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neuauflage

Furien im Finstern

Erstellt von Michael Drewniok am 31. Januar 2012

Erle Stanley Gardner
Furien im Finstern

(sfbentry)
Originaltitel: Bats Fly at Dusk (New York : William Morror & Company, Inc. 1942)
Übersetzung: Daphne Andersch
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Ullstein Verlag/Ullstein-Kriminalroman Nr. 1270)
159 S
ISBN-13: 978-3-548-01270-4

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Das geschieht:

Bertha Cool, schwergewichtige Chefin einer kleinen Detektei, ist noch missgestimmter als üblich. Ihr Partner Donald Lam hat sie versetzt – so sieht Berta das – und sich der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika angeschlossen: Die Welt befindet sich in diesem Jahr 1942 im Krieg, und Lam will seine Bürgerpflicht erfüllen. Für solchen Idealismus hat Berta Cool kein Verständnis. Sie muss feststellen, dass ihr der gewitzte Lam im Geschäft fehlt. Ihrer Geldgier tut dies keinen Abbruch, aber sie sieht sich gezwungen, wieder selbst auf der Straße Detektivarbeit zu leisten. Schlimmer noch: Der aktuelle Auftrag, der zunächst nach leicht verdientem Honorar aussah, übersteigt womöglich Bertas kriminalistischen Fähigkeiten!

Der blinde Straßenhändler Rodney Kosling hat sie engagiert. Ihm ist ein merkwürdiger Unfall aufgefallen: Josephine Dell, eine junge Frau, mit der er regelmäßig an seinem Stand zu plaudern pflegte, wurde von einem Wagen angefahren und vom Unfallfahrer mitgenommen. Seitdem ist sie verschwunden. Kosling macht sich Sorgen und möchte Josephine suchen lassen. Menschenfreunde sind Berta stets verdächtig. Trotzdem übernimmt sie den Fall, der sich rasch als heikel entpuppt. Zwar findet sie Josephine Dell, aber viel interessanter findet sie den plötzlichen Tod des alten Harlow Milbers. Der war Josephines Arbeitgeber und außerdem reich. Er hinterlässt ein seltsames Testament, das seine Haushälterin und deren Familie begünstigt. Milbers einziger Verwandter, sein Neffe Christopher, ist darüber wenig erfreut. Ist das Testament gefälscht? Wenn Berta dies nachweisen kann, winkt ihr ein hohe ‚Gewinnbeteiligung‘!

Stattdessen stolpert sie über den undurchsichtigen Versicherungsbetrüger Jerry Bollman und schließlich über dessen Leiche. Für die misstrauische Polizei ist Berta die Hauptverdächtige. Ihre Bemühungen, sich zu rehabilitieren und trotzdem ihren finanziellen Schnitt zu machen, setzen eine verhängnisvolle Kette krimineller Verwicklungen in Gang, bis Berta sich im eigenen Netz zu verstricken droht …

Solider Krimi mit seltsamem Titel

Privatdetektive sind üblicherweise taffe Burschen, die vielleicht hier und da irren (oder übers Ohr gehauen werden), aber spätestens im Romanfinale vom Holzweg auf die Straße der Wahrheit einbiegen. Sie verstehen ihren Job, lassen sich nicht schrecken oder bestechen, folgen unbeirrbar ihrer Spur. Genau das geschieht hier nicht. „Furien im Finstern“ – den dümmlichen deutschen Titel verdankt das vorliegende Werk dem zeitgenössischen Ullstein-Drang zur ‚Originalität‘ – ist im Grunde eine 160-seitige Umkehr der meisten Detektivkrimi-Klischees.

Wir beobachten eine Schnüffler-Frau, der es an Energie und Furchtlosigkeit nicht mangelt. Leider kann ihre kriminalistische Fachkenntnis nur bedingt mithalten. Außerdem vernebelt ausgeprägte Geldgier das Gespür und übertüncht Anzeichen, die einen Philip Marlowe längst gewarnt hätten, dass etwas faul ist. Aber Bertha Cool will nicht Gerechtigkeit, sondern Bares. Mit dem Eifer und dem diplomatischen Geschick einer Abrissbirne fällt sie über ihre Klienten her. Sie ist sich keineswegs zu schade, mit windigen Betrügern um Prämien zu rangeln. Was ihr dabei entgeht: Sie reiht sich nahtlos in einen Reigen mehr oder weniger geschickter Betrüger und Erbschleicher ein.

Krimi-Netz mit dicht gewebten Maschen

Mit faszinierender Sicherheit spinnt Autor Gardner sein Netz. Gauner gegen Gauner, die Fronten ändern sich ständig. Finstere Pakte werden geschlossen und sofort gebrochen. Wer gestern noch gegeneinander kämpfte, tut sich heute womöglich zusammen – und umgekehrt. Berta Cool mischt da skrupellos tüchtig mit. Der Witz an der Sache ist ihre Blindheit dafür, wie sie, die mächtig ihre Klienten, Zeugen und die Polizei manipuliert, selbst in diverse Intrigen verwickelt wird, ohne es zu bemerken. Da ist es nur gut, dass Donald Lam während eines kurzen Heimaturlaubs den kunstvoll verwickelten Fall aufdröselt.

Bis es soweit ist, hat der Leser einen Riesenspaß gehabt, denn er (und sie) ist zusammen mit Berta Cool tüchtig an der Nase herumgeführt worden. Die Mosaiksteinchen purzeln an ihre Plätze und enthüllen wider Erwarten ein logisches Gesamtbild. Wieder einmal bestätigt sich, dass die Cool/Lam-Romane so sauber geplottet sind wie Gardners Perry Mason-Krimis. Womöglich können sie noch besser gefallen, denn sie verfügen über eine angenehme Zusatzeigenschaft: Sie sind humorvoll. Damit ist nicht einmal der Slapstick-Witz der dampfwalzenartig auftretenden Bertha Cool gemeint. Vor allem weiß die ausgetüftelte Story zu gefallen, die den Namen „Krimikomödie“ verdient. Der Autor arbeitet dabei mit trockenem Wortwitz, der sogar die Übersetzung überlebt hat.

Berta schwimmt immer obenauf

Mit Berta Cool ist Erle Stanley Gardner eine klassische Figur gelungen, die sich ins Gedächtnis der Leser eingräbt. Selbstverständlich könnten politisch korrekte Spielverderber allerlei Einwände gegen Berta Cool erheben. Sie ist ein wandelndes Klischee, zwar tüchtig, aber dick (= geschlechtslos), grob, laut und gierig. Grandios setzt sie ihren Fall in den Sand und muss von ihrem (männlichen) Partner gerettet werden, der selbst aus weiter Ferne zum Kern des Lügengespinstes durchdringt.

Wir sparen uns an dieser Stelle hochphilosophische Überlegungen darüber, ob Gardner sich eine selbstständige und erfolgreiche Frau etwa nur als Karikatur vorstellen kann. Nehmen wir stattdessen an, dass er einfach eine schräge Type entwarf, um seine Romane um die Detektei Cool & Lam möglichst interessant zu gestalten. Schließlich sind die anderen Figuren auch nicht gerade aus dem Leben gegriffen.

Außerdem kann Gardner einen dicken Pluspunkt kassieren: Bertha Cool ist kein Engel mit goldenem Herzen, das sich unter der rauen Schale verbirgt, sondern tatsächlich ein lupenreines Miststück, das zu Mitgefühl und Hilfsbereitschaft regelmäßig überlistet werden muss. Wenn sich ihr Geiz dann gegen sie wendet, stellt Gardner das nie als gerechte Strafe eines moralinsauren Schicksals dar. Berta fällt der (blinden) Tücke des Objekts anheim, was sehr viel überzeugender wirkt.

Ein Lam(m) zur Erdung

Der eigentliche Kriminalist des Teams ist ohnehin Donald Lam. Berta Cool weiß trotz ihrer ewigen Verbalattacken sehr gut, was sie an ihm hat, ohne dass sie sich dadurch nachgiebiger zeigen würde. Lam nimmt Bertha, wie sie ist, was wohl die einzige Möglichkeit für eine fruchtbare Zusammenarbeit bietet.

Normalerweise ist Lam wie gesagt für die eigentliche Detektivarbeit zuständig. Er ermittelt vor Ort, während Bertha Cool in der Regel im Hintergrund wirkt, um von dort regelmäßig nach vorn zu drängen, wenn die Handlung der humorvollen Auflockerung bedarf. „Furien im Finstern“ stellt insofern eine Abweichung von der goldenen Regel dar, nach der die Leser einer Serie Veränderungen des gewohnten Schemas hassen. Gardners Rechnung geht indes auf: Bertha Cool trägt ‚ihren‘ Roman spielend. Man wünscht sich sogar mehr Geschichten mit ihr im Mittelpunkt.

Autor

Erle Stanley Gardner wurde am 17. Juli 1889 in Malden, Massachusetts geboren. 1909 begann er ein Jurastudium. Dass er kein Bücherwurm war, belegt u. a. die Tatsache, dass ihn die Valparaiso University im US-Staat Indiana wegen einer Schlägerei hinauswarf. Gardner liebte den sportlichen Kampf; er boxte und arrangierte sogar illegale Ringkämpfe.

1910 eröffnete er seine erste eigene Kanzlei in Kalifornien. Das Geschäft ging schlecht, sodass Gardner auch als Handlungsreisender arbeiten musste. Außerdem entdeckte er die „Pulps“, billige Magazine, die in den 1920er aufkamen Gardner verfasste unter Pseudonymen wie A. A. Fair, Carleton Kendrake oder Charles J. Kenny eine Flut von Stories. Jeden dritten Tag trug er eine neue Geschichte zur Post, zwischen 1921 und 1933 verfasste er durchschnittlich eine Million Wörter pro Jahr; kein Wunder, dass er sich 1932 ein Diktaphon zulegte und seine Geschichten nunmehr diktierte und abtippen ließ.

1933 verfasste Gardner seinen ersten Roman, der gleichzeitig das Debüt des Anwalts Perry Masons wurde. Er bildete den Auftakt einer insgesamt 82-teiligen Serie, die bis 1973 lief. Trotzdem war Gardner ständig in Geldnöten. Deshalb reaktivierte er 1939 das Pseudonym A. A. Fair und erfand das ungleiche Detektivpaar Bertha Cool und Donald Lam, die bis 1970 29 ebenfalls sehr beliebte Abenteuer erlebten. Außerdem verfasste er neun Folgen einer weiteren Serie.

