuen‘ John Wyndham, der inhaltliche Relevanz mit formaler Qualität zu verbinden wusste. In den nächsten Jahren entstand eine ganze Reihe von Romanen, die den Schriftsteller als erklärten Gegner des Kalten Krieges und Warner vor der atomaren Apokalypse zeigten. Darüber hinaus zeigte sich Wyndham gewandt auch im Umgang mit dem klassischen Inventar der Science Fiction und schrieb Weltraumabenteuer oder Zeitreisegeschichten, die wiederum eine zutiefst humanistische Weltsicht verrieten.

Unterhaltung und Anspruch kamen wohl in keinem Wyndham-Werk so eindrucksvoll zum Tragen wie in „The Midwich Cuckoos“ (1957; dt. „Es geschah am Tag X“), das wiederum die Geschichte einer heimlichen Invasion schildert und durch eine ebenfalls fabelhafte Erstverfilmung (1958) seinen Klassiker-Status festigen konnte.

[md]

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Buffalo Bill

Erstellt von Michael Drewniok am 6. März 2012

Loren D. Estleman
Buffalo Bill

(sfbentry)
Originaltitel: This Old Bill (New York : Doubleday 1984)
Übersetzung: Joachim Honnef
Deutsche Erstausgabe: 1986 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Western Nr. 05/2733)
287 S.
ISBN-13: 978-3-453-20599-4

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Das geschieht:

1846 wird er im Staate Kansas geboren: William Frederick Cody, den man später „Buffalo Bill“ nennen wird. Acht Jahre ist Will alt, als er miterleben muss, wie sein Vater, der sich öffentlich gegen die Sklaverei ausspricht, niedergestochen wird. Auf seinem Totenbett teilt Isaac Cody dem Sohn sein Credo mit: Die Welt ist schlecht; wenn es dir hilft, verlasse dich auf die Lüge und erzähle den Menschen, was sie hören wollen. Diese Lektion wird Will niemals vergessen und stets behelligen. Will wird Viehtreiber, sattelt um zum Meldereiter, wird Soldat, heiratet die junge Louisa Frederici, arbeitet als Armeescout und Büffeltöter für die Eisenbahngesellschaft, versucht sich als Hotelier, geht bankrott, kehrt in den Westen zurück – und trifft seine Nemesis.

„Colonel“ Edward Judson alias Ned Buntline gehört zu den produktivsten Schund-Schriftstellern seiner Ära. Er ist absolut skrupellos, verquickt wenig Wahrheit mit viel Übertreibung und Lüge. Er sieht das Potenzial in Will Cody und baut ihn zum Volkshelden „Buffalo Bill“ auf. Dieser spielt seine Rolle erst amüsiert, dann geschmeichelt, schließlich überzeugt, als er merkt, dass ihm das Showbusiness liegt und ihm die Prominenz und den Reichtum bringt, nach dem es ihm verlangt. Zunächst verkörpert sich Cody selbst in verlogenen Theaterstücken, aber er ist ehrgeizig: Das Publikum im Osten der USA ist fasziniert vom Wilden Westen. Den präsentiert ihm Cody schließlich mit „Buffalo Bill’s Wild West“, einem Zirkus der Superlative, der Künstschützen, echte Bisons, gestellte Indianerkämpfe tausend andere Attraktionen bietet.

Codys Show bereist nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern zieht auch durch Europa, wo die Künstler vor gekrönten Häuptern und dem Papst auftreten. Aber die Zeit holt schließlich auch den „alten Bill“ ein, der nicht begreifen kann und will, dass der alte Westen untergegangen ist. Im 20. Jahrhundert wird Buffalo Bill zu einer Legende, die sich und ihre Zeit längst überlebt hat …

Spannende Biografie als spannender Roman

„Buffalo Bill“ ist in Roman in vielen spannenden Episoden, der fast sieben Jahrzehnte Leben, Aufstieg und Niedergang eines frühen Meisters der Selbstvermarktung erzählt. Die Fakten stehen fest; William F. Cody ist eine bekannte Figur der Zeitgeschichte, sodass sein Leben besonders in den späten Jahren durch Quellen gut belegt ist. Dies sollte man jedenfalls meinen, doch einer der vielen interessanten Handlungsstränge, die Autor Estleman uns liefert, dreht sich um die Macht der Illusion. Welche ‚Heldentaten‘ Cody tatsächlich beging, welche ihm nachgesagt wurden, welche er selbst erfand, ist heute nicht mehr zu klären. Sie verschwimmen in der Legende Buffalo Bill.

Loren D. Estleman bemüht sich nicht, Wahrheit und Mythos bis ins kleinste Detail zu trennen. Ihm geht es um eine wirklich gute Geschichte – die Geschichte eines bemerkenswerten Lebens, aber auch die Geschichte einer Veränderung, in der William Cody nur ein Element darstellt: „Buffalo Bill“ erzählt vom alten Westen, der nach dem Bürgerkrieg kaum ein Vierteljahrhundert und selbst dann hauptsächlich als Mythos existierte und von dem nur eine schwer fassbare Sehnsucht nach einer Zeit blieb, als die Vereinigten Staaten in der Tat noch grenzenlos waren und alles möglich schien.

Diese Sehnsucht konzentrierte sich einige Jahre auf Buffalo Bills Zirkus, der sie einige Jahre stillen konnte. Dann geht die Zeit auch über diesen Traum hinweg: Hollywood löst ihn ab. Eine der vielen durchaus ergreifenden Szenen zeigen den alt und krank gewordenen Bill Cody, der sich selbst im Film mimt; mit ihm zusammen treten Indianer und Westler auf, die sich wenige Jahrzehnte zuvor noch mit Pulver und Blei bekämpft hatten – die Realität in der perfekten Synthese mit der Illusion.

Mensch & Mythos, Wunsch & Lüge

Ein unbekümmerter, mutiger, gut aussehender Mann ist er in seiner Jugend gewesen, dieser William F. Cody, der sich insofern als Projektionsfläche für einen Westernhelden geradezu anbot. So ist es nach seinem Tod im Jahre 1917 noch lange geblieben; in Wort und Bild wurde die Legende von Buffalo Bill bis in die skeptischer gewordenen 1970er Jahre konserviert.

Der Sockelsturz eines falschen Helden ist Loren D. Estlemans Anliegen nicht. Stattdessen arbeitet er markant die eigentümliche Ambivalenz seiner Hauptfigur heraus. William Cody erlebte mehr als genug echte Abenteuer, die ihn zur historischen Gestalt aufwerteten. Das reichte ihm allerdings nicht; oft freiwillig und wie aus einem inneren Zwang heraus, den Estleman auf prägende Jugenderlebnisse zurückführt, bauschte Buffalo Bill seine Taten auf. Später zwang das Showbusiness ihn dazu, der Hunger seines Publikums nach immer neuen Sensationen, die selbst er, der unstet immer wieder in den geliebten Westen zurückkehrt, bis es Büffeljagden, Indianerkämpfe und andere Abenteuer nicht mehr gibt, schließlich nur noch erfinden kann.

Letztlich beginnt Cody, dem eigenen Mythos zu erliegen. Er wünscht sich, Buffalo Bill zu sein – dies umso mehr, als der Westen verschwindet, die eigenen Kräfte schwinden, die Welt, die er liebt, sich um ihn auflöst. So verpasst Cody folgerichtig den richtigen Augenblick, um abzutreten von der Bühne, die seine wahre Heimat geworden ist. Er wird zur tragischen Gestalt ähnlich wie der späte Frank Sinatra, spielt den großen Buffalo Bill nur noch und ist doch längst zu seinem Mitleid erregenden, peinlichen Schatten seiner selbst geworden; ein quälender Niedergang, den Estleman ohne Sentimentalitäten aber trotzdem anrührend beschreibt.

Ratlos über ein rastloses Leben

Ungeklärt bleibt die Frage, wieso Will Cody Louisa geheiratet hat. Auch Estleman ist ratlos; er schildert eine Beziehung, die im Grunde nie eine Chance hat. Louisa ist weder klug noch schön, ängstlich auf Sicherheit bedacht und notorisch eifersüchtig, letzteres mit gutem Grund, was nur sie zu verwundern scheint. Dennoch bleiben die beiden zusammen, bis der Tod sie scheidet, und machen einander herzlich unglücklich. Ob dies dennoch Liebe, Cody primär mit der eigenen Legende beschäftigt oder Louisa auf die Fassade eines gesellschaftskonformen Familienlebens bedacht ist, muss der Leser selbst herausfinden.

Die unzähligen Nebenfiguren dieser Geschichte sind trotz ihrer oft erheblichen Prominenz eigentlich austauschbar. „Wild Bill“ Hickok, General Custer, Sitting Bull, Großfürst Alexis, Queen Victoria, Papst Leo XIII.: Für Cody kommen und gehen sie, ohne dass sie die Leere in seinem privaten Leben füllen können.

Für sich sind die Auftritte solcher zeithistorischer Gestalten dem Verfasser sehr gut gelungen. Estleman stellt die Großen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ironisch und ohne falsche Ehrfurcht dar. Von vielen lieb gewonnenen Wegbegleitern muss sich Cody zusammen mit den Lesern trennen; zahlreiche tragische Schicksale erfüllen sich quasi zwischen den Zeilen. Buffalo Bill überlebt sie alle, und das scheint ihm deshalb zu gelingen, weil er sich und die angeblichen Ideale des Westens erfolgreich verleugnet, während seine in dieser Hinsicht schlichter gestrickten oder allzu skrupelhaften Gefährten von einer neuen Zeit überrollt werden, der sie nichts entgegenzusetzen haben.

Autor

Loren D. Estleman wurde 1952 im US-Staat Michigan geboren, wo er noch heute – seit 1993 verheiratet mit der Schriftstellerin Deborah Morgan – lebt. Er war gerade 15 Jahre alt, als er seine erste Kurzgeschichte verfasste, für die er angeblich in acht Jahren 160 Ablehnungen kassierte. 1974 schloss er die Eastern Michigan University mit einem „Bachelor of Arts“ in Englischer Literatur und Journalismus ab.

Schon früh beschloss sich Estleman als professioneller Schriftsteller zu versuchen. Zu den literarischen Merkwürdigkeiten seiner frühen Jahren gehören Werke wie „Sherlock Holmes vs. Dracula“ (1978) oder „Dr. Jekyll and Mr. Holmes“ (1979). Ab 1980 schrieb er hauptberuflich.

Estleman, der sich merkwürdigerweise nicht als schneller, sondern ausdauernder Schreiber sieht, hat seit seinem Romandebüt 1976 mehr als 60 Romane und unzählige Kurzgeschichten und Artikel verfasst. Dabei beschränkte sich Estleman nicht auf historische Romane aus dem Wilden Westen. Den meisten Lesern dürfte er eher als Kriminalschriftsteller bekannt sein, dessen rabiater Held, der Privatdetektiv Amos Walker, seit 1980 im Einsatz ist.

