Buchrezicenter.de

neuauflage

Mord im Herbst

Erstellt von Werner Karl am 22. Mai 2014

Henning Mankell
Mord im Herbst

Wallander 9.5
Handen, Schweden, 2013
Zsolnay Verlag, Wien (A), dt. Erstausgabe: 11/2013
HC, Krimi
ISBN 978-3-552-05642-8
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Titelgestaltung von David Hauptmann, Hauptmann und Kompanie Werbeagentur

www.zsolnay.at
www.mankell.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Ups, war „Der Feind im Schatten“ (Zsolnay Verlag, 2010 und dtv-TB 21334, 2012) doch nicht der zehnte und letzte „Wallander“-Roman?! Angesichts der immerhin 32 Filme umfassenden Filmserie „Mankells Wallander“ (mit Krister Henriksson, dem dritten Wallander-Darsteller, in der Hauptrolle), in deren Vorspannen regelmäßig der Satz „Nach einer Geschichte von Henning Mankell“ erscheint, waren bereits vor dem Erscheinen von „Mord im Herbst“ gewisse Zweifel angebracht. Zumal nur zwei Filme der Serie auf Romanen des Autors beruht und noch fünf Kriminalfälle handlungschronologisch nach „Der Feind im Schatten“ ansiedelt wurden.

„Mord im Herbst“ wurde 2004 für ein Verlagsprojekt in den Niederlanden geschrieben (eine Gratiszugabe für ein gekauftes Buch), unter dem Titel „Händelse om hösten“. 2013 erschien die schwedische Erstausgabe, „Handen“, und unmittelbar darauf die deutsche Übersetzung. „Mord im Herbst“ diente als Grundlage für den Film „Kommissar Wallander – Ein Mord im Herbst“ (2012), jedoch löste sich der Film sehr deutlich von der literarischen Vorlage und baute eine umfangreichere Handlung auf. Wallander spielte in dem Film der Brite Kenneth Branagh, der als Zweiter den schwedischen Kommissar verkörperte.

Handlungschronologisch ist „Mord im Herbst“ einige Jahre vor „Der Feind im Schatten“ angesiedelt. Wallander stolpert bei einer Hausbesichtigung über eine skelettierte Hand … Bei der Untersuchung des Fundortes kommt das Skelett einer etwa fünfzigjährigen Frau zum Vorschein, die nicht eines natürliches Todes starb. Wallander nimmt die Ermittlungen auf, stellt die Eigentümer des Hauses fest, sucht nach vermissten Personen, die in das Zeitfenster passen – immerhin lag die Frau bereits fünfzig bis siebzig Jahre in ihrem Grab.

„Mord im Herbst“ ist eine typische, gute „Wallander“-Geschichte. Wallander stellt sich wieder als Mensch mit seinen Selbstzweifeln und seinen Konflikten dar (hier vor allem mit seiner Tochter Linda), aber auch als hartnäckiger und intuitiver Ermittler, dem der Zufall zu Hilfe kommt – was aber dem Umfang des Bandes und des daraus resultierten Zwanges geschuldet sein mag, die Handlung sinnvoll zu beenden. Einen dramatischen Schluss inklusive. Der Plot schildert eine Begebenheit, die sich auch in der Realwelt abgespielt haben mag und deshalb sehr authentisch wirkt. Wer die „Wallander“-Romane und -Kurzgeschichten zu schätzen gelernt hat, dem kann „Mord im Herbst“ nur empfohlen werden – und die Geduld, auf die günstigere Taschenbuchausgabe zu warten. Denn als dünne Hardcoverausgabe ist „Mord im Herbst“ doch recht teuer …

Die Story hätte auch ihren guten Platz in der „Wallander“-Kurzgeschichtensammlung „Wallanders erster Fall“ (Zsolnay Verlag, 2002 und dtv-TB 20700, 2004) finden können, wenn der Autor sie zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben und zur Veröffentlichung freigegeben hätte, zugegeben. Oder in einer Neuauflage. Freilich sind auch die Storys aus „Wallanders erster Fall“ im Nachhinein in vier (sic!) separate Ausgaben aufgesplittet worden: „Die Pyramide“ (dtv-TB 25216, 2004), „Der Tod des Fotografen“ (dtv-TB 25254, 2006), „Wallanders erster Fall“ (dtv-TB 25270, 2007) und „Der Mann am Strand“ (dtv-TB 25283, 2008). Die separate Veröffentlichung von „Mord im Herbst“ überrascht also nicht.

Die Geschichte der „Wallander“-Romane, die Schilderung der Umstände und Einflüsse, unter denen sie entstanden sind, selbstverständlich von Henning Mankell selbst, und eine Übersicht über die Wallander-Bücher runden „Mord im Herbst“ ab.

„Weitere Erzählungen über Kurt Wallander gibt es nicht.“ schreibt Mankell in seiner Nachbemerkung zu „Mord im Herbst“. Aha!

Copyright © 2014 by Armin Möhle (armö)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Mord im Herbst

Erstellt von Werner Karl am 21. Mai 2014

Henning Mankell
Mord im Herbst
Wallander 9.5

Handen, Schweden, 2013
Zsolnay Verlag, Wien (A), dt. Erstausgabe: 11/2013
HC, Krimi
ISBN 978-3-552-05642-8
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Titelgestaltung von David Hauptmann, Hauptmann und Kompanie Werbeagentur

www.zsolnay.at
www.mankell.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Ups, war „Der Feind im Schatten“ (Zsolnay Verlag, 2010 und dtv-TB 21334, 2012) doch nicht der zehnte und letzte „Wallander“-Roman?! Angesichts der immerhin 32 Filme umfassenden Filmserie „Mankells Wallander“ (mit Krister Henriksson, dem dritten Wallander-Darsteller, in der Hauptrolle), in deren Vorspannen regelmäßig der Satz „Nach einer Geschichte von Henning Mankell“ erscheint, waren bereits vor dem Erscheinen von „Mord im Herbst“ gewisse Zweifel angebracht. Zumal nur zwei Filme der Serie auf Romanen des Autors beruht und noch fünf Kriminalfälle handlungschronologisch nach „Der Feind im Schatten“ ansiedelt wurden.

„Mord im Herbst“ wurde 2004 für ein Verlagsprojekt in den Niederlanden geschrieben (eine Gratiszugabe für ein gekauftes Buch), unter dem Titel „Händelse om hösten“. 2013 erschien die schwedische Erstausgabe, „Handen“, und unmittelbar darauf die deutsche Übersetzung. „Mord im Herbst“ diente als Grundlage für den Film „Kommissar Wallander – Ein Mord im Herbst“ (2012), jedoch löste sich der Film sehr deutlich von der literarischen Vorlage und baute eine umfangreichere Handlung auf. Wallander spielte in dem Film der Brite Kenneth Branagh, der als Zweiter den schwedischen Kommissar verkörperte.

Handlungschronologisch ist „Mord im Herbst“ einige Jahre vor „Der Feind im Schatten“ angesiedelt. Wallander stolpert bei einer Hausbesichtigung über eine skelettierte Hand … Bei der Untersuchung des Fundortes kommt das Skelett einer etwa fünfzigjährigen Frau zum Vorschein, die nicht eines natürliches Todes starb. Wallander nimmt die Ermittlungen auf, stellt die Eigentümer des Hauses fest, sucht nach vermissten Personen, die in das Zeitfenster passen – immerhin lag die Frau bereits fünfzig bis siebzig Jahre in ihrem Grab.

„Mord im Herbst“ ist eine typische, gute „Wallander“-Geschichte. Wallander stellt sich wieder als Mensch mit seinen Selbstzweifeln und seinen Konflikten dar (hier vor allem mit seiner Tochter Linda), aber auch als hartnäckiger und intuitiver Ermittler, dem der Zufall zu Hilfe kommt – was aber dem Umfang des Bandes und des daraus resultierten Zwanges geschuldet sein mag, die Handlung sinnvoll zu beenden. Einen dramatischen Schluss inklusive. Der Plot schildert eine Begebenheit, die sich auch in der Realwelt abgespielt haben mag und deshalb sehr authentisch wirkt. Wer die „Wallander“-Romane und -Kurzgeschichten zu schätzen gelernt hat, dem kann „Mord im Herbst“ nur empfohlen werden – und die Geduld, auf die günstigere Taschenbuchausgabe zu warten. Denn als dünne Hardcoverausgabe ist „Mord im Herbst“ doch recht teuer …

Die Story hätte auch ihren guten Platz in der „Wallander“-Kurzgeschichtensammlung „Wallanders erster Fall“ (Zsolnay Verlag, 2002 und dtv-TB 20700, 2004) finden können, wenn der Autor sie zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben und zur Veröffentlichung freigegeben hätte, zugegeben. Oder in einer Neuauflage. Freilich sind auch die Storys aus „Wallanders erster Fall“ im Nachhinein in vier (sic!) separate Ausgaben aufgesplittet worden: „Die Pyramide“ (dtv-TB 25216, 2004), „Der Tod des Fotografen“ (dtv-TB 25254, 2006), „Wallanders erster Fall“ (dtv-TB 25270, 2007) und „Der Mann am Strand“ (dtv-TB 25283, 2008). Die separate Veröffentlichung von „Mord im Herbst“ überrascht also nicht. Die Geschichte der „Wallander“-Romane, die Schilderung der Umstände und Einflüsse, unter denen sie entstanden sind, selbstverständlich von Henning Mankell selbst, und eine Übersicht über die Wallander-Bücher runden „Mord im Herbst“ ab.

„Weitere Erzählungen über Kurt Wallander gibt es nicht.“ schreibt Mankell in seiner Nachbemerkung zu „Mord im Herbst“. Aha!

Copyright © 2014 by Armin Möhle (armö)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Inventurdifferenz

Erstellt von Iris Gasper am 14. November 2013

Britta Mühlbauer
Inventurdifferenz

Deuticke
Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-552-06227-6
Belletristik
Erschienen: 29.07.2013
Umschlaggestaltung: David Hauptmann, Hauptmann & Kompanie
Werbeagentur, Zürich, unter  Verwendung eines Fotos von
© plainpicture / Hanka Steidle
Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten

www.deuticke.at

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Die Autorin:

Britta Mühlbauer, geboren 1961, studierte Musik, Romanistik und Germanistik. Sie veröffentlichte bisher Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien und lebt in Wien. 2008 erschien ihr Roman „Lebenslänglich“ bei Deuticke, 2013 der Roman „Inventurdifferenz“.

