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Ein Toter meldet sich

Erstellt von Michael Drewniok am 2. Februar 2012

Seldon Truss
Ein Toter meldet sich

(sfbentry)
Originaltitel: One Man’s Death (London : Robert Hale 1960) [US-Titel: One Man's Enemies; New York : Garden City, published for the Crime Club by Doubleday 1960]
Übersetzung: Maria Meinert
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Alfred Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane Nr. 220)
187 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Auf der Straße nach Lavender Hill, einem kleinen Vorort von London, wird Fred Horace, der die Spelunke „Rettungsanker“ führte, überfahren und tot aufgefunden. Der alte Mann hat ein seltsames Testament hinterlassen: James, sein Neffe, den er vor acht Jahren zuletzt sah, soll den „Rettungsanker“ erben, wenn er die Gaststätte mindestens sechs Monate als Wirt führt. Der junge Mann, der als Kriminalreporter für ein Boulevardblatt arbeitet, lässt sich darauf ein.

Über der Gastwirtschaft lebt die Alkoholikerin Sandra Sutherland, die mit Onkel Horace verbandelt war. Als James ihr einen Besuch abstatten möchte, findet er sie tot in ihrem Bett. Die Gasleitung wurde manipuliert, Sandra ermordet. Das ruft Chefinspektor Gidleigh von Scotland Yard auf den Plan. Bedächtig beginnt er seine Ermittlung, bei der ihm der neugierige James mehrfach in die Quere kommt. Der hat inzwischen den aufdringlichen James Whittaker kennen gelernt, der angeblich als Handlungsreisender tätig ist und unbedingt im „Rettungsanker“ Logis nehmen wollte. James will klären, warum dies so ist. Ungebeten unterstützt wird er durch die neugierige Pfarrerstochter Felicia, die sich ebenfalls als Detektivin versuchen möchte.

Als James und Felicia den verdächtigen Mr. Whittaker per Auto beschatten, lockt der sie in die Docks von London. Er fragt James (erfolglos) über die Angelegenheiten des verstorbenen Onkels aus und lässt ihn gefangen zurück, um ungestört den „Rettungsanker“ zu durchstöbern. James kann von Felicia befreit werden, und das Paar kehrt gerade rechtzeitig zum nächsten Mord nach Lavender Green zurück.

Die Zeit drängt, findet auch auch Chefinspektor Gidleigh, denn die nächtlichen Aktivitäten in und um das alte Gasthaus lassen keineswegs nach, und die nächste Leiche lässt nicht lange auf sich warten …

Rätselhafter geht Krimi kaum

Nichts ist so altmodisch wie ein britischer Rätsel-Krimi aus der klassischen Ära dieses Genres. „Ein Toter meldet sich“ ist sogar noch angestaubter, denn als dieses Buch veröffentlicht wurde, ging es im Kriminalroman schon längst wesentlich härter und ungeschminkter zur Sache. Allerdings wohnt diesen „Whodunits“ eine bemerkenswerte Zeitlosigkeit inne, wenn sie denn unter Beachtung der geltenden Regeln und von einem fähigen Autor niedergeschrieben wurden. Seldon Truss ist unter dieser Prämisse im Mittelfeld anzuordnen. Er gehört zu den zumindest in Deutschland vergessenen Krimi-Schriftstellern, obwohl sein einschlägiges Werk durchaus titelreich ist; allein die Serie um Chefinspektor Gidleigh von Scotland Yard, dessen 18. Abenteuer wir hier lesen, umfasst insgesamt 23 Bände.

„Ein Toter meldet sich“ enthält alle Elemente, die der Freund des Miträtselns so liebt. Die Kulisse ist quasi kein Ort von dieser Welt. In Lavender Hill scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Im Zentrum dieser reizvoll nostalgischen Kulisse erhebt sich der „Rettungsanker“, eine mysteriöse Gastwirtschaft mit vielen, verwinkelten und schwer zugänglichen Räumen, in denen des Nachts Seltsames vorgeht: „Whodunit“ und Mystery waren schon immer literarische Nachbarn.

Dass der erfahrene Leser den Ausgang der Geschichte schon etwas (zu) früh ahnt, liegt zum einen am aus heutiger Sicht recht durchsichtig gestrickten Plot mit seinen genretypisch fairen, aber eben ziemlich auffällig eingestreuten Hinweisen. Den Rest gibt ihm der ungeschickt gewählte deutsche Titel.

Gegenwart muss draußen bleiben

Die formelhafte Gestaltung der Figuren muss ihren Teil dazu beitragen, dass die Geschehnisse länger als nötig ungeklärt bleiben. Onkel Freds großer Coup und die Attacken seiner Gegner sind von herzerfrischender Naivität. Um 1960 dürften sich echte Gauner über ihre jeweiligen Pläne amüsiert haben.

In Lavender Hill leben freilich in kriminalistischer Beziehung durchweg unbedarfte Zeitgenossen. Die Dorfprominenz repräsentiert der Pfarrer, der direkt dem 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint. Er ignoriert die Gegenwart mit ihren gewandelten moralischen Grundsätzen völlig und vergräbt sich in seiner kleinen klerikalen Welt.

Nicht klüger, sondern nur neugieriger ist seine Tochter Felicia, die in unserer Geschichte die weibliche Hauptrolle übernimmt. Sie langweilt sich in ihrem Heimatdorf und stürzt sich deshalb mit Wonne auf die Rolle der Privatdetektivin, in der sie jedoch kläglich dilettiert und im Grunde nur dafür zuständig ist, durch voreilige Entscheidungen für gefährliche aber spannende Zwischenfälle zu sorgen. Insofern ist es gerechtfertigt, dass Felicia im Finale eben nicht wie erwartet dem rasenden Reporter James Horace in die Arme sinkt, sondern allein zurückbleibt.

Rasender Reporter im Dauerstress

Der junge James ist selbstverständlich ein Zeitungsmensch, der aus den üblichen Klischees besteht. Er lebt nur für die nächste Story, der er mit Feuereifer und ohne Rücksicht auf Vorschriften hinterher jagt. Die eindimensionale Dramaturgie dieses Romans erfordert es, dass prompt immer neue Leichen auftauchen, sobald James den „Rettungsanker“ übernimmt. Seine Dynamik wirkt indes aufgesetzt, denn er stümpert kriminalistisch genauso herum wie die lästige Felicia.

So ist es womöglich klug von Chefinspektor Gidleigh, immer wieder auf seinen Status als Polizist und Profi in Sachen Verbrechen zu pochen. Da er sich mit Erklärungen sehr zurückhält und auch uns Lesern nie mitteilen mag, was in seinem Kopf vorgeht, darf er sich nicht wundern, dass niemand auf ihn hört. Die Zeit für Gidleighs Appelle an Moral und Zurückhaltung ist sogar in der Märchenwelt von Seldon Truss längst vorbei.

Erst im großen Finale lässt sich Gidleigh über seine Ermittlung aus. Wie es sich gehört, hat er zuvor alle Verdächtigen zusammenkommen lassen. Mit für die Leser (und die Täter) quälender Langsamkeit erklärt er, wie die Ereignisse zu deuten sind, mit denen uns Verfasser Truss zuvor konfrontiert hat. Obwohl wir wie schon beklagt ahnen oder sogar wissen, wer die Dunkelmänner sind, gelingen dem Autoren auf diesen letzten Zeilen doch ein, zwei Überraschungen, die zwar für die Story nicht unbedingt notwendig sind, sie aber schön rund machen.

Kriminelle und komische Käuze

„Whodunit“-typisch bevölkern allerlei drollige Zeitgenossen Lavender Hill. Ein gutes Beispiel für den unaufdringlichen, gut getimten und manchmal sogar schwarzen Humor, den Truss immer wieder einfließen lässt, ist die Doppelidentität der Ardmore-Schwestern, die von lieben, viktorianisch vertrockneten Großmütterchen zum ausgekochten Gaunerduo mutieren. Auch die Folgen des Entschlusses, den toten Onkel Fred mit einem schweren Lastwagen mehrfach zu überrollen, werden ebenso liebe- wie geschmackvoll ausgemalt: britischer Humor ist unvergleichlich.

Unterm Strich stellt „Ein Toter meldet sich“ eine dieser seltenen Entdeckungen dar, die dem eifrigen Leser von Kriminalromanen nicht sehr häufig gelingen und die ihn (oder sie) nach weiteren Werken desselben Verfassers Ausschau halten lassen. Eine Sensation bedeutet diese Ausgrabung nicht, aber sie bringt einen Schriftsteller zurück ins Tageslicht, der es nicht verdient hat, im literaturgeschichtlichen Nirgendwo verloren zu gehen!

Autor

Über das Leben von Leslie Seldon Truss ist – obwohl es beinahe ein Jahrhundert währte – nicht viel bekannt. Geboren wurde er 1892, und zunächst zog es ihn zum gerade erfundenen Film: Truss gehört zu den Gründergestalten des britischen Kinos, für das er in den 1910er und frühen 20er Jahren als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur tätig war.

In den 1920er Jahren begann Truss eine zweite Karriere als Schriftsteller. Erfolg hatte er mit seinen Kriminalromanen, von denen der erste („The Stolen Millionaire“) 1929 erschien. Sieben Jahre später schuf Truss mit dem Scotland-Yard-Beamten Gidleigh eine Serienfigur, die zwischen 1936 und 1965 in 23 Romanen – klassischen „Whodunits“ – auftrat.

1969 beschloss Truss – der auch einige Bücher unter dem Pseudonym „George Selmark“ veröffentlichte – seine Schriftsteller-Laufbahn mit dem Roman „The Corpse That Got Away“. Sein Ruhestand währte lange, denn Sheldon Truss starb erst 1990 im gesegneten Alter von 98 Jahren.

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Die Gidleigh-Romane von Seldon Truss:

(1936) Draw the Blinds/The Crooks’ Shepherd
(1937) Footsteps Behind Them
(1937) The Man Who Played Patience
(1940) The Disappearance of Julie Hintz
(1948) Where’s Mr. Chumley? (dt. Das verschlossene Haus)
(1950) Ladies Always Talk (dt. Frauen reden zuviel)
(1950) Sweeter for His Going (dt. Besser tot!)
(1951) Never Fight a Lady
(1952) Death of No Lady
(1953) Always Ask a Policeman (dt. Nur kein Skandal!)
(1953) The Doctor Was a Dame/Put Out the Light
(1955) False Face/The Long Night (dt. Harry mit dem großen Hut)
(1955) The High Wall (dt. Auf einem kahlen Hügel)
(1956) The Barberton Intrigue
(1957) The Truth About Claire Veryan (dt. Die Wahrheit über Claire Veryan)
(1958) In Secret Places (dt. Die Frau von nirgendwo)
(1959) The Hidden Men
(1960) One Man’s Death/One Man’s Enemies (dt. Ein Toter meldet sich)
(1961) Seven Years Dead (dt. Sieben Jahre tot)
(1962) A Time to Hate
(1963) Technique for Treachery
(1964) Walk a Crooked Mile
(1965) The Town That Went Sick

[md]

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Alter schützt vor Scharfsinn nicht

Erstellt von Michael Drewniok am 16. August 2011

Agatha Christie
Alter schützt vor Scharfsinn nicht

(sfbentry)
Originaltitel: Postern of Fate (London : Collins 1973/New York : Dodd, Mead & Co. 1973)
Übersetzung: Edda Janus
Deutsche Erstausgabe (Paperback): 1978 (Scherz Verlag)
267 S.
ISBN-10: 3-502-10118-3
Aktuelle Ausgabe: Januar 2005 (Fischer Taschenbuchverlag/TB Nr. 17142)
234 S.
ISBN-13: 978-3-596-17142-2
Als Hörbuch: Februar 2007 (Der Hörverlag)
Gelesen von Peter Kaempfe
3 CDs = 186 min. (gekürzte Fassung)
ISBN-13: 978-3-86717-012-3

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Das geschieht:

Nach vielen Jahren im Dienst des britischen Secret Service haben sich Tommy und Prudence „Tuppence“ Beresford ein Häuschen in Hollowquay, einer Kleinstadt an der Südküste Englands, gekauft. Hier richten sie ihren Altersruhesitz ein und freunden sich mit den Dorfbewohnern an.

Zumindest das umfangreiche Buchinventar der früheren Eigentümer haben die leselustigen Beresfords übernommen. Als Tuppence den Bestand sichtet, fallen ihr in einem Roman merkwürdige Markierungen auf. Die unterstrichenen Buchstaben fügen sich zu folgenden Sätzen: „Mary Jordan ist keines natürlichen Todes gestorben. Es war einer von uns.“

Diesem Geheimnis können die Beresfords auch im Ruhestand nicht widerstehen. Das alte Buch trägt den Namen seines Besitzers. Tommy findet sein Grab auf dem Friedhof von Hollowquay: Alexander Parkinson starb unter merkwürdigen Umständen im Alter von nur 14 Jahren. Dies geschah kurz vor Ausbruch des I. Weltkriegs.