Estleman-Geschichten wurden in viele Sprachen übersetzt. Aber auch die Kritik liebt ihn; er gilt als der mit den meisten Auszeichnungen bedachte Autor seiner Generation. Zu seinen Preisen gehören gleich drei „Shamuses“ der „Private Eye Writers of America“, vier „Golden Spurs“ der „Western Writers of America“, zwei „American Mystery Awards“ des „Mystery Scene Magazine“ und, und, und … Wer’s ganz genau wissen will, werfe einen Blick auf diese Website; der Verfasser ist niemand, der sein Licht unter den Scheffel stellt.

[md]

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Abraham Lincoln – Vampirjäger

Erstellt von Michael Drewniok am 3. März 2012

Seth Grahame-Smith
Abraham Lincoln – Vampirjäger

(sfbentry)
Originaltitel: Abraham Lincoln – Vampire Hunter (New York : Grand Central Publishing 2010)
Übersetzung: Carolin Müller
Deutsche Erstausgabe: Juni 2011 (Wilhelm Heyne Verlag/TB 52832)
485 S.
ISBN-13: 978-3-453-52832-1
Als Kindle eBook: Juni 2011 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN: 978-3-641-05969-9

Titel bei Buch24.de
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Das geschieht:

Seit es Menschen gibt, existieren auch Vampire. Sie sind weltweit vergleichsweise selten und halten sich zurück, um ihre Beute nicht aufzustören. Da sie sich mit den Jahren sogar an das Licht der Sonne gewöhnen, können sie unter den Menschen leben, wo sie in ihren langen Leben große Vermögen anhäufen und eher mit Existenzüberdruss als mit holzpflockbewehrten van Helsings kämpfen müssen. Allerdings gibt es immer wieder Quertreiber, bei denen Blutdurst mit Mordlust und Machtgier einhergeht. Sie sind sogar ihren Artgenossen ein Graus, da sie die unerwünschte Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen.

Anfang des 19. Jahrhunderts stirbt im Staat Indiana der noch jungen Vereinigten Staaten die Mutter eines Farmer-Jungen namens Abraham Lincoln. Dieser schwört nicht nur dem verantwortlichen Blutsauger, sondern allen Vampiren Rache und Ausrottung. Mit der ihm eigenen Entschlossenheit geht Lincoln seinen Weg. Hilfe wird ihm ausgerechnet vom Erzfeind zuteil: Der Vampir Henry Sturgess wird sein Mentor und lehrt Lincoln, was er über die Blutsauger wissen sollte. Der junge Mann verlässt die heimische Farm, wird Händler und geht später in die Politik. Dort macht er sich einen Namen als kluger und entscheidungsfreudiger Mann mit großen Führungsqualitäten. Im Jahre 1861 wird Lincoln 16. Präsident der Vereinigten Staaten.

Immer wieder ist er in diesen Jahren auf Vampire gestoßen, die längst die US-Politik unterwandert haben. Vor allem in den US-Südstaaten sind sie aktiv und beuten die ihnen hilflos ausgelieferten Sklaven als Arbeits- und Blutvieh aus. Hier will Lincoln ansetzen, um den Vampiren die Existenzgrundlage zu nehmen. Doch diese erklären ihm und den Nordstaaten buchstäblich den Krieg. Dieser dauert vier Jahre und wird mehr Blut kosten als sämtliche Vampir-Attacken der Vergangenheit, aber er muss geführt werden, denn Lincoln weiß, dass die Kreaturen längst planen, die USA vollständig unter ihr Joch zu zwingen …

Blutsauger-Prominenz in alternativen Welten

„Mash-up“ lässt sich am besten mit „Verknüpfung“ übersetzen. Gemeint ist die möglichst nahtlose Kombination fiktiver Ereignisse mit (historischen) Fakten und Personen. Das Ergebnis kann – der hier zu besprechende Roman belegt es – bei gutem Gelingen ungemein reizvoll ausfallen: Zum Vergnügen am spannenden Geschehen addiert sich der Spaß an einer einfallsreich verfremdeten Vergangenheit, wobei nicht selten Originalquellen – hier sind es vor allem Lincolns autobiografische Notizen – zum Einsatz kommen.

Seth Grahame-Smiths Name genießt unter den Autoren, die sich der Mash-up-Technik bedienen, einen guten Klang. Dabei ist er weder der Erfinder noch der Großmeister dieser Verquickung; zumindest letztes Prädikat gebührt wohl Kim Newman, der in seiner „Anno-Dracula“-Serie (ab 1992) die gesamte jüngere Zivilisationsgeschichte im Spiegel einer von Blutsaugern dominierten ‚Realität‘ uminterpretiert und ein wahres „Who’s Who“ entsprechend untoter Prominenz kreiert. Auch Abraham Lincoln tritt nicht zum ersten Mal in einem Mash-up auf. S. P. Somtow ließ ihn 1997 in „Darker Angels“ (dt. „Dunkle Angel“) u. a. unter Zombies geraten.

Newman geht sogar einen Schritt weiter als Grahame-Smith, da er auch Figuren der Kunst- und Literaturgeschichte auftreten lässt. Dies griff Grahame-Smith 2009 in „Pride and Prejudice and Zombies” (dt. „Stolz und Vorurteil und Zombies”) auf, indem er den literarischen Kosmos der Jane Austen durch Elemente des harten Horrors ‚ergänzte‘. Bereits hier trachtete der Verfasser danach, den Tenor der Vorlage möglichst exakt zu treffen.

Kunst & Geschichte als Steinbruch des Grauens

„Stolz und Vorurteil und Zombies” wurde ein Bestseller und ließ wie zu erwarten eine Unzahl schreibender Trittbrettfahrer Morgenluft wittern. Die Literaturgeschichte wurde nach geeigneten oder wenigstens unterhaltsam unerwarteten Kandidaten, die gegen Zombies, Vampire u. a. Schreckensgestalten zu Felde ziehen könnten, förmlich durchgesiebt. Der Monster-Mash-up wurde ähnlich wie die Vampir-Schmonzette zum eigenen phantastischen Subgenre; auch in Deutschland sprangen entsprechende Autoren hurtig mit landsleutiger Prominenz auf diesen Zug auf.

Dabei ist das Spektrum, innerhalb dessen Mash-up-Spannung erzeugt werden kann, denkbar schmal. In der Regel beschränkt es sich auf die Konfrontation der belegten Realität mit dem fiktiven Grauen. Anders ausgedrückt: Wer einen Mash-up-Roman gelesen hat, weiß im Grunde, wie dieser Hase läuft. Stärker als in anderen Subgenres bleibt die Handlung Variation. „Abraham Lincoln – Vampirjäger“ ist dafür in doppelter Hinsicht ein gutes Beispiel. Grahame-Smith exerziert die Grundlagen des Mash-ups durch, und ihm ist dabei ein lesenswerter Roman gelungen, der „Stolz und Vorurteil und Zombies” im Unterhaltungswert deutlich hinter sich lässt.

Im Spiel mit der Realität

Womöglich liegt dies daran, dass Grahame-Smith mit der Geschichte als Knetmasse besser zurechtkommt als mit der großen Literatur. „Abraham Lincoln …“ stützt sich nicht nur auf historische Fakten, sondern auch auf entsprechende Fach- bzw. Sachliteratur. Hinzu kommt die Manipulation zeitgenössischer Quellen wie Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsberichte oder Buchzitate, aber auch Kupferstiche und Fotos, die Grahame-Smith oft gar nicht oder nur marginal verändert. Stattdessen reißt er sie aus ihrem ursprünglichen faktischen Zusammenhang und sortiert sie dort in seine Handlung ein, wo sie diese trügerisch aber überzeugend authentisch ‚bestätigen‘.

Weil ihm dieses Patchwork gelingt, wird weniger deutlich, dass Grahame-Smith gleichzeitig und nicht unbedingt zum Nutzen seiner Story an die Wirklichkeit gebunden ist. Ehrgeizig will er so nahe wie möglich an Lincolns Vita bleiben. Doch das Leben des US-Präsidenten bietet zumindest dem Horror-Fan des 21. Jahrhunderts wenig Rasanz oder plakativen Grusel. Über weite Strecken ist „Abraham Lincoln …“ eine „Coming-of-Age“-Geschichte der zwar besonderen aber gemächlichen Art. Den größeren Spaß dürften historisch interessierte oder mit der historischen Materie vertraute Leser haben, doch warum dürfen diese nicht auch einmal im Vorteil sein …?

Der richtige Mann für den Job

Eine gute Nase hatte Grahame-Smith mit der Wahl seiner Hauptfigur; dies nicht nur deshalb, weil Lincoln mit Bram Stokers Vampirjäger van Helsing den Vornamen teilt, sondern auch, weil „Honest Abe“ wohl tatsächlich ein Held war, der nie ein Held sein wollte. Damit ‚passt‘ Lincolns Vita sehr gut in das Konzept des Verfassers. Sie folgt so vielen in der Unterhaltung eingesetzten Klischees, dass man ihr kaum Glauben schenken könnte, wäre sie nicht belegt. Bis er ins Rampenlicht der Weltgeschichte trat, war Lincolns Leben hart und abenteuerlich. Gleichzeitig war er ein charakterfester Mann, der sich US-Präsident, Vampirjäger und Romanfigur gleichermaßen eignet.

Dabei sind kleine Schwächen verzeihlich, denn sie verstärken den Sympathiefaktor. Also darf Lincoln hin und wieder ein Gläschen zu viel heben oder sich prügeln. Selbst die Liebe kommt nicht zu kurz, denn Lincoln war kein weltfremder ‚Führer‘, sondern ein Mensch. Dies bestätigen sogar oder erst recht einer Verklärung schädliche Tatsachen. So war der historische Lincoln zwar ein moralischer Gegner der Sklaverei, deren schriftlich fixierte Rechtmäßigkeit er jedoch zunächst und zumindest aus politischen Gründen achtete.

Die Geschichtsschreibung gehört dem Sieger, lautet ein altes Historiker-Sprichwort. Zwar wird sie immer lückenhafter wird, je weiter man zeitlich zurückgeht. Das 19. Jahrhundert und das Leben eines Mannes wie Abraham Lincoln sind freilich gut dokumentiert. Grahame-Smith fand reiche Beute, die er für sein Werk ummünzen konnte. Erst in Lincolns späteren Jahren fiel es ihm sichtlich schwerer, Lücken bzw. Freiräume zu finden, in die er das Leben des Präsidenten als Vampirjäger einpassen konnte. Die bisher dichte, auf Lincoln zentrierte Handlung wird sprunghaft, und die Hauptfigur driftet an den Rand.

Vampire unter uns

Während Grahame-Smith ein bis auf das letzte Viertel überzeugender Romanheld Lincoln gelingt, bleibt sein Schattenreich der Vampire blass. Diese Blutsauger wirken wie den „Vampire Chronicles“ einer Anne Rice entsprungen. Zwar stehen sie ein wenig fester auf dem Boden ihrer fiktiven Realität, doch legen vor allem die älteren Exemplare – und hier exemplarisch Lincolns väterlicher Vampir-Freund Henry Sturgess – viel dekadenten Weltschmerz an den Tag, den sie immerhin nicht mehr meiden müssen: Grahame-Smith postuliert Vampire, die quasi eine Art oder Unterart des Menschen darstellen und sich deshalb ihrer Umgebung anpassen können. Folgerichtig lässt sie die Konfrontation mit christlichen Symbolen kalt. Dafür kann man sie, die keineswegs ‚untot‘ sind, ohne Einsatz von Holzpfahl oder Silberkugel erschlagen, erschießen oder auf andere Weise zu Tode bringen, was Grahame-Smith für plakative Splatter-Szenen nutzt.