Das Buch:

Marlies ist aus Wien geflohen. Etwas muss dort vorgefallen sein, etwas Schreckliches. Nun ist Marlies in Mittelamerika auf der Suche nach einer ehemaligen Bekannten, nach Hanna. Der Grund für die Flucht und die Suche bleiben dem Leser zunächst verborgen, doch mit Hilfe von Rückblicken kommt er der Lösung dieser Frage immer näher. Die Autorin arbeitet hier mit zwei Zeitschienen und beschreibt das hier und jetzt, also Marlies Aufenthalt in Zentralamerika und die Vergangenheit im Wechsel. Marlies ist eine vom Leben gebeutelte Person. Gezeichnet durch ein Feuermal im Gesicht, hat sie bereits als Kind einiges zu erleiden gehabt und das scheint bis heute anzudauern. Zwar ist sie mit ihrem Job in einer Security Firma ganz zufrieden, aber sie möchte viel lieber im Personenschutz arbeiten als solche Aufträge zu haben wie eine „Inventurdifferenz“ in einem Baumarkt klären zu müssen. Allerdings lernt sie bei ihrem Einsatz im Baumarkt eben jene Hanna kennen, die sie später sucht. Auch eine alte Schulfreundin, Valerie, kreuzt Marlies Lebensweg erneut.

„Inventurdifferenz“ ist ein verstörender Roman, der nichts verschönt und Charaktere präsentiert, die mehr abstoßen als alles andere. Gerade das aber macht den Reiz der Geschichte aus. Marlies lebt mit ihrer inneren Wut und versucht diese zu beherrschen. Das fällt manchmal leicht und manchmal schwer. Durch Hanna wird in ihr ein Stück weit mehr Wut ausgelöst, denn Hanna sieht sich als Frau in einer von Männern dominierten Baubranche und Welt, und führt Marlies vor Augen, dass Frauen für ihre Rechte einfach kämpfen müssen. Ein Ereignis kommt zum nächsten und dann ist die Wut auf einmal nicht mehr beherrschbar.

Der Roman ist nicht auf Anhieb spannend, aber Britta Mühlbauers Erzählstil ist so außergewöhnlich, dass der Leser bei der Stange gehalten wird und sich gegen Ende einem grausamen Verbrechen gegenübersieht für das er sogar, zumindest teilweise, noch Verständnis haben wird.

„Inventurdifferenz“ gibt es hier nicht nur im Baumarkt sondern auch in Marlies selbst. Ihr Soll und ihr Ist weichen voneinander ab, und sie hofft über Hanna wieder zu sich selbst zurück zu finden. Sie erhofft sich Verständnis und Unterstützung.

Eine Geschichte über die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, die wirklich lesenswert ist. Der Leser sollte sich auf Schonungslosigkeit und Grausamkeit einstellen, aber diese gehören hier einfach dazu.

Copyright © 2013 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Abgelegt unter Belletristik | Keine Kommentare »

Verbrechen ist Vertrauenssache

Erstellt von Michael Drewniok am 30. Oktober 2013

Richard Stark
Verbrechen ist Vertrauenssache

(Parker, Bd. 17)

Originaltitel: The Comeback (New York : Mysterious Press 1997)
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Deutsche Erstausgabe (Paperback): September 2011 (Zsolnay Verlag)
255 S.
ISBN-13: 978-3-552-05550-6
eBook: August 2013 (Zsolnay Verlag)
280 KB
ISBN-13: 978-3-552-05558-2
Neuausgabe: April 2014 (Dtv/TB Nr. 21502)
304 S.
ISBN-13: 978-3-423-21502-2

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei ebook.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Die Gangster Ed Mackey und George Liss haben einen lukrativen Coup ausbaldowert. Da sie noch einen dritten Mann benötigen, holen sie Parker ins Boot. Ziel ist ein Stadion, in dem ‚Reverend‘ William Archibald eine seiner gut besuchten Prediger-Shows im Rahmen des „Kreuzzugs für Christus“ aufführen wird. Mit 400.000 Dollar Einnahmen ist zu rechnen – Bargeld, das im Zeitalter des digitalen Geldverkehrs die drei Räuber magnetisch anzieht.

Kontaktmann ist Tom Carmody, ein unzufriedener ‚Jünger‘, der Archibalds Gier und Heuchelei nicht mehr erträgt, sich aber nicht ohne ein Stück des Kuchens aus dem Staub machen will. Der Überfall gelingt, niemand wird verletzt, die Summe stimmt. Für eine Weile wollen Parker, Mackey und Liss gemeinsam untertauchen und warten, bis die Polizei die landesweite Fahndung abbläst. Stattdessen will Liss seine Spießgesellen umbringen. Der misstrauische Parker hat ihn jedoch im Auge behalten. Liss kann flüchten, wird aber die Beute nicht aufgeben, sondern auf seine Gelegenheit lauern.

Ebenfalls mit im Spiel sind die drei Amateur-Gauner Ralph, Woody und Zack, die über den allzu redseligen Carmody Wind von dem Coup bekommen haben. Sie stellen sich so ungeschickt an, dass die Polizei aufmerksam wird und über das Trio an die wahren Räuber herankommen will. Zu schlechter Letzt hat der wütende Archibald seinen Sicherheitsmann Dwayn Thorsen in Marsch gesetzt, der das Geld zurückholen soll.

In der kleinen Stadt umkreisen die verschiedenen Fraktionen einander vorsichtig. Die erste Konfrontation lässt nicht lange auf sich warten. Aus einem Funken wird blitzschnell ein Flächenbrand der Gewalt. Allianzen zerbrechen und werden neu geschmiedet. Mittendrin steckt Parker, der von allen Seiten buchstäblich unter Beschuss gerät. Doch der Profi behält die Nerven: Statt zu weichen, geht er zum Gegenangriff an sämtlichen Fronten über …

Der zeitlose Kern des Verbrechens

1974 hatte ihn Richard Stark sein letztes kriminelles Abenteuer erleben lassen. 1997 kehrte er zurück. Was hatte Parker, der hartgesottene Berufsverbrecher ohne Vornamen, in den 23 dazwischenliegenden Jahren getrieben? Der Autor gibt uns keine direkte Antwort, die ohnehin nicht erforderlich ist: Wenn wir Parker wiedersehen, wissen wir sofort, dass er in dieser Zeit getan hat, was er immer tat und tun wird: Er arbeitet – hart und konzentriert, denn ein Verstoß gegen die Regeln bedeutet für ihn keine Abmahnung, sondern das langjährige Verschwinden hinter Gitterstäben.

Wenn er ‚Glück‘ hat, denn der Tod ist ein fixes Berufsrisiko. Er droht durch die Polizei, durch unberechenbare Opfer, die womöglich Helden spielen wollen, und sogar durch die eigenen Bandengenossen. In „Verbrechen ist Vertrauenssache“ sieht sich Parker mit sämtlichen lebensverkürzenden Nachteilen seines Jobs konfrontiert. Er reagiert, wie es ihm die Erfahrung vieler krimineller Jahre sowie sein Charakter gebieten: kühl und kalkulierend. Auch Parker muss an die Zukunft denken. Der ungeahndete Wortbruch eines verräterischen Komplizen würde sich im Verbrechermilieu herumsprechen, und jeder Strolch wäre verlockt, den allzu friedfertigen Spießgesellen umzulegen.

Es gibt nur wenige und ungeschriebene Regeln für den Berufsverbrecher. Sie bilden die Konstante, die eine Verbindung zwischen dem Parker von 1974 und dem von 1997 herstellen. Ansonsten hat sich die Welt weitergedreht, und Parker Er musste sich weiterentwickeln. Sein Metier ist deutlich arbeits- und risikointensiver geworden. Bereits 1997 ist Bargeld ein rares Gut. In der Regel werden große Summen überwiesen, was sie für Räuber unerreichbar macht. Die Sicherheitsmaßnahmen haben sich verschärft, und auch die polizeiliche Fahndung wird durch eine verbesserte Kommunikations- und Überwachungstechnologie effektiver und damit gefährlicher.

Die Suche nach der Lücke im System

Selbstverständlich finden Fachleute wie Parker die Schwachstellen. Es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass Parker dieses Mal einen ‚Geistlichen‘ beraubt. Doch Reverend Archibald ist einer jener Rattenfänger, die unter dem Deckmantel der Bibel ihre frommen Schäfchen tüchtig scheren. Parker überfällt einen anderen Gauner, der freilich geschickt das Gesetz auf seine Seite ziehen konnte: Es ist nicht verboten, dumme Menschen über ihre Ohren zu hauen, wenn diese damit einverstanden sind.

Folgerichtig hält Archibald Parker keineswegs die andere Wange hin, sondern sinnt auf Rückerhalt des ergaunerten Geldes sowie Rache. Nicht grundlos beschäftigt er einen Ex-Marine als Sicherheitsmann. Dennoch muss sich Archibald schließlich in die lange Reihe derer einreihen, die Parker nicht gewachsen sind. In einer denkwürdigen Szene mischt dieser Archibalds ‚Schutzengel‘-Truppe im Alleingang auf. Was bei einem anderen Autor leicht übertrieben und lächerlich wirken könnte, ist hier glaubwürdig, weil Stark zu verdeutlichen weiß, worin Parkers Überlegenheit wurzelt: Er hält sich nicht an die Regeln, weshalb Tiefschläge u. a. Verstöße für ihn selbstverständlich sind. Parker geht es ums Überleben. Rücksicht ist für ihn kein Muss, sondern eine Entscheidung, über deren Sinn von Fall zu Fall nachgedacht wird.

