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Vampire zum Frühstück

Erstellt von Werner Karl am 14. Februar 2010

vampire-zum-fruhstuck1Michele Bardsley
Vampire zum Frühstück

I’m the Vampire, that’s why, USA, 2006
Mira-Taschenbuch im Cora-Verlag, Hamburg, 07/2008
PB, Romantic Fantasy
ISBN 9783899414899
Aus dem Amerikanischen von Maike Walter
Titelgestaltung von pecher und soiron, Köln, unter Verwendung einer Illustration von HARIBO

www.mira-taschenbuch.de
www.michelebardsley.net/

Jessica Anne Matthews stellt abends anstelle ihres Sohnes Bryan (14), dessen Aufgabe das eigentlich ist, die Mülltonne an den Straßenrand und wird von einem haarigen Wesen überfallen, das an ihrem Hals herumschlürft – und sie verliert ihr Leben …

… und kommt Blut saugend am Oberschenkel eines höchst attraktiven, nackten Mannes mit einer beeindruckenden Erektion wieder zu sich – als waschechte Vampirin, versteht sich. Jessica, die seit achtzehn Monaten keinen Sex mehr gehabt hat, verspürt natürlich beim Anblick des mächtigen Freudenspenders sofort Lust auf einen ordentlichen ‚Ritt’ mit Patrick O’Halloran, so der Name des Pierce Brosnan-ähnlichen Prachtvampirs mit ‚silbernen’ Augen, mit dem sie es fortan zu tun bekommt. Und schon ist man mittendrin in der turbulenten Lebensgeschichte der Neu-Vampirin und der Romanze mit ihrem untoten Liebsten. Jessica trägt den Ring einer Vorfahrin, dessen Bedeutung ihr durch Patrick erklärt wird: Leut einer Prophezeiung zeichnet dieser Ring sie als seine Seelenverwandte aus – und tatsächlich, von der ersten Sekunde an ist etwas Besonderes zwischen ihr und Patrick, über das erotische Knistern hinaus.

Jessica muss sich erst in die Gepflogenheiten des Vampirdaseins einleben und sich an ihr etwas verändertes (besseres) Äußere, die neuen körperlichen Kräfte und ihre gestärkten Sinne gewöhnen. Als Lorcan, das Wesen, das sie überfallen hat, vermeintlich Jessicas Kinder angreift, geht sie dazwischen und stellt fest, dass Lorcan keinen gefährlichen Eindruck auf sie macht – mehr noch: Er entschuldigt sich bei ihr für das, was er ihr angetan hat. Was Jessica verwirrt, ist die Tatsache, dass er die gleichen silbernen Augen wie Patrick hat. Was hat das zu bedeuten? In welcher Verbindung stehen die beiden? Jessica fühlt sich – so abrupt aus ihrem Leben gerissen – einsam und hadert damit, dass sie von ihren Kindern entfernt ist, da sie jetzt nur noch nachts existieren kann. So befürchtet sie, dass ihre Kinder, die eh schon den Vater verloren haben, nun auch ohne ihre Mutter aufwachsen und in fremde Obhut gegeben werden müssen. Sie erfährt auch einiges über Patrick und seinen Zwillingsbruder Lorcan, der an einem Virus erkrankt ist, der bewusst bei den Vampiren eingeschleust worden ist und ihn zu dem Wesen verändert hat, das er nun ist.

In der Sporthalle einer Schule von Broken Heart findet eine Versammlung der Vampire statt und Jessica merkt, wie viele Untote sich schon in der Stadt ‚tummeln’ und dass sie nicht die Einzige im Ort ist, die zur Vampirin wurde. Sie sieht einige Bekannte wieder – wie Linda Beauchamp, eine recht zickige Frau. Aber besonders eine, die Jessica erst recht nicht sehen will: Charlene Mason, die ihr den Ehemann ausgespannt und sogar mit ihm ein Kind gezeugt hatte. Ausgerechnet Charlene hat Patrick ebenfalls mit seinem Blut versorgt, und sie steht daher ebenso unter seinem Schutz wie Jessica und ist somit schon wieder ihre Rivalin. Doch dieses Mal will sich Jessica ihr gegenüber beweisen, auch da sie merkt, was ihr Patrick schon nach so kurzer Zeit bedeutet.

Jessica erfährt von dem Konsortium zur Förderung der Beziehung von Menschen und Nichtmenschen und dass Patrick fast 4000 Jahre alt ist, vor Christi Geburt geboren wurde. Er lehrt Jessica einiges über Vampire, ihr Dasein, die einzelnen Vampirfamilien und deren Rangordnung. Und er gibt ihr zwei goldene Schwerter, die von seiner Großmutter mit einem Sidhe-Zauber gefertigt wurden. Jessica fühlt sich sofort magisch von ihnen angezogen. Sie hört von Patrick auch, dass der Ring, den sie trägt, ehemals sein Ehering war. Seine Frau Dairine wurde getötet und Patrick in einen Vampir verwandelt – nach und nach entrollt sich vor Jessica die ganze Geschichte seiner Herkunft, seiner Vergangenheit und die des Rings. Doch wie passt da Jessica ins Bild – bzw. deren Vorfahrin, von der sie den Ring erhalten hat?

Patrick erzählt Jessica von dem Buch ‚Die Legende der Sieben Ahnen – Ruadan der Erste’, das von Lorcan geschrieben wurde, über Ruadan, den Zauberkrieger und Sohn der keltischen Göttin Brigid und des Kriegerprinzen Bress. Brigid fertigte auch die Halbschwerter, die Patrick an Jessica übergeben hat. Ruadans Frau Aine gebar ihm die Zwillinge Padraig (Patrick) und Lorcan. Ruadan und seine beiden Brüder kamen zu Tode, doch Brigid holte ihn mittels eines Becher Blutes ins Leben zurück – als Vampir. Auch Ruadans Söhne wurden durch unglückselige Verkettungen zu Untoten.

So erhält der interessierte Leser auf locker-flüssige und humorige Weise erste Einblicke in Patricks Geschichte …
… und wird Beobachter von Jessicas und Patricks Liebesgeschichte. Doch bevor sich diese richtig zu entfalten vermag und andere Probleme angegangen werden können, müssen sie Lorcan finden, der sich immer noch versteckt hält – wohl um nicht noch mehr Unheil anzurichten. Da Broken Heart ohnehin immer weniger Bewohner hatte, weil viele wegzogen, hat das Konsortium beschlossen, dort eine Sicherheitszone für Paranormale zu schaffen und kaufte nach und nach die Immobilien der Kleinstadt auf, um somit eine Gemeinschaft von Nichtmenschen zu schaffen. Jessica spricht nun auch offen mit ihren beiden Kindern darüber, dass sie eine Vampirin ist. Erst reagieren sie naturgegeben verstört und ablehnend, dann aber kommen sie immer besser mit ihrem neuen ‚Familienleben’ und auch Patrick als einer Art Stiefvater in spe zu recht.

Natürlich beinhaltet der Band noch viel mehr: Darrius und Drake (Lykanthropen-Zwillinge), Morrigan (die Krähenkönigin), Formoren (die in der irischen Mythologie ja ebenfalls eine Rolle spielen), Todesfälle und Liebesbeziehungen – doch allem voran die Geschichte von Jessica und Patrick, die ihren Beginn nimmt. Sehr witzig hierbei sind die telepathischen Dialoge zwischen den beiden! Doch da lauern natürlich auch Gefahren. So zum Beispiel von Ron (Ragnvaldt, 3000 Jahre) und seinen Wraights (gegnerische Vampire, die eine neue Weltordnung schaffen wollen) – aber auch privat, denn Nara Colleen MacKenzie, eine attraktive Vampirin, hat es auf Patrick abgesehen, mit dem sie – wie sie Jessica bewusst deutlich vor Augen führt – eine sehr intime Vergangenheit verbindet. Patrick verbannte Nara, aber nach und nach wird Jessica gewahr, dass Nara nicht das ist, was sie vorgibt zu sein, ebenso wenig ihre frühere ‚Ehe’ mit Patrick. Dann wird Jessica von Ron und seinem Gefolge entführt und soll einen Kampf vor den Wraights ausfechten – ausgerechnet gegen Nara, die das Konsortium verraten hat. Doch es kommt ganz anders …

Die Aufmachung des Titels ist ohne Fehl und Tadel: ein handliches Format, gute Papierqualität, angenehmer Satz, modernes Covermotiv – einzig das Lektorat ist nicht hundert Prozent optimal, doch das schmälert den Lesegenuss nicht. „Vampire zum Frühstück“ ist ein wunderbar humorvoller und leichtflüssiger Vampirroman, der als Auftaktband einer Reihe/Serie perfekt die Antagonisten und Protagonisten einführt und Lust und Spannung auf die Folgebände weckt, dabei etablierten Serien wie „Black Dagger“ locker das Wasser reichen kann. Absolut empfehlenswert!sgeprägte Kenntnis klassischer Geistergeschichten besitzt, kann sich bei der Lektüre sicherlich wohlig gruseln und einen gar heimeligen Schauer über den Rücken laufen lassen. (3xPRT)

Copyright © 2010 by Alisha Bionda

Titel bei Amazon.de:
Vampire zum Frühstück

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Die Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Olaf Ionescu
2.Dana Böttcher
3.Beate Katrycz
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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Das Gemälde

Erstellt von Werner Karl am 13. Februar 2010

das-gemaldeSusan Hill
Das Gemälde

Originaltitel: The Man in the Picture (2007).
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle.
München: Droemersche Verlagsanstalt 2009.
Knaur Taschenbuchhardcover.
Umfang 158 Seiten
ISBN 9783426663509

www.droemer.de

Der Protagonist und Ich-Erzähler besucht eines abends seinen alten Collegetutor, einen eingefleischten Junggesellen, der auf seine alten Tage noch immer in der Hochschule wohnt. Dieser erzählt ihm die unheimliche Geschichte eines alten Bildes, welches bei ihm im Wohnzimmer hängt. Auf diesem ist ein unheimlich wirkende Karnevalsszenerie in Venedig dargestellt, bei der viele Menschen in traditionellen Masken umher wimmeln, jedoch ein Mann Hilfe flehend, irgendwo im Hintergrund, zum Betrachter blickt, während zwei Verkleidete ihn wegführen wollen.

