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neuauflage

Gefährten der Nacht

Erstellt von Michael Drewniok am 2. Januar 2012

Hans Joachim Alpers (Hg.)
Gefährten der Nacht

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Josette Haferkorn, Inge Holm, Ingrid Neumann, Rainer Schmidt, Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Phantastica 1821)
191 Seiten
7,80 DM
ISBN-10: 3-8118-1821-X

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Inhalt:

In zwölf Storys gehen keine Gespenster oder Werwölfe um; thematisiert werden die traumhaften, surrealen Seiten der Phantastik:

- William F. Wu: Wongs Fundsachen (Wong’s Lost and Found Emporium, 1982): In diesem seltsamen Laden kannst du sogar ein neues Leben zu kaufen; doch Vorsicht: Irrtümer kommen vor, und die Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen.

- Ray Bradbury: Baby (The Small Assassin, 1943/54): Dieser Säugling könnte seine Eltern aus dem Weg räumen, wenn er unzufrieden ist – und das geschieht oft …

- Peter W. Bachs: Backsteinhaus (1985): Bisher ist er nur im Traum jede Nacht aus dem Fenster gefallen, aber was würde geschehen, sollte sein Schlaf-Sturz einmal nicht durch Erwachen enden?

- Lucius Shepherd: Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte (The Man Who Painted the Dragon Griaule, 1984): Der Maler Meric Cattanay will einen gebirgsgroßen Drachen gleichzeitig bemalen und ihn durch die Farbe vergiften.

- Bob Leman: Der Tehama (The Tehama, 1981): Ein raffgieriges Bleichgesicht setzt indianische Magie ein, um die reiche Erbtante aus dem Weg zu räumen – und umgekehrt …

- Florian F. Marzin: Vielleicht war es doch ein Fehler, daß Bonifatius die Donareiche fällte (1985): Asgard, Walhalla und seine Bewohner sind kein Mythos konnten den Vertreibungsversuchen christlicher Missionare widerstehen.

- Ian Watson; Der gütige Dämon (Samathiel’s Summons, 1982) Samathiel rettet jener ungeschickten Möchtegern-Zauberin, die ihn heraufbeschwor, nicht nur das Leben, sondern erteilt ihr für ihre Frechheit eine Lektion nach Dämonenart.

- Steve Rasnic Tem: Der Steinkopf (Stone Head, 1982): Das geflügelte Wort von der „beseelten Kunst“ erfährt in dieser Geschichte eine völlig neue Bedeutung.

- Lewis und Edith Shiner: Quaken in der Nacht (Things That Go Quack in the Night, 1983): Einer lange vernachlässigten Spezies der übernatürlichen Welt widerfährt endlich Gerechtigkeit – der Wer-Ente.

- Michael K. Iwoleit: Zwielicht (1985): Ein Pechvogel geht nicht nur durch die Hölle, sondern auch durch eine Zeitschleife, aus der es kein Entkommen gibt.

- Tanith Lee: Medusa (The Gorgon, 1983): Auf einer verlassenen griechischen Insel stellt sich heraus, das die Wahrheit jenseits der Sage eher tragisch als furchtbar ist.

- H. P. Lovecraft und Robert H. Barlow: Das Nachtmeer (The Night Ocean, 1936): Wer nachts an seinem Strand wartet, wird seine Bewohner kennenlernen.

Horror der leicht abgedrehten Art

Willkommen beim wehmütigen Rückblick auf eine Zeit, deren Ende dem Freund der unheimlichen Literatur wie die Vertreibung aus dem Paradies vorkommt. Zwischen 1980 und 1985 musste er Geister & Grusel nicht um teuer Geld bei diversen Spezial- und Kleinverlagen erwerben, sondern konnte einfach in den Buchladen gehen: Praktisch jeder deutsche (Taschenbuch-) Verlag besaß eine eigene phantastische Reihe.

Die Reihe „Moewig Phantastica“ ist längst Geschichte. Dabei hatte man sich hehre Ziele gesteckt. Anders als z. B. die zeitgleich erscheinenden Pabel-Taschenbücher, die unter deutlichen Reihennamen wie „Vampir“ oder „Dämonenkiller“ erschienen, hatte Moewig mehr im Sinn als den üblichen Kopf-ab-Horror für die Armen im Geiste. Das Übernatürliche kann tatsächlich „phantastisch“ im buchstäblichen Sinn sein: nämlich fantasievoll, seltsam, nicht unbedingt verständlich … ein Trip ins Ungewisse eben.

Zwar holte die Realität die weder sehr erfolgreiche noch besonders langlebige „Phantastica“-Reihe bald ein – es war leider doch die Kopf-ab-Fraktion, der das Geld lockerer saß –, doch mit „Gefährten der Nacht“ konnte wenigstens einmal der eigene Anspruch realisiert werden. Diese Sammlung von Kurzgeschichten ist ein höchst ambitioniertes Projekt. Mit Hans Joachim Alpers fungierte als Herausgeber ein schon damals ausgewiesener Kenner des Genres, der dieses durch eine ganze Anzahl von Titeln bereichert hat. Auch die Übersetzer tragen – Joachim Körber allen voran – bekannte Namen.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Das Wohl und Wehe hängt an den Autoren. Hier bietet sich ein interessantes aber uneinheitliches Bild. Ein Dutzend Geschichten aus fünfzig Jahren werden präsentiert. Unter ihren Verfassern sind Namen, die damals wie heute für professionelles Schriftstellerhandwerk, wenn nicht sogar für Literatur stehen. Ian Watson, Lewis Shiner oder Lucius Shepherd sind hier zu nennen, und es ist fesselnd zu lesen, was diese Autoren leisteten, als sie hierzulande praktisch noch kaum oder gar nicht bekannt waren.

Shepherd legt definitiv die beste Geschichte der Sammlung vor. Seine Idee ist wirklich neu, die Umsetzung vorzüglich. Watson kann zumindest mit einer ungewöhnlichen Variante der üblichen Mär von der entgleisten Dämonen-Beschwörung aufwarten, ohne jemals wirklich zu begeistern. Die Shiners bemühen sich gar nicht, ernst zu bleiben, und Tanith Lee ist wie immer Tanith Lee: eine seltsam erfolgreiche, weil stark überschätzte, zu schwülstiger Theatralik neigende, überaus fleißige Horror-, Science Fiction- und Fantasy-Autorin.

Bob Leman und Steve Rasnic Tem sollte die Splatterpunk-Manie der späteren 1980er Jahre zu einer bescheidenen Blüte verhelfen. Hierzulande brachten sie es über Beiträge zu diversen Story-Sammlungen nicht hinaus. Wenn man liest, was sie hier vorstellen, ist dies kein besonderer Verlust.

Kein Grund zur Freude

Die beiden Klassiker Ray Bradbury und H. P. Lovecraft werden nicht mit besonders gelungenen Beispielen ihres bemerkenswerten Werkes gewürdigt. Bradburys Story vom mörderischen Säugling erstaunt immerhin durch den für die 1940er Jahre recht ungewöhnlichen Plot.

„Im Nachtmeer“ wurde aufgenommen, weil diese Story erst 1978 überhaupt wiederentdeckt wurde. Eine Sensation darf man dies nicht nennen. Lovecraft verdiente sich einen Teil seines Unterhalts als ‚Berater‘ für angehende Autoren – oder solche, die sich dafür hielten. Wie es seine Art war, schrieb er nicht selten die Geschichte gleich ganz neu. Robert H. Barlow (1918-1951) gehört in die Reihe solcher Amateure, denen nur Lovecraft zu bescheidenem literarischen Ruhm verhalf. Wunder wirken konnte er freilich auch nicht. „Im Nachtmeer“ bietet über lange Seite durchaus eindrucksvolle Stimmungsbilder. Eine Geschichte entwickelt sich leider zu keinem Zeitpunkt daraus.

Herausgeber Alpers schmuggelt in seine Kollektion die Texte einiger deutscher Autoren ein. Dies war selbst 1985 ein Wagnis, denn schon damals fiel der Vergleich mit den angelsächsischen Kolleginnen und Kollegen höchst deprimierend aus. Peter W. Bach und Michael K. Iwoleit wissen ihre nicht gerade originellen Ideen wenigstens kompetent umzusetzen, während Marzins Walküren-Mär ohne Höhepunkt oder schlüssiges Finale den Leser irritiert und unzufrieden zurücklässt.

So geben denn die „Gefährten der Nacht“ dem Gruselfreund der Gegenwart keinen Anlass, hektisch die Antiquariate auf der Suche nach ihnen auf den Kopf zu stellen. Wenn er oder sie das Bändchen zufällig einmal findet, ist es dennoch für ein paar Mußestündchen gut.

[md]

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Der Mars-Robinson

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Dezember 2011

Rex Gordon
Der Mars-Robinson

(sfbentry)
Originaltitel: No Man Friday (London : Heineman 1956)/First on Mars (New York : Ace Books 1957)
Übersetzung: Hans Ulrich Nichau
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Moewig Verlag/Terra Sonderband 79)
97 Seiten
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Hinter der Bezeichnung „Projekt M 76“ verbirgt sich der erste Versuch der Briten, den Nachbarplaneten Mars zu erreichen. Nicht einmal die US-amerikanischen Verbündeten, geschweige denn die bösen Sowjets ahnen etwas von dem Start des Raumschiffs, das mit sieben Astronauten an Bord sein Ziel ansteuert. So wird es auch bleiben, denn ein Unfall im All kostet fast die gesamte Besatzung das Leben. Es überlebt nur Ingenieur Gordon Holder, der ohne Pilotenausbildung nur eine Bruchlandung auf dem Mars hinlegen kann.

Dort ist er nun gestrandet. (Funk gibt es seltsamerweise nicht an Bord.) Auf dem öden Mars existieren nur seltsame, halbwegs essbare Pflanzen und phlegmatische Insekten in dünner Luft, mit wenig Wasser und bei schneidender Kälte. Holder entdeckt den Robinson Crusoe in sich und beginnt, sich mit seinen beschränkten Hilfsmitteln aber viel Hirnschmalz ein Refugium zu schaffen. Er errichtet eine Wasser-Destillieranlage, stellt Sauerstoff her und baut sich einen Raupenbuggy, mit dem er die Gegend erkundet.

Holder überlebt 15 lange Jahre, bis nichtsahnend das erste US-Raumschiff auf dem Mars landet. Die überraschte Besatzung mag kaum glauben, was ihnen Holder berichtet. Dabei hat dieser das Erstaunlichste gar nicht erwähnt: Es gibt noch anderes Leben auf dem Mars; intelligentes, aber unglaublich fremdartiges Leben, mit dem sich Holder in den vergangenen Jahren mühsam zu verständigen gelernt hat. Die Marsianer waren ebenfalls neugierig, aber was sie über die Menschheit erfuhren, ließ in ihnen den Entschluss reifen, sich die Besucher von der Erde tunlichst vom Leibe zu halten. Wie sie dies nun umsetzen können, war nicht einmal Holder bekannt, was auf dem Mars für spannende Ereignisse sorgt …

Eigenwillige aber spannende Variante

Die großen literarischen Klassiker der Weltgeschichte fließen seit jeher in das Werk weniger vom Talent oder von der Publikumsgunst begünstigter Kollegen ein. Es lockt die Möglichkeit, ein bewährtes Muster zu übernehmen, zum hoffentlich stärkenden Fundament der eigenen Geschichte auszubauen und gleichzeitig Zeit zu sparen. Außerdem ist es manchmal eine Herausforderung, mit dem Original zu spielen, es zu variieren und es sich zu Eigen zu machen.

Seit es die moderne Science Fiction gibt, haben sich die Vertreter dieses Genres da nicht ausgeschlossen. Hier ist es also Rex Gordon, der sich an Daniel Defoes unsterblichem „Robinson Crusoe“ – nun, ‚vergreift‘ wäre ein zu starkes Wort; sagen wir, er hat sich inspirieren lassen. Dies klappt wider Erwarten ganz gut, weil die Geschichte vom armen Schiffbrüchigen, der sich unverdrossen sein eigenes Paradies auf Erden schafft, auch auf einem fremden Planeten funktioniert.

Sogar die ausführlichen philosophischen Exkurse des Originals finden wir im „Mars-Robinson“ wieder. Gordon schrieb einen Roman, der mehr Fiction aber kaum Science ist. Fraglich bleibt, ob dies so geplant war. Wir finden den typischen SF-Technobabbel ja durchaus vor, aber er beschränkt sich auf gewisse Grundlagen der Ingenieurskunst. Davon verstand Mr. Gordon offensichtlich etwas, was zu der kuriosen Tatsache führt, dass Gordon Holder den Mars ausschließlich mit Hilfe hydraulischer Pumpensysteme bezwingt.

