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neuauflage

Die Angst hat tausend Namen

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Mai 2012

Christopher Evans (Hg.)
Die Angst hat tausend Namen

(sfbentry)
Originaltitel: Mind at Bay. Stories of Horror from the Skull’s Unmapped Depths (London : Panther Books 1969)
Übersetzung: Monika Hahn
Deutsche Erstausgabe: 1974 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 08)
Cover: Frank Frazetta
143 Seiten
[keine ISBN]

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Inhalt:

Herausgeber Evans, ein Psychologe, präsentiert sieben Geschichten von Menschen, die sich buchstäblich selbst verrückt machen oder deren Angstvorstellungen real werden:

- Christopher Evans: Einführung (Introduction, 1969)

- Conrad Aiken: Schnee, sanfter Schnee (Silent Snow, Secret Snow, 1934): Schon immer war Paul ein Einzelgänger, doch jetzt kapselt er sich endgültig ab und verliert sich in seiner Privatwelt, in der unaufhörlich der Schnee wirbelt.

- James Graham Ballard: Die Wachttürme (The Watchtowers, 1962): Gigantische Türme hängen still aber drohend aus den Wolken über der Stadt; nie zeigen sich ihre Bewohner – oder haben sie die Macht heimlich längst übernommen?

- Edward Frederic Benson: Raupen (Caterpillars, 1912): Der Besucher träumt von grässlichen Wesen, die seinen Gastgeber verfolgen, und dieser Traum besitzt einen schauerlich realen Kern.

- John Connell: Bund mit dem Teufel (Back to the Beginning, 1952): Auch für einen modernen Teufelspakt muss der Preis irgendwann bezahlt werden.

- M. R. James: Die Esche (The Ash-Tree, 1905): Die böse Hexe belegt ihre Henker mit einem Fluch; was mit der Umsetzung beauftragt wurde, kriecht in der Nacht aus dem genannten Baum.

- Jane Rice: Der Abgott der Fliegen (The Idol of the Flies, 1942): Waisenjunge Pruitt ist ein Tyrann, der gern drohend auf seinen Schutz durch den „Herrn der Fliegen“ hinweist, was eines Tages mit teuflischen Folgen auf die Probe gestellt wird.

- H. R. Wakefield: Die Grenzwächter (The Frontier Guards, 1929): Der nächtliche Besuch eines Geisterhauses entfesselt einen Spuk der gänzlich unerwarteten Art.

Das Regime der Angst

Die Welt ist schlecht bzw. das Leben an sich bereits gefährlich. Unfälle, Krankheiten, Mordattacken bedrohen den Menschen. Als ob diese Unerfreulichkeiten nicht schlimm genug wären, wird er zu allem Überfluss aber gar nicht selten von seinem eigenen Gehirn im Stich gelassen, das ihm Schreckliches vorgaukelt. ‚Gekrönt‘ wird alles schließlich durch den Tod.

Wie die Realität tatsächlich aussieht, sich anhört oder riecht, werden wir niemals wissen. Wir nehmen nur einen begrenzten Ausschnitt wahr, wobei das Gehirn Filter und Übersetzer gleichzeitig ist. Schon dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe und beansprucht ein Organ, das gesund ist und im biochemischen Gleichgewicht seine Arbeit verrichtet. Leider ist dieses Gleichgewicht labiler, als wir es uns wünschen. In der Regel verdrängen wir, wie leicht sich unser Hirn täuschen oder aus der Bahn werfen lässt: Die Folgen sind angsteinflößend, wie Christopher Evans, der Herausgeber der hier vorgestellten Sammlung, literarisch verfremdet aber eindeutig verdeutlicht.

Als Psychiater muss er es wissen. „Mind at Bay“, Verstand in der (türlosen) Kellerkammer, hat er seine Kollektion genannt. Auch der deutsche Titel geht – obwohl vor allem auf Publikumswirksamkeit getrimmt – keineswegs fehl. Die Angst hat sogar mehr als tausend Namen, wenn man dem Hirn nicht mehr trauen kannst und die faktisch ‚nur‘ eingebildeten Nachtmahre zur Realität werden.

Die Typen der Angst

Herausgeber Evans hat sich große Mühe gegeben. Die Reihenfolge der Geschichten folgt einer eigenen Hierarchie der Angst, die Evans aufgestellt hat. Im Vorwort weist er seine Leser darauf hin, dass diese Kollektion auch eine Einführung in die Evansche Gedankenwelt ist.

Leider macht ihm die bis in die 1980er Jahre übliche Praxis deutscher Verlage, Unterhaltungsliteratur nur seitengenormt zu veröffentlichen, einen Strich durch die Rechnung: Auch „Die Angst hat tausend Namen“ erschien nur gekürzt. Immerhin blieben die Storys selbst unangetastet; was die Normierung von 144 Seiten überschritt, wurde einfach ausgelassen.

In ursprünglicher Fülle und Reihenfolge sah Evans‘ Liste der existenziellen Ängste so aus:

- H. Russell Wakefield: The Frontier Guards (Furcht vor Spuk und Gespenstern)
- M. R. James: The Ash Tree (Furcht vor [schwarzer] Magie)
- John Connell: Back to the Beginning (Furcht vor der Hölle)
- Jane Rice: The Idol of the Flies (Furcht vor dem Bösen [im Menschen])
- E. F. Benson: Caterpillars (Furcht vor Krankheit)
- Conrad Aiken: Silent Snow, Secret Snow (Furcht vor Wahnsinn)
- John Sladek: The Master Plan (Furcht vor dem Tod)
- J. G. Ballard: The Watch-Towers (Furcht vor Paranoia)
- Alex Hamilton: Breakaway (Furcht vor Einsamkeit und [verderblicher] Bestimmung)
- Perry A. Chapdelaine: We Fused Ones (Furcht vor der Zukunft)
- George MacBeth: Crab Apple Crisis (Furcht vor dem Krieg)

Der deutschen Auswahl-Kollektion fehlen die Geschichten von Sladek, Hamilton, Capdelaine und MacBeth. Dies schwächt das Konzept, tut aber der Wirksamkeit der Storys selbst erfreulicherweise keinerlei Abbruch.

Die überlieferte Angst

Evans‘ Liste der Ängste weist eine chronologische Komponente auf. Henry Russell Wakefield (1888-1964) und Montague Rhodes James (1862-1936) erinnern an die ‚reale‘ Furcht des (noch) nicht aufgeklärten Menschen vor dem unverstandenen Unbekannten, das gern mit dem Wirken übernatürlicher, dem Menschen meist feindlich gesonnener Mächte ‚erklärt‘ wurde. James verlegt seine Erzählung zeitlich und in eine entsprechende Umgebung zurück, während Wakefield – der in der Tat an ein spukig belebtes Jenseits glaubte – einen Weg findet, Geister und Gespenster auch im 20. Jahrhundert am Leben zu halten: Seine Phantome werfen sich keine weißen Laken über und rasseln mit Ketten. Sie gehen stattdessen subtil und gemein vor. Pailton, das Spukhaus dieser Geschichte, erweist sich als Grenzportal. Unsere beiden Geisterjäger geraten in eine Sphäre, in der die Gesetze der Realität außer Kraft gesetzt sind. Wie genau sich dies auswirken wird, spart Wakefield aus; freilich hat er zuvor mehrfach anklingen lassen, dass erschreckend viele Besucher Pailton nicht mehr lebend verlassen konnten.

John Connell beschäftigt sich spielerisch mit einer weiteren ‚alten‘ Angst: Der Teufel pflegte sich in der vorindustriellen Ära gern persönlich um seine ‚Kunden‘ zu kümmern. Der Pakt mit dem Bösen und der sich irgendwann anschließende, verzweifelte Versuch, sich um die Bezahlung – die Preisgabe der unsterblichen Seele – zu drücken, ist Gegenstand unzähliger Geschichten, die vor allem im Mittelalter auch lehrreiches Traktat waren. Connell geht das Thema eher humorvoll an. Darunter bleibt jedoch die bekannte Angst erhalten: Der Teufel betrügt, aber er lässt sich nicht betrügen. Der Preis muss gezahlt werden.

Jane Rice (1913-2003) beschreibt die andere Seite der Medaille: Solange der Pakt gilt, ist der Teufel seinem ‚Partner‘ durchaus dienstbar. Man sollte es daher vermeiden, einen derartigen Satansbraten herauszufordern: Seine Macht geht über menschliche Kräfte hinaus. Dass Pruitt die Züchtigung durch allzu gepiesackte Mitmenschen verdient, hilft diesen leider gar nichts. Folglich verhindert es die Strafe nicht, wenn man im Recht ist. Das ist ein guter Grund zur Furcht.

Die Angst vor dem Unerwarteten

Klammert man das Jenseits u. a. Sphären unheimlicher Heimsuchungen aus, bleibt die Furcht vor dem, was im Menschen selbst wuchern mag. Edward Frederic Benson (1867-1940) fasst die hilflose Angst vor einer tödlichen und heimlichen Krankheit in eine symbolreiche aber wahrlich schauerliche Geschichte. Der eigene Körper kann dich im Stich lassen und sich in einem Pandämonium von Schrecken und Schmerz selbst zerstören. Eine gewisse Ironie sowie Bestätigung liegt in der Tatsache, dass Benson selbst am Krebs starb.

Conrad Aiken (1889-1973) geht einen Schritt weiter. Der ‚Verräter‘ ist in seiner Geschichte das Gehirn, der Sitz des Verstandes, dessen Verlust sicherlich eine der größten Ängste des Menschen darstellt. Dass Paul dies nicht so sieht, ändert nichts an der Tatsache: Der nicht vom Wahnsinn Betroffene erlebt Pauls ‚Flucht‘ in eine ‚bessere‘ Welt als geistigen Verfall.

Die letzte Steigerung dieses Schreckens stellt James Graham Ballard (1930-2009) dar: Der Mensch erlebt seinen Verfall bei (vermeintlich) vollem Bewusstsein mit. In der Paranoia mischen sich ‚Wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘; die Grenze ist fließend oder in ständiger Auflösung begriffen. Dem Paranoiker ist jener Boden, der dem Menschen Sicherheit gibt, gänzlich entzogen. Sind die Außerirdischen (Dämonen, Geister …) bereits in der Stadt? Stecken sie im Mitmenschen? Wem kann ich noch trauen? Niemandem, so lautet die bittere Erkenntnis. Es gibt nicht einmal das sprichwörtliche und irgendwann erlösende Ende mit Schrecken – dieser Schrecken dauert endlos an.

Die Angst als Freund

Die Angst zu beschreiben, heißt auch, sie in den Griff zu bekommen. Vertreiben lässt sie sich nicht, denn sie ist ein durchaus nützliches Element des Lebens. Man kann sie jedoch so eindämmen, dass sie sich nicht dort zerstörerisch Bahn bricht, wo sie nichts zu suchen hat. Die literarische Beschäftigung mit der Angst mag nicht nur dem Schriftsteller, sondern auch dem Leser helfen, dem ihre Wurzeln offengelegt werden.

Die Angst aus sicherer Entfernung bleibt darüber hinaus ein wirksamer Motor für unterhaltungsreiche Geschichten. „Ach, wenn’s mich nur gruselte!“, wünscht sich ein allzu nüchterner Märchenheld, denn er weiß um das Vergnügen, das daraus erwachsen kann. Auf die eine oder andere Weise wird die Angst deshalb zuverlässig für viele weitere, furchterregend spannende Geschichten sorgen!

Herausgeber

Christopher Riche Evans führte ein kurzes aber produktives Leben. Geboren am 29. Mai 1931 in Aberdyfi, einem kleinen Dorf in Wales, flog er ab 1950 zwei Jahre für die Royal Air Force. Zurückgekehrt ins zivile Leben, arbeitete Evans als Journalist, bevor er 1957 ein Studium der Psychologie am University College in London begann, das er 1960 abschloss bzw. an der Physikalischen Fakultät der University of Reading ergänzte. Ab 1964 arbeitete Evans bis zu seinem frühen Tod als Informatiker für das National Physical Laboratory im Londoner Stadtteil Teddington.

Evans blieb darüber hinaus als Publizist aktiv. Außerdem trat er im Radio und im Fernsehen auf. Als Zeitzeuge der frühen Computertechnik und Mikroelektronik beschrieb er nicht nur deren zukünftige Möglichkeiten, sondern erkannte auch die Notwendigkeit, die Aussagen von Pionieren zu sammeln und zu bewahren. In den 1970er Jahren interviewte Evans u. a. Konrad Zuse und Grace Hopper für das Science Museum London.

Als Psychologe und Informatiker beschäftigte Evans zeitlebens das Problem der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, wobei ihn das Gehirn als (nur bedingt zuverlässige) Schnittstelle besonders interessierte. Neben zahlreichen Büchern und Zeitschriftartikeln entstanden zwei Sammlungen ‚psychologischer‘ Horror- und SF-Geschichten, deren Autoren in genau diese Kerbe hieben.

Verheiratet und Vater zweier Kinder, erlag Christopher Evans am 10. Oktober 1979 gerade 48-jährig einem Krebsleiden.

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Solo für einen Kannibalen

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Februar 2012

David A. Sutton (Hg.)
Solo für einen Kannibalen

(sfbentry)
Originaltitel: New Writings in Horror and the Supernatural: No. 1 (London : Sphere Books 1971)
Übersetzung: Helmut Pesch
Deutsche Erstausgabe: Oktober 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 40)
145 Seiten
2,80 DM
[keine ISBN]

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Das geschieht:

1971 schrieben neun Autoren exklusiv für diese Anthologie Horrorgeschichten, die ausdrücklich in der Gegenwart angesiedelt sind:

- Robin Smyth: Der unrühmliche Aufstieg des Katzenfleischhändlers (The Inglorious Rise of the Catsmeat Man): Das Geschäft läuft gut, bis Mama sich in die Hauptzutat verliebt.

