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neuauflage

Dunkles Blut

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Juli 2011

Stuart MacBride
Dunkles Blut

(sfbentry)
Originaltitel: Dark Blood (London : HarperCollinsPublishers 2010)
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Mai 2011 (Manhattan Verlag)
Übersetzung: Andreas Jäger
574 S.
ISBN-13: 978-3-442-54689-3

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Das geschieht:

Detective Sergeant Logan McRae von der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen steckt noch tiefer im Dreck als sonst. Privat ist sein Alkoholkonsum so arg außer Kontrolle geraten, dass sich die Folgen auf seine Arbeit auswirken. McRae pöbelt Vorgesetzte wie Kollegen gleichermaßen an. Selbst seine unkonventionelle und belastbare Vorgesetzte Roberta Steel kann ihn nur noch mühsam vor längst fälligen Konsequenzen schützen.

Niemand weiß oder darf wissen, dass McRae seit einiger Zeit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat: Weil er legal seinem Intimfeind, dem Gangsterboss Malcolm „Malk the Knife“ McLennan, nicht das Handwerk legen kann, versorgt er dessen Konkurrenten Wee Hamish Mowat mit Informationen. McRae hofft auf einen Gangsterkrieg. Stattdessen betrachtet Mowat ihn als Spitzel, bezahlt ihn neuerdings und bringt ihn dadurch erst recht in die Bredouille.

Um McRae ein wenig aus der Schusslinie zu nehmen, lässt ihn Steel ein Auge auf Richard Knox werfen. Der angeblich reuige und fromm gewordene Vergewaltiger hat sich nach Verbüßung seiner Haftstrafe in Aberdeen niedergelassen, wo er rund um die Uhr bewacht wird. Dass Knox über geheime und mächtige Verbündete verfügt, bleibt McRae verborgen, der von Steel zusätzlich auf die Suche nach ihrem Spitzel Steve Palmont geschickt wird, der seit einiger Zeit verschwunden ist. Palmont spionierte auf einer Baustelle, die zum Geschäftsimperium von McLennan gehört. Dort findet man ihn schließlich auch: unter einer meterdicken Betonplatte.

Mehrfach abgelenkt entgeht McRae, dass Knox unter Ausnutzung seiner Verbindungen einen Rachefeldzug gegen jene plant, die ihn hinter Gittern gebracht und drangsaliert haben; eine Liste, die stetig länger wird …

Spirale der irrwitzigen Gewalt

Die Welt ist schlecht, und in Schottland wird dies zusätzlich klimatisch durch allgegenwärtige Kälte und Dauerregen deutlich gemacht. Außerdem ist besagte Welt ein Irrenhaus, was nur scheinbar humorvoll durch die Beschreibung eines Polizeireviers vermittelt wird, das ausschließlich von desillusionierten Sonderlingen und karrieregeilen Dummköpfen bevölkert wird.

Auch im 6. Band seiner Logan-McRae-Serie hält Autor Stuart MacBride somit den eingeschlagenen Kurs ein. Während man ihm durchaus zutraute, ein weiteres Mal mit einem ebenso verzwickten wie spannenden Plot aufzuwarten, blieb abzuwarten, ob es ihm gelingen würde, den schmalen Grat zwischen Realität und Übertreibung zu meistern. Zu abgedreht schienen die schwarzhumorigen Späße der früheren Bände zu sein, um sie noch toppen oder wenigstens das Niveau halten zu können.

Aber MacBride kann sich abermals halten. „Dunkles Blut“ ist ebenso düsteres Krimi-Drama wie Spiegelbild einer aus den Fugen geratenen Welt. Wie üblich zersplittert der Autor den Plot in Fragmente, deren Zusammenhänge sich erst allmählich erschließen. Hinzu kommt ein roter Faden, der sich über mehrere Bände erstreckt und deshalb vor allem denjenigen Lesern erschließt, die der Serie treu folgen. Seit Jahren kämpft Logan McRae nicht nur gegen seine privaten Dämonen, sondern auch gegen den Gangster „Malk the Knife“, mit dem ihn eine seltsame Hassliebe verbindet. Aktuell kommt die Sorge um Steels Tochter, die ihre Existenz einer Samenspende McRaes verdankt: ein besonders aberwitziger Einfall des Verfassers.

Lachen, das im Hals steckenbleibt

Darüber hinaus konfrontiert uns MacBride mit dem Senioren-Vergewaltiger Richard Knox, der angeblich zu Gott gefunden hat. Geschickt verschleiert der Autor, dass diese Wendung nicht nur echt, sondern auch die Wurzel eines viel größeren Übels ist. Durch seine diversen Scharmützel ist Logan McRae leider so stark abgelenkt, dass er einen Psychologen überhört, der vor jenen Fanatikern warnt, die im selbst formulierten Auftrag eines missinterpretierten Gottes handeln.

Doch es gärt in der Unterwelt von Aberdeen, was McRae zum Teil entschuldigt. „Malk the Knife“ versucht mit allen Mitteln die Ausdehnung seines Reviers. Er missachtet wissentlich das Territorium seines Rivalen Mowat, den das Alter nicht gebrochen, sondern höchstens härter gemacht hat. Normalerweise könnte McRae darauf warten, dass die beiden Bosse sich an die Gurgel springen, doch wieder einmal hat er sich selbst ein Bein gestellt, indem er die Rivalität durch einen allzu schlauen Plan zu intensivieren versuchte. Nun betrachtet ihn Mowat als ‚seinen‘ Polizisten – ein weiteres Problem, das McRae sein Dasein erschwert.

Er steckt ohnehin tiefer in Schwierigkeiten, als er sich selbst klarzumachen wagt. Der Leser amüsiert sich über die Wortgefechte mit Vorgesetzten und Kollegen. Sie zeigen freilich, dass McRae auf der Kippe steht: Aus dem unkonventionellen aber fähigen Polizisten mit heldenhafter Vergangenheit droht ein alkohol- und streitsüchtiger Sonderling zu werden, der mit mindestens einem Bein im Gefängnis steht. Mit dem ihm in dieser Hinsicht eigenen Talent steigert McRae seine Not, indem er einen Schläger verprügelt, der diese Schmach nicht auf sich beruhen lassen wird.

