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neuauflage

Der Triumph des Todes

Erstellt von Michael Drewniok am 9. Dezember 2011

H. Russell Wakefield
Der Triumph des Todes
und andere Gespenstergeschichten

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Jörg Krichbaum
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): 1975 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
253 S.
ISBN-10: 3-458-05824-9
Als Taschenbuch: 1986 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 1291 = Phantastische Bibliothek 181)
286 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37791-8

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Inhalt:

13 Erzählungen erinnern an das Werk eines heute vergessenen Autors, dem wir einige großartige Gruselgeschichten verdanken;

- Der Tod einer Hummel (Death of a Bumble-Bee, 1967), S. 7-44: Eine untreue Ehefrau träumt von einer scharfen Bombe unter ihrem Haus, was ihr der schafsdumme Gatte und sein bester Freund zu aller Nachteil nicht glauben mögen.

- Das siebzehnte Loch in Duncaster (The Seventeenth Hole at Duncaster, 1928), S. 45-62: Gar keine gute Idee ist es, einen Golfplatz ausgerechnet dort einzurichten, wo recht urzeitliche und ungesellige Kreaturen sich zu Hause fühlen.

- Er kommt und gehet vorüber (He Cometh and He Passeth by, 1928), S. 63-99: Mr. Clinton, ein verderbter Unhold, hat sich dank schwarzmagischer Künste seine Feinde stets vom Leib halten können, bis einige Gentlemen sich zusammentun, ihm das schmutzige Handwerk zu legen.

- Und er wird singen … (And He Shall Sing …, 1928), S. 100-118: Mancher Zeitgenosse begeht sogar einen Mord, um endlich berühmt zu sein, aber was geschieht, wenn das Opfer sich auch tot nicht beiseite drängen lässt?

- Das Grab von Jasper Sarasen (The Sepulchre of Jasper Sarasen, 1953), S. 119-137: Ein seltsamer innerer Zwang drängt Sir Reginald zum Besuch einer besonders düsteren Ecke des städtischen Friedhofs, wo seine Lebenskraft einem im Leben wie im Tode höchst unerfreulichen Zeitgenossen zu neuen Schandtaten erweckt.

- Der Triumph des Todes (The Triumph of Death, 1949), S. 138-159: Miss Prunella ist der letzte Abkömmling einer wahren Teufelsbrut, bis sich eines Tages erweist, dass kein Geist es in Sachen Schrecken mit dem Menschen aufnehmen kann.

- Die Rote Villa (The Red Lodge, 1928), S. 160-177: In der kleinen Villa am Fluss geht es um, was der Hausherr gern verschweigt und so seinen Mietern aufregende Nächte beschert.

- Der Steinhaufen (The Cairn, 1929), S. 178-192: Man steigt nicht auf den Gespensterhügel, wird der wagemutige Wandersmann gewarnt, der selbstverständlich nichts auf das Geschwätz tumber Dörfler gibt.

- Schau doch nach oben! (Look up There!, 1929), S. 193-206: Bei Neureichs mischt sich im käuflich erworbenen Spukschloss um Mitternacht ein ganz besonderer Gast unter das feiernde Volk und beschert der Party ein abruptes Ende.

- Blindekuh (Blind Man’s Buff, 1929), S. 207-212: „Von uns geht niemand nach Manor House, wenn es dunkel ist“, erklärt später ein Anwohner, was dem armen Mr. Cort leider unbekannt war.

- Unsterblicher Vogel (Immortal Bird, 1961), S. 213-248: Ein kleiner Schubs zur rechten Zeit ebnet dem ehrgeizigen Wissenschaftler den Weg zur ersehnten Planstelle, doch der so rüde ausgeschaltete Vorgänger kehrt beschwingt aus dem Jenseits zurück, um sich zu rächen.

- Die Schleife in der Raum-Zeit (A Kink in Space-Time, 1948), S. 249-259: Ein nervenkranker Tourist wirft ahnungslos einen Blick in die Zukunft, wobei ihm entgeht, dass sich der Zuschauer allmählich in den Hauptdarsteller verwandelt.

- Mr. Ashs Studio (Mr. Ash’s Studio, 1932), S. 260-279: Er war kein Gentleman, der verblichene Mr. Ash, aber er verstand eine Menge von schwarzer Magie, sodass der Tod seinen Übeltaten nur bedingt ein Ende setzen kann.

- Nachwort: Der Geisterzwang (von Rein A. Zondergeld), S. 280-286

Entschuldigung, aber es wird spannend …

So etwas gibt es vermutlich nur in Deutschland: Da veröffentlicht ein Verlag eine Sammlung klassischer Gespenstergeschichten – und entschuldigt sich in einem langen Epilog wortreich für deren mäßige Qualität! Freilich wird diese Kuriosum erklärlich, wenn man weiß, wer hier so streng in eigener Sache urteilt: Das Haus Suhrkamp hat sich seit jeher als Hort der reinen, allein dem Diktat des Intellektes, nicht aber dem dem schnöden Mammon unterworfenen Literatur betrachtet. Insofern ist die Existenz einer dem Übernatürlichen gewidmeten Buchreihe überraschend. Doch die Suhrkamps billigten diesem Genre einst durchaus eine Berechtigung zu, auch wenn wahre Phantastik in ihren Augen nur als seelenspieglerisch verschlüsselte, lateinamerikanisch-osteuropäisch-flämische Gleichnis-Prosa daherkommen konnte.

Wenn doch ein dem klassischen, eher kaltblütigen angelsächsischen Sprachraum entsprungener Grusel-Autor eines Blickes gewürdigt wurde, dann sicher nur, weil dieser den entfesselten Hokuspokus ebenfalls als Ausfluss eines durch gesellschaftliche Konventionen geknechteten und von unterdrückten Trieben zerrütteten Menschenhirns deutete und dadurch auf eine höhere, den Brot-und-Fernsehen-Niederungen übergeordnete Ebene des literarischen Seins erhob. Dem Grübeln und Barmen abholde, d. h. in fieser Fröhlichkeit spukende Gespenster brauchten sich daher bei Suhrkamps eigentlich gar nicht erst zu bewerben.

Gespenster von altem Schrot & Korn

H. R. Wakefield und seine recht proletarische Geisterbrut schlüpften freilich irgendwie durch die Maschen. Der Grund ist ein recht einfacher: Jawohl, Wakefield ist zwar kein guter Schriftsteller, aber wir nehmen ihn gnädig auf in unsere Runde, weil er a) doch immerhin selbst an übernatürliche Phänomene geglaubt hat, und b) offenbar ein psychisch zerrissener, zerquälter Zeitgenosse war, dem seine Spukgeschichten auch Ventil für die damit einher gehenden Schwierigkeiten waren. Also spricht der große Phantastik-Kenner Rein A. Zondergeld in seinem weiter oben bereits erwähnten Nachwort, das – blenden wir die herablassend-gönnerhaften Passagen aus – trotzdem viel Informatives und Kluges (in dieser Reihenfolge) zu Autor und Werk zu vermelden hat.

Wobei in den hier vorliegenden Geschichten interessanterweise stets ein Alter Ego des Verfassers den Kopf hinzuhalten scheint. Der typische Wakefield-‚Held‘ ist ein Mann in mittleren Jahren, meist unverheiratet und ohne Anhang, leidlich gut situiert, aber eigentlich unwichtig, unbemerkt in der Welt und erfüllt von einer unausgesprochenen aber nagenden Unzufriedenheit: „Seine Schwäche, das wußte er, war seine Neigung, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Je mehr er von der Welt und ihren Bewohnern sah und las, weniger gelang es ihm, diese mit dem nötigen Respekt zu betrachten.“ (Mr. Ashs Studio, S. 265) Diese Gefühle stauen sich an, und eines Tages brechen sie sich Bahn; sie nehmen sehr hässlich Gestalt an und fallen über ihren Verursacher her.

Daher sollte man eine Geschichte wie „Das Grab von Jasper Sarasen“ sehr genau lesen: Wenn sich der Leser ärgert über den eigentümlich unpassenden Finalauftritt des zombiehaften Familienmörders in einer ansonsten atmosphärisch dichten, spannend unheimlichen Geschichte, so geschieht dies nicht, weil der böse Jasper ein neues Opfer sucht. Stattdessen wurde er durch die unterdrückten Begierden seines Besuchers aus dem Todesschlaf geweckt. Ähnlich ist es in „Tod einer Hummel“, in der ungelöste sexuelle Spannungen eine verderbenbringende Bombe (die Form spricht für sich) förmlich materialisieren lassen. Ebenso intensiv ist die Beschwörung des gar nicht so übernatürlichen Bösen ist „Der Triumph des Todes“, die Titelgeschichte dieser Sammlung, die es wirklich in sich hat. (Aber halt: Nicht ereifern; wir wurden ja belehrt, dass Wakefield nur ein minderer Buhmann ist …)

Geister sind vielseitig

Mit „Das siebzehnte Loch in Duncaster“ wildert Wakefield im Revier des sonst gern gescholtenen M. R. James, und er tut das gar nicht schlecht. Ein wenig zu dicht am Original hat er dagegen „Er kommet und gehet vorüber“ angelegt, das nur höflich als ‚Variation‘ des genialen „Casting the Runes“ bezeichnet werden kann. Gut gelungen ist die Figur des Hexenmeisters Clinton, die Wakefield nach Aleister Crowley, dem berühmt-berüchtigten „Magicker“, gestaltet hat. Auch damit wandelt er auf James‘ Spuren, der freilich seinem nachtragenden Zauberer Carswell elegantere Züge verliehen hat.

Wesentlich eindrucksvoller ist Wakefield „Der Steinhaufen“ geraten – und sei es nur, weil eine zünftige Gespenstergeschichte ohne psychologischen Unterton eben doch stets ihr Publikum findet, wenn sie nur richtig erzählt wird. Lügen straft Wakefield den strengen Zondergeld auch in „Die rote Villa“, angeblich basierend auf einer wahren Begebenheit, die dem Verfasser selbst zugestoßen ist; sollte dem wirklich so sein, ist dies keine Erfahrung, um die man ihn beneiden möchte, auch wenn dadurch eine großartige Spuk-Story inspiriert wurde!

„Blindekuh“ ist einfach genial – kurz, schnell und böse, höchst wirksam. „Die Schleife in der Raum-Zeit“ fußt auf dem kaum originellen, aber logisch umgesetzten Motiv des geisterhaften Doppelgängers. „Unsterblicher Vogel“ ist ebenfalls eindrucksvoll; die Geschichte einer übernatürlichen Rache, die sachte einsetzt, sich zügig steigert und konsequent aufgelöst wird, auch wenn der strenge Kritikus vermutlich bemängelt, dass Wakefield sich wieder einmal mit einem alten Trick über die Zeit rettet: Bevor das Gespenst persönlich auftritt und damit womöglich seine Wirkung einbüßt, tritt der allwissende Erzähler in den Hintergrund und kommt erst wieder zum Vorschein, wenn der Spuk buchstäblich vorbei ist und sein Opfer reglos auf dem Rücken liegt. In „Schau doch nach oben“ hat Wakefield in dieser Hinsicht tatsächlich überzogen, obwohl die Geschichte noch immer ihre Momente hat.

So bleibt abschließend festzustellen, dass „Der Triumph des Todes“ in Abwesenheit literaturüberkritischer Kerkermeister durchweg vergnügliche Lesestunden bietet. Die Zeit hat Wakefields Werk eindeutig freundlicher mitgespielt als seinen Kritikern. Angenehm altmodischer, nostalgischer Grusel kann heute trotz fehlender soziologischer Relevanz endlich ohne schlechtes Gewissen genossen werden – wenn es denn gelingt, noch ein Exemplar der hier hoffentlich dem Vergessen entrissenen Sammlung zu entdecken!