- David Compton: Satansbrut (Goat): Mit gutem Grund hasst jeder den alten Goat, doch leider steht er mit dem Teufel im Bund, was Rache gefährlich werden lässt.

- E. C. Tubb: Der letzte Hexensabbat (The Winner): Die Rekonstruktion eines klassischen Sabbats gelingt, wie der Auftritt eines höllischen Überraschungsgastes demonstriert.

- Kenneth Bulmer: Grabschmaus (Under the Tombstone): Auf der Suche nach einem Nervenkitzel gerät eine Gruppe gelangweilten Jungvolks nicht zufällig auf einen Friedhof.

- David A. Riley: Der Eroberer (The Farmhouse): Was der grausig geendete Künstler in dem alten Haus fand, wartet dort immer noch auf unvorsichtige Besucher.

- W. T. Webb: Hirngespinste (Phantasmagoria): Seiner Warnung vor dem Beginn einer Invasion aus der 7. Dimension will niemand Glauben schenken.

- Bryan Fortey: Tivoli-Terror (Prison): Auf dem Gelände eines verlassenen Vergnügungsparks hat eine bizarre, mörderische Parallel-Gesellschaft eingenistet.

- Julia Birley: Die Lauernden (The People Down Below): Beunruhigende Ereignisse werfen die Frage auf, ob die Etage unter der Wohnung tatsächlich leer steht.

- Michael G. Coney: Das Tal des Schicksals (The Hollow Where): Als er sein verpfuschtes Leben gegen seine Wunschexistenz austauschen kann, kommt Farmer Ed zu einer unerfreulichen Erkenntnis.

Die Vergangenheit der gruseligen Gegenwart

Seit jeher kämpft die Phantastik mit vielen Vorurteilen. Zu den weniger dramatischen gehört der Vorwurf, sie beschränke sich auf die Beschwörung längst altertümlich gewordener Schrecken. Vampire im schwarzen Umhang, Monster mit Elektroden im Hals, Trolle unter der Brücke: Was hatten diese Schreckgestalten einer abergläubischen Vergangenheit hoch im 20. Jahrhundert, das u. a. durch zwei Weltkriege nie gekannte Schrecken real werden ließ, für eine Existenzberechtigung?

Die Befürworter der Phantastik antworteten diesen Kritikern nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Sie standen richtig auf dem Standpunkt, dass der Horror – sei es in seiner rein unterhaltenden Form oder als spielerische Beschäftigung mit dem Grauen der Gegenwart – sehr wohl mit der Zeit gegangen war. Die alten Schreckgespenster hatten ihre Nischen gefunden, und neue, auf sehr moderne Weisen für Grusel sorgende Phantome hatten sich an ihre Seiten gestellt.

„New Writings in Horror and the Supernatural” lautete recht trocken aber dadurch beinahe akademisch der Titel einer Anthologie, die der noch junge und engagierte David A. Sutton 1971 herausgab. Er hatte eine Reihe aktuell aktiver Autoren angeschrieben und um exklusive Beiträge für eine Sammlung von Gruselgeschichten gebeten, die in der Gegenwart angesiedelt waren.

Hehres Ziel, harte Realität

Man sollte allerdings dieses Projekt literarisch nicht gar zu hoch aufhängen. „New Writings …“ erschien als kaum 160-seitiges Taschenbuch und wurde von einem nur mäßig engagierten Verlag im Gesamtprogramm versteckt. Ernüchtern musste auch die Qualität der eingegangenen Storys, die sich in der Regel reiner Horror-Routinen bedienten. Erstaunen konnte dies eigentlich nicht, da auf Suttons Liste einige zeitgenössische Fließband-Autoren standen.

Zu ihnen gehörte Edwin Charles Tubb (1919-2010), der sich im Laufe eines mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Vielschreiber-Laufbahn ca. 50 Pseudonyme bediente. Allein seine 1967 begonnene Serie um den raumfahrenden Abenteurer Earl Dumarest umfasst 37 Bände. „Der letzte Hexensabbat“ ist eine unfertig wirkende, wohl aus dem Ärmel des Schreibarms geschüttelte Story, die unerhört aufwändig von den Vorbereitung besagten Sabbats durch junge, bilderstürmerische Filmleute erzählt; mit einem simplen Schlussgag bricht die Story plötzlich ab und lässt den Leser irritiert zurück.

Von der Erzählstruktur gelungener aber inhaltlich hart zwischen Schreibökonomie und Flachsinn manövrierend ist „Grabschmaus“ von Henry Kenneth Bulmer (1921-2005), der sogar noch produktiver als Tubb war und diesen u. a. (als „Alan Burt Akers“) mit einer 53-bändigen Serie um den Seemann Dray Prescott, der auf fremden Planeten aufregende Abenteuer erlebte, in den Schatten stellt. Auch seine Story ist auf ihren Finaleffekt getrimmt, der sich freilich allzu früh ankündigt und höchstens durch den Verzicht auf die üblichen Verdächtigen – Vampire und Ghule – überrascht.

Neue Zeiten mit losen Sitten

Schon in diesen beiden Storys fällt ein deutlicher Anstieg der Spannungsfaktoren Gewalt bzw. Ekel und Sex auf. 1971 war (scheinbar) Schluss mit dem schattenhaften Spuk. Das Jenseits manifestierte sich nun handfest und äußerte einst nur verschämt angedeutete Begierden mit nie gekannter Deutlichkeit. Schnell entstanden neue Klischees: Junge Frauen – immer noch „Mädchen“ genannt – kleiden sich aufreizend und sind willig, junge Männer rücksichtslos und ungehobelt, und alle zusammen sind sie geil und potenziell gefährlich: Aus den „Rebellen“ der 1950er Jahre wurden für eine konservative, vorurteilsreiche, erschrockene Gesellschaft die „Chaoten“ der (nicht nur) „Swinging Sixties“. Bryan Forteys „Tivoli-Terror“ erschien 1971. In diesem Jahr kam Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ in die Kinos, der grandios auf die Spitze trieb, was Fortey höchstens andeutete bzw. als simplen Schauereffekt für seine Story ausbeutete.

Wie eine moderne und sich dabei nicht an angebliche Moralverstöße anbiedernde Geschichte aussehen konnte, zeigte Robin Smyth alias Robbie Smith, der 1971 ein überaus aktiver Autor war und hauptsächlich Hörspiele für das Radio und Drehbücher für das Fernsehen schrieb. „Der unrühmliche Aufstieg des Katzenfleischhändlers“ ist geschmacklos aber witzig; die nicht nur kannibalischen, sondern auch inzestösen Elemente der vollständig gespensterfreien Handlung werden ebenso drastisch wie elegant in ihren Dienst gestellt; ein wenig fühlt man sich sogar an Lord Dunsany und – sicher nicht unbeabsichtigt – seinen kleinen, fiesen Klassiker „Zwei Flaschen Würze“ (1932) erinnert.

Mit dieser Reminiszenz fährt Smith deutlich besser als David A. Riley (*1951), der ein wenig inspiriertes H.-P.-Lovecraft-Pastiche vorlegt. David Guy Compton (*1930) bleibt sehr klassisch; seine „Satansbrut“ könnte auch im Jahre 1871 problemlos funktionieren, da sich der Verfasser klug auf das Wesentliche beschränkt und den menschlichen Faktor des Phänomens Horror betont: Bosheit ist ein besserer Zünder für Gräueltaten als übernatürliches Wirken, das deshalb oft nur begleitend oder die Untat ausführend geschildert wird.

Ebenso gern gesellt sich zum Grauen der Wahnsinn; er sollte jedoch – siehe Robin Smyth – effektvoller ausgereizt werden als in der müden, einmal mehr auf einen finalen Knalleffekt ausgerichteten Story von W. T. Webb. Julia Birley (*1928) macht es besser: Der Absturz in den Wahn ist bei ihr ein langsamer Prozess, der logisch in einen blutigen Höhepunkt mündet.

Aus dem Rahmen dieser Sammlung bzw. diese dadurch ergänzend fällt die Erzählung von Michael G. Coney (1932-2005). Horror wird bei ihm zur Phantastik, Gewalt und plakatives Grauen fallen aus und werden durch Stimmung ersetzt. Das Ergebnis überzeugt und straft den (deutschen) Titel Lügen: Diese Sammlung bietet mehr als das Splatter-Solo eines Kannibalen.

Deutscher Horror-Fan – dummer Horror-Fan

„New Writings in Horror and the Supernatural” erschien 1976 in Deutschland. Ein mögliches Wiedererkennen wurde erschwert, indem der Sammlung u. a. ein denkbar schwachsinniger Titel aufgeprägt wurde: Sicherlich konnte keiner der intellektuell auf Kurzrasenniveau vegetierenden deutschen Grusel-Leser einem Locktitel wie „Solo für einen Kannibalen“ widerstehen! Ein entsprechendes, also mit dem Inhalt überhaupt nicht in Beziehung zu bringendes (aber schön buntes) Titelbild rundete den gewünschten Trash-Eindruck ab.

Da der Pabel-Verlag seine Taschenbücher 1976 auf 146 Seiten normierte, wurden zu schlechter Letzt einige Geschichten der englischen Vorlage, die diese Vorgabe gesprengt hätten, einfach weggelassen. Es fehlen:

- Richard Davis: The Time of Waiting
- R. W. Mackelworth: Mr. Nobody
- David Rome: Charley’s Chair
- Ramsey Campbell: Broadcast

Gestrichen wurde selbstverständlich auch David Suttons Einleitung. Profitdenken, Ignoranz und Hochmut haben viele Gesichter. Dank des genannten Verlags lernen wir wieder einige kennen.

Herausgeber

In der englischen Horrorliteratur besitzt sein Name einen guten Klang: David A. Sutton, 1944 geboren, aufgewachsen und noch heute lebend in Birmingham, hat ihn weniger als Schriftsteller erworben; sein Werk ist schmal und beschränkt sich auf allerdings vorzügliche Kurzgeschichten, die seit den 1960er Jahren in vielen Anthologien veröffentlicht wurden.

Wesentlich prominenter ist Sutton als energischer Herausgeber des Magazins „Fantasy Tales“ (1977-1991, mit Stephen Jones) und Anthologien geworden, wofür er 1994 mit einem „British Fantasy Society Special Award“ und einem „World Fantasy Award“ (für „Fantasy Tales“) sowie mit inzwischen zwölf „British Fantasy Awards“ ausgezeichnet wurde.

Website


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Rendezvous mit dem Würgeengel

Erstellt von Michael Drewniok am 19. Januar 2012

August Derleth (Hg.)
Rendezvous mit dem Würgeengel

(sfbentry)
Originaltitel: Dark Mind, Dark Heart (Sauk City, Wisconsin : Arkham House 1962)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstausgabe Juni 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 36)
Titelbild: Karel Thole
145 Seiten
[keine ISBN]

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Inhalt:

Horror-Spezialist Derleth sammelt acht Kurzgeschichten, in denen harmlose Zeitgenossen mit brodelndem Wahnsinn und den Bewohnern eher unterirdischer als übernatürlicher Welten konfrontiert werden, was sie selten überleben:

- William Hope Hodgson: Das Wrack am Höllengrund (The Habitants of Middle Islet): Nach sechs Monaten wird die „Happy Return“ auf den Klippen einer einsamen Insel im Südatlantik entdeckt, aber Passagiere und Besatzung sind nicht so spurlos verschwunden, wie sich der unglückliche Retter bald wünscht.

- Ramsey Campbell: Im Tempel des Horrors (The Church in the High Street): Richard Dodd besucht einen alten Freund und Privatgelehrten, der einer Kreatur namens Cthulhu auf der Spur ist; wie Dodd vor Ort feststellt, hat er sie gefunden – und sie ihn.

- Carl Jacobi: Das Untier aus der Tiefe (The Aquarium): Die junge Malerin mietet erstaunlich günstig ein schönes Haus. Einzige Bedingung: Sie muss ein Aquarium übernehmen, das der verschwundene Vorbesitzer in der Bibliothek aufstellen ließ. Das Becken ist riesig, weshalb sein ungebetener Gast zunächst verborgen bleibt.

- H. P. Lovecraft [u. August Derleth]: Die Schlucht der Dämonen (Witches‘ Hollow): Ein pflichtbewusster Lehrer macht sich auf den Weg zur einsamen Potter-Farm, um nach dem Verbleib eines Schülers zu fragen; dass dieser zu einer Brut von Hexen und Zauberern gehöre, wie man ihn warnte, ist natürlich nur dummes Geschwätz.

- Dennis Roidt: Der Sarg (The Green Vase): Vincent erwirbt das Lanceford-Haus, obwohl auf dem Dachboden der Sarg des vor Jahren unter sorgfältig vertuschten Umständen ums Leben gekommenen Stephen steht. Er soll auch dessen Lieblings-Vase nie von ihrem Platz entfernen, woran sich Vincent neugierig und mit spektakulären Folgen nicht hält.

- George Wetzel: Die Wendeltreppe ins Nichts (Caer Sidhi): Auf ihrem Leuchtturm vor der englischen Küste im heftigen Sturm gefangen, stellen die Wärter Neil und O‘Malley fest, dass gewisse Sagen über nächtliche Besucher aus sehr fremden Welten mehr als einen wahren Kern besitzen.