Kollegen kann man sich nicht aussuchen

„Dildo“, „Bartgesicht Beattie“ und „Biowaffen-Bob“: Dies sind nur drei der seltsamen Gestalten, mit denen MacBride die engen und möglichst ungemütlichen Räume der Grampian Police bevölkert. Von oben werden sie getreten und durch absurde Vorschriften gegängelt, für moderne Ausrüstung ist kein Geld da, die Bevölkerung macht sich über sie lustig und wird von den Medien noch angestachelt. Der Ausnahmezustand ist längst Alltag geworden. Auf ihre Art versuchen die Beamten damit fertigzuwerden. Logan McRae ist keineswegs der einzige Exzentriker, den diese Situation hervorgebracht hat.

In einer globalisierten, von Profit- und Kostensenkungsdenken und dem organisierten Verbrechen dominierten Welt kämpft die Polizei auf verlorenem Posten. Nicht nur Dauerarbeitslose oder verarmte Rentner, sondern auch Handwerker oder Händler verdienen sich illegal etwas hinzu. Es wird geschmuggelt und gefälscht; sogar nachgeahmte Marken-Zahnpasta wird verhökert. Der Grampion Police gelingen selten und eigentlich sinnlose Erfolge.

Richard Knox gibt dem Chaos ein Gesicht. Verkehrte Welt: Als überführten Serien-Vergewaltiger behält man ihn nicht etwa in Sicherheitsverwahrung. Knox kehrt als freier Mann nach Aberdeen zurück, wo man ihn auf Kosten des Steuerzahlers rund um die Uhr betreuen, bewachen und vor dem wütenden Mob schützen muss, der ihn aus der Stadt treiben oder lynchen will.

Gerechtigkeit per Nachhilfe

Generell wirkt das System so erstarrt, dass Eigeninitiative gefragt ist, um den Alltag in Gang zu halten. McRaes Pakt mit Wee Mowat ist ein entsprechender, gefährlicher Versuch. Freilich legen alle auftretenden Polizisten die Dienstvorschriften großzügig aus. Der politisch korrekte Leser mag dies kritisch sehen. Allerdings wimmelt das Krimi-Genre seit jeher von Rechtsvertretern aller Art, die möglichst selbstständig ihren Jobs nachgehen.

MacBrides Weltsicht ist deprimierend aber konsequent. Also fällt das Happy-End aus. Doch nicht einmal ihre Teilsiege gönnt MacBride der Gerechtigkeit. Eine böse Coda konterkariert, was sich versöhnlich abzuzeichnen schien. Die Welt ist wie gesagt schlecht, aber es bleiben auch sonst mehr als genug lose Enden, die neugierig auf die Fortsetzung der Logan-McRae-Serie machen!

Autor

Stuart MacBride wurde im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website, die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

[md]

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Der Reinfall

Erstellt von Michael Drewniok am 31. Dezember 2010

Carl Hiaasen
Der Reinfall

(sfbentry)
Originaltitel: Skinny Dip (New York : Bantam Press 2004)
Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger
Deutsche Erstveröffentlichung:  Februar 2007 (Manhattan Verlag/Paperback Nr. 54613)
477 S.
ISBN-13: 978-3-442-54613-8
Als Taschenbuch: Januar 2008 (Goldmann Verlag/TB Nr. 46037)
477 S.
ISBN-13: 978-3-442-46037-3
Als Hörbuch: Februar 2007 (Random House Audio)
4 CDs (gekürzte Lesung, 279 min.), gelesen von Jan Josef Liefers
ISBN-13: 978-3-8660-4211-7

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Das geschieht:

Dass der Plan, ihre vor sich hin dümpelnde Ehe durch eine romantische Kreuzfahrt neu zu entfachen, gescheitert ist, weiß Joey Perrone spätestens dann, als Gatte Chaz sie des Nachts über Bord der „Sun Duchess“ stürzt. Wider Erwarten überlebt sie den Aufprall und macht sich schwimmend voller Zorn und Überlebenswillen auf den langen Weg zur leider gar nicht nahen Küste von Florida.

Dort wäre sie höchstens als Rest einer Haifischmahlzeit angetrieben, hätte sie nicht der mitternächtlich fischende Ex-Cop Mick Stranahan zufällig aus dem Wasser gefischt. Er haust auf einer kleinen Insel, wo sich Joey heimisch zu machen beginnt: Sie will sich an ihrem Ehemann rächen – und das keineswegs vor Gericht, sondern persönlich.

Warum hat Chaz Perrone sie umbringen wollen? Ein Motiv gibt es eigentlich nicht, denn an Joeys beachtliches Vermögen kommt er auch im Fall ihres Todes nicht heran. Weder Joey noch Stranahan, den die Langeweile dazu treibt, sich dem Rachefeldzug seines Gastes anzuschließen, ahnen zunächst von der Verbindung zwischen Chaz und dem kriminellen Großgrundbesitzer Samuel Johnson „Red“ Hammersnut, der in den Everglade-Sümpfen riesige Plantagen von Arbeitern bearbeiten lässt, die er wie Sklaven hält. Red leitet giftgeschwängerte Abwässer in das naturgeschützte Gelände, und Chaz, der als Biologe für den Staat arbeitet, vertuscht dies, wofür er gut bezahlt wird.

Joey und Stranahan beschließen, Chaz durch Erpressung in Angst und Schrecken zu versetzen. Leider wendet sich ihr Opfer an seinen Boss, der daraufhin den Schläger Tool zu Chaz‘ Leibwächter ernennt. Chaz selbst wird vom misstrauischen Detective Karl Roolvag beschattet, der nicht glauben mag, dass Joey ohne Nachhilfe über Bord ging. Ohne voneinander zu wissen, gehen die genannten Personen ihren Plänen nach. Natürlich kommt man einander bald ins Gehege, was eine Kette fataler, gewaltreicher und bizarrer Geschehnisse auslöst, die in einem Finale münden, das nur grotesk genannt werden kann.

Öko-Thriller ohne erhobenen Zeigefinger

Seit vielen Jahren führt Carl Hiaasen seinen Kampf gegen skrupellose Seilschaften, die möglichst den gesamten US-Staat Florida in eine betonierte Urlaubs- und Wohnanlage verwandeln wollen. 90% der ursprünglichen Urlandschaft wurden bereits zerstört und zersiedelt, und auch den Rest wollen sich kriminelle Geschäftsleute unter den Nagel reißen, wobei sie von gut geschmierten Politikern gern unterstützt werden.