Autor

Herbert Russell Wakefield wurde am 9. Mai 1888 in Kent als Sohn eines Bischofs von Birmingham in das Leben eines typischen britischen Gentleman geboren. Er studierte Geschichte in Oxford, war dort als begeisterter Sportsmann bekannt und arbeitete nach seinem Abschluss als Privatsekretär für den Viscount Northcliffe. Dieses behagliche Dasein wurde rüde durch I. Weltkrieg unterbrochen, in den Wakefield als Ehrenmann ohne Zaudern einrückte. Er überlebte, aber spurlos gingen diese Jahre nicht an ihm vorüber: „Wenn sie meinen, dass ich nicht einsehe, warum man alles Schöne einem sogenannten Gott zuschreiben sollte, dann haben sie recht. Denn wem wollen sie dann die Verantwortung für die weniger erfreulichen Schauspiele wie Stierkämpfe oder Schlachtfelder zuschreiben?“, fasste er seine Erfahrungen in der Geschichte „Schau doch nach oben!“ zusammen.

Äußerlich recht ereignislose Jahre schlossen sich nach 1918 an. Wakefield wurde erst Sekretär seines Vaters und später Redakteur für einen Buchverlag. In den 1930er Jahren verlegte er sich gänzlich auf die Schriftstellerei. Wakefield war ein überaus fleißiger Autor, der zahlreiche Kurzgeschichten sowie einige Kriminalromane verfasste. Die Kritik (die ansonsten nicht nur in Deutschland recht lieblos mit ihm umsprang) klassifiziert ihn als letzten Vertreter der klassischen englischen (d. h. viktorianischen) Gespenstergeschichte à la M. R. James oder Algernon Blackwood. Daher wird tüchtig gestraft und gesühnt für allerlei Verfehlungen, derer sich entweder das Gespenst (noch zu Lebzeiten, falls kein gebürtiger Naturgeist oder Höllendämon) oder sein Opfer schuldig gemacht haben.

Dass den ruhig und gesetzt wirkenden Wakefield durchaus Dämonen umtrieben, lässt sich nicht nur seinem schriftstellerischen Werk entnehmen: Kurz vor seinem Tod im August 1964 vernichtete er, krebskrank und verbittert, weil ihn seine Leser vergessen hatten, systematisch sämtliche Briefe, Manuskripte und Fotos, die ihn abbildeten.

[md]

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Eine Studie in Scharlachrot

Erstellt von Michael Drewniok am 23. November 2011

Arthur Conan Doyle
Eine Studie in Scharlachrot

(sfbentry)
Originaltitel: A Study in Scarlet (im Magazin: Beeton’s Christmas Annual 1887; als Buch: London : Ward, Lock & Co. 1888)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Späte Rache“): 1894 (Lutz Verlag/Lutz‘ Kriminal- und Detektiv-Romane 10)
Übersetzung: Margarete Jacobi
261 S.
[keine ISBN]
Referenz-Ausgabe: 1984 (Haffmans Verlag, Sherlock Holmes Werkausgabe in neun Einzelbänden: Romane Bd. 1)
Übersetzung: Gisbert Haefs
160 S.
ISBN 3-251-20100-X
Als Taschenbuch: November 2007 (Insel Verlag/TB Nr. 3313)
189 S.
ISBN-13: 978-3-458-35013-2

Anmerkung: „Eine Studie in Scharlachrot“ erschien in zahlreichen Verlagen. Die beste Übersetzung stammt aus dem Jahre 1984; sie allein wird deshalb als „Referenz-Ausgabe“ und in ihren Neuausgaben hier genannt.

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Das geschieht:

Krank kehrt der junge Armeearzt Dr. John H. Watson aus Afghanistan nach London zurück. Da ihn die Geldnot drückt, stellt ihn ein Freund dem exzentrischen Sherlock Holmes vor, der als „beratender Detektiv“ von Polizei und verzweifelten Privatpersonen immer dann zu Rate gezogen wird, wenn ein Verbrechen unaufgeklärt zu bleiben droht. Die beiden Männer freunden sich rasch an, und so beziehen sie im Januar des Jahres 1881 gemeinsam eine Wohnung, deren Adresse bald die ganze Welt kennt oder (sofern von krimineller Gesinnung) fürchtet: Baker Street 221b.

Watson, den seine Gesundheit dem Berufsleben fernhält, beginnt den Freund zu begleiten, wenn dieser seiner Arbeit nachgeht. Holmes, ein Einzelgänger, aber nicht frei von persönlicher Eitelkeit, schätzt Watson als Publikum, wenn er sein unvergleichliches Geschick entfaltet, einen Tatort zu ‚lesen‘ und die Indizien zu einer Rekonstruktion des verbrecherischen Geschehens zusammenzufügen. Außerdem erkennt er, dass Watson, der bodenständige Mann der Tat, ihn ideal ergänzt und zügelt, wenn er sich wieder einmal in allzu fantastischen Theorien zu verlieren droht.

So ist Watson an seiner Seite, als Scotland Yard Holmes im März 1881 bittet, den rätselhaften Mord an Enoch J. Drebber zu klären. Man fand ihn vergiftet im Zimmer eines verlassenen Hauses, an dessen Wand mit Blut das deutsche Wort RACHE geschrieben stand. Holmes sichtet die dürftigen Indizien und erkennt, dass einem goldenen Ring besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Nicht Gollum, sondern Drebbers Mörder hat ihn verloren, und er will ihn zurück, was Holmes ausnutzt, um ihm auf die Schliche zu kommen. Das gelingt dem versierten Ermittler, und schon früh in seiner an Triumphen bald reichen Karriere muss er erfahren, dass sich hinter Indizien auch menschliche Schicksale verbergen. Der Tod von Enoch Drebber ist nur der Schlussakt einer Rache, die vor vielen Jahren im noch wilden Mittelwesten der USA ihren Anfang nahm …

Jugendjahre eines Meisterdetektivs

(Eine Vorbemerkung: Da es den hier vorgegebenen Rahmen definitiv sprengen würde, geht der Rezensent nicht explizit auf den Mythos Sherlock Holmes ein, sondern setzt ihn und das Wissen um seinen Status in der Geschichte des Kriminalromans und seinen Quantensprung zum multimedial omnipräsenten Kult voraus. Holmes & Watson sind aus vielen guten Gründen unsterbliche Klassiker – das kann als Fakt durchaus genügen.)

Aller Anfang ist schwer … So seien also die Erwartungen nicht gar zu hoch geschraubt, wenn dieses erste Holmes & Watson-Abenteuer von Arthur Conan Doyle zur Lektüre gelangt. „Studie in Scharlachrot“ ist trotz seines geringen Umfangs ein recht sperriges Stück Literatur, dessen Bestandteile sich nie zu einem schlüssigen Ganzen fügen wollen. Der noch unerfahrene Verfasser ist sichtlich überfordert mit dem Versuch, eine durchgängige Handlung in Romanlänge zu komponieren.

Dabei ist der Einstieg in diese Geschichte gelungen; gemächlich aber sofort fesselnd geht es los, denn hier lernen wir schließlich unsere beiden Helden in jungen Jahren kennen. Endlich erfahren wir, wie Holmes und Watson sich trafen, Freundschaft schlossen und ihre Zusammenarbeit begann. Diese Kapitel sind fabelhaft gelungen; man merkt, dass sich Doyle hier auf sicherem Terrain befindet. Seine Ausführungen über die Wissenschaft der kriminalistischen Deduktion – Sherlock Holmes in den Mund gelegt – können heute noch überzeugen. Doyle war in diesem Punkt ganz auf der Höhe des zeitgenössischen Wissensstandes, manchmal sogar ein gutes Stück weiter, und so langweilt er keinen Augenblick, wenn er über Untersuchungsmethoden referiert, die Ende des 19. Jahrhunderts brandneu und revolutionär waren.

Wäre es nur in London geblieben …

Gut lässt sich dann der eigentliche Kriminalfall an. Anders als seine zahllosen Epigonen lebte und arbeitete Arthur Conan Doyle im viktorianischen London. Seine (teils überraschend lyrischen, teils zeittypisch pathetischen) Beschreibungen der Stadt und ihrer Bürger profitieren von seiner Zeitzeugenschaft. Sherlock Holmes jagt den Übeltäter höchst überzeugend, bis er ihn schließlich dingfest macht. Da befinden wir uns freilich erst auf der Hälfte dieses Romans. Nun schließt sich ein zweiter Teil an, der durchaus unterhaltsam die grimmige Vorgeschichte des Drebber-Mordes erzählt, aber trotzdem nichts mit dem bisherigen Geschehen zu tun hat. „Das Land der Heiligen“ stellt einen völligen Bruch in der Handlung dar, die sich davon nicht wieder erholen kann.

Der Schlüssel zum Erfolg

Das sorgfältig vorbereitete Erscheinen von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne kann wie gesagt als Erfolg beurteilt werden. Doyle gelingt es sofort, das einzigartige Fluidum zu schaffen, das diese beiden Figuren unwiderstehlich und unsterblich werden ließ. Dabei ist Holmes eigentlich ein eher unsympathischer Charakter: gefühlskalt, arrogant und mit erheblichen sozialen Defiziten. Aber so ist er eben nur auf den ersten Blick. Durch die Augen des Dr. Watson betrachtet, gewinnt Holmes als Mensch, der mehr als eine Denkmaschine ist, wenn man ihn nur zu nehmen weiß.

Unter dieser Voraussetzung gewinnt die Figur des Watson ganz neue Dimensionen. Bereits in „Studie in Scharlachrot“ wird offenbar, dass der gute Doktor weit mehr ist als nur des Meisters bewunderndes Auditorium und später Chronist. „Ohne Sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist …“ In immer neuen Variationen werden wir diesen Ausspruch noch lesen. Watson sorgt dafür, dass sein genialer, aber sprunghafter Freund die Bodenhaftung behält. Seine scheinbar dumm wirkenden Fragen und Lösungsvorschläge verraten den weniger biederen als geradlinig denkenden, mit gesundem Menschenverstand gesegneten Mann, während Holmes gern um einige Ecken zu viel denkt, sich in seinen kunstvollen Theorien verrennt, dank Watson plötzlich den Fall aus einer ganz andere Perspektive betrachtet und erst jetzt der Groschen fällt. Doyle hatte sehr klar erkannt, dass Holmes einen Watson als Vermittler benötigen würde, um von den Lesern angenommen zu werden.

Das Schicksal als ordnender Faktor

Ansonsten treffen wir ausschließlich auf viktorianische Archetypen. Adlige sind immer vornehm oder doch wenigstens eindrucksvoll verrucht, Frauen ätherisch und in kritischen Situationen zur Ohnmacht neigend, die unteren Stände wissen, wo ihr gottgegebener Platz auf Erden ist, und überführte Schurken ersparen sich und der Gesellschaft die peinliche Gerichtsverhandlung, indem sie Selbstmord begehen, sich auf der Flucht erschießen oder durch eine unheilbare Krankheit dahinraffen lassen. Doyle gehörte stets zu den Stützen des Empires und des Systems, das es hervorbrachte. Es zu hinterfragen wäre allerdings kaum Sherlock Holmes‘ Aufgabe gewesen.

Den seltsamen Titel hat Holmes diesem Fall übrigens höchstpersönlich gegeben: „Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“

Autor

Arthur Conan Doyle wurde 1859 im schottischen Edinburgh geboren. Hier studierte er Medizin, heiratete 1884 Louise Hawkins und ließ sich im folgenden Jahr als praktizierender Arzt in Hampshire nieder. Parallel dazu begann er als Schriftsteller zu arbeiten. Mit „A Study in Scarlet“, veröffentlicht zunächst in „Beeton‘s Christmas Annual“, einem der zahllosen Magazine der viktorianischen Epoche, begann noch recht bescheiden eine echte Weltkarriere. Erst die zweite Holmes-Geschichte „The Sign of the Four“ (1890, dt. „Das Zeichen der Vier“) und die ab 1891 im „Strand Magazine“ in Serie veröffentlichtem Sherlock-Holmes-Kurzgeschichten brachten den Durchbruch und ihrem Verfasser Prominenz und Reichtum.

