Buchrezicenter.de

neuauflage

… und raus bist du!

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Juni 2010

queen-raus-bist-du-coverEllery Queen
… und raus bist du!

(sfbentry)
Originaltitel: Double, Double! (New York : Little, Brown, and Company 1950)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Wer ist der Nächste?“): 1953 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 55)
Übersetzung: Lola Humm-Sernau
191 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 1999 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Bd. 1085)
Übersetzung: Monika Schurr
301 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-4847-9

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in diesem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehengeblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; der Säufer Tom Anderson ist in einem Sumpf verschwunden.

Den alten Tom hat Queen gekannt und gemocht. Als Rima, seine Tochter, in New York auftaucht und den Detektiv um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt dieser sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen, dass alle seltsamen Vorfälle einen Faktor gemeinsam haben: Irgendwie war stets Dr. Sebastian Dodd beteiligt, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Und besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest …

Idylle mit dunklen Winkeln

„… und raus bist Du!“ ist der letzte Queen-Krimi der „Wrightsville“-Serie. In „The Devil to Pay“ (1938, dt. „Des Teufels Rechnung“) hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur einher. Queen wurde ‚erwachsen‘; er arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegen strebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in „Calamity Town“ (dt. „Schatten über Wrightsville“) zum ersten Mal nach Wrightsville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: „The Murderer Is a Fox“, dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“; 1948: „Ten Days Wonder“, dt. „Der zehnte Tag“; 1950: „Double, Double!“).

Wrightsville ist scheinbar das gute, alte, intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem flachen Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der ‚richtigen‘ Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.

Rätselspiel mit ernsten Nebenwirkungen

„… und raus bist du!“ demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser Typen gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zu viel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) ‚erneuerte‘ Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das Goldene Zeitalter des klassischen „Whodunit?“-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.

Die Figuren gewinnen Tiefe

Über Ellery Queen ist weiter oben das Grundsätzliche schon gesagt worden. Das „ausgestopfte Hemd“ der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentlemans (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Rima Anderson ist – Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort – zunächst weniger eine Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus William Henry Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker „Green Mansions“ (dt. „Das Vogelmädchen“) von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Nachhilfe) eine ganz ‚normale‘ junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt.

Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der „Philosoph“, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es weiter, eine Galerie gespaltener Persönlichkeiten, wie es der Roman-Originaltitel andeutet, in einem höchst spannenden und an wendungsreichen Kriminalroman.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Drachenzähne

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Mai 2010

queen-drachenzahne-cover-fischer-2009Ellery Queen
Drachenzähne

Originaltitel: The Dragon’s Teeth (New York: Frederick A. Stokes 1939)
Deutsche Ausgabe (unter dem Titel „Die Drachenzähne“): 1958 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 108)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: September 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18471)
Übersetzung: Lola Humm Sernau
239 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18471-2

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten.

Ellery müsste auf Schloss Tarrytown, Coles palastartigem Anwesen, nach Spuren forschen. Glücklicherweise ermittelt er seit einiger Zeit nicht mehr allein: Beau Rummell, ein junger Kriminalist, konnte ihn überreden, mit ihm eine Detektivagentur zu gründen. Notgedrungen schickt Ellery nun seinen Eleven aus, der unter seinem Namen ermittelt. Rummell ist eifrig aber unerfahren, und die beiden Hauptverdächtigen in einem möglichen Mordfall Cole sind zwei hübsche Frauen.

Mit der einen, Kerrie Shawn, ist Beau bald verheiratet. Die andere, Margo Cole, sinkt im Streit mit der Braut tot zu Boden, die man mit rauchendem Revolver über der Leiche findet. Kerrie behauptet, die Schüsse seien durch das Fenster gekommen, die Waffe ihr zugeworfen worden. Inspector Richard Queen, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, kann das nicht recht glauben. Der verzweifelte Beau ruft Ellery Queen zur Hilfe, der sich in einen Fall verwickelt sieht, der noch wesentlich verzwickter ist, als er den Beteiligten zunächst erscheint …

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Cover der dt. Erstausgabe von 1959 (Bild: Sammlung md)

Zwei Detektive, eine Hochzeit & diverse Todesfälle

Der Roman „Die Drachenzähne“ konfrontiert die Ellery-Queen-Fangemeinde mit einer zunächst verwirrenden Neuerung: Wir lesen hier nicht nur eine der kurios verwickelten und klassischen Mordgeschichten, die wir kennen und lieben, sondern auch oder sogar vor allem eine ‚Kriminalromanze‘. Einer Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen – die Dame des Herzens könnte Opfer eines Komplotts, aber auch Mörderin sein – wird mindestens ebenso breiter Raum geschenkt wie dem eigentlichen Plot, der um das mysteriöse Ende eines exzentrischen Multimillionärs kreist.

Dies mag in den 1930er Jahren von Erfolg gekrönt worden sein; heute erweist sich die Mixtur als reichlich schal. Die Verfolgung und Rettung der unschuldigen Schönen hält sich ein wenig zu deutlich an ein Schema, das längst von der Zeit überrollt wurde. Die Frau der Gegenwart lässt sich nicht mehr für so dumm wie Kerrie Shawn verkaufen, die ohne die Unterstützung ihres Beaus und anderer starker Männer mehr als einmal ob ihrer geradezu aggressiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit ein düsteres Schicksal ereilen würde.

Die Handlung kommt erst in Schwung, als ein Mord geschieht und das Vater-Sohn-Gespann Richard & Ellery Queen das Heft in die Hand nimmt. Das Geschehen konzentriert sich jetzt mehr und mehr auf die Ermittlungen. Der alte Zauber der Ellery-Queen-Krimis kommt voll zur Wirkung: Im atemberaubenden Tempo werden völlig logische Lösungen präsentiert, um umgehend verworfen und durch neue Geistesblitze ersetzt zu werden. „Whodunit?“: Das ist die Frage, die über Gedeih und Verderb eines Queen-Thrillers entscheidet. Hier kann man nur bewundernd zugestehen: In letzter Sekunde fabelhaft die Kurve gekriegt! Ellery löst das Rätsel, und wie es sich gehört, ist der Täter derjenige, auf den wir nie getippt hätten.

Der eigenartige Titel spielt übrigens auf eine antike Sage an und wird uns von Ellery Queen persönlich erläutert: Einst musste der griechische König Kadmos sich einer Reihe gefahrvoller Prüfungen unterziehen. Unter anderem säte er Drachenzähne. Aus jedem erwuchs eine Gefahr. Diesem Beispiel ist Cadmus Cole mit seinem Testament gefolgt, das seinen Erben leicht den Tod, auf jeden Fall aber Unglück und Unzufriedenheit bringen kann.

Dem Nachwuchs eine Chance!

Ein Ellery-Queen-Roman ohne Ellery Queen? Ein Blinddarm-Durchbruch reißt unseren Helden zu einem recht frühen Zeitpunkt aus der Handlung, in die er als Genesender erst in der zweiten Hälfte (aber inkognito) zurückkehrt. Ihn ersetzt (oder soll ersetzen) Beau Rummell, ein junger, höchst eifriger Mann, der grundsätzlich das Zeug zur Hauptfigur hat. Kriminalistisch ist er als Sohn eines Polizisten einschlägig vorbelastet, Jura hat er studiert. Als Privatdetektiv lernt er rasch dazu.

Privat weist Rummell jene Eigenheiten auf, die ein guter Schriftsteller einem Serienhelden unauffällig aufprägt, um ihn unverwechselbar zu machen. Ellery Queen (gemeint ist dieses Mal der Autor) schlägt ihn mit einem unmöglichen Namen: Beau Brummell (1778-1840) gehört zu den großen Exzentrikern der Geschichte; ein Mann, der bis zum Exzess sein Leben der Mode und seiner Erscheinung gewidmet hatte und sprichwörtliches Vorbild für einen putzsüchtigen Lackaffen geworden ist.

Klar, dass der unglückliche Rummell als kerniger US-Amerikaner seine Jugendjahre damit verbringt Spötter zu vertrimmen und darüber groß und stark wird. Im Jahre 1939 ist er so weit, den Versuch zu wagen, in Ellery Queens (jetzt gemeint ist der Detektiv) Fußstapfen zu treten.

Der Erfolg verträgt keine Experimente

Wieso hat Queen (der Schriftsteller – ich weiß, es ist verwirrend!) seinen bekannten Helden aus dem Rennen genommen? Der Hauptgrund war ein Versuch, neue Wege zu beschreiten. 1939 ermittelte Ellery Queen bereits ein Jahrzehnt. Er hatte eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt, die ihn zu Recht berühmt und beliebt beim lesenden Publikum gemacht hatten. Dessen Erwartungen waren hoch und naturgemäß schwer zu befriedigen; welcher Serienheld steht nicht vor dem Dilemma, sich jedes Mal steigern und selbst übertreffen zu müssen?