Der Protagonist erfährt, dass sein Tutor das Gemälde dereinst auf einer Auktion erstanden hat, da ein anderer Bieter zu spät kam, der es um jeden Preis hatte kaufen wollen. Erst Jahre später erfährt der Hochschullehrer, welche Geschichte sich dahinter verbirgt, nämlich die einer eifersüchtigen, rachsüchtigen Frau, einer verschmähten Geliebten, die sich an ihrem ehemaligen Freund rächt, indem sie ihn in Venedig verschwinden lässt. Mysteriöserweise taucht sein Abbild jedoch in dem Gemälde wieder auf. Er ist der Mann im Hintergrund, der den Betrachter Hilfe suchend anblickt. Seine Witwe möchte das Gemälde zurück haben, zumal die rachsüchtige ehemalige Geliebte sich auch noch den Sohn der Witwe geangelt hatte und letztere aus dem Haus gedrängt und das Bild weggegeben hatte. Durch einen Unfall starb die Rächerin jedoch und der Sohn wurde so schwer verletzt, dass er ebenfalls, Jahre später, als Krüppel, den Verletzungen erliegt.

Doch der Hochschullehrer verweigert die Rückgabe, trotz der unheimlichen übersinnlichen Ausstrahlung des Gemäldes und seiner düsteren Vorgeschichte. Nach dem überraschenden Tod des Tutors findet sich der Protagonist als Erbe plötzlich im Bann des seltsamen Bildes wieder. Als nach seiner Hochzeit die Ehefrau die Hochzeitsreise ausgerechnet nach Venedig machen will und er sie nicht davon abbringen kann und mag, passiert ein Unglück…

Susan Hills hier vorliegende Novelle erinnert stark an klassische Gespenstergeschichten eines Lord Dunsany oder Sheridan LeFanu. Dies ist wohl auch beabsichtigt, denn der größte Teil der Handlung wird bei zwei abendlichen Treffen des Protagonisten mit seinem Tutor quasi “am Kaminfeuer” erzählt, so wie es vielen klassischen Gruselerzählungen zukommt. Leider ist die Idee der Autorin nicht besonders neu oder originell (Oscar Wilde stand hier wohl ebenso Pate wie eine Kurzgeschichte von W. Sommerset Maugham, die im Episodenfilm Mord ohne Mörder gutklassig verfilmt worden ist), das Ganze ist jedoch immerhin geschickt und atmosphärisch akzeptabel umgesetzt.

Wer sich im Genre auskennt, wird sich wohl eher langweilen und alles für vorhersehbar halten, wer jedoch keine ausgeprägte Kenntnis klassischer Geistergeschichten besitzt, kann sich bei der Lektüre sicherlich wohlig gruseln und einen gar heimeligen Schauer über den Rücken laufen lassen. (5x PRT)

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

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Das Gemälde

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Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Jürgen von Bock
2.Hermann Jendraschek
3.Hildegard Martin
4.Jutta Irrgang
5.Birgit Kirchmann
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Der vergoldete Uhrzeiger

Erstellt von Michael Drewniok am 9. Februar 2010

carr-uhrzeiger-coverJohn Dickson Carr
Der vergoldete Uhrzeiger

Originaltitel: Death Watch (New York : Harper & Brothers 1935/London : Hamish Hamilton 1935)
(sfbentry)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstveröffentlichung: 1960 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 133)
192 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Im Londoner Kaufhaus Gamridge stiehlt eine Ladendiebin eine kostbare Uhr. Vom Hausdetektiv erwischt, schlitzt sie diesem den Bauch auf und entkommt – ein bizarrer Mordfall so recht nach dem Herzen von Gideon Fell ist, der als Amateur-Ermittler so berühmt ist wie als Wissenschaftler.

Besagte Uhr wurde von Johannus Carver hergestellt, einem Meister seines Fachs, der zurückgezogen in einem großen Haus lebt. Dorthin begibt sich Fell, der den Uhrmacher und seine seltsame ‚Familie‘ gern persönlich kennenlernen möchte. Der Besuch erfolgt unter dramatischen Umständen: Gerade fanden die Bewohner einen Unbekannten tot in einem der Zimmer; der Mann ist offenbar eingebrochen. In seinem Nacken steckt der Minutenzeiger einer gewaltigen Turmuhr.

Chefinspektor David Hadley, der sich des Falls offiziell annimmt, kann die Leiche sofort identifizieren: Inspektor Ames war der Polizeibeamte, der nach der Kaufhaus-Mörderin fahndete, die von der Presse liebevoll „Jacqueline the Ripper“ genannt wird! Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass er der Mörderin hart auf den Fersen war und sie unter den Mitgliedern des Carverschen Haushalts vermutete.

Hier gibt es eine ganze Schar potenziell verdächtiger Personen. Gideon Fell stürzt sich deshalb mit Wonne auf den Fall, den er mit der gewohnten Mischung aus Genialität und Dreistigkeit aufdröselt. Eile ist geboten, denn diese Frage bleibt bedrohlich unbeantwortet: Welche Schandtat plant der Mörder mit dem verschwundenen Sekundenzeiger, den er – oder wieder sie? – ebenfalls an sich genommen hat …?

Die Logik des Aberwitzes

Es muss schon einen verdammt guten Grund geben, der einen Mörder veranlasst seine Tat ausgerechnet mit dem Zeiger einer Turmuhr zu begehen! Weil wir uns mit „Der vergoldete Uhrzeiger“ in der großen Zeit des „Whodunit?“-Krimis befinden, ist dies kein dem Mörder durch Zufall in die Meuchlerhand geratene Waffe. Der Zeiger wurde mit Bedacht gewählt – eine Wahl mit Folgen, denn sie löst eine kriminalistische Kettenreaktion aus, deren Glieder eines der klassischen Meisterwerke des John Dickson Carr ergeben.

Was immer geschah, ist Teil des Verbrechens: Noch schärfer als sonst achtet der Verfasser darauf das wunderlichste Detail in den Ablauf des Geschehens zu integrieren. Die daraus erwachsende Herausforderung ist gewaltig, denn Carr muss ja irgendwann zusammenführen, was er großzügig aufwirbelte – und was sich hier ereignet, ist wahrlich erstaunlich! Der Zufall könnte als Erklärung hilfreich sein, doch ihn klammert Gideon Fell alias Carr ausdrücklich aus.

Dieses kategorische Beharren auf ein letztlich doch logisch erklärbares Verbrechen zieht den Leser unausweichlich in den Bann. Dabei hat „Der vergoldete Uhrzeiger“ (s. auch weiter unten) seine Fehler. Dies ist ein überaus dialoglastiger Krimi. Es fehlt die theatralische Kulisse, in denen Carr Dr. Fell oft wirken lässt. Das Haus des Johannus Carver hat seine verwinkelten Gänge und geheimen Türen, doch es bleibt ein Haus, so sehr sich Carr auch bemüht es in ein Geisterschloss zu verwandeln.

Der Kampf zwischen Vernunft und Vorstellungskraft

Die meisten dieser Dialoge zeigen Gideon Fell und David Hadley im intellektuellen Duell, das stellvertretend für das „Whodunit?“-Genre steht: „Dein Geist ist wie ein Feuerwerk; ich hingegen brauche solide, feste Gründe“ (S. 120) spricht Hadley vorwurfsvoll zu Fell und bringt damit auf den Punkt, was den genialen (oder genialischen) Privatermittler vom systematisch arbeitenden Polizisten unterscheidet.

Selten fällt der Kampf zwischen diesen beiden Parteien so gnadenlos aus wie hier. Fell und Hadley schenken einander nichts. Sie finden und deuten die Indizien auf jeweils eigene Art, streiten darüber, sezieren die Beweisführungen des anderen mit messerscharfem Verstand, finden Schwachstellen, werden gekontert, stoßen auf weitere Widersprüche: Das ist Krimi-Kunst vom Feinsten, die quasi die Argumente vorausahnt, die dem aufmerksamen Leser durch den Kopf gehen. Sie mildert die grundsätzliche Schwäche eines Romans, in dem ansonsten wenig geschieht, die Motivation des Mörders recht fragwürdig wirkt und der Autor zu einem gar nicht fairen Trick greift, um den Täter aus einen scheinbar verschlossenen Raum zu schaffen. (Immerhin: Es geht nicht um einen perfekten Mord IM verschlossenen Raum!)

Als sich Fell und Hadley zusammenraufen und sich der Fall endlich zu klären scheint, wird dem Leser im großen Finale der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit haben wir zwar gerechnet aber wir gehen Fell trotzdem auf den Leim, der die Indizien noch einmal durcheinander würfelt und neu zusammensetzt. Deinen Augen darfst du nur bedingt trauen, deinen Ohren ebenfalls und deinen Zeugen lieber gar nicht. Die letzte Instanz ist abermals Gideon Fell, weil dessen Verstand über die für die Auflösung notwendige Sprunghaftigkeit verfügt. In diesem Punkt muss sich der wackere aber allzu organisierte Hadley geschlagen geben.

Im Reich des verrückten Uhrmachers

Eleonor: seelisch derangiertes Mündel; Millicent Steffins: hysterisch-bigotte Freundin der verstorbenen Mrs. Carver; Lucia Handreth: abweisende Anwältin mit dem Hang zur üblen Nachrede; Peter Stanley: nervenkranker, unter skandalösen Umständen aus den Dienst entlassener Chefinspektor; Calvin Boscombe: scheinheiliger Hausfreund mit abstoßenden Angewohnheiten; Christopher Paull: ständig alkoholisiert und mit wirren Anschuldigungen schnell bei der Hand; Donald Hastings: Eleonors gern auf dem Hausdach umhergeisternder Galan mit einem düsteren Familiengeheimnis; Henrietta Gorson: theaterliebende und theatralische Haushälterin; Kitty Prentice: tumbes Hausmädchen mit überraschenden lichten Momenten.

‚Regiert‘ wird dieser obskure Haushalt von Johannus Carver, einem Mann, der Uhren mehr liebt als Menschen und von dieser Leidenschaft geprägt bzw. gezeichnet wird: Was er zu dem grotesken Mordfall in seinem Haus zu sagen hat, ist sogar noch schwieriger zu deuten als die ausweichenden, benebelten und gelogenen Aussagen der Mitbewohner.