Als Jurist blieb Gardner weiterhin aktiv. 1948 gründete er den „Court of Last Resort“, der Personen unterstützte, die womöglich einem Justizirrtum zum Opfer gefallen waren. Tatsächlich verhalf diese Einrichtung einer ganzen Reihe von Unglücklichen zu Freisprüchen.

Hoch geehrt und von seinen Fans weiterhin treu gelesen verstarb Erle Stanley Gardner – bis zuletzt fleißig diktierend – am 11. März 1970 auf seiner Farm in Temecula in Kalifornien.

[md]

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Lesley mit der leichten Hand

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Januar 2012

Richard Essex
Lesley mit der leichten Hand

(sfbentry)
Originaltitel: Slade Scores Again (London : Herbert Jenkins 1933)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstausgabe (geb): 1934 (Ullstein Verlag/Ullstein-Bücher [Neue Folge] 21)
239 S
[keine ISBN]
Letzte Ausgabe: 1955 (Verlag Das Goldene Vlies = Ullstein Verlag/Ullstein-TB K 72)
175 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Deutlich kürzer als geplant fällt der Aufenthalt des Meisterdiebs Lesley in der Strafanstalt Blackmoor aus. Nachdem der verdächtig mustergültige Häftling und Patriot den Direktor noch darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er Kenntnis über ein Komplott gegen den Abgeordneten Derrick Grey habe, macht er sich aus dem Staub.

Geraten hatte er außerdem, den Schutz des Politikers nicht McGoorty, dem neuen, eher grobschlächtigen als gewitzten Chef von Scotland Yard, sondern dem Abgeordneten John Darrell zu übertragen, der ebendort als „Detective Jack Slade“ sehr erfolgreich ist und dem es gelungen war, Lesley hinter Gitter zu bringen.

Obwohl Aufregung und Ärger über die Flucht groß sind, nimmt man bei Scotland Yard Lesleys Warnung ernst: Grey ist dem Unterwelt-König Giacomo Farinelli in die Quere geraten. Dieser hatte mit sechs Komplizen eine Liste begangener Untaten aufgestellt, die anschließend kopiert und von allen Gangstern unterschrieben wurde: So erhielt jeder ein Pfand gegen eventuell verräterische Kumpane. Ausgerechnet Farinelli verlor sein Exemplar, Grey fand und seine Tochter Beryl versteckte es. Daraufhin nahm sich Farinelli das Leben – eine Tat, die nicht nur Slade für ein Täuschungsmanöver hält.

In der Tat ist Farinelli quicklebendig und lauert auf seine Chance, besagtes Schriftstück zurückzuerobern. Da Grey seinen Inhalt nicht preisgab, um Farinellis in hohen Ämtern sitzende Spießgesellen in falscher Sicherheit zu wiegen, lohnt sich die Entführung des Abgeordneten. Sie gelingt, obwohl Lesley seine Leute vor Ort postiert hat. Die Polizei kommt zu spät, und durch einen grotesken Zufall gerät das Dokument in die Hände eines Fremden, der keine Ahnung von dessen Wert hat. Plötzlich ziehen Slade und Lesley an einem Strang: Gemeinsam wollen sie Grey retten, das Schreiben sicherstellen und Farinellis Bande aus dem Verkehr ziehen – ein Unternehmen, das gefährlich ist, da nicht nur die Gangster warten, sondern auch Slade und Lesley einander belauern und austricksen …

Das ‚richtige‘ Verbrechen ist sexy

Die Kriminalliteratur wimmelt von Meisterdieben, die der Polizei immer wieder lange Nasen drehen, während sie staunenswert komplizierte Gaunerstücke planen und realisieren. Die Raffles, Arsène Lupins und Simon Templars schaden dabei nur den Reichen und (allzu) Mächtigen. Sie achten darauf, dass bei ihren Taten niemand zu Schaden kommt, und wiegen ihre auf diese Weise unterhaltsam werdende Kriminalität durch eindeutig positive Charakterzüge auf. Meisterdiebe sind Robin Hoods und Patrioten, die sich selbst nur bedingt als Verbrecher betrachten. Deshalb sind sie stets bereit, dem Gesetz, das sie (in der Regel vergeblich) verfolgt, zur Hand zu gehen, wenn ‚richtige‘ Schurken – meist Landesverräter u. a. Unholde, deren Tücken ungehindert sogar grenzüberschreitend für hohe Opferzahlen sorgen könnten – ihre zudem hässlichen Häupter erheben. Kurz gesagt: Meisterdiebe sind elegante, gebildete, sehr gesprächige Zeitgenossen, die ihre Wirkung vor allem auf Angehörige des weiblichen Geschlechts selten verfehlen.

Auch die Medien lieben sie, denn sie garantieren Schlagzeilen. Lesley ist ein Musterexemplar seiner unrealistischen aber liebeswürdigen & liebenswerten Gattung, weshalb er selbst seine Gefängnisflucht mit einer Lebensrettung verquickt und aufwertet. Fast ist der Leser böse über Spielverderber wie Jack Slade oder McGoorty, obwohl letzerer vorrangig als Witzfigur konzipiert ist, wie wir sie ebenfalls seit Inspektor Lestrade aus der Kriminalliteratur kennen: eifrig aber gedankenarm, humorlos und immer zu spät dort, wo sich Entscheidendes abspielt. Über McGoorty kann und darf man lachen, denn dafür hat ihn Autor Essex erfunden.

Realismus muss nicht sein

Ohnehin werden die ständig sich kreuzenden Wege von Lesley und Slade von der Realität höchstens berührt aber niemals geprägt. Essex bringt zwar an einer Stelle Farinelli mit der Stavisky-Affäre in Verbindung. Gemeint sind die Machenschaften des Hochstaplers und Spekulanten Alexandre Stavisky (1886-1934), dessen kriminelle Aktivitäten die französische Wirtschaft beinahe ruinierten sowie bemerkenswerte Kontakte zwischen dem organisierten Verbrechen und einer zutiefst korrupten Politik & Hochfinanz offenbarten. Dieser trübe Tümpel konnte und sollte nie ausgetrocknet werden, was es  Essex ermöglichte, Kröten wie Farinelli herauskriechen zu lassen: Gangster seines Schlages sind vor allem hässlich, und wie ihre Kontrahenten spielen sie eher Rollen als faktisch bedrohlich zu sein.

Damit endet der Einfluss der 1933 aktuellen Gegenwart auch schon und wird durch eine Märchenwelt ersetzt, die ausnahmsweise nicht mit derjenigen des klassischen „Whodunits“ gleichzusetzen ist. „Lesley mit der leichten Hand“ ist abgehoben aber keineswegs gemütlich. Tatsächlich geht es ungemein turbulent zu. Ständig geschieht Aufregendes, kommt es zu Verfolgungsjagden, Faustkämpfen, Mordanschlägen. Die Spannungskurve steigt zwar zum Finale hin deutlich an, verläuft bis dahin jedoch ungewöhnlich wellenförmig: Hier zeigt sich die Herkunft eines Romans, der ursprünglich in Fortsetzungen im Magazin „The Triller“ (1929-1940) erschienen war, dessen Untertitel nicht von ungefähr „The Paper with a Thousand Thrills“ lautete. (Auch Leslie Charteris war hier übrigens mit Simon Templar alias „The Saint“ Stammgast.)

Die ausschließlich im Dienst der Unterhaltung stehende Handlung macht es möglich, dass Meisterdieb Lesley immer genug Zeit für jene Taschenspieler-Tricks hat, mit denen er die Polizei sowie die Leserschaft verblüfft, und trotzdem über alles informiert und auf jede Eventualität vorbereitet ist. Wie er dies schafft und zu allem Überfluss ein unglaublicher Maskenkünstler ist, der sogar seine Figur verändern kann, wie Autor Essex behauptet, bleibt wohlweislich unerwähnt. Dass Lesley über magische Fähigkeiten verfügen oder wenigstens die Zeitreise beherrschen müsste, vergisst man besser rasch, denn es würde die Freude an dem quasi surrealen Geschehen unnötig verderben.

Finale furioso – und auf die Logik sei gepfiffen!

Ein Leichtfuß und Schnellhirn wie Lesley benötigt einen ihm gewachsenen Gegner. Der heißt nicht Farinelli, sondern Jack Slade, faktisch das Alter Ego des Meisterdiebes. Die beiden belauern und jagen einander mit einer Leidenschaft, die eine gut getarnte bzw. ihnen selbst unbewusste Freundschaft verrät: Die Welt ist arm an regen Geistern, weshalb Slade und Lesley einander brauchen.

Zudem ist Slade ein sehr unkonventioneller Ermittler – und dies nicht nur in seiner seltsamen Doppelrolle als Polizist und Abgeordneter. Slade verlässt sich auf seinen Instinkt und sogar auf sein Glück. Das ist keine schlechte Taktik, da Essex einem im Kriminalroman sonst eher ungeladenem Gast den roten Teppich ausrollt: Der Zufall mischt die Karten immer wieder neu, und man muss Essex zugestehen, dass er ihn meist einfallsreich handhabt. Er übertreibt es vor allem dort, wo er ursprünglich offenbar eine anstehende Fortsetzungslieferung mit Spannung aufladen wollte, statt logisch an das Vorgeschehen anzuknüpfen. Solche Einschübe gehen später mehr oder weniger unauffällig und ohne Bedeutung für den eigentlichen Plot in der Handlung auf.

Frauen sind in der trivialen Welt der 1930er Jahre entweder geheimnisvolle Vamps à la „Serpolet“, Lesleys stets in Schwarz gekleidete und wortkarge ‚Assistentin‘, oder Maiden in Not, die vom starken Arm des tapferen Ermittlers erst gerettet und später geheiratet werden. Vor allem sind Frauen kindlich dumm, weshalb Beryl Grey trotzig und obwohl Slade es ihr verboten hat, mit klopfendem Herzen dem faszinierenden Lesley verfällt.