Der Kampf ist ungleich, denn die wenigen Verteidiger der ökologisch wichtigen Sumpfgebiete werden als lästige Feinde des notwendigen Fortschritts dargestellt und stehen auch sonst auf weitgehend verlorenem Posten. Hiaasen hat sich dennoch nie davon abhalten lassen, in dem Versuch, das scheinbare Unvermeidliche zu verhindern, seinen ganz persönlichen Weg zu gehen. Sehr richtig geht er von der Prämisse aus, dass den meisten Menschen von Alligatoren bevölkerte Sümpfe recht gleichgültig sind und faktenreiche Aufklärungsaktionen sie bloß langweilen. Also verpackt er seine Botschaft in spannenden, sarkastisch-witzigen und gern gelesenen Thrillern, die das Problem unterhaltsam angehen und trotzdem nie verniedlichen.

„Der Reinfall“ gehört zu den Hiaasen-Romanen, mit denen sich der Autor weiter aus dem Fenster lehnt als sonst. Die fortgesetzte Vernichtung Floridas scheint ihn zu beflügeln, wenn er sich als Schurken keinen Drogendealer oder den im Krimi-Genre der Gegenwart so beliebten Serienkiller wählt, sondern einen Plantagenbesitzer, der in Obst und Gemüse macht. Bei näherer Betrachtung sind freilich auch in diesem Gewerbe mafiöse Machenschaften üblich, und „Red“ Hammersnut ist deshalb als Bösewicht überaus glaubhaft.

Kleine, unberechenbare, verrückte Leute

Joey Perrone will sich an ihrem mörderischen Gatten rächen. Mick Stranahan unterstützt sie, als er erfährt, dass dieser ein Biologe in Staatsdiensten ist, der helfen soll, die gefährdeten Sümpfe zu bewahren. Stattdessen hat sich Chaz Perrone auf die Seite des Feindes geschlagen und treibt auf seine Weise den Ausverkauf der Natur mit voran. Das kann und will Stranahan nicht dulden.

Das Fundament ist gelegt, als Katalysator für das Folgende fügt Hiaasen noch den verrückten Gangster Tool hinzu. Damit nimmt die Geschichte ihren höchst irrwitzigen Gang. Was schon im Plan recht unausgegoren klang, entwickelt sich zum totalen Fiasko. Sowohl Stranahan und Joey als auch Hammersnut, Charles und Tool verlieren die Kontrolle über die Ereignisse. Was schief gehen kann, geht auch schief, und Hiaasen beschreibt dies mit dem ihm eigenen Einfallsreichtum.

Die Handlung wirkt besonders abgedreht, weil der Verfasser über einen echten Sinn für Humor verfügt (der stabil genug ist, die Übersetzung zu überstehen). Das plumpe Kalauern, mit dem uns z. B. deutsche ‚Comedians‘ belästigen, ist Hiaasens Sache nicht. Sein Witz ist einfallsreich und knochentrocken, und er unterstreicht das Geschehen, ohne ihm die Spannung zu rauben. Die Stimmung kann schnell ins Gewalttätige umschlagen, was daran erinnert, dass Umweltzerstörung kein Kavaliersdelikt ist.

Idealistischer Kern in harter Schale

Durch das turbulente Garn führt ein alter Bekannter: Mick Stranahan war schon in mehreren Hiaasen-Romanen die Hauptfigur. Er stellt das Alter Ego seines geistigen Vaters dar, das dieser dort kräftig zuschlagen lassen darf, wo er selbst sich zurückhalten muss. Stranahan ist der Stachel im Fleisch des korrupten Florida-Establishments, weshalb man ihn auch mit 39 Jahren nach dem politisch unkorrekten Feuergefecht mit einem kriminellen Richter zwangspensioniert hat. Damit hat er sich nur oberflächlich abgefunden. Finanziell leidlich abgesichert, hat sich Stranahan an den Rand der Gesellschaft zurückgezogen. Doch die Zivilisation folgt ihm so zügig, dass er nur ohnmächtig zuschauen kann, wie sich seine Zufluchtsstätten in überteuerte, uniformierte Wohnslums verwandeln.

Die Wut über den Ausverkauf treibt Stranahan regelmäßig in seltsame Abenteuer. Lässt er sich erst nur von Joey Perrone um den Finger wickeln – Stranahan kann trotz sechs gescheiterter Ehen nicht von den Frauen lassen –, steigt er voll in deren Racheplan ein, nachdem Chaz Perrones Verrat an der Natur offenbar wird.

Galerie des grotesken Scheiterns

Chaz schildert Hiaasen als Verkörperung des Versagens, dessen sich der Staat Florida schuldig macht. Ebenso intensiv wie ungeschickt bemüht man sich seit einigen Jahren, den kläglichen Rest der Everglade-Sümpfe zu bewahren. 8 Milliarden Dollar lässt man sich das kosten – Geld, das in allerlei dunklen Kanälen versickert. Wieso das so ist, demonstrieren Zeitgenossen wie Chaz Perrone, ein miserabler Biologe, der sich seinen Doktortitel von einem Gangster kaufen ließ, dem er dafür gefälschte Gutachten liefert.

„Red“ Hammersnut darf dafür die Abwässer seiner Plantagen weiterhin ungeklärt in die Sümpfe abfließen lassen. Er ist der moderne Nachfahre jener Räuberbarone, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert die USA als ihren Privatbesitz betrachteten, den sie ausbeuten und zerstören konnten, wie es ihnen beliebte. Heute sind die Gesetze scheinbar gegen sie, doch Hiaasen lässt uns durch Hammersnut vorführen, wie der Staat an der Nase herumgeführt wird. Die Zeche zahlt wie immer der brave, dumme Bürger, der sich an die Regeln hält, die für einen Hammersnut keine Gültigkeit besitzen.

Joey Perrone ist eine Frau, die endlich aufwacht. Bisher hat sie nach Mr. Right und einem Leben in traulichen Zweisamkeit getrachtet. Wie sehr sie gescheitert ist, musste sie erst der Sturz in den Ozean lehren. Nun will sie Vergeltung, ohne freilich zu ahnen, welche Aktivitäten sie damit in Gang setzt. Aber Joey ist lernfähig und in der Lage, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen. Sie bekommt sogar ihren Kick an der Seite Stranahans, der eine anarchische Seite des Daseins verkörpert, die ihr bisher verschlossen geblieben ist.