Der dickfellige Meisterdetektiv

In dieses Getümmel scheint sich Gideon Fell harmonisch einzupassen, doch vorsichtig: Das joviale Äußere und die kultivierte Exzentrik verbergen einen überaus rationalen Geist. Fell kann freundlich wie ein alter Großvater wirken, um im nächsten Moment die Maske fallen zu lassen. Die Konsequenz seiner Ermittlungsarbeit ist ihm stets präsent. Es geht nicht um akademische Gedankenspiele: Der von ihm überführte Täter wird am Galgen enden. Damit kann Fell leben: „Trinken wir noch ein Bier“ (S. 192), lautet sein abschließendes Wort, der gleichzeitig den Roman beendet.

Wie üblich hüllt er sich bis dahin in vielsagendes Schweigen und bringt damit nicht nur den armen Hadley, sondern auch den Leser zur Weißglut. Informationen verabreicht Fell grundsätzlich nur in homöopathischen Dosen. Nur so kann er im Finale glänzen (und Vorab-Irrtümer verbergen). Dieses Mal muss er sich wirklich anstrengen, um dem (hoffentlich konzentrierten) Leser ein überkonstruiertes Mordkomplott darzulegen.

Damit Fell nicht gar zu übermenschlich schlau wirkt, stellt ihm Carr wieder einen Watson zur Seite. Professor Melson hält sich freilich zurück. Er führt Fell in Carvers Haus ein, stellt hin und wieder Fragen, die der Leser an dieser Stelle ebenfalls stellen möchte, und mäßigt seinen Freund Fell, wenn die Diskussion mit Hadley gar zu hitzig wird. Ansonsten schaudert es Melson tüchtig, wenn Carr sich anstrengt, dem Carver-Haus eine mysteriöse Ausstrahlung zu verschaffen, die wie schon gesagt ziemlich aufgesetzt wirkt.

„Der vergoldete Uhrzeiger“ erweist sich als Buch, das in seinen Einzelteilen besser wirkt als in seiner Gesamtheit. Zu großen Wert legt der Verfasser dieses Mal auf eine irritierende Grundstimmung, deren Begründung ihm nicht annähernd so gut gelingt wie sein deduktives Scharmützel mit seinem verbeamteten Gegenüber, das nicht genretypisch beschränkt sondern ein würdiger Gegner ist. In diesen Passagen zeigt Carr, was er wirklich kann, und liefert unterm Strich einen Roman, der zwar nicht zu den besten der Gideon-Fell-Reihe gehören mag, sich jedoch dennoch mühelos – wenn auch ein Stückchen weiter hinten als sonst – in die Reihe der klassischen „Whodunit?“-Krimis seiner Epoche einreiht.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese Website verwiesen.

[md]

Titel bei Amazon.de

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Der Bastard von Tolosa

Erstellt von Werner Karl am 6. Februar 2010

der-bastard-von-tolosaUlf Schiewe
Der Bastard von Tolosa

Droemer Verlag, München, 11/2009
HC mit Schutzumschlag, Belletristik, History
ISBN 9783426198414
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur, München unter Verwendung
eines Motivs von Fine Pic, München, Bridgeman Art Library

www.droemer.de

Ulf Schiewe, Jahrgang 47, hat, statt einer Karriere als Kunstmaler nachzugehen, in der Softwareindustrie gearbeitet. Nun hat er sein Debüt in der Kunst des Schreibens gegeben und einen historischen Roman vorgelegt, der in jedem nur denkbaren Wortsinn episch zu nennen ist. Auf über 900 Seiten entfaltet sich die bewegende Lebensgeschichte des Edelmanns Jaufré Montalban, Cavalier und Castellan von Rocafort. In der Ich-Perspektive wird erzählt, wie er 1096 mit tausenden anderen Kriegern aufbricht, um Jerusalem zu ‚befreien’. Er entflieht so der glücklosen Ehe mit einer Frau, zu der er gezwungen wurde, nachdem er seine Liebe nicht heiraten durfte. Vierzehn Jahre bleibt er in Outremer, wo er sein Glück findet. Er ist Castellan einer großen christlichen Festung, hat eine Frau, die er über alles liebt, und eine Tochter.

Doch dann wird seine Frau getötet, und er kehrt mit seiner Tochter und seinem Freund Hamid – ein Moslem – nach Hause zurück. Dort wird er nicht mit mit offenen Armen empfangen: Seine Familie hatte ihn tot geglaubt, seine erste Frau steht im Begriff, einen anderen Mann zu heiraten, sein Sohn Raoul begegnet ihm mit Hass und Unverständnis. Bald wird er von neuem in Krieg, Verrat und Kampf verstrickt, denn er hütet ein gefährliches Geheimnis …

Kunstvoll nutzt der Autor Retroperspektiven und all die Vorteile, die der Ich-Erzähler bietet, um den Leser hautnah an die Schrecken der Kreuzzüge und die für uns so grausam erscheinende Zeit des 11. Jahrhunderts heran zu führen. Jaufré wirkt gerade durch seine Fehler, seine emotionale Naivität, seine geradlinige Ehrlichkeit beinahe erschreckend authentisch. Auch all die anderen Charaktere werden durch das Auge des Erzählers lebendig, ob es nun der unschuldige kleine Mönch ist, der den Erinnerungen des Edelmannes lauscht, die Freunde, Feinde oder Geliebten dieses Mannes: Sie alle wirken stark und überzeugend.

Etwas schwächer ist die Sprache der Helden: Man mag Jaufré verzeihen, dass er durch sein hartes, sehr wechselhaftes Leben zu solch modernen Gedanken und Lebenseinstellungen gelangt ist, doch auch viele Nebenfiguren sprechen unangemessen für diese Epoche. Außerdem ist der sehr detailgetreue Stil manchmal zu ausschweifend, um die Spannung ungebrochen hochhalten zu können. Das sollte aber niemanden davon abhalten, dieses Epos zu genießen, das für männliche wie weibliche Leser viel zu bieten hat: Schlachtengetümmel, Kampf, Niederlage und Sieg, aber auch Liebe, Verlust, Intrigen.

Alles in allem ist „Der Bastard von Tolosa“ ein historischer Roman, der sich wohltuend von jenem Schema F abhebt, das sich in jüngster Zeit in dieses Genre eingeschlichen hat. Keine tapfere Heldin, die männlicher Gewalt trotzen muss, bis ihre wahre Liebe sie errettet, sondern authentische Menschen vor sorgsam recherchiertem Hintergrund, agieren hier. (3xPRT)

Copyright © 2010 Alexandra Balzer

Titel bei Amazon.de:
Der Bastard von Tolosa

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Die Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Achim Mühle
2.Ralph Wolf
3.Ludwig Piotrowski
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Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet

Erstellt von Werner Karl am 23. Januar 2010

die-reise-nach-tulum1Federico Fellini & Milo Manara
Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet
Manara Werkausgabe 1

Keine Angaben zu Originaltiteln und Erscheinungsjahr
Panini Comics, Stuttgart, 8/2008
HC mit Schutzumschlag auf Kunstdruckpapier, Comic, Kunst, Surrealismus, Fantasy, SF
ISBN 9783866078727
Aus dem Italienischen von Michael Leimer
Titelbild und Zeichnungen von Milo Manara

www.paninicomics.de
www.milomanara.com/

Viele haben den Namen Federico Fellini bestimmt schon einmal gehört. Der 1920 geborene und 1993 verstorbene Filmemacher gehörte zu den schillernden italienischen Regisseuren und Produzenten, der gerade zwischen 1940 und 1970 durch seine eigenwilligen, surrealistisch angehauchten und oftmals provokativen Filme die Gemüter der Kritiker erregte. Er gilt als einer der Tabubrecher, die schon früh – wenn auch eher auf künstlerische Art und Weise – Erotik in seinen Werken präsentierte und mit Gesellschaftsschelte nicht sparte. Zu seinen bekanntesten Werken gehören unter anderem „Das Lied der Straße“, „Das süße Leben“, „8 ½“ oder „Satyricon“. Der 1945 geborene Milo Manara schuf bereits in den 1970er Jahren Comics, die mehr Kunst als Unterhaltung waren wie „Der Affenkönig“ oder „Revolution“. Später arbeitete er dann mit Hugo Pratt, Luc Besson und nicht zuletzt Federico Fellini zusammen. Für Letzteren setzte er zwei nicht verfilmte Szenarien um, die wohl zum ersten Mal auch auf Deutsch vorliegen: „Die Reise nach Tulum“ und „Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet“. Beide Geschichten basieren auf Skripten von Fellini, der zu der Zeit, in der er diese verfasste, von Carlos Castaneda und seinen esoterischen Werken begeistert war.

„Die Reise nach Tulum entführt in ein Mexiko, in dem sich Traum und Wirklichkeit vermischen. Der Held ist gefangen in Illusionen und kann bald nicht mehr unterscheiden, ob das, was er wahr nimmt, Wirklichkeit ist oder die reine Erfindung seines Geistes. Denn die Stätten, die er auf diese Weise kennen lernt, sind viel farbenprächtiger und schöner als die Realität. Nach und nach verliert er sich immer mehr in den Traumbildern, nicht ahnend, das er damit alles verlieren könnte, was er sich bisher erarbeitet hat. Auch „Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet“ schildert eine Reise aus der Wirklichkeit in die der Visionen und Träume. Doch diesmal muss sich der Protagonist der Tatsache stellen, dass ihn am Ende das Jenseits erwartet und seine Reise eine ohne Wiederkehr ist. Wie in allen surrealistischen Werken fließen Traum und Realität ineinander, finden sich in ganz normalen Städten plötzlich magische Paläste mit einer archaischen Ausstrahlung, wechseln die Figuren von einem zum anderen Mal die Szenerie und müssen sich phantastischen Bedrohungen und philosophischen Fragen stellen, wenn sie auf ihrem Weg weiter kommen sollen.

Natürlich gibt es auch eine Menge hübscher Frauen zu sehen, die ihre weiblichen Reize präsentieren, aber die Erotik, die sie ausstrahlen, ist ebenso unwirklich wie das Setting und weit entfernt davon, Pornographie zu sein. Man muss sich schon Zeit nehmen, um in die Geschichte einzutauchen und sie zu verstehen, denn vieles erschließt sich nicht unbedingt nach dem ersten Lesen. Und auch danach kann man noch eine Weile darüber nachdenken, denn einfach zu verstehen, sind die Szenen dann immer noch nicht. Neben den beiden Geschichten gibt es noch eine Menge Illustrationen und Entwürfe zu sehen, u. a. auch das Storyboard von Fellini. Ergänzende Texte klären über die Intention und den Hintergrund der Geschichten auf, was stellenweise auch sehr hilfreich ist, wenn man z. B. Castaneda nicht gelesen hat. Alles in allem sollte man keine leicht verdauliche erotische Kost erwarten, sondern schwergängige künstlerische Geschichten, die zwar herausragend gezeichnet, aber nicht leicht zu verstehen sind, da sie mehr auf den phantastischen Surrealismus der Szenen als auf eine klare Aussage und geradlinige Handlung setzen.