In diesem Umfeld erbarmungsfreier Professionalität ist selbst George Liss kein besonders verwerflicher Zeitgenosse, sondern ein Verbrecher, der das Prinzip der Täuschung auf seine Komplizen ausgeweitet hat. Was ihm blüht, als Parker ihn erwischt, ist Liss klar, weshalb er die Flucht unter Zurücklassung der Beute ergreift: Ein Schachzug ist fehlgeschlagen, kein Grund zur Panik. Liss wird später versuchen, sie sich anzueignen. Parker weiß es genau, und Liss weiß, dass man ihn erwartet.

Amateure sind gefährlich

Im scharfen Kontrast zu Parker und seiner Band stehen die drei Möchtegern-Gauner Ralph, Woody und Zack. Sie verkörpern ein Verbrechen, das ausschließlich auf Gewalt setzt. Intelligenz kommt nicht zum Einsatz. Die wahren Tragödien in dieser an Schüssen und Schlägen reichen Geschichte werden nicht durch Parker verursacht. Es sind die Amateure, die sofort zu den Waffen greifen und eine Kettenreaktion nutzloser Gewalt in Gang setzen. Woody und Zack sind zu dumm, Ralphs Schwester so zu ‚verhören‘, dass sie dies überlebt, und Ralph fragt nie danach, was seine ‚Freunde’ getan haben, um seine Schwester auszuhorchen; er hatte diese selbst zu ihr geschickt.

Weil Stark die Handlung auf die Welt des Verbrechens konzentriert, ertappt sich der Leser dabei, dass er Parker die Daumen drückt. Dieser ist kein netter Mensch, man könnte ihn als kontrollierten Psychopathen bezeichnen, der nicht grundlos aber eben auch ohne Bedauern tötet. Dennoch nimmt der Leser emotional Anteil, als sich Parker und Liss in einem leer stehenden Haus ein Duell auf Leben und Tod liefern. Wieder geht es darum, welcher Profi den anderen besser einschätzen kann.

In Parkers Welt ist durchaus Platz für Frauen. Dauerfreundin Claire weiß, wie sich Parker den Lebensunterhalt verdient. Sie beteiligt sich nicht, sondern blendet das Wissen aus. Gangster Mackey zieht mit seiner Brenda ins kriminelle Gefecht. Er akzeptiert, dass sie die Klügere ist, und tut recht damit, denn mehr als einmal ist es die besonnene Brenda, die Mackey und Parker in Sicherheit bringt oder ihre Verfolger in die Irre lockt.

Am Ende bleiben nur die Polizei und Reverend Archibald erfolglos zurück. Parkers Welt ist wieder in Ordnung, er hat aufgeräumt und den gerade überstandenen Kampf schon abgehakt. Frisch und unbelastet kann und wird er in den nächsten Coup einsteigen. Der (deutsche) Leser darf sich freuen: Alle sieben „Parker“-Romane, die Richard Stark nach „Verbrechen ist Vertrauenssache“ schrieb, sind hierzulande erschienen und problemlos zu erwerben – ein seltener Glücksfall, denn Stark war klug und rüttelte nicht daran, dass ein Parker-Thriller schnell und spannend und sonst nichts sein muss.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch  war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert die Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website.

Zur „Parker“-Reihe gibt es diese deutschsprachige Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Berufsgangster Parker überfällt mit zwei Kumpanen einen betrügerischen Prediger; er wird verraten, verliert die Beute, beinahe das Leben, wird von der Polizei, den Schergen des Predigers und einigen Amateurgaunern verfolgt und holt sich doch sein Geld zurück … – Nach fast 25 Jahren kehrt Parker zurück – und ist sofort wieder voll da in dieser Räuberpistole, die lakonisch und hochspannend zum rasanten Katz-und-Maus-Spiel explodiert: ein wunderbarer Thriller!

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei ebook.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Fragen Sie den Papagei

Erstellt von Michael Drewniok am 24. September 2013

Richard Stark
Fragen Sie den Papagei

(Parker, Bd. 23)

(sfbentry)
Originaltitel: Ask the Parrot (New York : Mysterious Press/Warner Books 2006)
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Dt. Erstveröffentlichung (Paperback): Juli 2008 (Paul Zsolnay Verlag)
254 S.
ISBN-13: 978-3-552-05446-2
Taschenbuch: Juni 2010 (Dtv/TB Nr. 21210)
254 S.
ISBN-13: 978-3-423-21210-6

Titel bei Buch24.de
Titel bei ebook.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Nach einem gescheiterten Bankraub findet sich Berufsverbrecher Parker ohne Auto, Papiere und Geld irgendwo in der Provinz des US-Staats New York wieder. Die Polizei ist ihm hart auf den Fersen aber er hat Glück: Der arbeitslose Tom Lindahl hat die Nachrichten verfolgt und von der Verfolgungsjagd gehört. Die Anwesenheit eines erfahrenen Kriminellen sieht er als Wink des Himmels: Seit Jahren plant er die Rennbahn, für die er einst gearbeitet hat, bis man ihn feuerte, zu berauben. Da er den Mut nicht aufbringt, sucht Lindahl einen Komplizen. Diese Rolle übernimmt wohl oder übel Parker, der Geld für die Fortsetzung seiner Flucht benötigt.

Die Rennbahn wird ausgekundschaftet, der Coup geplant. Doch Schwierigkeiten stellen sich ein: Lindahl ist ein wankelmütiger Charakter, der bald bereut, sich mit einem eiskalten Verbrecher wie Parker zusammengetan zu haben. Die Polizei durchkämmt unerbittlich die Gegend und nagelt Parker fest. Dann tauchen auch noch die tumben Brüder Cal und Cory Dennison auf, die Parker nach seinem Phantombild als einen der flüchtigen Bankräuber erkannt haben und hartnäckig ihren Anteil an der längst verlorenen Beute fordern.

An Probleme gewohnt und entschlossen, sich an Lindahls Plan zu halten, treibt Parker den Überfall auf die Rennbahn voran. Wie es seine Art ist, trifft er gewisse Vorkehrungen für den Notfall, von denen sein Komplize nichts erfährt – eine kluge Entscheidung, denn am Tag des Raubs ist für alle Beteiligten reich an unerwarteten und manchmal mörderischen Überraschungen …

Ein unerwartetes Wiedersehen bereitet doppelte Freude

Deutsche Krimifreunde benötigen manchmal einen extrastarken Geduldsfaden: 30 Jahre hat es gedauert, bis hierzulande ein neues Abenteuer des hartgesottenen Berufsverbrechers Stark erschien! Zwar gönnte auch Verfasser Richard Stark 1974 seinem Anti-Helden eine 23-jährige Pause, doch seit 1997 ist Parker wieder aktiv – und seine Rückkehr auf dem hiesigen Buchmarkt überfällig!

Dem österreichischen Zsolnay-Verlag verdanken wir die unerwartete Wiederkehr. Inzwischen sind sämtliche ‚neuen‘ „Parker“-Romane seit 1997 erschienen; acht wurden es bis zum Tod des Verfassers 2008.

Richtig schwarz, d. h. schmerzhaft und provozierend an Regeln und Normen oder gar an Tabus kratzend, ist „Fragen Sie den Papagei“ nicht. Der 23. Parker-Roman bietet in erster Linie Unterhaltung. Stark schreibt schnell, routiniert oder besser ausgedrückt: ökonomisch. Seine kleine, gar nicht feine Geschichte hat er voll im Griff; kein Wunder, denn er leistet seinen Job nun seit mehr als einem halben Jahrhundert und versteht ihn. Literarische Höchstleistungen sind sein Anliegen nicht. Deshalb ist der ‚neue‘ Parker kaum anders als der ‚alte‘, der zwischen 1960 und 1974 sein Unwesen trieb.

Zeiten ändern sich, Menschen eher nicht

Dabei leugnet Stark nie die Tatsache, dass inzwischen das 21. Jahrhundert angebrochen ist. Es manifestiert sich vor allem, um Parker das ohnehin harte Leben als Verbrecher noch schwieriger machen: Die moderne Kommunikationstechnik hat der Polizei dank Handy, Computer und Internet ausgezeichnete Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten verschafft. Nicht einmal die 4.000 Dollar, die Parker von der Bankraub-Beute abzweigt, kann er verwenden, denn die Nummern der Geldscheine wurden elektronisch erfasst und die Liste im ganzen Land verbreitet.

Auch die Provinz ist technisch ‚aufgerüstet‘. Ein zuverlässiger Verbündeter ist Parker indes geblieben: Der Mensch ist sich seiner neuen Möglichkeiten nicht unbedingt bewusst. Straßensperren sind schnell organisiert, doch kontrolliert wird von gelangweilten Polizisten, denen der agile und abgebrühte Parker deshalb wieder diverse peinliche Schnippchen schlagen kann.

Parker ist ohnehin ein Überlebenskünstler. Das muss er auch sein, denn nach einem langen Leben als Verbrecher hat er es nie dauerhaft zu Geld gebracht. Immer wieder ist er deshalb zu neuen Überfällen gezwungen. Professionalität und Erfahrung sind ihm dabei nur bedingt hilfreich, da er in der Regel mit Komplizen arbeiten muss. Der Mensch ist auch als Gangster chronisch unzuverlässig, das hat Parker lernen müssen. Sein gefangen gesetzter Kumpan aus dem Bankraub singt wie eine Nachtigall, sobald die Polizei ihn am Schlafittchen hat. Der aktuelle Komplize ist sogar noch gefährlicher.

Verbrechen ist kein Job für Amateure

Tom Lindahl ist kein Verbrecher. Er dachte nur, er könne einer sein, nachdem ihm übel mitgespielt wurde. Ausgerechnet Parker führt ihm vor Augen, wie sehr er sich irrte. Ein echter Krimineller ist ein Mensch ohne die Skrupel, die den ‚normalen‘ Zeitgenossen im Angesicht gesetzlicher Vorschriften und moralischer Normen erfassen. Parker ist im Vergleich zu Lindahl ein Raubtier, wie diesem bald klar wird. Er hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, denn nachdem Parker die Chancen gesehen hat, die ihm Lindahls Partnerschaft beschert, gedenkt er diese keineswegs zu beenden.