Fragwürdiger Fachmann

Von der Raumfahrt hat er dagegen wenig Ahnung. Da ist zum einen „Projekt M 76“ selbst, das sogar dem Laien Rätsel aufgibt. Sieben Männer fliegen zum Mars: nicht um dort zu landen, sondern nur um Fotos zu machen. Wäre da ein kleineres Team oder ein unbemannter Satellit nicht praktischer gewesen? Was ist davon zu halten, dass kein Funkgerät an Bord ist? Es verstärkt den dramatischen Effekt, wirkt aber kaum realistisch. Und dass Holder so gar nichts von der Steuerung der Rakete versteht, die er nach dem (übrigens hanebüchen inszenierten Unfall) in seiner Not wie eine Kanonenkugel „mit Vorhalt“ seinem Ziel entgegensteuert, mutet ebenfalls kurios an. Sein Verständnis von der Raumfahrt formuliert Holder so: „Ich war ein Matrose und der letzte Überlebende eines auf den Grund des Ozeans gesunkenen Unterseebootes. Ich konnte aber auch – und dieser Vergleich lag der Sache am nächsten – ein Pilot sein, der eine Bruchlandung gemacht hatte …“ (S. 12)

Endlich auf dem Mars angekommen, wächst Holder über sich hinaus. Zwar strandet er auf einer Welt, die mit dem realen roten Planeten wenig zu tun hat, aber das schmälert die Freude an Gordons effekt- und stimmungsvollen Darstellung einer sparsam, fast stilisierten aber sehr exotisch anmutenden Umwelt nicht im Geringsten. Anders als der klassische Robinson muss sich der arme Holder merklich höher nach der Decke strecken; auf dem Mars wird er höchstens überleben, sich aber niemals wirklich heimisch fühlen können.

Robinson muss viel lernen

Die Nöte und Zweifel seines modernen Robinsons weiß Gordon sehr überzeugend zu schildern. Zwar weiß er sein Schicksal zu meistern, aber Einsamkeit und Katzenjammer sind ihm durchaus nicht fremd. Mit dem Dazulernen hat er so seine Schwierigkeiten. Holder tritt dem Mars zunächst als typischer Eroberer entgegen. Dass Anpassung das Gebot des Roten Planeten ist, begreift er erst nach vielen bitteren Lektionen und selbst dann nicht so richtig. Den heutigen Leser befremden einige Schlussfolgerungen jedenfalls sehr. Nach einer tiefen Sinnkrise fasst Holder wieder Mut: „Ich zweifelte nicht länger am Sinn des menschlichen Daseins. Ich dachte nicht mehr an die Unzulänglichkeiten, die kurze Lebensspanne des Menschen und die Tatsache, dass er nur ein winziges Atom im Universum war. Ich gewann den Glauben an die Kraft des menschlichen Gehirns zurück und seine Fähigkeiten, wo es auch sei, eine entscheidende Rolle zu spielen.“ (S. 57)

Was war da geschehen? War Holder der Erstkontakt zu den Marsianern geglückt? Oh nein, durch einen Zufall hatte er gerade aus diversen Bestandteilen einen neuartigen, höchst wirkungsvollen Sprengstoff gemixt und einige eindrucksvolle Krater in den Marsboden gestanzt. Da wundert es wenig, dass Marsmann Eii seinem Besucher sehr vorsichtig entgegentritt …

Freitag ist selbstbewusst

Dieser Eii ist natürlich so etwas wie Robinson Holders Freitag – allerdings ein Freitag, der sich ganz sicher nicht in die Rolle des Dieners zwingen lässt. Hier weicht Gordon von der Vorlage ab und produziert recht ungewöhnliche Töne. Holders pompöse Tiraden, die vom stolzen Selbstverständnis des (weißen) Angelsachsen künden, der sich nicht nur die Erde, sondern auch den Kosmos untertan machen will, werden konterkariert durch Eiis lakonische Frage, was dies denn mit ihm und seinen marsianischen Mitbürgern zu tun habe, die sehr zufrieden mit ihrer technikfreien Existenz seien und sich jegliche Belehrung verbäten.

So verpuffen denn sämtliche Versuche „Robinsons“, „Freitag“ zu bekehren oder wenigstens zu beeindrucken. Abschließend erhalten er und seine inzwischen aufgetauchten Retter einen telekinetischen Tritt in den Hintern und verlassen den Mars auf recht schnöde Weise; ein ungewöhnliches Finale, was eventuell daran liegt, dass dieses SF-Abenteuer aus der Feder eines Briten floss. In einer amerikanischen Space Opera wäre es den Marsianern wohl übel ergangen.

Bei Gordon mischen sich dagegen leiser Spott und Vorbehalte gegen die ‚Kolonisten‘. Holder wird nach 15 Jahren von der ersten US-Expedition gerettet. Diese sind zunächst nicht sehr freundlich, sondern ziemlich sauer, nicht die ersten auf dem Mars zu sein. Später lehnen sie es kategorisch ab, sich das Betreten den roten Planeten von dessen Ureinwohnern verbieten zu lassen, denn a) könnte da schließlich jeder kommen, und b) müsse man wie immer mit den lumpigen Sowjets rechnen, denen man den Mars auf keinen Fall überlasse werde. Das klingt sogar noch heute recht vertraut.

Anmerkung

Generell hat Hans Ulrich Nichau als Übersetzung saubere Arbeit geleistet. Etwaige Holprigkeiten seien durch den schon damals übersetzertypischen Zeitdruck oder das Alter der Übertragung entschuldigt. Vor allem muss man jedoch berücksichtigen, dass SF-Romane 1964 seitennormiert waren: Falls „Der Mars-Robinson“-Text nach der Übersetzung mehr als die für „Terra-Sonderbände“ vorgesehenen 100 Druckseiten umfasste, wurden Passagen gekürzt oder entfallen völlig. An einigen Stellen hat man als Leser den Eindruck, dass genau dies geschehen ist. Aber da an eine Neuausgabe dieses Romans wohl nicht zu denken ist, muss man sich mit dem bescheiden was man hat.

Autor

Rex Gordon, geboren 1917 als Stanley Bennett Hough, ist ein ungewöhnlicher SF-Autor. Eigentlich schreibt er Schmuddel-E-Books, und zwar Krimis mit schönen Titeln wie „Clairvoyance“, „The Itch“ oder „Dr. Sex“. Von mehr als 30 Romanen, die Hough in seiner langen Karriere produziert hat, gehören die meisten ins ‚erotische‘ Fach. Thriller, Horror oder Schnulzen hat der Ex-Taxifahrer, Ex-Barmann, Ex-Versicherungsmann und Ex-Lehrer ebenfalls verfasst – eben alles, was gerade ‚ging‘”. Hough selbst fasst sein Schaffen unter dem schönen Genrenamen „Truck Driver Fiction“ zusammen.

Viel gibt sogar das Internet nicht her über dieses wackere Schlachtross der Feder, aber ein sehr informatives, höchst amüsantes und vermutlich recht rares Interview mit Stanley Bennett Hough findet sich hier.

[md]

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Der Tod im Theater

Erstellt von Michael Drewniok am 15. November 2011

Georgius Jo Barnais
Der Tod im Theater


(sfbentry)
Originaltitel: Mort aux ténors (Paris : Librairie Gallimard 1956)
Übersetzung: Maria Lampus
Deutsche Erstveröffentlichung: 1958 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 5)
205 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1969 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Taschenbuch = Kriminalroman 48)
157 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Hart ist das angeblich so schöne Künstlerleben im Paris der 1950er Jahre, weil die Konkurrenz groß ist. Es  gibt nur wenige Gewinner, die von den nicht vom Glück Begünstigten beneidet und gehasst werden. Der junge Bariton Jo Barnais ist so ein Pechvogel, der sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt durchschlägt, obwohl er die Szene genau kennt.

Der Tenor Camille Manola steht hingegen auf dem Zenit seiner Karriere, wird ständig gebucht, ist reich und ein Idol der Massen. Nach zwei Jahren Abstinenz kehrt er unter großem Medienrummel auf die Bühne zurück. Ob seine Sangeskunst gelitten hat, kann nicht festgestellt werden, denn noch vor dem ersten Ton trifft ihn eine Kugel in die Kehle.

Unter den entsetzten Zuschauern ist auch Jo Barnais. Er wird direkt in die Ermittlungen einbezogen, denn sein ‚Freund‘, der rücksichtslose Kommissar Lambert, bedient sich seiner als Laufbursche und Spitzel, der sich hinter den Kulissen der Pariser Bühnenwelt umschauen soll. Dass es dort gärt, wird definitiv klar, als es kurz darauf Manolas Nachfolger einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fällt.

Verdächtige gibt es viele, denn niemand konnte die Verstorbenen leiden. Intrigen und verwickelte Liebschaften erschweren den Versuch, ein Motiv und damit den Täter zu finden. Mögliche Spuren erweisen sich als Sackgassen, obwohl sich der Mörder bald nicht mehr zurückhält und sogar anonyme Botschaften verschickt. Er weiß um die Ratlosigkeit der Polizei – und seine Mission ist noch nicht beendet, wie schon bald ein weiterer Tenor feststellen muss …

Künstlerwelt im künstlichen Zwielicht

Mord in der Pariser Theaterwelt: Dies bedeutet hier weniger das kriminalistische Spiel, die Suche nach Indizien, die Jagd nach dem Mörder, sondern die Reise in Spießers Wunderland – das Halbwelt- und Rotlicht-Milieu, welches der Boheme seit jeher gleichgestellt wird. O-la-la-Anzüglichkeiten, die aufgrund des Erscheinungsdatums erwartungsgemäß ziemlich verdruckst ausfallen, sollen für einen frivolen Grundton sorgen, der heute ranzig wirkt.

Unterstützung sucht der Verfasser in einer höchst blumigen Sprache, die ebenfalls irritiert, aber dem Szene-Jargon der Zeit entsprochen haben mag. Heute möchte man den Ich-Erzähler ob seiner im Übermaß eingesetzten, neckisch-kindischen Verniedlichungen und barocken Zuckergusses aber lieber ausgiebig beuteln.

Die Handlung selbst tritt besonders zwischen den Morden arg auf der Stelle. Nur locker scheint der Verfasser mit den Methoden der Polizeiarbeit vertraut. Stattdessen setzt er auf einen energischen Kommissar mit genialen Einfällen, die allerdings nur deshalb so wirken mögen, weil er sich die meiste Zeit mit Andeutungen begnügt oder gänzlich in geheimnisvolles Schweigen hüllt.

Sie fallen wie die Fliegen

Dem Leser fällt etwas Eigentümliches auf: Sämtliche Figuren dieses Romans wirken außerordentlich unsympathisch. Das kann vom Verfasser so nicht gewollt sein. Fragt sich also, was da geschehen ist. Einfach ist die Ablehnung an der Figur des Kommissars Lambert zu begründen. Den will Barnais als harten, vom Job geprägten Bullen charakterisieren, den längst nichts mehr überraschen kann. Tatsächlich erleben wir einen selbstherrlichen und herablassend jovialen, das Gesetz nach Belieben brechenden Miniatur-Diktator, der mit den Bürgern, die er schützen soll, wie mit Leibeigenen umspringt.

Auch der legendäre Maigret ist ein Patriarch, nach dessen Pfeife man zu tanzen hat, aber er ist keineswegs so ein Kotzbrocken wie Lambert. Man fragt sich, ob da nicht einschlägige und unerfreuliche Erfahrungen den Verfasser inspirierten. Belegt ist in der Tat, dass die Pariser Polizei nicht zimperlich war oder ist. Dennoch nervt die Servilität des Sängers Jo Barnais, der sich ohne Widerstand von Kommissar Lambert in eine gar nicht ungefährliche Rolle zwingen lässt. Auch sonst ist er ein flatterhafter Zeitgenosse, der hinter einer Fassade aus Selbstbetrug und vorgespieltem Zynismus nicht halb so schick und unkonventionell wirkt, wie das sein geistiger Vater wohl geplant hat.

Eher kurioses Cover der Neuausgabe

Spießer kriegt Stilaugen

Frauen sind in der Pariser Künstlerwelt hübsch, aber entweder falsch, weil lotterhaft und stets auf ihren Vorteil bedacht, oder naiv bis dumm, aber auf jeden Fall für den raschen Verbrauch geschaffen. Das gilt auch für die „hübschen Milchmädchen“, die „jungen Fleischwarenverkäuferinnen“, die „kleinen Modistinnen“ (S. 80), die – da nicht dem eigenen Milieu gehörend – Freiwild und Spottvieh sind. Deshalb muss Barnais auch kein schlechtes Gewissen plagen, wenn er sie nach Kräften belügt und ausnutzt. Ja, so ist er halt, der angeblich liebenswerte Pariser Künstler; die ganze Nacht auf den Beinen, mittags im Bett liegend (möglichst nicht allein), ansonsten im Cafè sitzend, um den neuesten Klatsch auszutauschen. So sahen ihn die zeitgenössischen Medien allzu gern, und der Verfasser sieht keinen Grund, solche Klischees nicht ausgiebig zu bedienen.

Hässlichkeiten verbreitet der Autor – natürlich, muss wohl sagen – gegen homosexuelle Kollegen. Mordopfer Manola ist schwul und wird so dargestellt, dass er sein Schicksal als ‚Strafe‘ mehr oder weniger verdient. Üble Nachrede und ironische Anmerkungen von Kommissar Lambert gibt‘s gratis dazu.