- Mary Elizabeth Counselman: Die Todesbibliothek (Hargrave‘s Fore-Edge Book): Als Buchwurm Hargrave hört, dass seine Tante die Bibliothek ihres verstorbenen Mannes unter den Hammer bringen will, erleidet diese einem ‚Unfall‘, und auch zukünftig sollte sich niemand zwischen den glücklichen Erben und seine Bücher stellen.

- David H. Keller: Ein Totenschädel zur Erinnerung (In Memoriam): Als die geliebte Gattin des Pathologen Moyer starb, behielt der trauernde Witwer ein ganz besonderes Andenken an sie zurück.

Diesem Rendezvous ist schwer zu widerstehen

Zwischen 1973 und 1980 erschienen im Erich-Pabel-Verlag die „Vampir“-Taschenbücher, ein „Spin Off“ zur gleichnamigen Heftroman-Serie. Während sich diese dem vordergründig-plumpen Holzhammer-Horror verschrieben hatte, den vorzugsweise deutsche Autoren (wohlweislich unter Pseudonym) wie am Fließband produzierten, gab es unter den 81 Taschenbüchern echte Perlen. Zwar dominierten auch hier Zweitklassiges und Routine, doch übersetzte Werke aus dem anglo-amerikanischen Raum drängten die Zeilenschinder aus Germany zurück, und vor allem erschienen zahlreiche Sammelbände mit Kurzgeschichten!

Die Kurzgeschichte hat es hierzulande nicht leicht. Gegenüber dem Roman fristet sie sogar ein ausgesprochenes Schattendasein, was traurig und schwer verständlich ist, macht sie es doch dem Leser möglich, in kurzer Zeit viele verschiedene Welten zu entdecken. Der vorliegende Band stellt dies eindrucksvoll unter Beweis. Hinter dem marktschreierischen deutschen Titel und der reihentypisch grellen Aufmachung (heute schon wieder nostalgisch/schaurig-schön) versteckt sich wahrlich Hochkarätiges.

William Hope Hodgson (1874-1918) ist sicherlich der beste Erzähler klassischer Spukgeschichten, die auf hoher See spielen. In Deutschland erschienen die meisten seiner Novellen und Kurzgeschichten in der „Phantastischen Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlags. Daher ist die Entdeckung einer Story, die bisher nicht übersetzt wurde, eine kleine Sensation. War „Das Wrack am Höllengrund“ den strengen Herausgebern nicht originell genug? Tatsächlich stützt sich Hodgson ausgiebig auf Motive und Bilder aus früheren Geschichten, was aber keineswegs heißt, dass er hier mittelmäßige oder gar schlechte Arbeit abgeliefert hat!

Junge Talente und unbekannte Routiniers

Ramsey Campbell (geb. 1946) gehört zu den Großmeistern der modernen unheimlichen Literatur. Hier erleben wir einen noch blutjungen Campbell, der mehr als offensichtlich auf den Spuren seines Idols H. P. Lovecraft wandelt. Das hat er später noch mehrfach und mit wesentlich größerem Geschick getan. „Im Tempel des Horrors“ ist ein Pastiche hart an der Grenze zum Plagiat, aber es hat durchaus seine Momente!

Wer Carl Richard Jacobi (1908-1997) war, kann Ihnen dieser Rezensent nicht sagen; es verbirgt sich jedenfalls kein Klassiker der Phantastik hinter diesem Autor. „Das Untier aus der Tiefe“ ist eine schlichte „Monster-in-the-Closet“-Story, die nach bekanntem Muster und mit lange voraussehbarem Ende aber sauber und witzig präsentiert wird.

In einer von August Derleth zusammengestellten Sammlung darf eine Geschichte seines Idols und Mentors H. P. Lovecraft (1890-1937) nicht fehlen. Dennoch ist „Die Schlucht der Dämonen“ eigentlich eine Mogelpackung, stammt sie doch nicht vom Meister selbst, sondern ist eine der vielen postumen ‚Zusammenarbeiten‘, in denen Derleth die mehr oder wenigen rudimentären Geschichten, Entwürfe und Geistesblitze, die er in Lovecrafts Nachlass fand, im Geiste des toten Freundes fortschrieb. „Die Schlucht …“ ist tatsächlich Lovecraft, aber eine Skizze, die offensichtlich nie zur Veröffentlichung bestimmt war. Lovecraft selbst hat diverse Handlungselemente später wieder aufgegriffen und weitaus besser entwickelt. Dennoch gehört „Die Schlucht …“ zu den besseren Lovecraft/Derleth-Kollaborationen.

Schöne …

„Der Sarg“ ist genau jene Art von Geschichte, die den gestrengen Literaturkritiker ärgern muss: Das Übernatürliche tritt weder auf Samtpfoten noch so unbemerkt in die reale Welt ein, dass es auch Einbildung sein könnte. Stattdessen fällt ein rachsüchtiges Gespenst über seine Opfer her – und es hält sich nicht einmal an die Geisterstunde! Aber „Der Sarg“ wird so stilvoll, spannend und mit genau der richtigen Dosis schwarzen Humors erzählt, dass man durchaus meinen könnte, ein bisher unbekanntes Mitglied der „James-Gang“ kennenzulernen, das eine klassische Gespenstergeschichte im Stil von Montague Rhodes James (1864-1936) erzählt, der berühmt für seine bösartigen Nachtmahre war. Doch Dennis Roidt (geb. 1942) schrieb seine Geschichte als kaum 20-jähriger Student der „University of Wyoming“. Über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt; er veröffentlichte Jahre später mindestens eine Sammlung unheimlicher Erzählungen in einem Kleinverlag.

Nur wenige Seiten hat die Story „Ein Totenschädel zur Erinnerung“, und Geister treten auch nicht auf – jedenfalls keine, die man sehen könnte. Dennoch wirkt der leise Horror des David H. Keller (1880-1966) außerordentlich nachdrücklich. Professor Moyer und sein Besuch sitzen beisammen und unterhalten sich, und allmählich wird Dr. Brown zusammen mit dem Leser klar, dass der Forscher wahnsinnig ist.

Auf diesem Niveau bewegt sich George Wetzel (1921-1983) sichtlich nicht. Er gibt aber sein Bestes, und wie wir nicht erst seit „The Fog – Nebel des Grauens“ wissen, ist ein Leuchtturm stets für eine Gruselgeschichte gut!

… und weniger angenehme Überraschungen

So ist es ausgerechnet die einzige weibliche Autorin dieser Sammlung, die mit ihrem Beitrag gänzlich enttäuscht. Mary Elizabeth Counselman (1911–1995) bietet eine wenig inspirierte und vor allem kaum überzeugende Studie vom allmählichen geistigen Verfall eines Außenseiters an, die sich über weite Strecken wie eine (schlechte) Mischung von Edgar Allan Poes „Metzengerstein“ und „Das verräterische Herz“ liest und der schon lange vor dem schwachen Ende die Luft ausgeht.

Den Schwarzen Peter behält letztlich jedoch der deutsche Verlag: Um den normierten Umfang von 146 Seiten zu halten, der für die „Vampir“-Taschenbücher vorgegeben war, wurden neun (!) Erzählungen der Originalsammlung (sowie ein Vorwort von August Derleth) gestrichen. Diesem Massaker fielen Storys von Robert E. Howard, Robert Bloch oder H. R. Wakefield zum Opfer, die dem oder den Verantwortlichen hoffentlich noch heute im (Alb-) Traum erscheinen!

Herausgeber

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der englischen Literatur an der „University of Wisconsin“ auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von „Arkham House“ (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in „postumer Zusammenarbeit“ und baute den „Cthulhu“-Kosmos der „alten Götter“ eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt; einer Tatsache, der er sich selbst durchaus bewusst war.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

Website 1 (The August Derleth Society)
Website 2

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Gefangene des Meeres

Erstellt von Michael Drewniok am 7. November 2011

James White
Gefangene des Meeres

(sfbentry)
Originaltitel: The Watch Below (London : Whiting & Wheaton 1966/New York: Ballentine Books 1966)
Übersetzung: Walter Brumm
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 122)
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1974 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 234)
144 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Kriegswinter des Jahres 1942 wird der US-amerikanische Tanker „Gulf Trader“ von den U-Boot-Jägern Nazideutschlands mit Torpedos beschossen. Die Besatzung geht in die Boote, doch drei Männer der Crew und zwei weibliche Passagiere bleiben an Bord zurück, als das Schiff in den Fluten des Atlantiks versinkt. In den wasserdichten Tanks können sie überleben, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann ihnen dort Luftmangel und Kälte den Garaus machen. Helfen wird ihnen niemand; sie sind verloren.

In Schwierigkeiten befinden sich auch die Insassen eines Raumschiffs, das im Erdorbit kreist. Es gehört zur Rettungsflotte der Unthans, deren Heimatplanet einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen ist. Die Überlebenden sind auf dem langen Weg zu einer neuen Welt. Das ist nicht einfach, weil sie keine Luft, sondern Wasser atmen, denn Wasserplaneten sind eher selten im All. Die Erde war trotzdem nicht das Ziel besagter Flotte; schließlich wird sie von sichtlich kämpferischen Intelligenzwesen bewohnt. Aber das Raumschiff ist vom Kurs abgekommen. Zudem stellt sich heraus, dass die Konservierung der Passagiere durch Kälte technisch unausgereift ist. Sie können die Reise nicht fortsetzen.

Man nimmt die Situation wie sie ist und landet. Der Erdozean gefällt, hier könnte man leben. Schneller als geplant kommt es zum Erstkontakt mit den Einheimischen: Auf dem Grund des Meeres finden die Fremden die versunkene „Gulf Trader“ und ihre verzweifelten Überlebenden. Man könnte sich bekämpfen und gemeinsam zugrunde gehen, oder man versucht sich zu verständigen und mit vereinten Kräften einen Ausweg aus der Doppelkrise zu finden. Diese Alternativen sind beiden Seiten klar, aber auch die Not lässt mehr als genug Raum für Misstrauen und Angst, denn man ist einander so furchtbar fremd …

Cover der Ausgabe von 1967 (Sammlung md)

Anders muss nicht feindlich sein

Menschen und Außerirdische in der Krise, die sich zur Lebensbedrohlichkeit ausweitet; Allein werden beide Gruppen untergehen, sodass der Faktor Fremdheit schließlich nebensächlich wird; Vertrauen führt zur Zusammenarbeit, die von Erfolg gekrönt wird: Für weniger begabte Schriftsteller war dies lange keine des Erzählens werte Geschichte. Außerirdische waren ihnen nur in der Schurkenrolle willkommen. Sie mussten Erdfrauen ent- und verführen, harmlose Kleinstadtbürger niederblastern oder die Welt versklaven: Projiziert wurde in die ETs, was man selbst vor den ‚Fremden‘ aus dem irdischen Nachbarland fürchtete.

James White wich Zeit seines Autorenlebens von diesem Schema ab. Wohl fühlte er sich mit vergleichsweise kleinen, unspektakulären Geschichten. Die Protagonisten sind meist kleine Rädchen im Getriebe größerer Zusammenhänge, seine Außerirdischen zwar fremd aber niemals ‚böse‘, sondern primär faszinierende Intelligenzwesen mit oft bizarrer, aber ausgeprägter und sympathischer Persönlichkeit. Whites Glanzleistung stellt die „Sector General“-Serie dar, die in einem Weltall-Hospital spielt, das von allen möglichen (und unmöglichen) Patienten frequentiert wird. Hier wird geholfen, nicht geschossen – das spannende Gegenstück zur „Military Science Fiction“.

„Gefangene des Meeres“ spielt das White-Prinzip vor ungewöhnlicher Kulisse durch. Nicht im All, sondern in den Tiefen des Ozeans spielt die Geschichte. Der ist für die Menschen ebenso lebensfeindlich wie faszinierend. Vor dem Hintergrund des II. Weltkriegs zeichnet White mit wenigen Strichen ein Bild, das vor dem geistigen Auge des Lesers sogleich Gestalt annimmt. Ort, Zeit und Handlung gehen eine harmonische Einheit ein, erzählen eine spannende Geschichte, die ihre quasi humanistische Aussage nicht wie ein flammendes Fanal vor sich her trägt, sondern leise und doch hörbar anbietet.

Fremd aber gemeinsam in der Patsche

Weder durch das All noch über das Meer reisen Superintelligenzen oder Übermenschen; ganz normale Durchschnittswesen stellen sich tapfer den Fährnissen des Alltags. Sie haben alle einen Job, den sie mehr oder weniger gern oder gut erfüllen, und sind schon zufrieden, wenn es halbwegs gut läuft. In der Not verwischen sich dann die Grenzen zwischen Menschen und Nicht-Menschen: Sie können und wollen zusammenarbeiten, beide Seiten werden davon profitieren.

Gänzlich unbeleckt von zeitgenössischen Vorurteilen blieb jedoch auch „Gefangene des Meeres“ nicht. Intensiv beraten die Außerirdischen über notwendige Rettungsmaßnahmen, die auch die Züchtung genetisch möglichst ‚reinen‘ Nachwuchses einschließen. Weibliche Unthans werden dafür eingeplant, ohne dass man eine Vertreterin ihres Geschlechts am Beratungstisch fände. Stattdessen machen sich die vorgesehenen Väter schwere Sorgen, ob denn die fortpflanzungswürdigen Frauen auch hübsch genug sind. Darüber konnte man Anno 1966 tatsächlich schmunzeln …

Anmerkung

„In den Tiefen des Meeres“ ist die Romanfassung einer Novelle, die 1954 unter ihrem Originaltitel „The Deep Range“ in der April-Ausgabe des SF-Magazins „Argosy“ erschien.