Viel guten Leserwillen benötigt der Verfasser für seinen Entwurf vampirisch ferngesteuerter Südstaaten. Es fällt schwer zu glauben, dass sich jene US-Bürger, die den Ureinwohnern des Kontinentes beinahe den Garaus machten, in die Nachbarschaft blutsaugender Unholde fügen würden. Die seltsame Teilnahmslosigkeit setzt sich bis in die hohe Politik fort. Nach Grahame-Smith weiß man in Washington durchaus von den Vampiren, lässt sie aber gewähren, obwohl sie als Hintermänner aktueller Unruhen feststehen. Ausgerechnet die ‚guten‘ Sauger müssen selbst dafür sorgen, dass die USA ein (vampir-) freies Land bleiben: Nein, dies ist ein Brocken, den der Leser nicht schluckt.

Ansonsten steht sich Grahame-Smith anfänglich mit einem überflüssigen und sinnarm in die Länge gezogenen Prolog im Weg, der schildert, wie ihm die geheimen Lincoln-Tagebücher zugespielt wurden. Dafür gelingt dem Verfasser der Epilog, obwohl der finale Twist keine echte Überraschung darstellt. Ungeachtet solcher Marginalien bereitet Lincolns Höllenritt durch eine andere Vergangenheit großes Vergnügen. Wenn jetzt bloß keine Fortsetzung kommt!

Anmerkung:

Nach einem Drehbuch von Seth Grahame-Smith und Simon Kinberg („X-Man – Der letzte Widerstand“, 2006; „Sherlock Holmes“, 2009) entstand 2012 unter der Regie von Timur Bekmambetov („Wächter der Nacht“, 2004; „Wächter des Tages“, 2006) der üppig budgetierte Film nach dem Roman. Benjamin Walker spielt die Hauptrolle in „Abraham Lincoln: Vampire Hunter“, der mit dem Blick auf den größten gemeinsamen Zuschauer-Nenner als knallig-krawalliger Action-Horror-Schinken à la „Van Helsing“ oder „The Wolfman“ gestaltet wurde.

Autor

Seth Grahame-Smith heißt eigentlich Seth Jared Greenberg und wurde am 4. Januar 1976 in Rockville Centre im US-Staat New York geboren. Er wuchs in Connecticut auf, wo er die Bethel High School in der gleichnamigen Kleinstadt besuchte. Später studierte Greenberg Filmwissenschaften am Emerson College, einer privaten Hochschule in Boston.

Nach seinem Abschluss ging Greenberg nach Los Angeles. Dort etablierte er sich unter dem Pseudonym „Seth Grahame-Smith“ als Drehbuchautor und Produzent. Unter anderem betreute er kurzlebige TV-Serien wie „Vendettas“ (2002) oder die Doku-Reihe „History’s Mysteries“ und schuf die erfolglose Sitcom „Clark and Michael“ (2006) sowie „The Hard Times of RJ Berger“ (2010/11).

Als Schriftsteller debütierte Grahame-Smith 2005 mit dem Pseudo-Sachbuch „The Big Book of Porn: A Penetrating Look at the World of Dirty Movies” (dt. „Das große Porno-Buch“). Weitere ‚ulkige‘ Als-ob-Dokumentationen für den auf solche Ex-und-hopp-Literatur spezialisierten Verlag Quirk Books folgten. Dessen Herausgeber schlug Grahame-Smith die Niederschrift eines „Mash-up“-Horror-Romans vor: „Pride and Prejudice and Zombies“ zog Jane Austens Literatur-Klassiker „Stolz und Vorurteil“ (1813) durch den Kakao und entwickelte sich unerwartet zu einem internationalen Bestseller. 2010 ließ Grahame-Smith „Abraham Lincoln – Vampir Hunter“ (dt. „Abraham Lincoln – Vampirjäger“) folgen; er schrieb auch am Drehbuch zum Film (2012) mit. Für die Comic-Mini-Serie „Marvel Zombies Return“ textete Grahame-Smith 2009 die Episode „Hulk“.

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Das Verlies der Stürme

Erstellt von Werner Karl am 25. Februar 2012

Boris Koch
Das Verlies der Stürme
Der Drachenflüsterer 3

(sfbentry)
Heyne Verlag, München, 03/2011
HC mit Lesebändchen, Jugendbuch, Fantasy
ISBN 978-3-4532-6724-4
Titelgestaltung von Nele Schütz Design, München unter Verwendung einer Illustration von Dirk Schulz
Illustrationen im Innenteil von Dirk Schulz
Karten von Andreas Hancock

www.heyne-fliegt.de
www.boriskoch.de/
www.indigo-online.de
www.animagic.com
www.splitter-verlag.de/

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Und ab geht es wieder ins Großtirdische Reich zu Ben, dem Drachenflüsterer, und seinen Freunden. Mit diesem Band geht die Trilogie nun zu Ende. Damit sich die Leser auch visuell ein Bild von dem Reich machen können, in dem die Hauptfigur ihre Abenteuer besteht, gibt es als Opener eine Karte von Andreas Hancock. Die Handlung beginnt mit einem Prolog im Kloster Sonnenflut, wo der 15-jährige Akse unter der Leitung des Hohen Abt Khelchos Gehorsam lernen soll.

Im ersten Teil, „Wellen“, des dritten Bandes rund um die Geächteten Ben, Anula, Yanko und Nica und die Drachen Aiphyron, Juri, Marmaran und Feuerschuppe beschließen die Freunde, dem Orden der Drachenritter endlich Paroli zu bieten. Sie verschanzen sich in einer alten Festung – dem titelgebenden „Verlies der Stürme“, einer alten Festung der Seetrolle. Ben und Yanko wollen die Mädchen beeindrucken, indem sie im Meer und an Land nach Schätzen für sie suchen. Die Mädchen sind derweil auch nicht untätig und fischen eine mysteriöse Flaschenpost aus dem Ozean. Die vier Kameraden brechen spontan auf, um den Kurs der Flasche zurückzuverfolgen und zu schauen, ob vielleicht jemand Hilfe benötigt – und landen auf einer Insel. Dort retten sie zwei Schiffsbrüchtige:  Nesto, einen Schiffsjungen, und Finta Dogha, einen Händler.

Im zweiten Teil, „Rhaconia“, den eine besonders tolle Illustration ziert, erzählt Finta den Freunden die Sage über „das Verlies der Stürme“. Ben und Anula gehen in die Festung, um zu überprüfen, ob dort wirklich keiner mehr haust. Nachdem sie das zweifelsfrei festgestellt haben, beschließen die Kameraden, die verlassene Festung als Unterschlupf und Versteck zu nutzen. Doch sie bleiben nicht lange dort, denn Ben fliegt mit Finta und Nesto in die Stadt Rhaconia und dort in Fintas Palast, in dem Ben Fintas Frau und dessen kesse Tochter Mircah kennenlernt, die sofort mit Ben flirtet. Bei seinem Rundgang durch die Stadt entdeckt Ben einen Steckbrief, auf dem ein Kopfgeld auf Anula ausgesetzt ist, und er macht Bekanntschaft mit Frau Xabon und ihrem kleinen Schoßdrachen.

Ben fliegt zurück zum Verlies, und nimmt Yanko und Nica mit in die Stadt. Um Verwirrung zu stiften, fingieren sie einen Steckbrief, auf dem ein hohes Kopfgeld auf den Abt der Klosters mit den zwölf Zinnoberzinnen ausgesetzt wird, dazu noch weitere unsinnige Steckbriefe, aber auch wahrheitsgemäße Bekanntmachungen und nageln sie in der Stadt an alle möglichen Türen, Danach kehren sie auf die Insel zurück. Als Ben aber nach einigen Tagen wieder Richtung Stadt aufbricht, sehr zum Unwillen der eifersüchtigen Anula, fangen die Turbulenzen an. Er kommt wieder in Fintas prächtigem Palast unter, trifft Nesto erneut, der sich anbietet, Ben und seinen Freunden künftig zu helfen. Und es gibt neue Verbündete: Vilette, die Tochter eines Fischers, und Kugg, einen Bauer.

Im dritten Teil, „Der Kampf beginnt“, wird der Showdown eingeläutet. Yanko und Nica brechen nach Trollfurt, ihrer Heimat, auf, wo der Bürgerkrieg gewütet hat, um zu sehen, welche Folgen dieser hatte. Ben, Anuka und Vilette bleiben in der Festung zurück. In Trollfurt erlebt Yanko eine herbe Enttäuschung, als er von seinen Eltern weder herzlich begrüßt noch gut behandelt wird. So wendet er sich endgültig von seiner Familie ab. Er und Nica nehmen auf ihrer Rückkehr in die Festung Nicas Bruder Sidhy mit und ihren gemeinsamen Freund Byasso. Ab da ändert sich alles und steuert einem rasanten Finale entgegen. Immer mehr Menschen aus den umliegenden Dörfern schließen sich ihnen an, doch als Bens Drache Aiphyron wieder seine Flügel abgeschlagen werden und er vermeintlich in das Kloster des Drachenordens gebracht wird, muss Ben handeln und dringt in das Gebäude ein, wird gefangen genommen, sieht sich dem Hohen Abt Khelchos gegenüber – und soll zwei Tager später gehängt werden … Doch Ben erhält unerwartet Hilfe und stellt fest, dass nicht jeder Freund ein Freund ist und nicht jeder Feind ein Feind.

Boris Koch erzählt wie in Band 1 und 2 munter die Geschichte von Ben und seinen Freunden weiter – und lässt geschickt eine Option für weitere Abenteuer frei. Man darf gespannt sein, ob der stets ‚in Eile‘ befindliche, quicklebendige Berliner Autor weitere Storys vom „Drachenflüsterer“ erzählen wird. Potential wäre noch genug vorhanden, denn nicht alle Fragen wurden beantwortet. Somit böte sich durchaus eine Fortsetzung an. Vielleicht eine weitere Trilogie? Man muss sich in Geduld üben. Die Aufmachung des Titels ist wie schon bei den beiden Vorgängern erstklassig. Die drei Teile des Bandes werden wieder von schönen Illustrationen eingeleitet, der Satz ist augenfreundlich, das Papier ohne Fehl und Tadel. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Da gibt es keinen Grund zur Klage.

„Das Verlies der Stürme“ ist der munter erzählte dritte Teil einer Jugendfantasy-Trilogie, die Lust auf mehr macht und auch das Potential dazu hat. Schon wegen der schönen Aufmachung ist die Trilogie ein wunderbares Geschenk für Jugendliche.