Einen Ausweg bietet ständiger Kulissenwechsel. Das ist riskant, denn Serienhelden dürfen sich nicht wirklich ändern. Ihre Beliebtheit basiert zu einem guten Teil auf beruhigender Berechenbarkeit, auf die der Fan ungern verzichtet. Frederic Dannay und Manfred B. Lee (die Schöpfer von Ellery Queen) zeigten sich in dieser Hinsicht erstaunlich mutig. In vier Jahrzehnten veränderten und modernisierten sie ihren Detektiv fast unmerklich oder so geschickt, dass die Fans willig folgten. Außerdem experimentierten sie mit ihrer Figur, vertrauten sie anderen Schriftstellern an – oder rückten sie wie hier in den Hintergrund, wo sie den ganz hartgesottenen Queen-Freund durch eine ansonsten Queen-fremde Story führte.

“Drachenzähne” ist folglich eher ein Beau Rummell-Roman. Diese Figur ist nicht an die fixierten Queenschen Charakterzüge und Verhaltensweisen gebunden. Deshalb können ihn die Autoren auch in eine ‚richtige‘ Liebesgeschichte verwickeln, während der Ellery dieser Jahre zwischen weibfreier Denkmaschine und charmantem Frauenliebling mit Bindungsängsten changiert.

Versuch eines Lady-Thrillers

Die Lovestory zwischen Beau & Kerrie fällt zudem in eine Phase, in der Hollywood Ellery Queen (das Autorenduo und die Figur) entdeckt hatte. Schon die Verfilmungen der älteren, literarisch eher dem Fall verhafteten Queen-Romane weisen stärkere Romantik- oder Seifenoper-Elemente als die Romane auf. Weil Herzschmerz in der Filmindustrie seit jeher als verkaufsförderlicher erachtet wird als Hirnschmalz, kamen die durchaus kundenorientierten und geschäftstüchtigen Dannay & Lee den Studios entgegen.

Was für Kerrie Shawn die fatale Konsequenz hat, die uns hier als zeitgenössisches Exemplar des weiblichen Geschlechts unter die Augen tritt: ein nur notgedrungen selbstständiges „Mädchen“ (so der O-Ton), das sogleich an die breite Brust des ersten Ritters sinkt, sobald der sich endlich sehen lässt, und zuverlässig ohnmächtig wird, wenn Gefahr droht, um genanntem Ritter die Möglichkeit für mannhaften Einsatz zu bieten. Völlig passiv lässt sich Kerrie zwischen Ritter, Polizei, aufdringlichen Schurken und sonstigem Mannsvolk hin- und herschieben, weint viel und ist auch sonst eine üble Landplage. Merke: Nicht immer gleicht Nostalgie jeden Anachronismus aus! Glücklicherweise zog Ellery Queen (jetzt wieder das Autorenpaar) selbst die Konsequenzen und drosselte den Schnulzenfaktor in späteren Werken auf ein erträglicheres Format. Zur ‚reinen‘ Form des „Whodunit?“ kehrten sie allerdings nicht mehr zurück.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller, Liebe & Romantik | Keine Kommentare »

Und dann gabs keines mehr

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Mai 2010

christie-und-dann-tb-coverAgatha Christie
Und dann gabs keines mehr

(sfbentry)
Originaltitel: Ten Little Niggers or The Last Weekend/Ten Little Indians/And Then There Was None (London : HarperCollins 1939)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Letztes Weekend“): 1944 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Anna Katharina Rehmann
248 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 2006 (Fischer Verlag/TB Nr. 17404)
Übersetzung: Sabine Deitmer
224 S.
ISBN-13: 978-3-596-17404-1
Sonderausgabe (geb.): Oktober 2009 (Fischer Verlag)
319 S.
ISBN-13: 978-3-596-51114-3

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Wer ist Ulick Norman Owen? Diese Frage stellen sich zehn Männer und Frauen, die von Herkunft und Lebensart verschiedener nicht sein könnten. Besagter Mr. Owen hat sie auf ein Wochenende am Meer eingeladen. Vor einiger Zeit erwarb er „Nigger Island“, eine Insel vor der Küste der englischen Grafschaft Devon, die von einem feudalen Landsitz gekrönt wird. Sehr schön und luxuriös ist es hier, aber leider auch recht abgeschieden. Es gibt keine Fährverbindung zum Festland. Das wird fatal für unsere zehn Gäste, die eben doch eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie alle hüten ein düsteres Geheimnis. In ihrer Vergangenheit haben sie sich diverser Verfehlungen und Verbrechen schuldig gemacht, die unentdeckt und folglich unbestraft blieben.

Der mysteriöse Mr. Owen hat davon erfahren. Er, der weiterhin unsichtbar bleibt, kündigt Gerechtigkeit an. Ohne die Möglichkeit der Flucht sollen die Zehn ihre Strafe erwarten, die stets mit dem Tod identisch ist. Auf Nachsicht können die ‚Gäste‘ nicht zählen. Einen nach dem anderen ereilt das Ende, das perfide vom alten Kinderreim der „Zehn kleine Negerlein“ inspiriert ist, der gut sichtbar in jedem Zimmer aushängt.

Verzweifelt und vergeblich suchen die Verfolgten nach einer Fluchtmöglichkeit. Also ergreift man die Flucht nach vorn und durchsucht die Insel nach dem Versteck, in dem Owen sich zwischen seinen Untaten verborgen halten muss. Als dies ohne Ergebnis bleibt, dämmert der Gruppe die schreckliche Wahrheit: Owen muss einer von ihnen sein! Als potenzielles Opfer hat er die beste Tarnung. Fortan belauert und verdächtigt man einander, während die Zahl der „Negerlein“ weiter abnimmt …

Rätsel-Krimi auf die Spitze getrieben

Seit jeher wird gegen den Whodunit, jene Variante des Kriminalromans, der sich dem Wettkampf zwischen Autor und Leser auf der Suche nach dem Täter verschrieben hat, der Vorwurf erhoben, er vernachlässige die schlüssige psychologische Zeichnung seiner Figuren und ihrer Motive zugunsten einer ausgetüftelt konstruierten, aber letztlich mechanischen Handlung, die nur den Fall und dessen Lösung in den Vordergrund stelle. Dem kann grundsätzlich zugestimmt werden, bloß: Was ist eigentlich dagegen einzuwenden? Gar nichts, wie uns Agatha Christie mit dem hier vorliegenden Werk belegt. Sie gibt niemals vor, mit „Und dann gabs keines mehr“ eine realistische Geschichte zu erzählen, sondern füllt ein reizvolles Gedankenspiel mit literarischem Leben.

Ein isolierter Ort, eine überschaubare Gruppe, keine Möglichkeit zur Flucht oder zum heimlichen Eindringen der Außenwelt. Trotzdem ereignen sich diverse Morde. Wie kann das angehen? Die Zahl der Möglichkeiten ist begrenzt, sie werden von der Autorin konsequent durchgespielt. Christies Kunst besteht nun darin, dem Leser die Möglichkeiten schlüssig vor Augen zu führen. Sieh genau hin, keine Tricks, du kannst meine Hände sehen, und trotzdem werde ich dich täuschen! So gelingt es auch Agatha Christie: Sie überzeugt uns, dass „Nigger Island“ ein Ort ohne geheime Kammern und Verstecke ist. Trotzdem sterben die Besucher.

Wie kann das geschehen? Ganz einfach: Christie versteckt eben doch ein As im Ärmel. Sie beherzigt die höchste Pflicht des Whodunit: Verkaufe dein Publikum niemals für dumm, aber sei stets schlauer als deine Leser! Folgerichtig gibt es noch eine Lösung, an die möglichst niemand gedacht hat. Sie ist gelinde gesagt kompliziert und verrückt, aber sie ist gleichzeitig absolut logisch (und soll hier selbstverständlich nicht verraten werden).

Um sich die Aufgabe noch zu erschweren, aber auch um den Unterhaltungswert zu steigern, lässt Christie ihren Mr. U. N. Owen (= „Mr. Unknown“ = „Mr. Unbekannt“) nach Vorgabe eines alten Kinderreimes morden. Zehn Gäste = zehn kleine Negerlein, und wer besagten Reim kennt, weiß um die reichlich morbiden Todesarten, die hier fröhlich besungen werden!

Sie haben nichts gemeinsam – oder doch?

Wer ist’s gewesen? Diese Frage beschäftigt den Leser, dessen Neugier sich steigert, je mehr Gäste ins Gras beißen müssen. Die Mechanik der Handlung führt dazu, dass die Figuren als Individuen weniger wichtig sind denn als Gruppe von Verdächtigen. Christie zeichnet sie deshalb mit deutlichen, aber flüchtigen Strichen: Die Männer und Frauen auf „Nigger Island“ bleiben uns fremd. Wir müssen und sollen sie auch gar nicht näher kennen lernen. So verharren wir in derselben Unsicherheit wie sie selbst: Jede/r ist verdächtig! Obwohl Agatha Christie in ihrer langen Karriere vielleicht zu viele Whodunits schrieb oder sogar produzierte, ist sie auch dafür berühmt geworden, mehrfach mit den Regeln dieses Genres gespielt und sie mehrfach in ihr Gegenteil verkehrt zu haben. „Mord im Orient-Express“ („Murder on the Orient Express“, 1934) und „Tod in den Wolken“ („Death in the Clouds“/„Death in the Air“, 1935) zählen zu den bekannten Beispielen, aber auch und ganz besonders der vorliegende Roman gehört dazu.