Autor

James White wurde 1928 im irischen Belfast geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er als Schneider, bis er 1964 zu einer Flugzeugfabrik und dort in die Public Relation-Abteilung wechselte.

Als SF-Schriftsteller begann James White seine Karriere als aktiver Fan. 1952 gab er mit drei gleich Freunden (darunter Bob Shaw) das Fanzine „Slant“ heraus, das zu den besten seiner Art gezählt wurde. Zunächst fertigte White Grafiken an, aber schon 1953 erschien „Assisted Passage“, seine erste Kurzgeschichte. 1957 wurde „The Secret Visitors“ (dt. „Die Außerirdischen“), ein erster Roman, veröffentlicht.

Der Durchbruch gelang White 1962 mit „Hospital Station“, dem ersten der schließlich zwölf Bände umfassenden „Sector General“-Serie um eine wechselnde Gruppe von Weltraumärzten, die sich über die Heilung in der Regel sehr merkwürdiger weil in Gestalt und Psyche fremdartiger Patienten den Kopf zerbrechen müssen. Neben der ausgeprägten Friedfertigkeit bestechen diese Geschichten durch ihren positivistischen Pazifismus und ihren farbenfrohen Einfallsreichtum, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass der „Sense of Wonder“ der Science Fiction sich nicht aufs Zerschmettern ganzer Sonnensysteme beschränken muss. Dieser Haltung blieb White auch in seinen nicht zur „SG“-Serie gehörenden Romanen treu.

Die letzten Jahre seines Lebens litt White zunehmend unter seiner Diabetes, die ihn beinahe erblinden ließ. Dem Fandom blieb er sein Leben lang verbunden. Er schrieb weiter und war bis zu seinem Tod im August 1999 ein gern und oft gesehener Gast auf großen und kleinen Science Fiction-Veranstaltungen.

Über James White und sein Werk informiert diese Website.

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Der Fluch von Massacre Bend

Erstellt von Michael Drewniok am 24. September 2011

Will C. Brown
Der Fluch von Massacre Bend

(sfbentry)
Originaltitel: Guns Along the Chisholm (New York : Popular Library 1955)
Übersetzung: Frank Parker
Deutsche Erstausgabe: 1965 (Pabel Verlag/Pabel TB Nr. 211)
171 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Jahre 1867 herrscht nach dem Bürgerkrieg in den besiegten US-Südstaaten bittere Not. Verzweifelt haben sich einige texanische Viehzüchter zusammengetan, um Rinder über den Chisholm Trail ins 800 km entfernte Kansas zu treiben, wo sie mit einem guten Kaufpreis rechnen können. Der Treck ist hart und gefährlich, und der schwierigste Teil steht den Männern noch bevor: der Weg durchs Indianerterritorium, das spätere Oklahoma, in das die nordamerikanischen Ureinwohner unter Zwang umgesiedelt wurden. Unter ihrem Anführer Querro haben sich die Comanchen erhoben und terrorisieren die Viehtreiber, die ihnen wenig entgegenzusetzen haben.

Die Viehzüchter setzen ihre Hoffnung auf Jim Hart, der die Gegend wie seine Westentasche kennt. Allerdings hütet er ein düsteres Geheimnis: Der einst hoch dekorierte Leutnant der Nordstaatenarmee wurde als Feigling ausgestoßen, nachdem er am Massace Bend angeblich seine Abteilung im Stich ließ, die von den Indianern niedergemetzelt wurde. Dies trifft nicht zu, doch ohne Zeugen blieb Hart machtlos. Seither züchtet auch er mit seinem Kompagnon Bud Elliot Vieh. Ihre kleine Herde zieht mit dem Treck.

Eigentlich hatte Hart auf die Begleitung einer Armee-Einheit gehofft. Doch sein alter Feind Captain Griswold verweigert ihm jede Unterstützung. Der Treck muss schutzlos das Territorium passieren. Nachdem die anderen Viehtreiber die ‚Wahrheit‘ über Jim Hart erfahren haben, entziehen sie ihm ihr Vertrauen. Zu allem Überfluss schließen sich die Geschwister Bill und Maria Murphy dem Zug an. Eine junge Frau auf einem Viehtreck! Hart rechnet mit Problemen und behält Recht.

Der Trieb beginnt, und Querro wartet schon. Hart muss seine ganze Erfahrung aufbieten, um eine Katastrophe zu verhindern. Tief in der Einsamkeit des Indianerterritoriums kommt es zum erbarmungslosen Duell …

Das historische Umfeld unserer Geschichte

„Der Fluch von Massacre Bend“ trägt im US-Original den viel treffenderen Titel „Guns Along the Chisholm“, denn genau dieser Chisholm Trail bildet die historische Kulisse für Browns Roman. Die Fakten stimmen: Nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) waren die Preise für Vieh im Süden zusammengebrochen, während im Norden Fleisch benötigt und gut bezahlt wurde. Der Viehhof-Baron Joseph G. McCoy garantierte die Abnahme von Rindern aus dem Süden. 1867 trieben O. W. Wheeler und einige Partner 2400 Tiere über nach Abilene in Kansas. Sie nutzten die westliche Route der „Texas Road“, die 1865 der Händler und Scout Jesse Chisholm (um 1805-1868) erschloss; ca. 5 Mio. Rinder gingen diesen Weg, bis ab 1885 die Eisenbahn den Viehtransport übernahm.

Ein Viehtrieb über 800 km durch ein Land ohne Infrastruktur war mehr als ein Abenteuer oder eine Plackerei, sondern ein lebensgefährliches Unternehmen. Das Klima der südwestlichen USA ist rau, Texas-Rinder lassen sich schwer hüten, und die Indianer bildeten eine sehr reale Bedrohung, die man sich selbst geschaffen hatte, als die Regierung unter dem Beifall auch der Viehzüchter die Ureinwohner des Landes ab 1830 aus ihren Stammesgebieten vertrieb und ins unfruchtbare „Indianerterritorium“ abschob. Nicht nur die Cherokee vergaßen keineswegs den „Pfad der Tränen“, der 4000 ihrer Stammesangehörigen das Leben kostete. Solche grausamen Erfahrungen mussten fast alle Indianerstämme machen.

Nicht alle ließen sich dies gefallen. Immer wieder schlossen sich unzufriedene Ureinwohner zusammen und holten sich gewaltsam, was sie als ihnen zustehend erachteten. Sie überfielen Farmer und Viehzüchter, die ihrerseits die Armee zur Hilfe riefen, die mit Gewehr und Säbel für ‚Ruhe‘ sorgte und ihren Teil dazu beitrug, dass die Spirale der Gewalt sich stetig weiterdrehte.

Eisern sind die Männer des Westens

Jim Hart: Ein Name ist Programm. Vor allem im Wilden Westen tragen Helden Namen mit höchstens zwei und dann kurzen Silben. „Jim“ weist auf einen ehrlichen Mann aus dem Volk hin, „Hart“ suggeriert Charakterstärke. Unterm Strich kann dieser Jim Hart also nur ein Guter sein, auch wenn sich das Schicksal so einfallsreich gegen ihn verschworen hat. Aus seiner geliebten Armee gejagt, als Feigling geächtet, von der Braut verschmäht, heimatlos, finanziell auf dem Nullpunkt, nun auch noch als Mörder gesucht, von Indianern, Schmugglern, einem eifersüchtigen Schlagetot und einer anhänglichen Frau verfolgt: Es kann nur noch aufwärts gehen.

Wie jeder anständige Mann glaubt Jim Hart an den amerikanischen Traum und rappelt sich deshalb unverdrossen wieder auf, so dicht die Schläge auch auf ihn niederprasseln. Obwohl Will C. Brown sicherlich nicht zu den besten Schriftstellern gehört, lässt er ihn dabei nie allzu tief im Schmalztopf versinken. Das Genre hilft ihm; der Western verträgt holzschnittartige Figurenzeichnungen, denn er reduziert auf das Wesentliche: das Land, die Herde, der Colt. Alles andere wird sich finden, für städtische Raffinesse (und Verworfenheit) ist im rauen Westen kein Platz. Die Wahrheit wird ans Licht kommen, die Gerechtigkeit siegen.

Allerdings bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Von der oft beschworenen Solidarität des Westens ist in „Der Fluch …“ wenig zu spüren. Die Viehzüchter, die sich Jim Hart als Scout gewählt haben, sind tief zerstritten und zaghaft, ihre Cowboys müssen nicht selten mit Waffengewalt zur Arbeit getrieben werden, die Armee klebt an ihren Vorschriften und ist blind für den Schmuggel, der sich unter ihren Augen abspielt, der Indianeragent ist korrupt, überall sitzen von ihm geschmierte Spitzel: So eindimensional ist Welt des Westens nicht, macht uns Autor Brown deutlich!

Eisern klammern die Frauen des Westens

Die Leserin des 21. Jahrhunderts könnte diese Begeisterung nicht teilen, ist doch die Frau in Browns Wildem Westen vor allem Störfaktor. Als Mutter und Ehefrau (und mit Einschränkungen als Braut) wird sie zwar bis zum letzten Blutstropfen verteidigt und verehrt, doch lieber in weiter Ferne gesehen. Ist sie vor Ort, so muss sie ständig gerettet werden, schwächelt in Sand und Schnee und liegt dem Mann, der doch zu tun hat, was ein Mann halt tun muss, ständig mit Vorhaltungen in den Ohren: Bleib bei mir, jag dem Fiesling keine Kugel zwischen die Augen, Rache & Ehre sind keine Gründe, das Herdfeuer zu verlassen.

Der arme Jim gerät erst recht zwischen die Fronten, als seine alte Flamme Louise wieder auf der Bildfläche erscheint und sich ganz und gar nicht abgeneigt zeigt, die Liaison aufleben zu lassen, was Maria, die ihre eigenen Zukunftspläne schmiedet, nicht unkommentiert lässt, sodass sich Hart fast erleichtert in den Kampf mit Querros Bande wirft. Der ‚Fluchtversuch‘ misslingt selbstverständlich, und da die Männer dieser Geschichte im Finale entweder tot oder arg lädiert sind, steht Maria als eigentliche Siegerin fest …

Autor

Will C. Brown ist nur eines von vielen Pseudonymen des Autors Clarence Scott Boyles, Jr. (1905-1995). Er schrieb zwar vor allem für die Pulps und später für billige Taschenbuch-Reihen, doch sind seine Western-Romane keineswegs Groschenhefte. Für „The Nameless Breed“ wurde er 1960 mit einem „Spur Award“ für den besten Western-Roman des Jahres ausgezeichnet. Zwei Jahre zuvor hatte Hollywood seinen Roman „The Border Jumpers“ unter dem Titel „Man of the West“ (dt. „Der Mann aus dem Westen“) mit der Starbesetzung Gary Cooper, Lee J. Cobb und Julie London verfilmt.

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Geisterschiff CREST IV

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Februar 2011

Kurt Mahr
Geisterschiff CREST IV

(sfbentry)
Deutsche Erstausgabe: Januar 1979 (Erich Pabel Verlag/Perry-Rhodan-Planetenroman 191)
160 S.
Cover: Johnny Bruck
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: Januar 2011
(Pabel-Moewig Verlag/Perry-Rhodan- Planetenromane, Taschenheft 10)
161 S.
Cover: Dirk Schulz
ISBN-13: 419-1-5975-0390-9 10010

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Das geschieht:

Im September des Jahres 2436 musste Perry Rhodan, Großadministrator des „Solaren Imperiums“, sein Flaggschiff CREST IV in der Galaxis M 87 zurücklassen. Die Maschinen sollten das gewaltige, 2500 Meter durchmessende Schiff knapp unter Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und automatisch in die weit entfernte Heimat-Milchstraße zurücksteuern – ein Ziel, das erst in 27 Mio. Jahren erreicht sein würde.

Doch Rhodan hat die CREST IV nie vergessen. Als ein Jahrtausend später die Technik soweit fortgeschritten ist, dass einst unermessliche Entfernungen mit Ultra-Langstreckentriebwerke gemeistert werden können, schickt der dank seines Zellaktivators unsterbliche und weiterhin amtierende Großadministrator 3437 das Spezial-Raumschiff HAMPTON T aus. Unter dem Kommando von Major Lennox Hatt soll die Besatzung die CREST IV suchen und bergen.

Erst 1000 Lichtjahre hat das Schiff seit 2436 zurückgelegt. Doch als die HAMPTON T jenen Sektor im Randgebiet von M 87 erreicht, den es inzwischen erreicht haben müsste, ist es verschwunden. Hatt nimmt die Spur dort auf, wo die CREST IV zu ihrer letzten Reise startete: auf dem Planeten Homeside. Dort war es 2436 noch zum Gefecht zwischen den Raumfahrern und den Rrhaal gekommen, die das Schiff an sich bringen wollten.

Was die kristallinen, an große Felsbrocken erinnernden Rrhaal mit der CREST IV planten, konnte damals nicht mehr ermittelt werden. Offensichtlich sind die seltsamen Wesen in einem zweiten Anlauf erfolgreicher gewesen und haben das alte Schiff an sich gebracht. An dem neuen Besitzverhältnis wollen sie nicht gerüttelt wissen, wie Hatt und die 200-köpfige Besatzung der HAMPTON T leidvoll erfahren – oder gibt es vor allem ein massives Kommunikationsproblem …?

Interessante Fußnote zu einer endlosen Zukunfts-Historie

1968 schilderte Kurt Mahr im „Perry-Rhodan“-Heftroman 368 („Von Galaxis zu Galaxis“), wie Perry Rhodan und seine Mitstreiter im Zuge der Auseinandersetzungen mit den „Konstrukteuren des Zentrums“ von Bord der CREST IV gehen mussten. Während diese noch über weitere 31 Hefte tobten, geriet das Flaggschiff der solaren Flotte in Vergessenheit; es landete mit unzähligen anderen ungelösten Rätseln im Windschatten einer SF-Serie, die im Jahre 2011 ihr 50-jähriges Bestehen feiern konnte.