Auch eine Mary Jordan hat es gegeben. Geboren in Straßburg, galt sie als deutsche Spionin und war in den Cardington-Skandal verwickelt. Er entstand um das Verschwinden wichtiger Geheimpapiere, die offenbar den Deutschen verkauft wurden. Mary Jordan starb wenig später bei einem tragischen Unfall – so jedenfalls lautet die Überlieferung.

Damals wurde viel vertuscht, und sechzig Jahre nach besagtem Skandal gibt es immer noch Gruppen, die auf keinen Fall die offizielle Deutung der Ereignisse in Frage gestellt sehen wollen. Als Tommy und Tuppence nicht lockerlassen, konfrontiert man auch sie mit der bewährten Methode, unliebsame Zeugen durch Mord zum Schweigen zu bringen …

Der Kreis schließt sich

1922 veröffentlichte Agatha Christie ihren zweiten Kriminalroman. „The Secret Adversary“ (dt. „Ein gefährlicher Gegner“) spielte kurz nach dem I. Weltkrieg und schilderte die Abenteuer junger Leute, die auf die Spur einer verschwundenen Agentin und dabei in gefährliche Abenteuer geraten. Thomas Beresford und Prudence Cowley – die einander „Tommy“ und „Tuppence“ nennen – werden ein Ehepaar, arbeiten für den Geheimdienst Ihrer jeweiligen Majestät und gründen eine Detektei. Im II. Weltkrieg entlarven sie nazideutschhörige Verräter, bleiben bis in die 1960er Jahre aktiv und altern dabei chronologisch korrekt zu Großeltern und Pensionären.

1973 erschien „Postern of Fate“ (dt. „Alter schützt vor Scharfsinn nicht“), der vierte und letzte Roman mit Tommy & Tuppence – hinzu kommt eine Sammlung mit Kurzgeschichten – und zugleich das letzte Buch, das Agatha Christie geschrieben hat. („Curtain“, dt. „Vorhang“, und „Sleeping Murder“, dt. „Ruhe unsanft“, erschienen erst 1975 bzw. 1976, waren aber schon mehr als drei Jahrzehnte früher entstanden.) In einem halben Jahrhundert war sie zur „Queen of Crime“ und zur lebenden Legende dieses Genres geworden – ein Ruf, den sie sich hart erarbeitet hatte.

Doch auch Legenden rosten. Über 80 Jahre alt und nicht mehr auf der Höhe ihrer körperlichen wie geistigen Kraft war Christie, als sie ihr letztes Werk schrieb, wofür. „Alter schützt vor Scharfsinn nicht“ zum unfreiwilligen Zeugnis wurde. Am absehbaren Ende eines langen Lebens ließ die Autorin ihre Gedanken in ihre Jugendzeit zurückschweifen. „Alter schützt …“ ist deshalb vor allem Bestandsaufnahme und ein Werk der Erinnerung geworden.

Die Melancholie des Alters

Tommie und Tuppence sind in ihrem letzten Fall etwa so alt wie ihre geistige Mutter. Sie nehmen auch räumlich Abschied von ihrem gewohnten Leben. Hinzu kommt, was sie zwar voreinander nur selten und dann umschreibend erwähnen, ihnen aber durchaus bewusst ist. Der Alltag ist langsam und beschwerlich geworden, die Kräfte lassen nach: Zwar ist der Geist noch willig, das Fleisch aber wird schwach.

Umzug und Umstellung bedeuten Unruhe. Christie beschreibt ausführlich, wie Tommy und Tuppence sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben versuchen. Dahinter wird mehr als ein Hauch von Melancholie deutlich. Offensichtlich beschäftigte sich Christie sehr mit den Themen Alter und Tod, als sie dieses Buch schrieb. Tommy und Tuppence geben ihren Gedanken und Erinnerungen Stimmen.

Darüber hinaus müssen sie einen Kriminalfall lösen. Christie ging damit einen Kompromiss ein: Die typischen Christie-Leser interessieren sich nicht für die etwas sprunghaften Gedankengänge einer alten Frau. Sie wollen einen Christie-Krimi. Also versuchte die routinierte Autorin ihnen zu geben, was gefordert wurde, stellte aber das Krimi-Element in den Dienst ihres eigentlichen Anliegens.

Gestern und heute im Übergang

Zu klären ist ein Verbrechen, das sich vor über einem halben Jahrhundert ereignet hat. Tommy und Tuppence nahmen damals bereits am „Großen Spiel“ der europäischen Spionage teil. Die Geschichte der Mary Jordan bietet die ideale Gelegenheit zum Rückblick. Für die Beresfords beginnen Vergangenheit und Gegenwart ohnehin zu verschwimmen bzw. ineinander überzugehen. Dies bestätigen die Treffen mit alten Freunden und Bekannten, die nicht nur bei den aktuellen Ermittlungen helfen, sondern auch und vor allem gemeinsame Erlebnisse Revue passieren lassen, die Christie in den Tommy-&-Tuppence-Romanen und -Kurzgeschichten beschrieben hat.

Leider hat Christie die Fähigkeit eingebüßt, zwischen Krimi und Reflexion die rechte Balance zu finden. Sie verliert sich in Anekdoten und Episoden. Ein lieber aber dummer Hund treibt ausführlich geschilderte Possen. Ähnlich verhalten sich die offenbar in toto mindesten leicht senilen Bewohner von Hollowquay, die sich nicht einmal über Kekse oder Blumenzwiebeln unterhalten können, ohne nach kurzer Zeit den Gesprächsfaden zu verlieren. Mit entsprechenden Schnurren verplappert Christie ziellos viele Seiten – ein Fehler, der ihr früher nicht unterlaufen wäre.

Wir sind nicht mehr, wer wir waren

Schlimmer ist jedoch die Erkenntnis, dass dieser Kriminalfall im Nichts verebbt. Zwar wird zwischendurch jemand ermordet, und auf Tuppence werden zwei Mordanschläge verübt. Diese Zwischenfälle werden jedoch weder vorbereitet noch mit der vor sich hin plätschernden Handlung verknüpft. Der dramatische Höhepunkt fällt aus. Damit der Täter gefasst werden kann, muss tatsächlich der erwähnte Hund eingreifen.

Den Offenbarungseid leistet Christie, wenn ihr beim besten Willen nicht gelingt, das Rätsel um Mary Jordan überzeugend aufzulösen. Als der Mörder längst gefasst ist, folgen viele Seiten, in denen ein alter Secret-Service-Mann die Beresfords besucht, um ihnen die Hintergründe des Mysteriums zu erläutern. Vorgeblich aus Gründen der Geheimhaltung drückt er sich damit so schwammig aus, dass dem Leser der ohnehin über Gebühr strapazierte Geduldsfaden im und als Finale reißt.

Versuch einer Deutung

Was Christie vorgeschwebt haben mag, könnte der Originaltitel andeuten. Er ist ein Zitat aus James Elroy Fleckers (1884-1915) Gedicht „Gates of Damascus“:

„Vier große Tore hat die Stadt Damaskus:
[…]
Die Hintertür des Schicksals (postern of fate)
Das Tor zur Wüste (desert gate)
Die Höhle des Unglücks (disaster’s cavern)
Die Festung der Angst (fort of fear).
[…]
Zieh‘ nicht durch sie hinaus, o Karawane,
aber solltest du es dennoch tun, so singe keine Lieder.“

Christie geht von der Prämisse aus, dass Ideen, Ideale oder Ideologien ihre Zeit überdauern, in eine Art Winterschlaf fallen, in einer späteren Generation eine erneut darauf eingestimmte Gefolgschaft finden und zu neuem Leben erwachen können. Hollowquay ist Heimat einer sich immer wieder verjüngenden Gruppe, die ihre eigenen Vorstellungen von einer besseren Welt in die Tat umzusetzen versuchen. Mary Jordan und Alexander Parkinson ist ihr zum Opfer gefallen, im II. Weltkrieg gab es Kontakte zum „Dritten Reich“ und später zu diversen terroristischen Gruppen.

Mary, Alexander und nun die Beresfords haben nicht geschwiegen, als sie auf der Suche nach der Wahrheit durch die „Hintertür des Schicksals“ zogen, es so herausforderten bzw. ihre Gegner auf sich aufmerksam machten. Geheime und gefährliche Umtriebe sah Agatha Christie, die den Untergang des alten Empires und die Herausbildung neuer Großmächte miterlebt hatte, offensichtlich auf der ganzen Welt. Diese Annahme ist legitim, selbst wenn sie unrealistisch ist. Auf jeden Fall hätte Christie sie schärfer fassen müssen. Stattdessen schwafelt sie und vollendet einen (Kriminal-) Roman, der ihr nicht zur Ehre gereichen kann.

Autorin

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex Gatten nie ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino  und TV Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt. (Wer mehr über Leben und Werk der A. C. erfahren möchte, wird auf dieser Website fündig.)

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Die Tommy-und-Tuppence-Beresford-Serie erscheint aktuell im Fischer Taschenbuchverlag:

(1922) Ein gefährlicher Gegner („The Secret Adversary“) – TB 17771
(1929) Die Büchse der Pandora (Stories) („Partners in Crime“) – TB 16830
(1941) Rotkäppchen und der böse Wolf („N or M?“) – TB 16894
(1968) Lauter reizende alte Damen („By the Pricking of My Thumbs”) – TB 17141
(1973) Alter schützt vor Scharfsinn nicht („Postern of Fate“) – TB 17142

[md]

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Miss Pinkerton oder Ein Fall für die feine Gesellschaft

Erstellt von Michael Drewniok am 19. Juli 2011

Mary Roberts Rinehart
Miss Pinkerton
oder Ein Fall für die feine Gesellschaft

(sfbentry)
Originaltitel: Miss Pinkerton (New York : Farrar & Rinehart 1932/London : Cassell & Co. 1932)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Keine Spur!“): 1933 (Ullstein Verlag/Ullstein Bücher N. F. 08)
Übersetzung: Julia Koppel
247 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel: „Miss Pinkerton“): 1961 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 151)
Übersetzung: N. N.
190 S.
[keine ISBN]
Derzeit letzte Neuauflage: 1998 (Alfred Scherz Verlag/Scherz-Krimi-Klassiker 1662)
Übersetzung: N. N.
178 S.
ISBN-13: 978-3-502-51662-0

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Das geschieht:

Einst gehörten die Mitchells zur High Society von New York City, doch die Familie verarmte und starb aus. Zurück blieben die alte, kranke Juliet Mitchell und ihr Neffe Herbert Wynne, ein Taugenichts und Verschwender, der seine Tante mindestens ebenso verabscheut wie diese ihn; ein Gefühl, das von den Dienstboten Hugo und Mary herzlich geteilt wird.

Womit bereits drei Verdächtige beisammen sind, als Juliet Herbert mit einer Kugel im Schädel in seinem Zimmer findet. Offenbar hat er sich beim Reinigen seiner Pistole versehentlich umgebracht. Doch Inspektor George L. Patton von der Mordkommission findet keinen Pulverschmauch an der Leiche: Herbert wurde aus einiger Entfernung erschossen. Er hinterlässt keine trauernden Erben aber eine Lebensversicherung in Höhe von 100.000 $. Da die Mitchells noch immer einen guten Ruf und Beziehungen besitzen, kann Patton Juliet und den Dienstboten keine Daumenschrauben anlegen. Er setzt auf eine bewährte List. Da Juliet ein schwaches Herz hat, schleust er die Krankenschwester Hilda Adams in das Mitchell-Haus ein. Sie ermittelt für Patton Undercover in verdächtigen Verhältnissen. Schnell entdeckt die routinierte Detektivin seltsame Umtriebe hinter der vornehmen Kulisse. Der sonst stets abgebrannte Herbert verfügte seit einiger Zeit über viel Geld. Außerdem war er verlobt. Paula Brent stammt ebenfalls aus gutem Haus und musste die Verbindung vor ihrem dominanten Vater verbergen. Weitere Verdächtige sind Familienanwalt Arthur Glenn und Hausarzt David Stewart, die im Mitchell-Haus ein und aus gehen.

Als die alte Juliet spektakuläre Enthüllungen ankündigt, liegt sie kurz darauf tot in ihrem Bett. Sie wurde vergiftet, was Schwester Adams angelastet wird, der man keinen Glauben schenkt, dass nachts ein Unbekannter durch das dunkle Haus schleicht und dort offensichtlich verzweifelt etwas sucht …

Die Fassade muss gewahrt bleiben!

Das Haus ist alt, sein Inventar verschlissen, die Eigentümerin pleite. Doch eine rationale Reaktion auf die Misere bleibt aus: Eisern harrt Juliet Mitchell, begleitet von zwei überforderten aber treuen Bediensteten, in ihrem Elend aus, denn schließlich ist sie jemand – die (zweit-) letzte Repräsentantin einer Familie mit großer Vergangenheit und gutem Ruf.

Die daraus resultierende Verpflichtung wird ihr zum Fluch: Juliet Mitchell muss die Fassade vornehmer Prominenz aufrechterhalten, obwohl dies zu einer fast unmöglichen Herausforderung geworden ist, die ihr die letzten finanziellen Mittel, die Gesundheit und ihren Seelenfrieden raubt. Dabei weiß ohnehin jeder, wie es um die Mitchells steht. Die High Society von New York City verschließt jedoch in diesem Jahr 1932 davor die Augen: Verarmung ist – zumal in der aktuellen Weltwirtschaftskrise – keine Schande, solange besagter Ruf gewahrt bleibt. Erst wenn dieses Bollwerk fällt, liegt die Familie Mitchell endgültig am Boden.