Hier steckt nicht eine Gruppe Unschuldiger in Schwierigkeiten. Die Zehn sind in der Tat Mörder oder haben durch Leichtsinn oder Pflichtvergessenheit den Tod anderer Menschen verursacht. Sie alle leugnen es zunächst, gestehen es später aber ein. Diese Offenheit geht einher mit dem allmählichen, dann immer rascher ablaufenden Verfall gesellschaftlicher Etikette. Was zunächst eine zugeknöpfte Schar fremder Menschen war, zerfällt archaisch in ums Überleben ringende, einander misstrauende, Bündnisse knüpfende und wieder verwerfende, zunehmend jede Maske fallen lassende Einzelkämpfer. Dieser Prozess wird von Christie überzeugend und nie zimperlich inszeniert und macht den Reiz aus, den „Und dann gabs keines mehr“ nicht nur auf Generationen von Krimilesern, sondern auch auf Theater- und Filmschaffende ausübte: Hier bieten sich einem Schauspielerensemble reizvolle Herausforderungen!

So wurde aus dem Roman bereits 1943 ein Bühnenstück – Agatha Christie hat es selbst verfasst – und 1945 ein Kinofilm. Regisseur René Clair schuf mit „And Then There Were None“ (dt. „Das letzte Wochenende“) die erste und wohl beste Fassung. Mindestens viermal (1965, 1975, 1989) wurde der Roman seitdem verfilmt. Weitaus größer ist die Zahl der Filme, die sich der Plot-Konstellation mehr oder weniger deutlich bedienen; u. a. deklinierte Renny Harlin es mit seinem Thriller „Mindhunters“ (2004) durch.

Exkurs: Lady Agathas zweifelhafter Nachruhm als ‘Rassistin’

„Und dann gabs keines mehr“ gehört zu den Klassikern des Kriminalromans und wird auch in Deutschland seit sechs Jahrzehnten ständig neu aufgelegt. Außerhalb des Genres wurde dieses Buch vor einigen Jahren aufgrund seines anrüchigen Titels bekannt. „Ten Little Niggers“ betitelte Christie ihr Werk 1939. So hatte Frank Green 1869 seinen unsterblich gewordenen Kinderreim genannt, welcher der Verfasserin als Grundlage für ihr streng konstruiertes Mordrätsel diente.

1869 durfte man das Wort „Nigger“ noch verwenden. 1939 war dies schon nicht mehr so selbstverständlich. Christie wurde das bewusst, als sie ihren Roman in die USA verkaufen wollte. Dort hätten die schwarzen Leser – zwar politisch und gesellschaftlich diskriminiert, aber als zahlende Kunden durchaus gern gesehen – womöglich verärgert reagiert. Also titelte man das Werk in „Ten Little Indians“ um – und stieß damit eine weitere ethnische Minderheit vor den Kopf. Kein Wunder, dass man mit dem nächsten Neutitel auf Nummer Sicher ging: „And Then There Where None“.

In Deutschland gab es lange keinen Grund zu solchem Tun: Hier hieß der Roman seit jeher neutral „Letztes Weekend“. Erst 1985 wurde er neu übersetzt und erhielt den Titel „Zehn kleine Negerlein“: korrekt, aber auch eine tickende Zeitbombe, die 2002 als deutsches Lehrstück explodierte. In diesem Jahr sollten die „Zehn kleinen Negerlein“ in Hannover als Theaterstück aufgeführt werden. Ein Verein namens „African Action“ monierte den Titel, was zunächst höchstens die immer dankbaren Medien interessierte. Aber genannter Verein alarmierte die „Antidiskriminierungsstelle“, die es in der niedersächsischen Landeshauptstadt gibt. Mit deutscher Gründlichkeit nahm sie ihre Arbeit auf, informierte die erstaunten Christie-Erben in London (wo sich bisher offenbar kein Protest erhoben hatte) und ließ nicht eher locker, bis diese einer Umtitelung des Theaterstücks für Deutschland zustimmten.

Weil man schon einmal dabei war, erweiterte man diese Zustimmung auf die Neuauflage des Buches, das seither ebenfalls „Und dann gabs keines mehr“ heißt. Leider konnte man handlungsintegrale Elemente wie „Nigger Island“, den Ort des Geschehens, nicht politisch korrigieren. Auch das alte Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ findet weiterhin mehrfach Erwähnung. Deshalb gibt’s einleitend vorsorglich eine weitschweifige Entschuldigung an möglicherweise erregte Zeitgenossen. Und so ist diese Welt wieder ein besserer Ort geworden …

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Film & Fernsehen, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Frauen reden zuviel

Erstellt von Michael Drewniok am 30. März 2010

truss-frauen-coverSeldon Truss
Frauen reden zuviel

(sfbentry)
Originaltitel: Ladies Always Talk (London : Hodder & Stoughton 1950)/Why Slug a Postman? (Garden City/New York : Doubleday 1950)
Übersetzung: Maria Meinert
Deutsche Erstausgabe: 1962 (Alfred Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane Nr. 171)
189 S.
[kein ISBN]


Das geschieht:

Das Schicksal treibt seltsame Scherze mit der jungen Ann Smith aus London: Zwar stammt sie aus gutem Haus, ist aber arm wie eine Kirchenmaus, denn mit einer reichen Tante hat sich die Familie schon lange verkracht. Nun muss sie eine Stelle als Dienstmädchen in der Pension der strengen Miss Melrose annehmen. Ausgerechnet dort hat sich auch Miss Blenkarne, besagte Tante, einquartiert, die von der Anwesenheit der Nichte nichts ahnt.

Die Pension ist der Wohnort zwar wohlhabender aber recht kapriziöser Zeitgenossen. Sie beklagen sich gern und intrigieren noch lieber. Derzeit ist ein seltsamer Vorfall Thema der Tischgespräche: Als der Postbote vor dem Haus den Briefkasten leeren wollte, wurde er überfallen und niedergeschlagen. Der Dieb stahl kein Geld, sondern nur die von den Hausbewohnern eingeworfenen Briefe; eine Tat, die auch bei der Polizei für Ratlosigkeit sorgt.

Wenig später unterläuft Ann offenbar ein fataler Irrtum, als sie eine Dose Lachs, die ihre Haltbarkeit längst überschritten hat, zum Verzehr freigibt. Miss Blenkarne überlebt diese Mahlzeit nicht. Miss Melrose schiebt die Verantwortung auf ihre flugs gefeuerte Angestellte, und auch die Polizei reagiert argwöhnisch. Der mögliche Erbtanten-Mord, von Ann ohnehin energisch bestritten, wäre allerdings nutzlos, denn Miss Blenkarnes Bankkonto ist leer: In den letzten Monaten hat sie ihren gesamten Wertpapierbesitz zu Geld gemacht, das nun verschwunden ist.

Wer hat die alte Dame dazu veranlasst? Wo ist das beträchtliche Vermögen geblieben? Scotland Yard schickt Chefinspektor Gidleigh in das Haus Chester Grove Nr. 36. Geduldig beginnt der erfahrene Ermittler den kriminellen Knoten zu entwirren, was zu überraschenden Ergebnissen führt …

Die Attraktion der Wiederholung

Plot, Figurenpersonal, Schauplatz, Schreibstil: Dies sind die vier Eckpfeiler des typischen Rätselkrimis. Sie stecken ein vergleichsweise überschaubares Gelände ab, in dem nichtsdestotrotz zahllose unterhaltsame Kriminalromane spielen, obwohl ihre Handlungen bereits bei geringem Betrachtungsabstand nur schwer zu differenzieren sind. Dennoch lieben die Fans diese gemütliche („cozy“) Nische, in der sie zumindest lesend dem Alltag eine Weile entfliehen können.

Nichts dagegen einzuwenden, wenn dies so unwiderstehlich offen und (dies freilich unfreiwillig) altmodisch geschieht wie in unserem Fall. Schon der Titel „Ladies Always Talk“ und erst recht seine deutsche Übersetzung würden heute politisch korrekten Widerstand provozieren. Überhaupt spielt das Geschehen in einer überholten Welt, wobei der Zeitfaktor zumindest in einem entscheidenden Detail auch vom historisch uninteressierten Leser berücksichtigt werden muss: Dass in einer Pension des beschriebenen Niveaus Luxus-Lebensmittel nicht nur aus der Konservendose stammen, sondern diese darüber hinaus verrostet und verdorben sein können, ist dem Mangel der ersten Nachkriegsjahre geschuldet, die den zeitlichen Hintergrund unserer Geschichte bilden; der II. Weltkrieg hat auch in England seine Spuren hinterlassen.