Wie Parker auf gesetzestreue Bürger wirkt, demonstriert Stark im ersten Kapitel des dritten Buchteils. Bisher schrieb er aus Parkers Perspektive, nun lässt er Parker durch die Augen eines Mannes beobachten, der ihm in die Quere kam. Diesem Pechvogel und zugleich dem Leser wird klar, dass Parker sowohl ein krimineller Profi als auch ein Killer ohne psychopathische Züge ist: Wenn man sich ihm fügt, wird man überleben.

Natürlich sind auch die Dennison-Brüder Parker nicht wirklich gewachsen. Er kennt solche Männer, die eher dumm und brutal als kriminell sind, nur zu gut. Cal und Cory sind gefährlich aber sie haben keine Ahnung, wie dicht Parkers Hand am versteckten Revolver liegt, wenn er sich mit ihnen auseinandersetzt. Er wird ihn ohne Zögern benutzen, während sie drohendes Gerede und Imponiergehabe vorziehen.

Ein Bösewicht für alle

Wieso liegt ein Mensch, der so emotionsfrei und zweckgerichtet denkt, redet und handelt wie Parker, dem Leser so stark am Herzen? Es mag ein gewisser Neid dahinterstecken, der wiederum in der Sehnsucht wurzelt, wenigstens manchmal so ungerührt außerhalb der Normen zu agieren, die nicht immer nur Stütze, sondern oft Zwang und Bürde sind.

Außerdem gefällt die Professionalität, mit der Parker zu Werke geht. Wer leidet nicht manchmal unter der Knute inkompetenter Vorgesetzter, unter unerquicklichen Kollegen und anderen lästigen Zeitgenossen? Parker führt kein einfaches Leben, doch Kompromisse, die der Durchschnittsmensch im Alltag täglich eingehen muss, sind sein Ding definitiv nicht. Als Krimineller wirkt Parker wie ein Balletttänzer. Leichtfüßig und durchaus elegant bewegt er sich durch seine düstere Welt. Er weiß, was zu tun ist, überrascht mit unerwarteten aber zweckdienlichen Einfällen. In der Krise behält er die Nerven; er hat das alles mehr als einmal erlebt und bewahrt die Ruhe.

Parker ist durch und durch amoralisch. Ein Mörder ist er nicht, auch wenn diverse Leichen seinen Weg säumen. Er will und muss nicht töten aber er tut es, wenn es nötig ist, ohne sich darüber graue Haare wachsen zu lassen; es gehört zum Job. Lindahl fragt ihn, ob dies „Ganovenehre“ sei. Parkers Antwort: „Nein, ich meine, ein Profi ist ein Profi.“ (S. 254) So einfach ist das für ihn. Kein Wunder, dass es leicht fällt, Parker zu lieben, wenn man vor ihm als Leser in Sicherheit ist …

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch  war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert die Website www.donaldwestlake.com, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website.

Zur „Parker“-Reihe gibt es diese deutschsprachige Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Nach einem Raubzug auf der Flucht, muss Berufsverbrecher Parker in der US-Provinz mit sehr unsicheren Komplizen einen neuen Coup versuchen. Sorgfältige Planung löst sich im Chaos auf und sorgt für ein spektakuläres Ende … – Endlich ist Parker, Kultfigur des Gangsterkrimis, wieder mit neuen Abenteuern in Deutschland präsent. Er ist der alte Profi geblieben, der in kleine, schmutzige Verbrechen verwickelt wird und dem nicht selten am Ende nur das nackte Leben bleibt: ein angenehm altmodisches, spannendes, routiniert geschriebenes Lesevergnügen.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei ebook.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Irgendwann gibt jeder auf

Erstellt von Michael Drewniok am 30. Januar 2011

Richard Stark
Irgendwann gibt jeder auf

Originaltitel: Flashfire (New York : Mysterious Press 2000/London : Robert Hale 2002)
Deutschsprachige Erstveröffentlichung (Paperback): Juli 2010 (Paul Zsolnay Verlag)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
270 S.
ISBN-13: 978-3-552-05518-6

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Eben noch haben Melander, Carlson, Ross und Parker eindrucksvoll explosiv und hochprofessionell einen Banküberfall durchgezogen, als ein eklatanter Verstoß gegen vorab getroffene Vereinbarungen Komplizen in erbitterte Feinde verwandelt. Parker wird sein Anteil vorenthalten. Melander versucht ihn vergeblich für seinen Plan zu begeistern, mit der Beute aus dem Überfall einen neuen Coup zu finanzieren. In Palm Beach, Florida, steht ein Benefizverkauf von Schmuck an, dessen Wert auf 12 Mio. Dollar taxiert wird. Da die Stadt als Domizil der Reichen und Superreichen gilt, ist die Polizeipräsenz enorm. Nur wenige und gut überwachte Straßen führen aus Palm Beach heraus. Deshalb will Melander ein Strandhaus kaufen, in dem sich die Bande nach dem Juwelenraub verstecken kann, bis eine Flucht möglich wird.

Melander hätte Parker besser umgelegt, denn dieser plant Rache auf seine Art: Er will abwarten, ob dem Verräter-Trio der Streich glückt, um den drei Räubern anschließend die gesamte Beute abzunehmen und sie umzubringen. Um in Palm Beach ungestört Nachforschungen anstellen zu können, nimmt Parker eine neue Identität an. Zufällig gerät er dabei in einen Kleinkrieg, den der Passfälscher gegen einen paranoiden Gangsterboss führt, der Parker prompt auf die Liste zu beseitigender Gegner aufnimmt. Zu allem Überfluss fliegt Parkers Tarnung bei einer misstrauischen Immobilienmaklerin auf, und auch ein eifriger Polizist wird aufmerksam.

Dennoch kann nichts Parker aufhalten. Die Maklerin wird seine Komplizin, und den Schergen des Gangsterbosses kann er dank der unfreiwilligen Hilfe einer paramilitärischen Bürgerwehr entkommen. Allerdings geht Parker schwer angeschlagen in den finalen Kampf mit Melander und Co., der nicht nur deshalb trotz sorgfältiger Planung so schief geht, wie ein Plan nur schiefgehen kann …

Wer mit dem (Parker-) Feuer spielt …

In einen der spektakulärsten Coups seiner ohnehin nie ereignisarmen Laufbahn gerät der Berufskriminelle Parker nicht, weil er ihn geplant hätte. Eine Kette gewaltreicher Überfalle und Morde kommt nur deshalb zustande, weil Parker gelinkt wurde. Der Aufwand, den er treiben muss, um seine verräterischen Komplizen zur Rechenschaft zu ziehen, übersteigt den Wert des Beuteanteils, um den er geprellt wurde, bei weitem; kein Wunder, dass besagte Komplizen zunächst gar nicht fassen können, dass und wieso ihnen Parker so erbittert im Genick sitzt.

Doch sie haben einen der wenigen Grundsätze verletzt, denen Parkers Leben folgt, und es ist der wichtigste: Profis müssen sich aufeinander verlassen können. Vorsätzliche Verstöße gegen diese Regel werden von Parker mit dem Tod geahndet. Er kann und will Verrat nicht durchgehen lassen. Dies ist für ihn keine Frage von Ganovenehre, sondern dokumentiert einen Standpunkt. Deshalb steht für ihn nicht nur die Rache, sondern auch die Aneignung der Gesamtbeute auf dem Programm: Parker denkt ökonomisch. Womöglich gelingt den Verrätern der Überfall tatsächlich. Er hat kein Problem damit, abzuwarten und abzukassieren.

Verbrechen als Handwerk

Kriminalität ist dort, wo Parker und Melander ihrem Job nachgehen, kein Sport, sondern harte, gefährliche Arbeit. Jeder Coup wird gründlich geplant. Nie gibt es die Garantie des Erfolgs. Stattdessen drohen jederzeit Gefangennahme oder Tod. Die Beute muss mit den Kosten für die Vorbereitungen verrechnet sowie geteilt werden. Wahrscheinlich verdient Parker nicht besser als einer der Bankfilialleiter oder Juweliere, die er überfällt. Falls er darüber nachdenkt, wird uns das vom Verfasser nicht mitgeteilt. Vermutlich nimmt Parker es hin, weil er ist, wer er ist: ein Verbrecher, der seinen Job beherrscht. Auf seine Art ist er stolz darauf. Mehr scheint da nicht zu sein; jedenfalls zeigt uns Verfasser Stark nie einen privaten Parker. Die Konsequenz ist bewundernswert, der Entschluss klug, denn ein ‚menschlicher‘ Parker wäre wahrscheinlich ein langweiliger Parker.

Deshalb wirkt Parkers Reaktion auf den Verrat ebenso logisch wie sein Vorgehen. Wütend aber kaltblütig trifft er Vorbereitungen der speziellen Art. Um sich das notwendige Kapital für die Rache zu beschaffen, überfällt er effizient und brutal einen Waffenladen und ein Wettbüro und bricht in leer stehende Häuser ein: Er wird zum Fließbandarbeiter des Verbrechens, denn er hat einen Plan, und den zieht er durch.

Mit unvorhergesehenen Zwischenfällen rechnet er, mit ihnen wird er fertig. Nicht einmal in extremer Lebensgefahr verliert er die Nerven. Schwer verletzt und dem Tod kaum entronnen, nimmt er den Faden umgehend dort wieder auf, wo er unterbrochen wurde. Den Tod seiner ehemaligen Komplizen, die er nun seinerseits berauben wird, ist fixes Element seiner Planungen und wird emotionsfrei vorbereitet.