Aber bevor der Vorhang fällt, wird selbstverständlich alles gut. Die Schurken werden gefasst, die Unschuldigen gerettet. Lesley geht in Slades Falle – „Crime doesn’t pay“ –, nimmt dies aber nicht übel, zumal er sich im nächsten Band der Serie umgehend & einfallsreich befreit und dies erneut als reizvoll verworfenen Streich zelebriert. Auf diese Weise füllte der Verfasser elf Bände mit leichten, eher witzigen als humorvollen Slade-Abenteuern. Klassiker-Status konnten sie nie erringen; sie bleiben Zeitzeugen einer vergangenen Trivial-Unterhaltung, die nichtsdestotrotz einen nostalgischen Reiz entfalten kann, wenn man sich auf sie einlässt.

Autor

Richard Essex ist ein Pseudonym des Vielschreibers Richard Starr (1878-1968). Er gehörte zu jenen Autoren, die Nachschub für die vor dem II. Weltkrieg auch in England gut verkauften „Pulp“-Magazine garantieren. Für „The Thriller“ und als Richard Essex schuf Starr die erfolgreiche Serie um Jack Slade von Scotland Yard, der im Verlauf seiner Polizeiarbeit immer wieder mit dem genialen Meisterdieb Lessinger – der in dem einzigen ins Deutsche übersetzten Roman in „Lesley“ umbenannt wurde –  aneinandergerät. Diese in Fortsetzungen veröffentlichten Geschichten arbeitete Essex später zu Buch-Romanen um.

[md]

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Nichts als Erlösung

Erstellt von Werner Karl am 25. Dezember 2011

Gisa Klönne
Nichts als Erlösung
Judith Kriegers fünfter Fall

Ullstein
ISBN 978-3-550-08777-6
Kriminalroman
Erschienen 10.10.2011
Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München
Umschlagmotiv: plainpicture/ ARCANGEL/
Mark Owen (Mädchen) / Dave Wall (Zimmer)
Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten

www.ullstein-verlag.de
www.gisa-kloenne.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zur Autorin:

Gisa Klönne, 1964 geboren, studierte Anglistik und war Journalistin. Ihre von Lesern und Presse gleichermaßen gefeierte Erfolgsserie um Kommissarin Krieger wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Für ihr Werk wurde Gisa Klönne mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie 2009 den Friedrich-Glauser-Preis. Gis Klönne lebt in Köln.

Zum Buch:

Judith Krieger kann nicht schlafen und begibt sich daher auf eine nächtliche Joggingtour durch Köln, entlang des Rheins. In der Kölner Altstadt stößt die Kommissarin auf eine Leiche. Ein Mann wurde erschossen, sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Schnell ist die Identität des Toten klar. Es handelt sich um Jonas Vollenweider, der seit einer Familientragödie vor vielen Jahren auf der griechischen Insel Samos lebt und nur zurück in die Heimat gekommen ist um das elterliche Haus in Hürth zu verkaufen.

Kann es sein, dass der Mord an Jonas Vollenweider mit dem damaligen Verschwinden seiner Familie, Eltern und Schwester, zusammenhängt? Vor 20 Jahren wurde in dem Haus in Hürth viel Blut gefunden. Alles deutete auf Mord hin, aber die Leichen der Vollenweiders wurden nie gefunden. Jonas geriet unter Verdacht, wurde aber wieder aus der Haft entlassen. Wird der jetzige Fall auch zur Aufklärung der damals ungeklärten Ereignisse führen?

Albträume verfolgen Judith Krieger. Im leerstehenden Haus der Vollenweiders glaubt sie den Täter zu riechen, ihn wahrzunehmen. Dennoch gehen die Ermittlungen schleppend voran. So viele mögliche Täter kommen in Frage. Judith erhält anonyme Umschläge mit Fotos, die mit dem Fall scheinbar zusammenhängen. Und dann ist da noch der Reporter René Zobel, der glaubt er könne Judith erpressen und sie für seine journalistischen Zwecke missbrauchen. Das kostet die Kommissarin Kraft, aber sie ist eine Kämpfernatur.

Mehrere Handlungsstränge führen den Leser immer wieder zu neuen Spuren und letztendlich zum Täter. Da gibt es den Wünschelrutengänger Eric Sievert, der in einem Waldstück nach Schätzen sucht, aber nicht nur solche findet, sondern eben auch andere Dinge. Außerdem scheint die Vergangenheit der Familie Vollenweider eine Rolle zu spielen, denn die Eltern von Jonas Vollenweider haben jahrelang ein Kinderheim mit dem Namen „Frohsinn“ geleitet. Und dann ist da noch das neue Leben des Jonas Vollenweider auf der griechischen Insel Samos.

Mit „Nichts als Erlösung“ präsentiert die Autorin den fünften Fall rund um Judith Krieger und ihren Kollegen Manni Korzelius. Natürlich beleuchtet der Roman auch wieder ein wenig das Leben der Ermittler und zeigt diese auch von ihrer ganz privaten Seite. Sie kommen sich näher, ihr Umgang wird freundschaftlicher und offener. Kenner der Reihe wird das freuen, für Neueinsteiger geschieht dies unauffällig. Vorwissen ist nicht erforderlich, lässt die Protagonisten aber in einem anderen Licht erscheinen.

Gisa Klönnes Schreibstil ist faszinierend. Es gelingt ihr den Leser zu fesseln und Judith Krieger mit ihren Stärken und Schwächen und ihrer ganzen Persönlichkeit zu lieben oder zumindest zu verstehen.

Copyright © 2011 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Judith Kriegers weitere Fälle in chronologischer Reihenfolge:

Titel erhältlich bei Buch24.de:
Der Wald ist Schweigen
Unter dem Eis
Nacht ohne Schatten
Farben der Schuld

Titel erhältlich bei Booklooker.de:
Der Wald ist Schweigen
Unter dem Eis
Nacht ohne Schatten
Farben der Schuld

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Shadowfever

Erstellt von Werner Karl am 13. Dezember 2011

Karen Marie Moning
Shadowfever
Fever Saga Band 5

Shadowfever (2011)
Ullstein Verlag
ISBN 978-3-548-28085-1
Phantastik, Fantasy, Liebe & Romantik
Erschienen 2011
Übersetzer Ursula Walther
Titelbild Zero Werbeagentur
Umfang 656 Seiten

www.karenmoning.com
www.ullsteinbuchverlage.de

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Autorenporträt

Karen Marie Moning ist nicht nur in den USA eine Bestseller-Autorin. Auch in Deutschland hat sie sich mit ihrer FEVER-Saga um ihre Heldin MacKayla eine riesige Fangemeinde geschaffen. Karen Marie Moning verbringt eine Hälfte des Jahres in den Bergen Georgias, die andere an den Stränden Floridas. (Quelle: Ullstein)

Vorwort

“Shadowfever” ist der fünfte Band in der Fever Saga. Voraus gingen die Bände “Im Bann des Vampirs”, “Im Reich des Vampirs”, “Im Schatten dunkler Mächte” und “Gefangene der Dunkelheit”.

Zum Buch

MacKayla Lane hat einen fatalen Fehler begangen. Sie hat die Bestie, in die sich Barrons verwandelt mit dem Feenspeer getötet. Doch ihr bleibt keine Zeit zum Trauern oder seinen Leichnam zu bergen. Schließlich ist sie immer noch im Labyrinth der Spiegel gefangen. Doch um ihrem Gefängnis zu entfliehen, muss sie sich mit ihrem größten Feind zusammenschließen, dem Lord Master. Dem Spiegellabyrinth entkommen, muss Mac feststellen, dass sie nicht mehr die Jägerin ist, sondern die Gejagte. Sie weiß weder wer Freund ist und wer Feind, noch was Wirklichkeit ist und was Fiktion. Mac versucht verzweifelt die Wahrheit über alles herauszufinden und muss einige folgenschwere Entscheidungen treffen, die nicht nur ihr Leben für immer beeinflussen werden …

Fazit

Der letzte Band der Fever Saga riss mich wahrhaftig von den Socken. Jeder Teil dieser phantastischen Welt rund um die Seelie, Unseelie und Menschen ist perfekt konstruiert. Die Charaktere sind wahnsinnig vielschichtig und für den Leser kaum zu durchschauen. Nicht einmal die Nebencharaktere wirken zweidimensional oder nur oberflächlich umrissen. Viele verschiedene miteinander verwobene Handlungsstränge führten den Leser in verschiedene Dimensionen und Ebenen dieser phantastischen Welt ein, beleuchteten die Hintergründer der Charaktere und stifteten ab und an für Verwirrung. Insgesamt wirkte die ganze Geschichte mit ihren Charakteren rund um lebendig und tatsächlich wirklich.

Selten habe ich so mit den Protagonisten mitgefühlt, habe mich ihrer Verzweiflung ergeben und ihrer Hoffnung, habe ihre Lust und ihre Abscheu gespürt oder mich mit ihren Machtspielen mitreißen lassen. Selten habe ich mir so oft wie in diesem Buch die Frage nach Moral und Schuld gestellt oder derart viele Schichten von Liebe erleben dürfen. Dies alles eingebettet in eine Geschichte, voller Irrungen und Wirrungen, die eigentlich nur das wahre Leben zu schreiben vermag. Ich bin durch und durch traurig, dass dies wohl der letzte Band der Reihe sein wird. Allerdings hoffe ich auf viele Auskopplungen zu den einzelnen Charakteren aus der Story.

Ein rund um gelungener Serienabschluss, voller Schmerz, Liebe und Hoffnung.

Copyright © 2011 by Yvonne Rheinganz

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Fünf gegen eine Bank

Erstellt von Michael Drewniok am 28. November 2011

Donald E. Westlake
Fünf gegen eine Bank

(sfbentry)
Originaltitel: Bank Shot (New York : Simon & Schuster 1972)
Übersetzung: Sigrid Kellner
Deutsche Erstausgabe: 1973 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1524)
142 S.
ISBN-10: 3-548-01524-7
Neuausgabe: 1978 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1524)
142 S.
ISBN-13: 978-3-548-01524-8

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Das geschieht:

John Dortmunder ist clever, von ehrlicher Arbeit hält er wenig: Also schlägt er sich mit kleinen Gaunereien durch, wobei er der Polizei meist nur einen Schritt voraus ist. Ein großer Fischzug soll ihn endlich sanieren. Mit seinen Kumpanen Kelp, einem Autodieb, Hermann X, einem Safeknacker, March, einem Amateurrennfahrer, und Viktor, einem Ex-FBI-Agenten, will er die Capitalists‘ & Immigrants‘ Bank überfallen.