Copyright © 2012 by Alisha Bionda (AB)

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Gestrandet

Erstellt von Michael Drewniok am 19. Februar 2012

Colin Harvey
Gestrandet

(sfbentry)
Originaltitel: Winter Song (Nottingham : Angry Robot Books 2009)
Übersetzung: Winfried Czech
Deutsche Erstausgabe: Februar 2012 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 52914)
544 S.
ISBN-13: 978-3-453-52914-4
Als eBook: Februar 2012 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN: 978-3-641-07253-7

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Das geschieht:

Auf einer Handelsfahrt wird das Raumschiff von Karl Allman abgeschossen. Das einzige Besatzungsmitglied muss die Flucht ins All wagen, obwohl in erreichbarer Nähe nur der vergessene Planet Isheimur seine Bahn zieht. Auf seiner kalten Oberfläche kann Allman landen, ist dort jedoch ohne Hilfsmittel gestrandet und muss hoffen, dass sein Notsignal vernommen und Rettung ausgeschickt wurde.

Isheimur, eine unwirtliche Eiswelt, ist keineswegs ausgestorben. Tiere wie ‚Drachen‘ und Snopelze sind groß & hungrig, die ‚eingeborenen‘ „Trolle“ menschenfeindlich, was Allman lebensgefährliche Begegnungen beschert. Ähnlich unfreundlich sind Isheimurs menschlichen Bewohner. Einst sollte der Planet terraformt und kolonisiert werden, was nie zu Ende geführt wurde. Seit 200 Jahren ist das Projekt vergessen, die wenigen Überlebenden sind notgedrungen in ein vorzeitliches Barbarentum zurückgefallen. Da sich die Siedler vor allem aus Nachfahren isländischer Erdmenschen rekrutierten, lebt ihre Gesellschaft nach dem Vorbild jener altnordischen Stämme, die seit dem späten 9. Jahrhundert Island besiedelten.

Das harte Leben hat auch die Bewohner der Bauernsiedlung Skorradalur geprägt. Weder schätzen sie Fremde, noch wollen sie diese durchfüttern. Seit Jahren werden die Winter länger und kälter, die Ernteerträge gehen ständig zurück. Ragnar Helmgrimsson, Herr von Skorradalur, versucht die Krise mit unbarmherziger Strenge zu meistern.

Allman muss versuchen, einen Platz unter seinen grobschlächtigen ‚Rettern‘ zu finden. Dabei behilflich ist ihm Bera, ebenfalls eine Außenseiterin. Als die Kolonisten merken, dass Allman ihnen von Nutzen sein kann, wollen ihn nicht mehr gehen lassen. Allman flieht in die Wildnis von Isheimur – und stößt dabei auf ein Geheimnis, das nicht nur die Zukunft seiner ‚Gastgeber‘ entscheidend verändern wird …

Bekannte Abenteuer unter fremden Sternen

Der Leser ist ein scheues Wild, das deshalb verlagsseitig zwecks positiver Kaufentscheidung gern führend an die Hand (oder an die Kandare) genommen wird: „Gestrandet“ ist also „Space Action“, wie uns ein Cover-Aufdruck informiert. Dieser transportiert eine Worthülse, die jeder Leser selbst mit Bedeutung füllen darf. Eines steht glücklicherweise schnell fest: „Space Action“ ist hier KEINE „Military-Science-Fiction“. Nicht „Sir-Jawoll-Sir“-Klotzköpfe bestreiten die Handlung, die stattdessen eines jener unterhaltsamen Planeten-Abenteuer darstellt, die in der SF schon seit „Pulp“-Tagen immer wieder gern erzählt werden.

Die Technik ist komplizierter geworden und wird inzwischen biologisch verstärkt, und künstliche Intelligenzen sind anscheinend SF-Allgemeingut geworden. Ein bisschen ‚richtiger‘ Sex darf inzwischen auch sein, und einige ökologische Rahmenbedingungen gilt es zusätzlich zu beachten. Ansonsten ist alles beim alten geblieben: Ein fremder Planet wird zur exotischen Kulisse eigentlich trivialer aber unterhaltsamer Ereignisse.

Colin Harvey bemüht den guten, alten Schiffbruch als Startschuss. Auf dass gar nicht erst der Vorwurf entstehe, Isheimur biete nur bunt kopierte Variationen irdischer Polar-Klischees, geht der Verfasser in die Offensive und rückt genau dies in den Mittelpunkt. Isheimur wird zu einer vergrößerten und vergröberten Version von Island, das Harvey, der auf dieser Insel lange beruflich tätig war, so gut kannte, dass ihm eine überzeugende Mischung aus Science und Fiction gelang.

Ein Robinson unter rabiaten Insulanern

Mit der einfallsreichen aber auch routinierten Schilderung dieser fremden Welt kann sich der Leser über anfängliche Längen hangeln. „Gestrandet“ ist ein Action-Roman, der quasi mit Verzögerung zündet. Als Karl Allman als Robinson der fernen Zukunft auf Isheimur gelandet & gestrandet ist, folgt eine ermüdend ausführliche Einführung in den Lebensalltag einer streng hierarchisch strukturierten, wikingerähnlichen, im auseinanderfallenden Hightech-Erbe ihrer Vorfahren stochernden Planetengesellschaft. Es mag Leser geben, die solche Exkurse schätzen. Nicht nur dieser Rezensent stellt freilich ermüdend oft wiedergekäute Klischees fest, die eindeutig der Seifenoper abgeleitet wurden.

Ragnar Helmgrimsson & Co. sind also harte, schlagkräftige und trinkfeste Burschen, die von streitsüchtigen, berechnenden Walküren-Frauen in Schach gehalten werden, die Sex als Waffe einsetzen. Diese aus der Not geborene Wiederkehr angeblich historischer Verhältnisse wird viel zu detailfroh durchgespielt, nachdem Karl Allman als fremder Störenfried mit der Isheimur-Gemeinschaft konfrontiert wird und diese von A bis Z kennenlernen muss.

Als Freitag wird Robinson Allman eine Frau zur Seite gestellt. Bera bleibt leider wie die meisten Figuren ein eindimensionaler Scherenschnitt. Zwar strengt sich Harvey gewaltig an, ihr Tiefe und Tragik zu verleihen. Er landet jedoch stets bei den üblichen Klischees, die noch dadurch verschärft werden, dass die schöne Bera unbedingt ein Trauma mit sich herumschleppen muss, das es über viele Seiten zu enträtseln und verständnisvoll zu diskutieren gilt.

„Keep movin’, movin’, movin’, / Though they’re disapprovin’ …”

Als Karl Allman die Flucht ergreift und sich die Handlung in Isheimurs Wildnis verlagert, nimmt sie endlich Fahrt auf. Die meisten Zwischenmenschlichkeiten bleiben in Skorradalur zurück. Der Leser vermisst sie nicht, zumal restliche Befindlichkeiten bleiben, jetzt aber während einer Verfolgungsjagd stattfinden und mit aufregenden Zwischenfällen gemischt werden. Die Geheimnisse von Isheimur sind nicht gerade originell, aber Harvey weiß Action und Exotik lebendig zu präsentieren. Also lassen wir uns u. a. davon ‚überraschen‘, dass die „Trolle“ keineswegs diejenigen sind, zu denen sie gestempelt wurden.

Als Allman das Ziel seiner Expedition erreicht, folgt selbstverständlich ein Gefecht mit den Verfolgern, die das alte Raumschiff im Eis – die „Winter Song“ des Originaltitels – aus unerfindlichen, der Dramaturgie eher als der Logik geschuldeten Gründen schneller als der Mann aus dem All und seine Begleiterin erreicht haben, bevor die Handlung eine unerwartete dritte Wendung nimmt: „Gestrandet“ kehrt zurück ins All und erzählt von einer Weltenrettung unter mehrfach erschwerten Bedingungen. Hier übernimmt sich Harvey ein wenig, der uns davon überzeugen möchte, dass Allman mit einem schrottreifen Alt-Raumschiff erfolgreich auf Kometenfang geht.

Hintergrundgeschichte als Skizze

Der galaktische Hintergrund bleibt simpel strukturiert: Die Menschheit hat das Weltall einigermaßen einträchtig erobert bzw. besiedelt, bis es vor vier Jahrhunderten zu einem jener Konflikte kam, die vor allem von SF-Autoren als kriegsauslösend definiert werden: Wurden für Kolonisten ungemütliche Planeten bisher durch „Terraforming“ in möglichst erdgleiche Welten umgestaltet, machte es die biologische oder besser: biotechnische Entwicklung möglich, Menschen genetisch so zu verändern, dass sie sich auf exotischen und lebensfeindlichen Planeten tummeln können, ohne diese wie eine virenverseuchte PC-Festplatte neu ‚aufzusetzen‘.

Statt sich zusammenzutun, begannen „Terraformer“ und „Pantropisten“ zu streiten. Ein Bürgerkrieg brach aus, der nach und nach den gesamten Menschen-Kosmos erfasste und zur „Langen Nacht“ führte – eine Phase des Chaos‘, die keineswegs beendet ist. Karl Allman, ein Pantropist, verdankt seinen Zwangsaufenthalt auf Isheimur einem Abfangkommando feindlicher Terraformer.

Der Mann mit dem zweiten Gehirn

Als Fremder in einer fremden Welt ist Allman die Hauptfigur. Entsprechende Mühe gibt sich Harvey mit der Zeichnung. Fast ist es zu viel, was er dem armen Karl nicht nur auf die Schultern lädt, denn auch in seinem Schädel geht es turbulent zu: Dort hat die Künstliche Intelligenz seines Schiffes einen Not-Upload platziert, der nicht ganz sauber überkam und sich unter dem Namen „Loki“ selbstständig macht. Karl verwandelt sich zeitweise von Jekyll in Hyde und erschreckt die arme Bera durch eindeutige Zudringlichkeiten, bis er sich mit Loki einigen kann – einer der Handlungsstränge, die Harvey aufwändig einführt, um sie dann beiläufig verpuffen zu lassen.

Karl ist außerdem nanotechnisch aufgerüstet; er kann wie Gemüse Sonnenlicht absorbieren und körpereigenes Benzin ins Lagerfeuer pissen. Darüber hinaus verfügt er über einen Adonis-Körper, auf den Bera rasch aufmerksam wird, was für den Start einer Lovestory sorgt, die peinlich eindeutig unter Beweis stellt, dass Harvey bei seiner „Space Action“ besser aufgehoben ist.

Dessen ungeachtet bietet „Gestrandet“ Abenteuer satt, was bekanntlich für Lese-Spaß sorgen kann. Den diffusen Hintergrund hätte der Verfasser womöglich in weiteren Romanen aufgehellt. Vieles wird angedeutet, an das er offenbar anknüpfen wollte. Auch das quasi ‚offene‘ Ende deutet auf eine Fortsetzung hin. Colin Harveys früher Tod hat dies leider verhindert.

Autor

Colin Harvey wurde 1960 in Cornwall geboren. Seine jungen Jahre verbrachte er in einem Kibbuz, später arbeitete er in einem Obdachlosenasyl in den Midlands, bevor er in die Dienste des Konzerns Unilever trat. In den nächsten zwanzig Jahren war er u. a. in Island, Australien und Nordamerika tätig.