„Miss Pinkerton“ erzählt nicht nur eine spannende Kriminalgeschichte, sondern auch vom Bemühen einer todkranken Frau, diese letzte Schmach um jeden Preis zu vermeiden. Obwohl Juliet Mitchell nur selten und in einer passiven Rolle auftritt, wird sie zur wichtigen Gestalt im Hintergrund, die ihre letzten Kräfte darin investiert, peinliche Beweise zu manipulieren, um die Wölfe von ihrem maroden Haus fernzuhalten.

Feine Kreise haben ihre Privilegien …

Gemeint sind damit jene ‚modernen‘ Elemente, die den gesellschaftlichen Ehrenkodex der Vergangenheit nicht mehr akzeptieren. In erster Linie gilt dies für die zeitgenössische Presse (auch wenn diese aus heutiger Sicht mehr als zaghaft vorgeht), die vor einer vulgären Leserschaft die Privatangelegenheiten ‚besserer‘ Leute ausbreitet. Eingeschlossen ist aber durchaus auch die Polizei. Inspektor Patton muss sich wohl oder übel damit abfinden, dass die Prominenz der Stadt zusammen- und ihn davon abhält, mit der üblichen Vehemenz auf Verbrecherjagd zu gehen. Faktisch müssen er und seine Beamten mit dem Hut in der Hand die Verdächtigen bitten, Auskunft über ihr Treiben in der Mordnacht und überhaupt zu geben.

Aber Patton macht aus der Not eine Tugend. Er übt sich in Diplomatie und aktiviert seine Geheimwaffe: Ungeachtet der Frage, ob es realiter jemals möglich war, eine ‚Geheimagentin‘ wie Hilda Adams für die Polizei zu beschäftigen, setzt Verfasserin Rinehart diese Figur mit bestechender Logik ein. Adams bringt es selbst nüchtern auf den Punkt: Eine Krankenschwester gehört in der High Society zu jener Schattengesellschaft, die im Hintergrund putzt, kocht, aufräumt und andere Knechtsdienste leistet. Sie wird kaum zur Kenntnis genommen, und man redet vor ihr, als ob sie keine Ohren besäße.

… andere Menschen ihre Intelligenz

Genau dies wird ihnen zum Verhängnis. Schwester Adam hat nicht nur sehr scharfe Ohren, sondern auch einen scharfen Verstand. In einem Prolog schildert Rinehart ihre erste Begegnung mit Patton, der ihr Potenzial sowie ihre Unzufriedenheit erkannte: Adams wird durch die Zeitumstände in die Rolle einer Schwester gedrängt, obwohl sie vermutlich das Zeug zu einer guten Ärztin hätte. Die Rolle der Agentin dient ihr als Ventil für einen intellektuellen Überdruck.

Nicht nur aber vor allem in diesem Zusammenhang lässt Rinehart ohne mahnend erhobenen Zeigefinger und durchaus deutlich diverse zeitgenössische Ungerechtigkeiten in die Handlung einfließen. Rinehart war eine Frauenrechtlerin – heute würde man sie Feministin nennen –, die sehr auf das Recht der weiblichen Selbstbestimmung pochte. Schon 1910 hatte sie die ungemein populäre Figur der Letitia „Tish“ Carberry geschaffen, die sie jene Abenteuer erleben ließ, welche die gesellschaftliche Etikette den Frauen dieser Epoche verbot.

Hilda Adams revoltiert unauffällig gegen Einschränkungen. Sie ist auch als Figur interessant: unsentimental und nüchtern, wobei durchschimmert, dass sie mehr vom Leben erhofft als eine eigene kleine Wohnung, in der ein Kanarienvogel auf sie wartet. Solchen Gefühlen verweigert sie sich auf der Furcht vor unweigerlich drohender Enttäuschung.

Köpfchen vor Herzeleid

Unklar aber gerade deshalb spannend bleibt die Frage, ob Adams die zurückhaltenden aber deutlichen Avancen des Inspektors erkennt und absichtlich ignoriert. Patton ist gerade in seiner Zeit ein besonderer Mann: Er sieht nicht nur die Frau in Hilda Adams, sondern betrachtet sie als gleichberechtigte Partnerin. Adams ist faktisch süchtig nach den ausführlichen Diskussionen, die Patton mit ihr führt. Er zieht sie zu Rate, akzeptiert ihren Widerspruch, geht auf Vorschläge ein und ermöglicht ihr auf diese Weise eine Handlungsfreiheit, die ihr sonst verschlossen bliebe. Obwohl Adams mehrfach darüber klagt, sich wie ein Polizeispitzel zu fühlen, wird sie dies keinesfalls riskieren.

Die für das weibliche Publikum auch im Krimi vorgeblich notwendige Liebesgetändel verlagert Rinehart auf andere Figuren. Paula Brent ist eine erwachsene Frau, die von ihrem Vater in ihrem Zimmer eingeschlossen wird, wenn er ihren Umgang missbilligt. Dennoch mag Rinehart sie nicht zum passiven „Mädchen in Not“ herunter brechen. Als es im Hause Mitchell hart auf hart kommt, entwickelt Paula unerwartet Energie zum Widerstand (bevor pflichtschuldig dem Finale eine Hochzeit folgt).

Weitere scharf gezeichnete weibliche Gestalten sind Mary, die nur scheinbar unauffällige Dienstfrau, und Florence Lenz, eine Glücksritterin, die skrupelarm wie ein Mann ihre Chance ergreift, einer verhassten Lebenssituation zu entkommen.

Krimi mit vielen Hintertüren

Als Krimi ist „Miss Pinkerton“ ein „Whodunit“ reinsten Wassers. Rinehart investiert viel Aufwand in die Konstruktion eines scheinbar unmöglichen Mordes, der sich hinter gleich drei verschlossenen Türen ereignet und auch sonst manches Rätsel aufwirft. Ihre Geschichte erzählt Rinehart streng chronologisch und spielt dabei (scheinbar) mit offenen Karten, sodass der Leser miträtseln kann, um letztlich doch hinters Licht geführt zu werden.

Dabei liebt sie die Rückschau, die sie mit düsteren Andeutungen auf künftiges Geschehen verbrämt. Mary Roberts Rinehart gilt als Erfinderin der „HIBK“-Schule („Had I But Known“ – „Hätte ich  bloß gewusst, dass …“), weshalb sie oft bespöttelt und parodiert wurde, mit der es allerdings erst ihre zahlreichen Nachahmerinnen übertrieben. Sparsam und kundig eingesetzt erfüllt der HIBK-Kniff durchaus seinen Zweck, die Spannung zu schüren.

Natürlich ist „Miss Pinkerton“ dennoch ein rundum altmodischer Roman, und manchmal schießt auch Rinehart literarisch einen Bock: „Das war am Montag, dem 14. September. Wenn man meine Leiche je seziert, wird man dieses Datum quer über mein Herz geschrieben finden.“ Hier gilt es wieder zu berücksichtigen, dass „Miss Pinkerton“ 1932 und in einer ganz anderen Zeit entstand. (Andererseits ist dieser Satz so krude, dass er schon wieder beeindruckt.) Zeitlos blieben dagegen die Spannung eines sauber aufgelösten Kriminalfalls sowie einige kritische Anmerkungen, die Rinehart ihrem Publikum sanft aber eindringlich unter die Nasen rieb.

Der Film zum Buch

Mary Roberts Rinehart war vor dem II. Weltkrieg eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Da die Filmwirtschaft die zeitgenössischen Bestsellerlisten schon damals im Auge behielt, dauerte es nicht lange, bis Hollywood Rinehart und „Miss Pinkerton“ – der Spitzname erinnert übrigens an Allan Pinkerton (1819-1884), der 1850 die erste US-amerikanische Privatdetektei gründete – aufmerksam wurde.

1932 entstand unter der Regie des B-Movie-Veteranen Lloyd Bacon „Miss Pinkerton“, ein 66-minütiger, billig aber routiniert umgesetzter Streifen, der in den Kinos vor dem teuer produzierten und mit Stars besetzten Hauptfilm gezeigt wurde. In der Rolle der Hilda Adams spielte eine noch sehr junge Joan Blondell (1906-1979), als Inspektor Patton stand ihr George Brent (1899-1979) zur Seite. 1941 entstand mit „The Nurse’s Secret“ eine neue Version. In den Hauptrollen spielten nun Lee Patrick (1901-1982) und Regis Toomey (1898-1991), zwei weitere Fließbandarbeiter der US-Filmgeschichte.

Autorin

Mary Roberts Rinehart wurde am 12. August 1876 in Pittsburgh, US-Staat Pennsylvania, geboren. Sie ließ sich als Krankenschwester ausbilden und heiratete 1896 den Arzt Dr. Stanley M. Rinehart. Da Geldnot das junge Paar plagte, begann Rinehart 1904 zu schreiben. Zunächst verkaufte sie Kurzgeschichten an die Billigmagazine jener Zeit. Ihr erstes Buch („The Man in Lower Ten“, dt. „Der Mann in Nummer zehn“) erschien 1906. Schon „The Circular Staircase“ (1908, dt. „Die Wendeltreppe“) ist wohl ihr bekanntestes, bis heute nie vergriffenes Werk, das von Robert Siodmaks brillanter Verfilmung aus dem Jahre 1946 („The Spiral Staircase“) endgültig unsterblich gemacht wurde (auch wenn das Drehbuch Elemente aus dem Roman mit Motiven aus Ethel Lina Whites „Some Must Watch“ mischt). Rinehart schuf hier den „Romantic Thriller“, der eine Heldin in den Mittelpunkt stellt, die sich in einem Gespinst mysteriöser Geschehnisse und schließlich allein mit einem Mörder in einem dunklen, einsamen Haus oder an anderen unerfreulichen Orten gefangen sieht.

Rinehart wurde eine der bekanntesten (und höchstbezahlten) Autorinnen ihrer Zeit. 1908 ließ sie die Magazine hinter sich, schrieb (Theater-) Komödien und Liebesgeschichten und zeigte sich auch in anderen Bereichen der Unterhaltungsliteratur sattelfest. Erst in den 1930er Jahren kehrte Rinehart – ab 1932 Witwe und mit einem Sohn, der ein eigenes Verlagshaus gegründet hatte – ins Krimigenre zurück.

Heute gesteht die Kritik Rinehart ihren Klassikerstatus zu. Das war lange anders. Ihre Romane galten spätestens nach dem II. Weltkrieg als altmodisch. Erst später fiel auf, dass Rinehart mehr war als eine geborene Geschichtenerzählerin. So arbeitete sie schon in ihrem Frühwerk außerordentlich geschickt mit Symbolen und Chiffren, die sie der zu dieser Zeit noch jungen Wissenschaft der Psychoanalyse entlehnte.

Ein letzter Kriminalroman erschien 1952. Mary Roberts Rinehart starb am 22. September 1958. Während des I. Weltkriegs hatte sie als erste US-Kriegsberichterstatterin überhaupt von den europäischen Schlachtfeldern berichtet. Dafür wurde sie mit einer Grabstätte auf dem Arlington National Cemetery in Washington, D. C., geehrt.

[md]

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Die trennende Tür

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Juni 2011

Ellery Queen
Die trennende Tür

(sfbentry)
Originaltitel: The Door Between (New York : Frederick A. Stokes 1937/London : Victor Gollancz 1937)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Besuch am letzten Tag“): 1938 (Deutscher Verlag/Uhlen Bücher N. F. 140)
Übersetzung: Werner Illing
236 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1961 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 145)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]
Derzeit letzte Neuauflage: 1998 (Alfred Scherz Verlag/Scherz-Krimi 1661)
Übersetzung: N. N.
156 Seiten
ISBN-13: 978-3-502-51661-3

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Das geschieht:

Den MacClures aus New York City scheint in diesem Jahr 1937 eine Doppelhochzeit ins Haus zu stehen: Vater John, ein berühmter Arzt, wurde von der erfolgreichen Schriftstellerin Karen Leigh erhört, während Kollege Dr. Richard Barr Scott erfolgreich um MacClures Adoptivtochter Eva warb. Bevor die Feierlichkeiten beginnen, begibt sich der kränkelnde MacClure zur Erholung auf eine Europa-Reise.

Als Eva Karen besuchen möchte, findet sie die Autorin mit durchschnittener Kehle in ihrem Schlafzimmer. Unbedacht nimmt Eva das Mordwerkzeug – die Hälfte einer zerbrochenen Schere – in die Hand und hinterlässt darauf ihre Fingerabdrücke. Diese Panik-Reaktion wird ihr zum Verhängnis, denn Inspektor Richard Queen, dem der Fall übertragen wurde, will sie als Mörderin festnehmen.