Absolut kein sympathischer Held

Nicht nur wer mit dem Teufel essen will, braucht einen langen Löffel. Parker kennt höchstens einen Menschen, der ihm etwas bedeutet – Claire Willis, die in gewisser Weise ebenso gefühlskalt wie er ist. Was er treibt, will sie nicht im Detail wissen, obwohl sie grundsätzlich im Bilde ist. Dagegen geht Leslie Mackenzie, eine frustrierte Maklerin, die ihrem alten Leben entfliehen will, ein gewaltiges Risiko ein, als sie Parker erstens durchschaut und sich ihm zweitens als Komplizin andient. Sie ahnt Parkers Standpunkt zwar, ist von seiner eisklaren Logik aber überfordert, sodass ihr lange nicht klar ist, auf welch dünnem Eis sie sich bewegt:

„Bis jetzt machte sie alles richtig. Sie gab ihm die Antworten, die er brauchte, und sie stellte selbst keine unnötigen Fragen. Sie versuchte nicht, sich aufzudrängen. Sie bewies Geduld. Das waren alles seltene Eigenschaften bei einem Amateur, und ihnen verdankte sie es, dass sie noch am Leben war.“ (S. 133)

Stark beschreibt Mackenzie als Person, die der Leser gut versteht. Sympathisch findet er sie allerdings nicht. Dieses Schicksal teilt sie mit sämtlichen Figuren dieses Romans. Das Parker-Universum wird durch Kälte gekennzeichnet. Auch außerhalb der kriminellen Kreise, in denen unser Anti-Held sich tummelt, bleibt diese Welt schlecht: Die High Society von Palm Beach wird von Stark spöttisch als verschworene Gemeinschaft einfach nur reicher Männer und Frauen charakterisiert. Der einzige Unterschied zu Parker besteht darin, dass die brutale Aneignung großer Geldsummen bereits Generationen zurückliegt. Vermögen altert in Starks USA wie Wein: Es lässt sowohl seinen Ursprung als simpler Traubensaft als auch die Herstellung vergessen. Politik und Gesetz ordnen sich dem Geld servil unter, weshalb Mitleid nicht aufkommen mag, wenn es gewaltsam seinen Besitzer wechselt.

Murphy’s Law und Parkers Gesetz

Wie für die Parker-Serie üblich gewinnt „Irgendwann gibt jeder auf“ Spannung nicht allein durch die nur scheinbar kunstlose Art, mit der Stark seinen Plot umsetzt. Stets kommt es zu Zwischenfällen, denn der Zufall lässt sich auch von mit allen Wassern gewaschenen Profis nicht ausschalten. Sobald für Parker endlich alles glatt zu laufen scheint, tritt er unweigerlich auf den Plan. Daraus ergeben sich nicht nur für die Hauptfigur, sondern auch und vor allem für den Leser spannende Momente.

Der Zufall als Element der Handlung ist ein labiler Bundesgenosse. Stark hält die Zügel fest in den Händen. Ihm glaubt man sogar, wenn der eine Zufall den anderen ablöst und dabei unerwartete Synergien entstehen, die dem Geschehen eine unerwartete Richtung geben. In diesem Sinn trifft der deutsche Titel sogar besser ins Schwarze als der blasse Originaltitel „Flashfire“. „Irgendwann gibt jeder auf“, philosophiert Stark auf Seite 138, als Parker zwischen zwei Killer eingeklemmt auf dem Weg in ein einsames Sumpfgebiet ist, das sein Grab werden soll. Nicht allein die Botschaft, sondern auch der der Witz besteht darin, dass Parker niemals aufgeben wird. Das Schicksal und Stark geben ihm recht, als in einer absurden aber keineswegs lächerlichen Szene die genannten Killer ahnungslos in ein ‚Manöver‘ durchgeknallter und schwerbewaffneter Möchtegern-Arier platzen lässt: Der Zufall ist launisch und spielt nicht nur Parker gern böse Streiche. Erzählerische Ökonomie und umso wirkungsvollere Überraschungen kennzeichnen die (aus sicherer Entfernung) erfrischend unmoralischen Romane des Richard Stark, von denen hoffentlich noch weitere ihren Weg nach Deutschland finden werden.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch  war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website.

Zur „Parker“-Reihe gibt es diese deutschsprachige Website.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Der Feind im Schatten

Erstellt von Werner Karl am 28. September 2010

Henning Mankell
Der Feind im Schatten
Wallander 10

Den orolige mannen, Schweden, 2009
Zsolnay Verlag, Wien, dt. Erstausgabe: 04/2010
HC mit Schutzumschlag, Krimi
ISBN 978-3-552-05496-7
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Titelgestaltung von David Hauptmann unter Verwendung einer Fotografie der Medusa Rondanini

www.zsolnay.at
www.mankell.de
www.wallander-web.de/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Mit „Der Feind im Schatten“ legt Henning Mankell den zehnten (die Kurzgeschichtensammlung „Wallanders erster Fall“ [u. a. dtv-TB 20700] mitgezählt) und letzten „Wallander“-Roman vor. Der schwedische Kommissar ist inzwischen sechzig und hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt, nämlich sich ein eigenes Haus gekauft – und einen Hund. In „Der Feind im Schatten“ wird er in einen Fall verwickelt, der sich in seiner Familie abspielt. Zwar wurde Wallander bereits in diversen früheren Romanen zum Ziel von Mördern, doch diese unmittelbare Betroffenheit ist für ihn neu (auch wenn sie im Genre natürlich ein gängiges Motiv ist – die US-amerikanische Autorin Sara Paretsky ist mit ihrer Privatdetektivin Vic Warshwaski ein schönes Beispiel).

Wallander wird zum Empfang anlässlich des 75. Geburtstages des pensionierten Korvettenkapitäns Håkan van Enke eingeladen, des Großvaters seiner Enkelin, die Wallanders Tochter Linda vor wenigen Wochen zur Welt brachte. Während des Empfanges berichtet van Enke von einer Episode aus seiner militärischen Laufbahn, nämlich von der Jagd auf fremde U-Boote, die Anfang der achtziger Jahre in die schwedischen Hoheitsgewässer eindrangen. Van Enke erhielt dabei den Befehl, die Suche abzubrechen – ein Vorgang, der ihn sein weiteres Leben beschäftigen sollte. Ein paar Tage verschwindet Håkan van Enke spurlos. Auf die Bitte seiner Frau nimmt Wallander (inoffiziell) die Ermittlungen auf und beginnt, das Leben des Ehepaares van Enkes aufzurollen.

„Der Feind im Schatten“ ist, was die Kriminalhandlung angeht, ein typischer „Wallander“-Roman. Wallander präsentiert sich erneut als leicht depressiver Ermittler mit einer pessimistischen Weltsicht, dessen Hartnäckigkeit, Detailversessenheit und Intuition ihn letztendlich das Geheimnis Håkan van Enkes lüften lässt, selbst wenn er zuvor – auch das ist nicht untypisch für Wallander – auf eine falsche Spur gelockt wurde. Genau wie in dem zweiten „Wallander“-Roman, „Die weiße Löwin“ (u. a. dtv-TB 20150), greift Mankell ein politisches Ereignis auf und benutzt es als Ausgangspunkt des Romans. Es mutet zwar etwas zufällig an, als sich Wallander an die Bekanntschaft mit einem ehemaligen Stasi-Offizier erinnert, der in Schweden politisches Asyl erhalten hat, doch weder der Autor noch die Leser dürften sämtliche Details aus dem Leben des schwedischen Kommissars kennen.

Mankell lässt in „Der Feind im Schatten“ auch das Leben Wallanders Revue passieren, wobei sein Privatleben verständlicherweise größeren Raum einnimmt als die Kriminalfälle, die er löste. Dabei wird der Roman etwas rührselig. Wallander begegnet Baiba wieder, der Frau, die er in „Die Hunde von Riga“ (u. a. dtv-TB 20194) liebte, die an Krebs erkrankt ist und in wenigen Monaten sterben wird, doch bereits nach wenigen Tagen bei einem Autounfall ums Lebens kommt. Wallander dichtet Mankell eine beginnende Alzheimererkrankung an (was bereits in dem Alter, das der Kommissar erreicht hat, nicht auszuschließen ist). Und hier leistet sich Mankell den nächsten unwahrscheinlichen Zufall, als Wallanders Haus nur deshalb der völligen Zerstörung entgeht, weil seine Tochter Linda einen Rauchmelder installieren und mit der Feuerwehrzentrale verbinden ließ – als hätte der Verlust von Wallanders Dienstwaffe in einem Restaurant zu Beginn des Romans nicht bereits ausgereicht …!

„Der Feind im Schatten“ ist ein typischer, empfehlenswerter Wallander-Roman und trotz aller Einwände ein würdiger Abschluss der Reihe. Es bot sich in der Tat an, den Roman im familiären Umwelt Wallanders anzusiedeln. Dass es Mankell nicht genügte, seinen Kommissar schlicht und mit dem einen oder dem anderen Schicksalsschlag weniger in Pension gehen zu lassen, werden seine Leser akzeptieren müssen (und können).

Copyright © 2010 by Armin Möhle (armö)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Das grosse Gold

Erstellt von Michael Drewniok am 8. Februar 2010

stark-21-gold-coverRichard Stark
Das große Gold

Originaltitel: Breakout (New York : Mysterious Press 2002/London : Hale 2003)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutschsprachige Erstveröffentlichung: Oktober 2009 (Zsolnay Verlag)
285 S.
ISBN-13: 978-3-552-05480-6

Das geschieht:

Der Einbruch in mit wertvollen Medikamenten gefülltes Lagerhaus endet für Parker und seine Bande denkbar unglücklich: Sie landen im Stoneveldt Detention Center, einer Anstalt für Häftlinge in Untersuchungshaft. Parker versteckt sich hinter einer falschen Identität, die keinesfalls auffliegen darf, da seine Karriere als Berufsverbrecher, der bisher durch die Maschen der Justiz schlüpfen konnte, sonst beendet wäre. Bevor er vor Gericht gestellt und anschließend in ein ‚richtiges‘ Gefängnis verlegt wird, will Parker deshalb ausbrechen.

Über seinen Pflichtverteidiger stellt Parker den Kontakt zu einem verlässlichen Kontaktmann her. Ed Mackay wird für ein Gelingen der Flucht sorgen, sobald er ‚draußen‘ ist. Hinter den Mauern schaut Parker sich nach brauchbaren Spießgesellen um. Er findet seinen Zellengenossen Williams sowie Tom Marcantoni – harte Männer, die eine lebenslange Gefängnisstrafe fürchten müssen und bereit sind, das Risiko eines Ausbruchs einzugehen. Doch Marcantoni stellt eine Bedingung: Wenn die Flucht gelingt, sollen Parker und Williams einen Juwelenraub mit ihm durchziehen.