Der Film zum Buch

Ein Erfolg ist „Der Tod im Theater“ zumindest in Deutschland offenbar nicht gewesen, wo uns die übrigen Werke des Jo Barnais erspart blieben. In Frankreich wurde „Mort aux ténores“ dagegen noch 1987 im Rahmen der TV-„Série noir“ verfilmt; die Titelrolle spielte ein Schauspieler mit dem Namen „Lucky Blondo“, was bereits kein Meisterwerk des Kriminalfilms vermuten lässt …

Autor

„(Georgius) Jo Barnais“ ist ein Pseudonym, hinter dem sich ein künstlerisches Multitalent verbirgt: Georges Guibourg, Sänger, Schauspieler, Drehbuch- und Theater-Autor, Komponist, Schlagertexter, Schriftsteller. Auch bekannt als Theodore Crapulet, war Guibourg einer der bekanntesten und beliebtesten Künstler von Paris. Seine Karriere umspannt mehr als ein halbes Jahrhundert.

Geboren wurde Guibourg 1891 in Mantes la Ville, Yveline, Ile de France. Mit 16 Jahren ging er nach Paris, wo seine Laufbahn der seines Helden Jo Barnais glich. Guibourg war allerdings ungleich erfolgreicher, trat auf der Bühne auf, sang Schlager, Operetten und arbeitete sich bis zum Star der Konzerthallen und Kabaretts hoch. In den 1920er und 30er Jahren stellte er seine eigene, ebenfalls sehr erfolgreiche Komikertruppe zusammen, ab 1932 trat er in Kinofilmen auf. Daneben arbeitete er weiter fürs Theater, schrieb Schlager – und Kriminalromane.

Georges Guibourg starb im Januar 1970. Er hinterließ ein reiches künstlerisches Werk; nichts „Unsterbliches“, aber u. a. mehr als 1500 Schlager, die überall in Frankreich zu hören waren.

[md]

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Gefangene des Meeres

Erstellt von Michael Drewniok am 7. November 2011

James White
Gefangene des Meeres

(sfbentry)
Originaltitel: The Watch Below (London : Whiting & Wheaton 1966/New York: Ballentine Books 1966)
Übersetzung: Walter Brumm
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 122)
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1974 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 234)
144 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Kriegswinter des Jahres 1942 wird der US-amerikanische Tanker „Gulf Trader“ von den U-Boot-Jägern Nazideutschlands mit Torpedos beschossen. Die Besatzung geht in die Boote, doch drei Männer der Crew und zwei weibliche Passagiere bleiben an Bord zurück, als das Schiff in den Fluten des Atlantiks versinkt. In den wasserdichten Tanks können sie überleben, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann ihnen dort Luftmangel und Kälte den Garaus machen. Helfen wird ihnen niemand; sie sind verloren.

In Schwierigkeiten befinden sich auch die Insassen eines Raumschiffs, das im Erdorbit kreist. Es gehört zur Rettungsflotte der Unthans, deren Heimatplanet einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen ist. Die Überlebenden sind auf dem langen Weg zu einer neuen Welt. Das ist nicht einfach, weil sie keine Luft, sondern Wasser atmen, denn Wasserplaneten sind eher selten im All. Die Erde war trotzdem nicht das Ziel besagter Flotte; schließlich wird sie von sichtlich kämpferischen Intelligenzwesen bewohnt. Aber das Raumschiff ist vom Kurs abgekommen. Zudem stellt sich heraus, dass die Konservierung der Passagiere durch Kälte technisch unausgereift ist. Sie können die Reise nicht fortsetzen.

Man nimmt die Situation wie sie ist und landet. Der Erdozean gefällt, hier könnte man leben. Schneller als geplant kommt es zum Erstkontakt mit den Einheimischen: Auf dem Grund des Meeres finden die Fremden die versunkene „Gulf Trader“ und ihre verzweifelten Überlebenden. Man könnte sich bekämpfen und gemeinsam zugrunde gehen, oder man versucht sich zu verständigen und mit vereinten Kräften einen Ausweg aus der Doppelkrise zu finden. Diese Alternativen sind beiden Seiten klar, aber auch die Not lässt mehr als genug Raum für Misstrauen und Angst, denn man ist einander so furchtbar fremd …

Cover der Ausgabe von 1967 (Sammlung md)

Anders muss nicht feindlich sein

Menschen und Außerirdische in der Krise, die sich zur Lebensbedrohlichkeit ausweitet; Allein werden beide Gruppen untergehen, sodass der Faktor Fremdheit schließlich nebensächlich wird; Vertrauen führt zur Zusammenarbeit, die von Erfolg gekrönt wird: Für weniger begabte Schriftsteller war dies lange keine des Erzählens werte Geschichte. Außerirdische waren ihnen nur in der Schurkenrolle willkommen. Sie mussten Erdfrauen ent- und verführen, harmlose Kleinstadtbürger niederblastern oder die Welt versklaven: Projiziert wurde in die ETs, was man selbst vor den ‚Fremden‘ aus dem irdischen Nachbarland fürchtete.

James White wich Zeit seines Autorenlebens von diesem Schema ab. Wohl fühlte er sich mit vergleichsweise kleinen, unspektakulären Geschichten. Die Protagonisten sind meist kleine Rädchen im Getriebe größerer Zusammenhänge, seine Außerirdischen zwar fremd aber niemals ‚böse‘, sondern primär faszinierende Intelligenzwesen mit oft bizarrer, aber ausgeprägter und sympathischer Persönlichkeit. Whites Glanzleistung stellt die „Sector General“-Serie dar, die in einem Weltall-Hospital spielt, das von allen möglichen (und unmöglichen) Patienten frequentiert wird. Hier wird geholfen, nicht geschossen – das spannende Gegenstück zur „Military Science Fiction“.

„Gefangene des Meeres“ spielt das White-Prinzip vor ungewöhnlicher Kulisse durch. Nicht im All, sondern in den Tiefen des Ozeans spielt die Geschichte. Der ist für die Menschen ebenso lebensfeindlich wie faszinierend. Vor dem Hintergrund des II. Weltkriegs zeichnet White mit wenigen Strichen ein Bild, das vor dem geistigen Auge des Lesers sogleich Gestalt annimmt. Ort, Zeit und Handlung gehen eine harmonische Einheit ein, erzählen eine spannende Geschichte, die ihre quasi humanistische Aussage nicht wie ein flammendes Fanal vor sich her trägt, sondern leise und doch hörbar anbietet.

Fremd aber gemeinsam in der Patsche

Weder durch das All noch über das Meer reisen Superintelligenzen oder Übermenschen; ganz normale Durchschnittswesen stellen sich tapfer den Fährnissen des Alltags. Sie haben alle einen Job, den sie mehr oder weniger gern oder gut erfüllen, und sind schon zufrieden, wenn es halbwegs gut läuft. In der Not verwischen sich dann die Grenzen zwischen Menschen und Nicht-Menschen: Sie können und wollen zusammenarbeiten, beide Seiten werden davon profitieren.

Gänzlich unbeleckt von zeitgenössischen Vorurteilen blieb jedoch auch „Gefangene des Meeres“ nicht. Intensiv beraten die Außerirdischen über notwendige Rettungsmaßnahmen, die auch die Züchtung genetisch möglichst ‚reinen‘ Nachwuchses einschließen. Weibliche Unthans werden dafür eingeplant, ohne dass man eine Vertreterin ihres Geschlechts am Beratungstisch fände. Stattdessen machen sich die vorgesehenen Väter schwere Sorgen, ob denn die fortpflanzungswürdigen Frauen auch hübsch genug sind. Darüber konnte man Anno 1966 tatsächlich schmunzeln …

Anmerkung

„In den Tiefen des Meeres“ ist die Romanfassung einer Novelle, die 1954 unter ihrem Originaltitel „The Deep Range“ in der April-Ausgabe des SF-Magazins „Argosy“ erschien.

Autor

James White wurde 1928 im irischen Belfast geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er als Schneider, bis er 1964 zu einer Flugzeugfabrik und dort in die Public Relation-Abteilung wechselte.

Als SF-Schriftsteller begann James White seine Karriere als aktiver Fan. 1952 gab er mit drei gleich Freunden (darunter Bob Shaw) das Fanzine „Slant“ heraus, das zu den besten seiner Art gezählt wurde. Zunächst fertigte White Grafiken an, aber schon 1953 erschien „Assisted Passage“, seine erste Kurzgeschichte. 1957 wurde „The Secret Visitors“ (dt. „Die Außerirdischen“), ein erster Roman, veröffentlicht.

Der Durchbruch gelang White 1962 mit „Hospital Station“, dem ersten der schließlich zwölf Bände umfassenden „Sector General“-Serie um eine wechselnde Gruppe von Weltraumärzten, die sich über die Heilung in der Regel sehr merkwürdiger weil in Gestalt und Psyche fremdartiger Patienten den Kopf zerbrechen müssen. Neben der ausgeprägten Friedfertigkeit bestechen diese Geschichten durch ihren positivistischen Pazifismus und ihren farbenfrohen Einfallsreichtum, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass der „Sense of Wonder“ der Science Fiction sich nicht aufs Zerschmettern ganzer Sonnensysteme beschränken muss. Dieser Haltung blieb White auch in seinen nicht zur „SG“-Serie gehörenden Romanen treu.

Die letzten Jahre seines Lebens litt White zunehmend unter seiner Diabetes, die ihn beinahe erblinden ließ. Dem Fandom blieb er sein Leben lang verbunden. Er schrieb weiter und war bis zu seinem Tod im August 1999 ein gern und oft gesehener Gast auf großen und kleinen Science Fiction-Veranstaltungen.

Über James White und sein Werk informiert diese Website.

[md]

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Zeitschaft

Erstellt von Michael Drewniok am 14. September 2011

Gregory Benford
Zeitschaft

(sfbentry)
Originaltitel: Timescape (New York : Simon & Schuster 1980)
Übersetzung: Bernd Holzrichter
Deutsche Erstausgabe: 1984 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Science Fiction Nr. 3652)
432 S.
ISBN-13: 978-3-8118-3652-5
Neuausgabe: März 1998 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann SF-Classics Nr. 25045)
479 S.
ISBN-13: 978-3-442-25045-5
Neuausgabe: Juni 2006 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Meisterwerke der SF Nr. 52191)
576 S.
ISBN-13: 978-3-453-52191-9

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Das geschieht:

1998 – die Gegenwart: Umweltzerstörungen haben das Klima kippen, die Meere sterben, lebenswichtige Urwälder zu öden Wüsten verkommen lassen. Hungersnöte, Dürren, Seuchen toben. Nach der beruhigend fernen Dritten Welt traf es auch die saturierten Industriestaaten der Nordhalbkugel. Sie haben zu einer Notgemeinschaft zusammengefunden. Der mächtige „Zentralrat“ verwaltet diktatorisch die knapper werdenden Ressourcen, um die erbitterte Verteilungskämpfe toben. Am Ende der langen Schlange von Bittstellern stehen wie zu allen Zeiten die Wissenschaftler. Sie werden von der Öffentlichkeit und wetterwendischen Politikern für die Krise verantwortlich gemacht, von Maschinenstürmern, Ökoterroristen und fundamentalistischen Weltuntergangs-Sekten verfolgt.

Die Physiker John Renfrew und Gregory Markham verfolgen ein Projekt, das ihnen die Unterstützung des Zentralrates sichern wird, wenn es denn gelingt. Sie haben entdeckt, dass überlichtschnelle Tachyonen-Strahlen die Grenzen von Raum und Zeit durchbrechen können. Dies macht es möglich, Botschaften in die Vergangenheit zu morsen. Nur braucht es dazu einen Empfänger und Menschen, die eine Nachricht aus der Zukunft als solche erkennen. Renfrews und Markhams Recherchen haben ergeben, dass im Jahre 1962 bei einem physikalischen Experiment in Kalifornien Geräte zum Einsatz kamen, die modulierte Tachyonen-Strahlung empfangen konnten.

1962 – auch die Gegenwart: Die USA ist ein Wirtschaftswunderland. Die Naturwissenschaften profitieren vom Geldsegen, denn von den Ergebnissen ihrer Forschungen erhofft man sich viel für den Fortschritt. So ärgert sich Gordon Bernstein, Physiker und Assistenzprofessor, höchstens über die Schwierigkeiten bei der Vorbereitung eines Experimentes. Die empfindlichen Geräte empfangen eine Störstrahlung, deren Herkunft sich einfach nicht orten lässt. Bernstein und sein Assistent Cooper meinen Worte und Sätze aus dieser Strahlung lesen zu können, doch damit stehen sie allein. Im Sturm, der die wissenschaftliche Gemeinde erfasst, geht die Botschaft unter. Schlimm trifft es die beiden unglücklichen Forscher, die das Establishment herausgefordert haben, während in der Zukunft langsam die Lichter verlöschen …

Eine zweite, ebenso vergeudete Chance

Würde uns die Chance geboten, noch einmal von vorne anzufangen, könnten wir alles besser machen – oder doch nicht? Der alte Traum, den Karren mit einem Trick aus dem Dreck zu ziehen, statt mühsam selbst Hand anlegen zu müssen, wird auch in der „Zeitschaft“-Parallelwelt von 1998 geträumt. Dies geschieht – in einem Science Fiction-Roman! – ungewöhnlich glaubwürdig. Hier lässt ein Autor nicht in jedem zweiten Satz eine Sonne bersten, weil’s so schön knallt, sondern hat sich bemerkenswerte Mühe gegeben, eine glaubhafte Zukunftswelt zu entwerfen. Das ist ihm ohne Einschränkungen gelungen, obwohl diese Zukunft schon wieder zur Vergangenheit und von der Realität eingeholt wurde.

