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Schatten über Wrightsville

Erstellt von Michael Drewniok am 29. Juni 2010

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(Bild: Sammlung md)

(sfbentry)
Originaltitel: Calamity Town (Boston : Little, Brown, and Company 1942/London : Victor Gollancz 1942)
Deutsche Erstausgabe: 1949 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 24)
Übersetzung: N. N.
239 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: 1977 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1809)
Übersetzung: N. N.
143 S.
ISBN-13: 978-3-548-01809-6

Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Seinen neuen Roman möchte Krimi-Schriftsteller und Amateur-Detektiv Ellery Queen nicht in New York, sondern in der Ruhe der Provinz schreiben. Er entscheidet sich für Wrightsville, ein uramerikanisches Städtchen irgendwo im Mittelwesten. Hier scheint die Zeit vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein. Fremde werden ungeniert neugierig beäugt, sodass Queen sich das Pseudonym „Smith“ zulegt, um unerkannt zu bleiben.

Als Gast einer prominenten Familie wird Queen in ein schwelendes Drama gezogen. John F. Wright, Präsident der Wrightsville Nationalbank, hat drei Töchter, von denen nur Patricia, die Jüngste, ohne Skandal blieb. Lola, die Älteste, schloss sich vor Jahren einem Wanderzirkus an und kehrte später geschieden = entehrt nach Wrightsville zurück. Nora wurde vor drei Jahren von ihrem Verlobten Jim Haight verlassen und ist seitdem schwermütig.

Jetzt kehrt Haight plötzlich zurück. Nora nimmt ihn wieder auf, die ausgefallene Hochzeit wird nachgeholt. Das junge Glück ist allerdings überschattet: Nora findet drei vordatierte Briefe, in denen ihr Gatte seiner Schwester Rosemary über eine Krankheit berichtet, der Nora am 1. Januar des kommenden Jahres erliegen wird bzw. soll, denn diese Briefe – sie stecken zudem in einem Fachbuch über tödliche Gifte – deuten darauf hin, dass Jim seine Ehefrau ermorden will.

Während Nora die Bedrohung ignoriert, wollen Queen und Patricia das Komplott verhindern. Dann taucht Rosemary Haight unerwartet in Wrightsville auf, wo sie am Neujahrstag einen mit Arsen versetzten Cocktail trinkt, den ihr Bruder offenbar für seine Gattin gemixt hatte. Selbst Ellery Queen findet lange keine Beweise, die Haight entlasten. Es gelingt ihm erst, ein nicht nur kriminelles Drama aufzudecken, als dieses bereits seinen tragischen Abschluss gefunden hat …

Unsere kleine, nette, abscheuliche Stadt

„Es gibt keine Geheimnisse und kein Zartgefühl, wohl aber sehr viel Grausamkeit in den Wrightsvilles dieser Welt.“ Diesen Satz lesen wir auf einer der letzten Seiten dieses 15. Ellery-Queen-Romans; er könnte ihm auch als Motto vorausgestellt werden. Die Vorstellung vom Dorf oder der Kleinstadt als Hort traditioneller = gesunder = in der Großstadt längst verschwundener Werte geistert seit jeher durch die Kultur- und Geisteswelt. Der nicht nur geografisch isolierte Kleinstadt-Alltag symbolisiert eine Gesamtheit, deren Elemente sich harmonisch ineinanderfügen, weil sie einander kennen und wissen, wie (und dass) sie zusammengehören.

Doch nicht grundlos kam bereits im 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung auf, deren meist gebildeten und ‚fortschrittlich‘ denkenden (sowie in der Stadt lebenden) Vertreter auf die Schattenseiten dieser Idylle hinwiesen: Privatsphäre ist ein kostbares Gut, das dort, wo jeder jeden kennt, nicht zu gewährleisten ist. Folgerichtig weist das Bild Wrightsvilles, das auf den ersten Seiten des vorliegenden Romans nachgerade ironisch als unschuldiges Paradies beschrieben wird, bereits auf den zweiten Blick diverse Flecken auf, um sich nach und nach in einen bodenlosen Sumpf zu verwandeln: Wrightsville wird zur „Calamity Town“, zur „Stadt des Unheils“.

Diesen Prozess setzt das Schriftsteller-Duo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee (= Ellery Queen) ebenso meisterhaft wie gnadenlos um. Es widmet ihm ebenso viel Raum wie dem Kriminalfall, der vor allem im Mittelteil an den Rand der Handlung rutscht. Auch von den ‚Unschuldigen‘ kommt niemand ungeschoren davon. Hinter harmloser Klatschsucht lauert eine Aggression, die schließlich in einem kollektiven Anfall von Lynchjustiz gipfelt.

Die Zeiten ändern sich

Dannay & Lee scheuten sich in ihrer großen Zeit – die erst in den frühen 1960er Jahren endete – nie, ihre Figur Ellery Queen teilweise gravierenden Änderungen zu unterziehen. Dies war riskant, denn der Fan ist ein scheues Wild, das höchstens vorsichtige Variationen des Bekannten und Geschätzten gestattet. Dannay & Lee passten sich den Zeitläufen an. Ellery Queen startete 1929 als typische „Denkmaschine“, die passenderweise einen Kriminalfall löste, der wie eine komplizierte Maschine konstruiert wurde. Zwischenmenschliche Aspekte blieben Nebensache und der Deduktion jederzeit untergeordnet.

In den 1930er Jahren geriet der klassische „Whodunit?“ in seiner reinen Form allmählich auf ein Nebengleis. Auch der Kriminalroman entdeckte die psychologischen Untiefen der menschlichen Seele als Quelle krimineller Taten. Ellery Queen wurde in „Halfway House“ (1936; dt. „Das Haus auf halber Strecke“/„Der Schrei am Fluss“) erstmals ‚menschlich‘ gezeichnet. Natürlich blieb er ein begnadeter Kriminologe, doch er dominierte die Handlung ‚seiner‘ Romane nicht mehr so stark wie zuvor, und er zeigte sich oft macht- und ratlos dort, wo das Handwerk des Ermittlers an seine Grenzen stieß. Auch in „Schatten über Wrightsville“ erkennt Queen zu spät die Hintergründe einer Tat, deren Dimensionen weit über das hinausreichen, was ein Detektiv zu meistern vermochte.

Freilich erweist sich die neue psychologische Tiefenschärfe aus heutiger Sicht als deutlicher Schwachpunkt: Sie wirkt veraltet. Dannay & Lee übertreiben es mit den Gefühlen. Vor allem das weibliche Wesen ist durch Schwäche, Weinkrämpfe und Hysterie gekennzeichnet. Durch die Betonung zeitgenössisch akuter, doch inzwischen von der Zeit überholter gesellschaftlicher Konventionen – was auch die männlichen Figuren einschließt – gerät „Schatten über Wrightsville“ noch altmodischer, während die klassischen „Whodunits“ gerade wegen ihrer künstlichen Altertümlichkeit zeitlos blieben bzw. durch das Alter noch an Reiz hinzugewannen.

Back to basics

Verlassen kann man sich glücklicherweise auf Dannay & Lee als Plot-Schneider. Während sie Ellery Queen behutsam neu gestalteten, unterzogen sie auch das Krimi-Element ihrer Romane einer Modernisierung. Die Fälle wurden nach 1939 zunehmend straffer, die überbordende Exotik mancher Auflösung wurde auf ein realistisches Maß zurückgefahren. Die Plots waren eleganter, weil das Autorenduo sich nicht mehr in fantastische Tricks flüchten konnte und wollte.

Spannung erzeugten sie quasi filmisch, d. h. durch Tempo und rasche Szenenwechsel. Ein gutes Beispiel ist die als „court drama“ dargestellte Gerichtsverhandlung gegen Jim Haight. Dannay & Lee ziehen alle Register des Spannungsaufbaus. Sie lassen Humor und Sarkasmus einfließen, um im nächsten Moment tragisch zu werden. In diesen Passagen haben die Autoren ihre Leser fest im Griff, hier kann sich auch der ‚neue‘ Ellery Queen erfolgreich entfalten. Auch historischer Realismus hat in diesem Umfeld Platz; mehrfach findet Erwähnung, dass die USA zum Zeitpunkt des Geschehens just in den II. Weltkrieg eingetreten sind und eine „Heimatfront“ im Aufbau ist.

Wrightsville diente Dannay & Lee als Mikrokosmos, in dessen Höllenfeuer sie ihre Plots schmieden konnten, bis sie die gewünschte Härte erreicht hatten. In „Schatten über Wrightsville“ kam Ellery Queen zum ersten Mal nach Wrightsville. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin; 1945 in „The Murderer Is a Fox“ (dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“), 1948 in „Ten Days Wonder“ (dt. „Der zehnte Tag“) und 1950 in „Double, Double!“ (dt. „… und raus bist du!“). Anschließend versuchten Dannay & Lee wieder etwas anderes mit ihrem wandelbaren Detektiv.

„Schatten über Wrightsville“ – der Film

Kurioserweise erregte der 15. Ellery-Queen-Thriller trotz des hübschen, viel versprechenden Originaltitels und seiner dramatischen Story nie das Interesse Hollywoods. Als „Calamity Town“ 1979 doch verfilmt wurde, geschah dies in Japan. „Haitatsu sarenai santsu no tegami“ – „The Three Undelivered Letters“ – hieß das 130-minütige, vom Drehbuchautoren Kaneto Shindô adaptierte Werk, zu dessen Premiere Frederic Dannay, die überlebende Hälfte des Autorenduos Ellery Queen, nach Tokio reiste.

Anmerkung zur deutschen Übersetzung

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(Bild: Sammlung md)

„Schatten über Wrightsville“ gehört zu den Krimis, denen in der Übersetzung Böses geschah: Während die erste deutschsprachige Ausgabe bereits 1949 und ungekürzt erschien, geriet der Titel für die Neuauflage in den unter Krimi-Freunden berüchtigten Ullstein-Häcksler, dem er nur um 100 Seiten gefleddert entkam. Diese Fassung sollte der Leser deshalb mit Missachtung strafen.

Die Erstausgabe aus dem Scherz Verlag ist allerdings antiquarisch nur schwer und dann teuer zu bekommen. Es gibt jedoch eine kostengünstige Alternative: Die Übersetzung von 1949 erschien 1966 als Teil eines Sammelbandes im Eduard Kaiser Verlag. Dieses Buch wird recht häufig angeboten. Wer „Schatten über Wrightsville“ eher lesen als sammeln möchte, ist mit diesem Dreifachband gut bedient, der zudem zwei weitere lesenswerte (und ungekürzte) Krimi-Klassiker enthält: „Die warnenden Affen“ (von Mignon G. Eberhart) und „Mord in der Klinik“ (von Ngaio Marsh). An die doch sehr angestaubte, von halb oder gänzlich vergessenen Ausdrücken wimmelnde Alt-Übersetzung – wer sagt heute noch „stieläugig“ statt „betrunken“ oder wagt es, ein Mitglied des weiblichen Geschlechts als „Frauenzimmer“ zu bezeichnen? – kann man sich gewöhnen; sie ist ein geringer Preis für ein vollständiges Lektüre-Vergnügen!