Die Pension selbst stellt die im „Whodunit“ unverzichtbare isolierte und übersichtliche Kulisse dar. Hier spielt sich der Mord statt, der das Krimi-Geschehen in Gang setzt, und hier wohnen die der Tat Verdächtigen: So fordert es das Versprechen der Fairness, das der miträtselnde Leser als gegeben voraussetzt.

Im Puppenhaus der unterdrückten Triebe

Bis sich der mit dem Fall betreute Detektiv – der zum sechsten Mal auf einen Fall angesetzte Chefinspektor Gidleigh – blicken lässt, sind beinahe 100 Buchseiten gelesen. Dem Geschick des Verfassers ist zu verdanken, dass wir ihn gar nicht vermissen. Mit der Pension am Chester Grove schuf der Verfasser einen mustergültigen, in sich selbst ruhenden „Whodunit“-Mikrokosmos, den wir uns gern gemächlich vorstellen lassen.

Das Haus selbst ist alt und mit vielen Gängen und Treppen versehen, die einem Übeltäter Auftritt und Flucht erleichtern. Zudem lebt in jedem Raum eine unterhaltsam exzentrische Figur. Truss spielt hier mit Genre-Klischees, die er gleichzeitig konserviert. Wie ‚realistisch‘ ist eine Verdächtigen-Schar, die u. a. aus einem indischen Militär-Veteranen, einer belgischen Als-ob-Gräfin, einer hysterischen Tante und einem sarkastischen Arzt besteht? Hinzu kommen eine Wirtin mit mysteriöser Vergangenheit, ein sardonischer Butler, der stets dort auftaucht, wo etwas geschieht, das er weder sehen noch hören sollte, ein grenzdebiles Hausmädchen und eine ungerührte Köchin, die ohne einen Blick auf den möglicherweise bedenklichen Zustand der Lebensmittel zu werfen („Dafür bin ich nicht da.“) blind und stur zubereitet, was ihr unter die Finger gerät.

Ann Smith passt gut in diese seltsame Gesellschaft. Auf der einen Seite ist sie die Maid in Not, die unter einen Mordverdacht gerät, der erst in letzter Sekunde von ihr genommen werden kann. Gleichzeitig beschreibt Truss einen Charakter mit Widerhaken, die den Leser in Unsicherheit wiegen: Wie unschuldig ist Miss Smith wirklich?

Kein Held, sondern nur ein objektiver Ermittler

Das fragt sich und sie auch Chefinspektor Gidleigh. Genretypisch lässt er sich dabei nicht wirklich in die Karten schauen. Er gehört zu den stillen aber deshalb nicht weniger gründlichen Ermittlern und nähert sich der Wahrheit ruhig aber unerbittlich, indem er sich auf Indizien stützt und Vorurteile oder falsche Anschuldigungen unberücksichtigt lässt: „Frauen reden zuviel“ ist auch ein Schulbeispiel für die Macht des (falschen) Verdachtes. Ebenso witzig wie in der Sache ernst demonstriert Truss uns dies am Beispiel einer gerichtlichen Leichenschau, in deren Verlauf der Leumund von Ann Smith durch an sich belanglose Aussagen Stück für Stück demontiert wird: Unterm Strich addieren sich diese Informationen zu einem widersprüchlichen Bild, das die junge Frau schlecht dastehen lässt. Die Justiz bevorzugt einfache Lösungen, und die Presse liebt den Skandal: Zwischen Ann Smith und ihrer Verurteilung steht schließlich nur noch Gidleigh.

Ihn kann man trotzdem schwerlich als Helden bezeichnen. Gidleigh ist kein Sherlock Holmes, der ebenso genial wie verschroben und damit unterhaltsam seinem Job nachgeht. Diese Charakterisierung ist für den Verfasser durchaus vorteilhaft: Die Geschichte funktioniert auch ohne Gidleigh, der wie gesagt erst involviert wird, als die Ereignisse im Haus Chester Grove Nr. 36 gründlich so verwirrt wurden, dass nur ein außergewöhnlicher Ermittler die Wahrheit noch aufdecken kann.

Wortwitz im Dienst des Geschehens

Den blassen Gidleigh gleicht Truss durch einen Schreibstil aus, der treffsicher zwischen Ernst und Humor balanciert, was sich – selten genug gelingt dies – in der deutschen Übersetzung erhalten hat: Als die Polizei einen verdächtigen Koffer sicherstellt, schaltet sich der Beamte in der Gepäckaufbewahrung sachkundig so ein: „Zu klein für eine Leiche … Oder es müsste schon ein Baby sein. Und nicht schwer genug für Silber.“ (S. 121) Eher in die heutige Zeit passt auch eine angeregte Diskussion über den Giftgehalt von Erbrochenem, die in einem gut besetzten Speiselokal stattfindet (S. 119f.).

Dass der Verfasser für seinen Mord eine schlüssige und spannende Auflösung findet und sie in ein großes Finale kleidet, ist keine Überraschung mehr, sondern rundet das günstige Urteil über dieses Buch ab und weckt den Wunsch nach einer Wiederentdeckung bzw. Neuveröffentlichung von Seldon Truss, der Krimis zu schreiben vermochte, die gerade so überzeichnet wurden, dass sie der Zeit kurzweilig widerstehen konnten.

Autor

Über das Leben von Leslie Seldon Truss ist – obwohl es beinahe ein Jahrhundert währte – nicht viel bekannt. Geboren wurde er 1892, und zunächst zog es ihn zum gerade erfundenen Film: Truss gehört zu den Gründergestalten des britischen Kinos, für das er in den 1910er und frühen 20er Jahren als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur tätig war.

In den 1920er Jahren begann Truss eine zweite Karriere als Schriftsteller. Erfolg hatte er mit seinen Kriminalromanen, von denen der erste („The Stolen Millionaire“) 1929 erschien. Sieben Jahre später schuf Truss mit dem Scotland-Yard-Beamten Gidleigh eine Serienfigur, die zwischen 1936 und 1965 in 23 Romanen – klassischen „Whodunits“ – auftrat.

1969 beschloss Truss – der auch einige Bücher unter dem Pseudonym „George Selmark“ veröffentlichte – seine Schriftsteller-Laufbahn mit dem Roman „The Corpse That Got Away“. Sein Ruhestand währte lange, denn Sheldon Truss starb erst 1990 im gesegneten Alter von 98 Jahren.

[md]

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Historisch, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Die Niemandstraße / Eine kleine Mordmusik

Erstellt von Michael Drewniok am 8. März 2010

nichols-mordmusik-coverBeverley Nichols
Die Niemandstraße / Eine kleine Mordmusik

(sfbentry)
Originaltitel: No Man’s Street (London : Hutchinson 1954)
Übersetzung: George Martin
Deutsche Erstausgabe (geb. u.
unter dem Titel „Die Niemandstraße“): 1956 (Alfred Scherz Verlag)
200 S.
[keine ISBN]
Diese Taschenbuch-Ausgabe (
unter dem Titel „Die Niemandstraße“): 1964 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 216)
186 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe (unter dem Titel „Eine kleine Mordmusik“): 1984 (Alfred Scherz Verlag/Scherz-Krimi 976)
158 S.
ISBN-13: 978-3-502-50976-9

Das geschieht:

Im Arbeitszimmer seines abgelegen in London gelegenen Hauses liegt mit einem Dolch im Rücken Sir Edward Carstairs, ein berühmter, für seine Sachkenntnis bewunderter, aber ob seiner Unerbittlichkeit auch gefürchteter, ja verhasster Musikkritiker. ‚Kommissar‘ [im Original wohl korrekter: Inspektor] George Waller von Scotland Yard übernimmt den Fall, doch parallel dazu bittet die ehemalige Primadonna Sonja Rubinstein, die mit Edward eng befreundet war, den Privatdetektiv Horatio Green um Mitarbeit, gegen die Waller nichts einzuwenden hat.

Die Zahl der Verdächtigen ist klein. An der Spitze der Liste steht Barbara, Edwards Schwester, die offen zugibt, den Bruder verabscheut zu haben. Peter, Edwards Neffe, hat dagegen ein Alibi. Ohnehin gibt es keinerlei Geldvermögen, sondern nur den Titel zu erben. Peter kann allerdings einen weiteren Feind seines Onkels namhaft machen. Kurz vor dem Mord wurde er Zeuge eines heftigen Streites zwischen Edward und dem Dirigenten Ernst Kalkbrenner. Außerdem bemerkte Peter, dass sein Onkel eine wertvolle Schallplatte an sich nahm, welche die einzige Aufnahme der Symphonie des Komponisten-Genies Max Brunner darstellt und seit dem Verbrechen verschwunden ist.