Tool reiht sich in die Schlange der bizarren Killergestalten ein, die Hiaasen seit Jahren auf seine Romanhelden loslässt. Schon der Name macht deutlich, wo Tool in der Gesellschaft steht: ganz unten: ein Werkzeug, das sich einsetzen lässt, ohne sich um Gesetze oder Moral zu kümmern. Tool ist eine Furcht erregende Gestalt, doch Hiaasen schildert ihn als fast sympathischen Schuft, der mit diversen, recht peinlichen Problemen zu kämpfen hat und gar nichts mit den glanzvollen Hollywood-Bösewichten gemeinsam hat. In dem Chaos, das ein Leben in Florida bedeutet, wirkt ausgerechnet Tool wie ein ruhender Pol. Er tut, was man ihm sagt, und kümmert sich um die großen Dinge dieser Welt einen Dreck. Das bewahrt ihn allerdings auch nicht vor einem Schicksal, das ihm im unpassenden Moment dicke Knüppel zwischen die Beine wirft, um ihm letztlich ein absurdes Happy-End und dem Leser die perfekte Abrundung eines enormen Lektürevergnügens zu gönnen.

Autor

Carl Hiaasen wurde 1953 in Florida geboren, ging hier zu Schule, studierte (bis 1974) Journalistik und ging anschließend zum „Miami Herald“. Bei dieser Zeitung ist er noch heute angestellt und schreibt Kolumnen und Berichte, in denen er jene Sünden anprangert, mit denen wir auch in seinen Romanen immer wieder konfrontiert werden. Zu schaffen macht Hiaasen besonders der unentwirrbare Filz aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen, der Florida in Sachen Korruption und Umweltzerstörung einen traurigen Spitzenplatz in den USA garantiert.

Da Hiaasen die Erfahrung machen musste, dass seine wütenden Attacken im täglichen Mediengewitter mehr oder weniger untergingen, begann er ab 1981 Romane zu schreiben, die in spannender Thrillerform und scheinbar fiktiv die genannten Missstände auch jenem Publikum nahe zu bringen, die gemeinhin nur den Sportteil einer Zeitung zur Kenntnis nehmen.

Hiaasen schrieb seine ersten drei Romane mit dem Journalisten-Kollegen William D. Montalbano, bevor er sich mit „Tourist Season“ (dt. „Miami Terror“) 1986 quasi selbstständig machte. Schon früh begann er damit, die bittere Medizin, die er verabreichen wollte, zu versüßen, indem er dazu überging, immer groteskere Plots für seine ohnehin actionbetonten Geschichten zu entwerfen. Ironie und Sarkasmus, die jederzeit in blanken Zynismus umschlagen können, demaskieren die Welt, wie Hiaasen sie in Florida vorfindet, als Tollhaus. Die Rechnung ging auf: Weil Hiaasen sein Talent, wirklich krude Geschichten mit knochentrockenem und dadurch um so wirksamerem Witz zu entwerfen, rasch zur Perfektion entwickelte, fand er sein Publikum, das ihm – aus gutem Grund – treu geblieben ist. Er informiert es auf seiner vorbildlichen Website.

[md]

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Ein reines Gewissen

Erstellt von Michael Drewniok am 1. August 2010

Ian Rankin
Ein reines Gewissen

Originaltitel: The Complaints (London : Orion 2009)
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2010 (Manhattan im Goldmann Verlag)
512 S.
ISBN-13: 978-3-442-54650-3

Als eBook: März 2010 (Goldmann Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03854-0

Als Hörbuch: März 2010 (Random House Audio)
6 CDs (= 420 min.), gelesen von Heikko Deutschmann
ISBN-13: 978-3-8371-0292-5

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Das geschieht:

Malcolm Fox: geschieden, trockener Alkoholiker und Mitarbeiter der Dienstaufsichtsbehörde der Lothian and Borders Police im schottischen Edinburgh. Weil er den Kollegen auf die Finger schaut, ist er höchst unbeliebt. Gerade hat er den zwar korrupten aber ungemein beliebten Glen Heaton vom Revier Torphichen Place zu Fall gebracht und sich dadurch verhasster denn je gemacht.

Dies nutzt Detective Chief Inspector William „Bad Billy“ Giles, Heatons bester Freund, rachsüchtig aus, als Vince Faulkner, der Lebensgefährte von Foxes Schwester Judith, erschlagen aufgefunden wird. Giles nimmt Judith in die Mangel, aber noch stärker würde es ihn freuen, könnte er dem Bruder eine Beteiligung an dem Verbrechen nachweisen: Faulkner hat Judith schwer geschlagen, und der wütende Fox wusste davon.

Zu allem Überfluss überträgt Giles den Mordfall seinem Detective Sergeant Jamie Breck. Genau diesen sollte Fox just für DS Anthea „Annie“ Inglis von der Kinderschutz-Abteilung der Polizei überwachen, denn Breck steht im Verdacht, pädophil zu sein und verbotene Sex-Fotos in einschlägigen Internet-Kreisen zu tauschen. Noch fehlen eindeutige Beweise, und diese zu beschaffen, fällt Fox immer schwerer, denn Breck scheint ein ehrlicher Polizist zu sein, den er zunehmend sympathischer findet.

Die Schlinge um den Hals des Beamten zieht sich zu, bis Fox zum Gegenangriff übergeht. Er zieht eine kleine Gruppe von Kollegen und Freunden auf seine Seite und erkennt, dass er als Bauernopfer in einer Intrige dienen soll, in die nicht nur hochrangige Polizisten, sondern auch Stadtpolitiker, Geschäftsleute und Gangster verwickelt sind, die in der aktuellen Wirtschaftskrise gefährdete Investitionen sichern wollen und dabei vor keiner Gewalttat zurückschrecken …

Behutsame Übergabe des Staffelholzes

Eine etablierte, gut laufende und bei den Lesern beliebte Serie abzuschließen, birgt für einen Schriftsteller gleichermaßen Möglichkeiten und Risiken. Nach 17 Romanen um John Rebus war Ian Rankin in eine schöpferische Sackgasse geraten. Aus der Figur hatte er herausgeholt, was sie ihm zu bieten schien. Sich ihrer zu entledigen, gestattete einen Neubeginn ohne eine Rebus-Chronologie, die einen beachtlichen Umfang angenommen hatte und deren Beachtung der kritische Leser forderte.

Aber würden besagte Leser eine gänzliche neue Figur akzeptieren? Die Frage bleibt offen, denn mit „Ein reines Gewissen“ hat sie Rankin keineswegs beantwortet: Dieser erste Krimi um Malcolm Fox liest sich wie der 18. Rebus-Roman, denn höchstens der Name und einige wenige Charakterzüge unterscheiden den alten vom neuen ‚Helden‘.