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

[md]

Titel bei Booklooker.de

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Der Kruzifix-Killer

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Juni 2010

carter-kruzifix-killer-coverChris Carter
Der Kruzifix-Killer

Originaltitel: The Crucifix Killer (London : Simon & Schuster 2009)
Deutsche Erstausgabe: Juli 2009 (
Ullstein Verlag/TB 28109)
Übersetzung: Maja Rößner
479 S.
ISBN-13: 978-3-548-28109-4
Als eBook: Juli 2009 (
Ullstein Verlag)
479 S.
ISBN-13: 978-3-548-92003-0

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Als Audiobuch: Juni 2009 (Hörbuch Hamburg)
4 CDs (gekürzte Fassung), gelesen von Armin Buch
277 min.
ISBN-13: 978-3-8690-9030-6

Titel bei Buch.24.de

Das geschieht:

Robert Hunter gehörte zu den Ermittler-Stars der Polizei von Los Angeles, bis im Vorjahr sein Partner und bester Freund Scott bei einem Bootsunglück starb. An einen Unfall mag Hunter indes nicht recht glauben. Stattdessen ahnt er die Ränken seines schlimmsten Feindes: Vor zwei Jahren trieb der Kruzifix-Killer im Raum Los Angeles sein Unwesen. Mit infernalischem Geschick pflegte er seine Opfer heftig und so lange wie möglich zu foltern. Auf den Leichen hinterließ er sein Markenzeichen: ein doppeltes, in die Haut geschnittenes Kreuz. Schließlich nahmen Hunter und Scott einen Mann fest, der die Bluttaten gestand, verurteilt und später hingerichtet wurde. Schon damals hielt Hunter Farloe für unschuldig.

Der Tod von Scott raubt Hunter den Nachtschlaf, treibt ihn zum Alkohol und beeinträchtigt seine Polizeiarbeit. Darauf hat der echte, immer noch freie Kruzifix-Killer gewartet. Er entführt die Edel-Prostituierte Jenny Farnborough, der er die Haut vom Gesicht zieht, bis sie endlich stirbt. Am Telefon verhöhnt er Hunter und kündigt weitere Morde an. Da der Killer den Kontakt zu Hunter sucht, übernehmen dieser und sein neuer Partner Carlos Carcia den Fall.

Schnell lässt der Killer einen weiteren grässlichen Mord folgen. Daran koppelt er ein infames Spiel: Bevor er tötet, stellt er Hunter eine Aufgabe. Ist dessen Lösung korrekt, bleibt das Opfer am Leben. Allerdings sorgt der Killer dafür, dass dieser Fall möglichst nicht eintritt, sondern Hunter allmählich in den Wahnsinn getrieben wird.

Der ist lange mit kriminologischer Betriebsblindheit geschlagen und außerdem durch eine neue Liebe abgelenkt. Erst in letzter Sekunde findet Hunter heraus, was die Opfer eint, was sich als heiße Spur zum Kruzifix-Killer herausstellt, der allerdings genau jetzt zum blutigen Finale bläst …

Nicht fabulieren, sondern konstruieren!

Sie sind partout nicht tot zu kriegen. An sich kann man mit ihnen leben bzw. sie sogar unterhaltsam finden. Sie dürfen nur nicht alle auf einmal über uns herfallen: Gemeint sind die Klischees des Killer-Thrillers, der mit Hannibal Lecter seinen eigentlichen Beginn nahm, hier seinen Höhepunkt erreichte und bereits sein Ende einläutete. Begabten Autoren gelang es später höchstens, diverse Elemente der Lecter-Mixtur zu verfeinern, zumal auch die psychologische Forschung auf dem Gebiet des Serienmordes voranschritt und auf diese Weise einige Neuansätze bot. Die Trittbrettfahrer des Genres begnügten sich damit, die Zahl der möglichst blutig zu Tode geschundenen Opfer zu steigern.

Chris Carter ist ein solcher Trittbrettfahrer. „Der Kruzifix-Killer“ birst beinahe vor Action und Grauen und ist doch ein konventioneller und erschreckend langweiliger Roman. Nach eingehender Prüfung und selbst mit dem größten Wohlwollen kann dem Verfasser keine neue Idee nachgewiesen werden – wirklich keine einzige! Das darf man fast eine Leistung nennen; eine traurige Leistung allerdings.

Man könnte an dieser Stelle ausführlich die unverändert aufgegriffenen Elemente aus einschlägigen Filmen und Romanen auflisten, mit denen Carter sowohl die Handlung als auch die Figurenzeichnung bestreitet. Diese endlose und deprimierende Arbeit hat sich der Rezensent gespart; sie ist zudem überflüssig, weil sie einen Aspekt nicht berücksichtigt: „Der Kruzifix-Killer“ soll gar kein ‚guter‘ Roman mit frischer Geschichte und lebensechten Figuren sein. Geplant, konzipiert und umgesetzt wurde dieser Thriller als Harpune, mit dem sich sein Verfasser im Speck der modernen Buch-Industrie verankern wollte. Dieser Schuss war ein Volltreffer, was Carter auf seiner Website u. a. mit Schnappschüssen diverser Bestseller-Listen dokumentiert, die das Werk auf vorderen Plätzen zeigen.

Retorten-Thriller des 21. Jahrhunderts

Stromlinie bzw. der Verzicht auf Ecken und Kanten heißt der Schlüssel zum Erfolg einer Geschichte, die so lange abgeschliffen wurde, bis sie den Lesern der ganzen Welt gefallen kann. Carter greift außerdem nur Elemente auf, die sich bewährt haben, weil sie nie gegen den Strich gebürstet werden und so möglicherweise irritieren oder verärgern, sondern ausschließlich funktionieren. Was an sich legitim sowie in der Unterhaltungsliteratur üblich ist, ärgert hier durch die besonders kalte und lieblose Realisierung. Carter bemüht sich niemals, sein Recycling zu verschleiern. Er setzt voll und ganz darauf, durch bekannte Muster und quasi auf Knopfdruck das Kino im Kopf einer primär durch Film und Fernsehen geschulten sowie sehr anspruchsarmen Leserschaft in Gang zu setzen.

Darüber hinaus ist „Der Kruzifix-Killer“ ein Buch, das vor allem für Nachwuchs-Leser geschrieben wurde. Sie werden mit einem maßgeschneiderten Thriller bedient. Cop jagt Killer, das Tempo lässt nie nach, und zwischendurch wird es garantiert immer wieder herrlich eklig. Dass die Geschichte altbacken ist, ihre ‚Auflösung‘ durch eine willkürlich ins Geschehen geschnittene Nebenhandlung dreist verzögert und letztlich übers Knie gebrochen wird, die Figuren flach und die Effekte plump und billig sind, interessiert diese Klientel nicht, zumal sie die heiße Nadel (noch) nicht erkennt, mit der Carter sein fadenscheiniges Garn strickt.

„Se7en“ + „Saw“ = „Der Kruzifix-Killer“

Blut allein kann den abgebrühten Leser heute nicht mehr schockieren. Das gilt erst recht, wenn der optische Verstärker fehlt, den Film und Fernsehen bieten. Möglichst viele Körperflüssigkeiten müssen strömen und die Opfer dabei leben, zittern und schreien, damit sich der ersehnte Ekel-Effekt einstellt. „Torture Porn“ nennt man dies im Kino; ein ungeliebter Ausdruck, weil er an Seelen-Saiten der Zuschauer rührt, die diese lieber nicht interpretiert wissen möchten.

Immerhin darf man Carter nicht den Vorwurf machen, die Lust am plakativen Grauen zu bemänteln. Er bricht die Realität auf oder gerade in diesem Umfeld bewusst aufs Triviale herunter. Während im wahren Leben der Serienkiller eine niemals charismatische Kreatur ist, wird der Kruzifix-Killer zum dämonischen Übermenschen stilisiert. Tatsächlich bleibt er ein eindimensionaler Buhmann ohne echte seelische Abgründe. Als es ins Finale geht, will Carter Tiefe nachliefern, doch da ist es längst zu spät. Der Killer ist und bleibt nur ein weiterer „Jigsaw“-Klon, der sein sadistisches Handeln mit pseudo-philosophischen Nonsens zu ‚begründen‘ versucht.

Da befindet er sich in perfekter Gesellschaft. Auch Robert „Nomen-est-Omen“ Hunter ist kein Mensch, sondern nur Schablone. Taffer Cop mit psychischen Problemen: Banaler geht es wirklich nicht! Auch hier demonstriert Carter jedoch nicht nur glatte Routine, sondern investiert in die Zukunft: „Der Kruzifix-Killer“ ist Auftakt einer (inzwischen fortgesetzten) Reihe von Hunter-Thrillern. Wie es erneut das Fernsehen perfekt vorgibt, zeichnet sich die typische Serienfigur durch wenige aber kennzeichnende Eigenschaften bzw. Eigenheiten aus, die nur sparsam verändert werden: Der Verzicht auf das Unerwartete sichert die Serienbindung. Der Fan liebt es, wie in einen alten Pantoffel in ‚seine‘ Figur/en zu schlüpfen. Carter hilft ihm gern dort hinein. Der weitere Erfolg des cleveren Verfassers darf deshalb als gesichert gelten.

Autor

Als Sohn italienischer Einwanderer wurde Chris Carter 1965 in Brasilien geboren. Er wuchs in der Hauptstadt Brasilia auf und ging erst nach Abschluss der High School in die USA. Dort studierte er forensische Psychologie, spezialisierte sich also auf die kriminologische Seite dieser Wissenschaft. Folgerichtig arbeitete Carter nach seinem Abschluss als Kriminal-Psychologe.

Nach einigen Jahren wechselte Carter nicht nur nach Los Angeles, sondern änderte auch sein Leben radikal: Er wurde Rockmusiker, ging später nach London und spielte in einer Reihe einschlägiger Bands die E-Gitarre. Wieder einige Jahre später beschloss Carter, Schriftsteller zu werden. Sein Debütroman erschien 2009. „Der Kruzifix-Killer“ wurde gleichzeitig Auftakt einer Serie um den Polizisten Robert Hunter, der ausschließlich die übelsten Kriminellen jagt.

Über sein Werk (schmal) und seine Aktivitäten (eifrig) berichtet Carter auf dieser Website.

[md]

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Fahr langsam übers Massengrab

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Mai 2010

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(Bild: Sammlung md)

Ed McBain
Fahr langsam übers Massengrab

(sfbentry)
Originaltitel: Hail to the Chief (New York : Random House 1973)
Übersetzung: Helmut Bittner
Deutsche Erstveröffentlichung: 1974 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1633)
128 S.
ISBN-13: 978-3-548-01633-7

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Das geschieht:

Ein bizarrer Massenmord gibt der Polizei der US-Großstadt Isola in diesen eisigen Januartagen Rätsel auf. In einer Baugrube fand man drei Männer, zwei Frauen und ein Kleinkind – nackt und von Kugeln durchsiebt. Der Fall wird den Beamten Steve Carella und Bert Kling übertragen. Sie finden heraus, dass dieses Massaker an anderem Ort stattfand; die Leichen wurden später entsorgt.

Die Tat ist Teil eines Bandeskrieges, den Randall Nesbitt, ‚Präsident‘ der „Yankee Rebels“, unlängst angezettelt hat. Er sieht sich nicht als Krimineller, sondern als quasi von Gott gesandter Retter, der mit dem Gesindel aufräumen wird, das die Straßen mit Drogen und Prostitution verseucht. Aktuell hat Nesbitt  gleich zwei Konkurrenten im Visier – die „Death Heads“ und die „Scarlet Avengers“, deren Anführer er im Handstreich niedermetzeln ließ.

Obwohl die Polizei intensiv Nachforschungen anstellt, lässt Nesbitt keineswegs von seinen Plänen ab. Er übt sein Terrorregime aus, eliminiert ‚Verräter‘ in den eigenen Reihen, fühlt sich unverwundbar und steigert sich immer stärker in seinen Größenwahn hinein. Während Carella und seine Kollegen mit ihren Ermittlungen im notorisch verschwiegenen Bandenmilieu nur mühsam vorankommen, gedenkt sich Nesbitt seine Feinde endgültig auszuschalten. Die „Death Heads“ und die „Avengers“ sollen sterben – Männer, Frauen, Kinder. Zivile Kollateralschäden kalkuliert Nesbitt ein, als sich seine mit Granaten und Gewehren schwer bewaffnete Horde auf den Kriegspfad begibt …

Krimi ohne Überraschungen?