Damit wollte es Doyle eigentlich bewenden lassen. Inzwischen verfasste er voluminöse historische Romane, die ihm bedeutender erschienen als seine Detektivgeschichten. (Kein Mensch kennt sie heute mehr.) Deshalb stürzte er Holmes im Kampf gegen seinen dämonischen Widersacher Professor Moriarty an den Reichenbach-Fällen im Dezember 1893 in der Schweiz in den Tod. Doch die untröstliche Leserschaft forderte seine Wiederauferstehung, die dem widerstrebenden Doyle durch ein echtes Bestseller-Honorar versüßt wurde. Holmes’ Rückkehr war spektakulär: 1902 erlebte er in „The Hound of the Baskervilles“ (dt. „Der Hund der Baskervilles“) sein sicherlich berühmtestes Roman-Abenteuer, 1903 schlossen sich neue Kurzgeschichten im „Strand Magazine“ an.

Während des Burenkrieges (1899-1902) diente Doyle als Arzt in einem Feldlazarett. Seine Erfahrung schrieb er in „The War in South Africa“ nieder und zeigte sich dabei als konservativer Verteidiger der britischen Großmachtpolitik. Die Belohnung folgte 1902, als Doyle zum Ritter geschlagen wurde. Der Versuch, den Ruhm in politisches Kapital umzumünzen – 1900 und 1906 kandidierte Sir Arthur für das britische Parlament – scheiterte. Mit bemerkenswertem Erfolg konzentrierte sich Doyle nunmehr auf seine schriftstellerische Karriere. Nach dem Tod seines Sohnes Kingsley wandte er sich außerdem dem Spiritismus zu. Mit Sherlock Holmes söhnte er sich aus bzw. besann sich dessen außerordentlicher Publikumswirksamkeit; der Meisterdetektiv sicherte ihm ein geregeltes Auskommen. Bis 1927 verfasste Doyle neue Holmes-Geschichten.

Obwohl seine Gesundheit in den späten 1920er Jahren verfiel, blieb Sir Arthur Conan Doyle schriftstellerisch bis zuletzt aktiv. Tief betrauert starb er am 7. Juli 1930 in seinem Haus in Windlesham, Sussex. Dorthin hatte sich auch Sherlock Holmes als Pensionär zurückgezogen, um Bienenzüchter zu werden, und so schloss sich schließlich der Kreis.

[md]

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Besuch von drüben

Erstellt von Michael Drewniok am 19. November 2011

Algernon Blackwood
Besuch von Drüben

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): 1970 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
259 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: (Suhrkamp Verlag/TB 411 = Phantastische Bibliothek 10)
247 Seiten
ISBN-10: 3-518-06911-X
Neuausgabe: April 1997 (Suhrkamp Verlag/TB 2701 = Phantastische Bibliothek 331)
247 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-39201-0

„Besuch von Drüben“ ist enthalten in der 7-bändigen Kassette „Die andere Zukunft“: Oktober 1999 (Suhrkamp Verlag/Phantastische Bibliothek 368)
ISBN-13: 978-3-518-06579-2

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Inhalt:

Eine Sammlung acht klassischer Gruselgeschichten, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat:

- Der Horcher (The Listener, 1907), S. 7-43: Der arme Schriftsteller bezieht eine ungewöhnlich billige Wohnung. Allerdings muss er die feststellen, dass der tragisch aus dem Leben geschiedene Vormieter sein Domizil noch nicht verlassen hat.

- Die Spuk Insel (A Haunted Island, 1899), S. 44-64: Auf eine Insel in der Wildnis Kanadas zieht sich ein Student zurück, um fern aller Ablenkung zu lernen. Dies missglückt, weil ihm geisterhafte Indianer auflauern.

- Besuch von Drüben (Keeping His Promise, 1906), S. 65-82: Nach vielen Jahren treffen die Freunde Marriott und Field sich wieder. Erst spät erinnert Marriott sich ihres alten Schwurs: Wer zuerst stirbt, kommt den Überlebenden besuchen.

- Gestohlenes Leben (With Intent to Steal, 1906), S. 83-110: Der große Abenteurer Shorthouse erfährt von einer Scheune, in der es umgeht. Für den neugierigen Geisterjäger und seinen Gefährten beginnt eine Nacht, an die sie noch lange denken werden – falls sie überleben.

- Kein Zimmer mehr frei (The Occupant of the Room, 1909), S. 111-121:  Minturn ist froh, in dem überfüllten Schweizer Hotel noch ein Zimmer zu bekommen. Die Vormieterin ist vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung verloren gegangen, doch in der Nacht zeigt sich, dass sie dem müden Reisenden näher ist als diesem lieb sein kann.

- Ein gewisser Smith (Smith: An Episode in a Lodginghouse, 1906), S. 122-141: Es ist aufregend, ein Haus zu bewohnen, in dem ein Hexenmeister seine magischen Künste betreibt; das gilt ganz besonders dann, wenn dieser mächtigere Geister heraufbeschwört, als er unter Kontrolle zu halten vermag.

- Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York (The Strange Adventures of a Private Secretary in New York, 1906), S. 142-181: Der wackere Shorthouse (s. o.) soll für seinen Brotherrn einen Erpresser austricksen. Dieser lebt in einem überaus einsam gelegenen Haus und lauert bereits darauf, seinem Gast den Aufenthalt unvergesslich zu gestalten.

- Griff nach der Seele (A Psychical Invasion, 1908), S. 182-246: Ein übereifriger Schriftsteller versucht, seinen geistigen Horizont mit Hilfe von Drogen zu erweitern; tatsächlich öffnet er die Pforte zu einer Dimension böser Geister, von denen ihm einer nun im Nacken sitzt. Dr. John Silence, der berühmte Psychologe und Fachmann für das Okkulte, nimmt sich des Falles an.

Wo Geister richtig zur Sache gehen

Diesen „Besuch von drüben“ laden wir uns gern ein, wenn die Nächte wieder länger werden und zum Lesen einladen. Hier spukt es noch richtig, weil für den Verfasser nie der Wunsch, sich bei der Literaturkritik, die handgreiflich auftretende Gespenster nicht sonderlich schätzt, lieb Kind zu machen, im Vordergrund stand. Stattdessen wollte Algernon Blackwood sein Publikum unterhalten, ohne es gleichzeitig als Schar dummer Tröpfe abzuqualifizieren, denen es nur einen möglichst großen Schrecken einzujagen gilt.

Blackwoods Erzählungen sind deshalb spannend und unterhaltsam, denn ihr Verfasser war kein versponnener, weltabgeschieden hausender, sondern ein neugieriger, weit gereister Mann, der fest mit beiden Beinen im Leben stand. In gewisser Weise spiegelt „Besuch von Drüben“ sogar Blackwoods Biografie wider. Unglücklichen Familienverhältnissen entfliehend, reiste der junge Algernon nach Kanada („Die Spuk-Insel“, seine erste und schon meisterhafte Geistergeschichte überhaupt!) und ging später in die Vereinigten Staaten („Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“), wo er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler versuchte. 1899 kehrte er nach England zurück, unternahm aber auch später ausgedehnte Europareisen („Kein Zimmer mehr frei“). Die daraus resultierenden Erfahrungen flossen in sein Werk ein: Jedem Leser ist sogleich klar, dass Blackwoods kanadische Wildnis oder seine Alpendörfer keine Hirngespinste sind.


Cover der TB-Ausgabe von 1977 (Sammlung md)


Ist da noch etwas?

Diese Ortskenntnisse werden ergänzt durch ein immenses Wissen des Okkulten und Übersinnlichen, für das sich Blackwood seit seiner Kindheit brennend interessierte. Im Jahre 1900 trat er dem „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei, was seine mystischen Kenntnisse enorm erweiterte; „Ein gewisser Smith“ zeigt einen Magier bei der Arbeit, die dem Verfasser zumindest theoretisch vertraut war.

Hinzu tritt schließlich die Faszination über die neue, noch höchst umstrittene Wissenschaft der Psychologie. Blackwood glaubte an eine Welt des Okkulten, die bevölkert wird von bösen oder besser: der menschlichen Moral nicht unterworfenen, fremdartigen Geistwesen auf der einen und den klassischen Gespenstern auf der anderen Seite – Manifestationen im Leben wie im Tode kraftvoller, von starken Emotionen getriebener Seelen oder auch nur den Gefühlen selbst, die sich durchaus selbstständig machen und blindwütige („Gestohlenes Leben“) oder ziellose („Kein Zimmer mehr frei“), aber nicht wirklich intelligente Phantome formen können.

Alle diese Wesen leben normalerweise in ihrer eigenen Sphäre. Dort können sie zufällig gestört oder angelockt („Griff nach der Seele“), aber auch gezielt gerufen werden („Besuch von Drüben“, „Ein gewisser Smith“). Das theoretische Fundament, wie es hier skizziert wurde, lässt Blackwood in „Griff nach der Seele“ stellvertretend Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“ – eine Mischung aus Sigmund Freud oder C. G. Jung und Sherlock Holmes – erläutern. Blackwoods Konzept ist auch deshalb zu interessant, weil es schon deutlich die Grenzen der klassischen viktorianischen Schauerliteratur sprengt, die das Gespenstsein primär als Strafe für diverse Verfehlungen wertete, derer sich der Geist im Leben strafbar gemacht hatte.

Geister klassisch und modern

Der frühe Blackwood ist noch nicht gänzlich frei von dieser Haltung: Der unglückliche Blount in „Der Horcher“ hat sich seinem schrecklichen, ohne jedes eigene Verschulden erlittenen Schicksal durch Selbstmord entzogen. Weil er so Gott, der aus unerfindlichen Gründen ein natürliches aber qualvolles Ende für ihn vorgesehen hatte, ins Handwerk pfuschte, muss er seine nun doppelt elende Existenz im Tode fortsetzen: ein wahrlich alttestamentarische Weltsicht, die im Kontext freilich nicht zwangsläufig befürwortet, sondern von Blackwood, dem Okkultisten, der wahrlich kein Bilderbuch-Christ war, auch angeprangert wird.

Ein wenig aus dem Rahmen fällt die Story „Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“. Hier lässt Blackwood das Grauen nicht schleichend auftreten, sondern entwirft – dem amerikanischen Schauplatz wohl angemessen – eine aktionsbetonte, teilweise witzig überzogene Grusel-Groteske im Stile Edgar Allan Poes. Zur Abwechslung wird nichts erklärt, sondern einfach nur geschildert. Dem Leser bleibt es dieses Mal selbst überlassen, sich einen Reim auf die Erlebnisse des unerschrockenen Jim Shorthouse zu machen.

Schatten auch auf dieser Seite

Leider wird bei dieser Gelegenheit einer der weniger angenehmen Wesenszüge Blackwoods offenbar: Die Figur des Juden Marx trägt unverkennbar antisemitische Züge. Sollte dies keine ‚Zugabe‘ des Übersetzers sein, hätte der Verfasser der latenten, alltäglichen Judenfeindlichkeit der britischen Gesellschaft ein Denkmal gesetzt, so wie wenige Jahre später Hollywood Amerikas Indianer in aller vermeintlichen Unschuld als blutrünstige Wilde und Bilderbuch-Bösewichte zu missbrauchen begann. Unerfreulich bleiben die für die Geschichte völlig unnötigen und daher noch deutlicher ins Auge stechenden Unterstellungen aber allemal.

Nichtsdestotrotz verdient Algernon Blackwood seinen Status als Großmeister der unheimlichen Literatur; er hat ihn sich redlich erarbeitet. Als er hoch betagt (und viel betrauert) 1951 starb, hinterließ er etwa 200 Kurzgeschichten und zwölf Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte, Liedtexte u. a. In Deutschland ist davon nur ein Bruchteil erschienen, was die sechs Auswahlbände mit Gruselgeschichten und -novellen, die der Frankfurter Suhrkamp Verlag veröffentlicht hat, dem wahren Fan nur um enger ans Herz wachsen lassen. „Besuch von Drüben“ prunkt zudem mit einer sorgfältigen Übersetzung, die durchaus gewollt altmodisch den nostalgischen Zauber dieser Geschichten aus der guten, alten, großen Zeit der englischen Gespenstergeschichte unterstreicht!