Dies bedeutet: 50 X 52 Hefte, denn „Perry Rhodan“ erschien und erscheint wöchentlich. Hinzu kommen zahlreiche weitere Serien, die im PR-Kosmos spielen. Dazu gehören insgesamt 415 „Planetenromane“, die zwischen 1964 und 1998 veröffentlicht wurden. Hier fanden die Autoren die Gelegenheit, offene Fragen der Heft-Handlung aufzugreifen und im Rahmen eines Taschenbuches zu beantworten.

„Geisterschiff CREST IV“ erschien erstmals 1979. Kurt Mahr selbst kam auf die elf Jahre zuvor geschilderten Ereignisse zurück. Er verfasste einen Roman, der problemlos 2011 neu veröffentlicht werden konnte, da er die Handlung nicht eng an die Vorgeschichte anschloss, sondern eine weitgehend neue Geschichte ersann, die sogar mit der PR-Historie nur locker verzahnt ist, was sie als ‚normales“ Science-Fiction-Abenteuer goutierbar macht.

2,5-km-Stahlkugel als MacGuffin

Was einerseits von Vorteil ist, da Mahr auf diese Weise das Korsett einer weitgehend in Vergessenheit geratenen Serien-Vergangenheit sprengt, ärgert andererseits durch den ‚Missbrauch‘ einer Episode, die offensichtlich nur als Anreiz dient, Leser für ein ansonsten anspruchsarmes SF-Garn zu interessieren. Die CREST IV ist das Pendant zum „MacGuffin“ der Alfred-Hitchcock-Thriller: Sie wird zum Auslöser einer Handlung, für die sie selbst ohne große Bedeutung bleibt.

Fast ist die gesamte Geschichte schon erzählt, als endlich die CREST IV gefunden wird; ganz nebenbei, nachdem der Verfasser zuvor viele Seiten mit Schilderungen füllte, wie man im unendlichen Weltall nach einem riesigen Raumschiff fahndet. Es überrascht leider nicht, dass Mahr für das CREST-Mysterium eine denkbar lapidare, den Leser in keiner Hinsicht zufriedenstellende ‚Auflösung‘ findet: Nachdem aufwendig eine Expedition organisiert wurde, deren Kostspieligkeit mehrfach Erwähnung findet, um ein zwar altes aber unbeschädigtes und wertvolles Schiff zu bergen, wird dieses quasi als Andenken verschenkt. Irrationaler oder dümmlicher geht es kaum, was die Auftraggeber Hatt & Co. nach der Rückkehr zweifellos klargemacht haben dürften …

Das Urteil fällt gnädiger aus, ruft man sich ins Gedächtnis, dass „Perry Rhodan“ und damit auch „Geisterschiff CREST IV“ pure Trivial-SF ist. Hier geht es nur bedingt um Handlungstiefe. Die Schilderung eines bunten, simpel strukturierten, auch im Halbschlaf zu genießenden Abenteuers war das Primär- und Alleinziel des Verfassers. Die CREST wird zum Aufhänger, der das Interesse des Ziel- gleich Kaufpublikums wecken soll: So funktioniert die Welt der (deutschen) Trivial-Unterhaltung, die zudem von Autoren bedient wird, die keine Zeit haben, Themen oder Figuren zu vertiefen, da sie nicht selten monatlich oder gar wöchentlich ein neues Taschenbuch oder einen neuen Heftroman produzieren.

Von A nach B nach C nach D …

„Geisterschiff CREST IV“ liest sich als Folge wenig harmonisch aufeinander aufbauender Episoden, die in ihrer Gesamtheit einen Roman von Taschenbuchlänge ergeben. Den roten Faden bildet die CREST IV, und die spielt wie schon erwähnt kaum eine Nebenrolle. Stattdessen spult Mahr ein SF-Routineprogramm ab, das zusätzlich darunter leidet, dass er Bekanntes aufwärmt und das ‚Neue‘ sich als ranzige Routine erweist. Die Suchfahrt in die immerhin 32 Mio. Lichtjahre entfernte Galaxis M 87 wirkt wie ein Wochenendausflug, auf dem Planeten Homeside verteilt man Glasperlen (!!) an ‚primitive Eingeborene‘ und nimmt endlos an einer obskuren Zeremonie teil, bevor der Verfasser auch diesen Handlungsstrang hastig abhakt und eine neuerliche Spritztour ins All ansetzt, wo die Untersuchung des Rrhaal-Ursprungs-‚Felsens‘ eher knapp ausfällt, weil die vorgeschriebene Zahl von 160 Romanseiten beinahe erreicht ist.

Wie üblich in der Trivial-SF ist die Exotik der Zukunft hauptsächlich Behauptung. Der Physiker Mahr schlägt sich in diesem Umfeld relativ wacker; er beschreibt plastisch und nicht ganz anspruchslos Phänomene, die eine Suche nach der CREST IV, die sich im Dilationsflug befindet, stark verkomplizieren. Das Schiff treibt nicht bewegungslos im All, sondern bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die sich entsprechend Einsteins Relativitätstheorie auf Zeit und Raum nachhaltig auswirkt. Auch über die Verbreitung von Funk- und Ortungssignalen macht sich der Kommunikations-Spezialist Mahr Gedanken, die in der physikalischen Realität verwurzelt sind. Vor diesem Hintergrund fällt die Eindimensionalität des Geschehens umso stärker und negativer auf.

Bootsmänner und –frauen der Zukunft

Ungeachtet der Tatsache, dass man vermutlich auch zukünftig die geistige Elite der Menschheit in die Tiefen des Universums hinausschicken wird, verhalten sich die drei Hauptfiguren unserer Geschichte – ihre 179 Begleiter/innen bleiben gänzlich unerwähnt oder anonyme Statisten – wie müßige Gäste auf dem Raumschiff, das sie angeblich kommandieren. Wenn sie Befehle geben, dann zeichnen sich diese eher durch Geistesblitze oder den berühmt-berüchtigten „gesunden Menschenverstand“ als durch Fachkenntnis aus.

Zwischendurch bleibt mehr als genug Zeit für Zwischenmenschlichkeit jener besonders plumpen Art, für die der deutsche Heftroman gefürchtet ist. Mahr achtet insofern auf Gleichberechtigung, als er Männlein und Weiblein denselben pubertären Umgangston aufzwingt. Für sein Geschick in der Gestaltung glaubwürdiger Gefühlsregungen war er nie berühmt. Glücklicherweise war ihm dies bewusst; er hielt sich in der Regel zurück und beschränkte sich darauf, Menschen in exotischen Umgebungen zu schildern; einfach beschreiben, was sie taten und dabei dachten, konnte Mahr gut – und besser als hier, was „Geisterschiff CREST IV“ trotz (und letztlich wegen) des vielversprechenden Titels als holprige Plätscher-SF enttäuschen lässt.

Autor

Kurt Mahr wurde am 8. März 1934 als Klaus Otto Mahn geboren. Nach dem Abitur und einem unterbrochenen Studium der Physik begann er zu schreiben. Die blühende Leihbuch- und Heftroman-Szene dieser Jahre bot dem Anfänger Möglichkeiten. Mahn war ein fleißiger Autor. Die Einkünfte ermöglichten es ihn sein Studium abzuschließen. Parallel dazu schrieb er weiter; um bei seinen Dozenten nicht in Misskredit zu geraten, wählte er als neues Pseudonym „Kurt Mahr“. Unter diesem Namen erschien 1961 „Atom-Alarm“, der fünfte Band der gerade gestarteten Heftroman-Serie „Perry Rhodan“. Kurt Bernhardt, Cheflektor des Moewig-Verlags, und Chef-Autor K. H. Scheer hatten das Nachwuchstalent in jenes Team aufgenommen, das diese Serie nach festen Exposé-Vorgaben schrieb.

Mahr blieb PR-Stammautor, obwohl er noch im Dezember 1962 in die USA übersiedelte. In den nächsten zehn Jahren arbeitete er für verschiedene Unternehmen 1972 kehrte er nach Deutschland zurück, schrieb wieder und verstärkt nur noch für „Perry Rhodan“. Dabei blieb es, obwohl Mahn 1977 erneut in die USA ging. Nach dem Tod von Willi („William“) Voltz übernahm er 1985 gemeinsam mit Ernst Vlcek bis 1991 die Exposé-Redaktion.

Die Verbindung von trivialer aber spannender Handlung vor einem aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht gar zu unlogischen Hintergrund war Mahrs Markenzeichen. Typisch waren allerdings auch die Eindimensionalität der Figuren und das Beharren auf konservativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen. Mahr-Figuren wirken dort ‚lebendig‘, wo sie in wissenschaftlicher Arbeit aufgehen. Wenn die Mischung stimmte, gelangen dem Verfasser solide Unterhaltungsromane, die der Zeit erstaunlich gut standhalten.

Kurt Mahr blieb PR-Autor bis zu seinem frühen Tod am 27. Juni 1993; er starb an den Folgen eines schweren Sturzes.

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Die grünen Teufel vom Mars

Erstellt von Michael Drewniok am 16. April 2010

Cover der Heyne-Ausgabe

Cover der Heyne-Ausgabe

Fredric Brown
Die grünen Teufel vom Mars


(sfbentry)
Originaltitel: Martians, Go Home! (New York : EP Dutton & Company, Inc. 1955)
Übersetzung: Herbert Roch
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1959 (Gebrüder Weiss Verlag)
252 S.
[Keine ISBN]
Diese Taschenbuchausgabe: 1964 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne SF Nr. 3038)
155 S.
[keine ISBN]
Derzeit letzte Ausgabe: 1973 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 215)
159 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Sie kommen, sie sehen und hören alles – und sie wollen einfach nicht mehr verschwinden: Als sie tatsächlich stattfindet, gestaltet sich die von den Menschen gefürchtete und fabulierte Invasion vom Mars völlig anders als erwartet. Die fremden Besucher sind zwar tatsächlich klein und grün, doch sie kommen nicht als Eroberer, sondern als Eindringlinge. Gerade haben sie das „Kwimmen“ erfunden, das es ihnen ermöglicht, die Erde ohne Raumschiffe zu erreichen. Hier sind sie zwar körperlos, doch sie können sich an jeden Ort versetzen, der sie interessiert.

Und das trifft auf praktisch jeden Winkel der Welt zu. Sprachliche Barrieren existieren für die Marsianer ebenso wenig wie Wände, politische Grenzen oder militärische Geheimnisse. Sie können in der Dunkelheit und sogar durch Mauern sehen. In erster Linie sind sie jedoch boshaft. Sie beleidigen ihre entgeisterten ‚Gastgeber‘, spielen ihnen gemeine Streiche, plaudern ihre intimsten Geheimnisse aus. Gern halten sie sich in Schlafzimmern auf und kommentieren respektlos, was unter den Bettdecken geschieht. Die menschliche Zivilisation kommt praktisch zum Erliegen, denn Politik, Wirtschaft oder Militär sind Institutionen, die ohne Geheimniskrämerei nicht existieren können.

Verzweifelt sucht man nach Methoden, sich der Plagegeister zu entledigen. Doch wo weder Waffen noch Appelle an Rücksicht und Anstand Wirkung zeigen, muss der Mensch kapitulieren. Erst einige Freigeister finden den richtigen Ansatz: Was geschieht, wenn wir wie die Marsianer denken und auf diese Weise in Erfahrung bringen, was sie wollen – oder besser: was ihnen ganz und gar nicht behagt? Dieser Weg ist freilich reich an Sackgassen und Irrtümern, während der Marsianerspuk scheinbar unaufhaltsam seinen absurden Höhepunkt erreicht …

Cover der Pabel-Ausgabe

Cover der Pabel-Ausgabe

Immer den Himmel beobachten!

Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die Menschenwelt eine sowohl einfachere als auch Furcht erregende Zeit. Natürlich traf dies nicht auf alle Aspekte des Alltags zu, doch es schloss auf jeden Fall die Angst vor dem Untergang besagter Welt ein. Der „Kalte Krieg“ zwischen den Großmächten USA und UdSSR (plus China) konnte jederzeit heiß werden. Man war auf beiden Seiten vorbereitet, und sollte es zum Äußersten kommen, würde man Atombombe mit Atombombe & Wasserstoffbombe mit Wasserstoffbombe vergelten. Bis es soweit war, vermischten sich echte Kriegssorge und Paranoia. „Watch the Sky!“ hieß ein populärer Warnspruch der Zeit, denn von dort würden sie kommen – die Flugzeuge der gottlosen roten Kommunisten, besetzt mit Invasoren, beladen mit Bomben, flankiert von Raketen.

Auch der Weltraum gehörte zumindest theoretisch zum Aufmarschgebiet der Großmächte. Gerade erst begann man ihn vor Ort zu erforschen, und wie der Satellit „Sputnik“ zeigte, hatten die Roten die Nase vorn! Dies forderte vom US-Bürger besondere Wachsamkeit. Was geschehen konnte, wenn man dies vernachlässigte, stellte u. a. Hollywood in drastischen Bildern vor. Weil allzu ausgeprägter pädagogischer Eifer allerdings die Zuschauer den Kinos fernhalten würde, steckte man die Invasoren aus dem Osten in abenteuerliche Kostüme und nannte sie Außerirdische. Der Zeitgenosse unterhielt sich und wusste dennoch, wer eigentlich gemeint war. Außerdem verhinderte es Beschwerden der inkriminierten (und nicht amüsierten) „Commies“.