Mit „Fahr langsam übers Massengrab“ schrieb Ed McBain 1973 bereits den 28. Roman um das 87. Polizeirevier in der fiktiven US-Großstadt Isola. Die Reihe war längst so gut eingeführt und erfolgreich, dass sich der Verfasser Experimente erlauben konnte – und wohl auch musste, um Wiederholungen zu vermeiden. McBain zeigte sich ideenreich. In diesem Fall schrieb er einen Krimi, der im ersten Kapitel den Fall mit den üblichen Rätseln entwickelte, um im zweiten Kapitel sowohl den Täter als auch den Tathergang mit sämtlichen Details zu nennen. „Fahr langsam übers Massengrab“ ist somit weder ein „Whodunit“ noch ein „Howdunit“ und damit ein recht seltener und seltsamer Vertreter seines Genres.

Wer nunmehr davon ausgeht, dass McBain seiner Geschichte auf diese Weise ein verfrühtes Ende beschert, irrt gewaltig. Die Handlung nimmt einen spannenden und völlig unerwarteten Verlauf. „Fahr langsam übers Massengrab“ – für den dämlichen deutschen Titel kann der Autor wieder einmal nichts – wird zum „Whydunit“. Fortan wechselt McBain kapitelweise die Erzählperspektive. Handlungsstrang A schildert klassisch den Fortgang der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Carella und die Beamten vom 87. Revier sichern mühsam Indizien, denen sie langsam aber entschlossen nachgehen. Viel Fußarbeit führt immer wieder in Sackgassen oder lässt die Polizisten auf Schicksale treffen, die mit dem aktuellen Fall zwar nichts zu tun haben, ohne sie dabei ungerührt zu lassen. Hinzu kommen private Probleme, mit denen die bereits beruflich überforderten Männer zusätzlich fertigwerden müssen.

Der kleine Hitler aus dem Getto

Handlungsstrang B wird zum Monolog des Randall Nesbitt, der nach dem blutig gescheiterten ‚Krieg‘ festgenommen wurde, seine Sicht der Ereignisse darlegt und dabei vor Zeugen gleichsam sein politisches Vermächtnis diktiert. Dieser schier endlose Redeschwall birgt Motive und Ursachen des Konfliktes, der mehrere Straßenzüge von Isola verwüstete.

Nesbitt sieht sich selbst als Retter ‚seines‘ unterprivilegierten Volkes. Er hat sich vollständig außerhalb des Gesetzes gestellt und aus nur halb verstandenen Quellen eigenständige Regeln formuliert, die seine Untertanen in anständige und moralisch einwandfreie Zeitgenossen verwandeln soll. Dabei akzeptiert Nesbitt weder Widerstand noch Kritik. Er verfügt über Cleverness und Charisma, weshalb ihm die „Yankee Rebels“ folgen. Nesbitt manipuliert; geschickt splittert er seinen Machtapparat so auf, dass allein bei ihm die Fäden zusammenlaufen. Kriminelle Aktionen werden ideologisch verklärt, bis auch diejenigen „Rebels“, die noch zögerten, sich vom Sog mitreißen reißen.

Die Geschichte von Randall Nesbitt und den „Yankee Rebels“ wird zum Spiegelbild der nazideutschen Realität unter Adolf Hitler. Bereits im Originaltitel deutet McBain es nicht nur an: „Hail to the Chief“ kann sowohl „Grüßet den Anführer“ als auch „Heil dem Führer“ bedeuten. Nesbitt ist der eine, denkt und handelt aber wie der andere. McBain lässt offen, ob er selbst dies begreift; Nesbitt spricht die Parallelen mit keinem Wort an.

Dummheit ist der Katalysator

In der Tat ist fraglich, ob er sie sehen könnte. An einer Stelle zitiert McBain aus dem Brief eines Sozialarbeiters, der versucht hatte, Frieden zwischen den rivalisierenden Banden zu stiften, und dem bald klar wurde, dass Nesbitt ein „egoistischer, brutaler, herzloser, humorloser, puritanischer und im Grunde ziemlich dummer Mensch“ war (S. 99) – eine Erkenntnis, die ihn nicht vor einem elenden Ende bewahrte, und ein Beispiel für die Ironie, die McBain elegant und beinahe unmerklich in seine Romane einfließen ließ, die doch ‚nur‘ Krimis waren.

Ebenso fasziniert wie entsetzt verfolgt der Leser, wie eine Auseinandersetzung zwischen Gangs eskaliert, weil ein selbsternannter Führer ebenso gedankenlos wie konsequent immer wieder Öl ins Feuer gießt. McBain konstruiert eine Kettenreaktion, die nach langsamem Beginn immer stärker an Tempo gewinnt. Dennoch steht das Ende fest: Genannte Reaktion wird schließlich vor allem ihre Auslöser unter sich begraben. Schon Nazideutschland war untergegangen, nachdem es einen Weltkrieg angezettelt hatte, den es nie gewinnen konnte, ohne dies zu begreifen.

Am Ende steht die Ernüchterung. Die stolzen ‚Krieger‘ der „Yankee Rebels“ sitzen festgenommen zwischen ganz normalen Verbrechern. Auf sie warten die Mühlen des etablierten Gesetzes, die stark und unerbittlich und vor allem ohne Rücksicht auf den angemaßten Übermenschen-Rang die „Rebels“ zermahlen werden. Betont sachlich stellt der Autor diesen Vorgang dar, der deshalb den Straßenkämpfern umso größere Angst einjagt. McBain ist kein Moralprediger, was im Bund mit einer perfekten Beherrschung der „police procedurals“ dem Verzicht auf jegliche Gefühlsduseligkeit sowie einem ausgeprägten Sinn für spannende, mitreißende Plots einer der Gründe für die Zeitlosigkeit seiner Romane um das 87. Revier ist.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb ‚richtige‘ Bücher, d. h. Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie vor allem bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Getto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht einfach alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‘richtigen’ Straßen ihren Job erledigen. Das Subgenre „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg und es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er ‚nebenher‘ weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert –, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

[md]

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Der Schlächter von Dead End

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Mai 2010

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(Bild: Sammlung md)

James Hadley Chase
Der Schlächter von Dead End

(sfbentry)
Originaltitel: This Way for a Shroud (London : Robert Hale 1953)
Übersetzung: Manfred Scheiber
Deutsche Erstausgabe: 1968 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1164)
183 S.
[keine ISBN]
Diese (bisher letzte) Ausgabe: 1979 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1948)
183 S.
ISBN-13: 978-3-548-01948-2

Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Delikat und grausig zugleich ist der Fall, den Charles Forest, Staatsanwalt für den Bezirk Hollywood, seinem Chefermittler Paul Conrad überträgt. Im Swimmingpool ihrer „Dead End“ genannten Riesenvilla hat man den aufgeschlitzten und enthaupteten Körper des Filmstars June Arnot gefunden; der Schädel ist verschwunden. Damit nicht genug: In und beim Haus findet man die Leichen des Pförtners, des Gärtners, des Kochs, der Zofe, des Butlers und des Hausboys. Alle wurden sie kaltblütig und zielgenau mit einer Pistole des Kalibers .45 erschossen.

Die Medien feiern dieses Schlachtfest bis ins letzte blutige Detail. Es kommt sogar noch besser: Hauptverdächtiger ist Ralph Jordan, Arnots Geliebter und Regisseur, der gerade vom Studio wegen seiner Drogen  und Alkoholexzesse vor die Tür gesetzt wurde. Als ihn Conrad in seiner Wohnung befragen will, findet er ihn dort mit durchschnittener Kehle in der Badewanne. Hat sich ein siebenfacher Mörder selbst gerichtet?

Oder ist er einem Konkurrenten in die Quere gekommen? June Arnot unterhielt ein Verhältnis mit dem Gangsterboss Jack Maurer, dem das Gesetz schon lange auf den Fersen ist. Conrads Theorie zufolge hat Maurer seinen Chauffeur und Leibwächter Tony Paretti in „Dead End“ wüten lassen. Dieser ist seither untergetaucht; womöglich hat sich Maurer seiner entledigt. Conrad will Parettis Lebensgefährtin Flo Presser verhören. Er findet sie mit einem Eispickel erstochen vor. Sie ist nicht das letzte Opfer in diesem Fall, der sich zum Wettlauf zwischen Gesetz und Verbrechen, zwischen Conrad und Maurer entwickelt. Besonders delikat: Conrads schöne aber unzufriedene Gattin Janey sich Maurers Umgarnungsversuchen durchaus aufgeschlossen, was die Ermittlungen keineswegs einfacher werden und die Emotionen kochen lässt …

Massenmord ist nur die Einleitung

Als Auftakt ein siebenfacher Mord samt Enthauptung: Hier wird kein feines kriminalliterarisches Netz gesponnen, sondern Tempo gemacht. Folgerichtig gleicht die Jagd auf einen Gangsterboss eher einem Krieg, bei dem auf beiden Seiten keine Nachsicht geübt wird. In Anbetracht der Entstehungszeit geht es erstaunlich heftig zur Sache. Dieser Roman ist eher Thriller als Krimi. Zwar geht es um oberflächlich um polizeiliche Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen. Die beschriebenen „police procedurals“ wirken – um es zurückhaltend auszudrücken – jedoch nicht annähernd so überzeugend wie in einem zeitgleichen Roman von Ed McBain.

Auch sonst wird trotz der rasant und geradlinig erzählten Story nur allzu klar, dass Entscheidendes fehlt: Von Plot-Raffinesse und Atmosphäre keine Spur. Statt Nostalgieglanz liegt dick der Staub von Jahrzehnten auf dem Geschehen. Bitter vermisst wird selbst ein Hauch von Humor. Viel zu ernst kommt „Der Schlächter von Dead End“ daher.

Vielleicht sollte man dieses Werk als Roman zu einem nie entstandenen Film goutieren. Im Hollywood der 1950er Jahre sind zahllose B Movies im Stil von „Der Schlächter …“ entstanden. Moralisierend und holzschnittartig, aber gleichzeitig handwerklich kompetent in Szene gesetzt, können sie auch heute noch unterhalten, wenn man ihre Schwächen als typisch hin  und nicht übel nimmt.

Simpel im Denken und Handeln

Die Struktur der Story spiegelt sich in den Figurenzeichnungen wider. Sie erregen durch ihre allzu zeitgenössische Eindimensionalität Missfallen. Als Leser steht man diesen Figuren unbeteiligt gegenüber. Sie sind sämtlich unsympathisch. Paul Conrad ist beispielsweise nicht nur Ermittler, sondern repräsentiert das Gesetz – mit Leib und Seele! Wenn sein Chef pfeift, dann springt er, denn es bereitet ihm geradezu körperliche Schmerzen, wenn ein Gauner ungezüchtigt bleibt.

Dass Conrad gleichzeitig persönliche Rachegefühle befriedigen kann, ist überhaupt kein Problem; schlimm genug, wenn das Gesetz auch Abschaum wie Jack Maurer schützt! Ihm kann Conrad außerdem seine privaten Probleme ankreiden. Er wünscht sich (und verdient) ein Heimchen am Herd, doch bekommen hat er eine Gattin, die etwas erleben will und sich vernachlässig und gefangen fühlt in der Ehe mit einem Spießer, der wie Pawlows sprichwörtlicher Hund sabbernd auf kriminelle Umtriebe reagiert und rund um die Uhr arbeitet. Er wäre besser mit der patenten Sekretärin Madge verheiratet, die wie Kollege Van vermutlich im Aktenschrank von Conrads Büro übernachtet und keine lästige Aufmerksamkeit einfordert.