Christel Scheja (CS)
 
Titel bei Amazon.de:
Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet

Abgelegt unter Comic & Manga, Erotik & Sexualität, Fantasy, Kunst & Kultur, Science Fiction | Keine Kommentare »

Hexenvolk

Erstellt von Michael Drewniok am 31. Oktober 2009

Fritz Leiber
Hexenvolk


leiber-hexenvolk-coverOriginaltitel: Conjure Wife (1943 zuerst erschienen als Fortsetzungsroman im Magazin “Unknown Worlds”; als Buch New York : Lion Books 1953)
Dt. Erstausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Spielball der Hexen“): 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir TB 41)
Übersetzung: Christiane Nogly
145 S.
[keine ISBN]
Diese (ungekürzte) Neuausgabe: November 2008 (Edition Phantasia/Phantasia Paperback Horror 3009)
Übersetzung: Joachim Körber
251 S.
ISBN-13: 978-3-937897-31-8

Das geschieht:

Norman Saylor, Professor für Soziologie am Hampnell College, ist mit seinem Leben zufrieden. Verheiratet ist er mit der schönen Tansy, und in dem Piranha-Becken aus Missgunst und Eifersucht, der das alltägliche Universitätsdasein darstellt, weiß er sich gut zu behaupten; aktuell sieht es sogar so aus, als werde Norman zum Dekan seines Fachbereichs ernannt.

Deshalb fällt der ehrbare Wissenschaftler aus allen Wolken, als er eines Tages unter den Habseligkeiten seiner Frau auf eine imposante Sammlung eindeutiger Glücks- und Schutzzauber-Utensilien stößt. Auch im Haus findet Norman überall Talismane. Empört stellt er Tansy zur Rede, die zugeben muss, sich schon seit längerer Zeit als Amateur-Hexe zu betätigen, um ihren Norman gegen die Attacken missgünstiger Kollegen zu schützen.

Um sie aus ihrem abergläubischen Wahn zu reißen, zwingt Norman Tansy, sämtliches Zauberzeug zu verbrennen. Damit setzt eine Kette seltsamer Missgeschicke und Unfälle ein. Norman wird des wissenschaftlichen Plagiats verdächtigt. Eine Studentin will von ihm belästigt worden sein. Ein durchgefallener Examenskandidat will ihn erschießen. Der Betondrache vor dem Bürofenster wird lebendig verfolgt ihn. In seinem Kopf ertönt eine Stimme, die einen grausamen Tod ankündigt.

Lange kämpft Norman um eine rationale Erklärung, bis er sich der Erkenntnis stellen muss, dass Tansys Magie nicht nur funktioniert hat, sondern er und sie sich nunmehr schutzlos den Tücken der Welt stellen müssen. Schlimmer ist jedoch die Gewissheit, mit einem tödlichen Fluch belegt zu sein. Eine unsichtbare Macht belauert das Paar, denn auch Tansy weiß längst, was vorgeht. Als sie Norman überlistet und den Fluch heimlich auf sich nimmt, ist der Zeitpunkt gekommen, sich dem hinterlistigen Hexenvolk von Hampnell offen zu stellen …

Alle Frauen sind Hexen!

Bevor Hardcore-Feministinnen und Gutmenschen ob dieser Überschrift in kollektives Protestgeheul ausbrechen, sei ihnen und den anderen Lesern versichert, dass a) diese Aussage um der ihr innewohnenden Provokation vom Rezensenten dreist aus dem Zusammenhang gerissen wurde, um Aufmerksamkeit für diese Zeilen zu erregen, und b) Autor Fritz Leiber zwar tatsächlich meint, was er schreibt, ohne die Hexerei, wie er sie definiert, und jene, die sich ihrer bedienen, abzuwerten.

„Hexenvolk“ markiert, wie Christian Endres in einem informativen Nachwort ausführt, neben wenigen anderen Werken den Beginn des ‚modernen‘ Horror-Romans. Mit allem ihm zur Verfügung stehenden Talent – und das war beträchtlich – bemühte Leiber sich, das Genre von Friedhofsstaub, Spinnweben, alten Flüchen und anderen Elementen eines allzu ‚klassisch‘ gewordenen Horrors zu befreien und ins 20. Jahrhundert zu holen. Gleichzeitig verließ er die üblichen, d. h. abgelegenen Spukstätten und siedelte die Handlung inmitten der modernen Stadt an: Der „urban horror“ war geboren! (Dass er heute zur Schnittmenge zwischen Glitzer-Grusel und Liebesschmalz heruntergekommen ist, darf nicht Leiber angelastet werden, der die Meyers, Adrians oder Davidsons dieser Buchwelt nicht mehr erleben musste.)

Mit einigem Aufwand macht er sich daran, die Magie mit der Wissenschaft zu vermählen. Im Krieg mit den drei bösen Hexen aus Hampnell wird der Skeptiker Saylor zum echten Gegner, als es ihm gelingt, die Faktoren des heftig wogenden Zauberkampfes in eine mathematische Formel zu fassen, die sich berechnen lässt: Magie ist keine Wahnvorstellung, sondern eine Grauzone der Wissenschaft und – noch wichtiger – letztlich auch den Naturgesetzen untergeordnet.

Frauen haben intuitiv Zugang zu diesem Zwischenreich. Sie könnten die Welt regieren, so Leiber, wenn sie nur wollten – aber sie wollen nicht. Auf der anderen Seite können auch Männer sich durchaus magischer Praktiken bedienen, aber sie sind zu rational, was nach Leiber einen Tunnelblick beinhaltet, der nur das Offensichtliche fokussiert und den hexenden Frauen ihren Freiraum lässt.

Ein Mann muss umdenken

Wie mühsam der Umdenkprozess ist, verdeutlicht der Autor am Beispiel des Soziologen Norman Saylor. Er ist Herr Jedermann, zudem tief und selbstzufrieden in seinem Fachwissen geerdet. An die Realität von Magie mag er anfänglich nicht einmal theoretisch denken. Mit einem Faktenschwall und beruhigender Stimme ‚überzeugt‘ er Gattin Tansy, sich ihrer Amulette und anderer Hexenmittel zu entledigen. Damit raubt er nicht nur ihr den Schutz, sondern stört ahnungslos die Balance einer Welt, deren Alltag zumindest in Hampnell aktuell auf Magie basiert. Nicht einmal die daraus resultierenden Verwerfungen können Saylor anfänglich eines Besseren belehren, bis ihn die jenseitige Welt in Gestalt eines steinernen Drachen buchstäblich in den Hintern zu beißen droht. Als Saylor die Magie akzeptiert, ist dies ein widerwilliger Prozess. Immer wieder ruft er sich selbst zur Ordnung: Er ist doch ein ‚vernünftiger‘ Mensch und Wissenschaftler! Jedesmal trifft ihn in solchen Phasen des Zweifels die Wucht einer auch magischen Realität.

Magie ist nur ein Name

Den Anstoß, Horrorgeschichten über und für eine moderne Welt zu schreiben, bekam Leiber laut Endres durch die Bekanntschaft mit dem legendären Howard Phillips Lovecraft (1890-1937). Fünf kostbare Monate – Lovecrafts letzte – im Jahre 1937 korrespondierte Leiber intensiv mit dem zwar verehrten aber nie kopierten Meister. Auch Lovecraft experimentierte mit dem Genre. Sein „Cthulhu“-Zyklus ist oft eher Science Fiction als Horror, und das Grauen, das die „Großen Alten“ mit sich bringen, tragen sie in die Gegenwart.

Wie Lovecraft interpretiert auch Leiber die alten, buchstäblich genommen längst lächerlich gewordenen Mittel der Zauberei – Knoten, Metalle, exotische Präparate – als Symbole, die in der magischen Zwischenwelt eine völlig andere Bedeutung annehmen. Wie es dort ‚drüben‘ aussieht, schildert Leiber sparsam dosiert. In „Hexenvolk“ sind spektakuläre Raufereien mit Dämonen und anderen überirdischen Unholden weder vorgesehen noch notwendig. Das Grauen wird ansatzweise sichtbar und wirkt – zumal durch den Wortkünstler Leiber heraufbeschworen – umso eindringlicher.

Der Ton bestimmt die Musik

Dass „Hexenvolk“ als Buch bereits 1953 erschien, wird dem Leser höchstens nebenbei bewusst. Es gibt in der Handlung weder Fernsehen noch Computer oder Handy, und das Geld ist deutlich mehr wert als heute. Die Geschichte selbst ist dagegen taufrisch geblieben. Leiber weiß, was er erzählen will und wie er die erwünschten Effekte erzielt. Gar nicht zeittypisch stellt er Norman und Tansy Saylor als gleichberechtigte Partner dar – auch dies ein Punkt, in dem „Hexenvolk“ unerwartet modern bzw. seiner Entstehungszeit voraus war.

Wieder ist es Endres, der in seinem Nachwort darauf hinweist, dass Fritz Leiber auch deshalb so ein ausgezeichneter Schriftsteller war, weil er die Erfahrungen seines turbulenten Lebens in seine Werke einfließen ließ. Die Liste der „Leiberismen“ ist in „Hexenvolk“ lang; erwähnt sei nur die Anspielung auf die drei Hexen aus „Macbeth“: Fritz Leiber Senior (1882-1949), der Vater, war ein Theater- und Filmschauspieler, der mehr als drei Jahrzehnte in Stücken von William Shakespeare auftrat und seinem Sohn die Liebe zum englischen Dichter vererbte.

Geburt & Genese eines Klassikers

Schon auf das zeitgenössische Publikum übte „Hexenvolk“ große Anziehungskraft aus. Eine erste Version des Romans erschien 1943 in zwei Fortsetzungen im Magazin „Unknown Worlds“. Hollywood wurde aufmerksam und „Hexenvolk“ bereits 1944 als „Weird Woman“ unter der Regie von Reginald Le Borg mit Lon Chaney jr. und Anne Gwynne in den Hauptrollen verfilmt, wobei die Drehbuchautoren W. Scott Darling und Brenda Weisberg die ‚feministischen‘ Tendenzen selbstverständlich unterschlugen.