Auf dem Schiff, das ihn in die USA zurückbringt, lernt Dr. MacClure Queens Sohn kennen: Ellery Queen ist nicht nur ein bekannter Verfasser von Kriminalromanen, sondern auch ein fähiger Privatdetektiv. Natürlich kann er nicht widerstehen, sich in den Fall einzumischen, der ihm längst nicht so eindeutig scheint wie seinem misstrauischen Vater. In der Tat stößt Ellery auf eine bizarre Familientragödie: Vor vielen Jahren erschoss Esther, Karens Schwester, ihren Gatten, MacClures Bruder Floyd. Der tragische Unfall raubte ihr den Verstand und trieb sie in den Selbstmord.

Allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass Esther stattdessen von Karen im Dachgeschoss ihres Hauses quasi gefangen gehalten wurde, wo sie jene Romane schrieb, für die ihre Schwester den Ruhm beanspruchte. Hat Esther sich endlich befreit und gerächt, oder ist doch Eva die Mörderin, nachdem sie mit der Geschichte ihrer wahren Herkunft konfrontiert wurde …?

Eine Rettung, die verdrießt

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gehörten die Ellery-Queen-Krimis der Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee zu den Bestsellern des Genres. Das geschäftstüchtige Autorenduo suchte jedoch nach Möglichkeiten, den Erfolg auszuweiten. Das Frauen-Magazin „Cosmopolitan“ interessierte sich für den Vorabdruck neuer Queen-Krimis. Aufgrund der enormen Auflagenzahl war dies ein Angebot, dem Dannay & Lee nicht widerstehen konnten.

Allerdings gab es eine Bedingung: Ellery Queen musste frauenaffiner nach „Cosmo“-Standards werden. Bisher löste er klassische Kriminal-Rätsel und dabei gern ‚unmögliche‘ Morde in von innen fest verschlossenen Räumen. Die Spurenlage wurde spannend verwirbelt, um anschließend akribisch rekonstruiert zu werden. Im Vordergrund standen die Indizien, während die in den Fall verwickelten Figuren eher notdürftig charakterisierte Statisten blieben.

Damit ließen sich die Leserinnen von „Cosmo“ & Co. nicht zufriedenstellen. Sie forderten Gefühlstiefe. Aus Figuren sollten Menschen werden – allerdings keine realistischen Menschen. Die Frau wird nicht nur vom Detektiv aus Krimi-Not gerettet, sondern findet bei dieser Gelegenheit gleich Mr. Right. Das Ergebnis bildete erwartungsgemäß ein wüstes Klischee-Gemenge, das anders als der „Whodunit“-Krimi nicht nur alltagsfern, sondern zusätzlich kitschig und verlogen war.

Ausgabe von 1961 (Cover: Sammlung md)

Erdolcht die Heldin, nicht das Opfer!

In „Die trennende Tür“ muss Ellery Queen immer wieder aus der Handlung weichen, die stattdessen aus der Sicht Eva MacClures geschildert wird. Diese ‚Heldin‘, die ganz klassisch in einen falschen Verdacht gerät, gehört zu den ärgerlichsten Figuren, die sich Dannay & Lee jemals aus den Hirnen gewrungen haben. Sie allein rechtfertigt den seltenen Rezensenten-Ratschlag, in Deutschland lieber zur gekürzten Neuauflage dieses Romans als zur ungekürzten Erstausgabe zu greifen, da den Kürzungen die schlimmsten Kitsch-Ergüsse zugunsten des Krimi-Geschehens zum Opfer fallen.

Sollte Eva MacClure die ‚typische‘ Frau des US-Jahres 1937 darstellen, hat die Menschheit in der Überwindung eines schauerlichen Frauenbildes tatsächlich Entwicklungsfortschritte erzielt. Zwanzig Jahre ist dieses „Mädchen“ zum Zeitpunkt des Geschehens – angeblich, denn in Wort und Tat wirkt sie jederzeit wie eine Halbwüchsige. Jegliche Aufregung – man könnte auch sagen: das wahre Leben – blieb ihr als Tochter einer Upper-Class-Familie bisher erspart. Dies ist sogar erforderlich, um sie ehetauglich zu erhalten, denn nur an der Seite eines Mannes existiert dieses ebenso erbärmliche wie lästige Geschöpf, dessen Schmalspur-Denken ein Arzt perfekt so auf den Punkt bringt: „Besorgen Sie sich für ein paar hundert Dollar neue Kleider und einen Mann, und Sie werden keine Beschwerden mehr haben.“ (S. 17)

Eva denkt nicht, für sie wird gedacht. Jede Krise lässt sie in Tränen ausbrechen, worin sie von den Männern in ihrer Umgebung bestärkt wird, statt in den Hintern getreten zu werden. „Wo ist Dick?“, greint sie ständig, statt Inspektor Queen schlicht zu schildern, was sie im Schlafzimmer der ermordeten Karen getan hat; wahlweise muss auch Big Daddy sie stützen. Die Zumutung, das eigene Hirn in Gang zu setzen, erschöpft sie entweder oder lässt sie ohnmächtig umsinken. Zwischenzeitlich resigniert Eva und will sich bereitwillig ins Gefängnis werfen lassen, um endlich ihre Ruhe zu haben.

Das unmögliche aber geschehene Verbrechen

Sobald die händeringende und dabei an den Nerven des Lesers zerrende Eva-Gans in den Hintergrund verbannt wird, gewinnt „Die trennende Tür“ an Fahrt und Spannung. Ellery Queen findet zu seinen eigentlichen Qualitäten zurück: Er klärt ein an sich unmögliches Verbrechen auf – eine Prozedur, die trotz der altmodischen Methoden fasziniert. Dannay & Lee stellen sich wieder der typischen „Whodunit“-Herausforderung und kreieren eine Übeltat, die sie in allen Details schildern und dennoch Verwirrung stiften: Karen Leigh stirbt in einem Raum, vor dessen Eingangstür Eva steht, während die zweite Zimmertür eindeutig verschlossen ist. Wir können Inspektor Queen verstehen, der Eva verhaften will, denn der gesunde Menschenverstand gebietet, dass sie die Täterin sein muss.

Nur der Leser und Ellery Queen sind anderer Meinung – der eine hat zwar keine Ahnung, was geschehen ist, aber er vertraut dem anderen, der das Mysterium im großen Finale lösen wird. Bis es soweit ist, gilt es mancher falschen Spur zu folgen, während die Not der Heldin (sogar ungeachtet ihres Quallen-Hirns) immer akuter wird. Außerdem werden ganz nebenbei ‚unwichtige‘ Details eingestreut, die bei der Klärung selbstverständlich den Ausschlag geben werden.

Nur Ellery Queen verfügt über einen Geist, der sich über die Denkmuster und Konventionen der ebenfalls in den Fall verwickelten Personen erheben kann. Selbst sein Vater folgt stur der Dienstvorschrift. Immer wieder will er Eva festnehmen; er überlässt es dem Gericht zu entscheiden, ob die Beweise eine Verurteilung rechtfertigen.

Alles wird gut – plus Epilog

Doch die hysterische Eva fordert auch von Ellery Queen ihren Tribut. Ihr irrationales Verhalten lässt ihm buchstäblich nicht die Zeit, so sorgfältig wie sonst zu ermitteln. Er kann die Beweise für Schuld oder Unschuld nicht präsentieren, sondern muss sie postulieren; sie werden erst anschließend gesucht und gefunden. Dabei werden die Gesetze der Wahrscheinlichkeit arg gedehnt: Die Rekonstruktion der Mord-Ereignisse ist schlüssig aber eben auch grotesk.

Darüber hinaus muss sich Queen gegen einen zweiten Detektiv behaupten. Die Handlung benötigt diesen übertrieben kernigen Terry Ring nicht, der daher kontraproduktiv wirkt. Des Rätsels Lösung ist simpel: Da Ellery Queen als gattenfreie Projektionsfigur für schwärmerische Leserinnen erhalten bleiben soll, muss Ring einspringen und schließlich Eva heiraten.

Die alte Form beweisen Dannay & Lee, wenn sie die dumme Eva endlich aus dem Geschehen streichen: Nachdem der Tod von Karen Leigh geklärt ist, schließt sich ein ausführlicher Epilog an. Das seltsame Ende der betrügerischen Autorin erfährt eine gänzlich neue Dimension, als Queen der MacClureschen Familientragödie in letzter Sekunde (bzw. auf den letzten Buchseiten) eine gänzlich unerwartete Wende gibt. Für solche Einfälle liebte und liebt man Ellery Queen; hier versöhnt der Twist (zum Teil) mit den schmalzigen Sentimentalitäten, die einem soliden Krimi aufgepfropft wurden.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

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Hinter den Kulissen

Erstellt von Michael Drewniok am 17. November 2010

John Dickson Carr
Hinter den Kulissen

(sfbentry)
Originaltitel: In Spite of Thunder (New York : Harper & Brothers 1960/London : Hamish Hamilton 1960)
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 149)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Brian Innes entledigt sich einer ungeliebten Freundespflicht, als er während einer Reise in die Hauptstadt der Schweiz die junge Audrey Page von einem Treffen mit der berüchtigten Ex-Schauspielerin Eve Ferrier und ihrem Stiefsohn Philip fernhalten soll. Page de Forrest, ihr Vater, fürchtet den schlechten Ruf dieser Frau, die einst keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für die Nazis machte und nicht scheute, als diese sie vor ihren Propaganda-Karren spannten.

Innes kann schwere Geschütze auffahren: Eve ist womöglich eine Mörderin. Auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden war 1939 ihr frisch angetrauter Ehemann Hector Matthews über die Brüstung des Balkons von Hitlers Berghof in die Tiefe gestürzt; angeblich ein Unfall, doch gerade erst hatte Matthews die Gattin als Universalerbin seines beachtlichen Vermögens eingesetzt.

Mit auf dem Berghof waren damals der Museumsdirektor Sir Gerald Hathaway und die Journalistin Paula Catford. Genau diese beiden Personen halten sich ebenfalls in Genf auf – kein Zufall, denn Eve Ferrier will im Rahmen eines Treffens der damals in Berchtesgaden Anwesenden ihren Namen reinwaschen. Als kriminologischen Berater hat sie den bekannten Privatermittler Dr. Gideon Fell dazu geladen.

Doch was endlich ein altes Rätsel lösen sollte, endet in einer Tragödie. Eve Ferrier stürzt vom Balkon ihrer Schweizer Villa in einen Tod, der dem Ende von Hector Matthews detailgenau zu entsprechen scheint. Wieder bleibt die Ursache rätselhaft, doch dieses Mal ist Dr. Fell unter den Gästen, die sämtlich ihre Gründe haben, über den exakten Tathergang Stillschweigen zu bewahren. Im Wettlauf mit der Polizei bemüht sich Fell, dem diabolisch geschickten Täter eine Falle zu stellen, bevor dessen eigentlicher Plan aufgeht …

Tiefe Stürze von hohen Rössern

Alles Gute geht einmal zu Ende: Zum 20ten Mal ermittelt Gideon Fell in einem sprichwörtlich unmöglichen Mordfall, aber was sein Meister John Dickson Carr einst so mühelos in einen bizarren, spannenden und raffinierten „Whodunit“ verwandeln konnte, zerfällt hier zur durchaus noch unterhaltsamen, aber zerfahrenen und emotional überladenen Krimi-Routine.

Zwar konnte sich das „Whodunit“-Genre bis auf den heutigen Tag halten. Seine große Zeit erlebte es jedoch in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg. Hier lieferte Carr Qualität am Stück – und er war ein fleißiger Autor! Doch Gideon Fell ist eine Figur, die in Gestalt und Gehabe im 19. Jahrhundert wurzelt. Carrs Versuche, ihn behutsam zu ‚modernisieren‘, fruchten wenig. Wohl auch deshalb hält sich Fell noch ausdrücklicher im Hintergrund als sonst.

Unbeweglich gab er sich auch in seinen jüngeren Krimi-Jahren gern. Dahinter ahnte man stets seine Präsenz, während er dieses Mal in unregelmäßigen Abständen nach vorn zu preschen scheint, um dort in polterndem Tonfall Forderungen zu stellen und sich in Andeutungen zu ergehen, die anders als üblich nicht suggerieren, dass Fell kurz vor der Lösung des Rätsels steht, sondern sich in autoritärem Gehabe erschöpfen.

Wiederholung alter Muster

Der Leser wird die bekannten Elemente des ‚typischen‘ Carr-Krimis wiederfinden. So liebte der Verfasser es, seine Krimi-Handlungen mit Effekten des Schauerromans und –films zu bereichern. Doch 1960 war die Zeit für solche Spielereien vorüber bzw. für ihre nostalgische Beschwörung noch nicht wieder gekommen. Eher peinlich berührt deshalb Carrs Versuch, die Vorgeschichte seines aktuellen Mordfalls ausgerechnet mit einer Episode der nazideutschen Vergangenheit zu ‚würzen‘, zumal Hitlers Berghof tatsächlich nur als Geisterbahn-Kulisse Verwendung findet. Auch die Ereignisse in der „Hexenhöhle“, einen als Gruselkabinett gestalteten In-Klub, wirken aufgesetzt und theatralisch.