Angst schlägt in Humor um

Über die Auswüchse des Kalten Kriegs kann man sich heute amüsieren. Einige Zeitgenossen taten es damals schon. Fredric Brown spielt – vorsichtig – mit den Schreckgespenstern der Gegenwart von 1955, indem er sie ad absurdum führt. Er bedient sich der schärfsten Waffe seiner literarischen Zunft: des (milde) geistvollen Humors, der das nur vorgestellte bzw. heraufbeschworene Böse der Lächerlichkeit preisgibt. Brown verwandelt die roten Kommunistenteufel in die grünen Teufel vom Mars.

Der Plot kreist um folgende Frage: Was geschieht, wenn ein Feind auftaucht, gegen den keinerlei Abwehr möglich ist? Normalerweise beträte dieser Feind mit überlegener Feuerkraft die Bildfläche. Brown verwirft dieses Klischee. Seine Marsianer können körperlich nicht verletzen. Ihre einzige Waffe ist ihr Mundwerk, die Munition liefert die Fähigkeit, jedes Geheimnis aufzudecken.

Wer meint, dies sei keine Bedrohung, lasse sich von Brown eines Besseren belehren. Vom Normalbürger bis hinauf zur politischen, wirtschaftlichen, militärischen und religiösen Führung basiert das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft auf Geheimnissen, ist seine einleuchtend präsentierte Prämisse. Wie könnte ein Überfall auf „den Feind“ stattfinden, wäre dieser bereits vorab über den Angriff informiert? Wie könnte ein Messias und Weltenretter vor seinen Jüngern bestehen, würden diese über sehr menschliche Fehltritte in Kenntnis gesetzt? Oder ein Präsident, ein Diktator, ein General, der behauptet, man müsse einer Bedrohung zuvorkommen, die tatsächlich nur behauptet ist? Ansehen und Stellung werden stets gestützt durch Schein, Lug & Trug. Die Marsianer legen offen, dass jeder Mensch ein Skelett im Schrank verbirgt, das ihn verletzlich macht.

Cover der dt. Erstausgabe (Gebrüder Weiss Verlag)

Cover der dt. Erstausgabe (Gebrüder Weiss Verlag)

Die Welt als ratloses Tollhaus

Diese Erkenntnis illustriert Brown anhand zahlreicher Beispiele. „Die grünen Teufel vom Mars“ besitzt zwar einen roten Faden, zerfällt indes bei näherer Betrachtung in viele Einzelepisoden. Mit Luke Devereaux gibt es eine Hauptfigur, die der Verfasser jedoch immer wieder aus der Handlung verbannt. Stattdessen wirft er Schlaglichter darauf, wie die Marsianer die Grundfesten der Menschheit erschüttern.

Dabei beschränkt er sich keineswegs auf die USA. Brown ist im Grunde selbst ein Marsianer: er macht sich lustig über das, was als wichtig oder gar heilig gilt oder die tiefsten Befürchtungen seiner Zeitgenossen berührt. In einer der unzähligen Szenen, in der die Marsianer völlig gewaltfrei die Welt aus den Angeln heben, bringen sie ultrageheime Abwehrpläne der US-Streitkräfte in Erfahrung, während die Hüter dieser Geheimnisse sie ebenso verzweifelt wie erfolglos daran zu hindern versuchen. Die Episode gipfelt in der Realisierung des schlimmsten Albtraums, den sich ein militärischer Entscheidungsträger vorstellen kann: „Der Martier wandte sich an einen der anderen Martier im Zimmer … ‚He‘, sagte er. ‚Kwimmen wir doch rasch mal ‘rüber und schauen nach, was die Russen aufzuweisen haben. Und vergleichen die Notizen mit ihnen.‘“ (S. 38) Die Reaktion bleibt nicht aus: „Der andere Martier lachte spöttisch. Auch der General lachte, allerdings nicht spöttisch. Er lachte so lange, bis zwei Adjutanten ihn wortlos hinausführten.“ (S. 38) Der General hat verloren, was ihm seine hohe Stellung garantiert, und das treibt ihn in den Wahnsinn.

Marsianer als Spiegelbild der Menschen?

„… in ihrer Gesamtheit waren sie beleidigend, unangenehm, lästig, frech, brutal, streitsüchtig, sarkastisch, grob, abscheulich, unhöflich, scheußlich, teuflisch, vorlaut, keck, störend, gehässig, feindselig, schlecht gelaunt, unverfroren, schamlos, spitzzüngig, höhnisch, elende Spielverderber. Sie waren lüstern, ekelhaft, boshaft, feindselig, widerlich, anstößig, mürrisch, pervers, streitsüchtig, grob, hypochondrisch, verräterisch, grausam, schroff, undankbar, bissig, niederträchtig, schwatzhaft, stets darauf bedacht, sich verhasst zu machen und jedermann Verdruss zu bereiten.“ (S. 43)

Anders ausgedrückt: Die Marsianer halten sich nicht an die Spielregeln, nach denen die (US-) Gesellschaft funktioniert. Diese sind nüchtern betrachtet Regeln, die von den Mächtigen formuliert und den weniger Mächtigen oktroyiert werden. Erstere können sehr gut, letztere müssen mit ihnen leben. Jetzt stellen die Marsianer dies auf den Kopf. Sie bieten dem Bürger die Möglichkeit, seine Fesseln abzuwerfen. Brown konstatiert sarkastisch, dass er (und sie) stattdessen hilflos reagieren, wenn von Oben keine Anweisungen mehr kommen.

Luke Devereaux ist ein solcher „John Doe“, der den durchschnittlichen US-Amerikaner repräsentiert. Er stolpert durch eine Welt, die sich in ein Irrenhaus verwandelt. Es fehlen einfach die Mittel, sich der Eindringlinge zu erwehren. Erst als die Anführer und Konfliktlöser kapituliert haben, können sich jene Gehör verschaffen, die sich nicht in die Schubladen des Establishments stecken lassen und dafür mit Ignoranz und Hohn gestraft werden: Philosophen, Künstler, Querdenker, die geistig in der Lage und willens sind, wie die Marsianer zu denken, statt auf sie zu schießen, mit ihnen verhandeln, statt sie zu ignorieren. (Erfolgreich sind sie allerdings auch nicht – Brown verschont niemanden mit seinem Spott.)

Komödie mit Untertönen

Selbstverständlich hält Brown seinen Landsleuten noch einen ganz anderen Spiegel vor: Die Marsianer benehmen sich in den USA im Grunde genauso wie die US-Amerikaner außerhalb ihrer Landesgrenzen. Sie halten sich seit jeher für Bürger eines von Gott privilegierten Staates, der deshalb berechtigt ist, den anderen, weniger begünstigten Nationen zu zeigen, wo’s lang geht, oder sie gar zu ihrem Glück zu zwingen. Den selbst ernannten Heilsbringer schallte dafür schon in den 1950er Jahren ein „Ami, Go Home!“ entgegen. Nun lässt Brown seine Mitbürgern die eigene Medizin schmecken, und sie scheint ziemlich bitter zu sein.

Warum gehen die Marsianer wirklich? Auch in diesem Punkt gestattet Verfasser Brown keine simple Auflösung. Tun sie es, weil man sie endlich durchschaut hat, oder langweilt sie die Menschenwelt, die sie deshalb freiwillig verlassen? Die Frage bleibt offen, eine Rückkehr der Marsianer möglich.

Oder hat es sie gar nicht gegeben? Womöglich hat sich weltweite Angst vor dem III. Weltkrieg so gewaltig manifestiert, dass sich die Menschen die Marsianer quasi selbst geschaffen haben – als kollektive Angstvorstellung und als geistiges Ventil, über das sich der emotionale Überdruck ablassen ließ. Als dies geschafft und zumindest in Browns Welt die Kriegstreiber abgewirtschaftet haben, verschwinden die (eingebildeten) Marsianer.

Anmerkungen

Unter dem unnötig grellen, wohl zur Lockung des Lesers ‚übersetzten‘ Titel „Die grünen Teufel vom Mars“ wurde „Martians, Go Home!“ schon 1959 als gebundenes Buch in Deutschland veröffentlicht. Das Titelbild dieser Ausgabe ist wunderschön, doch wichtiger ist: Die Qualität der Textübersetzung (die von den Neuausgaben übernommen wurde) macht den Roman noch über ein halbes Jahrhundert später lesbar. Der Ton ist natürlich veraltet, der Übersetzer spricht durchweg von „Martiern“ (und drollige Verständnisfehler kommen schon auf der ersten Seite vor: [Luke Devereaux] war mit einem weißen T-Hemd bekleidet …“), was dem Werk andererseits einen nostalgischen Charme verleiht. Es hätte eine Neuauflage verdient, doch die erfährt es regelmäßig ausgerechnet in den USA, wo die Leser anscheinend kein Problem damit haben, über sich selbst zu lachen.

1990 inszenierte David Odell den Film „Martians, Go Home!“ nach einem Drehbuch von Charles S. Haas mit Randy Quaid in der Hauptrolle des Mark [sic!] Devereaux. Die überwältigende Mehrheit der ohnehin nicht zahlenstarken Zuschauer hielt das Werk für eine geist- und witzlose Zumutung, und als solche ging es auch unrühmlich in die Filmgeschichte ein.

Autor

Fredric William Brown wurde 1906 in Cincinnati, Ohio, geboren. Er besuchte die Abendschule der University of Cincinnati und studierte ein Jahr am Hanover College in Indiana. Zwischen 1924 und 1936 arbeitete er in einem Bürojob, anschließend wechselte er in die Redaktion des „Milwaukee Journal“. Ersten Kontakt zur literarischen Szene nahm Brown als Mitglied des „Milwaukee’s Fictioneers Club“ auf. In den 1930er Jahren begann er Storys für die Pulp-Magazine dieser Ära zu schreiben. In diesem schlecht bezahlten Gewerbe erwies er sich als schneller und einfallsreicher Autor, der nicht auf ein Genre fixiert war. Brown begann mit humoristischen Kurzgeschichten, verfasste Krimis und nach 1940 Science Fiction und Horror.

Nachdem er ca. 300 Storys veröffentlicht hatte, schrieb Brown 1947 mit dem Thriller „The Fabulous Clipjoint“ 1947 seinen ersten Roman, der von den „Mystery Writers of America“ als bester Krimi des Jahres mit einem „Edgar Award“ ausgezeichnet wurde. Brown schuf in diesem Buch seine einzigen Serienhelden, die Ermittler Ed und Am Huster, die er in fünf weiteren Werken auftreten ließ. Der Erfolg seines Erstlings ließ Brown den Schritt zum hauptberuflichen Schriftsteller wagen. Seine originellen, gut geplotteten und geschriebenen Thriller wurden gern gelesen und mehrfach auch verfilmt; Brown verfasste später selbst Drehbücher, so für Alfred Hitchcocks berühmte TV-Serie.

„What Mad Universe“ war 1951 sein erster Science-Fiction-Roman. Während Brown für seine Krimis gerühmt wird, beurteilt die Kritik sein phantastisches Werk differenzierter. Demnach belegen primär die Kurzgeschichten sein Talent. „Arena“ (1944) belegt auf allen Listen der besten SF-Storys aller Zeiten stets Spitzenplätze. (Sie wurde u. a. in der klassischen „Star Trek“-Serie 1966 verfilmt.) Brown war kein Freund überflüssiger Worte und verstand es auf den Punkt zu kommen; in die SF-Annalen ist er als Schöpfer der kürzesten Grusel-Story aller Zeiten eingegangen: „Der letzte Mensch der Erde saß allein in seinem Zimmer. Plötzlich klopfte es an der Tür …“

Unter Browns SF-Romanen ragen „What Mad Universe“ und „Martians, Go Home!“ heraus. Sie zeigen einen Verfasser, der sich wie wenige seiner Kollegen mit Humor und Sarkasmus über heilige Kühe aller Art lustig machen konnte, wobei er die SF und ihre Repräsentanten keineswegs ausklammerte. Brown war zweimal verheiratet und hatte zwei Söhne. Er starb am 11. März 1972 im Alter von 66 Jahren.

[md]

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Im Reich der Vogelmenschen

Erstellt von Michael Drewniok am 17. März 2010

vogt-hull-vogelmenschen-coverA. E. van Vogt/E. Mayne Hull
Im Reich der Vogelmenschen

(sfbentry)
Originaltitel: The Winged Man („Astounding“, Mai/Juni 1944/New York : Doubleday 1966)
Übersetzung: Jürgen Jasper
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Arthur Moewig Verlag/Terra Taschenbuch Nr. 121)
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Juli 1980 (Erich Pabel Verlag (Utopia Classics Taschenbuch Nr. 19)
161 Seiten
[keine ISBN]

Das geschieht:

Irgendwo im Pazifik, 1200 Meilen entfernt vom nächsten Hafen, dümpelt in einer mondhellen Nacht das amerikanische U-Boot „Seeschlange“ auf den Wogen, als plötzlich ein geflügelter ‚Mensch‘ auf das Deck niederstößt und eine merkwürdige Apparatur dort befestigt, die sich partout nicht entfernen lässt. In der folgenden Nacht kehrt der ungebetene Gast zurück und handelt ebenso an einer anderen Stelle der ‚Seeschlange‘.