Als Autor trat Harvey 2001 erstmals mit Kurzgeschichten hervor. Etwa 30 Storys erschienen in diversen Magazinen. Ebenfalls 2001 debütierte Harvey mit dem Roman „Vengeance“, den er 2005 und 2008 überarbeitet neu herausgab. Außerdem rezensierte er sechs Jahre für das (Online-) Magazin „Strange Horizons“ und saß im Preiskomitee der „Speculative Literature Foundation“.

Seit 2007 war Colin Harvey hauptberuflicher Schriftsteller. Im Alter von nur 50 Jahren ist er am 15. August 2011 einem Schlaganfall erlegen.

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Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Februar 2012

Alan Dean Foster
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Originaltitel: Alien (New York : Warner Books 1979)
Übersetzung: Heinz Nagel
Deutsche Erstausgabe: 1979 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne SF 06/3722)
224 Seiten
ISBN-10: 4-443-30625-2
Neuauflage: November 2003 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 87729)
234 S.
ISBN-13: 978-3-453-87729-0
Die drei „Alien“-Romane von Alan Dean Foster in einem Band: 1993 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 01/8764)
701 S.
ISBN-13: 978-3-453-06401-0

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Titel bei Amazon.de („Alien“-Dreifach-Band)

Das geschieht:

Der Raumfrachter „Nostromo“ kehrt mit einer Ladung Erz zurück zur Erde. An Bord sorgen fünf Männer und zwei Frauen im Auftrag der „Gesellschaft“ für den reibungslosen Transport. Die endlosen Monate zwischen Start und Landung ‚überspringen‘ sie im Kälteschlaf.

Ein Notruf vom Planeten LV-426 sorgt für die vorzeitige Unterbrechung der Reise. Unlustig macht sich die rasch geweckte Besatzung unter Kapitän Dallas auf den Weg. LV-426 erweist sich als kahler, unwirtlicher Ort, der ein großes Geheimnis birgt: Als Quelle des Notsignals erweist sich das havarierte Raumschiff einer völlig unbekannten Spezies intelligenter Raumfahrer. Das Rätsel bleibt ungelöst, zumal Parker, der Schiffsingenieur, in einem der Laderäume von einem unbekannten Wesen attackiert wird. Es setzt sich in seinem Gesicht fest und kann auch chirurgisch nicht entfernt werden, da in den Adern des Aliens eine höchst aggressive Säure kreist.

Das Problem scheint sich von selbst zu erledigen, als das Wesen scheinbar stirbt und Parker wieder zu Bewusstsein kommt. Erleichtert trifft man sich in der Messe zu einer letzten Mahlzeit vor dem Weiterflug, als plötzlich das fremde Wesen aus dem Brustkorb des Ingenieurs bricht: Es ist quicklebendig, hatte nur ein Stadium seiner Entwicklung hinter sich gelassen und sich in den Leib seines unglücklichen Opfers zurückgezogen. Nun ist es frei. In den karg beleuchteten Räumen des riesigen Frachters kann es sich problemlos verbergen. Die Jagd auf das Alien bleibt daher erfolglos. Lange bleibt verborgen, dass es sich weiterentwickelt und immer größer, stärker und auch intelligenter wird. Bald dreht das Wesen den Spieß um; weitere Raumfahrer sterben, und ihre Gefährten kämpfen sehr bald um ihr nacktes Überleben.

Es ist Ripley, der weibliche Deckoffizier, die zu diesem Zeitpunkt einem Komplott auf die Spur kommt: Die „Gesellschaft“ kennt sowohl das Geheimnis von LV-426 als auch die Gefahren, die damit einhergehen. Die „Nostromo“ und ihre Mann-schaft sollen unauffällig ein Alien zur Erde mitbringen, das dort von den Wissen-schaftlern der „Gesellschaft“ auf eine mögliche kommerzielle Nutzung untersucht werden kann. Die Männer und Frauen der NOSTROMO werden als entbehrlich angesehen, und obwohl sie sich erbittert gegen ihr Schicksal wehren, scheint dieses bereits besiegelt zu sein …

Ein Roman, nicht nur ein Buch zum Film

Seit etwa 1980 ist der „tie in“-Roman, die Nacherzählung eines Kino- oder TV-Films in Buchform, eine feste Größe im Vermarktungskonzept der Film- und Fernsehindustrie. Das Drehbuch liegt vor; warum es nicht als Grundlage eines Romans noch einmal profitabel recyceln? Im schlimmsten Fall werden die schon vorhandenen Dialoge und Handlungsvorgaben mit einigen Überleitungen verbunden, und schon kann das Produkt – mehr ist es dann nicht – auf den Markt geworfen werden.

Unter diesem Aspekt ist es einleuchtend, dass sich eine ganze Reihe zweit- und drittklassiger Autoren auf das Verfassen von Filmromanen spezialisiert hat. Aber auch Schriftsteller von Rang und Namen verdienen sich gern ein Zubrot. Alan Dean Foster gehört zu den redlichen Vertretern seiner Zunft. Er debütierte 1972 mit einem Science-Fiction-Roman, dem er bis heute mehr als viele weitere folgen ließ. Foster gilt als schneller aber versierter und unterhaltsamer Handwerker.

Als solcher erregte er die Aufmerksamkeit der Film- und Fernsehindustrie, der er schon vorher durch seine Arbeit in der PR-Abteilung eines kleinen kalifornischen Studios verbunden war. Zwischen 1974 und 1978 verwandelte er die Drehbücher der „Star-Trek“-Zeichentrickserie in eine zehnbändige Buchreihe.

Cover der dt. Erstauflage (Sammlung md)

Die Ein-Mann-Filmbuch-Fabrik

Nun ging es Schlag auf Schlag: Neben den „Alien“-Romanen entstanden Bücher zu Filmen wie „Starman“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Outland – Planet der Verdammten“, aber auch zu Western wie „Pale Rider – Der namenlose Reiter“; bis Anfang der 90er Jahre insgesamt etwa 25 Romane.

Der fleißige Foster, der es auf drei und mehr Romane im Jahr brachte, galt deshalb 1979 als versprechender Kandidat, als die „20th Century Fox“ einen Verfasser suchte, der ihren aktuellen Science Fiction-Film „Alien“ literarisch umsetzte. Die Erstaufführung stand bereits vor der Tür; Foster hatte gerade drei Wochen Zeit, um den gewünschten Roman zu schreiben. (Nachzulesen ist diese Geschichte in: Jens H. Altmann, „Am Ende passt alles zusammen“. Ein Interview mit Alan Dean Foster, in: Wolfgang Jeschke [Hg.], Das Science Fiction Jahr 1998, München : Wilhelm Heyne Verlag 1997, S. 565-574.)

Foster stellte sich als höchst glückliche Wahl heraus. An diesem frühen Punkt seiner Karriere ging er einen „tie-in“-Roman mit derselben Ernsthaftigkeit an wie eine ‚richtige‘ Science-Fiction-Geschichte. Mit einem vorzüglichen Drehbuch – im Grunde die altbekannte Geschichte von den zehn kleinen Negerlein – lieferte Dan O‘Bannon seinem Schriftstellerkollegen Foster eine ausgezeichnete Vorlage, die dieser elegant in eine spannende Geschichte umzugießen wusste.

Hier weniger aber dort mehr

Foster beschränkte sich nicht darauf, die Hand¬lung des ersten „Alien“-Films einfach nachzuerzählen, sondern bemühte sich um eine plausible Personenzeichnung. Er stattete die sieben Männer und Frauen der „Nostromo“ mit echten Persönlichkeiten aus und ersetzte das, was Regisseur Ridley Scott vor allem optisch eindrucksvoll auf der Kino-Leinwand zeigen konnte, durch atmosphärisch dichte Beschreibungen, die er geschickt in die Handlung integrierte. „Alien“, der Roman, wurde so ein vom Film unabhängiges Werk; die Lektüre er-gänzt den Film oder bereitet darauf vor, je nachdem, ob man das Buch nach oder vor dem Kinobesuch liest. Nicht umsonst wird der Roman immer wieder neu aufgelegt.

Foster empfahl sich als Autor, der auch die folgenden beiden Kapitel der „Alien“-Saga als Schriftsteller begleitete. Nach „Alien 3“ (1992) gab er allerdings die Zusammenarbeit auf; inzwischen war er mit seinen Solo-Projekten so erfolgreich, dass er auf Auftragsarbeiten nicht mehr angewiesen war. Außerdem hatte er schlechte Erfahrungen mit dem letzten „Alien“-Roman gemacht. Während Foster schon schrieb, gab es ständig gravierende Drehbuch-Änderungen, die der Schriftsteller nicht mehr überzeugend nachvollziehen konnte – vom Ärger über ganze Passagen, die er wieder und wieder neu verfassen musste, ganz zu schweigen.

Anmerkung

Auf dem Deckblatt der deutschen Erstausgabe von 1979 kann man noch lesen: „Idee – Dan O’Bannon und Ronald Shusett“. Science-Fiction-Altmeister Alfred Elton van Vogt (1912-2000) stellte nach einem Besuch des „Alien“-Films fest, dass die Geschichte bemerkenswerte Parallelen zu seiner Erzählung „Der schwarze Zerstörer“ (von 1939, später Bestandteil des Romans „Weltraumexpedition der Space Beagle“; 1950) aufwies. Dem folgte der US-typische Auftritt schneidiger Anwälte, bis van Vogt nach langem Rechtsstreit eine Entschädigungszahlung zugesprochen wurde.

Autor

Alan Dean Foster wurde am 18. November 1946 in New York City geboren, wuchs jedoch in der Filmstadt Los Angeles auf. Dort studierte er Politikwissenschaften und Film und arbeitete für eine kleine Werbeagentur. Der Schriftsteller Foster hatte seine erste Veröffentlichung bereits 1968 mit einer Kurzgeschichte. 1972 erschien ein erster Roman („The Tar-Aiym Krang“), gleichzeitig der Auftakt zu einer inzwischen quantitativ eindrucksvollen Reihe von Romanen, die in Fosters ureigenem literarischem Kosmos, dem „Homanx Commonwealth“, spielen: einem Sternenreich, das gemeinschaftlich von den Erdmenschen und den Thranx, intelligenten Großinsekten, regiert wird.

Mit seiner bemerkenswerten Veröffentlichungsrate gehört Foster zu den Handwerkern der Unterhaltungsliteratur. Er ist in zahlreichen Genres zu Hause und schrieb außer Science Fiction auch Fantasy-, Horror-, Kriminal-, Western oder Historienromane. Hinzu kommen zahlreiche Kurzgeschichten sowie Drehbücher für Film & Fernsehen, Scripts für Hörspiele, Computerspiele und andere Unterhaltungsmedien.

Fosters Arbeitstempo sowie seine Entscheidung für die eher kommerzielle Seite der Schriftstellerei ließen bisher kein Werk entstehen, das den Rang eines literarischen Klassikers beanspruchen könnte. Generell dominieren anspruchslose, allerdings sauber geplottete, mit lebendigen Figuren besetzte und flott geschriebene Geschichten, wobei der Anteil missratener und langweiliger Werke angesichts des Ausstoßes erstaunlich gering ist.