Wobei letzteres freilich vom Verfasser beabsichtigt sein könnte. Immer noch ist Carr geschickt beim Streuen sorgfältig versteckter Hinweise, die seinen Lesern ermöglichen, vor Gideon Fell das Rätsel zu lösen. Leider versucht er erneut, mit der Zeit zu gehen, und setzt dabei auf das psychologische Moment. Dies hatte Carr auch zuvor bereits berücksichtigt, es aber der Konstruktion unerhört feingesponnener Krimi-Plots untergeordnet. Paradoxerweise haben seine ‚alten‘ Werke die Zeit genau deshalb besser überstanden als „Hinter den Kulissen“. Carr verwechselt seelischen Tiefgang mit Hysterie und Seifenoper. Seine Figuren leiden nicht an ihren Gefühlen; sie spielen sie nur. Der Leser bemerkt es, und es interessiert ihn nicht. Ungeduldig wartet er stattdessen auf die Lösung der Frage, wie zwei Menschen im Abstand vieler Jahre auf identische Weise zu Tode stürzen konnten.

Kann oder möchte man dies glauben?

Auch in diesem Punkt kann Carr seine alte Klasse nicht erreichen. Im „Whodunit“-üblichen Finale lässt er Fell Punkt für Punkt erläutert, wer wann und wie umkam. Die Teile fügen sich zum vollständigen Puzzle. Dennoch bleibt der Leser unzufrieden. Der Täter rekrutiert sich aus dem Kreis der Verdächtigen. Carr spielt fair; niemand springt plötzlich aus dem Off hervor und outet sich als bisher gänzlich unbekannter Unhold. Dennoch muss er den roten Faden tüchtig zwirbeln, um ihn auf diesen letzten Seiten zu einem Knoten zu schürzen, der zwar hält aber reichlich locker wirkt.

Letzteres gilt auch für die Figurenzeichnungen. Grundsätzlich ist es dem Leser herzlich gleichgültig, wer hier mordet – oder auch nicht. Selten ist es Carr ‚gelungen‘, die Schar der Verdächtigen so ausgewogen unsympathisch zu zeigen. Inoffizielle Hauptperson ist Brian Innes, ein mittelalter Mann, der sich wie ein Botenjunge durch die Welt schicken lässt, um ein ‚Mädchen‘ zu disziplinieren, dessen Vater zu beschäftigt ist, um diese Aufgabe selbst zu übernehmen. Womöglich hat Page de Forrest aber einfach die Nase voll von seinem Töchterlein, das sich mit 28 Jahren so unselbstständig und dämlich aufführt, dass man einfach nicht begreifen mag, wieso Innes nach der Pfeife dieses Hohlkopfs tanzt. Audrey macht jeden Versuch, den Fall systematisch anzugehen, durch impulsive, nie durchdachte, törichte Aktionen zunichte, bis man sich grimmig wünscht, dass Innes tut, was einem als Leser unmöglich ist, und dieses Gänslein – denn nicht einmal zu einer Gans reicht es bei ihr – mit einem Tritt in den Hintern und aus der Handlung befördert.

Generell ist das von Carr gezeichnete Frauenbild unschön. Die weiblichen Figuren sind manisch triebgesteuert, disziplinlos bis offen verrückt und unbeständiger als das Wetter im April. Carrs Versuch, ihnen Selbstbestimmung außerhalb eines von starker männlicher Hand gelenkten Lebens zu gewähren, sind unentschlossen und scheinen vor allem ein weiterer Versuch zu sein, die Gideon-Fell-Serie zeitgemäßer zu gestalten. Da Carr sich auf oberflächige Retuschen beschränkt, sticht die altmodische Machart umso deutlicher heraus.

Ein Sack voller Flöhe

Offen bleibt die Frage, wieso „Hinter den Kulissen“ in der Schweiz spielt. Das Land bleibt für die Ereignisse völlig unwichtig. Setzt Carr auf die kontinentaleuropäische Nonchalance, die er der Schweizer Polizei unterstellt? Die wird zwar ermittelnd erwähnt, lässt aber Fell völlig freie Hand, während dieser die Ermittlungen auf haarsträubende Weise improvisiert und dabei vor diversen Manipulationen nicht zurückschreckt.

Das Landhaus der Ferriers, sonst im „Whodunit“ zentraler Ort der kriminellen und kriminologischen Ereignisse, wird in „Hinter den Kulissen“ zur Durchgangsstation mit Bahnhofscharakter. Unabhängig davon, ob Fell oder der träge Inspektor Aubertin die  Verdächtigen dort versammeln, vernehmen und gegeneinander ausspielen wollen, machen diese sich nach Belieben selbstständig. Das ergibt einige hektische Fahrten nach und durch Genf, trägt aber nicht zur Plot-Gestaltung bei, sondern lässt die Luft aus der Handlung, deren Spannung wie durch unzählige Löcher daraus entweicht. Erst im Finale wird Carr streng und sperrt sein Figurenpersonal buchstäblich in der Villa ein. Dort bleibt ihnen wenig Zeit, sich gegenseitig zu verdächtigen und die Atmosphäre aufzuheizen. Schlimmer noch: Als der Mörder ereignislos geschnappt ist, benötigt Carr weitere 15 eng bedruckte Seiten, um Tathergänge und Motive zu erläutern. Knapper geht es nicht, weil der Plot so unglaublich verwickelt und das Verhalten der Figuren so sprunghaft ist, dass der Leser solche Nachhilfe dankbar annimmt.

Ist „Hinter den Kulissen“ ein schlechter Kriminalroman? Ja, wenn man ihn mit besseren Carr-Werken vergleicht, nein, weil es problemlos möglich ist, deutlich schlimmer missglückte Krimis – ältere, zeitgenössische, moderne – aufzulisten. Dieses Buch enttäuscht vor allem, weil deutlich wird, dass zumindest die Ära Gideon Fell vorüber ist. Carr war Profi genug, dies selbst zu erkennen. In den 17 Jahren, die ihm nach „Hinter den Kulissen“ blieben, schrieb er noch viele Bücher, aber nur noch drei Fell-Romane.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbar ‚englische‘ Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Diese fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 ansässig blieb. Als Schriftsteller war er schnell erfolgreich. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm dank einer allzu ausgeprägten Liebe zu Alkohol und Tabak kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane. Seine Biografie des Sherlock Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese Website verwiesen, die Ihrem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

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James Bond: Goldfinger

Erstellt von Michael Drewniok am 9. November 2010

Cover der TB-Ausgabe von 1980 (Bild: Sammlung md)

Ian Fleming
James Bond: Goldfinger

(sfbentry)
Originaltitel: Goldfinger (London: Jonathan Cape 1959)
Übersetzung: Willy Thaler u. Friedrich Polakovics
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „007 James Bond contra Goldfinger“): 1965 (Scherz Verlag)
191 S.
[keine ISBN]
Derzeit letzte Ausgabe: November 1999 (Scherz Verlag/Scherz Krimi 982)
170 S.
ISBN-13: 978-3-502-50982-0

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Das geschieht:

Auric Goldfinger ist zwar kein echter Gentleman, war aber trotzdem viele Jahre eine Stütze des britischen Establishments; ein Selfmade-Millionär, der aus seiner innigen Liebe zum Gold ein Riesengeschäft gemacht hat. Wie die Regierung kürzlich eher durch Zufall erfuhr, hat er es leider clever verstanden, seine Majestät um ihren Anteil zu prellen: Goldfinger fand ein Verfahren, Gold in ein unscheinbares Pulver zu verwandeln und nach Indien zu verschiffen, wo er es zu einem deutlichen höheren Preis als daheim veräußern kann. Das ist verboten, schwächt es doch die britische Währung, deren Stabilität auf ihren Goldreserven basiert. Schlimmer noch: Goldfinger leitet seine gewaltigen Gewinne offenbar an die Sowjetunion, hier vertreten durch SMERSH, die gefürchtete Killer- und Sabotage-Sonderabteilung, weiter.

Damit ist das Maß mehr als voll. Die Briten setzen ihre eigenen Spezialisten auf Goldfinger an. Agenten-Chef M beauftragt seinen besten Mann mit den Ermittlungen. James Bond, Dienstnummer 007, glaubt zunächst an einen wundersamen Zufall, hat er doch gerade erst seine Klingen mit Goldfinger gekreuzt und ihn im fernen Miami als profanen Falschspieler bloßgestellt. Das wird Goldfinger nie vergessen, was es nicht einfacher macht, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn besser aushorchen zu können.

Aber durch eine infernalische Schlacht auf dem Golfplatz kann Bond sich scheinbar Goldfingers Achtung erwerben. Der schlaue Meisterdieb hat sich den Coup des Jahrhunderts ausgedacht: Die US-Goldreserven will er aus Fort Knox stehlen. Dafür hat er die größten Gangstersyndikate der Vereinigten Staaten als Verbündete angeheuert; ein wahnwitziges Projekt, das indes gelingen und dem freien Westen einen bösen Schlag versetzen könnte. Nur James Bond weiß davon, aber Goldfinger lässt seinen neuen ‚Sekretär‘ scharf vom unheimlichen Leibwächter Fakto bewachen. Fort Knox wird fallen, aber 007 hat womöglich noch ein As im Ärmel – bzw. im Schuhabsatz …

Klassiker mit weichen Stellen

Dem Leser ist davon abzuraten, die berühmten James-Bond-Romane in rascher Folge zu lesen. Er (oder sie) wird sonst betrübt die überaus einfache Strickart, das ökonomische Plot-Recycling oder die Sprunghaftigkeit der Plots und ihrer Entwicklung bemerken. Vor allem Tempo ist unerlässlich für eine Bond-Geschichte, denn es trägt über die gewaltigen Logik-Löcher im Gewebe der Handlung hinweg. In „Goldfinger“ ist es u. a. der rätselhafte Entschluss der angeblich so hinterlistig-schlauen Sowjets, ausgerechnet einen größenwahnsinnigen Falschspieler das Geld für ihre Kriegskasse beschaffen zu lassen.

Bestürzender ist freilich Fleming Schilderung des großen Überfalls auf Fort Knox. Planung und Realisierung sind so dilettantisch ausgedacht, dass bereits für die Verfilmung entscheidende Veränderungen vorgenommen wurden. Ein Raubzug wie von Fleming suggeriert war und ist unmöglich. Die radioaktive Vergiftung der Goldvorräte, um sie dem komplexen Währungskreislauf auf diese Weise zu entziehen, ist dagegen wenigstens vorstellbar. Dank des Films haben wir Goldfinger in guter Erinnerung: Gerd Fröbe muss nicht als Flemingscher Geisterbahn-Bösewicht agieren.

Seltsam mutet Flemings Entscheidung an, als finalen Höhepunkt nicht die Attacke auf Fort Knox zu wählen. Stattdessen wird diese Schlacht merkwürdig unlustig in Szene gesetzt. Mit sehr viel Liebe zum Detail schildert der Autor danach den Schlusskampf zwischen Bond und Goldfinger. Dem eigentlichen Geschehen wirkt dies angeklebt; im Film wurde das besser, d. h. vor allem kürzer gelöst.

Sport ist hier wirklich Mord

Auch sonst finden wir im Roman viel Bekanntes und wenig Geliebtes. Schon wieder tritt Bond zunächst im Kartenspiel gegen den Superschurken an. So hat er schon LeChiffre in „Casino Royale“ und Hugo Drax in „Moonraker“ Saures gegeben. Ian Fleming war ein passionierter Spieler, der einfach nicht widerstehen konnte, seine diesbezüglichen Kenntnisse in das Geschehen zu integrieren. Er versteht tatsächlich eine Menge vom Spiel, doch teilt sich dessen Faszination dem Leser leider nur bedingt mit.

Dieses Mal geht es gleich zweimal ins sportliche Gefecht. Auch auf dem Golfplatz wird Goldfinger eine (laaange) Lektion erteilt. Der britische Liebhaber dieses Spiel erkannte unschwer den Ort dieses Duells als den Royal St. George’s Golf Course in der Grafschaft Kent wieder, wo Fleming mit Begeisterung diesem Sport nachging, wenn er in England war.

Mit der Wahl des Goldes als Auslöser der wild bewegten Geschichte hat Fleming eine gute Wahl getroffen. Darauf war er gekommen, als er Stoff für einen neuen Bond-Roman sammelte und sich den Mythos und die reale Bedeutung des Edelmetalls ins Gedächtnis rief. Während der Recherche weihte ihn ein Mitarbeiter der Bank von England, der einst mit Fleming für die Nachrichtenagentur Reuters gearbeitet hatte, in die Geheimnisse der goldgestützten Weltwährungen ein, die der Verfasser vielleicht ein bisschen zu großzügig mit uns teilt.

Cover der TB-Ausgabe von 1967

007 besitzt zwar die Erlaubnis im Dienst zu töten. Er tut dies Zögern, wenn es sein muss. Das heißt allerdings nicht, dass es ihm gefallen würde. Auf den ersten Seiten finden wir Bond tief in Gedanken an den letzten Auftrag, bei dem es nicht nur gefährlich, sondern auch hässlich und schmutzig zuging. Zwar starb nur ein echter Schuft, aber Bond geht die Sache sehr nach.