„Zeitschaft“ ist ein Monument seiner Zeit, der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dies wird besonders in einem Grundton greenpeaciger Hysterie fassbar, die jede achtlos in den Graben geworfene Bierdose als Nagel im Sarg von Mutter Erde deutet. Inzwischen ist das Pendel ein wenig zurückgeschwungen, sind wir entspannter geworden (oder haben resigniert). Das (auch von Benford) angekündigte allgemeine Waldsterben ist nicht eingetreten, das Ozonloch schließt sich hin & wieder, und die Ölvorräte werden reichen, bis alternative Energiequellen sie ersetzen können.

Natürlich gibt es genug neue Sünden, doch nicht der Umweltaspekt lässt „Zeitschaft“ so aktuell erscheinen: Es sind die von Benford klug und unheilvoll realistisch skizzierten Folgen eines zivilisatorischen Super-Gaus, der nicht durch Amok laufende Algen, sondern auch durch eine weltweite Wirtschaftskrise in Gang gesetzt werden kann. Mit bemerkenswerter Scharfsicht beschreibt der Verfasser, wie das soziale Netz der Industriestaaten erst fadenscheinig wird und dann reißt – leise und langsam, dann immer schneller, bis selbst die Politik ihre Vertuschungen und Täuschungen aufgibt und den Notstand ausruft. Sobald die Not den Wohlstand ersetzt, löst sich jede Solidarität auf, ist sich jeder selbst der Nächste.

Ein Sündenbock ist schnell gefunden

Am Ende der Hierarchie stehen wie immer Kultur und Wissenschaft. Benfords Haltung ist unmissverständlich: Diese Welt muss vor die Hunde gehen ohne Forschung, weil sie nichts Neues schaffen, sondern nur Altes ausschlachten kann. Aber im Sozialkampf sind Wissenschaftler selbst in normalen Zeiten der ‚Konkurrenz‘ stets unterlegen. Dies war zu allen Zeiten so; Benford verdeutlicht es, als er überblendet in die vordergründig goldene Vergangenheit der 1960er Jahre. Fortschritt und Technik bedeuten alles in dieser Zeit, die Ressourcen scheinen unerschöpflich, die Möglichkeiten unbegrenzt zu sein. Aber auch unter diesen idealen Voraussetzungen finden die Menschen andere Knüppel, die sie sich zwischen die Beine werfen – das System ist immer stärker.

Letztlich bleibt sich Benford treu: Zumindest in seiner Geschichte setzt sich die Wissenschaft schließlich durch, die Botschaft kommt an, die Vergangenheit und damit die Zukunft ändert sich. Einen Triumph kann man dies allerdings nicht nennen, das befürchtete kitschige Happy-End bleibt aus. Die Zeit lässt sich nicht wirklich besiegen, und wieso dies so ist, macht Benford uns wiederum überzeugend klar.

Cover der Ausgabe von 1998 (Sammlung md)

Wissenschaft als Treibriemen des Fortschritts

Wissenschaftler gelten gemeinhin als weltfremde Eierköpfe, deren Denken und Handeln man nicht versteht, die man deshalb ungern für beides bezahlt und von denen man trotzdem die prompte Lieferung fortschrittlicher Wunder erwartet. Im Film kann man über sie lachen, wenn sie kläglich an den Hürden scheitern, die laut Volkes Stimme als unabdingbare Voraussetzungen vor einem zufriedenen, weil ‚normalen‘ Leben stehen (Raffen, Rempeln, Rammeln), oder sie fürchten, wenn sie – stets des Wahnsinns liebstes Kind – die Welt zerstören möchten.

Ganz selten wird hinter die Fassade des Elfenbeinturms geschaut. Gregory Benford, der als Physiker selbst zu seinen Bewohnern zählt, gelingt das nur scheinbar Unmögliche. „Zeitschaft“ erzählt nicht nur eine wunderbare Science Fiction-Geschichte, sondern ist auch das Psychogramm einer Zunft, der ganz offensichtlich Menschen wie du und ich angehören, selbst wenn es zu ihrem Arbeitsalltag gehört, Atome zu spalten oder nach dem Urknall zu horchen. Harte Arbeit, Frustration, manchmal ein kleiner Triumph, missliebige Vorgesetzte, Konkurrenzdruck, Neid: Plötzlich kommt einem die Welt der Wissenschaftler recht vertraut vor. Feste Regeln herrschen, Beziehungen sind alles, und es gibt Strömungen, nach denen man sein Fähnchen drehen sollte, um in der Hierarchie voranzukommen.

Der Drang zum Wissen

Aber Benford geht weiter. Ihm ist es wichtig zu zeigen, wie ein echter Wissenschaftler ‚tickt‘, getrieben vom in dieser Intensität dem ‚normalen‘ Zeitgenossen unverständlichen Wunsch zu wissen, der sich zum Drang und durchaus zur Besessenheit steigern kann,  neber der Privatleben und Karriereplanung nebensächlich werden. John Renfrew aus 1998 und Gordon Bernstein aus 1962 mögen zwar dreieinhalb Jahrzehnte trennen, aber sie werden von identischen Motiven getrieben. Sie kennen Ängste und Sorgen, und besonders ausgeprägt ist die Frustration darüber, nicht ungestört forschen zu können, was sie beherrschen, sondern in stetiger Abhängigkeit von denen zu arbeiten, deren oft einzige Fähigkeit darin besteht, Geld zusammenzutragen.

„Zeitschaft“ spricht aber auch unverhohlen die Schattenseiten des hehren Forscherdranges an. Die Wissenschaft bietet unseren Protagonisten ein Hintertürchen, durch das sie sich den Anforderungen eines als anspruchsvoll und schwierig erfahrenen Lebensalltag entziehen können. Probleme mit der Lebensgefährtin, der Familie, den Eltern, den Freunden, mit allen Menschen, die Aufmerksamkeit oder Hilfe einfordern, werden verdrängt, wenn Renfrew und Bernstein nach den Sternen greifen. Benford lässt sie nicht unbedingt gut dastehen oder sympathisch wirken, aber sie werden definitiv menschlich und erreichen als Figuren eine Lebensechte, die in der Science Fiction (leider) immer noch überrascht. „Zeitschaft“ spielt 1998 und liest sich dennoch niemals altmodisch – eine bemerkenswerte Leistung, die Benford selbst in dieser Intensität nicht wieder gelang.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Autor

Gregory Albert Benford wurde 1941 in Mobile im US-Staat Alabama geboren. Der Sohn eines Offiziers studierte Physik an der „University of California“. Auch heute ist er vor allem Wissenschaftler, der quasi als Feierabend-Vergnügen schreibt.

Zur Science Fiction kam Benford früh. Schon 1955 gab er ein Fanzine namens „Void“ heraus. Zehn Jahre später debütierte er als Autor mit einer Kurzgeschichte, der erste Roman folgte 1970 („Deeper than Darkness“, überarbeitet und erweitert 1978 als „The Stars in Shroud“, dt. „Die Asche des Imperiums“). 1974 wurden Gregory Benford und sein Co-Autor Gordon Eklund für die Erzählung „If the Stars Are Gods“ (dt. „Der Bernsteinmensch“) mit dem “Nebula Award” ausgezeichnet. Aus dieser Story entstand der sechs Bände umfassende, 1995 abgeschlossene „Galactic-Center“-Zyklus.

1980 wurde DAS Benford-Jahr. Dem großartigen Alien-Reißer „Find the Changeling“ (mit Gordon Eklund, dt. „Die Masken des Alien“) und dem Weltuntergangsdrama „Shiva Descending“ (mit William Rotsler, dt. „Schiwas feuriger Atem“) folgte das Meisterwerk „Timescape“. Es wurde nicht nur zum Bestseller, sondern gewann sowohl den „Nebula Award“ als auch den „John W. Campbell Memorial Award“ (und den „Ditmar Award“ und, und, und …).

Diesen Erfolg konnte Benford bisher nicht wiederholen. Nichtsdestotrotz bleibt er einer der wichtigsten Autoren ‚harter‘, d. h. (mehr oder weniger) auf wissenschaftlichen Fakten basierender SF. Dabei ist er vor Fehlschlägen keineswegs gefeit, wie das im Wettlauf mit der Wiederkehr des Halleyschen Kometen verfasste, aber völlig aus dem Ruder gelaufene Garn „In the Heart of the Comet“ (1985 mit David Brin, dt „Im Herzen des Kometen“) und seine Mitautorenschaft (oder Mittäterschaft) an der öden „II. Foundation“-Trilogie („Foundation’s Fear“, 1997, dt. „Der Aufstieg der Foundation“) belegen.

Benford setzte die Reihe seiner grundsoliden SF-Abenteuer in den 90er Jahren fort. Dabei ist er Mahner vor und Kritiker einer allzu offensiven Verteufelung der Wissenschaft geblieben. Sie ist für ihn unabdingbare Voraussetzung für den Fortschritt, für die es trotz aller keineswegs geleugneten Gefahren keine echte Alternativen gibt, und darf daher nicht durch Bürokraten, Krämerseelen und Sparschweine gegängelt und abgewürgt werden.

[md]

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Abgelegt unter Historisch, Phantastik, Science Fiction | 7 Kommentare »

Geisterschiff CREST IV

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Februar 2011

Kurt Mahr
Geisterschiff CREST IV

(sfbentry)
Deutsche Erstausgabe: Januar 1979 (Erich Pabel Verlag/Perry-Rhodan-Planetenroman 191)
160 S.
Cover: Johnny Bruck
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: Januar 2011
(Pabel-Moewig Verlag/Perry-Rhodan- Planetenromane, Taschenheft 10)
161 S.
Cover: Dirk Schulz
ISBN-13: 419-1-5975-0390-9 10010

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Das geschieht:

Im September des Jahres 2436 musste Perry Rhodan, Großadministrator des „Solaren Imperiums“, sein Flaggschiff CREST IV in der Galaxis M 87 zurücklassen. Die Maschinen sollten das gewaltige, 2500 Meter durchmessende Schiff knapp unter Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und automatisch in die weit entfernte Heimat-Milchstraße zurücksteuern – ein Ziel, das erst in 27 Mio. Jahren erreicht sein würde.

Doch Rhodan hat die CREST IV nie vergessen. Als ein Jahrtausend später die Technik soweit fortgeschritten ist, dass einst unermessliche Entfernungen mit Ultra-Langstreckentriebwerke gemeistert werden können, schickt der dank seines Zellaktivators unsterbliche und weiterhin amtierende Großadministrator 3437 das Spezial-Raumschiff HAMPTON T aus. Unter dem Kommando von Major Lennox Hatt soll die Besatzung die CREST IV suchen und bergen.

Erst 1000 Lichtjahre hat das Schiff seit 2436 zurückgelegt. Doch als die HAMPTON T jenen Sektor im Randgebiet von M 87 erreicht, den es inzwischen erreicht haben müsste, ist es verschwunden. Hatt nimmt die Spur dort auf, wo die CREST IV zu ihrer letzten Reise startete: auf dem Planeten Homeside. Dort war es 2436 noch zum Gefecht zwischen den Raumfahrern und den Rrhaal gekommen, die das Schiff an sich bringen wollten.

Was die kristallinen, an große Felsbrocken erinnernden Rrhaal mit der CREST IV planten, konnte damals nicht mehr ermittelt werden. Offensichtlich sind die seltsamen Wesen in einem zweiten Anlauf erfolgreicher gewesen und haben das alte Schiff an sich gebracht. An dem neuen Besitzverhältnis wollen sie nicht gerüttelt wissen, wie Hatt und die 200-köpfige Besatzung der HAMPTON T leidvoll erfahren – oder gibt es vor allem ein massives Kommunikationsproblem …?

Interessante Fußnote zu einer endlosen Zukunfts-Historie

1968 schilderte Kurt Mahr im „Perry-Rhodan“-Heftroman 368 („Von Galaxis zu Galaxis“), wie Perry Rhodan und seine Mitstreiter im Zuge der Auseinandersetzungen mit den „Konstrukteuren des Zentrums“ von Bord der CREST IV gehen mussten. Während diese noch über weitere 31 Hefte tobten, geriet das Flaggschiff der solaren Flotte in Vergessenheit; es landete mit unzähligen anderen ungelösten Rätseln im Windschatten einer SF-Serie, die im Jahre 2011 ihr 50-jähriges Bestehen feiern konnte.