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Die Algernon-Blackwood-Sammlungen des Suhrkamp-Verlags:

(1969) Das leere Haus (TB 30 u. 1664/Phantastische Bibliothek 12 u. 339)
(1970) Besuch von Drüben (TB 411 u. 2701/Phantastische Bibliothek 10 u. 331)
(1973) Der Griff aus dem Dunkel (TB 518/Phantastische Bibliothek 28)
(1982) Der Tanz in den Tod (TB 848 u. 2792/Phantastische Bibliothek 83 u. 355)
(1989) Die gefiederte Seele (TB 1620/Phantastische Bibliothek 229)
(1993) Rächendes Feuer (TB 2227/Phantastische Bibliothek 301)

[md]

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Die Gräfin von Cagliostro

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Juli 2011

Maurice Leblanc
Die Gräfin von Cagliostro
oder: Die Jugend des Arsène Lupin

(sfbentry)
Originaltitel: La Comtesse de Cagliostro (Paris : Editions Pierre Lafitte 1924)
Deutsche [ungekürzte] Erstausgabe: 1963 (Luitpold Lang Verlag)
Übersetzung: Erika Gebühr
298 S.
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: Oktober 2007 (Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft/Die außergewöhnlichen Abenteuer des Arsène Lupin 1)
Übersetzung: Erika Gebühr, bearbeitet und ergänzt von Nadine Lipp
344 S.
ISBN-13: 978-3-88221-610-3
Als Taschenbuch: Oktober 2009 (Insel Verlag Nr. 3463)
Übersetzung: Erika Gebühr, bearbeitet und ergänzt von Nadine Lipp
344 S.
ISBN-13: 978-3-458-35163-4

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Das geschieht:

Im Jahre 1894 ist Arsène Lupin, der später ebenso berühmte wie berüchtigte französische Meisterdieb, noch ein zwanzigjähriger Jüngling, der sich eher schlecht als recht mit kleinen Diebstählen über Wasser hält. Zur Zeit hält er sich an der normannischen Atlantikküste auf, wo er eine Liaison mit der schönen Clarisse unterhält, Tochter des Barons Godefroy d’Etigues, der den dreisten Frechling gerade aus seinem Schloss gejagt hat.

Der liebeskranke Lupin belagert das Schloss und wird dabei Zeuge eines Komplotts. Baron d’Etigues gehört zu den Gefährten des Jesuiten Beaumagnan, der seit Jahren einen gewaltigen Kirchenschatz zu heben versucht: Im Mittelalter haben sieben reiche Klöster ihn zusammengetragen, um mit dem Erlös Feinde der Christenheit zu bekämpfen. Der Hort wurde sorgfältig versteckt, und alle Hinweise sind verschlüsselt.

Die größte Konkurrentin Beaumagnans nennt sich Joséphine Balsamo, Gräfin von Cagliostro. Sie ist angeblich die Tochter des Alchimisten Guiseppe Balsamo und soll mehr als 100 Jahre alt aber jung und bildhübsch geblieben sein. Der fanatische Beaumagnan nimmt Joséphine gefangen und will sie als Hexe ermorden, doch Lupin kann sie retten. Joséphine gilt als tot und kann die Schatzsuche fortsetzen. Dabei begleitet sie Lupin. Er hat sich unsterblich in die ‚Gräfin‘ verliebt, die sich als Anführerin einer erfolgreichen Diebesbande entpuppt. In den nächsten Monaten lehrt sie ihren jungen Geliebten das Gaunerhandwerk und die Liebe. Doch während Lupin das Leben achtet, geht Joséphine über Leichen. Der Konflikt ist vorgezeichnet. Zu allem Überfluss hat Beaumagnan erfahren, dass seine Feindin lebt, und rüstet zur neuerlichen Attacke …

Eine von hinten aufgezäumte Gaunerbiografie

1924 trieb der Arsène Lupin bereits seit zwei Jahrzehnten gewandt sein Unwesen. Maurice Leblanc hatte die Figur zwar nicht erfunden, sie aber entwickelt und zu seiner eigenen gemacht. 11 Lupin-Abenteuer waren seit 1905 erschienen; sie hatten den Verfasser und seinen Gentleman-Verbrecher nicht nur in Frankreich bekannt und erfolgreich gemacht.

Allerdings gab es anders als beispielsweise im Fall des ebenso berühmten Sherlock Holmes (mit dem Lupin 1906 zumindest intellektuell die Klingen kreuzte) einen weißen Fleck, der die Ursprünge des Meisterdiebs gänzlich verdeckte. Woher kam Arsène Lupin, wie wurde er DER Arsène Lupin? Leblanc schien es 1924 an der Zeit, diese Frage zu beantworten; sie bot ihm außerdem erfreuliche literarische Möglichkeiten.

In den 1920er Jahren waren Lupin-Krimis zwar weiterhin Bestseller, doch die Figur hatte sich spätestens nach dem I. Weltkrieg in einen Anachronismus verwandelt. Lupin gehörte in eine Welt, die von fixen Regeln und einer hierarchischen Gesellschaftsordnung gekennzeichnet wurde. Die einen durchbrach er, mit den anderen spielte er, und das elegante Gelingen dieses Balanceaktes machte seinen Reiz aus. Doch dieser ‚alten‘, in sich ruhenden Welt hatte besagter Krieg ein Ende gemacht.

Mit einem Jugendabenteuer konnte Leblanc sie wieder aufleben lassen. Dabei ging es ihm keineswegs um eine authentische Rekonstruktion der Vergangenheit. Unbekümmert schuf Leblanc eine Mischung aus überzeichnender Fiktion und unterhaltungsorientierter Realität. Viele Jahre vor Dan Brown & Co. ließ er obskure Geheimbünde munkeln und meucheln, die im wahren Leben keinerlei Gegenstücke besaßen. Nächtliche Treffen in verfallenen Kellern, Heldenlauschen in geheimen Verstecken, mysteriöse Botschaften aus dem Mittelalter, eine womöglich unsterbliche Gaunerchefin – und im durchaus gewollt krassen Widerspruch dazu ein Arsène Lupin, der Schurken per Fahrrad verfolgt: Der Ernst der Geschichte liegt allein im Willen, den Leser zu unterhalten. Dazu war Leblanc jedes Mittel, jedes (freilich ironisch gebrochene) Klischee recht.

Klassiker abgehangen aber dennoch frisch

Der Verzicht auf einen ernsthaften Unterton wird neben dem Vergnügen an einer turbulenten Geschichte zum Garanten für einen Lektürespaß, der auch im 21. Jahrhundert anhält. Leblanc tüftelte keine raffinierten Krimi-Plots aus, die dem Leser noch heute Bewunderung abnötigen. Lupin ist mindestens ebenso Abenteurer wie Kriminologe bzw. Krimineller. Er verfügt durchaus über das geistige Potenzial des klassischen Detektivs. Mehrfach verfällt schon der junge Lupin in tiefes Sinnieren und knackt dabei manche Rätselnuss. Ganz wie die „masterminds“ seiner Epoche liebt er es, erst nachträglich dem staunenden Publikum seine Gedankengänge zu enthüllen; über den Zeitpunkt entscheidet er selbst.

Aber unvermittelt begeht der kluge, doch unberechenbare Lupin eine Dummheit, die aus Ungestüm und Liebe und oft genug aus der Kombination beider Elemente geboren wird. „Jugend“ ist für Leblanc ein Synonym für überschäumende und noch nicht zielgerichtete Kraft. Das unterstreicht er durch einen Erzählstil, der eines ganz gewiss nicht ist: sachlich. Gefühle sprudeln förmlich zwischen den Zeilen auf. Erneut zeigt Leblanc die Freude an der Übertreibung. Es wird geliebt und gehasst, als ob das Leben davon abhinge – und zumindest in dieser Welt ist dem auch so. Entsprechend überzeichnet sind die Negativ-Figuren; die sich mit Fug und Recht durch die altmodischen Bezeichnungen „Schurke“ und „Bösewicht“ charakterisieren lassen. Sie tücken so offenkundig, ja naiv, dass der dem Leser die gute, alte Stummfilm-Orgel im geistigen Ohr dröhnt.

Nur Jungfrauen bedrohen sie nicht, denn die glänzen durch Abwesenheit. Dafür sorgt zuverlässig Arsène Lupin persönlich, wobei seine ‚Opfer‘ sich nie zieren; auch dies ist einer jener absichtsvollen Brüche, mit denen Leblanc die zeitgenössische Prüderie auf gallische Weise konterkariert und die den Leser mit dem manchmal allzu ‚ausschmückenden‘ Tonfall versöhnen, der vor allem das Alter dieses Romans belegt.

Lupin kehrt zurück – wieder einmal

„Die Gräfin von Cagliostro“ wurde in Deutschland ungekürzt erst vier Jahrzehnte nach der französischen Originalausgabe veröffentlicht, aber seitdem immerhin regelmäßig aufgelegt. Die Ausgabe von 2007 bzw. 2009 wurde auf der Basis der französischen Neuedition von 2004 durchgesehen, überarbeitet und vor allem mit Anmerkungen versehen, die den Leser über die zum Teil doch fremden Welt von 1894 sowie die normannische Kulisse der Handlung informieren.

Darüber hinaus vermittelt Richard Schroetter unter dem Titel „Initiationen eines Gentleman-Schwindlers“ dem Leser Grundsätzliches zu Maurice Leblanc, seiner Figur Arsène Lupin und zum Roman „Die Gräfin von Cagliostro“, der sich nur nachträglich in die Lupin-Chronologie einpassen lässt.

Zum Text gehören zahlreiche Zeichnungen von Falk Nordmann, die im comichaften Stil das Geschehen illustrieren und gleichzeitig interpretieren. Der Versuch, die Handlung auf diese Weise ins 21. Jahrhundert zu transponieren, kann nur bedingt als gelungen bezeichnet werden, da sich die beabsichtigte Wirkung selten oder gar nicht einstellen will.

Autor

Maurice Leblanc wurde am 11. November 1864 in Rouen, einer kleinen Hafenstadt an der Seine, geboren. Wie es in im 19. Jahrhundert üblich war, wollte der Vater dem Sohn eine ‚sichere‘ Zukunft anbefehlen, was für Maurice die Übernahme Stellung im Verwaltungsapparat der Textilindustrie bedeutet hätte. Doch Leblanc wollte stattdessen Schriftsteller werden. Er zog nach Paris und arbeitete zunächst als Journalist. Erste ‚ernsthafte‘ Romane wurden von der Kritik zwar freundlich aufgenommen, verkauften sich jedoch nicht.

Immerhin weckten Leblancs Versuche als Autor das Interesse des Herausgebers Pierre Laffitte. Er beauftragte 1905 den erfolglosen Verfasser, für die Zeitung „Je Sais Tout“ eine Kurzgeschichte zu schreiben mit dem Titel „Die Festnahme von Arsène Lupin“ zu schreiben. Die Story gefiel außerordentlich, wurde von Leblanc zum Roman „Arsène Lupin, Gentleman cambrioleur“ (dt. „Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner”/„Arsène Lupin, der Gentleman-Einbrecher“) ausgearbeitet und war Start zu einer zu einer langen Reihe von Romanen, Geschichten und Theaterstücken um den zwar skrupellosen aber keineswegs unmoralischen Helden, der gegen Gauner-‚Kollegen‘, die gegen seine Grundsätze verstoßen, ebenso vorgeht wie gegen die stets düpierte Polizei. Überhaupt bestiehlt Lupin nur die Reichen und Rücksichtslosen.