Green muss feststellen, dass der Kreis der Tatverdächtigen weiter als ursprünglich gedacht zu ziehen ist. Als eine weitere Verdächtige den Mord gesteht, ist für Waller der Fall abgeschlossen. Für Green beginnt sich jedoch ein unerhört geschickt eingefädeltes Komplott abzuzeichnen, das so bizarr ist, dass dem Detektiv eine mindestens ebenso absurde Methode zu seiner Aufdeckung einfallen muss …

Dauerbrenner „Mord im verschlossenen Raum“

Türen und Fenster sind fest von innen verschlossen, doch trotzdem liegt im solchermaßen gesicherten Raum eine Leiche. Ein natürlicher Tod ist auszuschließen. Wer ist der Mörder, und wie hat er (oder sie) es gemacht? Generationen einfallsreicher Krimi-Autoren haben auf dem Fundament dieser Ausgangssituation literarische Feuerwerke gezündet, wobei nur die denkschwachen Vertreter ihrer Zunft Zuflucht zu faulen Tricks wie geheimen Gänge oder Zauberei nahmen.

Die ‚reine‘ Form des „Whodunits“ fand ihren Höhepunkt vor dem II. Weltkrieg. Ausgestorben ist der Rätsel-Krimi aber nie; er wurde zu einem Seitenarm des Stroms, der die Geschichte des Kriminalromans darstellt. Die Freunde dieses Subgenres mussten nicht verzagen, denn es gab stets  genug Autoren, die sich um literarische Moden nicht kümmerten.

Die heitere Seite des Mordes

„Eine kleine Mordmusik“ ist zum einen ein später Nachzügler der klassischen „Whodunits“ und zum anderen bereits das ironische Spiel mit dessen Regeln. Die kriminologische Ermittlungsarbeit wird mit der dem Leser wichtigen Detailfreude dargestellt; es gibt sogar eine Skizze vom zentralen Indiz, damit keinerlei Unklarheiten aufkommen. Alle Verhöre werden wortgetreu wiedergegeben, der Miträtsel-Faktor bleibt gewährleistet.

Allerdings ist die schließlich enthüllte Auflösung ein deutlicher Hinweis darauf, dass man „Die Niemandstraße“ als Krimi nicht gar zu ernst nehmen sollte. Groteske Verrenkungen der Logik haben zahlreiche Autoren unternehmen müssen, die sich gar zu einfallsreich ein Mordgespinst einfallen ließen, dem sie selbst nur noch mit Mühe und Not entkamen. Nichols setzt einem ohnehin humorreichen Geschehen höchstens die Krone auf. Dennoch ist die Tat möglich und die Auflösung deshalb logisch.

Für einen Hauch von Realität sorgt die Einbeziehung der damals realen Weltteilung in West und Ost, die indes zu den weniger gelungenen Einfällen des Verfassers zählt. Wesentlich besser gelungen ist ihm dagegen das Personal des „Whodunit“, dessen Gemeinsamkeit sich am besten unter das Adjektiv „übertrieben“ fassen lässt: Vor allem charakterliche Eigentümlichkeiten werden überzogen, ohne übertrieben i. S. von lächerlich zu wirken: eine Kunst, die vor allem im englischen Krimi angenehme Verbreitung fand.

Ein guter Mord gehört dazu

Zu den Eigentümlichkeiten des „Whodunit“ gehört es, dass die Behaglichkeit, die Ort und Figurenpersonal verströmen, durch eine Gewalttat nicht zerstört, sondern erst vollendet werden. Die Unbarmherzigkeit der realen Kriminalität wird durch das Genre gefiltert und gemildert. In „Die Niemandstraße“ geht es nicht nur um Mord, sondern auch um mehrfachen und gemeinen Verrat. Daran werden sich freilich nach der Lektüre nur wenige Leser erinnern. Ihnen bleibt die wie schon erwähnt spektakuläre ‚Auflösung‘ des zentralen Verbrechens im Gedächtnis, und sehr wahrscheinlich haben sie recht damit.

Wobei der deutsche Krimi-Freund vor zwei (bekannten) Dilemmas steht: Niemand kennt hierzulande die Romane von Beverley Nichols (die wirklich eine Neuentdeckung verdienen), und folgerichtig sind sie nicht nur schon vor sehr vielen Jahren (aber vollständig!) erschienen, sondern auch längst vergriffen und nur noch antiquarisch aufzutreiben. Dem ersten Umstand konnte durch diese Rezension hoffentlich einigermaßen abgeholfen werden, sodass der die Neugier des Fans geweckt ist, der sich die Mühe einer Suche – die ja auch Freude sein kann und in diesem Fall ist – anschließend gern macht.

Autor

John Beverley Nichols wurde am 9. September 1898 in Bower Ashton bei Bristol in England geboren. Schon in jungen Jahren entwickelte er sich zu einem vielseitigen Publizisten. Bereits 1920 erschien „Prelude“, Nichols‘ Romandebüt und Start in eine Schriftsteller-Laufbahn, die mehr als sechs Jahrzehnte währte. Nichols schrieb mehr als 60 Romane und Sachbücher, Essays, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, er arbeitete als Journalist, verfasste Reden und komponierte Musik. Er zeigte sich in vielen Genre-Sätteln sitzfest und hatte keine Probleme damit, als Ghostwriter zu schreiben, wie er überhaupt seine literarischen Ansprüche sehr gut mit einem Dasein als Lohnautor vereinbaren konnte.

Obwohl sein thematisches Spektrum beachtlich war, basiert Nichols‘ Ruhm in England vor allem auf seinen Reiseführern durch große Gärten in England. Sie werden seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt und mischen Fachwissen mit literarischen Hochqualitäten. Auf die aus seinen Gartenbüchern resultierende Reputation nahm Nichols keine Rücksicht. In „Father Figure” rechnete er 1972 mit seinem Vater ab, einem Alkoholiker, von dem er missbraucht worden war und den er versucht hatte umzubringen. Dieses Buch erregte großes Aufsehen und den Missfallen gesetzestreuer Bürger, die Nichols als gefährlichen Gesetzesbrecher anzuzeigen versuchten.

Mit seinem Lebenspartner Cyril Butcher lebte Nichols in London. Dort ist er am 15. September 1983 an den Folgen eines Sturzes gestorben.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Das Loch

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Februar 2010

giovanni-loch-cover-brcJosé Giovanni
Das Loch

(sfbentry)
Originaltitel: Le trou (Paris : Gallimard 1962)
Übersetzung: Bernhard Kempner
Deutsche Erstausgabe: 1962 (Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane Nr. 176)
191 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

„Das Loch“ – so nennen die sechs Männer ihre Zelle 11/6 im Pariser „Prison de la Santé“. Eng ist es hier, kalt, feucht und schmutzig. Der Gefängnisalltag ist eintönig und streng reglementiert, die Wärter sind abgestumpft und nach Ansicht der Gefangenen oft unnötig brutal.

Manu Borelli kommt nach einem missglückten Ausbruch ins Santé. Schon bei der Ankunft kreisen seine Gedanken um eine neue Flucht. In den Zellengenossen sieht er vor allem potenzielle Bundesgenossen. Die Chancen stehen gut: Roland Darbant gilt als notorischer Ausbrecher. Georges Cassid ist ein alter Bekannter, der kürzlich bei einem Fluchtversuch niedergeschossen wurde. Roland Vosselin, genannt „Hochwürden“, und Maurice Willman sind alte Knastveteranen, die es auch in die Freiheit und zu ihren Frauen zieht. Jean Jarinc ist ein Großmaul, aber er wird kurze Zeit später verlegt.

Rasch ist man sich einig. Bei einem Unternehmer, der billig im Gefängnis fertigen lässt, bestellt man Kartonage-Bögen, die einen großen Teil des Zellenbodens abdecken. Darunter bricht man mit organisiertem und improvisiertem Werkzeug die Betondecke zum Kriechgang unter dem Zellenblock durch. Dadurch erhält man Zugang zu den riesigen Kellergewölben, durch die sich praktisch jeder Punkt des Gefängniskomplexes erreichen lässt. Ein mannshohes Abflussrohr wird als möglicher Durchstich zur Freiheit gewählt. Zwar wurde es mit einem Betonklotz gesichert, doch die Wand der Rohres ist morsch: Man kann sich um das Hindernis herum graben!

Die Arbeit ist hart und gefährlich. Mehrfach ereignen sich Unfälle, die knapp glimpflich ausgehen. Zudem entwickelt sich der Ausbruch zu einem Wettlauf mit der Zeit: Die Gefängnisaufseher sind misstrauisch. Sie wissen nichts über die Vorgänge in Zelle 11/6, doch sie beginnen etwas zu ahnen. Der Druck auf die Männer wächst. Wird ihm jemand nachgeben …?

Mit fiebern ist mit entkommen

Die große Flucht aus dem eigentlich ausbruchssicheren Gefängnis – eine Geschichte, die auch der gesetzestreue Zeitgenosse seltsamerweise immer wieder gern verfolgt. Es geht nicht darum, dass es Verbrecher sind, die sich ihren Weg in die Freiheit bahnen. Die Story selbst ist es, die in ihren Bann zieht: Da sind Menschen, die einem mächtigen System scheinbar hilflos ausgeliefert sind. Sie werden ständig kontrolliert, beobachtet; im Grunde bleibt ihnen gar nichts übrig als sich zu beugen. Und doch triumphiert der Wille frei zu sein. Unter unsäglichen Mühen und mit unerhörtem Einfallsreichtum werden Fluchtwerkzeuge improvisiert, Wächter getäuscht, Tunnel gegraben. Ja, es sind Kriminelle, die sich hier aktiv zeigen – Autor Giovanni spricht es mehrfach deutlich an –, aber dies vergessen wir rasch. Stattdessen hoffen und bangen wir mit den Ausbrechern.