Dies bedeutet: 50 X 52 Hefte, denn „Perry Rhodan“ erschien und erscheint wöchentlich. Hinzu kommen zahlreiche weitere Serien, die im PR-Kosmos spielen. Dazu gehören insgesamt 415 „Planetenromane“, die zwischen 1964 und 1998 veröffentlicht wurden. Hier fanden die Autoren die Gelegenheit, offene Fragen der Heft-Handlung aufzugreifen und im Rahmen eines Taschenbuches zu beantworten.

„Geisterschiff CREST IV“ erschien erstmals 1979. Kurt Mahr selbst kam auf die elf Jahre zuvor geschilderten Ereignisse zurück. Er verfasste einen Roman, der problemlos 2011 neu veröffentlicht werden konnte, da er die Handlung nicht eng an die Vorgeschichte anschloss, sondern eine weitgehend neue Geschichte ersann, die sogar mit der PR-Historie nur locker verzahnt ist, was sie als ‚normales“ Science-Fiction-Abenteuer goutierbar macht.

2,5-km-Stahlkugel als MacGuffin

Was einerseits von Vorteil ist, da Mahr auf diese Weise das Korsett einer weitgehend in Vergessenheit geratenen Serien-Vergangenheit sprengt, ärgert andererseits durch den ‚Missbrauch‘ einer Episode, die offensichtlich nur als Anreiz dient, Leser für ein ansonsten anspruchsarmes SF-Garn zu interessieren. Die CREST IV ist das Pendant zum „MacGuffin“ der Alfred-Hitchcock-Thriller: Sie wird zum Auslöser einer Handlung, für die sie selbst ohne große Bedeutung bleibt.

Fast ist die gesamte Geschichte schon erzählt, als endlich die CREST IV gefunden wird; ganz nebenbei, nachdem der Verfasser zuvor viele Seiten mit Schilderungen füllte, wie man im unendlichen Weltall nach einem riesigen Raumschiff fahndet. Es überrascht leider nicht, dass Mahr für das CREST-Mysterium eine denkbar lapidare, den Leser in keiner Hinsicht zufriedenstellende ‚Auflösung‘ findet: Nachdem aufwendig eine Expedition organisiert wurde, deren Kostspieligkeit mehrfach Erwähnung findet, um ein zwar altes aber unbeschädigtes und wertvolles Schiff zu bergen, wird dieses quasi als Andenken verschenkt. Irrationaler oder dümmlicher geht es kaum, was die Auftraggeber Hatt & Co. nach der Rückkehr zweifellos klargemacht haben dürften …

Das Urteil fällt gnädiger aus, ruft man sich ins Gedächtnis, dass „Perry Rhodan“ und damit auch „Geisterschiff CREST IV“ pure Trivial-SF ist. Hier geht es nur bedingt um Handlungstiefe. Die Schilderung eines bunten, simpel strukturierten, auch im Halbschlaf zu genießenden Abenteuers war das Primär- und Alleinziel des Verfassers. Die CREST wird zum Aufhänger, der das Interesse des Ziel- gleich Kaufpublikums wecken soll: So funktioniert die Welt der (deutschen) Trivial-Unterhaltung, die zudem von Autoren bedient wird, die keine Zeit haben, Themen oder Figuren zu vertiefen, da sie nicht selten monatlich oder gar wöchentlich ein neues Taschenbuch oder einen neuen Heftroman produzieren.

Von A nach B nach C nach D …

„Geisterschiff CREST IV“ liest sich als Folge wenig harmonisch aufeinander aufbauender Episoden, die in ihrer Gesamtheit einen Roman von Taschenbuchlänge ergeben. Den roten Faden bildet die CREST IV, und die spielt wie schon erwähnt kaum eine Nebenrolle. Stattdessen spult Mahr ein SF-Routineprogramm ab, das zusätzlich darunter leidet, dass er Bekanntes aufwärmt und das ‚Neue‘ sich als ranzige Routine erweist. Die Suchfahrt in die immerhin 32 Mio. Lichtjahre entfernte Galaxis M 87 wirkt wie ein Wochenendausflug, auf dem Planeten Homeside verteilt man Glasperlen (!!) an ‚primitive Eingeborene‘ und nimmt endlos an einer obskuren Zeremonie teil, bevor der Verfasser auch diesen Handlungsstrang hastig abhakt und eine neuerliche Spritztour ins All ansetzt, wo die Untersuchung des Rrhaal-Ursprungs-‚Felsens‘ eher knapp ausfällt, weil die vorgeschriebene Zahl von 160 Romanseiten beinahe erreicht ist.

Wie üblich in der Trivial-SF ist die Exotik der Zukunft hauptsächlich Behauptung. Der Physiker Mahr schlägt sich in diesem Umfeld relativ wacker; er beschreibt plastisch und nicht ganz anspruchslos Phänomene, die eine Suche nach der CREST IV, die sich im Dilationsflug befindet, stark verkomplizieren. Das Schiff treibt nicht bewegungslos im All, sondern bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die sich entsprechend Einsteins Relativitätstheorie auf Zeit und Raum nachhaltig auswirkt. Auch über die Verbreitung von Funk- und Ortungssignalen macht sich der Kommunikations-Spezialist Mahr Gedanken, die in der physikalischen Realität verwurzelt sind. Vor diesem Hintergrund fällt die Eindimensionalität des Geschehens umso stärker und negativer auf.

Bootsmänner und –frauen der Zukunft

Ungeachtet der Tatsache, dass man vermutlich auch zukünftig die geistige Elite der Menschheit in die Tiefen des Universums hinausschicken wird, verhalten sich die drei Hauptfiguren unserer Geschichte – ihre 179 Begleiter/innen bleiben gänzlich unerwähnt oder anonyme Statisten – wie müßige Gäste auf dem Raumschiff, das sie angeblich kommandieren. Wenn sie Befehle geben, dann zeichnen sich diese eher durch Geistesblitze oder den berühmt-berüchtigten „gesunden Menschenverstand“ als durch Fachkenntnis aus.

Zwischendurch bleibt mehr als genug Zeit für Zwischenmenschlichkeit jener besonders plumpen Art, für die der deutsche Heftroman gefürchtet ist. Mahr achtet insofern auf Gleichberechtigung, als er Männlein und Weiblein denselben pubertären Umgangston aufzwingt. Für sein Geschick in der Gestaltung glaubwürdiger Gefühlsregungen war er nie berühmt. Glücklicherweise war ihm dies bewusst; er hielt sich in der Regel zurück und beschränkte sich darauf, Menschen in exotischen Umgebungen zu schildern; einfach beschreiben, was sie taten und dabei dachten, konnte Mahr gut – und besser als hier, was „Geisterschiff CREST IV“ trotz (und letztlich wegen) des vielversprechenden Titels als holprige Plätscher-SF enttäuschen lässt.

Autor

Kurt Mahr wurde am 8. März 1934 als Klaus Otto Mahn geboren. Nach dem Abitur und einem unterbrochenen Studium der Physik begann er zu schreiben. Die blühende Leihbuch- und Heftroman-Szene dieser Jahre bot dem Anfänger Möglichkeiten. Mahn war ein fleißiger Autor. Die Einkünfte ermöglichten es ihn sein Studium abzuschließen. Parallel dazu schrieb er weiter; um bei seinen Dozenten nicht in Misskredit zu geraten, wählte er als neues Pseudonym „Kurt Mahr“. Unter diesem Namen erschien 1961 „Atom-Alarm“, der fünfte Band der gerade gestarteten Heftroman-Serie „Perry Rhodan“. Kurt Bernhardt, Cheflektor des Moewig-Verlags, und Chef-Autor K. H. Scheer hatten das Nachwuchstalent in jenes Team aufgenommen, das diese Serie nach festen Exposé-Vorgaben schrieb.

Mahr blieb PR-Stammautor, obwohl er noch im Dezember 1962 in die USA übersiedelte. In den nächsten zehn Jahren arbeitete er für verschiedene Unternehmen 1972 kehrte er nach Deutschland zurück, schrieb wieder und verstärkt nur noch für „Perry Rhodan“. Dabei blieb es, obwohl Mahn 1977 erneut in die USA ging. Nach dem Tod von Willi („William“) Voltz übernahm er 1985 gemeinsam mit Ernst Vlcek bis 1991 die Exposé-Redaktion.

Die Verbindung von trivialer aber spannender Handlung vor einem aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht gar zu unlogischen Hintergrund war Mahrs Markenzeichen. Typisch waren allerdings auch die Eindimensionalität der Figuren und das Beharren auf konservativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen. Mahr-Figuren wirken dort ‚lebendig‘, wo sie in wissenschaftlicher Arbeit aufgehen. Wenn die Mischung stimmte, gelangen dem Verfasser solide Unterhaltungsromane, die der Zeit erstaunlich gut standhalten.

Kurt Mahr blieb PR-Autor bis zu seinem frühen Tod am 27. Juni 1993; er starb an den Folgen eines schweren Sturzes.

[md]

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Planet zu verkaufen

Erstellt von Michael Drewniok am 28. September 2010

Clifford D. Simak
Planet zu verkaufen

(sfbentry)
Originaltitel: The Walked Like Men (Garden City/New York: Doubleday 1962)
Deutsche Erstausgabe: 1966 (Arthur Moewig Verlag/Terra Sonderband 113)
Übersetzung: N. N.
Cover: Karl Stephan
158 S.
[keine ISBN]
ASIN: B0000BUPAR

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Das geschieht:

Parker Graves, Journalist für eine mittelgroße Zeitung in einer ebensolchen Stadt, stolpert eines späten Abends beinahe in eine bizarre Falle: Vor seiner Wohnungstür hat jemand ein Loch ausgehoben und ein Fangeisen darin verborgen. Als Graves die Installation überprüfen will, faltet sich die Falle zu einer Kugel zusammen, rollt aus dem Haus und verschwindet.

Graves zweifelt nicht an seinem Verstand, kann aber keine Beweise für sein Erlebnis vorlegen. So schweigt er, bis ihm weitere Seltsamkeiten auffallen: Eine mit unendlichen Geldmitteln ausgestattete Scheinfirma kauft in der Stadt sämtliche Geschäfte und Wohnhäuser auf, um sie zu schließen, die Mitarbeiter zu entlassen und die Mieter auf die Straße zu setzen. Als Graves sich heimlich Einlass in das Büro dieser Firma verschafft, stößt er auf ein Loch in der Wand, das direkt zu den Sternen führt, und findet täuschend ähnliche Puppen von ‚Menschen‘, die ihm lebensgroß in der Stadt begegnen. Dass eine Invasion der besonders tückischen Art im Gang ist, bestätigt ihm ein sprechender Hund, der sich ebenfalls als außerirdisch outet: Die ‚anderen‘ Aliens erobern die Erde nicht, sie kaufen sie. Was mit den Menschen geschehen wird, ist ihnen gleichgültig; der Weiterverkauf des Planeten an den galaktisch Meistbietenden steht bereits fest.

Nachdem man ihnen auf die Schliche gekommen ist, versuchen die Invasoren Graves durch Bestechung ruhig zu halten. Zum Schein geht er darauf ein, während er nach einer Möglichkeit sucht, die Menschheit zu warnen. Niemand hört ihn an, und die Aliens sind dem „Verräter“ bereits hart und mordlüstern auf den Fersen, als Graves zufällig ihre Achillesferse entdeckt, die ausgerechnet Stinktiergestalt besitzt …

Invasion mit dickem Geldbeutel

Wer sich in der Science-Fiction-Literatur ein wenig auskennt, wird nicht überrascht sein, dass Clifford D. Simak ‚seine‘ Außerirdischen die Erde nicht mit waffenstarrenden Raumschiffen und in Gestalt der berühmt-berüchtigten „bug eyed monster“ erobern lässt. Diese Aliens ziehen ein raffinierteres, auf ihre Opfer abgestimmtes Vorgehen vor. Sie haben die Menschen aufmerksam studiert und handeln nach einem alten Sprichwort: „Geld regiert die Welt!“. Auf diese Weise müssen sie gar nicht mit Gewalt vorgehen. Die Aliens beschaffen sich das nötige Kleingeld und kaufen die Erde, die ihnen auf diese Weise auch noch völlig unbeschädigt in die Hände (bzw. Tentakel) fällt.

Mit der ihm eigenen milden Ironie schildert Simak, wie reibungslos diese spezielle Invasion funktioniert. Nicht mit der Androhung von Blut und Mord, sondern mit einer Vertragsklausel verwandeln die Aliens ihre Opfer in willfährige Komplizen: Sie zahlen gut und fordern Schweigen über das jeweils abgeschlossene Geschäft. Ein kluger Schachzug, können sie doch auf die Gier ihrer ‚Kundschaft‘ zählen: Niemand will sich einen Handel verderben, der viel Geld einbringt. Bis die Betroffenen endlich registrieren, dass ihre Mitmenschen ebenso handeln, ist es zu spät: Die Außerirdischen haben das Sagen, und sie haben es sich legal und juristisch wasserdicht erworben.