Nicht einmal den Ort des Geschehens hat Rankin gewechselt. Wieder spielt sich die Geschichte im schottischen Edinburgh ab. Wir lesen vertraute Namen und finden uns in bekannten Polizeirevieren wieder, in denen nur das Personal gewechselt zu haben scheint. Oder werden wir in den nächsten Fox-Folgen auf bekannte Figuren stoßen? Generell herrscht jedenfalls die Rebus-typische Routine, es werden vertraute Polizei-Witze gerissen und Intrigen gesponnen.

Die alten = die neuen Schurken

Auch außerhalb des polizeilichen Umfelds finden wir eine bekannte Welt wieder, in der Politik, Wirtschaft, Gesetz und Verbrechen dicht miteinander verwoben sind. Rankin hat stets tagesaktuelle Ereignisse aufgegriffen und in seine Romane einfließen lassen. Dort dienen sie entweder dem Plot, oder sie stellen Kommentare dar, in denen der Verfasser seine Kritik an bestimmten Missständen mit den Lesern teilen möchte.

Diese Kritik geht meist in dieselbe Richtung: Die Großen bereichern sich, die Kleinen zahlen die Zeche. Durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 hat sich diese Ungerechtigkeit verstärkt. Rankin schildert Spekulanten, die nach dem Zerplatzen der künstlich aufgeblähten Finanzblase panisch versuchen, ihre auf Pump zusammengerafften Vermögen in Sicherheit zu bringen. Dabei lassen sie letzte Reste von Rechtmäßigkeit, Rücksicht und Moral fahren. Der Mord an Vince Faulkner wird zur bitteren Fußnote eines Krisengeschehens, das sich erdrutschartig von ‚oben‘ nach ‚unten‘ fortsetzt: Der ahnungslose, dumme Normalbürger taugt immer noch als Kanonenfutter, das der in Geldnot geratene Spekulant den Wölfen vorwerfen kann, während er schwer mit Schätzen beladen die Flucht in die aktuelle Steueroase fortsetzt.

Auf die Solidarität ebenfalls angeschmierter Leidensgenossen sollte der gewöhnliche Steuerzahler dabei nicht rechnen. Malcolm Fox wird Opfer einer Intrige, aber vielleicht sollte man lieber von einem ganzen Bündel intriganter Vorgänge sprechen, die Rankin im Finale (ein wenig locker aber logisch) zu einem Gesamtkomplott bündelt. Dabei enthüllt er besonders infame Mechanismen des Machterhalts, die u. a. Mobbing und die gegenwärtige Angst des Arbeitsnehmers vor dem Jobverlust einschließen: Fox gerät auch deshalb in die Bredouille, weil korrupte Vorgesetzte ehrgeizigen Untergebenen ein paar Brocken hinwerfen: Als Gegenleistung für die Versetzung eines ungeliebten Kollegen wird deshalb ein schuldfreier Polizist angeschwärzt.

Einzelgänger mit großer Freundesschar

In diesem Haifischbecken tummelte sich Malcolm Fox bisher regelkonform. Dass er sich plötzlich vom kleinen Fisch in einen bissigen Flossenbeißer verwandelt und dennoch glaubwürdig bleibt, verdankt Rankin dem Trick, Fox in eine Abteilung zu versetzen, in der Tricks und doppelte Böden zum Arbeitsalltag gehören. Als Mitglied der Dienstaufsicht kennt er die Kniffe verdächtiger Kollegen. Dieses Wissen kann er nutzen, als ihm übel mitgespielt wird.

Die Genese vom Querkopf zum Quertreiber, der sich nicht verheizen lassen will, gelingt auch deshalb so bruchlos, weil Fox als Figur sehr vertraute Züge aufweist. Die Ähnlichkeit zwischen Fox und Rebus wurde schon angesprochen. Womöglich wäre „Deckungsgleiche“ der treffendere Ausdruck. Die Parallelen gehen bis in die Details; sie schließen die Wohnkultur, das komplizierte Verhältnis zu Frauen, das Schimpfen über die ewig verstopften Straßen von Edinburgh oder das Wetter ein.

Wie der bärbeißige Rebus kann auch Malcolm Fox auf ein erstaunliches Netzwerk ihm gewogener Kollegen und Freunde zurückgreifen. Eigentlich steht er nie allein gegen alle. Gerät Fox einmal in eine Sackgasse, erreicht ihn garantiert ein Handy-Anruf, der ihn erneut auf eine alternative Spur bringt. Das Tempo ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Schwieriger fällt es, die Details der monströsen Verschwörung im Hinterkopf zu behalten, während die Handlung zügig weiter voranschreitet.

In die Erleichterung darüber, dass Fox den Einstieg in die neue Rankin-Serie so erleichtert, mischt sich dennoch Ärger: Wieso hat der Autor Rebus abgesägt, um ihn quasi umgehend wiederauferstehen zu lassen? Wie wäre es mit einem echten Neustart? Oder sollte man lieber froh sein, dass Rankin nicht auf Biegen und Brechen versucht, das Rad neu zu erfinden? „Ein reines Gewissen“ bietet inhaltlich (oder formal) keine Originalität. Was Rankin beherrscht – es ist bekanntlich eine ganze Menge –, variiert er jedoch so gut, dass einmal mehr ein überdurchschnittliches Lektürevergnügen daraus entspringt.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 (vorläufig?) in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers’ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

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Ein Rest von Schuld

Erstellt von Michael Drewniok am 14. März 2010

rankin-rebus-rest-cover-tb-2010Ian Rankin
Ein Rest von Schuld

Originaltitel: Exit Music (London : Orion Books Ltd. 2007/New York : Little, Brown and Company 2008)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2008 (Manhattan im Goldmann Verlag)
541 S.
ISBN-13: 978-3-442-54639-8
Als Taschenbuch: Februar 2010: (Goldmann Verlag/TB Nr. 46940)
541 S.
ISBN-13: 978-3-442-46940-6
Als eBook: März 2009 (Manhattan im Goldmann Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-02539-7

Das geschieht:

Der gefürchtete Tag naht in Riesenschritten: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei im schottischen Edinburgh geht in Rente! Was er im Ruhestand mit sich anfangen soll, ist dem leidenschaftlichen Polizisten ein Rätsel. Mit Leib und Seele klammert er sich deshalb an seinen letzten Fall: In einem Parkhaus wurde der Dichter Alexander Todorow brutal zu Tode geprügelt. Er galt als Dissident und Kritiker des ‚neuen‘ kapitalistischen Russland, das er vor vielen Jahren verlassen musste.