Frauen sind immer verdächtig

Janey Conrads Verhalten gilt als schlimmes Vergehen und verdient Strafe in der Welt des J. H. Chase. Sie verkörpert ein aus heutiger Sicht bemerkenswertes Frauenbild. Chase, der ein halbes Jahrhundert mit derselben Frau verheiratet war, stellt seine weiblichen Figuren oft als schön und schlau, aber egoistisch, verräterisch und mörderisch dar. Auch Maurers derzeitige Geliebte Dolores fällt in diese Kategorie: „Solange fette alte Männer Geld und Macht besaßen, wählte Dolores sich fette alte Männer.“ (S. 55) Schließlich präsentiert Chase seinen weiblichen Figuren die Rechnung und liefert sie gern einem grausamen Schicksal aus, das mit viel Liebe zum sadistischen Detail beschrieben wird. Was Chase hier möglicherweise kompensieren musste bleibt unklar; er lebte sehr zurückgezogen, biografische Zeugnisse sind rar.

Geschmeiß, das es zu vertilgen gilt

Jack Maurer ist kriminell und deshalb der personifizierte Unmensch. Der Verfasser lässt ihn das reichlich unter Beweis stellen. Dass Chases Vorstellungen vom organisierten Verbrechen in den USA dabei eindimensional wirken, verwundert kaum. Vielleicht war der zeitgenössische Leser naiv genug zu glauben, dass Verbrechen sich nie lohnt und stets hart bestraft wird. Und in den Verdacht, kriminell zu sein, gerät ein Bürger von Chases Amerika schon, wenn er oder gar sie einen Nachtclub – offenbar ein Synonym für Sünde & Zügellosigkeit – betritt. Anpassung und Biedersinn ersetzen das zwar theoretisch vorhandene, praktisch aber besser der Obrigkeit überlassene Recht auf freie Lebensgestaltung.

Obergangster Maurer ist von allerlei schillernden Kleinganoven umgeben, deren offensichtliche Dummheit nur ihrem Chef verborgen bleibt. Sie tragen einsilbige Vornamen wie Moe oder Pete, sind hässlich, brutal und auch sonst ostentativ vertiert. Immer wieder bauen sie Mist, doch unverdrossen setzt sie Maurer auf neue Untaten an. Immerhin gibt es Überraschungen: Der psychotische Pete Weiner wird vom Saulus zum Paulus, als ihm ausgerechnet die Frau, die er ermorden soll, trotz seines entstellenden Feuermals freundlich begegnet.

Im Umfeld des echten Verbrechens existiert außerdem eine Halbwelt moralisch bedenklicher und geistig ebenfalls minderbemittelter Zocker, ‚Tänzerinnen‘ oder Schauspieler, die von der Polizei verächtlich geduzt, herum geschubst und zum Spitzeldienst gepresst werden. So herrschen wenigstens im Unterhaltungsroman „law & order“, deren Existenz allen Bürgern dieser Welt von ihren Regierungen gern vorgegaukelt wird.

Autor

Als René Brabazon Raymond wurde der spätere James Hadley Chase 1906 in London geboren. Er verließ sein Elternhaus mit 18 Jahren und versuchte sich in mehreren Jobs, bis er Anfang der 1930er Jahre beschloss, Unterhaltungsschriftsteller zu werden. Nach der Lektüre des überaus erfolgreichen Krimiklassikers „The Postman Always Rings Twice” (1934, dt. „Wenn der Postmann zweimal klingelt“) von James M. Cain beschloss Raymond, einen möglichst verkaufstauglichen Thriller zu verfassen. Er plante einen Gangster-Krimi, denn dieses Genre war just in den Vereinigten Staaten überaus beliebt. Raymond, der niemals in den USA gewesen war, studierte Landkarten und Reiseführer, eignete sich den amerikanischen Slang an und schrieb in sechs Wochen den Roman „No Orchids for Miss Blandish”, der unter dem Pseudonym James Hadley Chase veröffentlicht wurde und bemerkenswerte Verkaufserfolge erzielte.

Schon in diesem frühen Werk setzte Chase auf ein für ihn typisches Muster: Verbrechen werden begangen, um sich aus finanzieller Not und gesellschaftlicher Isolation zu befreien. Doch dieser Plan geht in der Regel schief, führt zu weiteren Verbrechen, zu Verrat, Erpressung, Mord. Zu spät geht dem Täter, der stets auch Opfer ist, auf, dass er niemals eine wirkliche Chance hatte. Das Ende ist düster und brutal. Schon deshalb konnte Chase die Gunst seiner Kritiker nie gewinnen; „zweitklassiger [James M.] Cain“ war nur eine von zahllosen Schmähungen. Seine Leser schätzten ihn dagegen sehr – auch in Deutschland, wo sein Stern indes nach seinem Tod rasch sank. Im 21. Jahrhundert sind Chase-Romane – bis in die 1990er Jahre immer wieder aufgelegt – vom Neubuchmarkt verschwunden.

Chase schrieb fast 100 Bücher und blieb bis zuletzt – er starb am 6. Februar 1985 in der Schweiz – als Schriftsteller aktiv. Seine einfach aber meist sauber geplotteten, rasanten Thriller waren wie geschaffen für das Kino der B-Movie-Ebene. Besonders in Frankreich, Italien und Deutschland entstanden, oft als Koproduktionen, Filme nach Chase-Reißern. Hin und wieder bedienten sich auch die Großen des Kinos seiner Stoffe. 1962 drehte Joseph Losey „Eva“ (nach „Eve“) mit Jeanne Moreau in der Titelrolle, 1971 Robert Aldrich „The Grissom Gang“ (nach „No Orchids for Miss Blandish“), 1998 Volker Schlöndorff „Palmetto“ (nach „Just Another Sucker“).

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Das rächende Dorf

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Mai 2010

queen-spiel-mit-dem-feuer-ullstein-cover2Ellery Queen
Das rächende Dorf

(sfbentry)
Originaltitel: The Glass Village (Boston : Little, Brown, and Company 1954/London : Victor Gollancz 1954)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel “Spiel mit dem Feuer”): 1958 (Humanitas Verlag/Blau-Gelb Kriminalroman Nr. 22)
Übersetzung: Ilse Veltmann
189 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: 1973 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1903)
Übersetzung: Ernst Heyda
126 S.
ISBN-13: 978-3-548-01903-1

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Das geschieht:

Shinn Corners ist ein Siedlung in einem abgelegenen Tal irgendwo in den Bergen Neuenglands. Nur noch 36 Einwohner fristen hier ein eher ärmliches als bescheidenes Dasein. Auf Einladung seines Vetters, des Richters Lewis Shinn, besucht Johnny Shinn das Dörflein, aus dem seine Vorfahren stammen. Nach Gefangenschaft und Folter im Koreakrieg ist der ehemalige Major psychisch angeschlagen. Der Richter hofft ihn aus seiner zynischen Gleichgültigkeit zu holen, doch kaum ist Johnny im friedlichen Shinn Corners eingetroffen, ereignet sich dort ein brutaler Mord.

Fanny Adams, eine 91-jährige Malerin, deren Bilder die Bewunderung amerikanischer Kunstkenner erregen, wurde in ihrem Atelier mit einem Schürhaken erschlagen. Kurz vor dem Verbrechen klopfte der Wanderarbeiter Josef Kowalczyk an ihre Tür und bat um eine Mahlzeit. Ihn halten die entsetzten und wütenden Bürger für den Täter. Nach einer wilden Hetzjagd kann Kowalczyk gefasst werden. Man sperrt ihn im Keller der Kirche ein und will ihm den Prozess machen.

Dass Kowalczyk dem Sheriff oder der Staatspolizei ausgeliefert werden müsste, wird von den Bürgern ignoriert. Sie trauen der fernen Obrigkeit nicht. Um der drohenden Lynchjustiz Einhalt zu gebieten, inszeniert Richter Shinn ein Schein-Gerichtsverfahren. Es hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit, beruhigt aber die Gemüter der Einwohner von Shinn Corners.

Lewis und Johnny Shinn glauben an die Unschuld Kowalczyks, der diese auch vehement beteuert. Sie ermitteln deshalb heimlich in der Frage, ob alle Bürger für den Zeitpunkt des Mordes ein Alibi vorweisen können. Der wahre Täter darf ihnen keinesfalls auf die Schliche kommen, da er – oder sie – sonst den Lynchmob entfesseln würde, denn die braven Menschen aus Shinn Corner wollen Blut sehen …

Wer anders ist, muss schuldig sein!

Die 1950er Jahre waren in den USA eine Zeit fast ungebremsten Wirtschaftswachstums. Politisch sah die Situation allerdings weniger rosig aus. Der II. Weltkrieg hatte das Ende der nazideutschen Bedrohung in Europa und die Waffenbrüderschaft mit der Sowjetunion gebracht. Doch dann hatten USA und UdSSR miteinander gebrochen. Das Wettrüsten der Supermächte hatte eingesetzt, ein neuer Weltkrieg kündigte sich an, und dieses Mal würde man ihn mit Atom- und Wasserstoffbomben führen!

Der Feind schien allgegenwärtig. Er hatte womöglich längst die USA unterwandert und fünfte Kolonnen in Politik, Wirtschaft und Kultur eingeschleust. Seit 1950 führte Senator Joseph McCarthy einen hysterischen Kreuzzug gegen kommunistische Agitatoren, die er überall am Werk sah. Wer in das Mahlwerk seines „Komitees für unamerikanische Aktivitäten“ („House on Un-American Activities Committee“) geriet und sich dessen inquisitorischer Befragung unter Berufung auf verbriefte Staatsbürgerrechte nicht unterwarf, wurde als „Roter“ gebrandmarkt und landete auf der schwarzen Liste, was das sichere Ende der beruflichen Karriere und den Absturz ins soziale Abseits bedeutete.

McCarthys Terror endete im Dezember 1954. Die Folgen der Hexenjagd überdauerten ihn viele Jahre. Auch in den Jahren seiner uneingeschränkten Herrschaft war McCarthy nicht ohne Opposition geblieben. Viele Amerikaner traten dem Senator entweder direkt gegenüber oder kommentierten seine Umtriebe zumindest aus der Ferne.

Die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee gerieten nie ins Visier der HUAC. Unter dem Pseudonym „Ellery Queen“ schrieben sie komplexe und realitätsferne Kriminalromane, was sie als potenzielle Sowjetspione vermutlich disqualifizierte. Doch Dannay und Lee waren McCarthy-Gegner. Ihre Eltern, russische Juden, hatten das zaristische Heimatland, in dem sie drangsaliert und verfolgt wurden, verlassen und waren in die hoffentlich gelobten Vereinigten Staaten eingewandert, wo angeblich alle Menschen ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung vor dem Gesetz gleich waren. Nun verfolgten Dannay und Lee besorgt, wie diese Freiheit, die auch sie, US-Amerikaner der ersten Generation, genießen durften, ins Wanken geriet. Sie nahmen nicht an politischen Protestaktionen teil, sondern bedienten sich ihres ureigenen Instruments: Sie schrieben einen Kriminalroman.

Die große Welt im kleinen Tal

„The Glass Village“ entstand in der Hochzeit der McCarthy-Ära. Ausdrücklich verzichteten Dannay und Lee auf ihr Alter Ego, den Privatdetektiv und Kriminalschriftsteller Ellery Queen. Als künstliche und primär für das intellektuelle Spiel mit dem Verbrechen geeignete Figur war er dieses Mal fehl am Platz. Johnny Shinn verankerten Dannay und Lee fest im Hier und Jetzt. Grausame Erfahrungen in zwei Kriegen haben seinen Patriotismus beschädigt und ihn Kritik gelehrt. Shinn blickt hinter die großen und hehren Worte, an die er nicht mehr glaubt. Er repräsentiert außerdem den Leser, der fremd in Shinn Corner, aber immerhin Amerikaner ist. Welchen Unterschied das macht, weiß er spätestens, als er erlebt, wie es Josef Kowalczyk ergeht, dem Fremden, dem man genau dies abspricht und der ohne diesen kollektiven Schirm auskommen muss.