Besagte Bank ist wegen des Umbaus ihrer Filiale in einen riesigen Trailer umgezogen. Diese unsichere Schatzkammer zieht unser Gaunerquintett wie ein Magnet an. Man entschließt sich zu einer ungewöhnlichen Vorgehensweise und will zunächst die Bank abschleppen, um sie anschließend in einem stillen Winkel in aller Ruhe auszurauben.

Mit Hilfe eines ausgetüftelten Plans und eines starken Sattelschleppers gelingt das waghalsige Unternehmen tatsächlich. Dortmunder und Co. schrecken nicht einmal die sieben wütenden Wachmänner, die schwer bewaffnet in dem Banktrailer hocken.

Mit der Tücke des Objekts hat die Bande freilich nicht gerechnet. Es ist weitaus schwieriger als gedacht, den Safe im Inneren des Wagens zu knacken. Der Trailer verwandelt sich in eine belagerte Festung, vor deren Tor Dortmunder und seine nervösen Spießgesellen lauern. Die Zeit drängt, denn die Polizei schläft nicht. So muss Dortmunder einmal mehr seine grauen Zellen strapazieren. Anschließend ist das Chaos komplett …

Gauner im Griff von Murphy’s Law

Das „Rififi“-Thema ist nach dem französischen Kinoklassiker von 1954 („Du Rififi chez les hommes“) benannt: Minuziös werden die Vorbereitungen eines höchst komplizierten, eigentlich unmöglichen Raubes und seine anschließende Durchführung geschildert. Enorm ist die Spannung, die eifrigen Gauner wachsen den Zuschauern ans Herz, aber selbstverständlich geht während des Coups etwas gewaltig schief. An seinem Ende stehen Scheitern, Verhaftung, sogar Tod; ein beinahe tragischer Ausgang, der praktisch alle zufrieden stellt: das Gesetz und die intellektuellen Freunde des anarchistischen Gangstertums.

„Fünf gegen eine Bank“ verkneift sich Gefühle und Gefühlsduseligkeit. Zwar werden Planung und Raub detailliert in Szene gesetzt. Schon von Anfang an ist freilich klar, dass die Geschichte, welche sich darum rankt, nur insofern ernstgenommen werden darf, als sie sorgfältig geplottet und mit liebenswerter Verrücktheit inszeniert ist.

Der Raub der Trailer-Bank wird wohl kaum gelingen. Wir wissen es, sobald wir jene kennenlernen, die ihn durchführen möchten. Der kriminelle Akt ist an sich ohnehin Nebensache: Im Vordergrund steht vor allem sein Umkippen in puren Slapstick. Murphys Gesetz gilt auch für Verbrecher: Es muss schief gehen, was schief gehen kann.

Unverdrossen auf zum nächsten Fiasko

Wie das aussieht, schildert Donald E. Westlake mit der ihm üblichen Meisterschaft. Lange narrt oder irritiert er sein Publikum. Bitterernst sitzen fünf Gauner beisammen und tüfteln ein Kapitalverbrechen aus. Doch obwohl Westlake dies fast sachlich beschreibt, wissen wir bald, dass hier etwas faul ist. Die Bande, die ihren Plan umsetzen will, zeichnet sich vor allem durch chronische Erfolglosigkeit aus.

So kommt es, wie es kommen muss: Dominosteinen gleich geraten die Elemente des Plans ins Stürzen. Eine Katastrophe führt zur nächsten, die Ereignisse überstürzen sich, immer absurder wird das Geschehen, während unsere Gauner zunehmend verzweifelt bemüht sind, einen klaren Kopf und das ersehnte Geld im Auge zu behalten. Ihr einziger Erfolg: Das Chaos wird immer turbulenter.

Der Heiterkeitsfaktor steigt ständig, weil Westlake die Regeln der Komik versteht. Nie forciert er das Vergnügen. Scheinbar ungerührt, aber mit knochentrockenem Humor beschränkt er sich darauf zu schildern, was geschieht. Platziert ist das Geschehen jedoch in einer Art Parallelwelt, die nur realistisch wirkt und von überaus irrationalen Zeitgenossen bevölkert ist. Vor dem inneren Auge des Lesers kann sich der Untergang der Dortmunder-Gang deshalb in immer neue groteske Höhen schaukeln.

Wichtig sind dabei auch Details. So wird Dortmunder beispielsweise in einen Auffahrunfall verwickelt. Sein Gegenüber will die Polizei rufen. Da entdeckt der Gauner auf dem Rücksitz des anderen Autos einen Karton mit (zum Zeitpunkt des Romans verbotenen) Sex-Romanen: Die Titel dieser Schmuddel-Bücher sind real, und geschrieben hat sie ein noch sehr junger Autor namens Donald E. Westlake. Oder: Dortmunder möchte seiner Freundin mit gestohlenen Zigaretten eine Freude machen, bis ihm einfällt, dass sie ihre Glimmstängel selbst im Laden zu klauen pflegt. Oder: Kelp stiehlt ausgerechnet den Laster einer Schmugglerbande.

Meisterhirn ohne Fortune

Er hat in seinem Leben noch keinen Dollar auf ehrliche Weise verdient und ist stolz darauf: John Archibald Dortmunder ist ein Krimineller mit Leib und Seele. Er liebt seinen Job, obwohl der ihm im Grunde mehr Hirnschmalz und Schweiß abfordert als jede ehrliche Arbeit. Außerdem ist Dortmunder wie jeder Hollywood-Gauner ein unbelehrbarer Idealist und Träumer: Obwohl seine genial-verrückten Streiche regelmäßig scheitern, setzt er auf den nächsten, den endlich erfolgreichen Coup.

Fragt sich allerdings, wie das gelingen soll, wenn sich Dortmunder stets mit ausgesprochen farbenfrohen Komplizen umgibt. Sein alter Kumpel Kelp ist lichtschwach im Oberstübchen. March hat seine Mutter im Schlepptau, mit der er nebenbei einen windigen Versicherungsbetrug durchzieht. Herman X ist ein Möchtegern-Revoluzzer, der für seine schwarzen ‚Brüder‘ aus der „Bewegung“ wie am Fließband Überfälle begehen muss. Viktor schreibt simultan zum Überfall auf die Bank an einem Roman darüber. Dortmunder wird von seiner abenteuerlustigen Freundin May zum Raub begleitet.

Die Bande profitiert von der Tatsache, dass ihnen seitens des Gesetzes nur bedingt Gefahr droht. Captain Deemer und seine Leute stellen sich wahrlich dümmer an als die Polizei erlaubt. Mehr als einmal laufen ihnen die gesuchten Bankräuber in die Arme, aber erkannt werden diese nie und von den Beamten statt dessen fürsorglich mit Kaffee und Kuchen versorgt.

Er kommt gern zurück

Mühelos meistert Westlake den Spagat zwischen knallharter Action und witzigem Slapstick. Ab 1970 ließ er John Dortmunder sein Unwesen treiben. Wie sein bärbeißiger ‚Kollege‘ Parker schaffte dieser den Sprung ins 21. Jahrhundert mühelos. Nur Westlakes Tod setzte der Serie mit dem 14. Band ein Ende.

„Bank Shot“ wurde 1974 unter der Regie von Gower Champion verfilmt (dt. „Klauen wir gleich die ganze Bank!“). Den John Dortmunder spielte – seltsamerweise unter dem neuen Rollennamen „Walter Upjohn Ballentine“ – gewohnt fabelhaft George C. Scott.

1969 hatte ein noch sehr junger Robert Redford Dortmunder in „The Hot Rock“ (dt. „Vier schräge Vögel“) gemimt. Paul Le Mat übernahm die Rolle 1982 in „Jimmy the Kid“.

Autor

Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York) begann sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen. So hoch war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert die Website www.donaldwestlake.com, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

Die John-Archibald-Dortmunder-Romane:

(1970) Finger weg von heißem Eis (The Hot Rock) – UK 1373
(1972) Fünf gegen eine Bank (Bank Shot) – UK 1524
(1974) Jimmy the Kid (Jimmy the Kid) – UK 1694
(1977) Jeder hat so seine Fehler (Nobody’s Perfect) – UK 10420
(1983) Why Me?
(1986) Good Behavior
(1990) Drowned Hopes
(1993) Don’t Ask
(1996) What’s the Worst That Could Happen?
(2001) Bad News
(2004) The Road to Ruin
(2005) Watch Your Back
(2007) What’s so Funny?
(2009) Get Real

UK = Ullstein Kriminalroman

Ebenfalls 2004 erschien Thieves’ Dozen, eine Sammlung mit Dortmunder-Kurzgeschichten.

[md]

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Eisnächte

Erstellt von Werner Karl am 30. Oktober 2011

Emma Høgh
Eisnächte

Originaltitel: U233
Ullstein
ISBN 978-3-548-28220-6
Kriminalroman
1.Auflage Februar 2011
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München unter Verwendung von Motiven
© Sergei Kovalenko / shutterstock
Taschenbuch, 304 Seiten

www.ullstein-taschenbuch.de

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Die Autorin

Emma Høgh, geboren 1953, ist eine Vielschreiberin. Für ihr Kinderbuchdebüt erhielt sie 1983 den Preis für das beste Kinderbuch Dänemarks. Ihr zweiter Krimi um die Privatdetektivin Kit Sorel wurde mit dem Dan-Turèll-Preis ausgezeichnet. Emma Høgh lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen.

Das Buch:

Kit Sorel ist Privatdetektivin mit Leib und Seele. Sie lebt seit der Trennung von ihrem Ehemann in einem Wohnwagen in Kopenhagen und hat für die Sommer- und Wintersaison jeweils einen anderen Standort am Rande der Stadt.

Als das Ehepaar Kirsten und Bo Dam Sørensen die Detektivin um Hilfe bittet, weil ihre Tochter Julie sich nicht mehr meldet und unauffindbar ist, ist die Neugier von Kit sofort geweckt. Verwundert stellt Kit fest, dass die Polizei Nachforschungen um Julies Verschwinden so gut wie gar nicht betreibt. Vielmehr scheint man der Auffassung zu sein, dass Julie als Journalistin im Ausland unterwegs ist. Dies scheint zwar möglich, aber zumindest hätte die junge Frau sich dann zum Geburtstag ihres Vaters gemeldet.