Der Mord an Todorow gilt als Raubüberfall. Als solchen würde ihn die Polizei gern zu den Akten legen, doch da ist Rebus vor! Mit seiner widerstrebenden Partnerin Siobhan Clarke ermittelt er eifrig in alle möglichen und auch unmöglichen Richtungen. Dabei stößt er auf Sergei Andropow, einen undurchsichtigen ‚Geschäftsmann‘, der als Mitglied einer russischen Geschäftsdelegation Edinburgh bereist. Als potenter Investor wird er von der Politik und vom Kapital fürstlich empfangen und gebauchpinselt, weshalb Rebus‘ Interesse als störend empfunden wird, zumal der Inspector entdeckt, dass Todorow und Andropow sich kannten. Darüber hinaus gibt es Verbindungen zwischen Andropow und Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, den Unterweltboss von Edinburgh und Rebus‘ Erzfeind. Offenbar plant die schottische Mafia im Bund mit den russischen ‚Kollegen‘ ein gewaltiges Spekulationsgeschäft, an dem sich einige Politiker und Großbanker beteiligen und bereichern wollen.

Bekam Pechvogel Todorow Wind von der Sache und wurde deshalb ausgeschaltet? Erging es einem allzu neugierigen Tonstudiobetreiber ähnlich, der zur nächsten Leiche wird? Die wahre Dimension der Ereignisse stürzt Rebus in tiefe Verwirrung, denn manchmal steckt weniger hinter einer Sache, als vermutet wird …

„All good things …“

Es ist soweit: Der 17. Fall von John Rebus wird sein letzter sein. In Schottland werden Kriminalbeamte mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres in den Ruhestand geschickt. Da Ian Rankin Rebus in dessen 40ern erstmals ermitteln und ihn chronologisch korrekt altern ließ, ist diese Altersgrenze erreicht – ein Fehler, wie Rankin kokett zugibt, obschon er vermutlich ganz froh ist der Fron entronnen zu sein, sich auf hohem Niveau neue Kriminalgeschichten um seinen allmählich auserzählten Helden ausdenken zu müssen. Außerdem ist das letzte Wort nicht gesprochen: Das spektakuläre und offene Ende von „Ein Rest von Schuld“ verlangt eigentlich eine Fortsetzung.

Doch erst einmal führt uns Rankin in „Ein Rest von Schuld“ ein letztes Mal vor, was wir so an Rebus schätzen: sein Talent als Kriminalist ebenso wie seine Respektlosigkeit vor Autoritäten, die sich Anerkennung nicht verdient haben sondern sie wie ein fürstliches Privileg einfordern. Die intensive Fahndung nach dem Mörder eines russischen Dichters, der ebenso unbequem war wie der schottische Polizist, bekommt einen tragischen Unterton durch die Wehmut, die sogar der betont sachliche Rebus nicht unterdrücken kann: „Ein Rest von Schuld“ kreist immer wieder um die Frage, was einen Mann ohne echtes Privatleben erwartet, der seinen Job verlieren wird.

„Brave, new, criminal world“

Die Weltuntergangsstimmung spiegelt sich im ‚Fall‘ und damit in der eigentlichen Handlung wider. Einmal mehr greift Rankin das moderne bzw. ‚globalisierte‘ Verbrechen auf. Schon vor dem Banken- und Börsencrash von 2008 zeichnete sich eine Verschiebung in den weltwirtschaftlichen Strukturen ab. Während Nordamerika und Europa an Bedeutung verlieren, gewinnen Asien und die ehemals zur Sowjetunion gehörenden Staaten mehr und mehr Einfluss. Sie sind deshalb als Investoren sehr beliebt geworden, wobei die Politiker, Konzerne und Banken des Westens geflissentlich übersehen, aus welchen oft trüben Quellen sich die Vermögen der neuen Herren oft speisen. Der Zweck heiligt angeblich die Mittel, und auch dieses Geld stinkt nicht mehr, wenn es seine in sicherer Entfernung angesiedelten Empfänger erreicht hat.

Gesetze oder gar moralische Grundsätze gelten der Wirtschaftselite als lästige Hindernisse, die im Rahmen der Gewinnmaximierung strategisch eingeplant aber möglichst nicht beachtet werden. Angesichts einer solchen Haltung ist es nur ein Schritt bis zur ‚Zusammenarbeit‘ zwischen Großkonzernen, Banken und dem organisierten Verbrechen. Rankin verankert diesen Plot an einem realen Vorfall, auf den er im Verlauf der Handlung mehrfach zurückkommt: Im November 2006 wurde Alexander Litwinenko, ein energischer Kritiker der aktuellen russischen Politik und als Ex-Agent intimer Kenner ihrer dubiosen Praktiken, vergiftet. Er starb nach einem dreiwöchigen Todeskampf; Indizien weisen darauf hin, dass sich das Kreml-Regime eines unangenehmen Kritikers entledigt hat. Ob dies zutrifft, bleibt vermutlich ungeklärt, doch Rankin fand hier den Ansatz, den er für seinen Plot benötigte.

Elegant schlägt er den Bogen zum ‚heimischen‘ Verbrechen. Seit 1999 besitzt Schottland ein eigenes Parlament. Vielen Lokalpatrioten geht dies längst nicht weit genug; sie wollen Schottland von Großbritannien abkoppeln, einen selbstständigen Staat gründen und die Erdöl- und –gasvorkommen in Nordsee und Atlantik allein ausbeuten. In einem unabhängigen Schottland würden die politischen und wirtschaftlichen Karten neu gemischt: Rankin spekuliert, wie das aussehen könnte.

Freilich fährt Rankin seine schweren Geschütze dieses Mal vor allem zur Verwirrung seiner Leser auf. Der Plot ist eine große Täuschung und bietet viel Getöse, das sich im Finale in Nichts auflöst. Das wird entweder als Enttäuschung empfunden oder mit Bewunderung zur Kenntnis genommen, da Rankin ein Schlusstwist gelingt, der das zuvor Geschehene völlig auf den Kopf stellt. Zwar hört man die hoch aufgetürmte Geschichte über ihrem Fundament knirschen, wenn sie abrupt in eine gänzlich neue Richtung gerissen wird. Die Überraschung gelingt immerhin, auch wenn Rankin seinem Publikum gegenüber nicht gerade fair geblieben ist: Mit dieser Auflösung war nicht zu rechnen.