Widerwillig schlägt Parker ein. Immerhin glückt der Ausbruch reibungslos. Zudem wirkt Marcantonis Plan narrensicher. Zwar wird der begehrte Schmuck in einem uralten Zeughaus der US-Army aufbewahrt, doch vor Jahren hat Marcantoni einen unbekannten Geheimgang entdeckt. Den nutzt die neu formierte Bande, um ins Innere vorzudringen. Doch das Pech bleibt Parker treu: Der Rückweg ist versperrt, und die Einbrecher sehen sich plötzlich in einem Haus gefangen, das wie eine Festung gebaut wurde. Jetzt ist guter Rat teuer, denn die Zeit und die Polizei, die auf den Straßen nach den Ausbrechern fahndet, drängen. In höchster Not wird ein Plan geschmiedet, doch der zeigt in der Umsetzung gefährliche Lücken …

Job mit hohem Risiko

Nicht zum ersten Mal muss Parker die Erfahrung machen, dass gute Leute auch in seinem Milieu schwer zu finden sind. Als hart arbeitender Berufsverbrecher ist er in dieser Hinsicht schon oft enttäuscht worden. Bisher führte das zu misslungenen Coups und aufregenden Fluchten; mehrfach fing sich Parker sogar eine Kugel ein oder musste andere Verletzungen überstehen. Dieses Mal kommt es jedoch zum Super-GAU: Parker wird gefasst und kommt hinter Gitter!

Genau das wollte und musste er vermeiden, denn sein Erfolg beruht neben der Professionalität als Verbrecher auf seiner Anonymität. Mit großem Aufwand schlägt Parker einen Bogen um alles, das ihn ins Getriebe des Systems saugen könnte. Im digitalen 21. Jahrhundert ist das eine echte Herausforderung geworden, doch Parker zahlt gern jeden Preis für seine Namenlosigkeit. Nur ihr verdankt dieses Mal die Möglichkeit, seinem Gefängnis zu entkommen, weil seine Häschern schlicht nicht ahnen, welcher dicke Fisch ihnen da ins Netz gegangen ist.

Das kann nur gelingen, weil Parker ungeachtet der brisanten Situation die Nerven behält. Er nimmt es, wie es kommt, denn Professionalität ist auch im Gefängnis der Schlüssel zum Erfolg, der hier das Entkommen bedeutet. Parker wartet ab, taxiert seine Mitgefangenen, die Wärter, die Polizeibeamten, die ihn vernehmen, sucht nach Schwachstellen im Alltagsgefüge des Gefängnisses. Schnell hat einen Plan entwickelt, der sich an den Realitäten orientiert. Sämtliche Risiken sind nicht ausgeschaltet, aber Parker minimiert sie.

Drückt dem Bösewicht die Daumen!

Der Mensch tendiert dazu, um den Schwächeren zu bangen, der sich anschickt, einem übermächtigen Gegner die Stirn zu bieten. Das schließt sogar diejenigen Zeitgenossen ein, die sich wie Parker den Zorn des Gesetzes völlig zu Recht zugezogen haben. Offenbar projiziert man sich automatisch in die Rolle des Opfers, das man deshalb gern dabei beobachtet, wie es sich der Falle entwindet. (Anders denken natürlich jene Leser, die bereits von einem der Parkers dieser Welt ausgeraubt wurden …)

Je aussichtsloser die Flucht, desto reizvoller wird der Versuch, es trotzdem zu versuchen. Der normale Leser wird im Gefängnis jede kriminelle Initiative verlieren und sich dem System unterordnen. Parker denkt nicht eine Sekunde so. Er sieht in den Schranken, die ihn zurückhalten sollen, vor allem die Möglichkeiten. Intelligenz und Entschlossenheit sind stärker als Stahlgitter: Wird das so clever umgesetzt wie von Richard Stark, ist das stets ein sicherer Garant für Spannung.

Zumal dieses Mal Ort und Zeit nicht nur einmal gegen Parker sind. Gleich dreimal gilt es, sich selbst oder andere Gefangene zu befreien. Geschickt schürt Stark die Spannung, indem er die Handlung durch Abläufe bereichert, die Parker nicht kontrollieren kann. Im Hintergrund stellen scheinheilige Bürger, skrupelarme Polizisten und simple Verräter ihre Fallen auf. Ein Rädchen greift ins andere, und die Maschinerie, die Parkers Schicksal besiegelt, scheint schnell so rund zu laufen, dass ein Entkommen ausgeschlossen scheint.

In der Ruhe liegt die Kraft

Aber so denkt erneut nur der von der Situation überforderte Amateur-Straftäter. Parker setzt einen Fuß vor den anderen und bleibt geduldig. Hindernissen stellt er sich, wenn sie auftauchen, statt sich vorab verrückt zu machen. Rückschläge gehören zu seinem Leben. Deshalb ist ihm klar, dass er selbst nach einer gelungenen Flucht nicht frei ist: Er hat sich der Unterstützung von Männern versichert, die für ihre Leistungen einen Preis fordern werden. Als Profi kalkuliert Parker dies ein; er denkt gar nicht daran, seine Partner zu betrügen.

Dabei geht es ihm keineswegs um Verpflichtung oder gar Freundschaft, denn so ist Parker nicht gestrickt. Stattdessen kalkuliert er eiskalt: Wenn er jetzt nicht bei seinen Kumpanen bleibt, werden sie ihn später ignorieren, sollte er ihre Hilfe dringend benötigen. Nur das hält ihn bei der Stange, den Parker interessiert sich letztlich nur für Parker. Ein sozial kompetenterer Mann wie Williams erkennt das und wünscht sich sogar, wie Parker zu sein, den seine Teflon-Persönlichkeit zum ideal funktionierenden Verbrecher aufwertet.

Die Spannung steigt, wenn sich sämtliche Geschicke gegen die Gauner zu verschwören scheinen. Mit perfider Beiläufigkeit sorgt Verfasser Stark dafür, dass der Leser sich wie selbstverständlich auf Parkers Seite schlägt, obwohl dieser nicht nur flüchtet und raubt, sondern auch mordet und Zeugen einschüchtert. Der Reiz liegt wohl in der unglaublichen Zielgenauigkeit, mit der Parker sich auf jede noch so hoffnungslose Situation einzurichten versteht.

Auf seine Weise ist Parker außerdem konsequent. Seine neuen Spießgesellen mobilisieren eigene Kontakte, um sich über ihn zu informieren. Was sie erfahren, stimmt mit dem überein, was der Leser über Parker weiß: Er ist ein Profi, auf den man sich bedingungslos verlassen kann; sollte man ihn allerdings zu linken versuchen, wird er brutal zurückschlagen. Verrat nimmt Parker nicht unbedingt persönlich, sondern er ahndet ihn, um ein Zeichen zu setzen. Damit wird sogar der Mord an einem Verräter zur Investition in die Zukunft: Marcantoni denkt nicht daran, Parker zu betrügen.

Aller schlechten Dinge sind drei

Auf seine beinahe zen-buddhistische Ruhe muss Parker sich dieses Mal wie gesagt stärker denn je stützen. Seit jeher leiden seine Unternehmen unter der Tücke des Objekts. Nüchtern unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet ist Parker kein besonders erfolgreicher Verbrecher. Er kommt zurecht, aber oft zahlt er drauf. „Das große Gold“, das der deutsche Titel fälschlich in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, ist für Parker wertlos, obwohl er es schon in den Händen hält. Stattdessen kann er froh sein, wenn er sein nacktes Leben rettet.

Der Originaltitel „Breakout“ beschreibt viel exakter, worum es in diesem 21. Parker-Abenteuer geht: Dreifach variiert steht der trickreiche Kampf um die Freiheit im Mittelpunkt der Handlung. Parker zieht sämtliche Register seines kriminellen Handwerks und offenbart ein erstaunliches Repertoire, das offene Gewalt ebenso einschließt wie psychologisches Geschick.

Geschildert wird das komplexe und geschickt entwirrte Geschehen im typischen Stark-Stil, d. h. in trügerisch simplen Worten und Sätzen. Der Verfasser scheint mit jedem Wort zu kämpfen. Tatsächlich teilt er uns präzise mit, was wir wissen müssen, und erspart uns das im modernen Krimi üblich gewordene Geschwafel. Hin und wieder wechselt Stark die Erzählperspektive; plötzlich erleben wir Parker aus der Sicht der Menschen, die mit ihm zu tun haben. Das verstärkt seine Außenseiter-Stellung, während wir gleichzeitig unauffällig mit zusätzlichen Informationen versorgt werden, für die nun eine Weile die in den Fokus geratenen Figuren geraten. Parker bleibt dabei verschlossen wie eine Auster.

Ob er unter seiner Schale überhaupt ein ‚normales‘ Seelenleben verbirgt, bleibt auch dieses Mal (zum Glück) wieder offen. Mit dem nächsten Bruch beginnt Parker wieder am Nullpunkt. Die wirre deutsche Veröffentlichungsgeschichte der „Parker“-Thriller verdeutlicht das unfreiwillig: Obwohl die Bände unter Missachtung der chronologischen Reihenfolge erscheinen, macht sich dies nicht negativ bemerkbar, da Parkers Biografie so wenige Fixpunkte kennt. In Erwartung weiterer unterhaltsamer Abenteuer dringen wir daher gern tiefer in Parkers kriminelle Vergangenheit vor.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch  war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert die Website www.donaldwestlake.com, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website.