Thornton Wilder hatte 1938 in seinem Aufsehen erregenden Theaterstück „Unsere kleine Stadt“ („Our Town“) das alltägliche Leben in der ‚Musterstadt‘ Grover’s Corners als Spiegelbild der US-amerikanischen Realität gestaltet. Diesem Vorbild folgend, wird Shinn Corner zum Mikrokosmos und zum Spiegelbild einer ‚ursprünglichen‘ und ‚gesunden‘ US-Gesellschaft, die sich auf die Wahrung traditioneller Werte beruft. Die Bürger werden zur „gläsernen Gemeinde“ des Originaltitels. Dannay und Lee stellen sie uns in einer ungewöhnlich ausführlichen Einführung sorgfältig vor.

In kleinen ländlichen Orte hatten sie schon oft ihre Kriminalromane spielen lassen. Gern bedienten sie sich einschlägiger Klischees und ließen exzentrische und dummdreiste Hinterwäldler Revue passieren. Shinn Corner und seine Bewohner werden dagegen ohne nostalgisches Lokalkolorit dargestellt. Der Ort steht vor dem Exitus. Die meisten Bürger sind arm, leiden unter Existenz- und Zukunftsängsten, fühlen sich als Stiefkinder des amerikanischen Traums. Untereinander sind sie uneins, unterdrückte Konflikte schwelen. Die Familie bietet keineswegs Zuflucht vor den Fährnissen der Welt, sondern wird zur privaten Hölle. Jeder steht unter ständiger Beobachtung seiner Nachbarn. Abweichungen von der Norm erregen umgehend Misstrauen, schon eine unbedachte Äußerung kann dir schaden: „‚Sie haben Kirchen in Rußland‘ [, sagte Drakely Scott.] ‚Was ist los mit dir, Drake‘, sagte Tommy Hemus. ‚Bist du kommunistenfreundlich?‘“ (S. 53) Gerade diese ‚Anschuldigung‘ beendet jede Diskussion und (nicht nur in Shinn Corner) die Zeit der Meinungsfreiheit.

In diese Schlangengrube stürzt ahnungslos Josef Kowalczyk. Dannay und Lee verstärken die Schrecken seines Schicksals, indem sie ihn als Überlebenden des Nazi-Terrors schildern, der zwar das Konzentrationslager überlebte aber seine gesamte Familie verlor. In den USA suchte er den Neuanfang, doch er scheiterte. Nun wird das Opfer abermals zum Spielball eines Sturms, den er nicht begreifen kann und dem er hilflos ausgesetzt ist: Denn Josef Kowalczyk kommt den guten Menschen von Shinn Corner gerade recht. Er ist der ohnehin verdächtige Fremde, den sie ohne Gewissensbisse zum Sündenbock machen können. Ausgerechnet in der Jagd auf den angeblichen Mörder findet die Gemeinde zu neuer Eintracht: als Lynchmob – oder Hexenjäger.

Bittere Medizin wird auf einem Zuckerstück verabreicht

Allegorische Gesellschaftskritik dürfte kaum etwas gewesen sein, das die Leser eines Ellery-Queen-Romans erwarteten. Dannay und Lee trieben es vorsichtshalber nicht zu weit mit den entsprechenden Ambitionen. Sagen sie anfangs noch sehr deutlich, was sie stört im aktuellen Amerika, integrieren sie ihre Kritik später mehr und mehr in eine scheinbar konventionelle Krimihandlung. „The Glass Village“ wird zum klassischen „Whodunit“ und gleichzeitig zum dramatischen „court drama“: Der Mörder von Fanny Adams wird klassisch durch das Suchen, Finden und Auswerten von Indizien ermittelt; die Suche nach der Wahrheit findet parallel dazu im Rahmen einer laufenden Gerichtsverhandlung statt.

Diese Verhandlung ist eigentlich keine: Vor dem Gesetz wird ein in Shinn Corner gefälltes Urteil keinerlei Gewicht haben, weil das Gericht fixierte Regeln ignoriert. Mit diesem Kunstgriff schüren die Autoren einerseits die Spannung, weil die Suche nach dem Täter zum Wettlauf mit der Zeit wird. Andererseits erinnert die Verhandlung an die zeitgenössischen Befragungen durch das „Komitee für unamerikanische Aktivitäten“, deren Vertreter ebenfalls das Recht mit Füßen traten bzw. treten konnten, solange sie die politische und gesellschaftliche Mehrheit hinter sich wussten. Das Gericht von Shinn Corner ist eine Farce. Dannay und Lee ersparten es sich, die Parallelen zu den HUAC-Sitzungen direkt in Worte zu fassen.

„The Glass Village“ bietet einen Krimi-Plot, der im Vergleich zum typischen Ellery-Queen-Rätsel recht simpel wirkt. Die Auflösung ist logisch, und sie verzichtet nicht auf den Faktor Verblüffung, doch sie wirkt dennoch wie die Erfüllung einer Verpflichtung, auf die der Leser beharrt, der geduldig den didaktischen Lektionen des Autorenduos gefolgt ist und dafür belohnt bzw. entschädigt werden möchte. Wichtiger als der Kriminalfall ist Dannay und Lee allerdings der konsequente Abschluss ihres Lehrstücks: Die Bürger von Shinn Corner sind zur Besinnung gekommen und werden ihren Fehler nicht wiederholen. Johnny Shinn ist durch den Sieg der Gerechtigkeit geläutert und gibt seine passive Beobachterrolle auf; er wird zukünftig wieder seinen Teil dazu beitragen, den Feinden von Recht und Ordnung außerhalb von Shinn Corner Paroli zu bieten. Der Leser ist aufgefordert, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Cover der (ungekürzten) dt. Erstausgabe
Cover der (ungekürzten) dt. Erstausgabe (Bild: Sammlung md)

Deutsches Leser, dummes Leser?

Knapp 190 eng bedruckte Seiten zählt die erste deutsche Übersetzung von „The Glass Village“, die 1958 unter dem Titel „Spiel mit dem Feuer“ erschien. Sie wirkt heute ein wenig steif und enthält diverse Fehlinterpretationen – „Judy las ihm vor, aus einer westlichen Zeitschrift, er liebte Cowboygeschichten“ (S. 146) ist ein besonders kurioser Klopfer –, aber sie ist vollständig und enthält nicht nur Dannays und Lees Anklagen gegen autoritäres Unrecht, sondern auch ihre Ausführungen über das Wesen des neuenglischen Puritanismus‘, der für das Geschehen von großer Bedeutung ist.

Anderthalb Jahrzehnte später erschienen dem Ullstein-Verlag die politischen Untertöne entweder zu kritisch oder nicht verkaufsförderlich. „The Glass Village“ bekam 1973 nicht nur einen neuen Titel („Das rächende Dorf“), sondern wurde auf 126 Seiten zusammengestrichen. Aus einem Lehrstück im Krimi-Gewand wurde ein simpler Krimi, wie ihn der geistig einfach gestrickte Leser solcher Romane sicherlich lieber goutieren würde … Dieser traurige Romantorso wurde mehrfach aufgelegt. Man sollte ihn tunlichst meiden und sich auf die (allerdings nicht einfache) Suche nach der Ausgabe von 1958 begeben.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

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Die Galgenfrist

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Mai 2010

cornwell-galgenfrist-cover-tb-2005Bernard Cornwell
Die Galgenfrist

(sfbentry)
Originaltitel: Gallows Thief (London : HarperCollins Publishers 2001)
Übersetzung: Ulrike Bischoff
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2003 (Ullstein Verlag)
349 S.
ISBN-10: 3-550-08428-5
Als Taschenbuch: April 2005 (Ullstein Taschenbuchverlag Nr. 25995)
349 S.
ISBN-13: 978-3-548-25995-6

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Das geschieht:

London 1817: Noch vor einem Jahr war er Rider Sandman ein Offizier und Gentleman aus gutem Londoner Haus. Doch dann machte sein Vater betrügerischen Bankrott und schoss sich eine Kugel durch den Kopf. Um der Ehre willen übernahm Sohn Rider die Schulden; die Schande bekam er gratis. Seitdem ist er persona non grata in den feinen Kreisen. Seine Verlobung wurde gelöst, er haust in einer billigen Absteige und verdient sich seinen kargen Lebensunterhalt als Kricketspieler.

Im blieben nur sein Stolz und seine Redlichkeit. Trotz aller moralischen Bauchschmerzen schlägt Sandman aber ein, als ihn Innenminister Lord Sidmouth um einen Dienst bittet. Der junge Maler Charles Corday hat angeblich die Gattin des Earl of Avebury vergewaltigt und erstochen. Dafür wurde er, der die Tat heftig abstreitet, zum Tode verurteilt und wartet nun im berüchtigten Newgate-Gefängnis auf seine Hinrichtung. Seine Mutter hat das Ohr der Königin gefunden und ein Gnadengesuch aufgesetzt. Königin Charlotte hat die Angelegenheit an den wenig erfreuten Innenminister weitergereicht. Dieser übergibt sie nun Rider Sandman, der dem Verurteilten ein eindeutiges Geständnis abpressen soll.

Doch Sandman beginnt den Unschuldsbeteuerungen des Malers Glauben zu schenken. Er beschließt, echte Ermittlungen aufzunehmen. Wie sich zeigt, hätte der Gatte der ermordeten Lady guten Grund gehabt, sich ihrer zu entledigen: Sie hat ihm ständig Hörner aufgesetzt. Zudem hat sich der Earl of Avebury mit verdächtiger Eile auf seinen Landsitz zurückgezogen. Spuren weisen außerdem in den geheimen Seraphim-Club, in dem dekadente Adlige ungestraft ihrem Hang zum Verbotenen frönen. Mehr als genug Verdächtige gibt es, und einige werden offenbar nervös, denn es mehren sich die Mordanschläge auf den hartnäckig weiter bohrenden Sandman …

Der ewige Wettlauf mit der Zeit

Ein Mann womöglich unschuldig in der Todeszelle, ein zweiter zwar frei, aber immer wieder Opfer widriger Umstände in seinem verzweifelten Versuch, den anderen zu retten, bevor ihn sein Schicksal ereilt: eine höchst altmodische, aber bewährte Ausgangssituation wählt Schriftsteller-Routinier Bernard Cornwell für sein historisches Krimi-Garn.

Aber wieder einmal zählt, was aus einem solchen Plot gemacht wird. Hier hat der Verfasser zweifellos gute Arbeit geleistet. „Die Galgenfrist“ ist keine Breitwand-Attacke auf seine Leser, die unter brachialem Einsatz von Ergebnissen ausgiebiger historischer Recherchen quasi überwältigt werden sollen. Es gefällt die Beschränkung aufs Wesentliche – die Story – während das zeitgenössische Umfeld dieser untergeordnet bleibt. Immer geschieht etwas Interessantes, die Handlung schreitet flott voran, die Figuren treten uns sofort vor das geistige Auge. Noch besser: Cornwell verzerrt sie nicht à la Anne Perry zu Stereotypen der Vergangenheit. Die Seiten blättern sich wie von selbst um, während man wissen möchte, welche Schlangengrube Sandman nun wieder aufdeckt.