Gut, dass die Abwechslung nicht auf sich warten lässt. Ein riskantes Spielchen mit hohem Einsatz, gutes Essen, harte Drinks & weiche Mädchen lassen Bond rasch wieder ins Lot kommen. Er aalt sich in der glücklichen Unwissenheit um die politisch korrekten Zeiten, die für ihn noch lange auf sich warten lassen werden. Deshalb ist es für ihn kein Problem, Goldfingers lesbische Spießgesellin Pussy Galore von ihrer „Neigung“ zu „heilen“.

Ansonsten ist Bond am erträglichsten, wenn er als Profi agiert. Fleming versteht es, ihn als Charakter zu schildern: Bond ist ein eiskalter Agent und Killer, der das schöne Leben und ebensolche Frauen liebt. Ein unüberwindlicher Supermann ist er nicht, sondern irrt sich oft genug, was ihm dann peinvolle ‚Spezialbehandlungen‘ seitens seiner Gegner garantiert: kein Bond-Roman ohne detailliert geschilderte Folter des Helden.

Schmutzfink liebt glänzendes Gold

Auric Goldfinger ist wieder ein Klon aus Flemings Schurken-Labor. Erst Gerd Fröbe hat ihm wie schon gesagt sein Profil gegeben. Ansonsten könnte Goldfinger auch der Bruder von Hugo Drax sein. Dass er vor allem schlau ist, aber ansonsten nicht alle Tassen im Schrank hat, macht nach Fleming schon sein Äußeres deutlich: Goldfinger ist mit einem Körper geschlagen, dessen „Teile nicht zueinander passen“. Klar, dass dies ein Bösewicht und Sowjet-Spion sein muss!

Vor allem ist er kein Gentleman. Goldfinger betrügt im Sport, eine unverzeihliche Sünde für jeden Engländer. Selbstverständlich treibt er auch im Schlafzimmer Ungeheuerliches, aber hier zwang der Zeitgeist Fleming dazu, sich mit Andeutungen zu bescheiden. Wir wissen nun immerhin, dass es ihn befriedigt, schöne Frauen mit Goldfarbe einzupinseln … Solches Treiben dürfte Anno 1959 als Gipfel dekadenter Verworfenheit gegolten haben.

Exotisch-groteskes Figurenpersonal

An Goldfingers Seite: Der bis heute im Bond-Kino unverzichtbare Nebenschurke, meist von grotesker Gestalt und ebensolchen Manieren. Er geht dem zentralen Bösewicht im Tod voraus; meist ist sein Ende besonders grausig schön. Fakto, der im Roman mit unerfreulich rassistischer Abneigung charakterisiert wird („Affe“ nennt ihn Bond mit unbehaglich stimmender Überzeugung), taucht im „Goldfinger“-Film als „Oddjob“ auf. Auch hier hat die Überarbeitung für das Kino positive Folgen.

Die arme Pussy Galore (die heutzutage sicherlich nicht mehr diesen ‚Namen‘ tragen dürfte) muss das derb Mannweib geben, das sich der zeitgenössische Spießer unter einer ‚Lesbe‘ vorstellte. Immerhin darf sie nach Überwindung ihrer ‚krankhaften Verirrung‘ überleben, was ihrer unverbesserliche Möchtegern-Gefährtin Tilly Masterton nicht gelingt. Nun, sie hatte nie mit Bond schlafen wollen, also ist diese Strafe wohl gerecht …

Schreckliche Fehlentscheidungen traf Fleming in der Charakterisierung von Goldfingers amerikanischen Kumpanen. Gangster mit Namen wie „Jack Strap vom Flimmermob Las Vegas“, „Pussy Galore von den Zementmixern Harlem“, radebrechende Operetten-Mafiosi oder den „Grinsenden-Billy-Ring“ kann man als Leser beim besten Willen nicht (oder nicht mehr?) Ernst nehmen. Die angebliche Bedrohung von Fort Knox löst sich unter diesen Umständen in eine billige Farce auf.

Fleming erinnerte sich später, dass ihm die Niederschrift von “Goldfinger” erfreulich leicht fiel. Dies teilt sich dem Leser mit. Bei aller Kritik, trotz der Episodenhaftigkeit der Handlung und ungeachtet der Schwächen in der Figurenzeichnung (s. u.) erzählt „Goldfinger“ eine flotte, spannende Geschichte. Kein Wunder, dass sie sich fast vollständig im Kinofilm von 1964 wiederfindet, während die meisten Bond-Romane ansonsten von den Drehbuchautoren bearbeitet wurden – manchmal so intensiv, dass bis auf den Titel von einem Fleming-Buch nichts mehr blieb.

Autor

Ian Fleming (1908-1964) war ein typisches Oberschicht-Gewächs des spätimperialistischen Großbritannien. Erstklassige Schulbildung (Eton) und die sprichwörtliche „steife Oberlippe“ zeichneten ihn aus, gleichzeitig war er ein Individualist, dessen Lebensweg gleich mehrere Skandale säumten. Im II. Weltkrieg lernte Fleming als Mitarbeiter des Marine-Geheimdienstes die geheimnisvolle Halbwelt kennen, die er später so effektvoll zu dramatisieren wusste. Einige wagemutige Kommandounternehmen im Mittelmeer werden ihm zugeschrieben.

Den Globus bereiste Fleming schon vor dem Krieg als Journalist (u. a. in Moskau) und nach 1945 als Auslandskorrespondent der Sunday Times. Er zog die Sonne dem englischen Regen vor und ließ sich an der Nordküste der damals noch britischen Inselkolonie Jamaica nieder. Dort begann er ab 1953 die James Bond-Thriller zu schreiben; es wurden bis 1964 insgesamt zwölf (plus zwei Kurzgeschichten-Sammlungen).

Nach 1960 begann Flemings Gesundheit zu verfallen. Er weigerte sich, seinen Lebensstil zu ändern, d. h. seiner Herzkrankheit entsprechend zu leben. Folgerichtig erlag er am 12. August 1964 einem Infarkt, aber immerhin stilvoll auf dem Royal St. George’s Sandwich-Golfplatz in Kent, der schon Goldfinger zum Verhängnis geworden war.

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Schatten über Wrightsville

Erstellt von Michael Drewniok am 29. Juni 2010

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(Bild: Sammlung md)

(sfbentry)
Originaltitel: Calamity Town (Boston : Little, Brown, and Company 1942/London : Victor Gollancz 1942)
Deutsche Erstausgabe: 1949 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 24)
Übersetzung: N. N.
239 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: 1977 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1809)
Übersetzung: N. N.
143 S.
ISBN-13: 978-3-548-01809-6

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Das geschieht:

Seinen neuen Roman möchte Krimi-Schriftsteller und Amateur-Detektiv Ellery Queen nicht in New York, sondern in der Ruhe der Provinz schreiben. Er entscheidet sich für Wrightsville, ein uramerikanisches Städtchen irgendwo im Mittelwesten. Hier scheint die Zeit vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein. Fremde werden ungeniert neugierig beäugt, sodass Queen sich das Pseudonym „Smith“ zulegt, um unerkannt zu bleiben.

Als Gast einer prominenten Familie wird Queen in ein schwelendes Drama gezogen. John F. Wright, Präsident der Wrightsville Nationalbank, hat drei Töchter, von denen nur Patricia, die Jüngste, ohne Skandal blieb. Lola, die Älteste, schloss sich vor Jahren einem Wanderzirkus an und kehrte später geschieden = entehrt nach Wrightsville zurück. Nora wurde vor drei Jahren von ihrem Verlobten Jim Haight verlassen und ist seitdem schwermütig.

Jetzt kehrt Haight plötzlich zurück. Nora nimmt ihn wieder auf, die ausgefallene Hochzeit wird nachgeholt. Das junge Glück ist allerdings überschattet: Nora findet drei vordatierte Briefe, in denen ihr Gatte seiner Schwester Rosemary über eine Krankheit berichtet, der Nora am 1. Januar des kommenden Jahres erliegen wird bzw. soll, denn diese Briefe – sie stecken zudem in einem Fachbuch über tödliche Gifte – deuten darauf hin, dass Jim seine Ehefrau ermorden will.

Während Nora die Bedrohung ignoriert, wollen Queen und Patricia das Komplott verhindern. Dann taucht Rosemary Haight unerwartet in Wrightsville auf, wo sie am Neujahrstag einen mit Arsen versetzten Cocktail trinkt, den ihr Bruder offenbar für seine Gattin gemixt hatte. Selbst Ellery Queen findet lange keine Beweise, die Haight entlasten. Es gelingt ihm erst, ein nicht nur kriminelles Drama aufzudecken, als dieses bereits seinen tragischen Abschluss gefunden hat …

Unsere kleine, nette, abscheuliche Stadt

„Es gibt keine Geheimnisse und kein Zartgefühl, wohl aber sehr viel Grausamkeit in den Wrightsvilles dieser Welt.“ Diesen Satz lesen wir auf einer der letzten Seiten dieses 15. Ellery-Queen-Romans; er könnte ihm auch als Motto vorausgestellt werden. Die Vorstellung vom Dorf oder der Kleinstadt als Hort traditioneller = gesunder = in der Großstadt längst verschwundener Werte geistert seit jeher durch die Kultur- und Geisteswelt. Der nicht nur geografisch isolierte Kleinstadt-Alltag symbolisiert eine Gesamtheit, deren Elemente sich harmonisch ineinanderfügen, weil sie einander kennen und wissen, wie (und dass) sie zusammengehören.

Doch nicht grundlos kam bereits im 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung auf, deren meist gebildeten und ‚fortschrittlich‘ denkenden (sowie in der Stadt lebenden) Vertreter auf die Schattenseiten dieser Idylle hinwiesen: Privatsphäre ist ein kostbares Gut, das dort, wo jeder jeden kennt, nicht zu gewährleisten ist. Folgerichtig weist das Bild Wrightsvilles, das auf den ersten Seiten des vorliegenden Romans nachgerade ironisch als unschuldiges Paradies beschrieben wird, bereits auf den zweiten Blick diverse Flecken auf, um sich nach und nach in einen bodenlosen Sumpf zu verwandeln: Wrightsville wird zur „Calamity Town“, zur „Stadt des Unheils“.

Diesen Prozess setzt das Schriftsteller-Duo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee (= Ellery Queen) ebenso meisterhaft wie gnadenlos um. Es widmet ihm ebenso viel Raum wie dem Kriminalfall, der vor allem im Mittelteil an den Rand der Handlung rutscht. Auch von den ‚Unschuldigen‘ kommt niemand ungeschoren davon. Hinter harmloser Klatschsucht lauert eine Aggression, die schließlich in einem kollektiven Anfall von Lynchjustiz gipfelt.

Die Zeiten ändern sich

Dannay & Lee scheuten sich in ihrer großen Zeit – die erst in den frühen 1960er Jahren endete – nie, ihre Figur Ellery Queen teilweise gravierenden Änderungen zu unterziehen. Dies war riskant, denn der Fan ist ein scheues Wild, das höchstens vorsichtige Variationen des Bekannten und Geschätzten gestattet. Dannay & Lee passten sich den Zeitläufen an. Ellery Queen startete 1929 als typische „Denkmaschine“, die passenderweise einen Kriminalfall löste, der wie eine komplizierte Maschine konstruiert wurde. Zwischenmenschliche Aspekte blieben Nebensache und der Deduktion jederzeit untergeordnet.

In den 1930er Jahren geriet der klassische „Whodunit?“ in seiner reinen Form allmählich auf ein Nebengleis. Auch der Kriminalroman entdeckte die psychologischen Untiefen der menschlichen Seele als Quelle krimineller Taten. Ellery Queen wurde in „Halfway House“ (1936; dt. „Das Haus auf halber Strecke“/„Der Schrei am Fluss“) erstmals ‚menschlich‘ gezeichnet. Natürlich blieb er ein begnadeter Kriminologe, doch er dominierte die Handlung ‚seiner‘ Romane nicht mehr so stark wie zuvor, und er zeigte sich oft macht- und ratlos dort, wo das Handwerk des Ermittlers an seine Grenzen stieß. Auch in „Schatten über Wrightsville“ erkennt Queen zu spät die Hintergründe einer Tat, deren Dimensionen weit über das hinausreichen, was ein Detektiv zu meistern vermochte.

Freilich erweist sich die neue psychologische Tiefenschärfe aus heutiger Sicht als deutlicher Schwachpunkt: Sie wirkt veraltet. Dannay & Lee übertreiben es mit den Gefühlen. Vor allem das weibliche Wesen ist durch Schwäche, Weinkrämpfe und Hysterie gekennzeichnet. Durch die Betonung zeitgenössisch akuter, doch inzwischen von der Zeit überholter gesellschaftlicher Konventionen – was auch die männlichen Figuren einschließt – gerät „Schatten über Wrightsville“ noch altmodischer, während die klassischen „Whodunits“ gerade wegen ihrer künstlichen Altertümlichkeit zeitlos blieben bzw. durch das Alter noch an Reiz hinzugewannen.

Back to basics

Verlassen kann man sich glücklicherweise auf Dannay & Lee als Plot-Schneider. Während sie Ellery Queen behutsam neu gestalteten, unterzogen sie auch das Krimi-Element ihrer Romane einer Modernisierung. Die Fälle wurden nach 1939 zunehmend straffer, die überbordende Exotik mancher Auflösung wurde auf ein realistisches Maß zurückgefahren. Die Plots waren eleganter, weil das Autorenduo sich nicht mehr in fantastische Tricks flüchten konnte und wollte.