Ganz neu und zum Neustart der „Parker“-Reihe entstanden ist eine deutschsprachige Website. (3xPRT)

Titel bei buch24.de

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
.
www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
.
Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
.
Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
.
Die Gewinner der Preisrätseltitel:
.
1.Georg Johannsen
2.Hauke Hadlaczki
3.Frank Kunath
.
Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Das Geld war schmutzig

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Dezember 2009

stark-parker-24-geld-coverRichard Stark
Das Geld war schmutzig

Originaltitel: Dirty Money (New York : Grand Central Publishing 2008/London : Quercus 2009)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutschsprachige Erstveröffentlichung: Juli 2009 (Paul Zsolnay Verlag)
254 S.
ISBN-13: 978-3-552-05479-0
Als Audiobuch: Juli 2009 (Jumbo Neue Medien)
4 CDs, gelesen von Dietmar Wunder
268 min.
ISBN-13: 978-3-8337-2495-4

Das geschieht:

Nach einem nur teilweise gelungenen Überfall in der Provinz des US-Staates Massachusetts mussten die Gangster Parker, McWhitney und Dalesia 2,2 Mio. Dollar in einer verlassenen Kirche verstecken und flüchten (“Keiner rennt für immer” und “Fragen Sie den Papagei“). Dalesia wurde zunächst gefasst, konnte aber der Polizei entkommen, wobei er einen Beamten erschoss. Die Fahndung läuft deshalb auf Hochtouren. Parker steckt finanziell in der Klemme und will die Beute auf jeden Fall bergen. Trotz der Allgegenwart der Polizei ist Partner McWhitney bereit mitzutun.

Parker kehrt nach Massachusetts zurück, wo die Dinge umgehend außer Kontrolle geraten: Sandra Loscalzo, eine Kopfgeldjägerin, deren Partner Parker mit tödlichen Folgen in die Quere gekommen war und die Parker und McWhitney identifizieren könnte, drängt in die Bande und verlangt einen Beuteanteil. Detective Gwen Reversa von der Staatspolizei, die Parkers Gesicht ebenfalls kennt, ist wider Erwarten immer noch vor Ort. Terry Mulcany, ein Journalist, dem Parker zufällig in die Arme lief, hat ihn auf einem Fahndungsplakat gesehen. Die Polizei beginnt, alle leerstehenden Gebäude der Region nach der Beute zu durchsuchen. Und immer noch frei aber zunehmend verzweifelt sucht Dalesia nach einer Chance zu entkommen.

Der ursprünglich einfache Plan, der den Abtransport des Geldes praktisch unter den Augen der Gesetzeshüter vorsah, muss ständig modifiziert werden. Trotzdem kommt es immer wieder zu nicht kalkulierten Zwischenfällen, die mit Einfallsreichtum oder Gewalt gemeistert werden müssen. Dass die Seriennummern des Beutegeldes bekannt sind, die Scheine damit “schmutzig” und zu “waschen” sind, ist ein weiteres Hindernis, hinter dem neue Nutznießer lauern, die scharf auf die Millionen sind. Doch sie haben alle ihre Rechnung ohne Parker gemacht, den man besser nicht aufs Kreuz legt …

Von Löwen und Hyänen

Als Abschluss gibt es eine Trilogie – oder ein Triptychon, wie Autor Stark die letzten drei Parker-Romane lieber bezeichnet sehen möchte, denn wie der deutschsprachige Leser dank des Zsolnay-Verlags, der den 23. vor dem 22. (aber beide immerhin vor dem 24.) Band herausgab, unfreiwillig feststellen durfte, folgen die Parker-Abenteuer 22 bis 24 zwar einem zentralen Handlungsstrang, sind aber in sich abgeschlossen. Trotzdem ist das Lektürevergnügen eindeutig größer, wenn die Reihenfolge gewahrt bleibt.

Ein letztes Mal vor seinem überraschenden Tod am Silvestertag des Jahres 2008 entwirft Richard Stark ebenso routiniert wie gelungen eine Gaunergeschichte, die ihre Spannung aus einer endlosen Kette unerwarteter Ereignisse bezieht. Schon die Ausgangssituation ist verfahren, und das wird sich keineswegs ändern. Sobald Parker eine Hürde genommen hat, tauchen mindestens zwei neue Hindernisse vor ihm auf.

Parker bleibt Profi. Er behält die Ruhe, die zusammen mit seiner Erfahrung die Lösung bringt. Notfalls aktiviert er sein drittes Talent und tötet – nüchtern, ohne Freude, ohne Bedauern. Es wird getan, was zu tun ist. Genau deshalb obsiegt Parker dort, wo seine in der Regel weniger disziplinierten Kumpane auf der Strecke bleiben.

Wenn Parker ein Löwe in seinem Milieu ist, muss er auf die Hyänen in seinem Rücken achten. Sie wagen sich wohl nicht an möglicherweise gefährliche Beute, haben aber keine Skrupel, sie dem Jäger nachträglich abspenstig zu machen. Da kein Geheimnis schlechter gewahrt bleibt als eine scheinbar herrenlose Beute, bereiten die lieben Kollegen Parker schnell größeren Verdruss als die Polizei.

Kleine Ursache, große Wirkung

Das beste Versteck präsentiert seinen Inhalt offen, sodass alle suchenden Blicke quasi daran abgleiten. Parker ist ein Meister dieses Prinzips. Er tüftelt nicht nur einen Plan aus, die Beute unter den Augen einer allgegenwärtigen Polizei zu bergen, sondern ist flexibel genug umzudisponieren, wenn dies notwendig wird. Diese Fähigkeit muss er dieses Mal besonders häufig unter Beweis stellen.

Wie der Coup trotz der widrigen Umstände gelingt, MUSS man einfach lesend verfolgen. Obwohl Stark den Handlungsfaden in viele Stränge zerfasern lässt, behält er immer die Kontrolle. Da wirkt es nicht einmal unrealistisch, wenn er den Zufall nicht nur bemüht, sondern ihn zeitweise regieren lässt – und dies betrifft alle Beteiligten. Wieso sollte immer nur Parker alles schiefgehen? Also stellt sich die Polizei manchmal selbst kalt, lässt sich ausspielen oder erscheint ahnungslos nur Minuten zu spät auf der Bildfläche.

Dennoch würde Parker ohne Rückendeckung scheitern. Dauerfreundin Claire will zwar nicht über Details informiert werden, leistet aber dieses Mal ihren Beitrag beim Austricksen diverser Gegner sowie des Gesetzes. Eher unsichere Kandidaten sind dagegen Bandenkumpel McWhitney und die undurchsichtige Kopfgeldjägerin Loscalzo. Parker kann sich nie sicher sein, ob sie ihm nicht in den Rücken fallen. Allerdings richtet er sich danach, denn dieses Arbeitsklima ist er gewöhnt.

Ist das eine Problem gelöst …

Mit der ebenso unauffälligen wie spektakulären Bergung der Beute beginnt ein völlig neuer Handlungsstrang. Der Ort des Geschehens wechselt von Massachusetts nach New York City. Gaunerarbeit ist – Stark lässt daran keinen Zweifel aufkommen – vor allem Arbeit. Der Profit ist meist gering, und immer musst du teilen; zwar nicht mit der Steuer, aber in diesem Fall mit den Geldwäschern, denn die so mühsam geretteten Millionen sind “heiß”. Nur ein Zehntel wird Parker und seinen Spießgesellen bleiben. Sie nehmen es gelassen hin, denn auch das gehört zum kriminellen Arbeitsalltag.

Die Suche nach einem Geldwäscher rührt den kriminellen Bodensatz in Parkers Umfeld noch einmal gewaltig auf. Erneut tauchen Hyänen auf, und dieses Mal gehören sie zu denen, die Parker offen verachtet: schießwütige Anfänger und Dilettanten, die ihm, dem Profi, nicht wirklich etwas entgegenzusetzen haben. Mit brutaler Eleganz bringt Parker den Spagat zwischen Geldwäsche und der Abwehr der Konkurrenz zu einem (für ihn) guten Ende.

Ein Happy-End gibt es nicht. Parker wird weitermachen wie bisher, aber das können wir nur annehmen. “Das Geld war schmutzig” ist Parkers Abschiedsvorstellung. Auf den letzten Seiten setzt er einen Möchtegern-Räuber außer Gefecht, der McWhitney gefoltert hat. Er überlässt ihn gefesselt dem befreiten Kumpan. Als der Gauner ängstlich anmerkt, dass der wütende McWhitney ihn am nächsten Morgen umbringen werde, lautet Parkers lakonische Antwort: “Dann hast du ja noch die ganze Nacht.” Das werden seine letzten Worte bleiben, aber könnte es einen besseren Abgang geben?

Autor

“Richard Stark” ist einer von mehreren Künstlernamen des Thrillerprofis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch  war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. “The Mercenaries” (dt. “Das Gangstersyndikat”); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. “The Hunter” (dt. “Jetzt sind wir quitt”/”Payback”) verfasste Westlake als Richard Stark. “Richard” borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, “Stark” suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte “Richard Stark” neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt “The Hunter” als “Point Blank”. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen “Walker” trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu “The Grifters” (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. Über sein Leben und Werk informiert eine Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den “Parker”-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website.

Zum Neustart der “Parker”-Reihe entstand eine deutschsprachige Website.

[md]

Titel bei Amazon.de (Buch)
Titel bei Amazon.de (Audiobook)

Abgelegt unter Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Allisons Haus/Tor zur Hölle

Erstellt von Michael Drewniok am 30. November 2009

konvitz-tor-zur-hoelle-coverJeffrey Konvitz
Allisons Haus/Tor zur Hölle

Originaltitel: The Sentinel (New York : Simon & Schuster 1974)
Übersetzung: Ilse Winger
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel "Allisons Haus"]: 1976 (Paul Zsolnay Verlag)
326 S.
ISBN-13: 978-3-552-02823-4
Lizenzausgabe für diverse deutsche Buchclubs [unter dem Titel "Tor zur Hölle"]: 1976
320 S.
[keine ISBN]
(sfbentry)

Das geschieht:

Das psychisch labile Fotomodell Allison Parker kehrt nach New York City zurück, nachdem sie vier Monate den verhassten Vater bis zu dessen Tod gepflegt hatte. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Anwalt Michael Farmer, möchte sie nicht gemeinsam in einer Wohnung leben. Allison sucht sich ein eigenes Appartement, das sie in einem alten, aber gepflegten Backsteingebäude an der 89. Straße findet.

Die Freude über die schöne Unterkunft wird durch die seltsamen Nachbarn gestört. Friedlich ist Pater Matthew Halliran, der senil, blind und taub in seiner Wohnung dahinvegetiert. Nett findet Allison den ältlichen Mr. Charon, unheimlich sind ihr dagegen Gerde und Sandra, zwei aggressive Lesben, die auch von den übrigen Mietern geschnitten werden. Zu denen gehören die schweigsame Mrs. Clark sowie die fettleibigen Zwillingsschwestern Emma und Lillian Klotkin, die Mr. Charon Allison im Rahmen einer kleinen Party vorstellt.