Leblanc entlieh sich den Namen „Arsène Lupin“ vom Pariser Stadtrat Arsène Lopin, der darüber nicht begeistert war. Obwohl der Autor dies verneinte, ist Lupins Charakter wohl vom Anarchisten Marius Jacob (1879-1954) inspiriert, der als genialer Einbrecher zum Volkshelden aufstieg, der den Staat, die Justiz und die Polizei immer wieder einfallsreich vorführte.

Arsène Lupin gehört zu den Literaturfiguren, die ihren Schöpfer – Maurice Leblanc starb am 6. November 1941 im südfranzösischen Perpignan – überlebten und auch außerhalb der gedruckten Medien erfolgreich waren. So wurde ein erster (stummer) Lupin-Film bereits 1910 gedreht. Auch ins Fernsehen sowie in kulturell eigentlich fremde Dimensionen stieß Lupin vor; der Enkel des Meisterdiebs ist Held der japanischen Manga- und Anime-Serie „Lupin III“.

Selbstverständlich ist Lupin auch im Internet präsent. Nur stellverstretend seien an dieser Stelle folgende Website (mit zahlreichen Links) genannt. Wie sich dem Titel entnehmen lässt, ist diese Website französischsprachig. Eine deutsche Website speziell zu den von ihm herausgegebenen Lupin-Neuausgaben unterhält die Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft.

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Schatten über Innsmouth

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Februar 2010

lovecraft-innsmouth-cover-2008-kleinH. P. Lovecraft
Schatten über Innsmouth

(sfbentry)
Originaltitel: The Shadow Over Innsmouth (New York : Visionary Publishing Company 1936)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutsche Erstveröffentlichung (gebunden): 1971 (Insel Verlag)*
250 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Verlag Nr. 391 = Phantastische Bibliothek 8)*
244 S.
ISBN 3-518-36891-5
Als Taschenbuch: 1990 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Taschenbuch 1783 = Phantastische Bibliothek 261)**
128 S.
ISBN-13: 978-3-518-38283-7

* Veröffentlichung mit der Lovecraft-Novelle „Der Fall Charles Dexter Ward“
** Veröffentlichung als Einzelband; so seitdem immer wieder neu aufgelegt

Das geschieht:

Unser Ich-Erzähler, ein junger Mann unternimmt im Sommer des Jahres 1927 eine Reise durch Neuengland. Während eines Aufenthalts in Massachusetts hört er von der alten, an der Atlantikküste gelegenen Hafenstadt Innsmouth, die in keiner modernen Landkarte verzeichnet ist. Das erregt sein Interesse, er beschließt einen Abstecher in diesen Ort, obwohl man ihm dringend abrät: Degenerierte Gestalten seien es, die in Innsmouth gern unter sich blieben und zudem einem mysteriösen, ganz und gar unchristlichen Kult anhingen.

Das hält unseren Reisenden nicht ab. Innsmouth ist eine Geisterstadt verfallender, leer stehender, düsterer Häuser, in denen es jedoch des Nachts sehr lebendig zugeht. Die Bürger selbst, von froschähnlicher Gestalt, verhalten sich abweisend unheimlich (und umgekehrt). Nur ein ‚Zugereister‘ – ein uralter Seemann – versorgt den neugierigen Neuankömmling mit Informationen. Demnach hat vor über einem Jahrhundert ein Kapitän namens Marsh im fernen Pazifik einen Teufelspakt mit amphibischen Seekreaturen geschlossen. Im Tausch gegen Gold und verbotenes Wissen wurden ihnen junge Männer und Frauen aus Innsmouth ausgeliefert, die sie ihrem Gott, dem furchtbaren Cthulhu, opferten. Außerdem begannen sich Menschen und Amphibien zu vermischen; die meisten Bürger der Stadt sind heute als Nachfahren dieser ersten Mischwesen.

Dass es sich hier beileibe nicht um eine Ausgeburt der Fantasie handelt, muss der Reisende bald erfahren. Am Teufelsriff vor dem Hafen von Innsmouth findet ein reger Austausch zwischen den Welten unter und über dem Meeresspiegel statt. Lange dauert es nicht, bis die Kreaturen auf den neugierigen Besucher aufmerksam werden und die Masken fallen lassen. Die Jagd beginnt, und an ihrem Ende steht eine unerwartete Entdeckung …

Reisen bildet …

Eine Reise in einen verrufenen Ort, in dem es tatsächlich umgeht, ein Besucher, der beim Herumschnüffeln zu viel Aufsehen erregt und – seine mordlüsternen Verfolger hart im Nacken – Fersengeld geben muss: Eigentlich ist „Schatten über Innsmouth“ eine konventionelle, sogar vordergründige Horrorgeschichte, wie es ihrer (zu) viele gibt. Freilich muss man sie lesen um schätzen zu lernen, was H. P. Lovecraft aus dem Stoff macht. Ihm geht es nicht um Handlung oder gar Action (obwohl er auch das beherrscht, wie die nächtliche Hetzjagd durch Innsmouth beweist). Das machen ihm jene Leser zum Vorwurf, die einen stringenten und zielgerichteten Erzählfluss vorziehen.

Der Autor schert sich nicht darum. Die erste Hälfte des ohnehin nicht umfangreichen Kurz-Romans ist eine Art Reisebericht mit (pseudo-) historischen Einschüben. Lovecraft war als Wissenschaftler zwar Amateur aber sehr belesen. Besonders die Geschichte war sein Steckenpferd. Deshalb baut er „Schatten über Innsmouth“ auf einer fiktiven Historie dieser Stadt auf, die er geschickt in eine (weitgehend) reale Geschichte Neuenglands einbettet.

Die ausgedehnte Busfahrt nach und durch Innsmouth ist gleichzeitig ein geschickter Schachzug, der den Leser zusammen mit der Hauptfigur an den Ort des Geschehens bringt. Unmerklich dreht Lovecraft dabei an der Spannungsschraube. Ganz harmlos beginnt die Reise, nur einzelne, nicht ins Bild des Rationalen passende Elemente irritieren. Allmählich nehmen sie an Zahl und Wucht zu, bis schließlich deutlich wird, dass es in Innsmouth nicht mit rechten Dingen zugeht.

… aber wer will schon alles wissen?

Die Bestätigung erhalten wir erneut gemeinsam mit dem Helden durch die lebendige Erzählung des alten Zadok Allen, der seit vielen Jahrzehnten unter dem Druck des Grauens lebt. Darüber ist er leicht wunderlich im Kopf geworden, was Lovecraft meisterlich als Stilelement nutzt: Obwohl Allen Klartext redet, bleibt Grundsätzliches weiterhin ungesagt, die Spannung steigt weiter an.

Der eigentliche Höhepunkt stellt dann auch die Freunde des konventionellen Horrors zufrieden, wenn es zwischen geifernden Monstern und potenziellem Opfer zur Konfrontation kommt. Für Lovecraft speist sich das eigentliche Grauen freilich aus einer anderen Quelle. Die eigentliche Auflösung wird der Handlung wie eine Coda angefügt. Sie soll hier verschwiegen werden; vielleicht überrascht sie heute auch nicht mehr, aber sie beraubt die Geschichte ihres scheinbar glücklichen Endes und verleiht ihr eine deutlich düstere Dimension.

Es könnte immerhin so sein

Das ist zwar erschreckend, aber ist es auch Horror? Der Cthulhu-Mythos ist eher Science Fiction. „Schatten über Innsmouth“ betont dies zwar weniger stark als andere Geschichten, doch kamen nach Lovecraft Cthulhu und seine garstigen Gefährten einst aus den Tiefen des Alls auf diese Erde. Sie beschränken sich nicht nur darauf, uns Menschen zu piesacken, sondern treiben auch zwischen den Sternen weiterhin allerlei Unerfreuliches.

Lovecrafts Meisterschaft bestand darin, die Chronik dieser Invasion niemals gänzlich zu enthüllen. Stets enttarnte er nur Episoden, die sich zu keinem fassbaren Gesamtbild fügten. Des Lesers Fantasie ist hier gefragt – er (oder sie) wird sich ein Reich kosmischen Schreckens ausmalen, das Lovecraft nie hätte erfinden können.

Das wird umso deutlicher, wenn man Lovecraft dabei verfolgt, wie er versucht das Grauen in Worte zu fassen. Sein Wortschatz war immens, sein Talent im Umgang mit Worten beachtlich. Trotzdem oder gerade deswegen muss man feststellen, dass die Auflösung einer Lovecraft-Story allzu oft ihrer Entwicklung nicht gewachsen ist. Wie so oft bei Lovecraft überkommt auch in „Schatten über Innsmouth“ eine barmherzige Ohnmacht den Helden, als der Schrecken zu groß wird (und der Verfasser literarisch die Waffen streckt).

Unfreiwilliger Chronist des Schreckens

Der namenlose Protagonist unserer Geschichte ist eine typische Lovecraft-Figur: ein Außenseiter, ein einsamer Sucher ohne Anhang. Eine respektable Familiengeschichte mündete in Bedeutungslosigkeit und Armut. Eisern werden trotzdem längst obsolete Gentleman-Allüren gepflegt, bleiben die Formen gewahrt, mag auch das typische Mittagessen nur aus Käseplätzchen bestehen.

Hier greift Lovecraft auf eigene Erinnerungen zurück. Der „Einsiedler von Providence“, wie man ihn gern nennt, wurde in seinen späteren Lebensjahren zum begeisterten Reisenden, der zwar ohne Geld aber ausgiebig jene historischen Stätten in Nordamerika besichtigte, die ihn immer faszinierten. So ist es wohl eine jüngere Ausgabe von Lovecraft selbst, die das imaginäre Innsmouth bereist. Ausgerechnet dort findet sie nach anfänglichem Schrecken so etwas wie eine Heimat – ein Ort, der dem Verfasser selbst stets verwehrt blieb.

Distanz kann auch ein literarisches Instrument sein. Lovecraft bedient sich seiner meisterlich. Ein Grundproblem der Phantastik ist das Schwinden von Faszination und Schrecken, wenn das zunächst nur erahnte Monster ins volle Licht tritt. Erklärungen zerstören das Unheimliche, das plötzlich real und damit prosaisch wird. Lovecraft hat dieses Problem begriffen. Folgerichtig vermeidet er es, die Bürger von Innsmouth dem gefährlichen Licht auszusetzen. Was sie Unheimliches treiben, erfahren wir nur von Zadok Allen. Ansonsten belässt es Lovecraft bei Andeutungen. Konsequent findet das Finale deshalb nicht auf den Klippen des Teufelsriffs statt. Der Besucher und mit ihm die Handlung kehrt dem Zentrum des Schreckens den Rücken. Diesen Verzicht auf eine ‚richtige‘ Auflösung vermag Lovecraft mit einem alternativen Ende auszugleichen. Der „Schatten über Innsmouth“ und sein Mysterium bleibt bestehen – und Lovecrafts Kurz-Roman wurde zum Klassiker, der seine Wirkung auch nach vielen Jahren nicht eingebüßt hat.

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn.

Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich als Wunderkind erwies. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Lovecraft begann alle erreichbaren Werke zu lesen und entwickelte sich zum belesenen, aber nicht wirklich gebildeten Bücherwurm. Am Alltagsleben nahm er praktisch nicht teil, litt unter allerlei (psychosomatischen) Beschwerden und besuchte nur sporadisch die Schule, sondern widmete sich privaten Studien. Lovecraft gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 ‚ernsthaft‘ phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden Pulp-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In der großen Stadt konnte sich Lovecraft nicht einleben. Die Ehe scheiterte. 1926 kehrte Lovecraft nach Providence zurück. Nunmehr führte er das zurückgezogene und sehr bescheidene Leben eines mäßig erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellers. Er schuf die Cthulhu-Saga. „The Call of Cthulhu“ (1926/28, dt. „Cthulhus Ruf“), „At the Mountains of Madness“ (1931, dt. „Berge des Grauens“) oder „The Shadow out of Time“ (1934/35, dt. „Der Schatten aus der Zeit“) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Lovecraft versuchte nie, diese Geschichten anderweitig unterzubringen, sondern schrieb neue: kein ökonomisches Gebaren für einen Schriftsteller, der ohnehin recht langsam schrieb. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – „The Shadow over Innsmouth“ – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, ist August Derleth (1909-1971) und Donald Wandrei (1908-1987) zu verdanken. Sie gründeten 1939 den Verlag „Arkham House“, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich nach, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter, aber origineller Mann mit großen Visionen, der den klassischen Horror um die Komponente Science Fiction erweiterte, ohne dem Traum von der perfekten, weil technisierten Zukunft hinterherzulaufen.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art stellt das „H. P. Lovecraft Archive“ dar.