José Giovanni spielt in „Das Loch“ virtuos mit dieser Ambivalenz. Er schreibt einen Gefängnis-Roman auf mehreren Ebenen. Da ist der eigentliche Ausbruch, eine höchst verwickelte, von zahlreichen Zwischenfällen erschwerte Angelegenheit, die den Leser tüchtig Fingernägel beißen lässt. Einfachste Utensilien werden umfunktioniert und in den Dienst der Sache gesetzt. Man kann nur staunen, was sich beispielsweise mit einer einfachen Schnur anstellen lässt. Vor allem wirken diese steinzeitähnlichen Werkzeugkonstruktionen ungemein realistisch. Kein Wunder, denn „Das Loch“ ist auch die halb dokumentarische Schilderung des Alltags in einem französischen Gefängnis um 1960. Der Autor kannte diesen zur Genüge, er war als langjähriger Insasse bis ins Detail mit dem fast zeremoniellen Einerlei vertraut, der den Tagesablauf im Knast prägt. Auch als Ausbrecher hat er sich (vergeblich) versucht.

Eine fremde Welt tut sich auf. 6000 Gefangene werden nicht bestraft im Sinne von Buße mit anschließender Rehabilitierung, sondern weggeschlossen und verwahrt. Das Santé ist heillos überbelegt, die sanitären Verhältnisse schreien zum Himmel. In den Zellen sind die Männer allein mit ihren Ängsten und sexuellen Nöten – und mit ihrer Langeweile. Die Wächter sind überfordert und ausgebrannt, mechanisch erledigen sie ihren Dienst oder reagieren ihre Frustration an den Gefangenen ab. Dann gibt es noch Anwälte und die Gefängnisleitung, die indes nur größere Teile einer veralteten Justiz-Maschinerie sind, die völlig isoliert von der Außenwelt und ohne echten Zweck zu funktionieren scheint.

Ausnahmezustand als Alltag

Das Individuum ist nichts im Santé. Die Zellengemeinschaft stellt die Grundfeste dar. Schon aufgrund der ständigen Überbelegung ist es wichtig miteinander auszukommen. Dafür gibt es eigene, recht komplizierte Regeln, die Giovanni in die Handlung einfließen lässt. Man ist nicht befreundet, aber man steckt zusammen im „Loch“ und hat zusammenzuhalten gegen die Wärter und die Anwälte. Wer die Regeln nicht begreift oder gegen sie verstößt ist wie Jean Jarinc isoliert. Die Buschtrommeln funktionieren im Gefängnis ausgezeichnet. Manu Borelli weiß schon eine Menge über die Männer, die er in Zelle 6/11 treffen wird.

Giovanni begnügt sich nicht mit einer typischen „Männer-unter-sich“-Geschichte. Roland Darbant ist nie Clint Eastwood, der nur die „Flucht von Alcatraz“ personifiziert. Darbant ist ein Mensch mit entsprechenden Bedürfnissen, seinen Gefährten ergeht es ebenso. Für sie ist der Ausbruch kein sportliches Unternehmen, kein Wettbewerb mit dem System, sondern nichts als der Weg nach „draußen“, wohin es sie zieht, obwohl sie dort – welche Ironie! – weitaus weniger stark verwurzelt sind als im Knast. Im Grunde sind Darbant und Co. verdammt. Ihr Ausbruch muss misslingen, das wird bei der Lektüre rasch deutlich. Irgendwo ist der Wurm drin, schon bevor wir vom Verräter erfahren.

Der ist (sein Name bleibt hier natürlich unerwähnt) die tragische Figur der Geschichte. Er hat dem Druck nicht mehr standgehalten, hat resigniert und die Todsünde begangen zu „singen“. Der Kodex hinter Gittern mag nicht viele Kapitel besitzen, aber die Verschwiegenheit gegenüber dem „Feind“ mit der Schlüsselgewalt steht an oberster Stelle. Der Verräter kann vielleicht mit Verständnis, mit Nachsicht aber niemals rechnen. Von nun an ist er allein, schrecklich allein: Sollte ihn das Schicksal noch einmal in ein Gefängnis verschlagen, wird man dort Bescheid wissen.

Autor

José Giovanni geboren am 22. Juni 1923 in Paris, hatte wahrlich ein aufregendes Leben. Den jungen Mann zog es in die Alpen, wo er u. a. als Hotelangestellter, Holzfäller und Bergführer arbeitete. Seine Ortskenntnis ließ ihn während des II. Weltkriegs zum begehrten Kandidaten für den französischen Widerstand werden. Später kehrte er nach Paris zurück, wo er sich in der schwierigen Nachkriegszeit als Gangster versuchte. Bei einem missglückten Einbruch gab es mehrere Tote. Obwohl nachweislich unbewaffnet wurde Giovanni zum Tode verurteilt und erst nach mehreren Monaten zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe begnadigt.

In dieser Zeit begann er mit dem Schreiben. „Le Trou“ (dt. „Das Loch“), die Geschichte eines minuziös geplanten Gefängnisausbruchs, in die der Autor eigene Knasterfahrungen einfließen ließ, wurde vom Regisseur Jacques Becker als Drehbuch angekauft und 1960 sehr erfolgreich verfilmt (Die Rolle des Roland Darbant übernahm Jean Keraudy, ein bekannter Ausbrecher und Zellengenosse Giovannis.) Der Ex-Sträfling fand Geschmack an der Arbeit im Film, schrieb weitere Drehbücher. 33 wurden es insgesamt, darunter Klassiker wie „Classe tous Risques“ („Der Panther wird gejagt“, 1959), „Les Aventuriers“ („Die Abenteurer“, 1966) oder „Les Clans des Siciliens“ („Der Clan der Sizilianer“, 1969) sowie Szenarien und Dialoge. 1966 inszenierte er mit „La Loi des Survivants“ („Rache ist nicht nur ein Wort“) seinen ersten Film, der bereits typisch Abenteuer mit Melancholie mischt: Ihrer – oft kriminellen – Vergangenheit können seine gebrochenen Helden – Einzelgänger, Außenseiter – niemals entfliehen.

15 Kino- und fünf TV-Filme inszenierte Giovanni bis 2001, wobei er mit den Großen des französischen Film drehte: Jean Gabin („Deux Hommes dans la Ville“; dt. „Endstation Schafott“, 1973), Lino Ventura („Le Ruffian“ ; dt. „Der Rammbock“, 1982), Alain Delon („Le Gitan“ ; dt. „Der Zigeuner“, 1969), Jean-Paul Belmondo („La Scoumoune“; dt. „Der Mann aus Marseille“, 1972). Daneben veröffentlichte er zwanzig Kriminalromane, die wiederum oft als Vorlage für seine Filme dienten, und zwei Autobiografien. Seit 1969 lebte er mit seiner Familie recht abgeschieden in den Bergen des Schweizer Kantons Wallis. Die letzten Lebensjahre wurden durch gesundheitliche Probleme überschattet, doch Giovanni blieb als Autor bis zuletzt aktiv. Nach einer Hirnblutung ist Josè Giovanni am 24. April 2004 im schweizerischen Lausanne gestorben.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Belletristik, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Der vergoldete Uhrzeiger

Erstellt von Michael Drewniok am 9. Februar 2010

carr-uhrzeiger-coverJohn Dickson Carr
Der vergoldete Uhrzeiger

Originaltitel: Death Watch (New York : Harper & Brothers 1935/London : Hamish Hamilton 1935)
(sfbentry)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstveröffentlichung: 1960 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 133)
192 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Im Londoner Kaufhaus Gamridge stiehlt eine Ladendiebin eine kostbare Uhr. Vom Hausdetektiv erwischt, schlitzt sie diesem den Bauch auf und entkommt – ein bizarrer Mordfall so recht nach dem Herzen von Gideon Fell ist, der als Amateur-Ermittler so berühmt ist wie als Wissenschaftler.

Besagte Uhr wurde von Johannus Carver hergestellt, einem Meister seines Fachs, der zurückgezogen in einem großen Haus lebt. Dorthin begibt sich Fell, der den Uhrmacher und seine seltsame ‚Familie‘ gern persönlich kennenlernen möchte. Der Besuch erfolgt unter dramatischen Umständen: Gerade fanden die Bewohner einen Unbekannten tot in einem der Zimmer; der Mann ist offenbar eingebrochen. In seinem Nacken steckt der Minutenzeiger einer gewaltigen Turmuhr.

Chefinspektor David Hadley, der sich des Falls offiziell annimmt, kann die Leiche sofort identifizieren: Inspektor Ames war der Polizeibeamte, der nach der Kaufhaus-Mörderin fahndete, die von der Presse liebevoll „Jacqueline the Ripper“ genannt wird! Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass er der Mörderin hart auf den Fersen war und sie unter den Mitgliedern des Carverschen Haushalts vermutete.