Spannung erzeugten sie quasi filmisch, d. h. durch Tempo und rasche Szenenwechsel. Ein gutes Beispiel ist die als „court drama“ dargestellte Gerichtsverhandlung gegen Jim Haight. Dannay & Lee ziehen alle Register des Spannungsaufbaus. Sie lassen Humor und Sarkasmus einfließen, um im nächsten Moment tragisch zu werden. In diesen Passagen haben die Autoren ihre Leser fest im Griff, hier kann sich auch der ‚neue‘ Ellery Queen erfolgreich entfalten. Auch historischer Realismus hat in diesem Umfeld Platz; mehrfach findet Erwähnung, dass die USA zum Zeitpunkt des Geschehens just in den II. Weltkrieg eingetreten sind und eine „Heimatfront“ im Aufbau ist.

Wrightsville diente Dannay & Lee als Mikrokosmos, in dessen Höllenfeuer sie ihre Plots schmieden konnten, bis sie die gewünschte Härte erreicht hatten. In „Schatten über Wrightsville“ kam Ellery Queen zum ersten Mal nach Wrightsville. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin; 1945 in „The Murderer Is a Fox“ (dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“), 1948 in „Ten Days Wonder“ (dt. „Der zehnte Tag“) und 1950 in „Double, Double!“ (dt. „… und raus bist du!“). Anschließend versuchten Dannay & Lee wieder etwas anderes mit ihrem wandelbaren Detektiv.

„Schatten über Wrightsville“ – der Film

Kurioserweise erregte der 15. Ellery-Queen-Thriller trotz des hübschen, viel versprechenden Originaltitels und seiner dramatischen Story nie das Interesse Hollywoods. Als „Calamity Town“ 1979 doch verfilmt wurde, geschah dies in Japan. „Haitatsu sarenai santsu no tegami“ – „The Three Undelivered Letters“ – hieß das 130-minütige, vom Drehbuchautoren Kaneto Shindô adaptierte Werk, zu dessen Premiere Frederic Dannay, die überlebende Hälfte des Autorenduos Ellery Queen, nach Tokio reiste.

Anmerkung zur deutschen Übersetzung

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(Bild: Sammlung md)

„Schatten über Wrightsville“ gehört zu den Krimis, denen in der Übersetzung Böses geschah: Während die erste deutschsprachige Ausgabe bereits 1949 und ungekürzt erschien, geriet der Titel für die Neuauflage in den unter Krimi-Freunden berüchtigten Ullstein-Häcksler, dem er nur um 100 Seiten gefleddert entkam. Diese Fassung sollte der Leser deshalb mit Missachtung strafen.

Die Erstausgabe aus dem Scherz Verlag ist allerdings antiquarisch nur schwer und dann teuer zu bekommen. Es gibt jedoch eine kostengünstige Alternative: Die Übersetzung von 1949 erschien 1966 als Teil eines Sammelbandes im Eduard Kaiser Verlag. Dieses Buch wird recht häufig angeboten. Wer „Schatten über Wrightsville“ eher lesen als sammeln möchte, ist mit diesem Dreifachband gut bedient, der zudem zwei weitere lesenswerte (und ungekürzte) Krimi-Klassiker enthält: „Die warnenden Affen“ (von Mignon G. Eberhart) und „Mord in der Klinik“ (von Ngaio Marsh). An die doch sehr angestaubte, von halb oder gänzlich vergessenen Ausdrücken wimmelnde Alt-Übersetzung – wer sagt heute noch „stieläugig“ statt „betrunken“ oder wagt es, ein Mitglied des weiblichen Geschlechts als „Frauenzimmer“ zu bezeichnen? – kann man sich gewöhnen; sie ist ein geringer Preis für ein vollständiges Lektüre-Vergnügen!

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

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… und raus bist du!

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Juni 2010

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… und raus bist du!

(sfbentry)
Originaltitel: Double, Double! (New York : Little, Brown, and Company 1950)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Wer ist der Nächste?“): 1953 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 55)
Übersetzung: Lola Humm-Sernau
191 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 1999 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Bd. 1085)
Übersetzung: Monika Schurr
301 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-4847-9

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Das geschieht:

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in diesem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehengeblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; der Säufer Tom Anderson ist in einem Sumpf verschwunden.

Den alten Tom hat Queen gekannt und gemocht. Als Rima, seine Tochter, in New York auftaucht und den Detektiv um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt dieser sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen, dass alle seltsamen Vorfälle einen Faktor gemeinsam haben: Irgendwie war stets Dr. Sebastian Dodd beteiligt, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Und besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest …

Idylle mit dunklen Winkeln

„… und raus bist Du!“ ist der letzte Queen-Krimi der „Wrightsville“-Serie. In „The Devil to Pay“ (1938, dt. „Des Teufels Rechnung“) hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur einher. Queen wurde ‚erwachsen‘; er arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegen strebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in „Calamity Town“ (dt. „Schatten über Wrightsville“) zum ersten Mal nach Wrightsville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: „The Murderer Is a Fox“, dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“; 1948: „Ten Days Wonder“, dt. „Der zehnte Tag“; 1950: „Double, Double!“).

Wrightsville ist scheinbar das gute, alte, intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem flachen Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der ‚richtigen‘ Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.

Rätselspiel mit ernsten Nebenwirkungen

„… und raus bist du!“ demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser Typen gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zu viel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) ‚erneuerte‘ Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das Goldene Zeitalter des klassischen „Whodunit?“-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.

Die Figuren gewinnen Tiefe

Über Ellery Queen ist weiter oben das Grundsätzliche schon gesagt worden. Das „ausgestopfte Hemd“ der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentlemans (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Rima Anderson ist – Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort – zunächst weniger eine Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus William Henry Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker „Green Mansions“ (dt. „Das Vogelmädchen“) von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Nachhilfe) eine ganz ‚normale‘ junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt.

Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der „Philosoph“, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es weiter, eine Galerie gespaltener Persönlichkeiten, wie es der Roman-Originaltitel andeutet, in einem höchst spannenden und an wendungsreichen Kriminalroman.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

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Drachenzähne

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Mai 2010

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Drachenzähne

Originaltitel: The Dragon’s Teeth (New York: Frederick A. Stokes 1939)
Deutsche Ausgabe (unter dem Titel „Die Drachenzähne“): 1958 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 108)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: September 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18471)
Übersetzung: Lola Humm Sernau
239 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18471-2

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Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten.

Ellery müsste auf Schloss Tarrytown, Coles palastartigem Anwesen, nach Spuren forschen. Glücklicherweise ermittelt er seit einiger Zeit nicht mehr allein: Beau Rummell, ein junger Kriminalist, konnte ihn überreden, mit ihm eine Detektivagentur zu gründen. Notgedrungen schickt Ellery nun seinen Eleven aus, der unter seinem Namen ermittelt. Rummell ist eifrig aber unerfahren, und die beiden Hauptverdächtigen in einem möglichen Mordfall Cole sind zwei hübsche Frauen.

Mit der einen, Kerrie Shawn, ist Beau bald verheiratet. Die andere, Margo Cole, sinkt im Streit mit der Braut tot zu Boden, die man mit rauchendem Revolver über der Leiche findet. Kerrie behauptet, die Schüsse seien durch das Fenster gekommen, die Waffe ihr zugeworfen worden. Inspector Richard Queen, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, kann das nicht recht glauben. Der verzweifelte Beau ruft Ellery Queen zur Hilfe, der sich in einen Fall verwickelt sieht, der noch wesentlich verzwickter ist, als er den Beteiligten zunächst erscheint …

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Zwei Detektive, eine Hochzeit & diverse Todesfälle

Der Roman „Die Drachenzähne“ konfrontiert die Ellery-Queen-Fangemeinde mit einer zunächst verwirrenden Neuerung: Wir lesen hier nicht nur eine der kurios verwickelten und klassischen Mordgeschichten, die wir kennen und lieben, sondern auch oder sogar vor allem eine ‚Kriminalromanze‘. Einer Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen – die Dame des Herzens könnte Opfer eines Komplotts, aber auch Mörderin sein – wird mindestens ebenso breiter Raum geschenkt wie dem eigentlichen Plot, der um das mysteriöse Ende eines exzentrischen Multimillionärs kreist.

Dies mag in den 1930er Jahren von Erfolg gekrönt worden sein; heute erweist sich die Mixtur als reichlich schal. Die Verfolgung und Rettung der unschuldigen Schönen hält sich ein wenig zu deutlich an ein Schema, das längst von der Zeit überrollt wurde. Die Frau der Gegenwart lässt sich nicht mehr für so dumm wie Kerrie Shawn verkaufen, die ohne die Unterstützung ihres Beaus und anderer starker Männer mehr als einmal ob ihrer geradezu aggressiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit ein düsteres Schicksal ereilen würde.

Die Handlung kommt erst in Schwung, als ein Mord geschieht und das Vater-Sohn-Gespann Richard & Ellery Queen das Heft in die Hand nimmt. Das Geschehen konzentriert sich jetzt mehr und mehr auf die Ermittlungen. Der alte Zauber der Ellery-Queen-Krimis kommt voll zur Wirkung: Im atemberaubenden Tempo werden völlig logische Lösungen präsentiert, um umgehend verworfen und durch neue Geistesblitze ersetzt zu werden. „Whodunit?“: Das ist die Frage, die über Gedeih und Verderb eines Queen-Thrillers entscheidet. Hier kann man nur bewundernd zugestehen: In letzter Sekunde fabelhaft die Kurve gekriegt! Ellery löst das Rätsel, und wie es sich gehört, ist der Täter derjenige, auf den wir nie getippt hätten.

Der eigenartige Titel spielt übrigens auf eine antike Sage an und wird uns von Ellery Queen persönlich erläutert: Einst musste der griechische König Kadmos sich einer Reihe gefahrvoller Prüfungen unterziehen. Unter anderem säte er Drachenzähne. Aus jedem erwuchs eine Gefahr. Diesem Beispiel ist Cadmus Cole mit seinem Testament gefolgt, das seinen Erben leicht den Tod, auf jeden Fall aber Unglück und Unzufriedenheit bringen kann.

Dem Nachwuchs eine Chance!

Ein Ellery-Queen-Roman ohne Ellery Queen? Ein Blinddarm-Durchbruch reißt unseren Helden zu einem recht frühen Zeitpunkt aus der Handlung, in die er als Genesender erst in der zweiten Hälfte (aber inkognito) zurückkehrt. Ihn ersetzt (oder soll ersetzen) Beau Rummell, ein junger, höchst eifriger Mann, der grundsätzlich das Zeug zur Hauptfigur hat. Kriminalistisch ist er als Sohn eines Polizisten einschlägig vorbelastet, Jura hat er studiert. Als Privatdetektiv lernt er rasch dazu.

Privat weist Rummell jene Eigenheiten auf, die ein guter Schriftsteller einem Serienhelden unauffällig aufprägt, um ihn unverwechselbar zu machen. Ellery Queen (gemeint ist dieses Mal der Autor) schlägt ihn mit einem unmöglichen Namen: Beau Brummell (1778-1840) gehört zu den großen Exzentrikern der Geschichte; ein Mann, der bis zum Exzess sein Leben der Mode und seiner Erscheinung gewidmet hatte und sprichwörtliches Vorbild für einen putzsüchtigen Lackaffen geworden ist.

Klar, dass der unglückliche Rummell als kerniger US-Amerikaner seine Jugendjahre damit verbringt Spötter zu vertrimmen und darüber groß und stark wird. Im Jahre 1939 ist er so weit, den Versuch zu wagen, in Ellery Queens (jetzt gemeint ist der Detektiv) Fußstapfen zu treten.

Der Erfolg verträgt keine Experimente

Wieso hat Queen (der Schriftsteller – ich weiß, es ist verwirrend!) seinen bekannten Helden aus dem Rennen genommen? Der Hauptgrund war ein Versuch, neue Wege zu beschreiten. 1939 ermittelte Ellery Queen bereits ein Jahrzehnt. Er hatte eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt, die ihn zu Recht berühmt und beliebt beim lesenden Publikum gemacht hatten. Dessen Erwartungen waren hoch und naturgemäß schwer zu befriedigen; welcher Serienheld steht nicht vor dem Dilemma, sich jedes Mal steigern und selbst übertreffen zu müssen?

Einen Ausweg bietet ständiger Kulissenwechsel. Das ist riskant, denn Serienhelden dürfen sich nicht wirklich ändern. Ihre Beliebtheit basiert zu einem guten Teil auf beruhigender Berechenbarkeit, auf die der Fan ungern verzichtet. Frederic Dannay und Manfred B. Lee (die Schöpfer von Ellery Queen) zeigten sich in dieser Hinsicht erstaunlich mutig. In vier Jahrzehnten veränderten und modernisierten sie ihren Detektiv fast unmerklich oder so geschickt, dass die Fans willig folgten. Außerdem experimentierten sie mit ihrer Figur, vertrauten sie anderen Schriftstellern an – oder rückten sie wie hier in den Hintergrund, wo sie den ganz hartgesottenen Queen-Freund durch eine ansonsten Queen-fremde Story führte.