Bei ihren Nachforschungen lernt Kit den Journalisten David Ballum kennen. Schon bald verbindet sie mit diesem, entgegen aller anfänglichen Zweifel, viel mehr als nur die Suche nach Julies Verbleib und den Hintergründen ihres Verschwindens. 

Emma Høgh erschafft mit Kit Sorel eine sympathische Ermittlerin, die gerade wegen ihres außergewöhnlichen Lebensstils liebenswert ist. Kit ist nicht mehr die jüngste. Sie hat schon einiges hinter sich und ist zweifache Großmutter. Für ihre Enkel ist die Oma im Wohnwagen natürlich einfach klasse, wohingegen Kit selbst hin und wieder an der Richtigkeit ihres Lebens in der jetzigen Form zweifelt.

Der zu lösende Fall gestaltet sich recht spannend, wobei man oft das Gefühl hat, dass die Ermittlerin selbst gar nicht immer konkret weiß um was es hier geht. Hier werden brisante politische Themen aufgegriffen und Seilschaften aufgedeckt, die den Leser wirklich aufrütteln. Auch wenn das alles nur reine Fiktion ist, so könnte doch ein Stückchen Wahrheit in dieser Geschichte stecken, die uns zum Nachdenken bewegen sollte. Die Protagonistin selbst durchlebt in dieser Geschichte vor allem viele Tiefs und wird mehr und mehr hineingerissen in die Machenschaften von Wirtschaft und Politik. Dabei muss sie selbst auch viele harte Verluste hinnehmen.

Eisnächte, das ist ein Kriminalroman aus Skandinavien von einer hier noch relativ unbekannten Autorin, der Lust auf mehr macht. Von Emma Høgh und ihrer Ermittlerin Kit Sorel wird man hoffentlich in Zukunft noch mehr lesen können.

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Mord unterm Karussell

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Oktober 2011

Wade Miller
Mord unterm Karussell

Originaltitel: Fatal Step (New York : Signet 1948)
Übersetzung: A. B. Noack
Deutsche Erstveröffentlichung: 1961 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 827)
170 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Die Lösung seines letzten Falls kostete drei Menschen das Leben, bescherte ihm Albträume und eine tiefe Abscheu vor Waffen. Seither übernimmt Privatdetektiv Max Thursday im südkalifornischen San Diego nur noch kleine und ungefährliche Aufträge. Sein aktueller Klient bestellt ihn kurioserweise in den Vergnügungspark „Joyland“, wo er in der Riesenschaukel auf ihn warten soll. Von dort muss Thursday mit ansehen, wie der junge Chinese David Song aus einem fahrenden Auto erschossen wird.

Leutnant Clapp von der Mordkommission übernimmt den Fall. Bei der Leiche findet sich ein Zettel, der darauf hinweist, dass Song einen unbekannten Mann namens Leon Jagger beschattet hat. Thursday will sich heraushalten, doch noch in der Mordnacht entführt ihn Davids Schwester Nancy mit Waffengewalt zum trauernden Vater Song Lee, der den Detektiv, der allmählich neugierig wird, tatsächlich engagieren kann.

Der unglückliche David pflegte zu Lebzeiten üblen Umgang. Er war dem Glücksspiel verfallen und ist offenbar in einen Gangsterkrieg zwischen Larson und Ulaine Tarrant, die brutal über ihr kriminelles Imperium herrschen, und dem Eindringling Jagger, der sein Stück vom Kuchen fordert, geraten ist.

Zwar hofft Thursday, er könne sich aus dem Konflikt heraushalten und trotzdem Davids Namen reinwaschen, doch rasch muss er bemerken, dass die ohnehin nervösen Verbrecher auf sein vorsichtiges Stochern sehr ungehalten reagieren: Versucht der Detektiv ihnen jeweils im Auftrag der Gegenseite einen Mord unterzuschieben? Sie schicken ihre Schergen aus, die Thursday eindringlich ‚befragen‘, worauf dieser, der hartnäckig weiter ermittelt, beschließt, den Schwur auf Waffenverzicht zugunsten einer Verlängerung seines Lebens zu brechen …

Krimi-Spannung mit lässiger Eleganz

Viel zu viele Krimis gibt es, die von der Zeit eingeholt und unter ihr begraben wurden, ohne dieses Schicksal zu verdienen. Die Klassiker Chandler, Hammett oder MacDonald werden nicht nur hierzulande immer wieder aufgelegt. Doch was ist mit den Pechvögeln, die keine Fürsprecher und Verlage finden, obwohl sich ihre Werke durchaus sehen bzw. lesen lassen?

Die Max-Thursday-Romane wurden von der zeitgenössischen US-Kritik nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern gelobt. Auch heute genießen sie ihr Renommee, und sie müssen auch in Deutschland mindestens von den Lesern zur Kenntnis genommen worden sein, denn sie sind sämtlich hierzulande erschienen. Ihre inhaltlichen wie formalen Qualitäten lassen eine Neuauflage wünschenswert erscheinen, die indes wohl nur ein Wunsch dieses Rezensenten bleiben wird.

Was ist es nun, das dieses Buch so lesenswert macht? Da ist vor allem ein Plot, der täuschend einfach wirkt aber – so gehört es sich – in die Irre führt, sodass die leicht irrwitzige aber logische Auflösung angenehm überraschen kann. Miller weiß sein Garn zu spinnen, Langeweile kommt nie auf, auch wenn so manche detektivische Ermittlung ins Leere läuft: Das gehört zum Job.

Stimmung und Zeitkolorit

Ein Umstand, den Miller einst womöglich für selbstverständlich hielt, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte wie eine Vergoldung über seinen Roman gelegt: „Mord unterm Karussell“ besticht durch seine Atmosphäre. Das Buch spielt in einem Land, das den II. Weltkrieg zwar gewonnen aber noch nicht überwunden hat. Immer wieder lässt Miller die historische Gegenwart der frühen 1950er Jahre einfließen. „Joyland“ ist ein Relikt der hektischen Kriegsjahre, als Soldaten und Arbeiter in der Kriegsindustrie sich nach hartem Kampf oder Doppelschichten im Betrieb die kurze Freizeit vertreiben wollten. Die taffe Reporterin Merle Osborn gehört zu den wenigen Frauen, die nach 1945 noch nicht wieder in die Hausarbeit entlassen wurden, nachdem sie zuvor gut genug waren die in Übersee kämpfenden Männer in allen möglichen Berufen zu vertreten. Max Thursday hat selbst an der Front gedient und seine geistige Gesundheit dabei eingebüßt (s. u.)

In den klassischen, tief ‚schwarzen‘ Film-Krimis dieser Ära lässt sich die Stimmung noch erfassen, die „Mord unterm Karussell“ auszeichnet. Damals muss dieser Roman sehr modern gewirkt haben. Auch heute erfreut die Abwesenheit so mancher zeitgenössischen Klischees. Die Übersetzung konnte dies bewahren und einen uralten, nur noch auf Flohmärkten zu findenden Dutzendkrimi in ein echtes, angenehm überraschendes Lektürevergnügen verwandeln.

Das Leben kennt keine Gewinner

Max Thursday gehört einerseits zu den geradezu klassischen Privatdetektiven: ein harter, unbestechlicher Schnüffler, der stets der Wahrheit den Vorzug vor einem bequemen Leben gibt und folglich von einem Fall auch dann nicht lassen kann, wenn dieser ihm wenig Geld aber viel Ärger bringt.

Andererseits kündigt sich mit Thursday schon ein neuer, zeitgemäßer Detektiv an, der nicht nur zum Gangsterjagen auf der Welt ist. Der II. Weltkrieg ließ auch die Unterhaltungsindustrie nicht unberührt. Zwar hatten die USA ‚gewonnen‘, doch der Preis war hoch gewesen, und nun schien man auf einen Krieg mit der Sowjetunion zuzusteuern, der jederzeit heiß werden konnte. Die Ideale der Vergangenheit hatten sich als Illusion erwiesen. Im Kino wurden nach 1945 die Krimis der „Schwarzen Serie“ zu einem eigenen Genre. Die Sünden und Schmerzen der Vergangenheit lasten hier schwer auf allen Protagonisten, denen das Schicksal nichts als Tod oder weitere Enttäuschung zu bieten scheint. Nichts ist mehr Schwarz oder Weiß, alles ist Grau.

Vom Leben gebeutelt

Max Thursday gehört zu denen, die nicht als siegreiche Helden, sondern als nervliche Wracks aus dem Krieg heimkehrten. Die Erinnerung daran, was er erleben und tun musste, hat ihn geprägt. Thursday will vor allem seine Ruhe, aber dafür hat er sich natürlich den falschen Job ausgesucht. Wieder ist da besagtes Schicksal, das ihn genretypisch stets dorthin führt, wo ihn wieder die fatale Entscheidung erwartet: Soll ich davonlaufen oder weitermachen? Selbstverständlich entscheidet sich Thursday für Nr. 2; er kann nicht anders, und Verfasser Wade Miller arbeitet heraus, dass genau diess auch Thursdays Problem ist. Er wird nie aufgeben und deshalb weiter verletzt werden. Dafür ‚belohnt‘ wird er mit Depressionen und Alkoholsucht.

Auch Merle Osborn kann so, wie sie Miller schildert, nur in ihrem Umfeld existieren. Sie hat die Grenzen einer alten gesellschaftlichen Schichtung überschritten, ist dank des Krieges in eine Männerdomäne vorgedrungen. Miller ist zu sehr Kind seiner Zeit, als dass er dies letztlich gutheißen könnte. So sehnt sich Osborn durchaus nach einer starken Schulter, an die sie sich in der Krise anlehnen kann. Bis es soweit – aber ohne Garantie eines Gelingens – ist, schlägt sie sich jedoch wacker und stellt eine echte Bereicherung des Figurenpersonals dar, das Miller auch sonst mit viel Liebe zum überzeugenden bis leicht absurden Detail zu zeichnen weiß.