„Keep them doggies rolling …”

17 Rebus-Romane schrieb Ian Rankin in zwei Jahrzehnten. Sie galten der Kritik bereits in den 1990er Jahren als vorbildliche, d. h. nicht nur eine explizite Sicht auf das Verbrechen in der modernen (urbanen) Gesellschaft vertretende, sondern auch spannend, tragisch und witzig geschriebene (Kriminal-) Romane. Das schürte die Erwartungshaltung, der Rankin spätestens im neuen Jahrtausend nicht mehr mit jedem neuen Band gerecht werden konnte. Die Romane wurden länger, die Plots komplexer und verschlungener, doch die alte Intensität ließen sie vermissen. Rebus wandelte weiter am Rande der Selbstzerstörung, aber wir Leser waren uns zunehmend sicherer, dass Rankin ihn nicht fallen lassen würde. Das war in den frühen Bänden erschreckend anders.

Im Vergleich mit (furchtbar) vielen anderen Schriftstellern hielt Rankin als Autor der Rebus-Krimis ein überdurchschnittliches Niveau. Den Abenteuern seiner ebenso realistisch wie liebevoll gezeichneten Figuren folgte man weiterhin gern. So könnte es Rankin noch eine ganze Weile fortsetzen. Er mag nicht mehr und legt zumindest eine Pause ein. Dass er es ernst meint, zeigte er mit „Der Mackenzie-Coup“ (2008: „Doors Open“), dem ersten ‚Non-Rebus‘-Roman seit 1995, dem weitere rasch folgten.

Schon leiden die Rebus-Fans unter Entzugserscheinungen. In diversen Krimi-Foren wird eifrig über Fortsetzungsszenarien für die Serie diskutiert. Favorisiert wird offenbar eine Variante, die Siobhan Clarke die polizeiliche Hauptrolle übernehmen lässt, während Rebus als nun privater Ratgeber (und Unruhestifter) im Hintergrund wirkt. Dies sind indes reine Wunschvorstellungen, zu denen Rankin sich nur unverbindlich äußert.

Es gilt also tatsächlich Abschied zu nehmen. Nach der Lektüre von „Ein Rest von Schuld“ geschieht dies mit der gebührenden Wehmut, in die sich ein wenig Erleichterung mischt: Rebus tritt in Würde ab, bevor er seinen Biss verliert. Das ist so manchem anderen Serienhelden leider nicht gelungen.

Epilog

„Does it really mean we’ve seen the last of Rebus?  I’m still not convinced. There’s no way he’s going gentle into that dark retirement. And I still like to spend time with him. Maybe one day …” (Ian Rankin in seinem Newsletter, Ausgabe August 2008)

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Zunächst hoffnungsvoller Poet, wechselte er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers’ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

[md]

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Im Namen der Toten

Erstellt von Michael Drewniok am 4. September 2009

rankin-name-der-toten-cover-tb-2009Ian Rankin
Im Namen der Toten

Originaltitel: The Naming of the Dead (London : Orion Books Ltd. 2006/New York : Little, Brown and Company 2007)
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2007 (Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag)
589 S.
ISBN-13: 978-3-442-54606-0
Als Taschenbuch: April 2009 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46941)
589 S.
ISBN-13: 978-3-442-46941-3

Das geschieht:

Edinburgh steht in diesem Sommer des Jahres 2005 ganz im Zeichen des 31ten G8-Gipfels. Staatsoberhäupter, Minister und Fachleute aus aller Welt treffen sich im unweit der Stadt gelegenen Gleneagles Hotel, um auf Einladung des britischen Premierministers Tony Blair über globalpolitische Themen zu verhandeln. Ihnen folgen unzählige Protestgruppen, die die versammelte Führungselite in Anwesenheit der Medien an Versäumnisse und Fehler zu erinnern gedenken. Die Stadt gleicht einer Festung, Polizei, Sicherheitskräfte und diverse Geheimdienste bemühen sich um die Sicherheit der G8-Teilnehmer.

Nur einer bleibt außen vor: Detective Inspector John Rebus steht ein Jahr vor seiner Pensionierung endgültig auf dem Abstellgleis. Seine Vorgesetzten wollen den querköpfigen Polizisten vorsichtshalber ausgrenzen, doch sie begehen einen Fehler: Geblendet von der Chance, sich im Rahmen des Gipfels zu profilieren, lassen sie die Zügel locker, was Rebus umgehend nutzt, seine Fehde mit Morris Gerald “Big Ger” Cafferty, einem gefürchteten Gangsterboss, fortzusetzen.

Als Ansatz dient ihm der Mord an dem Vergewaltiger und Schläger Cyril Colliar, der in Caffertys Diensten stand. Spuren sind rar, bis ein Stück der Jacke des Opfers gefunden wird. Weitere Kleidungsfetzen machen deutlich, dass Colliar nur ein Opfer eines Serienkillers ist, der es auf Sexualstraftäter abgesehen hat.

Die Ermittlungen gestalten sich wegen des Gipfels schwierig. Trotzdem findet Rebus die Zeit, sich in einen zweiten Fall einzumischen: Ein Abgeordneter aus London stürzt über die Zinnen des Edinburgher Schlosses, was den arroganten aber leider hochrangigen Geheimdienstler Steelforth auf den Plan ruft, der den beharrlich und ohne Rücksicht auf diplomatische Befindlichkeiten ermittelnden Rebus deckelt.

An zu vielen Fronten gleichzeitig unter Druck geratend, muss Rebus noch weiter aus der Deckung als sonst und kann doch nicht verhindern, dass ihm Cafferty, diverse moralisch korrumpierte Machtmenschen sowie ihre willig mörderische Drecksarbeiten erledigenden Schergen das Leben zur Hölle machen …

Gar lästig ist das eigene Volk …

Wieder einmal nutzt Rankin die Gelegenheit, im Rahmen eines Kriminalromans aktuelle Blicke auf ‘sein’ Edinburgh zu werfen. Schon mehrfach hat er einen Rebus-Fall mit realen Ereignissen verknüpft. Dieses Mal ist es das G8-Treffen vom Juli 2005. Es bot sich für den kritischen Rankin förmlich an: Ein eitler Premierminister lädt die Welt nach Schottland ein, um sich dort umgehend mit seinen Gästen wie in einem belagerten Fort förmlich einzuigeln.