“Drachenzähne” ist folglich eher ein Beau Rummell-Roman. Diese Figur ist nicht an die fixierten Queenschen Charakterzüge und Verhaltensweisen gebunden. Deshalb können ihn die Autoren auch in eine ‚richtige‘ Liebesgeschichte verwickeln, während der Ellery dieser Jahre zwischen weibfreier Denkmaschine und charmantem Frauenliebling mit Bindungsängsten changiert.

Versuch eines Lady-Thrillers

Die Lovestory zwischen Beau & Kerrie fällt zudem in eine Phase, in der Hollywood Ellery Queen (das Autorenduo und die Figur) entdeckt hatte. Schon die Verfilmungen der älteren, literarisch eher dem Fall verhafteten Queen-Romane weisen stärkere Romantik- oder Seifenoper-Elemente als die Romane auf. Weil Herzschmerz in der Filmindustrie seit jeher als verkaufsförderlicher erachtet wird als Hirnschmalz, kamen die durchaus kundenorientierten und geschäftstüchtigen Dannay & Lee den Studios entgegen.

Was für Kerrie Shawn die fatale Konsequenz hat, die uns hier als zeitgenössisches Exemplar des weiblichen Geschlechts unter die Augen tritt: ein nur notgedrungen selbstständiges „Mädchen“ (so der O-Ton), das sogleich an die breite Brust des ersten Ritters sinkt, sobald der sich endlich sehen lässt, und zuverlässig ohnmächtig wird, wenn Gefahr droht, um genanntem Ritter die Möglichkeit für mannhaften Einsatz zu bieten. Völlig passiv lässt sich Kerrie zwischen Ritter, Polizei, aufdringlichen Schurken und sonstigem Mannsvolk hin- und herschieben, weint viel und ist auch sonst eine üble Landplage. Merke: Nicht immer gleicht Nostalgie jeden Anachronismus aus! Glücklicherweise zog Ellery Queen (jetzt wieder das Autorenpaar) selbst die Konsequenzen und drosselte den Schnulzenfaktor in späteren Werken auf ein erträglicheres Format. Zur ‚reinen‘ Form des „Whodunit?“ kehrten sie allerdings nicht mehr zurück.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

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Und dann gabs keines mehr

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Mai 2010

christie-und-dann-tb-coverAgatha Christie
Und dann gabs keines mehr

(sfbentry)
Originaltitel: Ten Little Niggers or The Last Weekend/Ten Little Indians/And Then There Was None (London : HarperCollins 1939)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Letztes Weekend“): 1944 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Anna Katharina Rehmann
248 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 2006 (Fischer Verlag/TB Nr. 17404)
Übersetzung: Sabine Deitmer
224 S.
ISBN-13: 978-3-596-17404-1
Sonderausgabe (geb.): Oktober 2009 (Fischer Verlag)
319 S.
ISBN-13: 978-3-596-51114-3

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Das geschieht:

Wer ist Ulick Norman Owen? Diese Frage stellen sich zehn Männer und Frauen, die von Herkunft und Lebensart verschiedener nicht sein könnten. Besagter Mr. Owen hat sie auf ein Wochenende am Meer eingeladen. Vor einiger Zeit erwarb er „Nigger Island“, eine Insel vor der Küste der englischen Grafschaft Devon, die von einem feudalen Landsitz gekrönt wird. Sehr schön und luxuriös ist es hier, aber leider auch recht abgeschieden. Es gibt keine Fährverbindung zum Festland. Das wird fatal für unsere zehn Gäste, die eben doch eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie alle hüten ein düsteres Geheimnis. In ihrer Vergangenheit haben sie sich diverser Verfehlungen und Verbrechen schuldig gemacht, die unentdeckt und folglich unbestraft blieben.

Der mysteriöse Mr. Owen hat davon erfahren. Er, der weiterhin unsichtbar bleibt, kündigt Gerechtigkeit an. Ohne die Möglichkeit der Flucht sollen die Zehn ihre Strafe erwarten, die stets mit dem Tod identisch ist. Auf Nachsicht können die ‚Gäste‘ nicht zählen. Einen nach dem anderen ereilt das Ende, das perfide vom alten Kinderreim der „Zehn kleine Negerlein“ inspiriert ist, der gut sichtbar in jedem Zimmer aushängt.

Verzweifelt und vergeblich suchen die Verfolgten nach einer Fluchtmöglichkeit. Also ergreift man die Flucht nach vorn und durchsucht die Insel nach dem Versteck, in dem Owen sich zwischen seinen Untaten verborgen halten muss. Als dies ohne Ergebnis bleibt, dämmert der Gruppe die schreckliche Wahrheit: Owen muss einer von ihnen sein! Als potenzielles Opfer hat er die beste Tarnung. Fortan belauert und verdächtigt man einander, während die Zahl der „Negerlein“ weiter abnimmt …

Rätsel-Krimi auf die Spitze getrieben

Seit jeher wird gegen den Whodunit, jene Variante des Kriminalromans, der sich dem Wettkampf zwischen Autor und Leser auf der Suche nach dem Täter verschrieben hat, der Vorwurf erhoben, er vernachlässige die schlüssige psychologische Zeichnung seiner Figuren und ihrer Motive zugunsten einer ausgetüftelt konstruierten, aber letztlich mechanischen Handlung, die nur den Fall und dessen Lösung in den Vordergrund stelle. Dem kann grundsätzlich zugestimmt werden, bloß: Was ist eigentlich dagegen einzuwenden? Gar nichts, wie uns Agatha Christie mit dem hier vorliegenden Werk belegt. Sie gibt niemals vor, mit „Und dann gabs keines mehr“ eine realistische Geschichte zu erzählen, sondern füllt ein reizvolles Gedankenspiel mit literarischem Leben.

Ein isolierter Ort, eine überschaubare Gruppe, keine Möglichkeit zur Flucht oder zum heimlichen Eindringen der Außenwelt. Trotzdem ereignen sich diverse Morde. Wie kann das angehen? Die Zahl der Möglichkeiten ist begrenzt, sie werden von der Autorin konsequent durchgespielt. Christies Kunst besteht nun darin, dem Leser die Möglichkeiten schlüssig vor Augen zu führen. Sieh genau hin, keine Tricks, du kannst meine Hände sehen, und trotzdem werde ich dich täuschen! So gelingt es auch Agatha Christie: Sie überzeugt uns, dass „Nigger Island“ ein Ort ohne geheime Kammern und Verstecke ist. Trotzdem sterben die Besucher.

Wie kann das geschehen? Ganz einfach: Christie versteckt eben doch ein As im Ärmel. Sie beherzigt die höchste Pflicht des Whodunit: Verkaufe dein Publikum niemals für dumm, aber sei stets schlauer als deine Leser! Folgerichtig gibt es noch eine Lösung, an die möglichst niemand gedacht hat. Sie ist gelinde gesagt kompliziert und verrückt, aber sie ist gleichzeitig absolut logisch (und soll hier selbstverständlich nicht verraten werden).

Um sich die Aufgabe noch zu erschweren, aber auch um den Unterhaltungswert zu steigern, lässt Christie ihren Mr. U. N. Owen (= „Mr. Unknown“ = „Mr. Unbekannt“) nach Vorgabe eines alten Kinderreimes morden. Zehn Gäste = zehn kleine Negerlein, und wer besagten Reim kennt, weiß um die reichlich morbiden Todesarten, die hier fröhlich besungen werden!

Sie haben nichts gemeinsam – oder doch?

Wer ist’s gewesen? Diese Frage beschäftigt den Leser, dessen Neugier sich steigert, je mehr Gäste ins Gras beißen müssen. Die Mechanik der Handlung führt dazu, dass die Figuren als Individuen weniger wichtig sind denn als Gruppe von Verdächtigen. Christie zeichnet sie deshalb mit deutlichen, aber flüchtigen Strichen: Die Männer und Frauen auf „Nigger Island“ bleiben uns fremd. Wir müssen und sollen sie auch gar nicht näher kennen lernen. So verharren wir in derselben Unsicherheit wie sie selbst: Jede/r ist verdächtig! Obwohl Agatha Christie in ihrer langen Karriere vielleicht zu viele Whodunits schrieb oder sogar produzierte, ist sie auch dafür berühmt geworden, mehrfach mit den Regeln dieses Genres gespielt und sie mehrfach in ihr Gegenteil verkehrt zu haben. „Mord im Orient-Express“ („Murder on the Orient Express“, 1934) und „Tod in den Wolken“ („Death in the Clouds“/„Death in the Air“, 1935) zählen zu den bekannten Beispielen, aber auch und ganz besonders der vorliegende Roman gehört dazu.

Hier steckt nicht eine Gruppe Unschuldiger in Schwierigkeiten. Die Zehn sind in der Tat Mörder oder haben durch Leichtsinn oder Pflichtvergessenheit den Tod anderer Menschen verursacht. Sie alle leugnen es zunächst, gestehen es später aber ein. Diese Offenheit geht einher mit dem allmählichen, dann immer rascher ablaufenden Verfall gesellschaftlicher Etikette. Was zunächst eine zugeknöpfte Schar fremder Menschen war, zerfällt archaisch in ums Überleben ringende, einander misstrauende, Bündnisse knüpfende und wieder verwerfende, zunehmend jede Maske fallen lassende Einzelkämpfer. Dieser Prozess wird von Christie überzeugend und nie zimperlich inszeniert und macht den Reiz aus, den „Und dann gabs keines mehr“ nicht nur auf Generationen von Krimilesern, sondern auch auf Theater- und Filmschaffende ausübte: Hier bieten sich einem Schauspielerensemble reizvolle Herausforderungen!

So wurde aus dem Roman bereits 1943 ein Bühnenstück – Agatha Christie hat es selbst verfasst – und 1945 ein Kinofilm. Regisseur René Clair schuf mit „And Then There Were None“ (dt. „Das letzte Wochenende“) die erste und wohl beste Fassung. Mindestens viermal (1965, 1975, 1989) wurde der Roman seitdem verfilmt. Weitaus größer ist die Zahl der Filme, die sich der Plot-Konstellation mehr oder weniger deutlich bedienen; u. a. deklinierte Renny Harlin es mit seinem Thriller „Mindhunters“ (2004) durch.

Exkurs: Lady Agathas zweifelhafter Nachruhm als ‘Rassistin’

„Und dann gabs keines mehr“ gehört zu den Klassikern des Kriminalromans und wird auch in Deutschland seit sechs Jahrzehnten ständig neu aufgelegt. Außerhalb des Genres wurde dieses Buch vor einigen Jahren aufgrund seines anrüchigen Titels bekannt. „Ten Little Niggers“ betitelte Christie ihr Werk 1939. So hatte Frank Green 1869 seinen unsterblich gewordenen Kinderreim genannt, welcher der Verfasserin als Grundlage für ihr streng konstruiertes Mordrätsel diente.

1869 durfte man das Wort „Nigger“ noch verwenden. 1939 war dies schon nicht mehr so selbstverständlich. Christie wurde das bewusst, als sie ihren Roman in die USA verkaufen wollte. Dort hätten die schwarzen Leser – zwar politisch und gesellschaftlich diskriminiert, aber als zahlende Kunden durchaus gern gesehen – womöglich verärgert reagiert. Also titelte man das Werk in „Ten Little Indians“ um – und stieß damit eine weitere ethnische Minderheit vor den Kopf. Kein Wunder, dass man mit dem nächsten Neutitel auf Nummer Sicher ging: „And Then There Where None“.

In Deutschland gab es lange keinen Grund zu solchem Tun: Hier hieß der Roman seit jeher neutral „Letztes Weekend“. Erst 1985 wurde er neu übersetzt und erhielt den Titel „Zehn kleine Negerlein“: korrekt, aber auch eine tickende Zeitbombe, die 2002 als deutsches Lehrstück explodierte. In diesem Jahr sollten die „Zehn kleinen Negerlein“ in Hannover als Theaterstück aufgeführt werden. Ein Verein namens „African Action“ monierte den Titel, was zunächst höchstens die immer dankbaren Medien interessierte. Aber genannter Verein alarmierte die „Antidiskriminierungsstelle“, die es in der niedersächsischen Landeshauptstadt gibt. Mit deutscher Gründlichkeit nahm sie ihre Arbeit auf, informierte die erstaunten Christie-Erben in London (wo sich bisher offenbar kein Protest erhoben hatte) und ließ nicht eher locker, bis diese einer Umtitelung des Theaterstücks für Deutschland zustimmten.

Weil man schon einmal dabei war, erweiterte man diese Zustimmung auf die Neuauflage des Buches, das seither ebenfalls „Und dann gabs keines mehr“ heißt. Leider konnte man handlungsintegrale Elemente wie „Nigger Island“, den Ort des Geschehens, nicht politisch korrigieren. Auch das alte Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ findet weiterhin mehrfach Erwähnung. Deshalb gibt’s einleitend vorsorglich eine weitschweifige Entschuldigung an möglicherweise erregte Zeitgenossen. Und so ist diese Welt wieder ein besserer Ort geworden …

[md]

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