Autoren

Wade Miller ist das Pseudonym des Autorenduos Robert Allison Bob Wade (geb. 1920) und H. Bill Miller (1920-1961). Die beiden seit Schultagen unzertrennlichen Freunde debütierten 1947 mit „Guilty Bystanders“, dem ersten Roman der Serie um den Privatdetektiv Max Thursday, die von der Kritik zu den besten ihrer Zeit gezählt wird. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten schrieben Wade & Miller als „Wade Miller“ aber auch als „Will Daemer“, „Dale Wilmer“ und „Whit Masterton“ mehr als dreißig Romane, von denen immerhin neun verfilmt wurden. Unter diesen Filmen ragt hoch der Noir-Klassiker „Touch of Evil“ heraus, den 1958 Orson Welles mit Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich und sich selbst in den Hauptrollen inszenierte.

Als Miller 1961 völlig überraschend einem Herzanfall erlag, schrieb Wade im Alleingang weiter, beschränkte sich jedoch zukünftig auf das Pseudonym „Whit Masterton“. Sein bisher letzter Roman erschien 1979. Dem Krimigenre ist er jedoch als kundiger Spezialist und Autor der Kolumne „Spadework“ verbunden geblieben.

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Die Max-Thursday-Reihe erschien in Deutschland im Ullstein Verlag

(1947) Wer sich in Gefahr begibt (Guilty Bystander)
(1948) Mord unterm Karussell (Fatal Step)
(1948) Gefährliche Straße/Blondine im Halbdunkel (Uneasy Street)
(1950) Geschäft mit der Angst (Calamity Fair)
(1950) Party auf dem Pulverfass (Murder Charge)
(1951) Jagd auf den Würger (Shoot to Kill)

[md]

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Sherlock Holmes und Jack the Ripper

Erstellt von Michael Drewniok am 6. Oktober 2011

Ellery Queen
Sherlock Holmes und Jack the Ripper
Eine Studie des Schreckens

(sfbentry)
Originaltitel: A Study in Terror (New York : Lancer Books, Inc. 1967)
Deutsche Erstausgabe (als „Sherlock Holmes gegen Jack the Ripper“): 1967 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 1114)
Übersetzung: N. N.
155 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1989 (DuMont Verlag/DuMont’s Kriminal-Bibliothek Nr. 1017)
Übersetzung: Manfred Allié
203 Seiten
ISBN-13: 978-3-7701-2188-5

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Das geschieht:

London im Spätherbst des Jahres 1888 zittert vor Jack the Ripper, dem unheimlichen Serienmörder, der seine weiblichen Opfer in infernalischer Rage in Stücke schneidet. Seltsamerweise kümmert sich ausgerechnet ein Mann, der dem Psychopathen die Stirn bieten könnte, nicht um dessen Untaten. Meisterdetektiv Sherlock Holmes steht auf dem Standpunkt, dass der geistesgestörte Schlächter eher früher als später der Polizei in die Arme laufen wird.

Aber Holmes wird herausgefordert. Anonym schickt man ihm ein kostbares Operationsbesteck ins Haus – das Skalpell fehlt. Die Ermittlungen führen Holmes und den getreuen Dr. Watson in das vornehme Haus des Herzogs von Shires. Dieser erkennt die Instrumente als Besitz seines missratenen Sohnes. Nachdem Michael in Paris, wo er angeblich Medizin studierte, eine Dame von üblem Ruf geehelicht hatte, wurde er vom Vater verstoßen. Kurz darauf verschwand Michael spurlos.

Holmes entdeckt ihn wenig später in einem Armenhaus mitten in London. Der Verschollene hat den Verstand verloren. Ist er der wahnsinnige Ripper? Es gibt andere Verdächtige. Holmes und Watson dringen tief in die verrufenen Slums des Stadtteils Whitechapel vor. Der Ripper mordet quasi vor seinen Augen und genießt das blutige Spiel – bis er sich ein Stück zu weit aus der Deckung wagt …

78 Jahre später wird in New York dem bekannten Schriftsteller und Amateur-Kriminologen Ellery Queen ein Manuskript zugespielt, in dem Dr. Watson die Ripper-Story erzählt. Holmes hatte ihm die Veröffentlichung untersagt. Dazu hatte er wohl gute Gründe, findet Queen heraus: Der angebliche Mörder kann die Verbrechen, derer er beschuldigt wurde, gar nicht begangen haben. Fasziniert rollt Queen den Fall noch einmal auf – mit überraschendem Ergebnis …

Ein Gentleman redet nicht darüber

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte und der prominenteste Serienmörder der Kriminalhistorie begegneten. Sherlock Holmes und Jack the Ripper waren im Jahre 1888 beide in London ansässig und aktiv, wenn man so sagen darf. Ersterer wird den grässlichen Untaten des Letzteren wohl kaum tatenlos zugesehen haben; schließlich hat Holmes den finsteren, aber nicht annähernd so üblen Professor Moriarty viele Monate erbittert verfolgt, bis er ihn endlich stellen konnte.

Doch die Geschichte von Holmes’ Jagd auf Jack the Ripper blieb den treuen Lesern von Dr. Watson lange unbekannt. Sie wird uns hier auch nicht wie üblich von Arthur Conan Doyle (1859-1930), Watsons literarischen Agenten, erzählt. Stattdessen deckt Holmes‘ Enkel im Geiste Ellery Queen viel später die schmutzige Wahrheit auf. Ein viktorianischer Gentleman wie Doyle hätte dies niemals getan. Sein Sherlock Holmes schwelgte in mysteriösen und höchst komplizierten, aber hochmoralischen, nie anstößigen Übeltaten, deren Urheber sich in der Regel ehrenvoll selbst entleibten, wenn sie erwischt wurden, um der Nachwelt Kummer und Peinlichkeiten zu ersparen.

Holmes & Watson in Jacks Schlachthaus

Tatsächlich sorgt es für nicht geringe Irritation zu lesen, wie Holmes über der zerfleischten Leiche eines Ripper-Opfers steht und Dr. Watson darauf hinweist, dass eine der Brüste entfernt und mitgenommen wurde. (Sie taucht später in der Höhle des Rippers wieder auf.) Derartiger Realismus bekommt dem Holmes-Mythos nicht wirklich. Doyle hat dies gewusst und die Rippermorde deshalb niemals für seine Kriminalgeschichten adaptiert (oder ausgeschlachtet, wenn man so will …). Auch Holmes‘ bemerkenswerte Ortskenntnis in Opiumhöhlen, Spelunken, Bordellen und ähnlichen Lasterhöhlen wurde von Doyle nur stillschweigend vorausgesetzt.

Queen redet dagegen Klartext, denn 1967 war solche Zurückhaltung bereits von der Zeit überholt. Das Spiel mit alten, scheinbar sakrosankten Regeln kann durchaus reizvoll sein. Also blies Queen frischen Wind ins nebelverhangene viktorianische London. Aber er klebt dann doch zu sehr an der geheiligten Vorlage. Zudem finden wir Kinder des ach so fortschrittlichen 21. Jahrhunderts Queens Schilderungen der Ripper-Schlachtfeste recht zahm und zurückhaltend, was den Lesespaß einschränkt, hebt es doch hervor, wie angestaubt die vorliegende Story inzwischen ist. Die Auflösung funktioniert, aber zufrieden stellt sie nicht. Der Weg dorthin ist mit vielen überflüssigen Ratespielchen – Holmes enträtselt allerlei Passanten, Watson staunt und lässt sich ausgiebig erklären –, aber leider mit wenig Dramatik gepflastert. Da hat sich Doyle mehr Mühe gegeben und sich nicht gar zu sehr auf den Ruhm seiner Helden verlassen!

Eine Geschichte aus zwei Welten

Die eigentliche Crux ist freilich der Autoren Entschluss, der Holmes & Watson-Story eine Rahmenhandlung überzustülpen, die uns in die ‚Gegenwart‘ des Jahres 1966, in das moderne New York und in die Luxusbehausung des Ellery Queen entführt. Den beobachten wir nun dabei, wie er das Watson-Manuskript liest, sich mit einem widerspenstigen neuen Roman und seinem penetranten Vater herumschlägt, von einem nichtsnutzigen Freund belästigt wird, dem endlich die Frau seines Lebens begegnet, und schließlich das Geheimnis des wahren Rippers lüftet. Das ist weder unterhaltsam noch überzeugend, aber es schlägt den Bogen von Sherlock Holmes zu seinem Nachfahren Ellery Queen – und garantiert den Bestseller-Erfolg, da die nicht gerade zahlenschwache Anhängerschar beider Detektive zu diesem Buch greifen wird. Diese Rechnung ging denn auch auf.

Detektive stehen neben sich

Holmes ist Holmes, und Watson bleibt Watson. Das ist zunächst eine gute Nachricht, die sich bei näherer Betrachtung allerdings relativiert. Schon der zeitgenössischen Kritik sind diverse Brüche aufgefallen. So heißt Holmes seinen nun einmal geistig nicht so regen Watson böse einen Deppen, als dieser einen verständlichen Fehler begeht. Später stellt er Watson in einer dunklen Gasse und verprügelt ihn, weil er ihn mit dem Ripper verwechselt. Überhaupt ist der Detektiv dieses Mal recht jähzornig. Gleichzeitig zeigt er sich ungewöhnlich fortschrittlich, als er allen Ernstes erwägt, der Ripper könne auch eine Frau sein. Bei aller geistigen Freiheit der späteren Holmes-Imitatoren: Das hätte ein Gentleman des späten 19. Jahrhunderts nicht einmal im Traum gedacht!

Der arme Watson muss dieses Mal die undankbare Rolle des tumben Fackelträgers übernehmen, der dem Genie den Weg ausleuchtet. Das hat ihm Arthur Conan Doyle niemals zugemutet, sondern immer deutlich gemacht, dass Watson Holmes ergänzt und dieser mit dem Gefährten nicht doppelte, sondern vierfache Leistung erbringt.