Große Ereignisse in kleiner Stadt

Simak beschränkt sich auf einen kleinen Ausschnitt, wenn er die Eroberung der Erde beschreibt. Die kleine, namenlos bleibende Stadt, die er als Muster-Schauplatz dessen wählt, was überall auf der Welt vor sich geht, kennt er aus eigener Erfahrung. Parker Graves ist ein der Handlung angepasstes Alter Ego des Verfassers, der über drei Jahrzehnte als Journalist tätig war. Folglich muss man die Stadt irgendwo im US-Mittelwesten vermuten. Dort bildet sie einen in sich geschlossenen Mikrokosmos, denn die Globalisierung war zum Zeitpunkt unserer Geschichte noch unvorstellbarer als eine Invasion aus dem Weltall.

Nur unter dieser Prämisse lässt sich Simaks Geschichte wirklich begreifen, denn der heutige Leser versteht nicht mehr, wieso der Ausverkauf örtlicher Geschäfte und Wohnhäuser einer Gemeinschaft buchstäblich den Boden unter den Füßen fortziehen kann: 1962 war (nicht nur) der US-Bürger des Mittelwestens deutlich heimatverbundener, und zur Heimat zählte auch der Arbeitsplatz, den man nicht selten das gesamte Berufsleben innehatte.

Die Invasion profitieren zusätzlich von einer Gesellschaft, die auch medial in quasi isolierte Einzelzellen zerfällt. In der namenlosen Stadt kommen Neuigkeiten aus der großen Welt nur gefiltert an, denn die Medien sind noch längst nicht so präsent wie heute. Nachrichten werden zur Kenntnis genommen aber nicht verinnerlicht, wenn sie nicht das heimische Umfeld betreffen.

Gegenmaßnahmen mit Köpfchen

Der ‚Krieg‘ gegen die Eindringlinge fällt bei Simak aus. Zwar kann der Mensch nicht auf den Faktor Verständigung setzen, denn die Aliens sind weder fähig, die Regeln des irdischen Zusammenlebens zu verstehen, noch interessieren sie sich dafür. Aber nicht Unwissenheit und Gleichgültigkeit werden ihr Verderben, denn die Menschen sind umgekehrt außerstande, eine Invasion durch Ausverkauf zu begreifen. Als die Zahl der arbeits- und heimatlos gewordenen Bürger steigt, wird nicht die Ursache der Krise hinterfragt. Stattdessen ist sich jeder egoistisch selbst der Nächste, und die ersten Überlebenskünstler decken sich mit Schusswaffen ein: Die vielbeschworene Solidarität ist vor allem Mundpropaganda.

So bleibt es wie so oft dem Individuum überlassen, altruistisch über den Schatten springend und gegen den allgemeinen Strom schwimmend die Rettung einzuleiten. Parker Graves ist alles andere als ein Supermann. Er irrt sich, gerät in Sackgassen, zeigt sich allzu begriffsstutzig dort, wo sogar der Leser längst erfasst hat, wie der Hase läuft (bzw. die Alien-Kugel rollt). Dennoch bleibt Graves bodenständiger US-Pionier genug, um notfalls selbst zum Gewehr zu greifen und sich seiner Gegner im Namen der Menschheit zu erwehren.

In einem Punkt endet die zeitlose Konventionsfreiheit unserer Geschichte: Zwar stellt Simak der männlichen Hauptfigur eine Frau an die Seite, doch diese verhält sich entstehungszeitkonform ‚weiblich‘: Stets nennt man Joy „Mädel“, und obwohl sie notfalls ihren Kampfgeist unter Beweis stellt, schickt sie Graves immer wieder in die Etappe zurück: Ein wahrer Mann kämpft allein und beschützt ‚seine‘ Frau!

Rettung ohne Feuer und Flammen

Die Rettung kommt – auch dies ist typisch Simak – nicht aus dem Hightech-Standort Stadt. Das Land bzw. die Natur selbst bietet ein Anti-Alien-Mittel an; der Mensch muss es nur zu entdecken wissen. Schon H. G. Wells fand so die überraschende und logische Auflösung für seinen „Krieg der Welten“. Dieses Mal sind es keine Bazillen, die den Invasoren den Tod bringen. Ihre Rettung verdankt die Menschheit dem oft verschmähten Stinktier, dessen Odeur eine unkontrollierbare Verlockung auf die Außerirdischen ausübt.

Den Freunden der „military science fiction“ werden ob solch slapstickhafter Anti-Militanz die Tränen kommen, doch Simak lehnt die Gewalt als logisches aber einfallsloses Mittel zum Zweck ab – ohne ihre Existenz übrigens zu verleugnen: Die US-Regierung plant rachsüchtig die atomare Vernichtung der hilflos gewordenen Aliens, was Parkes Graves als unnötig erkennt, ohne es vermutlich ändern zu können.

Simak klammert aus, was geschieht, nachdem die Invasoren ihre Macht verloren haben: Es ist für diejenige Geschichte, die er erzählen wollte, nicht mehr wichtig – eine auch sonst geübte erzählerische Ökonomie, die zu bewundern ist und der Handlung ein sauberes Ende beschert, ohne sie ad infinitum auszuwalzen. Schade, dass die deutschen Leser dies aufgrund der Veröffentlichungsgeschichte nur schwer genießen können: Während die meisten Simak-Romane in den Verlagen Goldmann und Heyne erschienen, wurde „Planet zu verkaufen“ in die „Terra-Taschenbuch“-Reihe des Moewig-Verlags aufgenommen, dabei auf das dort übliche 160-Seiten-Schema zurechtgestutzt und nie wieder aufgelegt.

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Mil(l)ville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim Minneapolis Star angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks Wonder Stories. 1938 wechselte Simak als Autor zu Astounding Science Fiction. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum City-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die Science Fiction Hall of Fame aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

[md]

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Die in der Tiefe

Erstellt von Michael Drewniok am 17. August 2010

(Bild: Sammlung md)

(Bild: Sammlung md)

Charles L. Harness
Die in der Tiefe

(sfbentry)
Originalausgabe: Wolfhead (New York :  Berkley 1978)
Übersetzung: Michael Kubiak
Cover: Roger Stine
Deutsche Erstausgabe 1984 (Moewig Taschenbuchverlag/Moewig Science Fiction 3644)
160 S.
ISBN-13: 978-3-8118-3644-0

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Das geschieht:

Vor drei Jahrtausenden ging die menschliche Zivilisation in einem weltweit geführten Atomkrieg unter. Die wenigen Überlebenden benötigten lange, um die Folgen zu überwinden. Auch die USA sind untergegangen. Erst allmählich beginnt eine Neubesiedlung der lange verstrahlten Regionen. Viele Artefakte der Vergangenheit wurden aus den Ruinen der großen Städte geborgen, instandgesetzt oder nachgebaut. Dennoch ist das ‚neue‘ Amerika ein Land der Kleinstädte und der Landwirtschaft geblieben.

Die Kenntnis um die Schrecken des Untergangs ist nicht vergessen. Deshalb wissen die Menschen durchaus von „denen in der Tiefe“, den Nachfahren der politischen US-Elite, die sich vor 3000 Jahren vor den einschlagenden Bomben tief unter die Erde flüchteten. Dort sind sie geblieben und begannen zu mutieren. Sie scharen sich weiter um einen „Präsidenten“ und führen Bürgerkrieg gegen die oberirdischen „Sonnenteufel“, deren Männer sie töten, während Frauen verschleppt werden.

Auch die junge Beatra fällt ihnen in die Hände. Jeremy Wolfhead, ihr Gatte, will sie um jeden Preis befreien. Dies bedeutet, den Entführern in ihr unterirdisches Reich zu folgen. Hochwertige Sensoren verbieten den Einsatz der neu erfundenen Waffen. Aber auch die Oberirdischen sind zum Teil mutiert: Jeremy ist ein geschickter Telekinet. Ihm zur Seite steht die intelligente Wölfin Vergil.

Die Reise ins Innere der Erde ist gefährlich. Riesige Höhlen verbergen tückische Fallen und hungrige Kreaturen. Die Zeit drängt, weil Jeremy seine Mutanten-Fähigkeit schwinden fühlt. Er erfährt außerdem vom Plan des Präsidenten, eine uralte, noch immer aktive Satellitenwaffe der Vorfahren zu aktivieren, um die „Sonnenteufel“ zu vernichten und die Oberfläche zu besetzen …

„Post Doomsday“ aber ohne erhobenen Zeigefinger

Seit den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, spätestens jedoch seit der Erkenntnis, dass außer den ‚guten‘ USA auch die ‚böse‘ Sowjetunion über „die Bombe“ verfügte, mehrten sich nicht nur die mit entsprechenden Sprengköpfen gespickten Raketen, sondern auch die Kritik an einem Wettrüsten, das einen III. Weltkrieg auslösen konnte, der gleichbedeutend mit dem Ende der Menschheit gewesen wäre. Schriftsteller reihten sich vorn in die Reihen der Mahner und Warner ein. In den 1950er Jahren entstand in der Science Fiction ein eigenes Sub-Genre: die „Post-Doomsday“-SF, die den Tag X und die daraus resultierenden Folgen anschaulich zu machen versuchte. Dies geschah mal mehr, mal weniger unterhaltsam, denn diesen Geschichten schien eine wichtige Moral innezuwohnen. Sie bestand in dem Appell, die Apokalypse zu vermeiden.

So hausbacken wie diese Parole lasen sich viele „Post-Doomsday“-Werke denn auch. Aus der Darstellung fiktiven Grauens ragte hoch der mahnende Zeigefinger auf, während darunter Geschehnisse und Figuren zu Klischees zu gerinnen begannen. Rückfall in Steinzeit oder Mittelalter plus mutierte Monster plus Geheimnisse einer versunkenen Vergangenheit: So einfach machten es sich zahlreiche Autoren.

Charles L. Harness hat in mehr als einem halben Jahrhundert nur zwölf Romane und etwa zwei Dutzend Kurzgeschichten geschrieben. Qualität ging ihm vor Quantität, und dazu gehörte für ihn nicht nur die Konzeption einer gut geplotteten und spannend umgesetzten Handlung, sondern auch die Vermeidung der genannten (und vieler anderer) Klischees. Wie „Die in der Tiefe“ belegt, ging er ihnen keinesfalls aus dem Weg; er spielte stattdessen mit ihnen und erzielte damit erstaunliche Ergebnisse.

Die Zukunft ist positiv

Die Gegenwart des 3. Jahrtausend nach dem Untergang ist genreuntypisch freundlich. Keineswegs haben die Menschen der (Natur-) Wissenschaft und Technik abgeschworen. Gern greifen sie auf die Kenntnisse der Vorfahren zurück, denn weite Reisen legen sie beispielsweise viel lieber mit einem Gleiter als mit Pferd und Wagen zurück. Das Wissen um die Errungenschaft der Vergangenheit wurde von einer Kirche bewahrt, die es nicht eifersüchtig hütete und ansonsten einen fundamentalistischen Gottesstaat errichtete, sondern es teilte und lehrte: Die strapazierten Klischees vom Wüten einer zukünftigen Inquisition erspart Harness seinen Lesern.

Wohltuend ist auch seine Charakterisierung jener Exklave, die tief unter der Erde die erwähnte Vergangenheit repräsentiert: Es sind keine verstrahlten Mutanten, die stur aber sinnlos uralten Ritualen folgen, sondern Menschen, die sich entwickelt haben und sich der Gegenwart vollauf bewusst sind. Im Inneren der Erde hat sich eine den Verhältnissen angepasste und auf ihre Weise zeitgemäße Gemeinschaft gebildet.

Nicht blinder Hass oder purer Vernichtungswille treibt die Höhlenbewohner an die Oberfläche. Harness postuliert eine konkrete und überzeugende Ursache, die er mit logisch klingendem Technobabble umschreibt und ins Geschehen integriert. Die ‚Lösung‘ des „Präsidenten“ ist dennoch infam; hier reitet der Verfasser zeitgenössisch auf jener Woge des Misstrauens gegen das politische Establishment der USA, die 1974 ihren Höhepunkt in der Entlarvung des realen Präsidenten Nixon fand, der manipuliert und betrogen hatte. Quasi ein zweiter Nixon ist es also, der nicht die Verständigung mit der oberirdischen Bevölkerung sucht, sondern sie auslöschen will.

Kurz und spannend geblieben

In der deutschen Fassung füllt „Die in der Tiefe“ gerade 160 (immerhin intensiv bedruckte) Seiten. Das erstaunt in einer Zeit, da noch die winzigste Idee zu mehrtausendseitigen Endlos-Fortsetzungen breitgetreten wird. So wirkt dieser Roman wie das Konzentrat einer Geschichte, die um ursprünglich angedachte Erweiterungen erleichtert und auf das Grundsätzliche verschlankt wurde. Viele Aspekte dieser zukünftigen Welt bleiben Andeutung. Diese Art der Selbstdisziplin fördert nicht nur die Zufriedenheit mit einer Story, die nicht über Gebühr strapaziert wird, sondern mutet auch wie eine Lektion an: Schaut her, ihr Schwätzer – so wird ökonomisch erzählt!