Dieses Mal kann ihn die Besatzung ergreifen, aber es ist bereits zu spät: Ein Energiewirbel versetzt die „Seeschlange“ in eine weit entfernte Zukunft. Der durch die Zeit gereiste Vogelmensch ist ein Botschafter, der sich in der Vergangenheit nach Verstärkung umschauen sollte. Die Zukunft ist nämlich nicht nur ein trostloser, sondern auch ein von Krieg heimgesuchter Ort. Aus der Erde wurde ein unwirtlicher Wasserplanet, auf dem in der Luft die Vogelmenschen mit ihren im Meer lebenden Gegnern, den Fischmenschen, ringen und dabei allmählich das Nachsehen haben.

Die tatkräftigen Menschen des 20. Jahrhunderts sollen das Zünglein an der Waage spielen und den Vogelmenschen den Sieg bringen. Die Männer der „Seeschlange“ schätzen es freilich gar nicht, auf diese Weise rekrutiert zu werden. Vor allem wollen sie nicht in einen Krieg ziehen. Stattdessen bemühen sie sich um einen Ausgleich zwischen den Gegnern. Die Situation verkompliziert sich, weil sich die „Seeschlange“ in einer Flotte ebenfalls verschleppter Schiffe aus verschiedenen vergangenen Jahrtausenden wiederfindet, deren Mannschaften einander gar nicht grün sind. Als dann noch ein Raumschiff mit eroberungswütigen Außerirdischen auftaucht, wird es eng für die unfreiwilligen Friedensstifter, zumal auch die Vogelwesen allmählich ungeduldig werden …

vogt-hull-vogelmenschen-cover-1967Harte Kerle für die Zukunft

Science Fiction ohne Anspruch außer diesen: den Leser so gut wie möglich zu unterhalten. Mit solcher naiver Unschuld ging dies wohl nur im „Goldenen Zeitalter“ des Genres, das die Jahre vor und während des II. Weltkriegs umfasste, als die auf billiges, holziges Papier gedruckten ‚Pulp‘-Magazine die Szene beherrschten. Dort schlugen die Mannen der „Seeschlange“ denn 1944 auch zum ersten Mal (in Fortsetzungen) ihre Schlacht gegen geflügelte oder gekiemte Zukunftsmenschen.

Die Geschichte ist so absurd, dass sie eigentlich unterhalten muss. Heute gibt es freilich gewisse Schwierigkeiten. Es beginnt stimmungsvoll und spannend, lässt aber deutlich nach, als die ferne Zukunft erreicht wurde. Die entführten Tatmenschen des 20. Jahrhunderts sollen dort einen Torpedo abfeuern und dürften danach wieder zurückkehren. Das wollen sie nicht – überhaupt und weil es sich hier um US-Amerikaner handelt, die sich prinzipiell nichts sagen lassen. Stattdessen wird auch im 25. Jahrtausend von einem Fettnäpfchen ins andere getrampelt.

Überhaupt ist dem Autorenduo nichts wirklich Originelles für die zukünftige Erde eingefallen. Das Geschehen spielt sich im Schatten einer schwebenden Insel ab, unter der sich einige See- und Raumschiffe misstrauisch umkreisen. Intrigen werden gesponnen, Piraterie versucht, aber das führt letztlich zu Nichts. Die durchaus faszinierenden Elemente wollen sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Besonders das Finale legt dieses Manko offen: Es ereignet sich, als der Leser einen Moment nicht hinschaut. Anschließend muss er verdattert in einigen Nebenbei-Sätzen nachlesen, dass die ursprünglich so gewaltigen Probleme, die den Einsatz der Zeitreise erforderlich machten, kurz und knapp gelöst wurden.

Handeln statt denken

Wie man sich denken kann, erfordert eine Geschichte wie diese kein profilstarkes Personal. Hier wird gehandelt, werden markige Reden geschwungen. Eine Besatzung tatendurstiger Seemänner ist da genau richtig. Zwar bemühen sich die Autoren, der Figurenzeichnung durch einige interne Konflikte – der U-Boot-Kommandant ist ein ängstlicher Opportunist, seinem weitsichtigen Stellvertreter sind die Hände durch das militärische Protokoll gebunden usw. – Tiefe zu verleihen. Das wirkt jedoch sehr weit hergeholt.

Von den Vogelmenschen erfährt man wenig, von ihren Gegnern sogar noch weniger. Irgendwie erscheint dieser zukünftige Krieg ziemlich sinnlos, was allerdings auf jeden Krieg zutrifft. Typisch Van Vogt ist der temporale Auftrieb unterschiedlicher Zeitreisender aus verschiedenen Epochen. Typisch für das Jahr 1944 ist die Darstellung der Sessa Clen-Amazonen als instinkt- oder besser triebgesteuerte Chaotinnen, denen ein richtiger Kerl zeigen müsste wo’s langgeht; kein Wunder, dass die Königin dem U-Boot-Helden Kenlon sogleich einen Heiratsantrag macht …

Van Vogt bearbeitete „Im Reich der Vogelmenschen“ 1966. Im Bemühen, die Geschichte zu aktualisieren, verwandelte er die „Seeschlange“ ein Atom-U-Boot im Versuchs-Einsatz, was gar nicht gut zur Handlung passte. In dieser Hinsicht war Van Vogt allerdings nie zimperlich; wenn es ihm verkaufsförderlich erschien, hatte er kaum Skrupel, seine Texte umzugestalten.

Autoren

„Im Reich der Vogelmenschen“ wurde zwar von einem der bekanntesten Autoren des Genres verfasst, ist aber in dessen Gesamtwerk etwas fremd. Kein Wunder, denn A. E. van Vogt hat es nicht allein verfasst. Kann man den Quellen trauen, stammt dieser Roman sogar aus E. Mayne Hulls Feder. Sie wurde 1905 in Brandon, Manitoba und damit in Kanada geboren und schrieb zunächst rührselige religiöse Geschichten und Hörspiele. In den 1930er Jahren belegte sie einen Schreibkurs, den auch ein anderer hoffnungsvoller Nachwuchsautor besuchte: Alfred Elton van Vogt. Sie heirateten 1939, kurz bevor van Vogt mit „Black Destroyer“ der Durchbruch gelang. Hull wurde Van Vogts Sekretärin. Ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen wurden von ihm durchaus unterstützt. In den 1940er Jahren verfasste Hull eine Reihe von Kurzgeschichten, die in Magazinen wie „Astounding“ oder „Unknown Worlds“ erschienen, aber ihr Werk blieb schmal. Massive gesundheitliche Probleme beeinträchtigten immer wieder ihre schöpferische Kraft. Ihren diversen schweren Krankheiten erlag Hull im Januar 1975.

Alfred Elton van Vogt (geb. 1912) gehört zu den großen Autoren der klassischen Science Fiction. Er war der Sohn holländischer Eltern, die eine Farm im Süden der kanadischen Provinz Winnipeg besaßen. „Van“, wie ihn die Freunde nannten, kam schon früh mit der SF in Kontakt, als er zum regelmäßigen Leser der ab 1926 aufkommenden „Pulp“-Magazine wurde. Die Große Depression der 1930er Jahre verschonte auch die Familie Van Vogt nicht. Alfred musste seine Ausbildung abbrechen und sich als Farmarbeiter, Lastwagenfahrer, Angestellter usw. durchschlagen. Nebenbei versuchte er sich als Autor. Van Vogt schrieb „Wahre Geschichten“ und Liebesschnulzen, die indes niemand lesen wollte.

Ab 1938 versuchte sich Van Vogt auf dem SF-Magazinmarkt. Anfänglichen Misserfolgen folgte der Durchbruch mit „Black Destroyer“. Nun ging es Schlag auf Schlag: Mit „Slan“ (1940), „The Weapon Makers“ (1943; dt. „Die Waffenschmiede“) oder „The World of A“ (1945; dt. „Die Welt der Null-A“) schrieb er sich in die erste Reihe und an die Seite von Robert A. Heinlein, Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke. Aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt stieß Van Vogt zudem in eine Lücke. 1944 zogen er und seine Ehefrau Edna nach Los Angeles um.

Wenig später ließ sich Van Vogt auf das zweifelhafte Experiment „Dianetics“ seines Schriftsteller-Kollegen L. Ron Hubbard ein, der daraus später die Hirnwäscher-Sekte der Scientologen formierte. Van Vogt durchschaute den faulen Zauber, aber er vergeudete viel Zeit in seiner Suche nach dem Sinn des Lebens, die er lieber in seine Karriere investiert hätte: Als Van Vogt zur SF zurückkehrte, hatte er den Anschluss verloren. Trotz enormer Anstrengungen erreichte er niemals die alte Größe zurück. Das Ende war grausam: Der neugierige und wortgewaltige Van Vogt erkrankte an der Alzheimerschen Krankheit, von der ihn nach langem Leiden 2000 eine Lungenentzündung erlöste.

[md]


Titel bei booklooke.de
Titel bei Amazon.de (Ausgabe von 1967)
Titel bei Amazon.de (Ausgabe von 1980)

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Raritäten aus des Teufels Küche

Erstellt von Michael Drewniok am 16. März 2010

pary-raritatenMichel Parry (Hg.)
Raritäten aus des Teufels Küche

(sfbentry)
Originaltitel: The 1st Mayflower Book of Black Magic Stories (London : Mayflower 1974)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstausgabe: April 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir-TB Nr. 34)
145 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Diese Sammlung präsentiert acht klassische und jüngere Geschichten, die sich mit Schwarzer Magie befassen. Naturgemäß geht bei der Beschwörung von Dämonen und Teufeln etwas schief, was grässliche Folgen für den unvorsichtigen Zaubermeister zeitigt. Die Storys sind unterhaltsam bis wirklich spannend, sie enden mit einem meist moralischen aber grimmigen Schlussgag.

- Dennis Wheatley: Die Schwarze Mamba („The Snake“, 1933) – Vermeide Streit mit einem afrikanischen Medizinmann, sonst schickt er dir seinen Stock, der sich des Nachts in einen ungebetenen Bettgenossen verwandelt …

- Anthony Boucher: Der Todesbiss („They Bite“, 1943) – Natürlich ist ein Geisterhaus der ideale Versteckplatz für eine Leiche, aber man sollte sich als Mörder vergewissern, ob der üble Ruf des Hauses womöglich auf Tatsachen beruht …

- Aleister Crowley: Die Füchsin und der Höllenhund („The Vixen“, 1912) – Die schöne aber durch und durch verdorbene Zauberfrau will einen Mann verhexen, der sich indes als Gegner entpuppt, der sich in der Magie ein bisschen besser auskennt als sie ..

- H. R. Wakefield: Der Teufelsschüler („He Cometh and He Passeth By“, 1928) – Mr. Clinton hat sich dank schwarzmagischen Künste seine zahlreichen Feinde stets spektakulär vom Leib halten können, bis endlich einige Gentlemen sich zusammentun und ihm das schmutzige Handwerk legen …

- Feodor Sologub: Der Beschwörer der schwarzen Bestie („The Invoker of the Beast“, 1915) – Feige hat der Jäger seinen Gefährten dem Höllenbiest überlassen, aber dessen Geist fordert Rache und lockt das Untier dem Schurken auf die Spur …

- Frederic Brown: Koboldgeist („Nasty“, 1959) – Seine Impotenz will der alte Wüstling mit dämonischer Zauberkraft heilen; er hätte daran denken sollen, dass der Teufel ein Betrüger ist, der Zweideutigkeit bei der Formulierung eines Wunsches gern in seinem Sinn interpretiert …

- Charles Beaumont: Auf dem Blutaltar („The New People“, 1958) – Nett sind die neuen Nachbarn, wenn auch ein wenig aufdringlich; sie langweilen sich und vor allem suchen sie für eine nächtliche Satansbeschwörung ein passendes Opfer …

- Sax Rohmer: Irrlichternde grüne Augen („In the Valley of the Sorceress“, 1916) – Eine vor Jahrtausenden heimlich verscharrte ägyptische Zauberin sorgt auch nach ihrem Tod dafür, dass Grabräuber und Archäologen mit leeren Händen gehen – wenn sie denn noch können …

Zaubereien auf holzigem Papier

Michael Patrick Parry (geb. 1947) ist der Herausgeber unzähliger Horroranthologien, die oft einem bestimmten Thema gewidmet sind. Zauberei und okkulte Praktiken bilden die thematische Klammer dieser Sammlung. Sie spannt indes recht locker, da sich (zumindest in der deutschen Ausgabe) kein roter Faden feststellen lässt und die Geschichten von recht unterschiedlicher Qualität sind. Zudem entstammen sie bis auf eine Ausnahme nur dem angelsächsischen Sprachraum.

Die meisten Storys lassen sich der reinen Unterhaltung zuordnen. Sie erschienen zunächst in Zeitschriften und Magazinen, ab den späten 1920er Jahren verstärkt in den „Pulps“, die einen schier unersättlichen Bedarf an neuen, leserfreundlich trivialen Garnen hatten. Dennis Wheatleys (1897-1977) Geschichte vom rachsüchtigen Medizinmann gehört ganz sicher in diese Kategorie. Von der Zeit wurde sie längst eingeholt, der Plot ist leicht zu durchschauen, die Darstellung der Ureinwohner als ‚böse Neger‘ politisch völlig unkorrekt, der Schlussgag an den Haaren herbei gezogen. Nostalgie heißt hier der Schlüssel zur erfolgreichen Unterhaltung; „Die schwarze Mamba“ muss man goutieren wie einen der „Tarzan“-Filme der 1930er Jahre.

Wheatleys Zeitgenosse Sax Rohmer (d. i. Artur Sarlsfield Ward, 1883-1959) – dem wir die Romane um den asiatischen Finsterling Dr. Fu-Manchu verdanken – macht es besser mit einer Story, die nur für ihre notorisch vernagelten Figuren undurchsichtig bleibt, aber flott und sehr atmosphärisch erzählt wird. Das alte Ägypten ist natürlich wieder nur eine Leinwand, die der Verfasser nach eigenem Gutdünken bemalt. Aktiv werden die „weißen Herren“, die von außen kommen, während die Einheimischen Statisten in ihrem eigenen Land bleiben.