Noch schlimmer ergeht es Ellery Queen, der dieses Mal völlig blass bleibt. Kein Wunder, hat er doch in dieser Geschichte eigentlich nichts verloren. Begibt er sich nicht selbst auf Gaunerjagd, bleibt er ein eindimensionaler Charakter. Und weil er nun einmal dazugehört, quetscht Queen (der Autor) mehr schlecht als recht auch noch den alten Inspektor Richard Queen in die Handlung. Über den Laffen Grant Ames III. und seine lahme Odyssee auf der Suche nach dem Absender des Watson-Manuskriptes sei hier in Anerkennung früherer Queen-Verdienste der Mantel des Schweigens gedeckt.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Auch „Sherlock Holmes & Jack the Ripper“ ist eigentlich kein ‚echter‘ Ellery-Queen-Thriller mehr, sondern eher ein Roman zum Film. „A Study in Terror“ (dt. 2Sherlock Holmes‘ größter Fall“) entstand mit John Neville und Donald Houston als Sherlock Holmes und Dr. Watson unter der Regie von James Hill bereits 1965 in Großbritannien. Das Drehbuch verfassten Donald und Derek Ford. Es ist etwa identisch mit dem 1888 in London spielenden Handlungsstrang. Ellery Queen kommt in diesem Streifen nicht vor.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Anmerkungen

Es gibt noch einen zweiten, ungleich gelungeneren Film, der Holmes mit dem Ripper konfrontiert: „Murder by Decree“ (GB 1968, dt. „Mord an der Themse“), mit Christopher Plummer und James Mason als Sherlock Holmes und Dr. Watson; Regie: Bob Clark.

Erwähnt werden sollte schließlich „The Last Sherlock Holmes Story“ (1978, dt. „Der letzte Sherlock-Holmes-Roman“), in dem Autor Michael Dibdin den Beweis führt, dass Sherlock Holmes höchstpersönlich der Ripper war …

Ein Meer von Websites widmet sich Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv in allen seinen Facetten. Da wundert es nicht, dass es darunter (mindestens) eine Website gibt, die sich speziell mit Holmes und dem Ripper beschäftigt .

[md]

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Mensch Paul!

Erstellt von Werner Karl am 5. Oktober 2011

Anette Göttlicher
Mensch Paul!

Ullstein Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-548-26684-8
Liebe & Romantik
Erschienen: 02.06.2011
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Titelabbildung: © Artwork HildenDesign, München
unter Verwendung eines Motivs von Annie Collinge/Getty Images
Taschenbuch, 320 Seiten

www.ullstein-taschenbuch.de
www.anette-goettlicher.de

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Zur Autorin:

Anette Göttlicher, geboren 1975, ist Autorin, Journalistin und Fotografin. Aus ihrer Kolumne »Maries Tagebuch« auf Cosmopolitan.de entwickelte sie ihren ersten Roman „Wer ist eigentlich Paul?, der auf Anhieb zum Bestseller wurde. Anette Göttlicher lebt in München.

Zum Buch:

Marie und Paul treffen in diesem Buch zum wiederholten Male aufeinander, denn ihre Beziehung hat eine Vorgeschichte. „Mensch Paul!“ ist der nunmehr fünfte aber wohl auch letzte Band einer Reihe.

Marie ist scheinbar glücklich. Sie lebt zusammen mit Jan und die Beiden haben eine gemeinsame, fast zweijährige Tochter namens Franziska. Die Kleine ist quirlig und hält Marie so richtig auf Trab. Vergessen scheint die Zeit, da Marie Jan betrogen hat, betrogen mit ihrer großen Liebe Paul. Doch als Paul dann ganz unerwartet und ohne Ankündigung in einem Mietshaus direkt gegenüber mit seiner Freundin und deren Kind einzieht, beginnen für Marie Tage und Wochen in denen sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hat.

Zu allem Überfluss noch lernt Marie auf dem Spielplatz Natalie und deren Sohn Felix kennen. Die Frauen finden sich sympathisch und das könnte der Beginn einer langen Freundschaft sein, wäre Natalie nicht die Freundin von Paul.

Marie versäumt es Natalie frühzeitig die Wahrheit über ihre Vergangenheit mit Paul zu sagen und auch ihrem Lebensgefährten Jan erzählt sie nicht sofort, dass Paul wieder da ist.

Und dann kommen sich Paul und Marie wieder näher. Ist es das wirklich, was Marie will?

In Rückblicken erfährt auch der Leser, der die vorherigen Bände nicht kennt, wie oft Paul Marie schon versetzt und auch verletzt hat und wie Marie doch immer wieder zu ihm zurück gefunden hat und zu ihm gehalten hat. Mancher mag sich sicherlich fragen, ob so etwas sein kann. Wie kann eine Frau sich so behandeln lassen und den Ex-Freund immer wieder mit offenen Armen empfangen? Das ist doch fast undenkbar! Andersherum scheinen Maries Gefühle so intensiv zu sein, dass sie gar nicht anders kann. Sie kann sich dieser Anziehungskraft von Paul nicht entziehen.

Der Autorin Anette Göttlicher gelingt es durch die Schilderung der Geschichte aus Maries Sicht dem Leser Maries Gefühle näher zu bringen. So erlebt man Paul aus Sicht einer Verliebten, kann ihn aber auch selbst noch mit eigenen Augen und so aus einer anderen Perspektive betrachten. Marie ist eine Person, die an ihren Gefühlen wachsen muss und es wohl erst langsam schafft ihre Emotionen in den Griff zu bekommen und zu erkennen, dass zur Liebe mehr gehört als nur sensationeller Sex. Paul ist ein Typ, der sich wohl Zeit seines Lebens nicht auf eine Frau festlegen wird. Er ist eindeutig nicht mein Typ Mann, aber Menschen sind ja bekanntlich nicht alle gleich und das ist auch gut so.

„Mensch Paul!“, das ist ein beschwingt leichter Roman über die Liebe und das Leben, ein Leben, wie es für manche eben ist und für andere auch wieder nicht. Eine Lektüre für zwischendurch mit vielen lustigen und komischen, aber auch traurigen Momenten.

Copyright © 2011 by Iris Gasper

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ZUM SFBASAR.DE-PREISRÄTSEL/GEWINNSPIEL: 3 x 1 (KOSTENLOSES!) EXEMPLAR: Anette Göttlicher – Mensch Paul!

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Rote Lippen – blaue Bohnen

Erstellt von Michael Drewniok am 22. September 2011

Peter Cheyney
Rote Lippen – blaue Bohnen

(sfbentry)
Originaltitel: Don’t Get Me Wrong (London : Collins 1939)
Übersetzung: Alfred Woldt
Deutsche Erstausgabe: 1954 (Pegasus-Verlag)
239 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1957 (Ullstein Verlag/Kriminalroman Nr. 133)
167 S.
[keine ISBN]
Z. Zt. letzte Ausgabe: 1980 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic Nr. 1887)
128 S.
ISBN-10: 978-3-453-10479-2

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Titel bei Amazon.de (Heyne-Ausgabe)

Das geschieht:

Zwei hochrangige Physiker sind spurlos verschwunden. In der mexikanischen Sierra Leone sollten sie zum Nutzen des freien Westens atomare Überraschungen für die heimtückischen Sowjetroten testen. J. Edgar Hoover, Leiter des FBI, entsandte den Agenten Pepper über die Grenze. Er sollte sich dort unauffällig umhören – und ging ebenfalls verloren.

Auftritt Lemuel H. „Lemmy“ Caution, FBI-Mann der draufgängerischen Sorte, der selten im Büro sitzt, sondern lieber durch die Welt gaukelt und die Bösen das Fürchten lehrt, wobei manche Flasche Whiskey und noch mehr schöne Frauen seinen Weg säumen. Inkognito reist Caution Pepper hinterher, dessen Leiche er in einem einsamen Wüstengrab findet.

Auch Lemmy bekommt es sofort mit jenen dunklen Mächten zu tun, die weitere Nachforschungen und ihn im Keim ersticken wollen. Unter seinen Gegnern findet er erstaunt den Schläger Jack Hotshot, genannt „Spiegelei“, der für den Mafiaboss Mike Koltisow in Chicago die Drecksarbeit erledigt.

Aber auch dieser sitzt noch längst nicht am Ende der Fahnenstange: Dort lauern die finsteren Sowjets, die gern viel Geld für die brisanten Dokumente zahlen würden. Diese müssen ihnen – die verdrehte Dramaturgie dieser Räuberpistole will es so – in Frankreich übergeben werden. Also macht sich Lemmy auf den Weg ins alte Europa, zumal sich im Schlepptau der Gangster die schöne Georgette befindet, die es zu retten gilt. Bloß: Ist sie Opfer – oder steckt sie gar hinter den Ereignissen, die in Paris ins Rollen kommen, Lemmys Pläne gründlich durcheinander bringen und in einem furiosen Finale auf dem offenen Atlantik münden …?

Thriller-Märchen mit absurden Zügen

Nein, der Plot ist es wirklich nicht, der den Krimifreund hier fesseln könnte. Autor Cheyney macht freilich nie einen Hehl daraus, dass er die dünne Handlung nur als Vorwand für ein turbulentes Garn betrachtet, das primär durch Schlägereien und schwitzige Techtelmechtel mit willigem Weibsvolk geprägt wird, wobei die einen mit den anderen abwechseln.

Ernst zu nehmen ist hier nichts. Physiker wurden entführt? Es könnten auch Marsmenschen sein. Der Plot ist ein Hitchcockscher „MacGuffin“, d. h. eine von den Lesern verlangte Notwendigkeit, die der Handlung ein Fundament verschaffen soll. Peter Cheyney, der wie Edgar Wallace stets mit zahllosen Gläubigern auf den Fersen schrieb, kümmerte sich wenig um die Schlüssigkeit seiner Geschichten. Er erzählte sie schnell und ohne sich Gedanken über die Logik zu machen. Viel mechanisches Schreibhandwerk wird allzu offenbar, wenn sich Lemmy wieder und wieder auf offensichtlich kriminelle Frauen einlässt und Schurken vertrimmt.

Trotzdem geht die Rechnung auf: „Rote Lippen – blaue Bohnen“ unterhält. Cheyney macht Tempo, jagt Lemmy Caution kreuz & quer durch Mittel- und Nordamerika. Dass er von den realen Verhältnissen auf beiden Kontinenten nur rudimentäre Kenntnisse besitzt, ist eigentlich unwichtig. Heute gilt dies mehr denn je; Lemmy prügelt und liebt sich durch diverse Märchenländer, über die zu lesen nostalgisches Vergnügen (mit gewissen Einschränkungen  s. u.) bereitet.