Privat liebt Alan Dean Foster ausgedehnte Reisen in entlegene Winkel der Welt. Er ist Sporttaucher und schreibt auch Artikel darüber. Mit seiner Familie lebt Foster in Prescott im US-Staat Arizona. Über sein Leben und Werk informiert er auf seiner lobenswert aktuell gehaltenen Website.

[md]

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Die Triffids

Erstellt von Werner Karl am 17. Februar 2012

John Wyndham
Die Triffids

(sfbentry)
Originaltitel: The Day of the Triffids (1951)
Deutsche Übersetzung von Hubert Geifeneder, überarbeitet von Inge Seelig
München: Verlagsgruppe Random House, 2012
Heyne Taschenbuch 52875
Umfang 300 Seiten
ISBN 978-3-453-52875-8

Titel erhältlich bei Buch24.de
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John Wyndhams Roman von 1951 ist einer der großen Klassiker des SF-Genres und sicherlich auch heute noch einer der bekanntesten Katastrophenromane überhaupt. Schon 1962 wurde das Buch in England verfilmt (dt. Titel: Blumen des Schreckens), allerdings dermaßen schlecht und trashig, dass man sich als SF-Fan dafür schämen muss. Und während der Film das Hauptaugenmerk auf die riesigen fleischfressenden Pflanzen legt, welche die Menschheit bedrohen (Frauen spielen in diesem Film nur deshalb mit, damit sie wie wahnsinnig kreischen können, wenn ein Triffid angreift), geht es im Buch ganz klar um den Menschen und sein Verhalten in Notfallsituationen.

Kurz zum Inhalt: Mysteriöse Meteorschauer lassen den nächtlichen Himmel über der Erde erglühen und sorgen dafür, dass alle Menschen, die sich dieses Naturschauspiel angeschaut hatten, erblinden. Damit sind etwa 99,99 % der Menscheit über Nacht nicht mehr sehfähig, die soziale Struktur bricht völlig zusammen. Bill Mason ist einer der wenigen, die ihr Augenlicht behalten haben, lag er doch in jener schicksalhaften Nacht mit einer Augenverletzung in einer Klinik. Da man ihn operiert hatte, waren seine Augen verbunden, der Verband sollte erst am nächsten Tag abgenommen werden. Als Mason nun erwacht, lauscht er an einem Mittwochmorgen in der Londoner Innenstadt vergeblich nach dem üblichen Verkehrslärm. Stille hat sich ausgebreitet in der Klinik und außerhalb, keine Schwester kommt, als er ruft.

So entfernt er die Binden, kann glücklicherweise wieder sehen, trifft einen erblindeten Arzt, der sich ob der Aussichtslosigkeit seiner eigenen Situation aus dem Klinikfenster in den Tod stürzt und verlässt die Klinik, um eine Welt vorzufinden, in der das Chaos ausgebrochen ist. Einige Jahre zuvor war im Ostblock (den gab es 1951 noch!) eine neue Pflanzenart entwickelt worden, welche zwar schmackhaftes Speiseöl lieferte, aber auf Grund ihrer Größe, ihres Giftstachels und der Möglichkeit zu Laufen auch eine Bedrohung für die Menschen darstellte. Diese Triffid genannte Pflanze hatte man jedoch gezähmt und wie eine Erntepflanze angepflockt und den Stachel entfernt, so dass man glaubte, die Gefahr gebannt zu haben. Durch einen Unfall hatten ihre Samen weltweite Verbreitung gefunden. Diese Triffids erweisen sich nun als zunehmende Gefahr, zumal sie sich explosionsartig vermehren, auf Schallwellen reagieren und beginnen, die Menschen zu jagen, dabei sogar noch eine gewisse Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit untereinander entwickeln. Damit werden sie nach und nach auch zur tödlichen Gefahr für die letzten sehenden Menschen, die verzweifelt versuchen, die Reste von Zivilisation aufrecht zu erhalten, die ihnen geblieben sind…

Wyndhams Verdienst ist es, sich mehr um die menschlichen Fragen zu kümmern (wer schon immer mal den Rest der Menschheit zum Teufel gewünscht hat, der wird hier eines Besseren belehrt), die Triffids werden erst im letzten Teil der Geschichte zu einem immer stärkeren Faktor. Vorher geht es vor allem um die Fragen, wie das Weiterleben zu organisieren sei, ob man den Blinden helfen kann oder nicht (was natürlich angesichts der Masse völlig utopisch ist) und wie man es schafft, die kulturellen und technischen Segnungen der Menschheit zu erhalten, damit die Generation der Nachfahren nicht wieder zu primitiven Wilden verkommt. Der Autor beschreibt dabei recht karg das entstehende Elend nach dem Zusammenbruch, erspart dem Leser zwar die schlimmsten Härten, die sich dank Andeutungen aber trotzdem in dessen Phantasie (sofern vorhanden) manifestieren dürften.

Der Autor José Saramago hat dieses Thema nochmals in einem Roman aufgegriffen und konsequent durchdacht (hierzu gibt es übrigens auch eine Verfilmung unter dem Titel Die Stadt der Blinden, diesmal sogar eine sehr gute). Zudem erspart der Autor dem Leser jedweden Schwulst, lässt keine falsche Sozialromantik aufkommen und erdreistet sich außerdem nicht, die Erzählung mit einem unsinnigen Happy End zu entwerten (wie dies die unselige Verfilmung von 1962 macht). Deshalb muss man Wyndham bescheinigen, dass er einen der intelligenteren Post-Doomsday-Romane geschrieben hat, denn hier kommt die Bedrohung nicht nur von Außen, der Mensch selbst ist des Menschen größter und gefährlichster Feind, was die letzte Flucht, die Mason und seine Leute gegen Ende der Geschichte antreten müssen, nachdrücklich unter Beweis stellt.

Sehr löblich, dass man bei Heyne diesen Klassiker wieder aufgelegt hat, diesmal sogar erstmals ungekürzt. Leider hapert es etwas am Inhaltstext auf der Buchrückseite, steht hier doch zu lesen: “Infolge eines außer Kontrolle geratenen biologischen Experiments erblindet der größte Teil der Menschheit…”, was natürlich völlig falsch ist (denn die Erblindung erfolgt durch die Meteoritenschauer, wobei Mason schon einmal die Vermutung äußert, ob die mysteriösen Lichtblitze nicht auch eine fehlgeschlagene Attacke durch eine neuartige Satellitenwaffe gewesen sein könnte, überlegt, ob diese Legende nicht für die nächste Generation ein Trost wäre im Sinne eines: Gut dass dieses verrottete System untergegangen ist).

Auch das Zitat von Stephen King (als Autor eine Koryphäe, als Kritiker eher nicht), wonach Wyndham der “beste Autor, den England jemals hatte” sei, ist etwas fragwürdig, denn sicherlich war John Wyndham Parkes Lucas Benyon Harris (so sein vollständiger Name) einer der besten englischen SF-Schriftsteller (vielleicht meint King dies auch), ihn als “Der Beste” zu titulieren scheint aber dann angesichts eines H. G. Wells oder eines Olaf Stapledon etwas zu hoch gegriffen.

Sei dem wie es sei, Wyndhams Roman ist auch heute noch spannend zu lesen, packend erzählt, intelligent und phantasievoll. So wie fast alle anderen Bücher des Autors ist auch Die Triffids lesbar geblieben. Unterhaltung, innovative Ideen und ein Schuss Nachdenklichkeit machen das Buch zu einem ewigen Klassiker, von dem man hofft und glaubt, dass er auch nachfolgende Generationen von Lesern (sofern vorhanden) noch restlos begeistern wird.

Copyright © 2012 by Gunther Barnewald

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Beuterausch

Erstellt von Michael Drewniok am 13. Februar 2012

Jack Ketchum/Lucky McKee
Beuterausch

Originaltitel: The Woman (New York : Leisure Books/Dorchester Publishing 2010)
Übersetzung: Marcel Häußler
Deutsche Erstausgabe: Januar 2012 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore 67615)
286 S.
ISBN-13: 978-3-453-67615-2
Als eBook: Januar 2012 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN: 978-3-641-06380-1

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Das geschieht:

Christopher Cleek ist ein König in seiner Kleinstadtwelt. Als Anwalt zieht er skrupellos die Fäden so, dass er am Ende finanziell stets besser dasteht als seine Klienten. Sein wahres Gesicht in aller Hässlichkeit zeigt Cleek jedoch nur in seinem bedacht abgelegen errichteten Haus. Dort tyrannisiert er seine Familie, die ihm aufs Wort zu gehorchen hat. Gattin Belle hat er längst gebrochen, sodass er nachts problemlos Tochter Peggy vergewaltigen und schwängern kann: Niemand wird reden – auch die fünfjährige Darlene nicht und ganz bestimmt nicht Sohn Brian, der den Sadismus des Vaters längst verinnerlicht hat.

Wenn er sich erholen will, geht Cleek gern auf die Jagd. Der Wald des US-Staates Maine ist riesig und wildreich. Dieses Mal geht dem Anwalt eine ganz besondere Beute ins Netz – eine verwilderte Frau, die letzte eines Stammes von Menschenfressern, der viele Jahre Angst und Schrecken verbreitet hatte, bis er ausgerottet wurde. Die Frau konnte flüchten. Sie ist verletzt und allein, weshalb Cleek sie zu überwältigen vermag.

Er ist fasziniert von dem starken Wesen, das ihn nicht fürchtet. Für Cleek liegt der Reiz darin, diesen Willen zu brechen. Deshalb richtet er im Keller seines Hauses ein Gefängnis ein und beginnt, sein Opfer zu ‚zähmen‘. Dabei bezieht er die Familie ein, die ihm wie üblich zu Willen ist. Die Frau ist trotz ihrer Fesseln jedoch keineswegs hilflos. Sie wartet geduldig auf ihre Chance, die kommt, als Cleek die Kontrolle über die Situation zu entgleiten beginnt. Der pubertierende Brian bedrängt die Gefangene immer offensiver, was Belles lange unterdrückten Widerstandswillen weckt. Als eine Lehrerin auftaucht, die Peggys Zustand erkannt hat, verliert Cleeks jegliche Hemmungen. Er lässt seine Hunde los. Um Vater und Sohn Einhalt zu gebieten sowie die kleine Schwester zu beschützen, wendet sich Peggy an ihre einzige Verbündete: Sie lässt die Frau frei, die umgehend zur mörderischen Tat schreitet und in deren Verhaltenskodex Begriffe wie Vergebung oder Dankbarkeit unbekannt sind …

Menschenfresser mit Vorgeschichte/n

1980 ließ Jack Ketchum erstmals die US-amerikanische Version der „Sawny-Bean“-Sippe wüten, die wie ihre schottischen Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert als Clan in der Wildnis hauste und sich von unvorsichtigen Reisenden (und später Touristen) ernährte. „Off Season“ (dt. „Beutezeit“) hieß das tugendwächterseits schockiert und zornig zur Kenntnis genommene sowie heftig entschärfte Werk, das selbstverständlich umgehend berühmt & berüchtigt wurde, aber erst zwei Jahrzehnte später in seiner unzensierten Form erscheinen durfte. 1991 legte Ketchum mit „Offspring“ (dt. „Beutegier“) ähnlich drastisch nach.