Herbert Russell Wakefield (1888-1964) gehörte zu den letzten Vertretern der klassischen englischen Gespenstergeschichte. Er nimmt sein Handwerk überaus ernst und präsentiert eine in Sachen Magie sehr ausgetüftelte Story, die weniger auf Handlung als auf Stimmung setzt

Moderne Zauberei mit klassischen Schattenseiten

Deutlich „moderner“, aber gewiss nicht „literarischer” wirken die nach dem II. Weltkrieg veröffentlichten Geschichten. Ziemlich vordergründig schreibt Anthony Boucher (d. i. William A. P. White, 1911-1968). Sehr aufwändig führt er seinen schaurig-schönen Schauplatz ein und setzt zu einer umständlichen Erpressungsstory an, die letztlich völlig unwichtig ist für das Geschehen, welches erst aber dann erfreulich stark an Unterhaltungswert gewinnt, als der Verfasser sich auf den Kampf des Mörders mit wirklich fiesen Minimumien konzentriert.

Rein auf den Schlussgag arbeitet Charles Beaumont (d. i.  Charles Leroy Nutt, 1929-1967) zu, und der ist leider für den findigen Leser recht früh zu erahnen. Außerdem ärgert man sich wieder einmal über die zeittypische Klischeerolle der dumm-spießigen Ehefrau, die durch ihr Beharren auf ein kuscheliges Heim zum eigentlichen Auslöser für den Untergang ihrer Familie wird. Da freut man sich über Frederic William Brown (1906-1972), einen mit echtem Witz begabten Geschichtenerzähler, der hier die an sich alte Mär vom lügenboldigen Teufel (für das „Playboy“-Magazin übrigens) witzig abwandelt.

Zwei Meister ihrer Fächer

Aus dem Rahmen der übrigen Verfasser fällt Feodor Sologub (d. i. Fëdor Kusmitsch Teternikov, 1863-1927). Er gehört zu den großen russischen Dichtern, veröffentlichte zahlreiche Romane, Märchen, Erzählungen und Gedichte, schrieb außerdem Theaterstücke und machte sich einen Namen als Übersetzer wichtiger deutscher Autoren (Georg Heym, Franz Werfel u. a.). Mit „Die Beschwörung der schwarzen Bestie“ zeigt er sich als prominenter (und umstrittener) Repräsentant des „russischen Symbolismus“, was in unserem Fall bedeutet, dass wir es hier ganz sicher nicht mit einer „normalen“ Gruselgeschichte, sondern einer vielschichtigen, stark verschlüsselten Erzählung zu tun haben, welche viele Deutungen zulässt und provoziert.

Edward Alexander Crowley (1875-1947), der unter seinem ‚Künstlernamen‘ Aleister Crowley berühmt und vor allem berüchtigt wurde, ist ganz sicher kein Literat, sondern ein aktiver Magier (oder „Magicker“, wie er sich selbst bezeichnete). Viele Höllenwelten will er gesehen haben, und diese Besuche wurden angeblich erwidert. Crowley galt seinen Zeitgenossen als „bösester Mensch der Welt“, da er sich nicht nur gegen die christliche Religion wandte, sondern viel Sexualmagie in seine Riten einfließen ließ. Stets in Geldnot und wie so mancher Scharlatan ein fähiger Geschichtenerzähler, verfasste Crowley auch Romane, Erzählungen und Gedichte, wobei er natürlich die Gelegenheit nutzte, für seine „Magick“ zu werben. Aus heutiger Sicht haben sich seine symbolisch aufgeladenen Storys erstaunlich gut gehalten. Auch „Die Füchsin und der Höllenhund“ kleidet die bekannte Dualität von Zauberei und Sex in deutliche Worte, statt sich wie die zeitgenössische Literatur in Andeutungen zu winden.

Anmerkung

„Raritäten aus des Teufels Küche“ sammelte in der englischen Originalausgabe 14 Kurzgeschichten. Sechs wurden für die deutsche Fassung gestrichen, um das für die Taschenbücher der „Vampir“-Reihe übliche Seitenlimit von 145 Seiten nicht zu überschreiten – eine verdammenswerte Praxis, die hierzulande bis in die 1980er Jahre durchaus üblich war.

Immerhin wird man durch das bemerkenswerte Cover entschädigt. Es belegt eindrucksvoll, wie sich die Zeiten geändert haben: Heute würden allerlei Zensoren wegen eines solchen Motivs Zeter & Mordio schreien. Vor drei Jahrzehnten krähte kein Hahn danach.

[md]

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Schock um Mitternacht

Erstellt von Michael Drewniok am 16. Dezember 2009

hoch-schock-coverEdward D. Hoch
Schock um Mitternacht

Originaltitel: The Judges of Hades and Other Simon Ark Stories (North Hollywood, California : Leisure Books 1971)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstausgabe: September 1975 (Erich Pabel Verlag/Vampir-TB Nr. 26)
145 S.
[keine ISBN]
(sfbentry)

Das geschieht:

Seit 2000 Jahren jagt er die Vertreter des Bösen auf der ganzen Welt: Simon Ark, unsterblicher Ghostbuster mit ausgeprägten detektivischen Fähigkeiten, die er in den hier versammelten fünf Fällen auch dringend benötigt, da sein Wild bevorzugt Besitz von willensschwachen Menschen ergreift, die ausgesprochen kriminell vorgehen:

- Das Dorf der Toten (Village of the Dead), S. 7-27: Sämtliche Einwohner eines abgelegenen Dörfleins haben sich über eine Klippe in den Tod gestürzt. Ein Journalist wittert die Story seines Lebens. Vor Ort trifft er den geheimnisvollen Simon Ark, der sich als Jäger dämonischer Mächte bezeichnet, die er hier in Gestalt eines Seelenfängers am Werk sieht. Noch fehlt ein Zauber, was den Unhold zu einem letzten Erscheinen zwingt, bei dem Ark und der Zeitungsmann ihn stellen wollen 

- Hexenmord (The Witch Is Dead), S. 28-52: Hat die alte Wahrsagerin wirklich aus Rache die Schülerinnen jener Privatschule verhext, aus der man sie als junges Mädchen geworfen hat? Sie selbst bestätigt es eifrig, aber Simon Ark bezieht auch rationale Deutungen in seine Ermittlung ein und kommt einem wesentlich bizarreren Fall auf die Spur 

- Das blutige Schwert (Sword for a Sinner), S. 53-85: Eine katholische Sekte mit archaischen Riten muss einen Toten beklagen. Nicht das folterähnliche Bußritual war der Grund: Ein Schwert wurde dem Opfer in die Brust gestoßen. Hat hier ein unreiner Geist gewirkt? Simon Ark ermittelt, wobei er weltliches Wirken nicht ausschließt 

- Der Satanspriester (The Hour of None), S. 86-108: Dem in ein Kloster gerufenen Simon Ark fällt sein Bittsteller aus dem Glockenturm vor die Füße. In den heiligen Hallen geht viel Merkwürdiges und womöglich der Teufel höchstpersönlich um …

- Das Höllengericht (The Judges of Hades), S. 109-145: Vater und Tochter, seit Jahren verkracht, sind auf der Straße frontal mit ihren Autos zusammengestoßen und beide gestorben. Hat der Hass sie überwältigt oder saß etwa ein Dämon mit am Steuer? Simon Ark hält es für möglich, doch er merkt bald, dass er an eine ganz besonders schreckliche Familie geraten ist …

Die tiefe Kluft zwischen Seele und Hirn

Horror mit Krimi-Elementen? Krimi mit Mystery-Einschüben? Wie lässt sich die typische Simon-Ark-Story charakterisieren? Sie will in keine Schublade passen, was für ihre Unterhaltungsqualitäten spricht. Verfasser Hoch ist ein Veteran der Kurzgeschichte und vor allem im Krimi-Genre sattelfest. Deshalb ist es ihm ein besonderes Vergnügen, sein Publikum im Ungewissen zu lassen. Ist Simon Ark wirklich ein unsterblicher Geisterjäger? Ist er ein genialer Ermittler mit einem Riss quer durchs Oberstübchen? Spukt es wirklich dort, wo Ark seine Ermittlungen aufnimmt? Ist es nicht eher so, dass die natürliche Bosheit des Menschen als rationale Erklärung für ein zunächst seltsames Geschehen ausreicht? Jede Interpretation ist möglich. Hoch überlässt die Entscheidung seinen Lesern. Gleichzeitig legt er so viele falsche Spuren wie möglich: Eine Ark-Geschichte beinhaltet immer auch eine Story in der Story – und Hoch ist ein fabelhafter Plot-Schmied.

Mysterium Ark

Simon Ark ist eine Serienfigur, die Edward D. Hoch seit den 1950er Jahren in einer langen Reihe von Kurzgeschichten einsetzte. Ark behauptet von sich, etwa 2000 Jahre alt zu sein. Ursprünglich war er vielleicht ein koptischer Priester, der im frühchristlichen Ägypten des 1. Jahrhunderts einen Frevel beging, mit der Unsterblichkeit bestraft wurde und seitdem das Böse verfolgt, um zu sühnen und vor Gott rehabilitiert zu werden. Geschult in weißer und gestählt gegen schwarze Magie ist er seinen unmenschlichen Gegner ein Schrecken, obwohl diese stets in der Überzahl sind. So wandert Ark unstet über die Erde. Wo er die Spur von Dämonen, Hexen und anderem Gelichter aufnimmt, erweist er sich als ruhiger, umsichtiger Ermittler, der sich nie frontal in den Kampf wirft, sondern wie ein Kriminalist ermittelt. Seine deduktiven Fähigkeiten kommen ihm auch deshalb zugute, weil sich so mancher von bösen Geistern Besessene schließlich als simpler Schurke oder Geisteskranker entpuppt.

Ein wenig weihevoll kommt dieser Ark in der Regel daher. Man kann ihm zu Gute halten, dass er sich in seinem Alter nicht mehr so über Dinge aufregt, die den Normalsterblichen in helle Panik versetzen. Tatsächlich steht Verfasser Hoch auf dem Standpunkt, dass seine Figur je überzeugender wirkt, je weniger er über sie enthüllt. Damit wird er wohl Recht haben.

Jeder Holmes braucht einen Watson

Weil Ark sich in seiner Genialität so mundfaul wie Sherlock Holmes gibt, benötigt er einen Watson, welcher in Vertretung des Lesers dumme Fragen stellt. Diese Rolle übernimmt ein namenlos bleibender Journalist, der Ark im Sektendorf Gidaz über den Weg gelaufen ist. Dort hat er nicht nur seine spätere Gattin kennen gelernt, sondern sich auch mit dem mysteriösen Wanderer angefreundet. Mit Ark steht er seither in losem Kontakt. Mehrfach rufen sich die Freunde gegenseitig zu Hilfe. Ark schätzt den Journalisten, weil dieser Stillschweigen bewahrt und über viele Kontakte in der Medienwelt verfügt. Dieser ist wiederum neugierig und wohl auch geschmeichelt, von Ark ins Vertrauen gezogen zu werden.

Man sollte nicht gar zu viel von den Ark-Geschichten erwarten. Sie sollten unterhalten und ihren Verfasser ernähren; die Reihenfolge ist durchaus austauschbar. Die Leser sind heutzutage zudem medienerprobter als Hochs ursprüngliches Publikum, sodass seine Plots nur bedingt überraschen und noch weniger erschrecken. Aber solides Handwerk bewährt sich, und wird es mit ein wenig Nostalgie aufpoliert, folgt man Simon Ark gern in seine Welt rätselhafter Ereignisse.

Autor

Edward Dentinger Hoch wurde am 22. Februar 1930 in Rochester, New York, geboren. Er war ein Profi der Unterhaltungsliteratur und seit 1955 im Geschäft, wobei Hoch stets die Kurzgeschichte bevorzugte und nur wenige Romane verfasste.

Hoch hatte eine Art Vertrag auf Lebenszeit mit dem “Ellery Queen’s Mystery Magazine”: Seit er diesem 1962 eine erste Story lieferte, gab es bis 2004 keine Ausgabe ohne eine Hoch-Story. Knapp 500 Beiträge schrieb der Autor für dieses Magazin, was ungefähr die Hälfte seiner Gesamtproduktion ausmachte. Manchmal füllten gleich mehrere, dann unter Pseudonym veröffentlichte Erzählungen die Seiten ein und derselben Ausgabe. (Hoch hat auch einige der späten “Ellery Queen”-Romane für die erkrankten Verfasser geschrieben.)

Diese Präferenz verrät bereits Hochs Vorliebe für die klassische Detektivstory. Seine Ermittler arbeiten gründlich und langsam; im Finale gibt es eine dramatische Enthüllung, welche die thrillertypische Action ersetzt. Sorgfältig müssen Hochs Helden arbeiten, denn er setzt ihnen in der Regel hochgradig komplex konstruierte Rätsel vor, die mit der Realität wenig bis gar nichts zu tun haben. Immer wieder müssen sie am “perfekten Mord” schier die Zähne ausbeißen.

2001 wurde Hoch von den “Mystery Writers of America” mit dem Titel eines “Grand Master” geehrt. Zum ersten Mal wurde ein Schriftsteller ausgezeichnet, der hauptsächlich für sein Kurzgeschichtenwerk bekannt wurde. Am 17. Januar 2008 ist Edward D. Hoch nach einem Herzanfall im Alter von 77 Jahren in Rochester gestorben.

[md]


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