Ein weiterer Pluspunkt: Harness vermeidet jegliche Gefühlsduselei. „Die in der Tiefe“ ist reich an interessanten, gut ausgearbeiteten Figuren, die dem Leser auch deshalb ans Herz wachsen, weil sie ambivalent bleiben. Jeremy Wolfhead ist ein liebevoller Gatte und generell ein ansehnlicher Geselle. Gleichzeitig ist er ein eiskalter Killer: Wer sich ihm in den Weg zu seiner geliebten Beatra stellt, ist dem Tod geweiht. Die daraus resultierende Diskrepanz zwischen der Rettungsmission und der Zahl der sich dabei addierenden, eigentlich unschuldigen Opfer, die sie fordert, ist Jeremy bewusst. Harness lässt ihn darüber reflektieren. Die Entscheidung ist politisch höchst unkorrekt aber konsequent und ehrlich: Jeremy will seine Beatra zurück, und das um jeden Preis!

Wie Harness Erwartungshaltungen unterläuft, belegt auch seine Charakterisierung der Wölfin Vergil. Sie wurde durch die Einpflanzung eines Stückchens menschlichen Hirngewebes ‚humanisiert‘ – eine zwiespältige Operation, denn Vergil gerät damit in eine ungeliebte Zwischenwelt: Sie ist kein ‚richtiger‘ Wolf mehr, kann aber auch nicht wirklich ‚menschlich‘ werden. Vergil wurde quasi für die Reise in die Unterwelt geschaffen. Als diese Mission erfüllt ist, bleibt sie zurück. Ihr innerer Konflikt wird nicht mehr durch Handlungszwänge und Gefahren ausgeglichen. Vergils Schicksal ist durchaus tragisch.

Überhaupt vermeidet Harness das simple Happy-End. Keine gefährliche Mission endet ohne Opfer; höchstens in Hollywood ist dies so. Zwar bleibt die neue Erde bestehen, aber Jeremy muss seinen Preis zahlen. Die ‚Belohnung‘ für seinen Einsatz bleibt aus, die Früchte ernten andere. Diese Konsequenz in Verbindung mit einer farbenfrohen, ohne Längen erzählten Handlung werten „Die in der Tiefe“ zu einer erfreulich anderen und dennoch – bzw. gerade deswegen – vorzüglichen Geschichte auf.

Autor

Charles Leonard Harness (1915-2005) blieb sein langes Leben lang ‚Nebenbei-Schriftsteller‘, denn eigentlich war er Patentanwalt. Sein Werk blieb deshalb schmal. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gelangen ihm einige der spannendsten und schönsten Beiträge zur Science Fiction. Schon 1948 erschien „Time  Trap“, eine Kurzgeschichte, die Harness als einfallsreichen Verfasser mit einer Vorliebe für verzwickte Plots (und Zeitreisen) zeigt. Fünf Jahre später debütierte mit „The Paradox Man“ (dt. „Der Mann ohne Vergangenheit“) auch als Romanautor. Bis zu seinem Zweitwerk verstrichen volle 15 Jahre. Harness blieb ein Geheimtipp – ein Schriftsteller, der keine Furcht hatte, seine Leser mit komplexen Geschichten zu fordern. Folgerichtig zeichneten ihn die „Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA)“ 2004 mit dem (ebenso pompösen wie nichtssagenden) Titel „Author of Distinction“ aus.

In den 1970er und 80er Jahren wurde Harness aktiver. Allerdings neigen strenge Kritiker dazu, die nun entstandenen Werke für konventioneller zu halten; Harness schien sich seinen Lesern zu nähern, die besagte Kritiker seit jeher für mehrheitlich dumm halten. Erst 2000 veröffentlichte Harness seinen letzten Roman und setzte sich zur Ruhe, was die SFWA dazu veranlasste, ihn 2004 als „Author Emeritus“ zu ehren.

[md]

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Irrfahrt zur Venus

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Mai 2010

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Cover der (leicht gekürzten) Neuausgabe von 1957/58 (Bild: Sammlung md)

(sfbentry)
Originaltitel: Five Against Venus (1952)
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Awa-Verlag/Astron-Bücherei Nr. 2)
Übersetzung: Werner Gronwald
234 Seiten
[keine ISBN]
Neuauflage: 1964 (Arthur Moewig Verlag/Terra 363)
Übersetzung: Hans Kneifel
64 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

In einer nicht näher definierten Zukunft, vielleicht im 21. Jahrhundert, lernen wir die Robinsons aus Los Angeles im US-Staat Kalifornien kennen: Vater Paul, just zum Pressesprecher der Mondstadt Tycho ernannt, Mutter Helen, Kronprinz Jack (18 Jahre) und Brüderchen Frank (6) sind eine amerikanische Durchschnitts- und Bilderbuchfamilie, die fest zusammenhält und es deshalb überall schaffen wird.

Das muss sie rasch unter Beweis stellen. Der Umzug gerät wegen eines Defekts im Bordcomputer des Raumschiffs „Aurora“ zum Fiasko. Statt auf dem Mond finden sich die Reisenden im Orbit des wolkenverhangenen Planeten Venus wieder. Schnöde lassen der Kapitän und seine Mannschaft Schiff und Passagiere im Stich. Knapp gelingt eine Bruchlandung. Die Robinsons finden sich auf einer Albtraumwelt wieder. Heiß und feucht ist es auf der Venus, und unheimliche Tiere schleichen durch die ewig halbdunklen Urwälder.

Mit den aus dem Wrack geborgenen Lebensmitteln richtet sich die Familie in einer Höhle ein. Wichtiger ist der Fund zweier Gewehre, da sich herausstellt, dass es auf der Venus (halb) intelligentes Leben gibt: riesige Fledermäuse, die sich von Blut ernähren! Sie halten sich harmlose Dinosaurier als Spender, aber in der langen Venusnacht werden sie ihre Schlupfwinkel verlassen und auf Erdmenschen-Jagd gehen.

Auch sonst wartet die Venus-Natur mit unfreundlichen Überraschungen auf. Außerdem scheint es auf zu spuken: Immer wieder tauchen geheimnisvolle Warnungen auf, die ein Mensch geschrieben haben muss. Hält sich irgendwo in der Wildnis ein weiterer Erdling und damit ein potenzieller Verbündeter auf? Die Antwort auf diese Frage wird wichtig, als die Vampire den Unterschlupf der Robinsons entdecken …

Märchenwelt für Abenteurer

Jugendliche Leser dürfen nach Ansicht des Verfassers offenbar intellektuell keineswegs überfordert werden. Er legt die Latte sehr niedrig an, um vorerst vorsichtige Kritik zu äußern. „Irrfahrt zur Venus“ erzählt eine Geschichte auf Privatfernseh-Niveau; einen ärgeren Tadel kann es kaum geben. Sein kümmerliches schriftstellerisches Talent steckt Latham in eine astronomische Robinsonade und singt ansonsten das Loblied einer Hochtechnologie, die der Menschheit endlich Frieden und Glück beschert hat.

Die gesellschaftliche Entwicklung ist dagegen irgendwann in den 1950er Jahren steckengeblieben. Lathams Welt der Zukunft sind die USA der Eisenhower-Ära. Ihre Ideale werden propagiert und präpariert, und das mit einer plumpen Direktheit, die heute eher amüsiert als ärgert. Freilich darf man Latham das nur bedingt zum Vorwurf machen. Auch begabtere Schriftsteller-Kollegen entdeckten die „Social Fiction“ erst sehr viel später. Insofern ist „Irrfahrt zur Venus“ das Relikt einer Epoche, die in der Tat fest daran glaubte, dass Technik = Fortschritt und Weltfrieden bedeutet.

„Science“ Fiction will Latham bieten, denn er schwadroniert in einem langen Nachwort über seine Verantwortung dem Leser gegenüber, denen er keine haltlosen Spekulationen zu liefern schwört. Doch ‚seine‘ Venus ist sogar eines astronomischen Laien unwürdig. Schon vor einem halben Jahrhundert wusste man, dass dort oben mit romantischen Urwelten nicht zu rechnen ist; die Venus ist ein Höllenplanet mit einer mörderisch heißen Schwefelsäure-Atmosphäre. Aber ganz genau wusste man es nicht bzw. es ließ sich nicht das Gegenteil beweisen. Also nutzte Latham die weißen Flecken und entwarf streng wissenschaftlich – so brüstet er sich – eine Ökologie, die den Fachmann zu brüllendem Gelächter reizt, aber als Abenteuerspielplatz ausgezeichnet funktioniert; nur meinte Latham es eben ernst mit seinem pädagogischen Auftrag.

Vergisst man diesen Unfug, bereitet „Irrfahrt zur Venus“ sasselbe Vergnügen wie ein alter SF-Filmheuler der 1950er Jahre. So war das nicht geplant von Latham, aber es hält sein kleines Werk, das zwischen den Zeilen unfreiwillig viel aussagt über Zeit und Leute, auch heute am Leben.

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Cover der dt. Erstausgabe von 1956 (Bild: http://www.sf-leihbuch.de)

Selten erschien einem die Zukunft vergänglicher als bei der Lektüre dieses Romans. Die Robinsons (Achtung: Hieb mit dem Zaunpfahl!) bieten ein herzzerreißendes (und hirnerweichendes) Abbild des mittelständischen US-Ideal-Familie. Strebsam, einig, obrigkeitshörig, dazu weiß und unverzagt an den amerikanischen Traum glaubend, wird sie jedes Hindernis meistern: Holzhammer-Pädagogik und dreiste Manipulation des Lesers zu seinem Besten (= dem Erhalt bestehender Verhältnisse) war ein prägendes Merkmal zeitgenössischer Jugendliteratur.

Es dauert einige Zeit, bis der moderne Leser einschätzen kann, wie alt Hauptfigur Jack Robinson eigentlich ist. Er gehört einem pfadfinderähnlichen „Astronauten-Club“ an, liest in seiner Freizeit zur Entspannung im Lexikon und mäht für Mutti den Rasen. Also wird er wohl um die 12 Jahre alt sein? Von wegen, 18 ist er, aber halt ein vorbildlicher junger Mann, der fleißig lernt und profanen Ablenkungen wie hartem Rock und bösen Mädchen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt: Aus solchem Holz sollte der US-Amerikaner geschnitzt sein – besonders am Kopf!

Dass im Robinson-Rudel Vater Paul der Alpha-Rüde ist, wird von niemandem in Frage gestellt. Überhaupt herrscht stets eitel Übereinstimmung in dieser Familie, was sich die Leser ebenfalls zum Vorbild nehmen sollten. Paul weiß noch in aussichtsloser Lage, was als nächstes zu tun ist. Jack konkurriert nicht mit ihm, sondern ergänzt ihn; als Team schützen Vater und Sohn das Allerheiligste der menschlichen Zivilisation: die Familie.

„The family that stays together …“

Ein harter Job ist das, denn Hilfe von Helen können sie nicht erwarten; tun sie auch gar nicht. Helen ist Ehefrau und Mutter. Das ist ihre Aufgabe im Leben, die sie mehr als genug fordert. Für Heldentaten auf fremden Planeten gibt es da weder geistig noch körperlich Kapazitäten. Das führt zu absurden Situation wie dieser: Jagdausflüge und Erkundungsstreifzüge können nur von Paul oder Jack allein unternommen werden. Zwei Gewehre besitzen die Robinsons, aber es ist kein Denken daran, sich eines zu greifen, zu zweit loszuziehen und die zurückbleibende Helen zu bewaffnen, denn „Ich habe ebensoviel Angst vor dem Gewehr, wie ich vor einem Venusbewohner hätte“. (Die krude Übersetzung komplettiert den unfreiwillig komischen Eindruck.)

Auch sonst misstraut sie allem, das ihren engen Horizont und damit ihren Seelenfrieden bedroht. Sohn Jack darf daher für die Anwendung seines angelesenen Wissens nur spärlichen Beifall erwarten: „‚Schon wieder dieses schreckliche Lexikon‘, sagte Mrs. Robinson klagend. ‚Lauter unangenehme Dinge stehen in solchen Büchern.‘“

Bleibt noch Bram Simmons, der lange unsichtbare fünfte Kämpfer gegen die Venus. Wohl mehr aus Versehen ist Latham hier eine Figur mit ambivalenter Persönlichkeit geglückt – kein „mad scientist“, sondern ein Aussteiger, der sich anders als die Robinsons tatsächlich auf der Venus akklimatisiert hat und dies auch wollte. Ohne Feuer und Flinte hat er sich den Vampiren angeschlossen und sogar Freundschaft mit ihrem König geschlossen. Deshalb bleibt er schließlich bei ihnen, auch wenn ihn die Robinsons und ihre Retter für endgültig übergeschnappt halten; sie werden niemals Simmons‘ Beweggründe verstehen, denn fremde Welten müssen in Einigkeit bezwungen und ‚zivilisiert‘ werden, wie es hier bis zum Exzess durchexerziert wird.