Dass „Die Galgenfrist“ so gefallen kann, liegt vor allem an Cornwells Bestreben, der Unterhaltung ein Körnchen historische Realität beizumischen. Die Idee für dieses Buch gab ihm laut Nachwort die Entdeckung ein, dass im England des frühen 19. Jahrhunderts Kriminelle praktisch wie am Fließband gehenkt wurden. Der Tod am Galgen galt nach Ansicht der Obrigkeit als lehrreiche Abschreckung für alle Schurken, die man noch nicht erwischt hatte – und das waren eigentlich alle Bürger, die nicht der vornehmen Oberschicht angehörten.

Gleichzeitig steckte die Justiz noch immer tief im Mittelalter. Es wurde weniger gerichtet als gerächt. Einen Verteidiger bekamen Angeklagte nur, wenn sie sich einen leisten konnten. Ansonsten standen sie voreingenommenen, gelangweilten oder offen feindseligen Richtern gegenüber, die sie ohne Federlesens dem Henker überantworteten – Abschaum allesamt, soll Gott sie später sortieren!

„Die Galgenfrist“ beginnt mit einem eindringlichen Prolog, der die Konsequenz solchen Unrechts verdeutlich. An Brutalität ist die Schilderung einer Mehrfach-Hinrichtung kaum zu übertreffen. Fast noch erschreckender ist die offensichtliche Alltäglichkeit des Geschehens: Der Tod am Galgen ist nicht Mahnung und vollzogenes Recht, sondern ein Volksfest für Voyeure. Die Intensität dieser wenigen Seiten erreicht Cornwell später nicht mehr. Tot ist tot und bleibt tot; Fehler der Rechtsprechung lassen sich nicht wieder korrigieren. Diese Erkenntnis beginnt sich nur sehr langsam durchzusetzen. Rider Sandman begreift die Fehlbarkeit des Systems, und das lässt ihn zum überzeugten „Galgendieb“ des Originaltitels werden: Er stiehlt dem gleichgültigen Henker sein womöglich unschuldiges Opfer aus der Schlinge.

Held mit menschlichen Schwächen

Dieser Rider Sandman ist ohnehin fast ein bisschen zu gut für diese Welt: Ehrenhaft bis auf die Knochen ist er, kämpft für die Gerechtigkeit und lässt sich auch durch ständige Nackenschläge nicht vom rechten Weg ablenken. Sein eigenes Leben hat er der Sisyphus-Aufgabe geweiht, den Namen der Familie reinzuwaschen. Sogar die geliebte Verlobte musste er verlassen. Darüber hinaus ist er ein gestandener Kriegsheld, dessen ruhmreiche Taten zumindest in Soldatenkreisen Legende sind. Selbst zu den gesellschaftlich Geächteten – vor allem wenn weiblich – ist er zuvorkommend und rücksichtsvoll.

Damit es nicht gar zu arg gutmenschelt, hat Cornwell seinen Sandman mit einer guten Portion Jähzorn gesegnet. Der kommt ihm gut zupass, wenn ihm wieder einmal ein hochnäsiger Adelsspross oder ein mordlustiger Schurke ans Leder will. Rider Sandman hat nichts verlernt seit dem Krieg, wie seine Gegner zu ihrem Leidwesen immer wieder feststellen müssen. Anders ausgedrückt: Mr. Sandman ist eine leicht abgewandelte Version von Bernard Cornwells Sharp, seinem Helden der gleichnamigen, seit vielen Jahren erfolgreich laufenden Serie.

Sandman zur Seite steht seine Ex-Verlobte Eleanor. Selbstverständlich ist sie nicht nur hübsch, sondern klug und unzufrieden mit den Beschränkungen, die ihre Zeit einer geistvollen Frau auferlegt, und natürlich liebt sie ihren Rider immer noch. Nicht ihr Vater ist der Unmensch, der ihr dieses Glück versagt, sondern die verblendete Aufsteiger-Mutter. Die zweite weibliche Hauptrolle spielt Sally Flood, die in gewisser Weise verwirklichen konnte – oder musste -, was Eleanor sich nur erträumen kann. Sie ist selbstständig und in der Lage, den Preis dafür zu zahlen. Der ist nicht gering im Jahre 1817, das beschönigt Cornwell mit keiner Silbe.

Fast alles Übel kommt von oben

Das Sagen hat in England uneingeschränkt die zahlenschwache, aber einflussstarke Oberschicht. Dieses System ist verkrustet und primär auf den ängstlichen Erhalt der errafften Privilegien ausgerichtet. Soziale Gerechtigkeit gilt als Schwäche, ihre Befürworter sind rücksichtslos auszulöschen, auf dass sie dem Establishment nicht gefährlich werden. Bigotterie und Lüge verbrämen nur mühsam den status quo, an dessen Aufrechterhaltung sich auch die Kirche eifrig beteiligt.

So ist die Existenz des perversen Seraphim-Clubs nur der konsequente Ausfluss einer Gesellschaft in Schieflage: Die unteren Schichten stellen für seine Mitglieder endgültig nur noch Menschenvieh dar, das man zu quälen und sogar zu töten das von Gott gegebene Recht hat. Wer sich nicht offen an solchen Auswüchsen beteiligt, unterstützt das System auf eigene Weise. Lord Sidmouth betrachtet die Gnadenersuche der zum Tode Verurteilten hauptsächlich als Unverschämtheit und ärgerliche Belastung, die ihn von wichtigen Tätigkeiten fernhält. Die Gerichte Seiner Majestät irren nicht, und falls doch, dann ist es um das wertlose Pack nicht schade, das sich gefälligst den Regeln unterwerfen, d. h. klaglos hängen lassen soll. Das zur perfiden Perfektion entwickelte Kastensystem prägt jede Lebenssituation; wer sich allzu viele Gedanken darüber macht, verzweifelt daran und gilt der stets um ihre Privilegien besorgten Obrigkeit rasch als Aufrührer. So ist es feine Ironie des Verfassers, dass die klügste Kritik am herrschenden System ausgerechnet von einem Straßenräuber geäußert wird.

Ansonsten ist auch das England des frühen 19. Jahrhunderts ein für seine Bewohner alltäglicher Ort. Mit vielen deftigen Szenen illustriert Cornwell geschickt eine uns heutigen Lesern fremde Welt. Die bunte Beiläufigkeit der brutalen Newgate-Gefängniskulisse wird kontrastiert durch die gar nicht weihevollen Theaterszene, die uns verrät, wieso selbst Künstlergenies wie Shakespeare tunlichst darauf achteten, dass es auf der Bühne möglichst laut vor sich ging …

Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Sein Vater war ein kanadischer Flieger, seine Mutter ein Mitglied der Britain’s Women’s Auxiliary Air Force. Cornwell wurde zur Adoption freigegeben und wuchs bei einer Familie in der Grafschaft Essex auf; eine freudlose Kindheit, da seine Eltern einer strengen religiösen Sekte angehörten. Schon früh machte sich Cornwell deshalb selbstständig. Er ging nach London, studierte an der London University, arbeitete als Lehrer und ging dann zur BBC, wo er zehn Jahre in der Fernsehabteilung arbeitete.

Zuletzt war Cornwell in Nordirland tätig. In Belfast lernte er auch seine spätere Frau kennen. Aus familiären Gründen wanderte das Paar in die USA aus. Hier verweigerte man Cornwell die Greencard, die ihm die Ausübung eines Berufes gestattet hätte. So beschloss er sich als Schriftsteller zu versuchen. Nach den üblichen schwierigen Anfangsjahren erwies sich Cornwell als fähiger und vor allem fleißiger Autor. Seinen Durchbruch erreichte er mit seiner Sharp-Serie, den Abenteuern eines britischen Soldaten in den napoleonischen Kriegen um 1800.

Sharp ist Cornwell bis auf den heutigen Tag treu geblieben. Darüber hinaus schrieb er viele serienunabhängige historische Romane, die angenehm unangestrengt und ohne Ringen um literarischen Anspruch unterhaltsame Geschichten aus unterschiedlichen Epochen erzählen.

Bernard Cornwells reiches schriftstellerisches Werk wird vorbildlich auf seiner auch sonst informativen Website vorgestellt. (3xPRT)

[md]

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LAUFENDES BÜCHERPREISRÄTSEL
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Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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Der Wachsapfel

Erstellt von Michael Drewniok am 8. Mai 2010

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Der Wachsapfel

(sfbentry)
Originaltitel: Wax Apple (New York : Random House 1970/London : Victor Gollancz 1970)
Übersetzung: Martin Lewitt
Deutsche Erstveröffentlichung: 1970 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1340)
155 S.
[keine ISBN]
Letzte Neuauflage: 1987 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 10436)
155 S.
ISBN-13: 978-3-548-10436-2

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Das geschieht:

Ex-Cop Mitchell Tobin, der sich seinen Unterhalt aufgrund widriger Umstände nunmehr als privater Ermittler verdienen muss, checkt für seinen aktuellen Auftrag ins Midway-Sanatorium ein. Hier erholen sich 22 gesundende, aber psychisch weiterhin labile Ex-Geisteskranke, bevor sie endgültig ins Alltagsleben zurückkehren. Dr. Frederick Cameron, Gründer und Leiter der Einrichtung, muss seit einiger Zeit um die notwendige Ruhe der Patienten fürchten: Ein Unbekannter stellt ihnen Fallen. Noch blieb es bei leichten Verletzungen, aber die Unruhe steigt.

Tobin soll den Täter fassen. Er hat gerade seinen Koffer abgestellt und will das ihm zugewiesene Zimmer verlassen, da stolpert er über einen Draht und poltert eine Treppe hinunter, wobei ihm ein Arm bricht: Der Fallensteller hat ihn offensichtlich schon erwartet; anonym lässt er ihm ein Fläschchen Bourbon und ein Entschuldigungsschreiben zukommen.

Angeschlagen aber zornig macht sich Tobin an die Arbeit. Hinter der noblen Fassade des Sanatoriums stößt er auf Ungereimtheiten und schwelende Konflikte. Die Insassen verhalten sich erwartungsgemäß unberechenbar, aber auch Ärzte und Personal ziehen keineswegs am selben Strang. Durch das Haus geistert nachts ein ‚blinder Passagier‘. Ist der geheimnisvolle Doug, der sich so kunstreich ins Midway eingeschlichen hat, der Saboteur?

Die Zeit drängt, denn die Anschläge nehmen an Heftigkeit zu. Doch Tobin ist abgelenkt. Der enge Umgang mit den Insassen zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Dämonen. Nie hat er sich mit seinen psychischen Problemen wirklich beschäftigt. Jetzt kommen sie an die Oberfläche und wollen sich nicht mehr verdrängen lassen. Ein halber Tobin ist jedoch kein akkurater Gegner für den Unsichtbaren, der seinen Terror unbeirrt fortsetzt …

Kriminelle Umtriebe im Irrenhaus

Ein „Whodunit?“ in der Nervenheilanstalt stellt an den Kriminalschriftsteller gewisse Anforderungen. Die üblichen Verdächtigen sind nur bedingt zurechnungsfähig. Das öffnet theoretisch Türen, hinter denen sich recht simple Lösungen verbergen könnten. Geisteskrankheit ist im Unterhaltungsroman eine gern missbrauchte Entschuldigung für unrealistische, aus dem sprichwörtlichen Hut gezauberte ‚Lösungen‘, denn Wahnsinnigen ist bekanntlich alles zuzutrauen.

Donald E. Westlake – er verbirgt sich hinter dem Autoren-Pseudonym „Tucker Coe“ – geht diesen allzu einfachen Weg natürlich nicht. Als Vollprofi des Genres hat er es auch nicht nötig. Er nutzt die exotische Kulisse für eine wahrlich ungewöhnliche Handlung. Wer verübt absurd inszenierte aber gefährliche Anschläge in einem Sanatorium? Diese Frage vermag Westlake/Coe auf überraschende Weise zu lösen.