Der ‘Feind’ ist die Schar der Kritiker, die Blair und die Politik, für die er und seine Gäste stehen, als Kette krimineller Fehlentscheidungen betrachten. Auf dem G8-Programm standen besonders neuralgische Punkte wie die globale Klimaveränderung, der Krieg gegen den Terrorismus, Reformen für den Nahen Osten und die Neuregelung der Entwicklungshilfen für Afrika. Von den Medien dazu ermuntert, schaute die Welt für einige Tage auf Schottland, und das bot sowohl den Teilnehmern des Gipfels als auch ihren Gegnern die Gelegenheit zur Selbstdarstellung.

Ian Rankin hat 2005 in Edinburgh die Ereignisse um das G8-Treffen beobachtet und seine Tauglichkeit als Hintergrund für einen Rebus-Roman erkannt. Sarkastisch teilt er nach beiden Seiten aus; es trifft die selbstherrlich unter sich tagenden Politiker und die mehr an Randale als an konstruktiver Opposition interessierten Protestler gleichermaßen.

Modern in archaischer Kulisse

Vor diesem eindringlich dargestellten Chaos wirkt es beinahe logisch, dass ein Mordkomplott und die Taten eines vigilantischen Serienkillers von allen Beteiligten eher als Ärgernisse und Nebensachen betrachtet werden. Womöglich kommt das diesem Roman zugute, denn als Krimi bietet Rankin mit “Im Namen der Toten” jenseits der G8-Kulisse und Rebus’ Ringen mit “Big Ger” Cafferty vor allem Routine.

Einmal mehr tanzt Rankin auf zu vielen Hochzeiten. Die beiden Mord-Plots reichen ihm noch nicht, im letzten Drittel lässt er Siobhan Clarke den Sirenengesängen Caffertys erliegen, aus dessen Fängen sie Rebus nun auch noch retten muss.

Ein wenig kurz kommt dieses Mal Rankins Vorliebe für obskure Stätten seiner schottischen Heimat. Immerhin spielt der “Clootie Well” eine wichtige Rolle: Eigentlich auf der Black Isle nördlich von Inverness gelegen und vom Verfasser kurzerhand in die Nähe von Edinburgh verlagert, ist dies eine Quelle, der seit ‘heidnischer’ Zeit eine Glück spendende Wirkung nachgesagt wird. Als ‘Opfer’ hängen die Wünschenden Kleidungsstücke in die Äste der Bäume und Sträucher um die Quelle. Da diese Textilien mit der Zeit verrotten, ergibt sich ein in heutiger Zeit unwirklicher und unheimlicher Anblick, was Rankin sehr gut in seine Geschichte einzuflechten weiß.
Figuren

Wehe, wenn er losgelassen …

Wieder einmal müssen John Rebus’ Vorgesetzte feststellen, wie wahr dieses alte Sprichwort ist. Sie glaubten ihn dieses Mal fern aller Orte, an denen er, der nie Rücksicht auf politische Konstellationen und Absprachen nimmt, keinen Unfrieden stiften kann. Irrtum, denn Rebus weiß um seine Narrenfreiheit: Ein Jahr vor seiner Pensionierung kann ihm kaum mehr etwas anhaben, und das nutzt er gnadenlos aus.

Offener denn je verleiht Rankin seinem Unmut über die servile Vertrautheit der kommunalen Obrigkeit mit der Politik, der Wirtschaft und den Medien Ausdruck. Die Welt wurde längst unter diversen Großkonzernen aufgeteilt, die Politiker sind zu ihren Erfüllungsgehilfen degeneriert, was sich durch die Instanzen der Macht hinab fortsetzt. Unten steht der Bürger, gleichermaßen belogen wie desillusioniert. Das macht ihn nicht zum besseren Menschen: Formiert er sich, dann übernimmt er im Kleinen die Motive und Verhaltensweisen der Großen. Eine Diskussion zwischen Unten und Oben scheint ohnehin unmöglich geworden zu sein. Rankin schildert detailliert die eingefahrenen Mechanismen, nach denen Protest heutzutage von ‘hauptberuflichen’ Demonstranten, der Staatsgewalt und den Medien als Schauspiel inszeniert wird.

Dass sein Job, der ihm trotz der damit verbundenen Härten alles bedeutet, bald ein Ende haben wird, bedrückt Rebus sehr. Vor allem ist da eine alte Rechnung offen. Seinen Erzfeind “Big Ger” Cafferty, mit dem ihn freilich auch sorgsam unterdrückte kameradschaftliche Gefühle verbinden, will Rebus unbedingt noch zur Strecke bringen. Das scheint schwieriger denn je, denn ausgerechnet der alte Gauner versorgt ihn mit nützlichen Hinweisen, mimt scheinheilig den geläuterten, altersweisen Mitbürger und beweist auch auf diesem glatten Parkett mehr Standfestigkeit als Rebus.

Nicht einmal auf Siobhan Clarke kann sich Rebus verlassen. Dabei setzt er vor allem auf sie seine Hoffnungen auf eine Veränderung eingeschliffener Polizeiroutinen, die nur mehr Karrieristen und Speichellecker in die oberen Ränge zu befördern scheinen. Clarke weiß, was sie ihrem Mentor verdankt, und sie ist sichtlich gereift, seit sie zum ersten Mal seinen Weg kreuzte. Dennoch fehlt ihr die Erfahrung mit Menschen wie “Big Ger” Rafferty, der sie für eine Gefälligkeit zahlen und bluten lässt. Obwohl dieser Handlungsstrang zur inhaltlichen Überfrachtung des Romans beiträgt, liest sich das Tauziehen um Clarkes Seele zwischen Rebus und Cafferty äußerst spannend. Es dient außerdem eine Vorbereitung auf die Zeit nach Rebus’ Pensionierung: Es zeichnet sich ab, dass er Clarke auch als Vertraute im Polizeidienst aufgebaut hat, die ihm helfen wird, weiterhin auf Schurkenfang zu gehen. Das wollen wir jedenfalls hoffen, denn “Im Namen der Toten” liest sich einmal mehr so spannend, dass der Gedanke an ein Ausbleiben weiterer Fälle schreckt!

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Zunächst hoffnungsvoller Poet, wechselte er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers’ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

[md]

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