Im 21. Jahrhundert haben sich die Gemüter einerseits beruhigt, während die Messlatte in Sachen Scheußlichkeit seit 1980 andererseits angehoben wurde. Jack Ketchum gilt inzwischen als anerkannter Meister eines Horrors, der sich nicht in Schnetzel-Splatter erschöpft, sondern Licht in die unerfreulich dunklen Bereiche der menschlichen Seele wirft: So sind ‚seine‘ Kannibalen zwar grausam, dies aber nicht aus selbstzweckhaftem Vergnügen, sondern als Folge eines harten, unmittelbaren Lebenskampfes. Demgegenüber zeigen die ‚zivilisierten‘ Menschen moralische Schwächen, was sie, die es besser wissen müssten, vorsätzlich brutal und grausam handeln lässt. Diese gemeinsame, auch in der modernen Gegenwart keineswegs überwundene Gewaltbereitschaft thematisierte Ketchum in vielen anderen Romanen, darunter im deprimierend eindrucksvollen „The Girl Next Door“ (dt. „Evil“), der auf einer wahren Geschichte basiert.

Nachdem diese Seite des einst verteufelten Jack Ketchum anerkannt war, wurde der kultige Geheimtipp allmählich vom Mainstream entdeckt und damit auch geschäftlich interessant. 2006 wurde Hollywood aufmerksam, was binnen kurzer Zeit eine ganze Serie auf Ketchum-Werken basierender Filme nach sich zog. Schon 2009 inszenierte Andrew van der Houten „Beutegier“ und blieb dabei so konsequent, dass zumindest der Nerv der deutschen Zensur empfindlich getroffen wurde, was die üblichen Scherenschläge zur Folge hatte.

Die Kannibalen von Maine – Version 2.0

Zur Schar der Ketchum-Bewunderer gehört der Regisseur und Drehbuchautor Edward „Lucky“ McKee. 2005 produzierte er „The Lost“ und lernte dabei den Schriftsteller kennen. Es entwickelte sich nicht nur eine Arbeitsbeziehung, sondern eine Freundschaft. 2009 setzte McKee „Red“ (dt. „Blutrot“) selbst in Szene. Das nächste gemeinsame Projekt wurde eine ‚inoffizielle‘ Fortsetzung der „Off-Season“-Saga. Ketchum und McKee schrieben sie gemeinsam als Drehbuch und als Roman zum Film, der 2011 als „The Woman“ ins Kino kam.

Chronologisch schließt die Handlung lose an die bekannte Vorgeschichte an. Der Kannibalen-Clan, dessen Attacken die ersten beiden Romane beschrieben, ist bis auf eine einzige Überlebende ausgelöscht. „The Woman“ dreht deshalb die bisher typische Konstellation um und lässt nicht einen Menschen unter Menschenfresser, sondern eine Kannibalin unter Barbaren geraten. Überhaupt ist „The Woman“ ein Spiegel der Vorgeschichte: Handlung und Figurenzeichnung erschöpfen sich unter bloßer Verkehrung ihrer Ausprägung in der Nacherzählung banaler Horror-Elemente.

Wohl nicht grundlos hatte Ketchum selbst bisher auf eine Fortsetzung verzichtet, nachdem er aus dem Thema herausgeholt hatte, was interessant und aufregend war. Die erschütternd konventionelle Schauermär „The Woman“ wurde wohl nicht von ihm, sondern von McKee geprägt: Mit einer dem Roman angehängten Kurzgeschichte („Das Vieh“) belegt Ketchum, dass er der Story durchaus noch neue und provozierende Aspekte abgewinnen kann.

Erschreckend aber nicht schockierend

Im Vergleich dazu ist die Rezeptur, nach der „The Woman“ zubereitet wurde, allzu offensichtlich. Grundsätzlich werden „Beutezeit“ und „Beutegier“ mit „Evil“ gemischt. Im Keller baumelt zwar dieses Mal kein Aschenputtel, sondern eine wehrhafte Kannibalen-Frau, doch bis sie vom Haken los ist, wird sie kräftig gedemütigt, gefoltert und geschändet. Dies wird mit dem endgültigen Niedergang einer beschädigten Familie verquickt, deren Geschichte sich aufdringlich in den Vordergrund schiebt, bis die Frau aus dem Wald zur Statistin degeneriert. Sie ist ohnehin nur der Katalysator für die Selbstzerfleischung der Cleeks. Das echte Duell zwischen der Frau und Cleek fällt aus, die direkte Konfrontation kommt viel zu kurz.

Dabei geizen die Autoren nicht mit den üblichen „Ab-18“-Grusel- & Nackedeien, mit denen im Kino gern Fließband-Horror aufgepeppt wird. Dass sich höchstens Ekel aber niemals Entsetzen einstellen will, liegt sicherlich auch in der Tatsache begründet, dass selbst die gefesselte Kannibalen-Frau niemals ein hilfloses Opfer ist. Diese Rolle spielt Peggy, die zur Hauptrolle wenig taugt. Zwar behaupten Ketchum & McKee eine unsichtbare Kette zwischen Tochter und Vater, aber diese zerreißt ganz nebenbei und war offenbar nie wirklich wichtig.

Statt sich auf die Cleek-Familie und ihre Gefangene zu konzentrieren, fügt das Autorenduo einen Handlungsstrang um eine empathische Lehrerin ein. Sie hat mit ihren eigenen Sorgen und Nöten in dieser Geschichte nichts verloren. Selbst als zusätzliches Opfer ist sie überflüssig; ein Cleek hätte diese Rolle problemlos übernehmen können. Das Finale ist verworren genug; da bekriegen sich nicht nur Kannibalin und Cleeks, es stoßen auch noch böse Hunde und ein Reserve-Monster hinzu. Wen wundert‘s, dass der angeblich so starke, schlaue, mächtige Cleek in einem Halbsatz sang- und klanglos aus der Handlung ausscheidet? Er war seiner ‚Gefangenen‘ nie ein echter Gegner.

Das eigentliche Ende ist ebenfalls weder schockierend noch überraschend, sondern läuft vor allem auf eine Fortsetzung hinaus: Die Kannibalen-Sippe wird neu gegründet. Dafür wird die Wahrscheinlichkeit, die mit der Spannung längst auf dem Boden liegt, noch einmal kräftig mit Füßen getreten. Der Leser kann sich glücklich schätzen, dass Ketchum noch einmal aktiv wird, um dem enttäuschenden Gemeinschafts-Roman mit der schon erwähnten Story eine kräftige Coda anzuschließen. Sie versöhnt wenigstens ansatzweise mit dem glatten Als-ob-Terror der Hauptgeschichte.

Autor

Das Pseudonym „Jack Ketchum“ wählte Dallas William Mayr (geb. 1946) nach eigener Auskunft nach dem Vorbild des Wildwest-Outlaws Thomas „Black Jack“ Ketchum, der es Ende des 19. Jahrhunderts sogar zum Anführer einer eigenen Bande – der „Black Jack Ketchum Gang“ brachte, letztlich jedoch gefangen und aufgehängt wurde. Im Vorwort zur deutschen Erstausgabe von „The Girl Next Door“ (dt. „Evil“) weist Stephen King außerdem darauf hin, dass „Jack Ketch“ in England der Spitzname für den Henker war, der Mayr ebenfalls charakterisiert: „Immer klappt die Falltür auf, immer zieht sich die Schlinge zusammen, und auch die Unschuldigen müssen baumeln.“

Der junge Mayr versuchte sich als Schauspieler, Sänger, Lehrer, Literaturagent, Handlungsvertreter usw. – die typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Laufbahn à la USA, nur dass Mayr nie wirklich seinen Durchbruch schaffte, da er sich als reichlich sperriger Schriftsteller erwies, der lieber im Taschenbuch-Ghetto verharrte als der Bestsellerszene Mainstream-Zugeständnisse zu machen. Noch heute ist der Autor stolz auf eine Kritik der „Village Voice“, die sein Romandebüt „Off Season“ 1980 als „Gewaltpornografie“ verdammte.

Die Literaturkritik musste Mayr alias Ketchum inzwischen zur Kenntnis nehmen. 1994 gewann seine Story „The Box“ einen „Bram Stoker Award“, was Ketchum 2000 mit „Gone“  wiederholen konnte. Zudem wurde Ketchum mehrfach nominiert. Längst ist auch Hollywood aufmerksam geworden.

Website

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Black Box

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Februar 2012

Joe Hil
Black Box

Originaltitel: 20th Century Ghosts (Harrogate : PS Publishing 2005/New York : William Morrow 2007)
Deutsche Erstausgabe: Januar 2008 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne TB Nr. 50155)
Übersetzung: Hannes Riffel („Pop Art“ von Wolfgang Müller)
510 S.
ISBN-13: 978-3-453-81164-5

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Inhalt

In 15 Kurzgeschichten plus einer Novelle präsentiert Joe Hill, der neue Stern am Horror-Himmel, ein breites Themenspektrum:

Vorwort (von Christopher Golden): S. 7-11
Danksagung: S. 12-20

- Best New Horror (Best New Horror), S. 21-55: Man sollte meinen, niemand könne einen psychopathischen Irren besser erkennen als ein Herausgeber harter Horrorstorys, doch auch sie sind vor Betriebsblindheit keineswegs gefeit.

- 20th Century Ghosts (20th Century Ghosts), S. 45-84: Das schöne Mädchen liebte Filme über alles; es mag selbst im Tod nicht von diesem Hobby lassen, hätte aber schrecklich gern einen Partner, der seine Einsamkeit teilt.

- Pop Art (Pop Art), S. 85-118: Freundschaft ist ein oft vergängliches Gut; diese Lektion lernt sich schnell, wenn dein bester Kumpel eine lebendige Gummipuppe ist.

- Der Gesang der Heuschrecken (You Will Hear The Locust Sing), S. 119-147: Ein von der Gesellschaft geächteter junger Mann verwandelt sich in ein riesiges Insekt und kann es seinen Peinigern endlich heimzahlen.

- Abrahams Söhne (Abraham’s Boys), S. 148-177: Dies ist die wahre Geschichte des Abraham van Helsing, der sich für einen großen Vampirjäger hält und doch nur ein Psychopath ist, der seine Familie terrorisiert.

- Besser als zu Hause (Better Than Home), S. 178-205: Auf dieser Welt haben Außenseiter wenig zu lachen, und so sollte man einen Ort haben, an den man vor den ‚Normalen‘ flüchten kann.

- Das schwarze Telefon (The Black Phone), S. 206-240: Serienkiller Albert entführt ein Kind zuviel – nämlich eines, das mit dem „zweiten Gesicht“ begabt ist und sich von den früheren Opfern des Kidnappers zwecks Gegenattacke beraten lassen kann.