Wobei überraschend allerdings nicht unbedingt originell bedeutet. Psychologie ist im Unterhaltungsroman stets Vulgär-Psychologie. So ist es auch hier, obwohl Coes Krankheitsbilder, die er für seine Verdächtigen malt, zumindest überzeugend klingen. Sie sind es freilich nicht, sondern bleiben plakativ sowie dem Zeitgeist verhaftet: „Der Wachsapfel“ entstand in einer Zeit, als eine „Lesbe“ noch eine sichere Kandidatin für das Irrenhaus war.

Letztlich entpuppt sich das seltsame Treiben im Midway als Sturm im Wasserglas. Hinter dem kriminellen Treiben verbirgt sich das allzu Menschliche. In einem Sanatorium ist der Druck, der sich in verbrecherischem Handeln entladen kann, höher als innerhalb der ‚normalen‘ Gesellschaft. Darauf basiert der Plot, der allein allerdings kein Lektürevergnügen garantieren könnte.

Kuckuck im Nest der Nervenschwachen

Dies schafft Coe, indem er ausgerechnet Mitch Tobin ins Midway bringt. Er ist vordergründig der „Wachsapfel“, d. h. der Falschspieler, der sich unter die Patienten mischt. Tatsächlich muss Tobin feststellen, dass er viel besser hierher passt als ihm bewusst und lieb ist. Er ist seelisch krank, seit sein Partner bei der Polizei zu Tode kam. Tobin gibt sich die Schuld, denn er betrog seinen Freund und war mit dessen Frau zusammen, statt diesem den Rücken zu decken. Die Schuldgefühle haben ihn überwältigt und arbeitsuntauglich gemacht. Seitdem vergräbt er sich in seinem Haus, grübelt und zieht eine Steinmauer um das Anwesen, was seinen Rückzug von der Welt auch optisch deutlich macht.

Nur die Geldnot kann Tobin manchmal dazu bringen, sein selbst gewähltes Exil zu verlassen. Dann stellt er immer noch beachtliches ermittlerisches Geschick unter Beweis. Weil er nicht mehr im Staatsdienst arbeitet, kann Tobin undercover tätig werden. Der enge Kontakt zu verdächtigen Zeitgenossen hat Vorteile, kann aber schnell gefährlich werden. In seinen früheren Fällen bestand diese Gefahr darin, von  den Verbrechern, unter die er sich gemischt hatte, entlarvt zu werden.

Der eigenen Psyche ausgeliefert

Dieses Mal ist es anders: Als Tobin im Midway eintrifft, ist er längst erkannt. Niemandem kann er vertrauen, und er hat keine Ahnung, wie er sich den Rücken freihalten kann. Die eigentliche Gefahr droht indes von unerwarteter Seite: Tobin stellt fest, dass ihn seine bisher leidlich verdrängten Schuldgefühle übermannen. Seine Legende als genesender Geisteskranker vermischt sich mit privater Seelenpein. Dem Angriff von dieser Seite ist der erfahrene Kriminalist nur bedingt gewachsen.

Dieser Kampf mit dem eigenen Ich verleiht der Story ihren besonderen Drive. Tobins sorgfältig ausgeklügelten Verdrängungsmechanismen zerbröckeln. Seine Umgebung und vor allem seine Mitpatienten jagen ihm Angst ein, denn er sieht, wo und wie er enden könnte. Die Sicherheit, die ihm einst seine kriminalistische Tätigkeit gab, ist ebenfalls Vergangenheit: Als die Polizei in Gestalt Captain Yonckers im Midway aktiv wird, sieht sich Tobin ohnmächtig in die Schar der übrigen „Verrückten“ eingegliedert. Wie er seinen persönlichen aber zweifelhaften Ausweg findet, ist aus medizinischer Sicht wahrscheinlich indiskutabel, liest sich aber spannend und sorgt dafür, dass dieser in Vergessenheit geratende, kleine Krimi doch noch lesenswert ist.

Autor

„Tucker Coe“ ist das Pseudonym des Profi-Schriftstellers Donald Edwin Westlake (geb. am 12. Juli 1933 in Brooklyn, New York). Erste Kurzgeschichten verkaufte er bereits 1953 an Science Fiction- und Mystery-Magazine. Nachdem er in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren unter diversen Pseudonymen Softsex-Romane verfasst hatte, erschien 1960 ein erster ‚richtiger‘ Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“) ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

1962 betrat Parker, ein nervenstarker Berufskrimineller, die Bildfläche. Seine Abenteuer schrieb Westlake als „Richard Stark“. Weil er jährlich gleich mehrere Romane auf den Buchmarkt warf, legte er sich weitere Pseudonyme zu. Westlake versuchte sich in allen Genres. Er schrieb Science Fiction („Anarchaos“, 1966), Phantastisches, Western („Gangway“, 1973), ein Kinderbuch („Philip“, 1967) und sogar eine Biografie der Schauspielerin Elizabeth Taylor.

1966 begann Westlake als “Tucker Coe” mit “Kinds of Love, Kinds of Death” (dt. “Auf totem Gleis“) eine neue Reihe um den desillusionierten Ex-Cop Mitch Tobin aus New York. Immer lotete der Verfasser den Markt aus, um maßgeschneiderte Unterhaltung in Serie zu produzieren. Blieb der Erfolg aus, probierte er etwas anderes. Tobin war deshalb kein allzu langes literarisches Leben vergönnt.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website , die in Form und Inhalt seine Romane aufgreift: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

[md]

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Entrissen

Erstellt von Werner Karl am 17. April 2010

VS_Carver_Entrissen_LVD.inddTania Carver
Entrissen

Originaltitel: The Surrogate
List Verlag
ISBN 9783471350348
Thriller
1.Auflage 12. März 2010
Aus dem Englischen von Sybille Uplegger
Umfang: 496 Seiten, Taschenbuch

www.ullstein.de
www.ullsteinbuchverlage.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zur Autorin:
Tania Carver lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Südengland. Dies ist ihr erster Thriller.

Zur Handlung:
Ein Serienmörder beschäftigt das ermittelnde Team Phil Brennan, Anni Hepburn und Clayton Thompson. Er hat es auf hochschwangere Frauen abgesehen, die er überfällt, um das Neugeborene aus ihrem Körper herauszuschneiden und mitzunehmen. Auch die schwangere Claire und ihre Freundin werden nach ihrer Baby-Party zuhause überfallen und Opfer des grausam vorgehenden Täters. Doch das Baby könnte noch Leben sein und daher ist die Zeit der suche knapp bemessen. Die Spuren sind jedoch mehr als dürftig, so zieht die Polizei die Profilerin Marina hinzu, die schon in einem vergangenen Fall behilflich sein konnte.

Als alle Spuren zu Claires Exfreund – dem Schrotthändler Ryan Brotherton führen und dieser zudem von seiner neuen Freundin Sophie mit falschem Alibi gedeckt wird, scheint der Fall gelöst. Alleine Marina glaubt, hier den Falschen festgesetzt zu haben. Denn die Suche des Serienkillers nach einem neuen Baby beginnt wieder – und zudem scheint er auch ein Auge auf Marina geworfen zu haben, die im 4.Monat schwanger ist und ihm zukünftig als “Wirtstier“ dienen könnte. Doch der Täter agiert nicht alleine. Angetrieben wird er von einer Person, die mit dem jeweiligen Baby nicht lange zufrieden ist und ihn daher immer wieder zur neuen Jagd antreibt…

Mein Fazit:
Das Buch ist nicht empfehlenswert, wenn man hierzu wenig Nerven besitzt und ähnelt schwach dem Schreibstil der Bücher von Tess Gerritsen. Die Idee ist relativ grausam und geschmacklos, aber auch nicht neu. Frauen werden brutal abgeschlachtet, um an deren Babys zu gelangen. Der gewissenlose Täter agiert zur Zufriedenstellung seines psychisch kranken „Auftraggeber“, der ab Mitte des Buches seine abnormen Gedanken ins Geschehen streut.

Zu Beginn des Buches wird man durch die Ereignisse um mehrere Morde und deren Zusammenhänge gefesselt, jedoch nimmt diese solide aufgebaute Spannung mit Mitte des Buch langsam ab, da man sich als Leser den weiteren Fortgang der Ermittlungen und die Ergreifung des Täters schon sehr gut selbst zusammen reimen kann. Dies finde ich persönlich doch etwas schade, da mir der Spannungsbogen in einem Thriller sehr wichtig erscheint. Die Polizeiarbeit wirkt ab hier nur noch sehr unspektakulär und eher nebensächlich. Viel mehr beschäftigt sich die Autorin mit den privaten Belangen der Protagonisten und der sehr einseitigen Psyche der „Auftraggeberin“ des Serienmörders. Das Ende kommt dann auch nicht überraschend, aber ist leider relativ schnell mit einem kurzen „Show down“ abgehandelt.

Insgesamt hätte ich mir trotz raschen Szenenwechseln ein spannungsgeladeneres und detailreicheres Buch gewünscht. Als Thriller nicht schlecht, aber doch ein Stück von meiner sonstigen Faszination über die geschickt ausgetüftelten Taten eines Serienmörders entfernt. Sicherlich unterhaltsam, auch nachhaltig grausam und flüssig geschrieben – aber allein durch die Ausübung von blutrünstig angelegten Morden baut sich bei mir leider kein tieferes Interesse auf. Aufgrund der weiteren Ausbaufähigkeit des Ermittlerteams bin ich jedoch trotzdem optimistisch auf eine evt. Fortsetzung mit einem neuen Fall gespannt – vielleicht diesmal mit mehr Nervenkitzel!    

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

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Der blinde Barbier

Erstellt von Michael Drewniok am 4. April 2010

carr-barbier-cover-ullstein-1965John Dickson Carr
Der blinde Barbier

(sfbentry)
Originaltitel: The Blind Barber (New York & London: Harper & Brothers 1934)
Übersetzung: Ursula von Wiese
Deutsche Erstveröffentlichung: 1953 (Albert Müller Verlag/A.M.-Auswahl Nr. 105)
191 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1965 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1026)
158 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Vom Hafen Southampton eilt Henry Morgan, der bekannte Kriminalschriftsteller, zum berühmten Privatermittler Dr. Gideon Fell, um ihm von seinen haarsträubenden Abenteuern zu erzählen. An Bord der „Queen Victoria“ ist er von New York nach England gereist und hat neue Freunde und einen Platz an der Tafel von Kapitän Whistler gefunden. Thomassen Valvick, ein alter Seebär, unterhielt mit Geschichten aus seiner wilden Jugend, während Curt Warren, ein junger Diplomat, von seinem Hobby, dem Schmalfilm, schwärmte. Peggy Glenn bildete das weibliche Element der Runde, während Dr. Oliver Kyle, ein Psychiater, den stillen aber einnehmenden Zuhörer gab. Zwei weitere Gäste hielten sich abseits. Jules Fortinbras wurde berühmt durch sein Marionettentheater mit lebensgroßen Figuren. Lord Sturton sammelt seltene Edelsteine und brachte sein aktuelles Beutestück – einen Smaragd-Anhänger in Elefantengestalt – nach England.

Dann wurde Warren in seiner Kabine überfallen. Man stahl ihm einen privaten Film, in dem sich hohe US-Politiker in entspannter Atmosphäre über die Regierung und ihre Wähler lustig machten. Um eine Weitergabe an die Presse und den dadurch entfachten Skandal zu vermeiden, beschlossen Morgan und seine Freunde, den Dieb während der Reise dingfest zu machen. Die unerfahrenen Detektive überfielen dabei versehentlich den Kapitän, stahlen ungewollt Lord Sturtons Schmuckstück und fanden vor Warrens Kabine eine blutende Frau, die wenig später spurlos verschwand.