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Der Griff aus dem Dunkel

Erstellt von Michael Drewniok am 27. Januar 2010

blackwood-griff-aus-dem-dunkelAlgernon Blackwood
Der Griff aus dem Dunkel

Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Dt. Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
255 S.
ISBN-13: 978-3-458-05817-5
Als Taschenbuch: 1979 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 518 = Phantastische Bibliothek Nr. 28)
258 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37018-6
(sfbentry)

Das geschieht:

In einer Novelle und fünf Kurzgeschichten gewinnt Algernon Blackwood (1869-1951), der Meister der angelsächsischen Gruselliteratur, ihm wichtigen Themen (Naturmystik, Mehrdimensionalität, Tod als Übergang) neue, spannende Seite ab: eine Reise in die Vergangenheit der Phantastik, die mit erstaunlich frisch gebliebenen Schrecken überrascht.

- Das Haus der Verdammten („The Damned“, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in „The Towers“ spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herab beschwor. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht „Two Towers“, die willenlose Mabel und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch die Geschwister können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie …

- Die Übergabe („The Transfer“, 1911), S. 111-125: Der großspurige Mr. Frene ist eine Art Vampir, der sich von der Lebenskraft seiner Mitmenschen nährt und fett, reich und berühmt darüber geworden ist. Nun sucht er die Familie seines Bruders heim, wird aber von seinem hellsichtigen kleinen Neffen in die Falle einer blinden Naturkraft gelockt, die ihm die geraubte Energie wieder aussaugt – und mehr …

- Am ersten Abend im Mai („May Day Eve“, 1907), S. 126-153: Der Skeptiker möchte seinen alten Freund, den geistergläubigen Volkskundler, auf dessen einsam gelegenen Landsitz besuchen. Ahnungslos reist er in der Nacht zum 1. Mai, an dem die Trennung zwischen der Welt der Lebenden und dem Geisterreich aufgehoben ist …

- Jones‘ Wahnidee („The Insanity of Jones“, 1907), S. 154-183: Der Angestellte Jones ist eine graue Maus, die sich klaglos in ihr einsames, freudloses Dasein fügt, bis eines Tages Erinnerungen an ein früheres Leben aufsteigen, das ein abruptes Ende nahm. In seinem Vorgesetzten meint Jones den Mörder wiederzuerkennen und ergreift die Gelegenheit verschafft, endlich Vergeltung zu üben …

- Im Banne des Schnees („The Glamour of the Snow“, 1912), S. 184-209: Hibbert macht Winterurlaub in den Alpen. Die aufdringliche Fröhlichkeit der übrigen Gäste geht ihm auf die Nerven, so dass er dem Locken einer unbekannten Schönen gern nachgibt, die ihn zu einem mitternächtlichen Schnee-Spaziergang mit eisigem Ende einlädt …

- Der Fall Pikestaffe („The Pikestaffe Case“, 1924), S. 210-248: Der geniale Gelehrte Thorley entdeckt einige physikalische Gesetze, die dem Kollegen Einstein verborgen blieben; sie ermöglichen ihm den Vorstoß in ganz neue Dimensionen – doch leider nicht den Weg zurück, woran eine brave, aber geistig etwas schlichte Pensionswirtin mitschuldig ist …

Spannende Variationen bekannter Themen

Mit dem verwünschten oder heimgesuchten Haus hat sich der Verfasser immer wieder beschäftigt. Er war davon überzeugt, dass ein willensstarker (oder auch wahnsinniger) Menschengeist den Tod überstehen kann; vielleicht nicht als denkende, gezielt handelnde Wesenheit, aber als blinde Kraft, die den Lebenden gefährlich werden kann, wenn sie zufällig oder mutwillig herausgefordert wird.

Häuser oder ganz allgemein Stätten, an denen über lange Jahre Unrecht und Gewalt geschah, können sich nach Blackwood sogar zu regelrechten Batterien entwickeln, die solche Kräfte speichern, verstärken und gebündelt abstrahlen. Dabei muss nicht unbedingt eine Bluttat am Anfang eines Spukhauses stehen. Samuel Franklyn hat körperlich nie einer Fliege etwas zu Leide getan; er war sogar als Menschenfreund bekannt. Aber er war auch ein religiöser Fanatiker, der in „The Towers“ den Leichtgläubigen die Furcht vor der Hölle einbläute, bis sich diese im Mahlstrom der kollektiven Furcht tatsächlich auftat.

Ein Literat als Rebell

Algernon Blackwood wird zu den prominenten Vertretern der viktorianischen Horrorliteratur gezählt, aber er selbst war sicherlich kein typischer Viktorianer. Tatsächlich war er schon in jungen Jahren dem Ungeist dieser Epoche entflohen, obwohl ihm der Weg in eine glänzende Zukunft offenstand, hätte er sich nur konform verhalten: Blackwoods Mutter war eine Herzogin von Manchester, sein Vater ein geadelter höherer Beamter der britischen Postverwaltung. Doch als Eltern waren diese beiden gefühlskalt und engstirnig; Blaupausen womöglich für das Ehepaar Franklyn.

Blackwood, der Rebell, ordnete sich weder ihnen noch dem System unter. Daher war ihm auch das Christentum suspekt; an einen Gott, der lieber strafte als verzieh, wollte und konnte er nicht glauben. Die schrecklichen Folgen einer Amok laufenden Religion führt er uns in „Das Haus der Verdammten“ exemplarisch vor Augen. Freilich meint er auch das Gegenmittel zu kennen: Hass begegnet man mit Verständnis und Liebe, dann löst er sich auf. Das ist sympathisch, aber auch ein Punkt, der Blackwood recht naiv erscheinen lässt. In der Tat funktioniert „Das Haus der Verdammten“ als Geschichte genau dann nicht mehr, als der Verfasser eine Gruppe früh blühender Blumenkinder auftreten lässt, die „The Towers“ einem sanften Exorzismus unterziehen, bis die vergiftete Atmosphäre sich gereinigt hat.

Die Macht der Natur

Trotzdem muss man hier genau lesen: Blackwood ersetzt keineswegs das ‚böse‘ Christentum durch eine andere und ‚bessere‘ Religion. Eigentlich gehören die Retter von „Two Towers“ gar keiner Glaubensgemeinschaft an. Stattdessen akzeptieren sie die Welt, wie sie nach Blackwood ist: als Ort zwar mystischer, aber natürlicher Kräfte, die sich mehr oder weniger im Gleichgewicht befinden, ganz sicher keines gestrengen göttlichen Lenkers bedürfen und bei Bedarf behutsam kanalisiert und zur Ruhe gebracht werden können.

Wer diese Differenzierung berücksichtigt, wundert sich nicht darüber, dass Blackwood zwar sehr interessiert an den okkulten oder mystischen Lehren seiner Zeit und seit 1900 sogar Mitglied im berühmt-berüchtigten Geheimbund „Hermetic Order of the Golden Dawn“ war, doch bald wieder auf Abstand ging: Nicht einmal die erklärten Feinde der etablierten Religionen konnten ihn halten, da alle diese Zirkel selbst wieder strengen Regeln unterworfen waren, die Blackwood generell verwarf.

… wird dem Leser manchmal zu viel

Blackwoods Naturmystik ist die Quelle jener faszinierenden Mischung aus selbst Erlebtem und verschlüsselt Erdachtem, die er besonders in sein späteres Werk einfließen lässt – leider nicht unbedingt zu dessen Nutzen. Wer ihm nicht folgen mag auf diesem Weg, langweilt sich trotz der unerhörten literarischen Qualitäten, die Blackwood über die meisten zeitgenössischen und modernen Autoren des phantastischen Genres erheben.

Schon „Das Haus der Verdammten“ wird unleserlich dort, wo sich die unglaublich dichte Geschichte einer bösen oder blindwütigen Besessenheit im Esoterischen verliert. Wesentlich eindrucksvoller gelingt Blackwood die Beschwörung der Elementarkräfte in „Der Transfer“, wo ein quasi dilettierender Naturgeist seinen Meister trifft, und natürlich in „An ersten Abend im Mai“, eine Geschichte, die zunächst einmal nichts als die moderne Interpretation des alten Märchen vom unglücklichen Sterblichen ist, der zufällig in den Kreis der Feen stolpert und dabei sein blaues Wunder erlebt. Blackwood entwickelt daraus eine gleichermaßen gruselige wie eindrucksvolle Geschichte, in der die Natur wirklich lebendig wird.

Das eigentlich Interessante daran ist, dass nicht diese Tatsache Verderben über den unfreiwilligen Zeugen bringt. Die Natur schlägt eher blind zu, weil der nun Eingeweihte die Regeln nicht kennt. Deshalb ist sie bzw. sind ihre gespenstischen Emanationen auch nicht unbedingt bösartig oder gar böse zu nennen; sie sind nur fremd und können deshalb Verderben über den Sterblichen bringen. Freilich war Blackwood Profi genug, sich von diesem Credo zu lösen, wenn eine gute Geschichte dabei heraussprang: „Im Banne des Schnees“ zeigt Elementargeister, die eindeutig Ungutes im Sinn haben und folgerichtig sehr allergisch auf fromme Gebete und Glockenklang reagieren.

„Jones Wahnidee“ atmet dagegen wieder ganz den Geist des Blackwoodschen Multiversums: Der Geist ist stärker als die Materie, und es braucht keinen Christengott, der das ewige Kommen und Gehen steuert. Allerdings könnte es auch sein, dass Mr. Jones nur ein armer Irrer ist – Blackwood war nie ein fanatischer Guru, sondern der Selbstironie fähig. Er konnte sich über seine eigenen Ansichten und deren unbestreitbaren Schwachpunkte durchaus lustig machen. Angenehm humorvoll legt er deshalb auch den „Fall Pikestaff“ an, der deutlich in Richtung Science Fiction geht, bevor dieses Genre offiziell ‚erfunden‘ wurde.

Diese Herausforderung sollte angenommen werden

Man kann sagen, dass „Der Griff aus dem Dunkel“ Geschichten sammelt, die wesentlich ‚schwieriger‘, d. h. komplexer sind als die Stories früherer Blackwood-Sammlungen. Erschreckend spannend und eindringlich sind sie aber allemal, so dass den Freunden der Unheimlichen einmal mehr uneingeschränkt zur Anschaffung dieser antiquarisch recht problemlos zu findenden Sammlung geraten werden kann.