Remakes von „Hexenvolk“ kamen 1962 („Night of the Eagle“ bzw. „Burn, Witch, Burn!“, dt. „Hypno“) und 1980 (“Witches‘ Brew”) auf die Kinoleinwand; in der kurzlebigen TV-Serie „Moment of Fear“ (1960) wurde der Roman für die zweite Episode adaptiert. Für 2010 hat das Hollywood-Studio United Artists eine Neuverfilmung angekündigt.

„Conjure Wife“, der Roman, erschien in deutscher Sprache erstmals 1976 als „Spielball der Hexen“ in der Taschenbuch-Reihe „Vampir-Horror“ des Erich Pabel Verlags. Diese Ausgabe war vor allem in den ‚unwichtigen‘ Non-Grusel-Passagen stark gekürzt und ließ wenig von der eigentlichen Kraft des Originals durchscheinen. Erst 2008 erfuhr „Conjure Wife“ als „Hexenvolk“ seine erste vollständige und adäquate Übersetzung.

Autor

Fritz Reuter Leiber jr. wurde am Heiligen Abend des Jahres 1910 als Sohn eines bekannten Shakespeare-Schauspielers geboren. Nach einem Besuch der Universität von Chicago – er studierte Psychologie – trat er selbst kurze Zeit als Schauspieler auf. Seine wahre Liebe galt indes der Schriftstellerei. Bereits in den frühen 1930er Jahren verfasste Leiber einige Texte für kirchliche Zeitschriften. Doch in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts schwenkte er auf Horror-, SF- und Fantasygeschichten um. Zu seiner ersten Veröffentlichung wurde 1938 “Two Sought Adventure”, eine Geschichte aus der Welt Nehwon, die sich Leiber mit seinem Freund Harry Fischer ausgedacht hatte. Fafhrd und der Graue Mausling, die Hauptfiguren, wurden Leibers erfolgreichste Schöpfung und begleiteten ihn während seiner gesamten Karriere.

Seinen ersten Roman veröffentlichte Leiber 1943. „Conjure Wife“ (dt. „Spielball der Hexen“), ein moderner Horror-Roman, erwies sich als erfolgreiches Werk und wurde bereits im folgenden Jahr verfilmt. Weitere Kurzgeschichten und Novellen folgten, wobei Leiber noch bis 1956 hauptberuflich für das Theater und im Verlagswesen tätig blieb. Erst dann wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Nunmehr stellte sich auch der Erfolg bei der Literaturkritik ein. In den nächsten Jahrzehnten heimste Leiber praktisch alle bedeutenden Preise ein, die in der phantastischen Literatur vergeben werden. Für die grandiose Lovecraft-Neuinterpretation “Our Lady of Darkness” (dt. “Herrin der Dunkelheit”) wurde ihm 1978 der “World Fantasy Award” verliehen.

Leibers Privatleben wurde immer wieder von Phasen exzessiven Alkoholmissbrauchs geprägt. Auch seine erste Ehefrau Jonquil trank und war medikamentenabhängig. Als sie 1969 nach einer Überdosis starb, begab sich Leiber in eine mehrjährige Therapie, die ihm endlich half. 1992 heiratete Leiber ein zweites Mal. Er schrieb kontinuierlich weiter und begab er sich auf eine lange Reihe von Zugreisen durch die USA, denen er nicht mehr gewachsen war. Am 5. September 1992 ist Leiber nur Wochen vor seinem 82. Geburtstag gestorben. “Thrice the Brinded Cat”, eine erst kurz zuvor entstandene Kurzgeschichte, wurde sein Abschiedsgeschenk.

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Schrecksekunden

Erstellt von Michael Drewniok am 18. Oktober 2009

asquith-schrecksekunden-coverCynthia Asquith (Hg.)
Schrecksekunden
Aus dem Geisterkabinett der Lady Cynthia Asquith

Originaltitel: The Second Ghost Book (London : J. M. Barrie 1952) bzw. A Book of Modern Ghosts (New York : Charles Scribner’s Sons 1953)
Übersetzung: Jeannie Ebner
Dt. Erstausgabe: April 1973 (Fischer Verlag/TB Nr. 1348)
219 S.
ISBN-13: 978-3-596-21348-1
(sfbentry)

17 Kurzgeschichten sollen eine Momentaufnahme der ‘modernen‘ Phantastik darstellen, wie sie 1952 gesehen wurde:

- Elizabeth Bowen: Vorwort, S. 7-10

- Rosemary Timberley: Weihnachtliches Zusammentreffen (“Christmas Meeting”), S. 11-14: An besagtem Feiertag trifft eine Frau einen Geist – oder war es umgekehrt …?

- L. A. G. Strong: Danse Macabre (“Danse Macabre”), S. 15-21: Nach dieser Ballnacht an der Seite einer unirdisch schönen Frau entsagt Lebemann Flanagan schlagartig allen Ausschweifungen …

- G. W. Stonier: Aus den Erinnerungen eines Geistes (“The Memoirs of a Ghost”), S. 22-26: Nach dem Tod wird das Leben nicht unbedingt besser, wie uns diese frustrierte Spukgestalt erläutert …

- Nancy Spain: Die Verwirrung der Schlange McKoy (“The Bewilderment of Snake McKoy”), S. 27-40: In seinem Haus lernt der Schriftsteller eine Mieterin kennen, die schon lange auf die Möglichkeit zum Beginn eines neuen Lebens wartet …

- V. S. Pritchett: Don Juans seltsamstes Abenteuer (“A Story of Don Juan”), S. 41-46: Der große Liebhaber wird in eine gespenstische Falle gelockt, wofür er sich auf die ihm eigene Art rächt …

- Walter de la Mare: Schutzgeist (“The Guardian”), S. 47-61: Einem Nachtmahr entspringt eine zarte aber tragische Liebesgeschichte …

- Rose Macaulay: Die Rehabilitierung des Tiberius (“Whitewash”), S. 62-67: Ein römischer Kaiser frönt auch 2000 Jahre nach seinem Tod perversen Spielchen …

- C. H. B. Kitchin: Die Chelsea-Katze (“The Chelsea Cat”), S. 68-89: Es gibt einen guten Grund, wieso Sammler Mallowbourne die erworbene Porzellankatze buchstäblich wie die Pest zu hassen beginnt …

- L. P. Hartley: W. S. (“W. S.”), S. 90-101: Autor Streeter erhält böse Briefe von einem ebensolchen Leser, und aus den Absendern wird deutlich, dass dieser ihm unaufhörlich näher kommt …

- Mary Flitt: Das Amethystkreuz (“The Amethyst Cross”), S. 102-127: Im einsamen Haus am Moor lebt eine alte Gewalttat um Mitternacht bedrohlich wieder auf …

- Eleanor Farjeon: Spooner (“Spooner”), S. 128-140: Wenig hilfreich ist es, wenn nur die Katze weiß, was den alten Freund nach seinem Tod so unruhig umgehen lässt …

- Evelyn Fabyan: Fliegerangriff bei Nacht (“Bombers’ Night”), S. 141-152: Die tote Gattin kehrt zurück und fordert die am Traualtar geschworene ewige Liebe ein …

- John Connell: Zurück an den Anfang (“Back to the Beginning”), S. 153-160: Auch für einen modernen Teufelspakt muss der Preis schließlich gezahlt werden …

- Collin Brooks: Eigentum bei Fertigstellung (“Possession on Completion”), S. 161-172: Wenn erst ein Gespenst ein Haus heimisch wirken lässt, kann man notfalls eines erschaffen …

- Elizabeth Bowen: Die Hand im Handschuh (“Hand in Glove”), S. 173-185: Die hartherzige Nichte hätte die Kleidertruhe der wunderlichen Tante nicht gar so heftig plündern sollen, denn diese hat dort eine garstige Überraschung hinterlassen …

- Eileen Bigland: Eine ätherische Erscheinung (“The Lass with the Delicat Air”), S. 186-202: Ein hässliches Eifersuchtsdrama nimmt viele Jahre nach dem Tod der Opfer ein versöhnliches Ende …

- Cynthia Asquith: Ein Grab zu wenig (“One Grave Too Few”), S. 203-219: Das neue Haus hat einen alten Makel: Schwangere Bewohnerinnen werden hier nie alt …

Eine Bestandsaufnahme zeitgenössischen Horrors

Die Phantastik unterliegt wie alle literarischen Genres bestimmten Moden, die wiederum an gesellschaftliche Entwicklungen gekoppelt sind. Der frühe Grusel gab sich deshalb gern moralisch; Attacken aus dem Jenseits wurden als ‘gerechte‘ Strafen für Verfehlungen im Hier & Jetzt liebevoll ausgemalt, auf dass die Leser daraus (hoffentlich) lernten, sich an Gesetze und Regeln zu halten.

Spätestens der I. Weltkrieg brachte ein Ende solcher Bigotterie; sie starb zwar nicht aus, aber sie wirkte antiquiert in einer Zeit, die ganz andere Quellen des Schreckens offenbart hatte. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand außerdem die Wissenschaft der Psychologie, die sich trotz ihrer Fehler und Anfeindungen behaupten konnte. Die Erforschung des menschlichen Hirns, seiner Funktionen und – für die Phantastik von besonderem Interesse – seiner Fehlfunktionen versetzte der Phantastik einen Energiestoß: Der Schrecken, den bisher pittoreske Gestalten aus dem Totenreich verbreitet hatten, kam nunmehr auf dem Umweg über besagtes Hirn in diese Welt – wenn er nicht sogar ausschließlich dort seinen Ursprung hatte!

Der II. Weltkrieg brachte die Gewissheit, dass der Mensch grundsätzlich keine Gespenster, Vampire oder Werwölfe benötigt, um sich das Leben zur Hölle zu machen; er schafft dies sehr gut allein. Die Geistergeschichte passte sich auch dem an. Sie kappte ihre Wurzeln nicht, aber sie gedieh sehr gut auch im modernen Alltag. Mit “The Second Ghost Book” wollte (Lady) Cynthia Asquith (1887-1960), selbst Autorin und eine profunde Kennerin der Phantastik, diesen Wandel 1952 belegen. Sie sammelte 20 aktuelle Kurzgeschichten, die den Status der ‘neuen‘ Geistergeschichte dokumentieren sollten. Ihr diese Aufgabe zu übertragen lag nahe, denn Lady Cynthia hatte 1927 herausragende Exempel der klassischen “ghost story” zu einem ersten “Ghost Book” zusammengestellt.