Der Film und die Frau blieben verloren. Nun liegt die „Queen Victoria“ vor Anker. In wenigen Stunden werden die Passagiere das Schiff verlassen. Unter ihnen wird der Dieb und mögliche Mörder sein, sollte es Dr. Fell nicht gelingen, ihn nach der Auswertung von Morgans wirrem Bericht zu demaskieren …

Eine Seefahrt, die ist lustig …

Der Erfolg einer Krimi-Serie basiert vor allem auf der Variation bewährter und von der Leserschaft geliebter Elemente. In unserem Fall sind dies ein von der alltäglichen Außenwelt isoliertes Ambiente mit vielen schattigen Winkeln, in denen (scheinbar) das unheimlich Übernatürliche nistet, sowie der Auftritt des grandiosen Dr. Fell, der sich  – den Gehstock in der einen und das stets mit Bier gefüllte Glas in der anderen Hand – über einen Tatort, der nur einander widersprechende Indizien, Geheimnisse und Unmöglichkeiten bietet, in kryptischen Andeutungen ergeht, die sich im großen Finale als kunstvoll rätselhafte Einleitungen zu einer Auflösung erweisen, auf die im besten Fall kein Leser gekommen ist.

Genannte Elemente finden wir auch in diesem Roman von 1934, der überhaupt erst der dritte der Gideon-Fell-Serie ist, die John Dickson Carr im Vorjahr startete. Dennoch liest sich „Der blinde Barbier“ gänzlich anders als die beiden Vorgängerbände oder die in den nächsten Jahrzehnten noch folgenden Abenteuer. Bevor sich die Strukturen dieser Serie festigen (und schließlich verkrusten) konnten, sprengte Carr mit „Der blinde Barbier“ die Grenzen des Genres, indem er den Krimi mit der Farce kreuzte. Heraus kam das literarische Gegenstück eines Filmgenres, das in den 1930er Jahren entstand und blühte.

Die „Screwball“-Komödie zeigt (scheinbar) gleichberechtigte Frauen und Männer im alltagsfernen Geschlechterkampf. Geistreiche, mit sexuellen Anspielungen gespickte Wortgefechte in rasanter Geschwindigkeit sind eingebettet in absurde Handlungen. Viel ohne Reue und schädliche Nebenwirkungen genossener Alkohol beflügelt die Protagonisten, deren sich zum Chaos aufschaukelnden Aktivitäten den Slapstick der Stummfilmzeit aufleben lassen. „Bringing up Baby“ (1938, dt. „Leoparden küsst man nicht“), „The Philadelphia Story“ (1940, dt. „Die Nacht vor der Hochzeit“) oder „The Palm Beach Story“ (1942; „Atemlos nach Florida“) hießen Klassiker dieses Genres, in das sich „Der blinde Barbier“ einfügen kann.

Liebeswerte Nichtsnutze sorgen für Verwirrung

Falls sie in ihrem Leben überhaupt jemals für ihren Lebensunterhalt arbeiten oder sich Alltagssorgen machen mussten, ist diese Zeit für die Figuren unserer Krimi-Komödie längst vorbei. Sie reisen komfortabel an Bord eines luxuriösen Dampfers, dessen Besatzung ihnen alle Wünsche erfüllt. Die Reise dauert mehrere Tage, in denen man höchstens per Funk zu erreichen ist, was die „Queen Victoria“ zur idealen Brutstätte für jene Wirrungen & Irrungen macht, die Autor Carr entfesselt.

Der leichtlebige junge Mann, der vergnügte, zu kindlichem Unfug neigende Senior, der es eigentlich besser wissen müsste und gerade deshalb gegen jede Vernunft handelt, die cholerische aber nicht ernst zu nehmende Respektsperson und selbstverständlich die junge, hübsche und aktive Frau: Sie gehören zum Personal der „screwball comedy“. Von Anfang an ist klar, dass sie als Detektive scheitern werden. Selbst ohne Versuche in dieser Richtung würden sie das Chaos entfachen, welches das Genre verlangt. Um auf Nummer Sicher zu gehen, schlüpft Autor Carr in die Rolle der mehrfach von ihm erwähnten Parzen und manipuliert die Schicksalsfäden seiner Figuren. Nicht unbedingt kunstvoll aber konsequent sorgt er für eine Kette sich akkumulierender Zwischenfälle, die sich zu einer Woge absoluten Durcheinanders auftürmen und alle Figuren schließlich unter sich begräbt.

Krimi-Vernunft gegen Komödien-Wahnsinn

Vor und hinter dem zentralen Tohuwabohu, das der „Queen-Victoria“-Handlungsstrang darstellt, bildet das Krimi-Element nur eine Klammer. Gideon Fell, der als Figur zwar eine Karikatur mit übertriebenen körperlichen Merkmalen und Charakterzügen ist, gehört allerdings nicht in eine „screwball comedy“, deren Komik auch darin besteht, dass die Protagonisten Stück für Stück ihrer Würde beraubt werden. Fell könnte eine solche Behandlung nicht verkraften; er ist es, der Scherze auf Kosten seiner Mitmenschen macht, und faktisch ist er eher exzentrisch als komisch.

Das führt zu einem deutlichen Stimmungsbruch, wenn in „Der blinde Barbier“ die Handlung die „Queen Victoria“ verlässt und auf das feste Land wechselt. Hier residiert Gideon Fell in seinem Haus, das er nicht ein einziges Mal verlässt. Den Fall löst er durch pure Deduktion und unter Berücksichtigung der ihm bekannten Fakten. Plötzlich ganz im Stil des klassischen „Whodunit“ gliedert Fell das Rätsel mit 16 elementaren Fragen, die gleichzeitig ein Stichwortverzeichnis zu seiner Auflösung darstellen. Genretypisch arbeitet Fell anschließend diese Liste systematisch ab. Der Humor verflüchtigt sich, wie auch die lustigen Gesellen um Henry Morgan spurlos verschwinden, und wird von detektivischer Sachlichkeit abgelöst. Der Kontrast zur Komödie wird noch deutlicher, weil Carr um der Dramatik willen (und unter Missachtung der Logik, denn die Polizei würde sicher kaum einen Mordverdächtigen in Fells Haus bringen, nur damit dieser dessen Fallrekonstruktion bestätigt) den überführten Mörder auftreten lässt, dessen Ende am Galgen bereits besiegelt ist.

Zur Irritation trägt bei, dass Carr einen recht grausamen Mord geschehen lässt. Es fehlt die komödiengerechte Brechung der Untat, die sich zum fröhlichen Durcheinander nicht fügen will. Nicht zünden wollen außerdem die sonst so zuverlässigen und für Carr typischen Mystery-Effekte. Aufwendig werden menschengroße Marionetten, ein geheimnisvoller Smaragd-Elefant und vor allem der „blinde Barbier“ als simples Gravur-Motiv auf  der Klinge eines Rasiermessers eingeführt, ohne für die Handlung wirklich von Bedeutung zu sein. Zudem ist die „screwball comedy“ ein Genre, zu dem solche Geisterbahn-Effekte nicht passen. Faktisch lässt die Lektüre des „Barbiers“ deshalb sowohl die Krimi-Puristen als auch die Komödien-Freunde unzufrieden zurück. Sie kommen hier nicht zusammen. Kein Wunder, dass Carr mit dem nächsten Gideon-Fell-Roman auf sicheres Terrain zurückkehrte!

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbar ‚englische‘ Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Diese fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 ansässig blieb. Als Schriftsteller war er schnell erfolgreich. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm dank einer allzu ausgeprägten Liebe zu Alkohol und Tabak kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane. Seine Biografie des Sherlock Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf  diese verwiesen, die Ihrem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

[md]

Titel bei Booklooker.de
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Stumm

Erstellt von Werner Karl am 27. März 2010

stummSam Hayes
Stumm

Originaltitel: Unspoken (2008)
Ullstein Taschenbuch Verlag
ISBN 9783548280387
Psychothriller
1.Auflage März 2010
Aus dem Amerikanischen von Carola Kasperek
Umfang: 448 Seiten, kartonierter Einband

www.ullstein.de
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Zur Autorin:
Sam Hayes ist im englischen Coventry geboren. Nach dem Schulabschluss wollte sie Pilotin werden und lernte fliegen, war dann aber in anderen Berufen, u.a. als Privatdetektivin, Buchhalterin und Kellnerin tätig. Sie lebte in Australien und den USA und kehrte schließlich mit ihrem australischen Ehemann und den drei Kindern in ihre westenglische Heimat zurück. Für ihre Kurzgeschichten hat sie mehrere Preise erhalten, Blutskinder ist ihr erster Roman.

Zur Handlung:
Julia French hat es nicht leicht in ihrem Leben. Nachdem sie sich von ihrem Mann Murray aufgrund massiver Alkoholprobleme getrennt hat und die Scheidung vor der Tür steht, ist sie mit der Erziehung der beiden Kinder, ihrem Sohn Alex und der taubstummen Tochter Flora sowie ihrem Job als Lehrerin an der Schule gut ausgelastet. Doch plötzlich verstummt ihre Mutter Mary ohne ersichtlichen Grund und scheint keine Hilfe von Außen anzunehmen. Der zuständige Arzt David kümmert sich jedoch sehr liebevoll um seine neue Patientin und schaut mehr als er müsste im Haus vorbei.

Julias Interesse für den sympathischen Arzt wächst, und auch David scheint für Julia Gefühle zu entwickeln – sehr zum Missfallen von Murray, der die wachsende Sympathie mit großem Missfallen beobachtet. Denn auch er sucht eine Möglichkeit, Julia zurück zu gewinnen. Die Situation scheint sich zu eskalieren, nachdem Julia ihre Schülerin Grace schwer verletzt im Graben liegend auffindet. Ihr letztes Wort ist ?Doktor?, bevor sie ins Koma fällt. Aufgrund der Hinweise am Tatort wird David als Hauptverdächtiger verhaftet und Julias neu geplantes Leben gerät ins wanken. Und die weiteren Nachforschungen um Davids Person bringen unglaublich Verknüpfungen mit Julias Familie ans Licht?.

Mein Fazit:
Das Buch wird im Genre Psychothriller angeboten, doch meiner Meinung ist es dort falsch angesiedelt. Die Geschichte um den Mord an der jungen Grace ist nicht der wichtigste Teil dieses Buches, viel mehr geht es hier im eigentlichen um ein Familiendrama, die Verknüpfung der Handlungen in der Vergangenheit sowie Gegenwart zwischen den einzelnen Protagonisten und die Frage, warum Mary Marshall nicht mehr spricht. Und hierauf wird im Verlauf des Buches kontinuierlich hingearbeitet, bis die überraschende Antwort zu Tage kommt. Der Verlauf wird geschickt von Sam Hayes aus den unterschiedlichen Perspektiven aus der Sicht von Mary, Julia und Murray erzählt. Hierbei gehen die einzelnen Erzähler sehr genau auf ihre Erlebnisse, Beziehung zu den weiteren Personen, ihre Gefühle in positiver und in negativer Hinsicht ein. Dieses ermöglicht einen flüssigen, zusammenhängenden Kontext und bringt dem Leser die Entwicklung der katastrophalen Erkenntnisse flüssig und nachvollziehbar näher.

Als spannungsgeladener Psychothriller ist dieses Buch sicher nicht zu empfehlen, hierfür ist es einfach nicht geeignet. Es fehlt mir der absolute Nervenkitzel, die Brisanz und auch die sonst üblichen Strukturen eines Thrillers. Aber als guter unblutiger Unterhaltungsroman über eine geheimnisvolle Familiengeschichte mit überraschendem Ende ist das Buch schon lesenswert.

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

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