Anmerkung zur Science Fiction in Deutschland nach 1945

„Irrfahrt zur Venus“ ist SF-Lesefutter von kaum durchschnittlicher Qualität. Beinahe interessanter ist die Lektüre des Klappentextes. Er atmet ungefiltert den Zeitgeist und markiert exemplarisch die Schwierigkeiten der Science Fiction in den 1950er Jahren.

Schmutz & Schund hießen (neben den Kommunisten) die Schreckgespenster dieser Ära. Junge Leute sollten lesen, das schon, aber dann gefälligst dabei lernen. Alles andere war verschwendete Zeit oder gar sittenloses und damit verdächtiges Vergnügen. Da hatte es ein Genre schwer, dessen Protagonisten im Weltraum umherflogen. Also musste ein Feigenblatt gefunden werden. Dabei wurde zum Wohle des Profits gelogen, dass sich die Balken bogen. Heute unglaublich erscheinen die dreisten Behauptungen, die der Awa-Verlag auftischte, um besorgte Eltern und Jugendschutzwarte zu beruhigen:

„Die Zukunftsromane der Astron Bücherei bieten dem Leser:
- Die hohe Spannung des großen Abenteuers
- Exaktes Wissen aus Technik und Naturlehre
- Die Begegnung mit den Wundern des Kosmos
- Befruchtung der Phantasie im Erlebnis fremder Welten
- Kritische Bestimmung auf die ethischen Ziele der Menschheit
- Ein Heldentum ohne Gewalt und den Wettstreit der guten Kräfte des menschlichen Herzens“

Erstaunlich, dass angesichts solch systematischen Spaßverderbens überhaupt jemand zu diesem Buch griff … Zudem stimmt rein gar nichts von dem, was da behauptet wurde. Selbst Verfasser Latham machte in seinem Nachwort keinen Hehl daraus, dass er um der Story willen kräftig ‚extrapolierte‘. Schon damals war der Wissenschaft wie gesagt bekannt, dass sich unter den Wolken der Venus wohl keine saurierverseuchte Urwelt verbarg.

Auch der beflissene Anhang „Angaben und Zahlen zum Nachdenken“ – eine Art Grundkurs in Astrophysik – macht „Irrfahrt zur Venus“ nicht zur ‚guten‘ Literatur (was immer dies sein mag). SF kann niemals Blick in die reale Zukunft sein, sondern bleibt ein der Gegenwart verhaftetes Gedankenspiel. „Irrfahrt zur Venus“ macht diesen Aspekt so deutlich wie selten. (Weitere Infos und Bilder zu diesem Buch finden sich hier.)

Autor

„Philip Latham“ ist ein Pseudonym, hinter dem sich der Astronom Robert Shirley Richardson (1902-1981) verbarg. Er gehört ganz sicher nicht zu den Großen der Science Fiction. In den 1940er bis 1970er Jahren steuerte eine Reihe von Kurzgeschichten und Artikeln zum Genre bei. Als Romanautor beließ er es bei „Five Against Venus“, dem er nur noch „Missing Men of Saturn“ folgen ließ.

[md]

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Im Reich der Vogelmenschen

Erstellt von Michael Drewniok am 17. März 2010

vogt-hull-vogelmenschen-coverA. E. van Vogt/E. Mayne Hull
Im Reich der Vogelmenschen

(sfbentry)
Originaltitel: The Winged Man („Astounding“, Mai/Juni 1944/New York : Doubleday 1966)
Übersetzung: Jürgen Jasper
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Arthur Moewig Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 121)
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Juli 1980 (Erich Pabel Verlag (Utopia Classics Taschenbuch Nr. 19)
161 Seiten
[keine ISBN]

Das geschieht:

Irgendwo im Pazifik, 1200 Meilen entfernt vom nächsten Hafen, dümpelt in einer mondhellen Nacht das amerikanische U-Boot „Seeschlange“ auf den Wogen, als plötzlich ein geflügelter ‚Mensch‘ auf das Deck niederstößt und eine merkwürdige Apparatur dort befestigt, die sich partout nicht entfernen lässt. In der folgenden Nacht kehrt der ungebetene Gast zurück und handelt ebenso an einer anderen Stelle der ‚Seeschlange‘.

Dieses Mal kann ihn die Besatzung ergreifen, aber es ist bereits zu spät: Ein Energiewirbel versetzt die „Seeschlange“ in eine weit entfernte Zukunft. Der durch die Zeit gereiste Vogelmensch ist ein Botschafter, der sich in der Vergangenheit nach Verstärkung umschauen sollte. Die Zukunft ist nämlich nicht nur ein trostloser, sondern auch ein von Krieg heimgesuchter Ort. Aus der Erde wurde ein unwirtlicher Wasserplanet, auf dem in der Luft die Vogelmenschen mit ihren im Meer lebenden Gegnern, den Fischmenschen, ringen und dabei allmählich das Nachsehen haben.

Die tatkräftigen Menschen des 20. Jahrhunderts sollen das Zünglein an der Waage spielen und den Vogelmenschen den Sieg bringen. Die Männer der „Seeschlange“ schätzen es freilich gar nicht, auf diese Weise rekrutiert zu werden. Vor allem wollen sie nicht in einen Krieg ziehen. Stattdessen bemühen sie sich um einen Ausgleich zwischen den Gegnern. Die Situation verkompliziert sich, weil sich die „Seeschlange“ in einer Flotte ebenfalls verschleppter Schiffe aus verschiedenen vergangenen Jahrtausenden wiederfindet, deren Mannschaften einander gar nicht grün sind. Als dann noch ein Raumschiff mit eroberungswütigen Außerirdischen auftaucht, wird es eng für die unfreiwilligen Friedensstifter, zumal auch die Vogelwesen allmählich ungeduldig werden …

vogt-hull-vogelmenschen-cover-1967Harte Kerle für die Zukunft

Science Fiction ohne Anspruch außer diesen: den Leser so gut wie möglich zu unterhalten. Mit solcher naiver Unschuld ging dies wohl nur im „Goldenen Zeitalter“ des Genres, das die Jahre vor und während des II. Weltkriegs umfasste, als die auf billiges, holziges Papier gedruckten ‚Pulp‘-Magazine die Szene beherrschten. Dort schlugen die Mannen der „Seeschlange“ denn 1944 auch zum ersten Mal (in Fortsetzungen) ihre Schlacht gegen geflügelte oder gekiemte Zukunftsmenschen.

Die Geschichte ist so absurd, dass sie eigentlich unterhalten muss. Heute gibt es freilich gewisse Schwierigkeiten. Es beginnt stimmungsvoll und spannend, lässt aber deutlich nach, als die ferne Zukunft erreicht wurde. Die entführten Tatmenschen des 20. Jahrhunderts sollen dort einen Torpedo abfeuern und dürften danach wieder zurückkehren. Das wollen sie nicht – überhaupt und weil es sich hier um US-Amerikaner handelt, die sich prinzipiell nichts sagen lassen. Stattdessen wird auch im 25. Jahrtausend von einem Fettnäpfchen ins andere getrampelt.

Überhaupt ist dem Autorenduo nichts wirklich Originelles für die zukünftige Erde eingefallen. Das Geschehen spielt sich im Schatten einer schwebenden Insel ab, unter der sich einige See- und Raumschiffe misstrauisch umkreisen. Intrigen werden gesponnen, Piraterie versucht, aber das führt letztlich zu Nichts. Die durchaus faszinierenden Elemente wollen sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Besonders das Finale legt dieses Manko offen: Es ereignet sich, als der Leser einen Moment nicht hinschaut. Anschließend muss er verdattert in einigen Nebenbei-Sätzen nachlesen, dass die ursprünglich so gewaltigen Probleme, die den Einsatz der Zeitreise erforderlich machten, kurz und knapp gelöst wurden.

Handeln statt denken

Wie man sich denken kann, erfordert eine Geschichte wie diese kein profilstarkes Personal. Hier wird gehandelt, werden markige Reden geschwungen. Eine Besatzung tatendurstiger Seemänner ist da genau richtig. Zwar bemühen sich die Autoren, der Figurenzeichnung durch einige interne Konflikte – der U-Boot-Kommandant ist ein ängstlicher Opportunist, seinem weitsichtigen Stellvertreter sind die Hände durch das militärische Protokoll gebunden usw. – Tiefe zu verleihen. Das wirkt jedoch sehr weit hergeholt.

Von den Vogelmenschen erfährt man wenig, von ihren Gegnern sogar noch weniger. Irgendwie erscheint dieser zukünftige Krieg ziemlich sinnlos, was allerdings auf jeden Krieg zutrifft. Typisch Van Vogt ist der temporale Auftrieb unterschiedlicher Zeitreisender aus verschiedenen Epochen. Typisch für das Jahr 1944 ist die Darstellung der Sessa Clen-Amazonen als instinkt- oder besser triebgesteuerte Chaotinnen, denen ein richtiger Kerl zeigen müsste wo’s langgeht; kein Wunder, dass die Königin dem U-Boot-Helden Kenlon sogleich einen Heiratsantrag macht …

Van Vogt bearbeitete „Im Reich der Vogelmenschen“ 1966. Im Bemühen, die Geschichte zu aktualisieren, verwandelte er die „Seeschlange“ ein Atom-U-Boot im Versuchs-Einsatz, was gar nicht gut zur Handlung passte. In dieser Hinsicht war Van Vogt allerdings nie zimperlich; wenn es ihm verkaufsförderlich erschien, hatte er kaum Skrupel, seine Texte umzugestalten.

Autoren

„Im Reich der Vogelmenschen“ wurde zwar von einem der bekanntesten Autoren des Genres verfasst, ist aber in dessen Gesamtwerk etwas fremd. Kein Wunder, denn A. E. van Vogt hat es nicht allein verfasst. Kann man den Quellen trauen, stammt dieser Roman sogar aus E. Mayne Hulls Feder. Sie wurde 1905 in Brandon, Manitoba und damit in Kanada geboren und schrieb zunächst rührselige religiöse Geschichten und Hörspiele. In den 1930er Jahren belegte sie einen Schreibkurs, den auch ein anderer hoffnungsvoller Nachwuchsautor besuchte: Alfred Elton van Vogt. Sie heirateten 1939, kurz bevor van Vogt mit „Black Destroyer“ der Durchbruch gelang. Hull wurde Van Vogts Sekretärin. Ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen wurden von ihm durchaus unterstützt. In den 1940er Jahren verfasste Hull eine Reihe von Kurzgeschichten, die in Magazinen wie „Astounding“ oder „Unknown Worlds“ erschienen, aber ihr Werk blieb schmal. Massive gesundheitliche Probleme beeinträchtigten immer wieder ihre schöpferische Kraft. Ihren diversen schweren Krankheiten erlag Hull im Januar 1975.

Alfred Elton van Vogt (geb. 1912) gehört zu den großen Autoren der klassischen Science Fiction. Er war der Sohn holländischer Eltern, die eine Farm im Süden der kanadischen Provinz Winnipeg besaßen. „Van“, wie ihn die Freunde nannten, kam schon früh mit der SF in Kontakt, als er zum regelmäßigen Leser der ab 1926 aufkommenden „Pulp“-Magazine wurde. Die Große Depression der 1930er Jahre verschonte auch die Familie Van Vogt nicht. Alfred musste seine Ausbildung abbrechen und sich als Farmarbeiter, Lastwagenfahrer, Angestellter usw. durchschlagen. Nebenbei versuchte er sich als Autor. Van Vogt schrieb „Wahre Geschichten“ und Liebesschnulzen, die indes niemand lesen wollte.

Ab 1938 versuchte sich Van Vogt auf dem SF-Magazinmarkt. Anfänglichen Misserfolgen folgte der Durchbruch mit „Black Destroyer“. Nun ging es Schlag auf Schlag: Mit „Slan“ (1940), „The Weapon Makers“ (1943; dt. „Die Waffenschmiede“) oder „The World of A“ (1945; dt. „Die Welt der Null-A“) schrieb er sich in die erste Reihe und an die Seite von Robert A. Heinlein, Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke. Aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt stieß Van Vogt zudem in eine Lücke. 1944 zogen er und seine Ehefrau Edna nach Los Angeles um.

Wenig später ließ sich Van Vogt auf das zweifelhafte Experiment „Dianetics“ seines Schriftsteller-Kollegen L. Ron Hubbard ein, der daraus später die Hirnwäscher-Sekte der Scientologen formierte. Van Vogt durchschaute den faulen Zauber, aber er vergeudete viel Zeit in seiner Suche nach dem Sinn des Lebens, die er lieber in seine Karriere investiert hätte: Als Van Vogt zur SF zurückkehrte, hatte er den Anschluss verloren. Trotz enormer Anstrengungen erreichte er niemals die alte Größe zurück. Das Ende war grausam: Der neugierige und wortgewaltige Van Vogt erkrankte an der Alzheimerschen Krankheit, von der ihn nach langem Leiden 2000 eine Lungenentzündung erlöste.

[md]


Titel bei booklooke.de
Titel bei Amazon.de (Ausgabe von 1967)
Titel bei Amazon.de (Ausgabe von 1980)

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