Eine durchwachsene Grusel-Mischung

Das neue Projekt wurde schon von zeitgenössischen Kritikern nicht durchweg für gelungen gehalten. (Erfolgreich war es allerdings; Lady Cynthia edierte vor ihrem Tod noch ein drittes “Ghost Book”, dann übernahmen andere Herausgeber und führten die Reihe bis 1977 fort; sie umfasst insgesamt – das ist kein Scherz – 13 Bände. Vgl. dazu hier.) Dafür ist zum einen die schwankende Qualität der aufgenommenen Erzählungen verantwortlich. Die meisten Storys lesen sich unterhaltsam, aber herausragend sie nur wenige. Fatalerweise sind zum anderen viele Geschichten, die sich ausdrücklich ‘modern‘ geben, reichlich misslungen, d. h. langweilig.

Rose Macaulay (1881-1958) setzt auf die Wirkung einer Idee, die nicht so originell ist, wie sie wohl dachte. Walter de la Mare (1873-1956), ein Großmeister der hintergründigen Phantastik, liefert ein ebenso prätentiöses wie lahmes Mini-Drama ab, das bereits die meisten Erstleser nicht berührte, sondern ratlos zurückließ; was sonst von der Literaturkritik gern damit begründet wird, dass besagte Leser dem Künstler intellektuell nicht gewachsen sind, kann hier beim besten Willen nicht geltend gemacht werden. Eleanor Farjeon (1881-1965) stellt mit einer Tiergeister-Mär unter Beweis, wie schlüpfrig der schmale Grat zwischen Rührung und Rührseligkeit ist. Eileen Bigland (1898-1970) und Evelyn Fabyan schlagen (oder stürzen) mit ihren durch den Tod nicht beendeten Liebesdramen in dieselbe Kerbe. Was ‘moderner‘ Grusel sein kann, vermag Collin Brooks (1893-1959) deutlich zu machen. Seine Geschichte vom Jedermann, der dem Wahnsinn verfällt, ist stringent durchkomponiert und verfehlt ihre Wirkung nicht.

Gern endet die ‘moderne‘ Geistergeschichte offen. Der Leser muss sich zusammenreimen, was geschehen ist oder geschehen sein könnte. Nancy Spain (1917-1964) und Leslie Poles Hartley (1895-1972) setzen auf diese Form, doch am besten und gewiss nicht beabsichtigt gelingt ihnen der Beweis, dass man diesen Trick beherrschen muss, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wie man es besser macht, zeigt Rosemary Timberley (1920-1988) in ihrer nur dreiseitigen Kurzgeschichte.

Interessanterweise wirken vor allem jene Storys gelungen, die sich an die klassischen Vorgaben halten. Clifford Henry Benn Kitchin (1895-1967), Leonard Alfred George Strong (1896-1958) oder Cynthia Asquith selbst legen Geschichten vor, die sehr gut ins erste “Ghost Book” gepasst hätten. Die ‘alte‘ Geistergeschichte fasziniert offensichtlich trotz ihrer antiquierten Formen zuverlässiger als die betont gegenwärtige Phantastik – und so ist es geblieben, denn die erwähnten Erzählungen stechen auch im 21. Jahrhundert noch positiv hervor. Auch hier kommt es freilich auf das individuelle Talent an: Die an sich sehr stimmungsvolle Gruselmär von Mary Flitt leidet unter ihren Abschweifungen und einem unnötigen Perspektivensprung, der die Unmittelbarkeit des Geschehens negiert.

Geister können komisch sein

Schrecken und Humor scheinen einander auf den ersten Blick auszuschließen. Doch das “befreiende Gelächter” gehört zur Geistergeschichte, die ihre Wirkung durch wohl dosierten Witz erstaunlich erhöhen kann. George Walter Stonier (1903-1985) amüsiert mit dem ungewöhnlichen Blick eines ‘Insiders‘ auf das Jenseits, das hier ebenso schrecklich wie vergnüglich prosaisch erscheint. Victor Sawdon Pritchett (1900-1997) parodiert die klassische Don-Juan-Sage; er bewahrt ihren Duktus und verschneidet sie geschickt mit einer durchaus klassischen Geisterstory, die einen für alle Beteiligten ungewöhnlichen Verlauf nimmt. John Connell interpretiert die alte Geschichte vom Pakt mit dem Teufel formal wie stilistisch nicht nur sehr zeitgemäß, sondern befleißigt sich dabei eines trockenen und sardonischen Humors. Elizabeth Bowen (1899-1973) erzählt eine Geistergeschichte, deren Auflösung wenig schlüssig erscheint. Der Reiz des Erzählten beruht auf einem hinterlistigen Unterton, der das Geschehen wirkungsvoll konterkariert.

Letztendlich erweist sich “Schrecksekunden” ungeachtet des hehren Anspruchs als Sammlung nur bedingt gelungen. Nach mehr als einem halben Jahrhundert müssen und können die Geschichten für sich selbst bestehen – oder auch nicht. Anthologien sind stets wie Wundertüten: Der Inhalt kann sowohl überraschen als auch enttäuschen. In diesem Fall überwiegen – knapp – die erfreulichen Entdeckungen.

P. S.: Von wegen “ungekürzte Ausgabe”, wie im Impressum behauptet wird! Es fehlen in der deutschen Fassung drei Storys der Originalausgabe: “Autumn Cricket” (von Lord Dunsany), “Captain Dalgety Returns” (von Laurence Whistler) und “The Restless Rest-house” (von Jonathan Curling).

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Das Tor der Zeit

Erstellt von Michael Drewniok am 25. August 2009

asher-tor-der-zeit-coverNeal Asher
Das Tor der Zeit

Originaltitel: Polity Agent (London : Tor, an Imprint of Pan Macmillan Ltd. 2006)
Deutsche Erstausgabe: Mai 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/Science Fiction Nr. 23308)
Übersetzung: Thomas Schichtel
Cover: Fred Gambino
589 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-23308-3
www.luebbe.de

Das geschieht

Die “Polis” ist in ferner Zukunft der von den Menschen und ihren Abkömmlingen und Verbündeten besiedelte Teil der Galaxis. Regiert wird das gewaltige Gebilde von künstlichen Intelligenzen (KIs), die über die gesamte Polis verteilt sind und mit “Earth Central” in Verbindung stehen.

Die KI Celedon, die in einem vergessenen Winkel der Polis eine Raumstation steuert, zu einer unbekannten Sonne beordert. Dort steht die Öffnung eines “Runcibles” bevor: Zwei Punkte im All werden durch ein künstliches Wurmloch verbunden, durch das sich gewaltige Strecken in Nullzeit überbrücken lassen. Diese Technik ist kompliziert und nicht ungefährlich, so dass weiterhin die ‘normale’ Raumfahrt dominiert. “Earth Central” hält zudem geheim, dass die Runcibles auch Zeitreisen ermöglichen. Die “Celedon” steuert ein Portal an, durch das Menschen aus der Zukunft eingetroffen sind.

“Earth Central Security”, die Sicherheitseinheit der Polis, schickt ihren Agenten Ian Cormac an Bord des Forschungsschiffs “Jerusalem” zum Ort des Geschehens. Er kontaktiert er die Gäste und erfährt, dass diese den Auftrag hatten, eine fremde Intelligenz, den “Erschaffer”, zu bergen. Doch durch die Supertechnik einer versunkenen Hochkultur – der Dschaina – wurden alle “Erschaffer” infiziert und assimiliert.

Den Suchenden gelang die Flucht in die Vergangenheit, doch unbemerkt hat sich Dschaina-Technik an ihre Fersen geheftet. Auf dem Planeten Celeron manifestiert sie sich als fünfte Kolonne und setzt zum Sturm auf die “Polis” an. Ein verzweifelter Abwehrkampf setzt ein, in den sich Cormac einschaltet. Unbemerkt bleibt, dass eine allzu neugierige Wissenschaftlerin mit einem Dschaina-Artefakt experimentiert und Geister dort weckt, wo sich niemand ihnen rechtzeitig entgegenstemmen kann …

Ein Epos wälzt sich in den nächste Runde

Der Kampf mit der Dschaina-Technik geht in die nächste Runde, die erneut viele, viele hundert Seiten währt: Allmählich beginnt sich so etwas wie eine Story aus dem wüsten Getümmel herauszuschälen, das Ian Cormac und seine hartgesottenen Mitstreiter/innen an immer neue Brennpunkte führt. Erneut geht es höchst spannend und actionreich zu. Gewaltige Kämpfe toben im All und auf diversen Planeten. Der Tod kommt schnell in Ashers Zukunftswelt, wobei stets noch Zeit für liebevoll im Detail geschildertes, grässliches Sterben bleibt: Der Einfallsreichtum des Verfassers ist schier unerschöpflich.

Das trifft noch mehr auf Ashers Schilderung einer Zukunft zu, die nicht auf die Darstellung bemerkenswerter Hightech beschränkt bleibt. Die “Polis” ist Heimat einer Gesellschaft, die sich neu definiert, indem sich die Grenzen zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz zu verwischen beginnen. Es gibt kaum noch Menschen, die sich nicht ‘verbessern’ ließen, um stärker, schneller und vor allem besser informiert zu sein. Diese Entwicklung ist nicht unproblematisch; über diverse Zwischenfälle informiert Asher durch Ausschnitte aus fiktiven historischen Darstellungen bzw. Rückblicke auf zentrale Ereignisse der “Polis”-Geschichte.

Diese eingeschobenen Infos sind auch deshalb wichtig, weil sich ohne sie inzwischen kaum ein Neuleser in Ashers “Polis”-Chronik zurechtfände. Der Verfasser selbst hat seinen Stoff bemerkenswert gut im Griff. Er bezieht die erfundene Vergangenheit seiner Zukunft in das aktuelle Geschehen ein. Allerdings beginnt er sogar diejenigen Leser, die ihm treu gefolgt sind, zu überfordern – zu gewaltig ist die Geschichte, die Asher zwar in Episoden erzählt, die sich jedoch zu einem Opus reihen, dessen Finale noch lange nicht in Sicht ist.