- Endspurt (In The Rundown), S. 241-262: Kein Geld, den Job verloren und auch privat in der Sackgasse gelandet: Prolet Wyatt muss lernen, dass es immer noch schlimmer kommen kann.

- Das Cape (The Cape), S. 263-293: Verlierer Eric entdeckt ein Talent bei sich, das ihn zu etwas Besonderem macht – die ideale Gelegenheit, es allen zu zeigen, die ihn als Trottel behandelt haben.

- Ein letzter Atemzug (Last Breath), S. 294-307: Der alte Arzt sammelt die letzten Atemzüge von Menschen, und er hält seinen Aufzeichnungsapparat stets bereit.

- Totholz (Dead-Wood), S. 308-309: Auch Bäume sind Lebewesen, und deshalb kommen auch sie manchmal als Geister zurück.

- Witwenfrühstück (The Widow‘s Breakfast), S. 310-324: Im Jahre 1935 bringt der Tod einem Landstreicher endlich auch einmal ein wenig Glück.

- Bobby Conroy kehrt von den Toten zurück (Bobby Conroy Comes Back from the Dead), S, 325-357: Bei den Dreharbeiten zu einem Zombie-Film entdeckt Bobby die verschollene Liebe seines Lebens und ergreift die Initiative.

- Die Maske meines Vaters (My Father’s Mask), 358-392: Im Blockhaus findet ein teuflischer Handel statt, aber worum es genau geht, wird Jack nie genau erfahren.

- Die Geretteten (The Saved), S. 393-420: Der Versuch eines geschiedenen Vaters, seine Tochter zu besuchen, endet als Familiendrama.

- Black Box (Voluntary Committal), S. 421-498: Morris baut Pappkisten-Burgen, in die man hineinschlüpfen aus denen man aber manchmal keinen Ausgang finden kann.

- Anmerkungen (Story Notes), S. 499-510

Der Alltag ist lebensgefährlich

Das Leben ist ein gefährliches Abenteuer, und gleich um die Ecke kann stets das Verhängnis auf dich lauern. Eine bittere Erkenntnis ist dies, aber realistisch, wenn man Joe Hill Glauben schenken möchte, was abzulehnen schwer fällt, da er sie so variantenreich und überzeugend in Worte zu fassen versteht. Die hier gesammelten 15 Storys und eine Novelle stellen einen Überblick zum noch schmalen Gesamtwerk des Verfassers dar, der längst nicht ‚nur‘ moderne Horrorgeschichten schreibt. Die „Black-Box“-Geschichten lassen sich in drei Kategorien gliedern:

„Besser als zu Hause“, „Endspurt“, „Witwenfrühstück“, „Bobby Conroy kehrt von den Toten zurück“ und „Die Geretteten“ kommen ohne Elemente der Phantastik aus. Sie stellen Momentaufnahmen aus den Leben von Menschen dar, die in einer Krise stecken. Hills Figuren sind Außenseiter, die entweder gänzlich ins gesellschaftliche Aus geraten oder die wir dabei beobachten dürfen, wie sich am Ende des Tunnels ein Licht auftut. Hill verarbeitet hier u. a. Teile eines Romans, der in der Depressionszeit der 1930er Jahre spielen sollte, jedoch unvollendet blieb.

Diese Storys werden dem Liebhaber ‚echter‘ Literatur womöglich besser gefallen als dem Horrorfreund. Die Ereignisse sind emotionaler und nicht jenseitiger Natur, ohne dass sie dadurch weniger dramatisch wirken. Wie sein Vater Stephen King hat Hill ein Gespür dafür, wie der Durchschnittsmensch denkt, fühlt und handelt. Vor allem sind es keine simpel gestrickten Naturen, die er uns vorstellt, sondern komplexe Charaktere, die durch innere Spannungen und persönliche Probleme quasi vorgezeichnet sind. Ohnehin in einer Ausnahmesituation lebend, geraten sie erst recht vom Regen in die Traufe. Für das allzu Menschliche muss man sich allerdings interessieren, sonst werden diese Geschichten wohl langweilen, zumal Hill sie hin und wieder mit Hilfe nur zu bekannter Klischees über die Distanz bringt.

Der Alltag ist seltsam

„Pop Art“, „Der Gesang der Heuschrecken“ und „Die Maske meines Vaters“ sind eher groteske als gruselige Geschichten. Vor allem „Pop Art“ ist im doppelten Sinn fabelhaft: Dass Art im wahrsten Sinn des Wortes eine Gummipuppe ist, wird von Hill als absolut normal dargestellt. Niemand fühlt sich in seiner kleinen aber gar nicht heilen Kleinstadtwelt durch diese Tatsache irritiert. Art, die Puppe, ist der perfekte Außenseiter. Hill projiziert bekannte Formen menschlicher Diskriminierungen auf ihn. Letztlich erteilt er eine Lektion in Toleranz, aber wenigstens ohne erhobenen Zeigefinger auf Gutmenschen-Art.

„Der Gesang der Heuschrecken“ ist eine eigenwillige, man ist geneigt zu sagen ‚amerikanische‘ Interpretation von Franz Kafkas Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ (1915). Wieso sollte die Tatsache, dass man sich in ein menschengroßes Insekt verwandelt, zwangsläufig als entsetzlich empfunden werden? Der Held dieser Geschichte lernt die Vorteile zu schätzen. Er weiß um die Chancenlosigkeit seines Lebens und setzt – ebenfalls sehr amerikanisch – zu einem Amoklauf an, um es erstens seinen Peinigern und zweitens der ganzen Welt heimzuzahlen. Große Macht mag nach Spider-Man große Verantwortung mit sich bringen, aber wer sagt, dass dem automatisch entsprochen wird?

„Die Maske meines Vaters“ ist eine Story ohne nachvollziehbaren Plot. Hill ist stolz darauf, dass ihm genau das gelungen ist, wie er in seinen „Story Notes“ erläutert. Wie so oft teilt sich die Begeisterung eines Verfassers den Lesern nur bedingt oder gar nicht mit. „Was soll das?“ ist eine Frage, die angeblich nur der literarische Prolet stellt, der zu dumm ist, das Gelesene zu ‚hinterfragen‘ und zu ‚entschlüsseln‘. Was aber ist, wenn da zwischen den Zeilen gar nichts steht, sondern nur eine möglichst bizarre und unterhaltsame Geschichte erzählt werden soll? Deshalb ist in diesem Fall eine Anklage wegen forcierter Mythentümel- und Effekthascherei möglich …

Der Alltag ist – unrealistisch

Die verbleibenden Storys der „Black-Box“-Kollektion fallen eindeutiger in die Gattung Horror. Sie erfinden das Genre niemals neu, bringen jedoch einigen frischen Wind durch interessante Ideen sowie eine täuschend kunstlose Umsetzung hinein. Erneut wirken jene Geschichten besonders stark, in denen das Monster nicht aus einem Grab steigt, sondern im Menschenhirn beheimatet ist. „Abrahams Söhne“ bietet nicht nur eine folgerichtige Deutung der Figur des besessenen Vampirhetzers Abraham Van Helsing, sondern noch mehr eine schauerliche Studie des Wahnsinns, der vom Vater auf die Söhne übergeht. Auch in „Best New Horror“ oder „Das schwarze Telefon“ sind die ‚Geister‘ menschlich: Psychopathen und Kindermörder, die wahren Schrecken der Gegenwart!

Weil inzwischen bekannt ist, dass Joe Hill der Sohn von Stephen King ist, kann die Frage nicht ausbleiben, ob sich zwischen Vater und Sohn Verbindungen finden lassen. Die Antwort ist ja – allerdings im positiven Sinn. Hill kann sich wie schon gesagt hervorragend in den durchschnittlichen Zeitgenossen versetzen: in Menschen ohne besondere Eigenschaften, die in der Masse, die sie selbst bilden, normalerweise untergehen, und die im Roman wie im Film über sich hinauswachsen müssen, um interessant zu wirken. Die Fähigkeit zu vermitteln, dass das Schicksal von Joe & Jane Doe auch ohne derartige Nachhilfe faszinieren kann, ist eine seltene Gabe. Für Schriftsteller, die darüber verfügen, ist auf dieser Welt Platz genug, selbst wenn sie verwandt sind.

Sentimentalität ist ein rutschiger Boden

Wenn es in „Black Box“ eine Geschichte gibt, die auch Stephen King hätte schreiben können, so ist es sicherlich die Titelnovelle. Die seltsame Magie, die sich mit Grausamkeit mischt und „Kindheit“ genannt wird, ist sogar noch schwieriger zu beschwören als ein durchschnittliches Erwachsenenleben. Hier konnte Stephen King seit jeher punkten; ‚seine‘ Kinder waren und sind keine Disney-Nervensägen aus der Klischee-Stanze. Hill hat auch diese Fähigkeit geerbt. Deshalb kann er sich ohne Probleme ins Revier seines Vaters wagen, mit dem er doppelt mithalten kann, denn „Black Box“ ist auch vom Plot eine faszinierende Geschichte, die spannend umgesetzt wurde.

Leider hegen Hill und King einen Hang zum Sentimentalen. Das Tragisch-Schreckliche der jeweiligen Handlung wird oft auf den Effekt hin getrimmt. Solche „Wehe!“-Attitüde wird vor allem dem Zyniker aufstoßen. Zumindest in Hills vom Horror befreiten Storys lässt sie sich auch vom gewogenen Leser nicht durchweg ignorieren. „Black Box“ ist eben doch nicht „die Zukunft der phantastischen Literatur“, wie es auf dem Backcover zu lesen ist, sondern ihre prosaische Gegenwart. Damit kann sich Joe Hill in einer Szene, die zunehmend von trivialem Reißbrett-Horror und Grusel-Erotik für pubertierende Mädchen bestimmt wird, allerdings leicht und prächtig behaupten.

Autor

Joe Hill (eigentlich: Joseph Hillstrom King) wurde 1972 als zweiter Sohn der Schriftsteller Stephen und Tabitha King in Bangor (US-Staat Maine) geboren. Ende der 1990 Jahre begann er selbst zu schreiben. Sein ‚Pseudonym‘ wurde spätestens dann publicitywirksam enthüllt, als er 2007 mit „Heart-Shaped Box“ (dt. „Blind“) einen ersten Roman, veröffentlichte, der solche flankierende Werbung durchaus gebrauchen konnte.

Dass Hill über eine eigene Stimme verfügen und ideenreich plotten kann, wenn er möchte, belegte er schon zwei Jahre früher mit der Storysammlung „20th Century Ghosts“ (dt. „Black Box“), für die er diverse Preise gewann (die allerdings im Literaturbetrieb nicht nur in der Phantastik recht inflationär ins Leben gerufen werden).

Über sein Werk berichtet Joe Hill, der mit seiner Familie in New Hampshire lebt, auf seiner Website. Dort findet man u. a. ein neckisches Online-Game namens „The Museum of Silence“, das auf der „Black-Box“-Story „Ein letzter Atemzug“ basiert und zur Zuordnung terminaler Schnaufer prominenter Persönlichkeiten auffordert.

[md]

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