Cover der dt. Erstausgabe

Ein Held von Vorgestern

Wer heute an Lemmy Caution denkt, vor dessen geistigem Auge entsteht sofort die narbige, dauergrinsende Visage des Schauspielers Eddie Constantine, der mit dieser Figur nicht nur die Rolle seines Lebens fand, sondern ihr vor allem eine Gestalt verlieh, die sie angenehm vom literarischen Vorbild unterschied.

Lemmy Caution à la Peter Cheyney ist eine Figur, über welche die Zeit längst hinweg gegangen ist. Einst war er der Held für kleine und große Jungs – ein Kriminalist, der jeglicher bürokratischer Vorschriften und alltäglicher Langeweile enthoben war, und statt dessen durch die ganze Welt zog, um dort allerlei Gangsterpack zu jagen. Stets hat dieser Lemmy einen coolen Sprich auf und eine Flasche Whiskey an den Lippen. („Ich muss selbst auf mich aufpassen, denn mein FBI-Ausweis ist hier für mich genausoviel wert wie ein Erdbeereis für einen Eskimo mit doppelseitiger Lungenentzündung.“) Schöne Frauen ziehen ihn an wie das Licht die Motte; auf die weibliche Gegenseite wirkt die Anziehungskraft sogar noch stärker.

Diese Damen heißen hier Fernanda oder Zellara aber ihre Namen sind unwichtig: Cheyney-Frauen sind austauschbar schön aber heimtückisch. Sie schmelzen wie Butter in der Sonne, sobald Lemmy auf der Bildfläche erscheint, doch den freigiebig (wenn auch zeitgebunden züchtig) dargebotenen Reizen ist meist nicht zu trauen. Dame und Herr tauschen andeutungsreiche Anzüglichkeiten aus, denen aber niemals bettschwere Taten folgen.

Unbeschwerter Krimi-Spaß – Rassismus inklusive

Caution kämpft gegen Verbrecher, die mit der Realität rein gar nichts verbindet. Raue Kerls sind das, denen ihr Job ins hässliche Gesicht geprägt steht. Sie reden und handeln so, wie sich der fleißige Kinosesseldrücker sich das einst vorstellte. Bei aller Brutalität sind sie ziemlich dumm, so dass sich Caution mit flinken Fäusten & flotten Sprüchen aus allen Todesfallen winden kann.

Das geht in Ordnung so, denn Cheyney-Thriller sind unter kriminalliterarischen Gesichtspunkten fröhlicher Unsinn, der einfach nur unterhalten soll. Allerdings war Peter Cheyney, der sich gern als kosmopolitischer Lebemann gab, nach Aussagen seiner Zeitgenossen kein durchweg angenehmer Mensch. So soll er ausgesprochen rassistisch gewesen sein. Nach der Lektüre von “Rote Lippen – blaue Bohnen” will oder muss man das glauben. Die Geschichte spielt in Mexiko, dessen Bürger der Verfasser entweder herablassend – Lemmy duzt sie alle, während er selbstverständlich gesiezt wird – oder offen als Menschen minderer Klasse behandelt:

Cover der TB-Ausgabe von 1957 (Sammlung md)

- „Sie setzen sich hin, greifen nach ihren Gitarren und gucken verdutzt aus der Wäsche, wie das die Mexikaner immer tun, wenn sie merken, dass sie arbeiten müssen.“ (S. 9)

- „Ich stelle fest, dass sie für eine Mexikanerin einen verteufelt hübschen Mund hat. Sie hat nicht solche dicke Lippen wie die meisten Frauen hier unten …“ (S. 11)

- „Er hat den Mund voll Gold wie jene naiv-protzigen Südamerikaner, die damit zeigen wollen, dass sie die Taschen voll Geld haben.“ (S. 109)

Dies sind willkürlich herausgegriffene Beispiele. Die traurige Liste lässt sich leicht verlängern. Für Caution = Cheyney sind alle (männlichen) Mexikaner faule, verlogene, geldgierige, korrupte Gockel, die man ordentlich züchtigen muss. Die Frauen sind hitzig und allzu freizügig, so dass ein (weißer) Mann, der auf sich hält, es tunlichst vermeidet sich in amouröse Niederungen zu begeben. Dass solche Niederträchtigkeiten quasi wie nebenbei und in Nebensätzen geäußert werden zeigt, dass sie vom Verfasser so beabsichtigt sind.

Deutsche Verschlimmbesserungen

Die deutsche Übersetzung versucht den Verfasser offenbar noch zu übertrumpfen. „Don’t Get Me Wrong“ wurde 1939 veröffentlicht, “Rote Lippen – blaue Bohnen” indes erst 1954, als die Lemmy-Caution-Filme auch die deutschen Zuschauer in die Kinos lockten. Die Handlung wurde ‚aktualisiert‘: Plötzlich lesen wir von Lemmys Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg, der zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung gerade erst begonnen hatte. Es fällt ohne Blick in den Originaltext schwer, ob sich der Plot auch ursprünglich um Atomspionage mit sowjetischen Drahtziehern drehte. Sowjets gab es auch 1939 schon, aber die gesamte Kalter-Krieg-Szenerie muss dem Roman nachträglich aufgepfropft worden sein – samt hysterischer Hasstiraden gegen die roten Teufel, die Lemmy am liebsten über den Haufen schießen will.

„Rote Lippen – blaue Bohnen“ als Film

Eddie Constantine spielte die Lemmy-Caution-Figur mit der nötigen Dosis Selbstironie, welche zum operettenhaften Geschehen passt, was ihr bei Cheyney völlig abgeht. Constantines Caution ist ein sympathischer, großer, nie erwachsen gewordener, kalauernder Junge, der weder sich noch die absurden Kriminalfälle ernst nimmt, in die er ständig verwickelt wird. Diese Unbekümmertheit floss in die rasant gemachten B-Movies der 1950er Jahre ein, die Constantine, ein US-Amerikaner in Frankreich, wie am Fließband drehte.

„Rote Lippen – blaue Bohnen“ („Vous Pigez?“/„Il Maggioratio Fisico“), eine französisch-italienische Coproduktion, entstand 1955 unter der Regie von Pierre Chevalier. Vor und hinter der Kamera tummelten sich filmerfahrene Leute, so dass dieses vierte Filmabenteuer von Lemmy Caution trotz der dicken Staubschicht, die sich auf diesen Streifen gelegt hat, auch heute noch anschaubar ist. (Hier dreht sich die Story übrigens nicht um geheime Sprengstoffe, sondern um die Herstellung künstlicher Diamanten – ein weiterer Hinweis auf die Nebensächlichkeit von Logik.)

Autor

Reginald Evelyn Peter Southouse Cheyney wurde am 22. Februar 1896 in London, Stadtteil Whitechapel, als jüngstes von fünf Kindern geboren. Rechtsanwalt sollte er werden, doch wie so viele seiner Altersgenossen musste er in den I. Weltkrieg einrücken, wo er es bis zum Lieutenant brachte. Der junge Mann versuchte nach seiner Entlassung im Showbusiness Fuß zu fassen. Jahre der Armut folgten, in denen Cheyney kleine Theaterrollen ergatterte, Sketche und Lieder schrieb. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre verzeichnete Cheyney endlich Erfolg als Ghostwriter, der unter dem Namen eines ehemaligen Polizisten „wahre Kriminalgeschichten“ verfasste. Er gründete eine Literaturagentur, die gleichzeitig Detektei war.

1936 versuchte sich Cheyney als Schriftsteller unter eigenem Namen. „This Man Is Dangerous”, der erste Roman einer Serie um den FBI-Agenten Lemmy Caution, wurde sogleich ein großer Erfolg. Auch mit Slim Callaghan, einem britischen Privatdetektiv, traf Cheyney ins Schwarze. In den nächsten 15 Jahren verfasste er mindestens zwei Romane pro Jahr. Hinzu kamen unzählige Kurzgeschichten, die sich derselben Mixtur aus Sex & Crime bedienten wie später u. a. Ian Fleming (James Bond) oder Mickey Spillane (Mike Hammer).

Peter Cheyney ließ die Kerze seines Lebens an beiden Enden kräftig brennen. Schon in den späten 1940er Jahren begann der Raubbau, den er mit seinen Kräften trieb, seine Folgen zu zeigen, ohne indes seine Produktivität zu beeinträchtigen. Am 26. Juni 1951 ist Cheyney im Alter von nur 55 Jahren gestorben.

Den eigentlichen Erfolg seiner Werke erlebte Cheyney nicht mehr. Besonders in Frankreich erfreuten sich seine unbekümmert harten, anspruchslosen Geschichten großer Wertschätzung. Zwei Jahre nach seinem Tod entstand mit „La mome vert-de-gris“ (dt. „Im Banne des blonden Satans“) der erster einer langen Reihe von  Lemmy-Caution-Streifen, die den aus Los Angeles stammenden, in den USA erfolglosen Schauspieler Eddie Constantine (1917-1993) zum europäischen Film- und Kultstar machten. Auch in Deutschland liefen diese rabaukig charmanten B-Movies viele Jahre erfolgreich in den Kinos und später im Fernsehen. Primär kamen die deutschen Leser in den Genuss der Cheyney-Romane um Caution und Callaghan, während das sonstige Werk nur sporadisch Aufmerksamkeit gewann. Seit den 1980er Jahren werden die lange nachgedruckten Romane nicht mehr aufgelegt.

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Die Lemmy Caution-Serie:

(1936) Eine Dame stiehlt man nicht/Dieser Mann ist gefährlich (This Man is Dangerous)
(1937) Hiebe auf den ersten Blick (Poison Ivy)
(1937) Schwierige Damen/Serenade für zwei Pistolen (Dames Don’t Care)
(1938) Frauen sind keine Engel/Lemmy schießt nicht auf Blondinen (Can Ladies Kill?)
(1939) Rote Lippen – blaue Bohnen (Don’t Get Me Wrong)
(1940) Auf Befehl der FBI (You’d Be Surprised)
(1941) 1 : 0 für Lemmy (Your Deal, My Lovely)
(1942) Im Bann der grünen Augen/Lemmy lässt die Puppen tanzen (Never a Dull Moment)
(1942) Gut versteckt ist halb gewonnen (You Can Always Duck)
(1945) Die Geheimakten/Wer Lemmy eine Grube gräbt (I’ll Say She Does)

[md]

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