Hier hat bereits die Kritik eingesetzt. Asher beginnt seinen Quark allzu breit zu treten, um es etwas salopp auszudrücken. Hat er wirklich eine Vorstellung davon, wohin es mit seiner “Polis”-Saga geht, oder entscheidet er dies erst, wenn er eine neue Episode schreibt? “Das Tor der Zeit” ist ein 600-seitiges Werk, das trotz gewaltiger Effekte auf der Stelle tritt. Die wenigen neuen Erkenntnisse, die sich der Verfasser entreißen lässt, gehen in einem Meer grandioser, doch routiniert abgespulter Hit-and-Run-Szenen unter.

Lang, noch länger … viel zu lang

Lässt man sich davon nicht blenden, verlieren auch die detailreichen Schilderungen einer potenziellen Zukunft ihren Glanz. Asher serviert uns alten Wein in neuen Schläuchen, wenn er schon wieder von KIs und Sub-KIs und Sub-Sub- oder Als-ob-KIs usw. fabuliert. Die Dschaina-Knoten stellen erneut jeden Borg-Würfel in den Schatten, es wimmelt von bizarrer Kriegstechnik, Raum und Zeit werden zum gewaltigen Abenteuerspielplatz: Das kennen wir längst, und allmählich (er-) kennen wir, dass Asher auf Zeit spielt bzw. Buchseiten schindet. Viele Kapitel können – oder müssen – wir lesen, in denen sich Verräterin Orlandine ein kuscheliges Geheimversteck bastelt. Asher beschreibt die Bauarbeiten mit dem für ihn typischen, geradezu zügellosen Einsatz von Ideen. Trotzdem wirken diese Passagen so spannend wie eine Gebrauchsanweisung, und sie sind in ihrer Ausführlichkeit sinnlos für die eigentliche Handlung.

Asher outet sich (nicht nur) hier unfreiwillig als SF-Schriftsteller des 21. Jahrhunderts. Was die oft geschmähten Altmeister des Genres auf 250 Seiten sehr ökonomisch und ohne Längen realisiert hätten, walzt er auf Rekordumfang aus. Der routinierte Leser überrascht sich dabei, wie er (oder sie) bald ganze Textsequenzen überspringt und trotzdem den roten Faden nicht verliert. Schade um das investierte Hirnschmalz, denn Asher drischt wie gesagt Stroh, das ein wirklich engagierter Lektor abgeflämmt hätte. Im Zeitalter der Endlos-Serien ist so etwas freilich Vergangenheit, und Neal Asher ist definitiv kein Neuerer der SF, auch wenn er die Space-Opera entstauben konnte. Sein Technobabbel-Repertoire ist erstaunlich (und Thomas Schichtel, ein Fließbandarbeiter im Übersetzungsgewerbe, hält wacker mit), die beschriebenen Wunder wirken ‘realistisch’.

Dazu verschweigt Asher bei allem “Sense of Wonder” nie die negativen Seiten der schönen, neuen Welt. Damit sind nicht nur die spektakulären Krisen gemeint, für die z. B. die Dschaina-Relikte verantwortlich sind. In der “Polis” geht schief, was auch im realen Leben schief zu gehen pflegt. KIs drehen durch, Separatisten begehren auf, Supertechnik versagt, im Gebälk des Systems knirscht es mächtig. Aber auch diese Haken und Ösen, die Ashers Welt plastischer wirken lassen, werden nur bedingt in die Handlung integriert und dieser stattdessen viel zu oft aufgepfropft.

Figuren ersetzten Personen

Vor der sich über Lichtjahre erstreckenden Front gegen die Attacken der Dschaina-Knoten wirken die Figuren notgedrungen wie Flöhe auf einem Hundefell. Individualität ist in Ashers Welt eine behauptete, vor allem durch Äußerlichkeiten wie bizarre Implantate oder den Naturgesetzen Hohn sprechende Fähigkeiten bestimmte Eigenschaft. Das lässt die meisten Personen weniger eingängig als grotesk wirken.

Dagegen fällt Ian Cormacs Charakterisierung eher konventionell aus. Der undercover arbeitende Agent im All ist ein Klischee der Science Fiction. Das wird hier unterstrichen durch Cormacs Verweigerung jener Aufrüstung, durch die sich Menschen in monströse Cyborgs verwandeln. Cormac fungiert als Figur, mit der sich die Leser des 21. Jahrhunderts identifizieren können und sollen, weil er relativ ‘normal’ geblieben ist. Die Zweifel, ob dies nach seinem letzten Kampfeinsatz und den sich anschließenden ‘Reparaturen’ so geblieben ist, ziehen sich als eine von vielen Fragen durch das Geschehen. Außerdem findet Cormac dieses Mal eine Freundin, was einen weiteren Handlungsstrang in Gang setzt, der sich aus literarischen Mehrzweck-Modulen zusammensetzt. Hightech trifft auf altmodischen Sex; das Ergebnis liest sich vertraut und stellt in Ashers Interpretation keine Offenbarung dar.

Neben Cormac treten alte Bekannte wie Drachenkind “Narbengesicht” oder Golem Thorn, die ebenfalls ihre sattsam bekannten Rollen spielen. Das Böse tritt in glitzernder Schale aber im Grunde sehr klassisch auf: Orlandine ist ein weiblicher “mad scientist” mit den üblichen Anwandlungen von Größenwahn. Usurpator Thellant wird von der Dschaina-Tech besessen und tritt in die Fußstapfen des schier unkaputtbaren Skellor, dem Cormac & Co. ermüdend viele Buchseiten hinterher gejagt waren. Gut und Böse treten in immer neuen Masken auf, wechseln die Seiten, tarnen und täuschen manchmal sogar, ohne selbst davon zu wissen: Hier behält einmal mehr höchstens Verfasser Asher die Übersicht. Er schürzt die zahllosen Handlungsfäden zum finalen Knoten. Ist es soweit, stellt der Leser fest, dass er erschöpft und enttäuscht ist. Liegt es daran, dass die Auflösung wenig originell und das Ende schon wieder offen ist? Die Karawane schleppt sich weiter, die Fortsetzung ist bereits angekündigt. Da sich das Strickmuster bewährt hat, wird sie kaum neue Wege gehen und vor allem von den unerschütterlichen Fans der Serie ungeduldig erwartet werden.

Autor

Neal Asher wurde 1961 in Billericay in der englischen Grafschaft Essex geboren. Seine Kindheit und Jugend bezeichnet er als unspektakulär. Die Liebe zum Phantastischen erwachte früh; Ashers Eltern liebten das Genre, in dem ihr hoffnungsvoller Spross bereits im Alter von 16 Jahren recht unbekümmert erste Schritte sprich Schreibversuche unternahm.

Doch erst einmal holte die Realität den jungen Neal ein warf ihn u. a. in eine Firma für Stahlmöbel und andere obskure, in der Regel erfolglos ausgeübte Jobs, die offensichtlich in die Biografie jedes erfolgreich gewordenen Schriftstellers gehören. In der zweiten Hälfte der 1980er fasste Asher beruflich Fuß in der IT-Branche. Nebenbei begann er ernsthaft zu schreiben. Asher verfasste mit “Creatures of the Staff” den ersten Band der Fantasy-Trilogie “The Infinite Willows”, schrieb Kurzgeschichten, Drehbücher und wurde langsam aber sicher eine feste Größe in der britischen Phantastik.

2000 wurde Asher vom Verlag Pan Macmillan für gleich drei Romane unter Vertrag genommen. Diese rasanten und mit überbordender Fantasie geschilderten Abenteuer ließen die Weltraum- und Planeten-Abenteuer der SF-Vergangenheit aufleben und fanden auch im Ausland begeisterte Leser.

Informationen über Leben und Werk gibt Neal Asher auf seiner Website.

Diese ist aktuell, liebevoll gestaltet und prall gefüllt mit bio- und bibliografischen Angaben, die aber nicht gerade erschöpfend sind – Asher ist eine Plaudertasche, die sich gern in Anekdoten verliert und kräftig für sich die Werbetrommel rührt.

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Blut und Spiele

Erstellt von Günther Lietz am 9. Juli 2009

Matt Forbeck, Lads Helloven
Blut und Spiele

Blood Bowl
OT: Blood Bowl: Kiler Contract
Text: Matt Forbeck
Zeichnungen: Lads Helloven
Farben: Lads Helloven, Sumi Pak, Andrew Dalhouse, Zac Atkinson
Ü: Hartmut Klotzbücher
Lettering: LetterFactory
Ausstattung: Softcover, 124 Seiten
ISBN: 978-3-86607-549-8
Verlag: Panini Comics 2008

„Blut und Spiele“ basiert auf einem „Brettspiel“ der englischen Spieleschmiede Games Workshop, in welchem Elemente des American Footballs und des „Warhammer Fantasy Battle“-Universums eine recht krude Mischung eingehen.

Bei Tabletops-Fans – selbst bei solchen, die mit GW prinzipiell wenig am Hut haben – erfreut sich das Spiel deswegen relativer großer Beliebtheit, weil es a) erlaubt, mit relativ wenigen Figuren (= geringen Kosten) auszukommen, die vom Spieler zudem phantasievoll „gemoddet“ werden können, es b) im Vergleich zum durchschnittlichen Tabletop auf einem verhältnismäßig einfachen Regelwerk basiert und das Spielfeld wenig Platz benötigt, weil sich c) der Zeitaufwand pro Spiel in überschaubarem Rahmen hält und es d) dennoch zentrale Elemente eines Tabletops – Glück, Strategie und Miniaturen – in sich vereint.

Die Handlung ist in wenigen Sätzen zusammengefasst: Die Bad Bay Hackers gehören zur Crème de la Crème aller Blood Bowl-Teams. Nach veritablen Siegen an fernen Gestaden steht ein großer Wettstreit im Herzen des Imperiums, in Altdorf, auf ihrem Turnier-Plan.

Für den Mitbesitzer der Hackers, Mr. Hoffnung, der auch gleichzeitig ein Aktiv-Posten innerhalb der Mannschaft ist, bedeutet dieses Turnier eine Gelegenheit, die Zustimmung des Vaters seiner Angebeteten zur geplanten Hochzeit zu erstreiten. Das Einzige, was er dafür tun muss, ist, seine Mannschaft zum Turniersieg zu führen. Doch dabei haben nicht nur andere Teams ein Wörtchen mitzureden. Auch Mr. Hoffnungs neues Team-Mitglied, Kalter Mörder, setzt alles daran, den Liebeskranken ganz unauffällig während eines der Matches ableben zu lassen, was allerdings leichter gesagt als getan ist. Und so landet der Assasssine zunächst selbst regelmäßig auf der Couch des Teamarztes, Dr. Pille.

Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erahnen, dass ein Comic, welches Blood Bowl als zentrales Thema hat, nicht unbedingt literarischem bzw. ästhetischem Elitarismus genügen wird. Wer sich also ernsthaft über die krude, gewalttätige und simple Story aufregt, der hat nicht verstanden, worum es bei diesem Spiel und also auch dem Comic geht: um Gewalt, Schmerzen, Tod, Gewinnen um jeden Preis, – kurz und gut – um höllisch blutigen Spaß. Und genau das wird in der Geschichte transportiert – nicht immer durch Bilder, sondern oft genug „nur“ durch die Kommentare zweier Off-Reporter -, wobei die zynischen, humanoidenverachtenden Sprüche der Protagonisten das Salz in einer Suppe sind, in der sogar die holde Weiblichkeit als Fleischeinlage ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat. Insofern kann man Blood Bowl als die ehrlichere und emanzipiertere Form des Weicheier-Footballs ansehen, welcher seit Jahrzehnten in Amerika gigantomanisch zelebriert wird. Die Engländer haben’s eben wirklich drauf!

So weit, so gut. Es könnte alles so schön sein, gäbe es da nicht das Artwork, das sich mit einem einzigen Wort hinreichend beschreiben lässt: megaeintönig.

Von Aufbau und Ausführung her ist jedes Panel für sich genommen nicht einmal schlecht, auch wenn der relativ leichte, flirrende Strich Hellovens sowie die weiche Koloration in einem spürbaren Kontrast zur bodenständigen, blutgetränkten und harten Story stehen. Das Hauptproblem besteht darin, dass die Panels in toto in kompositorischer Hinsicht viel zu wenig Abwechslung bieten. Zu oft ist der Zeichner zu nahe bei den Figuren, bildet ein ums andere Mal die Protagonisten perspektivisch zwischen Close Up und Medium Shot ab, so dass die Dynamik des Mannschaftspiels „Blood Bowl“ im Raum vollkommen verloren geht und die Story damit visuell zu einem eintönigen Gemetzel seltsam behelmter Charaktere vor einem beliebigen Hintergrund degradiert wird.

Trotz des zynischen, gewaltverherrlichenden Untertons versagt insbesondere das  Artwork darin, „Blood Bowl“-Atmosphäre und -Dynamik auch nur ansatzweise fesselnd auf Papier zu bannen. Damit dürfte dieser visuell eintönige Reigen aus Blut und Schmerzen allenfalls Hardcore-Fans vom Hocker hauen.
(Frank Drehmel)

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Blood Bowl, Bd. 1, Blut und Spiele

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Marvel Monster Edition 30: Secret Invasion 1

Erstellt von Detlef Hedderich am 5. Juni 2009

Dan Abnett, Andy Lanning, Brian Reed, Greg Pak & Fred van Lente
Marvel Monster Edition 30: Secret Invasion 1

Nova (Vol. 4) 13 – 15, Guardians of the Galaxy 1 – 3, Ms. Marvel 25 – 27, Incredible Hercules 116 – 118, Marvel, USA, 2008
Panini Comics, Marvel Deutschland, Stuttgart, 3/2009
PB, Comic, Superhelden, SF, Fantasy, Action, 292/2600
Aus dem Amerikanischen von Michael Strittmatter
Titelillustration von Greg Horn
Innenillustrationen von Wellington Alves, Geraldo Burges, Paul Pelletier, Adriana Melo, Ron Frenz u. a.

www.paninicomics.de
www.danabnett.com/
www.pakbuzz.com/
www.fredvanlente.com/
www.greghornjudge.com/
www.catskillcomics.com/frenz.htm

Die „Secret Invasion“ hat begonnen. Zufällig entdecken die Illuminati, ein geheimer Zirkel Superhelden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschheit vor kosmischen Katastrophen zu schützen, dass sich die Skrulls unter die Bevölkerung gemischt haben und sogar viele Superhelden ausgetauscht wurden. Sind diese tot – oder werden sie irgendwo gefangen gehalten? Wem darf man noch vertrauen angesichts einer Tarnung, die so perfekt ist, dass sie weder durch Wissenschaft, noch Mutentenkräfte oder Magie aufgedeckt werden kann?

Aber nicht nur die Illuminati, die Rächer, die X-Men und all die anderen kämpfen nun gegen einen Feind, der die Erde erobern will, sondern auch einzelne Superhelden und Gruppen, die der Zufall an anderen Orten zusammenführte:

Nach dem „Annihilation Conquest“ ist Richard Rider der letzte Überlebende des Nova-Corps. Wieder muss er sich bewähren, als Galactus eine bewohnte Welt verschlingen will, dessen Bevölkerung sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Weder weiß Nova, weshalb der Silver Surfer wieder Herold von Galactus wurde, noch versteht er, warum der ehrbare Mann ihn plötzlich so gnadenlos angreift.

Die „Guardians of the Galaxy“ bekommen es mit ‚der universellen Kirche der Wahrheit’ zu tun. Mantis sieht eine düstere Zukunft für die Gruppe, darf jedoch keine Warnung aussprechen. Kann das Schicksal trotzdem abgewendet werden?

Carol Danvers alias Ms. Marvel wird angelastet, den Mann getötet zu haben, den sie liebt. Noch schlimmer kommt es, als man behauptet, sie wäre eine Skrull – und die Jagd auf sie eröffnet wird.

Die Götter befürchten, dass auch sie zu den Verlierern gehören werden, wenn es den Skrulls gelingt, die Erde zu erobern. Sie beschließen, in den Kampf einzugreifen, indem sie einige der ihren aussenden. Aber könnten nicht auch diese mächtigen Wesen bereits von den Skrulls infiltriert worden sein?

„Secret Invasion“ ist ein neuerlicher Event, der sich durch praktisch alle Marvel-Titel zieht, viele Veränderungen bringen soll – und gewiss auch die Rückkehr vieler ‚verstorbener’ Helden. Panini möchte nicht nur die Top-Reihen sondern außerdem Auszüge aus Serien präsentieren, die man in Deutschland weniger kennt.

In Folge wartet die „Marvel Monster Edition 30“ mit Helden der zweiten und dritten Garnitur und solchen auf, die fast vergessen sind, da sie aus den Titeln, in denen sie einmal auftraten, heraus geschrieben wurden.

Obwohl sie alle in den USA gegenwärtig eigene Serien haben, wäre es ein Wagnis, diese auch hier zu
veröffentlichen, da die Themen nicht unbedingt den Geschmack eines breiteren Publikums treffen – doch ein Crossover bietet sich immer an, einige neue Reihen zu testen.

Zu den Hauptfiguren dieses mit fast 300 Seiten sehr umfangreichen Bandes gehören Nova, der einst Mitglied der „New Warriors“ war, und die „Guardians of the Galaxy“, als deren prominenteste Repräsentanten vielleicht Mantis („Avengers“), Quasar (an die Stelle von Wendell Vaughn ist – Überraschung! – kürzlich eine Kree getreten) und Adam Warlock, der schon in seiner eigenen und als Gast in anderen Serien gegen kosmische Übeltäter kämpfte, zu nennen wären. Sehr viel populärer sind zweifellos Ms. Marvel (Binary, Warbird), die ab den späten 1960er Jahren u. a. bei den Avengers und den X-Men zeitweilig aktiv war, sowie Hercules, der immer wieder als Mitglied in verschiedenen Gruppierungen wie den Avengers, Defenders, Heroes for Hire etc. die Muskeln spielen ließ.

Für diejenigen, die schon seit Jahren treue Marvel-Leser und Comic-Sammler sind, bietet dieser Band ein Wiedersehen mit Helden, denen man – von einigen Ausnahmen einmal abgesehen – zuletzt nur noch selten (in anderen Crossovers) begegnet ist.

Junge Leser und solche, die sich weniger gut im Marvel-Universum auskennen, dürften sich in einigen Fällen wundern, mit wem sie es zu tun haben und welche Geschichten sich um diese Charaktere ranken.

Schön wäre es gewesen, wenn die Protagonisten in einem Anhang kurz vorgestellt worden wären.

Ob die Abenteuer in den Bann ziehen können, ist Geschmackssache. Die Episoden um „Nova“ und die „Guardians of the Galaxy“ spielen in den Weiten des Alls und warten mit kosmischen Konflikten auf, die zu gigantisch sind, um wirklich nachvollziehbar zu sein. Das gleiche gilt auch für „Incredible Hercules“, der zu einer Reise in eine Götter-Sphäre einlädt, in der sich nahezu alles tummelt, was in den antiken Kulturkreisen der fünf Kontinente Rang und Name hatte. Die spannendste und interessanteste Geschichte liefert „Ms. Marvel“, die auf der Erde mit dem Feind konfrontiert wird und außerdem um ihre Liebe kämpfen muss.

Die Illustrationen aller vier Serien sind sehenswert; allein bei „Ms. Marvel“ mischen zu viele Zeichner mit, was etwas störend wirkt; vor allem die cartoonhaften Rückblenden sind ein Stilbruch.

Zweifellos bekommt man für EUR 26.- eine Menge Comic (12 US-Hefte). Ob die Lektüre diesen Preis wirklich wert ist, muss jeder für sich entscheiden.

Eingefleischte Sammler werden die Ergänzung zum „Secret Invasion“-Crossover gewiss gern mitnehmen, um ihre Neugierde, was an Nebenschauplätzen passiert, zu befriedigen. Kommt man gar auf den Geschmack und möchte mehr von der einen oder anderen Figur lesen, wird der Fachhändler die US-Ausgaben besorgen können, die nicht auf Deutsch erhältlich sind.

Gelegenheitsleser, die zu diesem dicken Band greifen, sollten zumindest in groben Zügen auch mit weniger bekannten Helden vertraut sein, SF mögen und sich darauf einstellen, etwaige Fortsetzungen kaufen zu müssen, wollen sie erfahren, wie das Abenteuer für diese Charaktere ausgeht.

Wer nur einen unterhaltsamen Comic für eine längere Bahnfahrt sucht, dürfte mit einem anderen Titel besser beraten sein, denn hier fehlen doch der Anfang und vor allem das Ende. Außerdem sind die Figuren weit weniger schillernd als „Spider-Man“, die „X-Men“ oder die „Avengers“ mit all ihren Spin Offs. (IS)

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Secret Invasion Marvel Monster Edition 30

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