Es gibt sogar eine erfreuliche Zugabe: ein knappes, aber kluges Nachwort („Algernon Blackwood: Geisterseher und Weltenbummler“, S. 249-258) von Kalju Kirde (1923-2008), sicherlich eine DER Autoritäten auf dem Gebiet der unheimlichen Literatur im deutschen Sprachraum und Herausgeber der von den Freundes dieses Genres heiß & innig geliebten „Bibliothek des Hauses Usher“ (1969-1975) im Insel Verlag, zu der auch diese Sammlung ursprünglich gehörte.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende – das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine psychologische Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „physican extraordinary“ Dr. John Silence, (1908) einer am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) er jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

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Maler Schalken und andere Geistergeschichten

Erstellt von Michael Drewniok am 16. Dezember 2009

le-fanu-maler-schalken-cover-1983Joseph Sheridan Le Fanu
Maler Schalken und andere Geistergeschichten

Originalzusammenstellung
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Deutsche Erstausgabe (Als “Ein Bild des Malers Schalken”): 1973 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
195 S.
ISBN-13: 978-3-458-05820-5
Diese TB-Ausgabe: 1983 (Suhrkamp Verlag Nr. 923 = Phantastische Bibliothek Bd. 102)
225 S.
ISBN-13: 978-3-518-37423-8
(sfbentry)

Das geschieht:

Sechs Storys führen zurück in die “Frühzeit” der modernen Geistergeschichte, die zwar stilistisch altmodisch wirken aber inhaltlich erstaunlich zeitlos, d. h. spannend und schauerlich geblieben sind. Das Grauen trifft Schuldige wie Unschuldige und ist erschreckend unberechenbar, was der Verfasser mit manchmal dokumentarisch anmutender Präzision darzustellen weiß.

- Ein Bild des Maler Schalken (Schalken the Painter, 1839), S. 7-36: Der alte Künstler erinnert sich an die unglückliche Liebe seines Lebens, die einst vor seinen Augen mit einem reichen aber seltsam leblos wirkenden Mann verheiratet wurde …

- Die Gespensterhand (Ghost Stories of the Tiled House/An Authentic Narrative of the Ghost of a Hand, 1861), S. 37-55: Niemand weiß, wem sie gehört, doch sie verschafft sich Einlass in das ehrenwerte Tiled House und terrorisiert des Nachts seine bestürzten Bewohner …

- Der Häscher (The Watcher, 1851), S. 56-109: Der Kapitän a. D. gilt als ehrenwerter Bürger und “gute Partie”, doch es gibt in seiner Vergangenheit eine dunkle Stelle, die sich nun in Gestalt eines unerbittlichen Verfolgers manifestiert …

- Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street (An Account of Some Strange Disturbances in Aungier Street, 1853), S. 110-142: Zwei Studenten können sich ihres kostengünstigen Mietshauses nur kurz erfreuen, denn dort geht es in der Nacht mächtig um …

- Grüner Thee (Green Tea, 1869), S. 143-198: Zuviel des anregenden Getränks hat der gelehrte Kirchenmann offenbar genossen, denn ihm erschien ein Dämon in Affengestalt, der ihn zunehmend gewaltreicher piesackt …

- Der Traum des Trunkenbolds (The Drunkard’s Dream, 1838), S. 199-217: Ihm wurde eine Chance zur Besserung gewährt, doch als der Säufer abermals schwach wird, trifft gnadenlos ein, was ihm angekündigt wurde …

- Nachwort von Rein A. Zondergeld: Der unsichtbare Prinz, S. 218-223

- Originaltitel und Quellenvermerke, S. 225

“Wie lange willst du nicht von mir weichen?”

Was ist der Tod, und kommt etwas danach? Haben die Taten, die man im Leben beging, Auswirkungen auf diese mögliche Existenz in einem jenseitigen Reich? Seit der Mensch über sich reflektiert, stehen diese und ähnliche Fragen weit oben auf der Liste existenzieller Rätsel, um deren Lüftung er sich bemüht. Die Lösung ersehnt er allerdings ebenso wie er sie fürchtet, denn die Antwort könnte womöglich nicht wie erwünscht ausfallen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die genannten Fragen zwar nicht zum ersten Mal gestellt, doch sie erklangen nun lauter – und mutiger, was in einem Klima des geistigen und naturwissenschaftlichen Aufbruchs endlich möglich wurde, nachdem vor allem die weltlich-repressive Macht der Kirche gebrochen war und sich auch ihre Vertreter – notgedrungen – den Herausforderungen der neuen Zeit stellen mussten.

Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873) steht gewissermaßen mit je einem Bein in der Vergangenheit und Gegenwart. Als Kind wurden ihm die Märchen und Legenden der an Geistern traditionell reichen irischen Insel mit einem deutlichen Unterton ehrlicher Überzeugung erzählt: Das “kleine Volk” der Elfen und rächende Geister waren für den jungen Joseph durchaus noch ‘real’. In der Einleitung zu “Die Gespensterhand” beschreibt er, was auch er wohl fürchtete und genoss: “So machte denn die alte Sally, deren Glaube in diesen Dingen fast schon so etwas wie Religion war, sich daran, in gemächlichem Erzähl-Trott … das ihr wohlvertraute Gelände zu durchstreifen – langsamer werdend, sobald man zu einer besonders grausigen Stelle kam, ja gänzlich zum Stillstand kommend … und unter geheimnisvollem Nicken auf die junge Herrin in ihrem Himmelbett blickend, oder aber die Stimme zu einem gehauchten Raunen senkend, sobald der Höhepunkt solcher Geschichte herannahte.” (S. 38/39)

Die dünne Haut zwischen Wirklichkeit und Wahn

Als gelehrter Mann relativierte Le Fanu später seine kindlichen Ängste und Fantasien, doch er vergaß sie niemals. In seinen Werken thematisierte er sie immer wieder aufs Neue und siedelte sie in einem diffusen Reich an, das an drei Eckpfeilern verankert war, die “Realität”, “Zweifel” und “Wahn” hießen.

‘Real’ könnten die Ereignisse sein, über die Le Fanu seinen “Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street” vorlegt. Überaus dokumentarisch wirkt diese ‘Schilderung’, die sich an weit verbreiteten ‘wahren Geschichten’ über viktorianische Spukhäuser orientiert. “Grüner Thee” ist angeblich die Zusammenfassung eines ärztlichen Protokolls. “In aller Korrektheit” hält ein katholischer Pfarrer den “Traum des Trunkenbolds” fest.

Bericht, Protokoll, Aufzeichnung: Diese Bezeichnungen suggerieren dem Leser eine Glaubhaftigkeit, die es dem Schriftsteller ermöglicht, sein Publikum erst recht in Unsicherheit zu wiegen. Kann oder muss man ihm womöglich trauen? Andererseits lässt Le Fanu immer wieder durchblicken, dass “Magie nur die Wissenschaft ist, die wir noch nicht verstehen”, um einen aus viel späterer Zeit stammenden aber auch hier treffenden Ausspruch zu zitieren. Geschickt vermeidet er sich festzulegen. Wird Reverend Jennings wirklich von einem Dämon verfolgt, den nur er sehen kann, oder spielt sich dies in seinem kranken Hirn ab?

Niemand darf sich sicher fühlen

Le Fanu ist als Erzähler ein Profi. Er wusste sehr gut, was seine Zeitgenossen lesen wollten, und wenn er auch um seine Phobien kreiste, lieferte es ihnen. Seine Romane würde man heute “Bestseller” nennen, und als solche waren sie konzipiert. Das gilt auch für Le Fanus Erzählungen. “Ein Bild des Maler Schalken” ist Unterhaltung pur – eine Gespenstergeschichte, deren teuflisch untote Hauptfigur als verkörperter Horror ohr angenehm schauriges Unwesen treibt. Freilich gibt es auch hier eine bittere Pille zu schlucken: Das Böse trifft eine völlig unschuldige junge Frau. Ihr grausiges Ende ist keine ‘Strafe’ für gesellschaftliches oder moralisches Fehlverhalten. Sie war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ähnlich ergeht es dem Kleriker in “Grüner Thee”. Er trifft seine spukhafte Nemesis, weil er durch einen Zufall – den übermäßigen Genuss besagten Tees – ein Loch in die Membran der Wirklichkeit gestoßen und auf der ‘anderen Seite’ eine feindselige Kreatur dies bemerkt und genutzt hat. (Le Fanu blieb von seiner Geschichte übrigens unbeeindruckt und genoss beim Schreiben weiterhin – und von Nachtmahren ungestört – seinen geliebten starken Tee.)

“Die Gespensterhand” gehört einem Geist, dessen Identität niemals geklärt wird. Die unter ihm leiden, sind für sein Erscheinen nicht verantwortlich. Sehr zielgerichtet verschafft die Hand sich eigenmächtig Einlass. Die beiden Studenten sehen sich im verwünschten Haus in der Aungier Street ebenso ratlos den Attacken eines Geistes ausgesetzt, der – hier verstößt Le Fanu abermals gegen das Klischee – nicht für die bösen Taten seines Lebens büßen muss, sondern diese im Tod unvermindert fortsetzt. Nicht einmal der Trunkenbold erhält, was er verdient. Für einen einmaligen Rückfall scheint sein bizarres Ende reichlich übertrieben; sogar der fromme Priester ist dieser Meinung. Möglicherweise steckt eine Macht hinter dem stark allegorischen ‘Traum’, deren eigentliches Motiv durch den Menschen nicht geklärt werden kann. Klar ist nur, dass die beschriebenen Spukerscheinungen in einer zwar vergessenen aber weiterhin relevanten Vergangenheit ausgelöst wurden. Fallen die Dominosteine erst einmal, können sie auch die nichtsahnenden Nachfahren unter sich begraben.

Nur der Kapitän in “Der Häscher” wird das Opfer einer Rache aus dem Jenseits. Aber auch diese Geschichte besitzt eine zweite Verständnisebene, die den allmählichen Verständnisprozess des Seemanns verdeutlicht. Nie gesteht er seine Untat, die Le Fanu immer nur andeutet, deren Realität er jedoch immer deutlicher durchscheinen lässt. Als er ganz zum Schluss für Aufklärung sorgt, ist das höchstens eine Hilfe für allzu begriffsstutzige Leser.

Klassische Geschichten – künstlich eingestaubt

“Maler Schalken” ist eine Auswahl Le Fanuscher Geistergeschichten. Sie entstanden zwischen 1838  und 1869 und gehören damit vor allem stilistisch in eine längst vergangene Epoche. Dass sie hier auch inhaltlich ungemein altertümlich wirken, obwohl ihre Themen denkbar zeitlos sind, ‘verdanken’ sie einer überaus kunstvollen aber eher kontraproduktiven Übersetzung, die den Sprachduktus der Entstehungszeit nicht nur aufzugreifen versucht, sondern ihn zusätzlich verstärkt.

Soll heißen: Auch 1973 – in diesem Jahr erschien die “Maler Schalken”-Sammlung erstmalig in deutscher Sprache – mussten Sätze nicht mehr so klingen: “Nun bin ich zwar ein gewissenhafter, wenngleich – ich weiß es wohl! – durchaus kein eleganter Uebersetzer. Indeß, obschon ich da und dort einzelne Passagen weggelassen, andere gekürzt, sowie sämmtliche Namen nach Gebühr verändert habe, ist von mir doch nichts Wesensfremdes hinzugethan worden.” (S. 145) Dieses Zitat ist auch als Urteil für die Arbeit des deutschen Übersetzers wunderbar tauglich …

Der historisch interessierte Linguist wird die wundersam und oft wunderschön geschraubten Sätze lieben, doch dürften Sprachwissenschaftler nicht das eigentliche Publikum dieser Geschichten sein. Le Fanu konnte sein Publikum gut einschätzen: “Diese meine Geschichte ist kaum erzählens-, geschweige denn aufschreibenswert. Indes, wann immer ich sie vor einem Kreis verständnisvoller und gespannter Zuhörer zum besten gegeben, etwa an einem Winternachmittag nach dem Essen und im Flackerschein eines prasselnden Kaminfeuers, … ist sie – warum sollt’ ich es verschweigen? – recht gut aufgenommen worden” (“Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street”, S. 110) Wen wundert’s? Im 21. Jahrhundert mögen Kaminfeuer selten geworden sein, doch Ort, Zeit und Stimmung für eine gute Gruselstory wird der moderne Leser problemlos erkennen und Le Fanus weniger alten als zeitlosen Geschichten zu schätzen wissen!