Hier gibt es eine ganze Schar potenziell verdächtiger Personen. Gideon Fell stürzt sich deshalb mit Wonne auf den Fall, den er mit der gewohnten Mischung aus Genialität und Dreistigkeit aufdröselt. Eile ist geboten, denn diese Frage bleibt bedrohlich unbeantwortet: Welche Schandtat plant der Mörder mit dem verschwundenen Sekundenzeiger, den er – oder wieder sie? – ebenfalls an sich genommen hat …?

Die Logik des Aberwitzes

Es muss schon einen verdammt guten Grund geben, der einen Mörder veranlasst seine Tat ausgerechnet mit dem Zeiger einer Turmuhr zu begehen! Weil wir uns mit „Der vergoldete Uhrzeiger“ in der großen Zeit des „Whodunit?“-Krimis befinden, ist dies kein dem Mörder durch Zufall in die Meuchlerhand geratene Waffe. Der Zeiger wurde mit Bedacht gewählt – eine Wahl mit Folgen, denn sie löst eine kriminalistische Kettenreaktion aus, deren Glieder eines der klassischen Meisterwerke des John Dickson Carr ergeben.

Was immer geschah, ist Teil des Verbrechens: Noch schärfer als sonst achtet der Verfasser darauf das wunderlichste Detail in den Ablauf des Geschehens zu integrieren. Die daraus erwachsende Herausforderung ist gewaltig, denn Carr muss ja irgendwann zusammenführen, was er großzügig aufwirbelte – und was sich hier ereignet, ist wahrlich erstaunlich! Der Zufall könnte als Erklärung hilfreich sein, doch ihn klammert Gideon Fell alias Carr ausdrücklich aus.

Dieses kategorische Beharren auf ein letztlich doch logisch erklärbares Verbrechen zieht den Leser unausweichlich in den Bann. Dabei hat „Der vergoldete Uhrzeiger“ (s. auch weiter unten) seine Fehler. Dies ist ein überaus dialoglastiger Krimi. Es fehlt die theatralische Kulisse, in denen Carr Dr. Fell oft wirken lässt. Das Haus des Johannus Carver hat seine verwinkelten Gänge und geheimen Türen, doch es bleibt ein Haus, so sehr sich Carr auch bemüht es in ein Geisterschloss zu verwandeln.

Der Kampf zwischen Vernunft und Vorstellungskraft

Die meisten dieser Dialoge zeigen Gideon Fell und David Hadley im intellektuellen Duell, das stellvertretend für das „Whodunit?“-Genre steht: „Dein Geist ist wie ein Feuerwerk; ich hingegen brauche solide, feste Gründe“ (S. 120) spricht Hadley vorwurfsvoll zu Fell und bringt damit auf den Punkt, was den genialen (oder genialischen) Privatermittler vom systematisch arbeitenden Polizisten unterscheidet.

Selten fällt der Kampf zwischen diesen beiden Parteien so gnadenlos aus wie hier. Fell und Hadley schenken einander nichts. Sie finden und deuten die Indizien auf jeweils eigene Art, streiten darüber, sezieren die Beweisführungen des anderen mit messerscharfem Verstand, finden Schwachstellen, werden gekontert, stoßen auf weitere Widersprüche: Das ist Krimi-Kunst vom Feinsten, die quasi die Argumente vorausahnt, die dem aufmerksamen Leser durch den Kopf gehen. Sie mildert die grundsätzliche Schwäche eines Romans, in dem ansonsten wenig geschieht, die Motivation des Mörders recht fragwürdig wirkt und der Autor zu einem gar nicht fairen Trick greift, um den Täter aus einen scheinbar verschlossenen Raum zu schaffen. (Immerhin: Es geht nicht um einen perfekten Mord IM verschlossenen Raum!)

Als sich Fell und Hadley zusammenraufen und sich der Fall endlich zu klären scheint, wird dem Leser im großen Finale der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit haben wir zwar gerechnet aber wir gehen Fell trotzdem auf den Leim, der die Indizien noch einmal durcheinander würfelt und neu zusammensetzt. Deinen Augen darfst du nur bedingt trauen, deinen Ohren ebenfalls und deinen Zeugen lieber gar nicht. Die letzte Instanz ist abermals Gideon Fell, weil dessen Verstand über die für die Auflösung notwendige Sprunghaftigkeit verfügt. In diesem Punkt muss sich der wackere aber allzu organisierte Hadley geschlagen geben.

Im Reich des verrückten Uhrmachers

Eleonor: seelisch derangiertes Mündel; Millicent Steffins: hysterisch-bigotte Freundin der verstorbenen Mrs. Carver; Lucia Handreth: abweisende Anwältin mit dem Hang zur üblen Nachrede; Peter Stanley: nervenkranker, unter skandalösen Umständen aus den Dienst entlassener Chefinspektor; Calvin Boscombe: scheinheiliger Hausfreund mit abstoßenden Angewohnheiten; Christopher Paull: ständig alkoholisiert und mit wirren Anschuldigungen schnell bei der Hand; Donald Hastings: Eleonors gern auf dem Hausdach umhergeisternder Galan mit einem düsteren Familiengeheimnis; Henrietta Gorson: theaterliebende und theatralische Haushälterin; Kitty Prentice: tumbes Hausmädchen mit überraschenden lichten Momenten.

‚Regiert‘ wird dieser obskure Haushalt von Johannus Carver, einem Mann, der Uhren mehr liebt als Menschen und von dieser Leidenschaft geprägt bzw. gezeichnet wird: Was er zu dem grotesken Mordfall in seinem Haus zu sagen hat, ist sogar noch schwieriger zu deuten als die ausweichenden, benebelten und gelogenen Aussagen der Mitbewohner.

Der dickfellige Meisterdetektiv

In dieses Getümmel scheint sich Gideon Fell harmonisch einzupassen, doch vorsichtig: Das joviale Äußere und die kultivierte Exzentrik verbergen einen überaus rationalen Geist. Fell kann freundlich wie ein alter Großvater wirken, um im nächsten Moment die Maske fallen zu lassen. Die Konsequenz seiner Ermittlungsarbeit ist ihm stets präsent. Es geht nicht um akademische Gedankenspiele: Der von ihm überführte Täter wird am Galgen enden. Damit kann Fell leben: „Trinken wir noch ein Bier“ (S. 192), lautet sein abschließendes Wort, der gleichzeitig den Roman beendet.

Wie üblich hüllt er sich bis dahin in vielsagendes Schweigen und bringt damit nicht nur den armen Hadley, sondern auch den Leser zur Weißglut. Informationen verabreicht Fell grundsätzlich nur in homöopathischen Dosen. Nur so kann er im Finale glänzen (und Vorab-Irrtümer verbergen). Dieses Mal muss er sich wirklich anstrengen, um dem (hoffentlich konzentrierten) Leser ein überkonstruiertes Mordkomplott darzulegen.

Damit Fell nicht gar zu übermenschlich schlau wirkt, stellt ihm Carr wieder einen Watson zur Seite. Professor Melson hält sich freilich zurück. Er führt Fell in Carvers Haus ein, stellt hin und wieder Fragen, die der Leser an dieser Stelle ebenfalls stellen möchte, und mäßigt seinen Freund Fell, wenn die Diskussion mit Hadley gar zu hitzig wird. Ansonsten schaudert es Melson tüchtig, wenn Carr sich anstrengt, dem Carver-Haus eine mysteriöse Ausstrahlung zu verschaffen, die wie schon gesagt ziemlich aufgesetzt wirkt.

„Der vergoldete Uhrzeiger“ erweist sich als Buch, das in seinen Einzelteilen besser wirkt als in seiner Gesamtheit. Zu großen Wert legt der Verfasser dieses Mal auf eine irritierende Grundstimmung, deren Begründung ihm nicht annähernd so gut gelingt wie sein deduktives Scharmützel mit seinem verbeamteten Gegenüber, das nicht genretypisch beschränkt sondern ein würdiger Gegner ist. In diesen Passagen zeigt Carr, was er wirklich kann, und liefert unterm Strich einen Roman, der zwar nicht zu den besten der Gideon-Fell-Reihe gehören mag, sich jedoch dennoch mühelos – wenn auch ein Stückchen weiter hinten als sonst – in die Reihe der klassischen „Whodunit?“-Krimis seiner Epoche einreiht.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese Website verwiesen.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Historisch, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Das Haus auf halber Strecke

Erstellt von Michael Drewniok am 19. Oktober 2009

queen-haus-cover-1960Ellery Queen
Das Haus auf halber Strecke

Originaltitel: Halfway House (New York : Frederick A. Stokes 1936/London : Victor Gollancz 1936)
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel "Die Dame mit dem Schleier"]: 1937 (Ullstein Verlag/Ullstein-Bücher, N. F. 74)
Übersetzung: Werner Illing
241 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1960 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 127)
Übersetzung: N. N.
191 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe (unter dem Titel “Der Schrei am Fluss”): 1987 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Blaue Reihe 2218)
Übersetzung: Ingeborg Mayer-Salm
254 S.
ISBN-13: 978-3-453-00889-2
(sfbentry)

Das geschieht:

Auf halbem Weg zwischen New York City und Philadelphia liegt Trenton, Hauptstadt des US-Staates New Jersey. Hier trifft Privatdetektiv Ellery Queen auf der Durchreise einen alten Freund. William Angell ist ein erfolgreicher Anwalt, den derzeit privater Kummer plagt. Seine Schwester Lucy ist seit zehn Jahren mit dem Handlungsreisenden Joseph Wilson verheiratet, der seine Gattin offensichtlich vernachlässigt. Just hat Wilson seinen Schwager in ein einsam gelegenes Haus am Fluss gebeten, wo er sich mit Angell aussprechen möchte.