Während Allison beruflich schnell wieder Fuß fasst, lässt ihre Gesundheit sie im Stich. Ohnmachtsfälle suchen sie heim, und sie meint Schritte in den leeren Appartements ihres Wohnhauses zu hören. Michael ist keine Hilfe, denn er glaubt an eine Nervenkrankheit. Bestätigt sieht er sich darin, als sich herausstellt, dass Allison und Pater Halliran die einzigen Bewohner des Hauses sind, Mr. Charon und die übrigen Mieter also gar nicht existieren.

Allisons Wahnvorstellungen verstärken sich. Eines Nachts glaubt sie, von ihren aus dem Grab gestiegenen Vater heimgesucht zu werden, den sie in ihrer Angst ersticht. Die Polizei findet keine Leiche, aber Inspektor Glatz reißt den Fall an sich, als er von Michael erfährt: Vor Jahren hat er ihn verdächtigt, seine Ehefrau ermordet zu haben. Beweisen konnte Glatz es nie, und als er Michael keinen Frieden ließ, wurde er degradiert und versetzt. Jetzt sieht Glatz den Tag der Rache gekommen …

Alter Teufel in moderner Welt

Roman Polanski hat es spätestens 1968 mit “Rosemary’s Baby” aufgedeckt: Satan lockt heute nicht mehr geistesarme Landeier mit Bocksfuß und Hörnern auf Abwege (und in die Hölle), sondern ist längst in der modernen Gegenwart angekommen. Mit einer Tücke, die auch den misstrauischen Stadtmenschen einlullt, setzt er seine Übeltaten unvermindert fort. Da “Rosemary’s Baby” überaus erfolgreich war, variierten in den nächsten Jahren weitere Filme das Thema. “Der Exorzist” (1973) und “Das Omen” (1976) wurden echte Blockbuster, und selbstverständlich reagierte auch das B-Kino begeistert auf den Input aus dem runderneuerten Reich des Bösen.

Die Unterhaltungsliteratur griff das Motiv ebenfalls auf. Der “urban horror” war hier als Subgenre bereits älter, der Teufel und das Grauen schon lange nicht mehr auf einsame Landhäuser, Friedhöfe oder andere verwunschene Stätten angewiesen. Der Horror hatte sich jedoch nur vorsichtig in die Städte gewagt; Dämonen schienen fehl am Platz in einer Welt zu sein, die sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Hochtouren läuft.

Jeffrey Konvitz beweist in “Allisons Haus” (bzw. “Tor zur Hölle”, wie das Buch für die deutsche Neuausgabe umgetitelt wurde), dass sich Alt und Neu ausgezeichnet kombinieren lassen. Als Buch (und als Film; dazu s. u.) ist dieser Roman im Vergleich zu den eingangs genannten Werken in Vergessenheit geraten, obwohl er ein wichtiger Beiträgen zum “urban horror” ist.

Auch der Gegner schläft nicht

Während der vom Bösen getroffene Stadtmensch lange Zeit nicht glauben kann, was oder wer ihm da im Genick sitzt, ist die Kirche schon weiter. Gern als konservative und unbewegliche Institution gescholten, bietet die Zeitlosigkeit ihrer Struktur den besten Schutz gegen den Teufel und seine Scharen. Seit es sie gibt, geht die Kirche gegen ihre höllischen Feinde vor. Den seit Jahrhunderten währenden Kampf führt sie auch in der Gegenwart aber inzwischen unter Ausschluss einer Öffentlichkeit weiter, die nur noch singulär an die Existenz des leibhaftigen Bösen glauben mag.

Das Vorhandensein eines Portals zwischen der realen Welt und der Hölle, das stets sorgfältig bewacht sein will, weil von ‘unten’ unerfreuliche Kreaturen ins Freie drängen, wird von Konvitz klug in das städtische Umfeld transponiert. Während der Teufel auf psychologische Kriegführung setzt, bedient sich die Kirche der Manipulation. Dabei werden auf beiden Seiten alle Register gezogen. Die Gegner gleichen einander nicht nur in der Wahl ihrer Mittel.

Die traditionellen Hüter der städtischen Ordnung bleiben dagegen außen vor. Wie in “Der Exorzist” oder “Das Omen” ist die Polizei mit der Akzeptanz übernatürlichen Wirkens überfordert. Inspektor Glatz begreift erst sehr spät und dann nur ansatzweise, was in dem alten Backsteinhaus vorgeht, in dem Allison ihrem Schicksal begegnet. Bis es soweit ist, spult er sein erlerntes Ermittlungsprogramm ab und setzt seine Privatfehde mit Michael Farmer fort. Irgendwann gibt er auf; diesen Fall wird er nicht aufklären, weil er rational nicht zu lösen ist. Die Wahrheit, auf die Glatz keinen Zugriff hat, wird im Kirchenarchiv verschwinden.

Der furchtbare Weg der Erkenntnis

Während Glatz zwar unzufrieden aber wenigstens unbeschadet zurückbleibt, bezahlen Allison und Michael den hohen Preis für ein Wissen, das sie notgedrungen überfordert. Vor allem Allison hat nie eine Chance. Warum dies so ist, wird von Konvitz sinnreich entwickelt; es wäre verlockend aber ungerecht, das an dieser Stelle aufzulösen. Klar wird wiederum: Die Schlichen der Kirche sind mindestens ebenso ausgeklügelt wie die des Teufels.

Allison ist als Fotomodell der Inbegriff mondänen Chics und schon deshalb kaum die ideale Wächterin am Höllenportal. Genau dies ist der Eindruck, den Konvitz erwecken will. Der Schockeffekt tritt im “urban horror” gern gedoppelt auf: Erst wird dem Leser die schockierende Wahrheit enthüllt, dann gehen die ahnungslosen Figuren auf eine Höllenfahrt.

Michael ist die Verkörperung der Ratio. Während Allison die Linie schon überquert hat, bleibt er unerbittlich vernünftig: Kein Beweis, kein Teufel! Wie wir Leser erst spät (und erneut klug von Konvitz eingefädelt) erfahren, hat er seine Gründe, an die Macht des Beweises zu glauben. Wie ein Detektiv geht Michael das Problem an, hat als kluger Mensch aber gleichzeitig DIE grundsätzliche Erklärung für Allisons Verhalten parat: Der Schrecken ist eingebildet und entspringt einem wohl kranken Hirn. Hier spricht die Wissenschaft, die den Teufel und andere Kreaturen des Jenseits’ ins Reich des Aberglaubens verbannt hat.

Mehr als drei Jahrzehnte später bleibt “The Sentinel” eine in ihren zeitgenössischen Details leicht angestaubte aber immer noch spannende Geschichte mit konsequent düsterem Finale. (1979 folgte eine – aufgrund des Erfolgs vermutlich unvermeidbare – Fortsetzung: “The Guardian”.)

konvitz-tor-zur-hoelle-sentinel-filmplakat-1977-dt“The Sentinel” – der Film zum Buch

Der große Erfolg des Buches ließ Hollywood zugreifen, zumal sich inhaltlich ähnliche Filme wie “Rosemary’s Baby”, “Der Exorzist” oder “Das Omen” als ungemein erfolgreich, sprich profitträchtig erwiesen hatten. Jeffrey Konvitz selbst schrieb das Drehbuch zum “Sentinel”-Film, der 1977 unter der Regie von Michael Winner entstand.

Dieser in Deutschland “Hexensabbat” betitelte Streifen gehört zu den Kuriosa der Filmgeschichte. Winner war ein Regisseur mit erstaunlichen handwerklichen Fähigkeiten und einer Vorliebe für drastische Inszenierungen. In den 1970er und frühen 80er Jahre wurde im Zuge der (kurzen) Liberalisierung, die im US-Film unter der Bezeichnung “New Hollywood” subsummiert wird, der Einsatz krasser Effekte auch im Mainstream-Kino möglich. Es entstanden Filme, die nur wenige Jahre später so keineswegs mehr möglich gewesen wären bzw. ins B-Movie-Getto abgedrängt wurden.

“The Sentinel” gehört zu den seltsamen Grenzgängern dieser interessanten Phase. Der Film ist sorgfältig mit allen beachtlichen Mitteln, über die das klassische Hollywood verfügt, in Szene gesetzt. Die Liste der Darsteller liest sich wie ein “Who’s Who” der Filmhistorie: John Carradine, Ava Gardner, Eli Wallach, Christopher Walken, Burgess Meredith, Martin Balsam, Beverly D’Angelo, José Ferrer, Arthur Kennedy … Die Liste ist keineswegs vollständig.

Gleichzeitig setzt Winner Gewalt und Sex mit einer Wucht ein, die man in einem Film mit dieser Besetzung nie vermuten würde. Berüchtigt wurde u. a. seine Entscheidung, die lebenden Toten, die aus dem Höllenportal stürmen, durch körperlich tatsächlich behinderte und entstellte Menschen mimen zu lassen. Insgesamt entstand ein Film, der zwar sein Alter nicht verleugnen kann, aber ob seiner gleichzeitig gelackten und ‘schmutzigen’, unter die Oberfläche (und Haut) dringenden Machart und der daraus resultierenden Wirkung noch heute Unbehagen einflößt.

Autor

Jeffrey Konvitz wurde 1944 in New York geboren. Er studierte Jura, begann aber schon früh Romane und Drehbücher zu schreiben. Sein größter Erfolg wurde 1974 der Horrorroman “The Sentinel”, der drei Jahre später verfilmt wurde. Bereits in den 1980er Jahren beendete Konvitz seine Schriftstellerlaufbahn. Er verlegte sich auf die Produktion von Spielfilmen. Zu denen dank seiner Tätigkeit möglich gewordenen Filmen gehören Machwerke wie “Cyborg 2″ oder “2001 – A Space Travesty”, aber auch solide Thriller wie “The Flock”.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Horror, Mystery, Phantastik | Keine Kommentare »