Autor

Joseph Thomas Sheridan Le Fanu wurde am 18. August 1814 in der irischen Stadt Dublin geboren. Ab 1833 studierte er Jura am Trinity College zu Dublin; er graduierte 1837. Im folgenden Jahr erschien im “Dublin University Magazin” Le Fanus erste Kurzgeschichte. 1845 veröffentlichte der Autor mit “The Cock and Anchor” einen ersten (Historien-) Roman, der deutlich unter dem Einfluss des Schriftstellers Walter Scott (1771-1832) entstand, den Le Fanu sehr verehrte.

Als Jurist ist Le Fanu nie tätig geworden. Stattdessen wurde er Journalist. Ab 1837 war er Eigentümer oder Miteigentümer mehrerer Zeitschriften. Die damit verbundenen Pflichten schränkten seine schriftstellerische Tätigkeit stark ein. Erst nachdem er 1861 Besitzer und Eigentümer des “Dublin University Magazine” geworden war, schrieb Le Fanu wieder selbst.

1843 oder 1844 – der genaue Zeitpunkt ist unklar – heiratete Le Fanu Susanna Bennett. Als sie 1858 starb, fiel Witwer Joseph in eine tiefe Depression, die er nie überwand. Er zog sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück und vergrub sich in seinem Haus am Merrion Square. In Dublin nannte man ihn den “unsichtbaren Prinzen”. Seine Produktivität wurde von diesem Lebensstil nicht beeinflusst. In den Jahren nach 1858 veröffentlichte Le Fanu ein bis zwei Romane pro Jahr sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen. Er schrieb Historienromane, Krimis und immer wieder Geistergeschichten.

Der “unsichtbare Prinz” starb am 7. Februar 1873 in seiner Heimatstadt Dublin. Er wurde auf dem Friedhof von Mount Jerome bestattet. Sein Werk fiel zunächst der Vergessenheit anheim, doch seine schriftstellerischen Qualitäten blieben auch den Nachgeborenen nicht verborgen. 1872 hatte Le Fanu mit “Carmilla” nicht nur eine der ersten Geschichten um einen Vampir verfasst. Carmilla alias Mircalla Karnstein war zudem lesbisch, was Le Fanu zwar zeitgenössisch zurückhaltend aber doch eindeutig thematisierte. Knapp ein Vierteljahrhundert später veröffentlichte Bram Stoker (1847-1912), der Le Fanu sehr schätzte, “Dracula”. Der Vampir wechselte das Geschlecht, doch seine ‘verbotene’ erotische Ausstrahlung übernahm und steigerte Stoker.

1923 läutete ein weiterer Verehrer die Renaissance des Le Fanuschen Werkes ein: Montague Rhodes James, seines Zeichens Historiker, Literaturwissenschaftler und selbst einer der größten Verfasser von Geistergeschichten, ließ Le Fanus verstörende Spukgeschöpfe in der Sammlung “Madame Crowl’s Ghost and Other Tales of Mystery” wieder aufleben. Heute genießt Le Fanu den literarischen Ruhm, der ihm zusteht.

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Das Haus an der Grenze

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Dezember 2009

hodgson-haus-grenze-cover-festaWilliam Hope Hodgson
Das Haus an der Grenze

Originaltitel: The House on the Borderland (London : Chapman & Hall 1908)
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel-Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
Übersetzung: Traude Dienel
254 S.
ISBN 978-3-458-05818-2
Als Taschenbuch: 1985 (Suhrkamp Verlag Nr. 1089/Phantastische Bibliothek Bd. 140)
287 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37589-1
Diese Neuausgabe: April 2004 (Festa-Verlag/Die bizarre Bibliothek Nr. 1306)
Übersetzer: Michael Siefener
174 S.
ISBN-13: 978-3-935822-42-8
www.festa-verlag.de
(sfbentry)

Das geschieht:

In einer abgelegenen Gegend Westirlands steht ein verrufenes Haus, das der Teufel selbst errichtet haben soll. Für diese Theorie der Einheimischen gibt es Gründe, denn der Eigentümer, ein verschrobener Einzelgänger, sieht sich von bösartigen, gänzlich unirdischen Schweinewesen belagert. Als er diese knapp zurückgeschlagen hat, verwandelt sich das Haus selbst in ein Portal, durch das sein Bewohner auf eine fantastische Reise durch Zeit und Raum gerissen wird.

Er erlebt eine sich über Jahrmillionen erstreckende Vision vom allmählichen Ende der Erde und des Sonnensystems, bereist als Geistwesen fremde Dimensionen, trifft seine verstorbene Geliebte wieder und entdeckt dabei immer neue Hinweise darauf, dass am Anfang und Ende allen Seins offenbar das verfluchte Haus steht. Nach seiner Rückkehr in die Gegenwart bieten die rätselhaften Mächte der Finsternis einen weiteren furchtbaren Gegner gegen ihn auf, dem er sich zum aussichtslosen Kampf stellen muss …

Keine einfache Gruselgeschichte

Nur wenige Romane, Novellen und vor allem Kurzgeschichten hat William Hope Hodgson während seiner allzu kurzen Schriftstellerkarriere verfasst. Sie gehören zu den großen Werken der angelsächsischen Phantastik. “Das Haus an der Grenze” ist eine außergewöhnliche Mischung aus Horror, Abenteuer, Fantasy und Science Fiction, wobei die meisten Genres zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht einmal so bezeichnet wurden.

Man ist erstaunt, wie viele Elemente der Handlung in späteren Romanen und Erzählungen wiederkehren. Ähnlich wie der ungleich bekanntere H. G. Wells gehört auch Hodgson zu den vielen Vätern der SF. Er hat die astronomische Fachliteratur seiner Zeit offensichtlich genau studiert. Die Reise durch das gegenwärtige und zukünftige Sonnensystem weist aus wissenschaftlicher Sicht freilich gewisse Alterserscheinungen auf, um es vorsichtig auszudrücken, aber das wird mehr als wettgemacht durch die Wortgewalt, mit der sie der Verfasser in Szene setzt.

Seine ‘Außerirdischen’ lässt Hodgson im Ambiente der viktorianischen Gruselliteratur auftreten. Zwanzig Jahre später hätte er sie möglicherweise schon viel vertrauter im Stil der “Pulp”-Magazine gestaltet, denn er war ein Schriftsteller, dem der Publikumserfolg am Herzen (und an der Geldbörse) lag.

Keine simple, weil komplexe, intensive und buchstäblich mitreißende Lektüre bietet “Das Haus an der Grenze” auch heute noch. Mit dokumentarischer Präzision und poetischer Eindringlichkeit gleichzeitig entführt Hodgson in Raum und Zeit. Er zeigt sich dabei als Visionär, dessen Bilder kraftvoll und einprägsam sind. Dabei verlangt er viel Aufmerksamkeit vom Leser. Als die Welt in fernster Zukunft buchstäblich untergeht, sich alle bekannten Strukturen auflösen und verändern, gilt es Wort für Wort zu studieren.

hodgson-haus-coverReizvoll unfertige Albtraum-Vision

Seine besondere Anziehungskraft zieht “Das Haus an der Grenze” aus seiner eigentümlichen Struktur. Die Geschichte des stets namenlos bleibenden Einsiedlers wird uns als Tagebuchaufzeichnung verkauft, die zwei Reisende viele Jahre nach dem Geschehen in den Ruinen des Teufelshauses finden und später an W. H. Hodgson weitergeben, der sie herausgibt (und dabei mit einigen Kommentaren versieht). Sie bleibt Fragment; die Witterung hat Teile der Chronik zerstört. Vor allem aber berichtet der Erzähler nur. Er interpretiert selten, weil er selbst die Zusammenhänge niemals begreift. Wieso gibt es auf einem fremden Planeten ein exaktes Duplikat des Hauses? Wer hat es aus welchen Gründen gebaut? Woher kommen die Schweinewesen wirklich? Frage reiht sich an Frage, aber meist bleibt die Antwort aus.

Erstaunlicherweise stört das ebenso wenig wie die fast völlige Abwesenheit von Action. ‘Logische’ Erklärungen sind der Tod mancher phantastischen Erzählung. Lässt man dem Leser den Raum für eigene Lösungsversuche, bezieht man ihn ein und steigert die Faszination, zumal man sich nie gänzlich sicher sein kann, ob man richtig liegt. Auf der anderen Seite kann und soll nicht geleugnet werden, dass “Das Haus an der Grenze” und die längeren Arbeiten Hodgsons generell sämtlich recht episodisch wirken; der Mann wollte oder konnte offensichtlich keine roten Fäden legen. Die Entscheidung obliegt letztlich wieder dem Leser.

W. H. Hodgson wird in seiner englischen Heimat als großer Erzähler in Ehren gehalten. Seine Werke wurden inzwischen fast vollständig ins Netz gestellt und lassen sich auf diese Weise leicht im Originalton lesen. “Das Haus an der Grenze” ist z. B. hier finden. Die Lektüre verrät die Herausforderung, vor welche der deutsche Übersetzer gestellt wurde. Er hat seine Arbeit gut gemacht und balanciert behutsam zwischen dem eigentümlich altmodischen Tonfall, den Hodgson seinem ältlichen, im Stil des späten 18. Jahrhunderts schreibenden Protagonisten unterlegt, und dem Duktus der Gegenwart, der vor allem den jüngeren Lesern dieses nicht einfache aber fesselnde Werk näher bringen kann.

Autor

William Hope Hodgson wurde am 15. November 1877 in Blackmore End, Essex, England, als eines von zwölf Kindern geboren. Sein Elternhaus verließ er früh, um zur Handelsmarine zu gehen. Zwischen 1891 und 1904 fuhr er zur See, konnte sich aber nie an die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten an Bord, den Schmutz oder die Gefahren gewöhnen. So musterte er ab und eröffnete in Blackburn nahe Liverpool ein Studio für Bodybuilder. Das Geschäft lief schlecht, aber Hodgson schrieb viele Artikel über seine Arbeit und begann über eine Karriere als Schriftsteller nachzudenken. Seine Jahre auf den Weltmeeren lieferten ihm genug Stoff für phantastische Seespukgeschichten. Mit “A Tropical Horror” debütierte Hodgson 1905 in “The Grand Magazine”.

1907 folgte der Episoden-Roman “The Boats of the ,Glen Carrig’” (dt. in “Stimme in der Nacht”, Suhrkamp Taschenbuch Nr. 749/64, neu aufgelegt als Nr. 2709/340), ein erstes längeres Werk. 1908 erschien “The House on the Borderland”, mit dem Hodgson bewies, dass er auch auf dem trockenen Land Angst & Schrecken zu verbreiten wusste. “Carnacki the Ghost Finder” betrat die literarische Bühne 1910. Zwei Jahre später erschien Hodgsons episches Hauptwerk: “The Night Land”, eine Geschichte aus fernster Zukunft, die viele brillante Stimmungsbilder aus “The House on the Borderland” aufgreift und vertieft (sowie leider auch breittritt).

Hodgson heiratete 1913 und zog mit seiner Gattin nach Südfrankreich. Er schrieb nur noch wenig. Bei Kriegsausbruch 1914 ging er nach England zurück und wurde als Offizier der Royal Field Artillery zugeteilt. Eine schwere Kopfverletzung auf dem Schlachtfeld überlebte er knapp und kehrte an die Front zurück. Hier traf ihn am 17. April 1918 ein deutsches Artilleriegeschoss. Er war sofort tot.

Der recht kritische H. P. Lovecraft (1890-1937) rühmte Hodgsons Idee des “kosmischen Schreckens” und ließ sich für die eigene Cthulhu-Saga inspirieren. Wäre Hodgson ein längeres Leben vergönnt gewesen, hätte er vielleicht wie Lovecraft Bezüge zwischen seinen literarischen Welten hergestellt und einen Kosmos mit eigenen Regeln geschaffen. Ansätze dazu finden wir z. B. in den mysteriösen Schweinewesen, die auch dem “Geisterfinder” Carnacki, den Hodgson in einer ganzen Serie von Kurzgeschichten auftreten ließ, zu schaffen machen.

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