Als dieser dort eintrifft, findet er Wilson sterbend im Inneren – eine verschleierte Frau habe ihn erstochen, kann dieser nur noch röcheln. Angell bittet Ellery Queen um Hilfe. Gemeinsam mit Polizeiinspektor De Jong, der den Fall offiziell übernimmt, untersucht der Detektiv das seltsame Haus, das einerseits halb zerfallen und andererseits mit hochwertigen Möbeln eingerichtet ist. Im Schrank hängen maßgeschneiderte Anzüge, im Bootshaus ankert ein Segelboot.

Kurz nach Wilsons Tod taucht eine zweite trauernde Witwe am Schauplatz des Mordes auf. Jessica Gimball gehört zur High Society von New York, und Joe stand ihr als Gatte seit acht Jahren zur Seite! Er hat sogar eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten abgeschlossen. Stolze 1 Mio. Dollar soll sie im Falle seines Todes erhalten!

Allerdings hat Wilson/Gimball dies kürzlich geändert: Lucy wird nun erben – wenn sie denn kann, weil sie plötzlich zur Hauptverdächtigen avanciert. Wieder einmal bleibt es Ellery Queen überlassen, die dürftigen Indizien so zu interpretieren, dass sie die überraschende Wahrheit preisgeben …

Indizienrätsel sind nicht alles

1936 steht Ellery Queen an einem Scheideweg. Das betrifft den Detektiv ebenso wie seine beiden geistigen Väter, die unter diesem Namen schreiben. Seit 1929 lassen sie Ellery trickreich eingefädelte Mordrätsel lösen. Es entstand eine Reihe lupenreiner “Whodunits” der Sonderklasse, die den Leser ausdrücklich zum Wettbewerb mit dem ermittelnden Detektiv einladen: Wer wird den Täter früher entlarven? Die Beweise liegen vor, nichts wird verschleiert, das ‘Spiel’ ist fair.

Doch inzwischen befindet sich der klassische “Whodunit” auf dem absteigenden Ast. Er wird niemals verschwinden und sich behaupten, aber er wird von einem ‘moderneren’ Krimi zur Seite gedrängt, der seinen Lesern nicht nur Spannung, sondern auch psychologische Tiefe bietet. Ellery Queen und die Personen, die in ‘seinen’ Fällen auftraten, glichen bisher Schachfiguren, die sich auf ihrem Brett ein möglichst spannendes Spiel lieferten. Die ‘menschliche’ Seite des Verbrechens blieb dabei sekundär; kam sie zum Tragen, blieb sie Reaktion auf das Geschehen.

Mit “Das Haus auf halber Strecke” betreten die Queens Neuland. Zwar bietet der Mord an Joseph Wilson alias Gimball die bekannten, geliebten, komplizierten Mysterien, doch ihm gleichberechtigt zur Seite tritt die Beschäftigung mit dem emotionalen Auslöser der Tat. Das Mordrätsel ist nicht mehr Selbstzweck, sondern logische Folge. Das verschafft dem ‘typischen’ Queen-Krimi eine neue Dimension.

Versuch macht klug

Allerdings zeigen sich die Autoren (noch) recht ungeschickt in ihrem Bemühen. Die detailfrohe Deutung scheinbar bedeutungsloser Indizien zelebrieren sie im großen Finale mit der bekannten Meisterschaft. Demgegenüber fallen die Ausflüge in die Tiefen der menschlichen Seele ungelenk aus.

Ein Mord erzeugt zweifellos große Gefühle. Die Queens werden bei dem Versuch, diese darzustellen, sehr theatralisch. Zudem fällt es dem heutigen Leser schwer, bestimmte Reaktionen nachzuvollziehen. Während das Lösen eines Kriminalfalls vergleichsweise zeitlosen Techniken und Praktiken folgt, unterliegen Emotionen und Reaktionen kulturhistorischen Veränderungen. Ehrbare Frauen fallen heute nicht mehr in Ohnmacht, wenn sie sich bedrängt fühlen. Sie werden auch nicht mehr in Acht & Bann getan, wenn sie einem Bigamisten auf den Leim gegangen sind. Ein gesellschaftlicher Kodex existiert zwar noch, aber er ist stärker der Gegenwart angeglichen und modifiziert worden. Die schiere Verzweiflung, mit der sowohl die Wilsons als auch die Gimballs den Skandal sogar mit kriminellen Methoden zu vertuschen suchen, findet der Leser des 21. Jahrhunderts übertrieben.

Letztlich zeigt sich, dass die Queens mit “Das Haus auf halber Strecke” besser auf bekannten Pfaden geblieben wären. Gerade die ‘modernen’ Elemente bekommen dem ansonsten gut gealterten Werk gar nicht. Dass es den Verfassern möglich ist, ihr Publikum über mehrere Seiten mit der Interpretation abgebrannter Zündhölzer zu fesseln, während das ewige Gejammer psychisch labiler Frauen und die erregten Proteste notorisch ritterlicher Männer nerven, spricht eine deutliche Sprache. (Ursprünglich sollte dieser Roman übrigens den Titel “The Swedish Match Mystery” tragen und hätte damit an die früheren Queen-Krimis angeschlossen.)

Ein Detektiv wird neu definiert

Bemerkenswert gut entkommt Ellery Queen, der Detektiv, diesem Dilemma. 1929 betrat er die Szene als unerhörter Stutzer; nicht nur im Geiste war er eine Kopie des snobistischen Philo Vance, mit dem S. S. van Dine zu dieser Zeit auf kriminalliterarischem Erfolgskurs segelte. Im Auftreten wurde Ellery bald selbstständiger und vor allem lockerer; er war neugierig und flexibel, passte sich allen Gesellschaftsschichten an und fand sich sowohl in der Stadt als auch in der tiefsten Provinz zurecht.

Weiterhin ließ Ellery sich jedoch nur oberflächlich auf die Menschen ein, mit denen er es zu tun bekam. Er blieb lieber unverbindlich; ein Beobachter, der sich bedingt dessen bewusst war, was er mit seinen Nachforschungen auslöste. Das ändert sich in “Das Haus auf halber Strecke” und wird sich in den nächsten Romanen der Serie noch gravierender entwickeln. Ellery wird ‘menschlicher’, während seine Fälle weniger komplex geraten.

Diese Metamorphose ist nicht nur dem allgemein veränderten Publikumsgeschmack geschuldet. Bevor ein neues Ellery-Queen-Abenteuer in Buchform veröffentlicht wurde, erschien es als Fortsetzungsroman in zeitgenössischen Zeitschriften. Aufgrund der enormen Auflagen stellten diese Magazine eine interessante und lukrative Einnahmequelle dar. Die Queens – gemeint ist das Autorenduo – waren Profis; auf ‘Anregungen’ ihrer Kunden gingen sie deshalb ein. In den 1930er Jahren zeigten sich Frauenmagazine wie “Cosmopolitan” besonders interessiert an Queen-Krimis. Deren Herausgeber forderten im Namen ihrer Leserinnen, den “human touch” zu verstärken.

Über die Folgen ließe sich ausgiebig diskutieren. Fakt bleibt immerhin – wie weiter oben erläutert – Fakt. Außerdem ist anzumerken, dass die Queens den Seifenoper-Schaum später durch echte Charakterzeichnungen ersetzen konnten, wenn sie denn wollten. (Leider wollten sie nicht immer, und dem ‘verdanken’ wir krude Lovestory-Krimis wie “The Dragon’s Teeth”, dt. “Drachenzähne”.) “Das Haus auf halber Strecke” ist – das Wortspiel bietet sich an – ein Roman, der auf halber Strecke zwischen Krimi und love story stecken blieb. Mit Rücksicht auf diese etwas unglückliche Begegnung lässt er sich zweifellos genießen.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit “The Roman Hat Mystery” als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‘realen’ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich unter hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Anmerkung: Gewarnt sei der Krimifreund vor der Ullstein-Ausgabe von 1977, die unter dem Titel “Die Dame mit dem Schleier” erschien und auf 125 Seiten zusammengekürzt wurde!

[md]

Titel bei Amazon.de (Scherz-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Heyne-Ausgabe)

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »