Long Dark Night

Ed McBain
Long Dark Night
(87. Polizeirevier, Bd. 48)

Originaltitel: Nocturne (New York : Grand Central Publishing 1997)
Übersetzung: Uwe Anton
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2000 (Europa Verlag)
352 S.
ISBN-13: 978-3-203-80025-7

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Das geschieht:

Eine ganz normale Nacht in der US-amerikanischen Metropole Isola. Die Detectives Carella und Hawes vom 87. Polizei-Revier arbeiten in der ungeliebten Nachtschicht, als sie an den Ort eines Mordes gerufen werden. Die 83-jährige Svetlana Dyalovich ist erschossen worden. Einst eine berühmte und gefeierte Klavier-Virtuosin, hauste sie jetzt in einem heruntergekommenen Appartement, lebte mehr schlecht als recht von der Fürsorge und betäubte sich mit billigem Fusel, um ihr trostloses Dasein und ihre Arthritis-Schmerzen zu ertragen.

Die Spuren deuten auf einen Raubmord hin, doch wer sollte eine alte, mittellose Frau überfallen? Noch wissen die Detectives nicht, dass Svetlana sehr wohl recht vermögend war. 125.000 Dollar hat sie gehortet, die nach ihrem Tod ihre Enkelin Priscilla, eine leidlich erfolgreiche Bar-Sängerin, erhält. Ein Bote soll ihr den Umschlag mit dem Geld überbringen; es ist derselbe Mann, nach dem Carella und Hawes inzwischen als Tatverdächtigen fahnden.

Zur selben Zeit sieht sich Detective Oliver „Fat Ollie“ Weeks vom 88. Revier mit dem grausamen Mord an einer Prostituierten konfrontiert. Als der Beamte nach Tatverdächtigen sucht, findet er den Zuhälter der jungen Frau ertrunken in seiner Badewanne; davor liegt mit durchgeschnittener Kehle ein bekannter Drogen-Dealer. Was auf den ersten Blick wie ein Streit zwischen Verbrechern aussieht, entpuppt sich als Doppelmord.

Priscilla stellt zu ihrem Missvergnügen fest, dass von dem Erbe ihrer Großmutter nur 5.000 Dollar den Weg zu ihr gefunden haben. Sie verdächtigt den Boten des Diebstahls und beginnt nach ihm zu suchen, ohne zu ahnen, dass die Detectives Carella und Hawes dasselbe tun. Parallel dazu plagt sich Weeks, ‚seinen‘ dreifachen Mord aufzuklären. In einer langen, dunklen Nacht kreuzen sich die Wege aller Beteiligten, als sie in einem furiosen Finale aufeinander treffen …

Die Welt als Tollhaus

Ein Kriminalroman als Tragikomödie, sarkastisch im Tonfall, bizarr in der Handlung, dabei zu jedem Zeitpunkt spannend und dramatisch: Der 48. Roman über das 87. Revier, der wohl berühmtesten Polizeistation der Kriminalliteratur, zeigt Ed McBain auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Talent und die Erfahrung eines halben Jahrhunderts als Schriftsteller fließen zusammen und lassen eine Geschichte entstehen, deren Eleganz und Witz die sorgfältig entworfene, nein, komponierte Handlung vorzüglich ergänzen.

Die moderne Großstadt als Tollhaus, in dem die Welt längst aus den Fugen geraten ist; mittendrin das 87. Revier und seine Beamten als Bollwerk gegen Gewalt, Verbrechen und Gleichgültigkeit, die alltäglich geworden sind: Selten hat sich Ed McBain dieser und anderer gesellschaftlicher Probleme und ihrer Konsequenzen mit solch grimmigem Humor angenommen wie in „Long Dark Night“. Weil er sein Handwerk beherrscht, wirkt die Kritik stärker als larmoyante Klagen über die Schlechtigkeit der Welt und scheinheilig zur Schau gestellte Betroffenheit.

McBain beschreibt, wie es ist, und er muss nicht einmal besonders übertreiben, sondern nur einen Stein ins Wasser werfen und beobachten, wie sich die Wellen ringförmig in alle Richtungen ausbreiten:

– Für den Mord an einer jungen Prostituierten ist kein irrer Serienmörder verantwortlich. Das Opfer starb ‚aus Versehen‘. Die Täter spüren allein die Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das Bemühen, die Spuren dieser Bluttat zu verwischen, setzt eine ebenso absurde wie mörderische Kettenreaktion in Gang. Dann kehren sie in ihre heile Welt zurück, ohne sich auch nur vorstellen zu können, dass sie zwar alle Zeugen beseitigt, aber dennoch genug Spuren hinterlassen haben, die die Polizei zu ihnen führen wird.

– Die Enkelin der ermordeten Pianistin, die sich niemals um ihre Großmutter gekümmert hat, folgt dem verschwundenen Erbe durch die Unterwelt von Isola. Sie ahnt nicht, dass Menschen, denen sie vertraut, sie eigensüchtig von der Spur abzulenken versuchen. Doch auch sie können sich nur kurz das ergaunerte Vermögen freuen.

– Die Waffe, mit der die Pianistin erschossen wurde, gehört einem Leibwächter, der sie im Handschuhfach seines Wagens vergessen hat, den er in eine Werkstatt bringt, wo ihn ein Mechaniker ‚ausleiht‘, um damit seinen Kampfhahn zu einem Match zu fahren, das mit dem Tod des Tieres endet, dessen Besitzer sich daraufhin mit dem im Handschuhfach gefundenen Revolver umbringen will, diesen aber statt dessen an einen zufällig des Weges kommenden Fischhändler mit Wettschulden verkauft, der damit die Pianistin umbringt …

Kurzes McBain-Revival

In dieser Welt banaler Brutalität und grotesker Zufälle gibt es keine strahlenden Ritter mehr. Die Beamten des 87. Reviers sind ausgebrannt von ihrer Arbeit „in einem Universum, das Tag für Tag immer dunkler zu werden schien, bis es irgendwann zu ewiger Nacht zu werden drohte“ (S. 352), und haben sich einen Schutzpanzer aus Sarkasmus und Gleichgültigkeit zugelegt. Am besten scheinen Geschöpfe wie „Fat Ollie“ Weeks mit der Situation zurechtzukommen; Polizisten, die sich nicht mehr bemühen zu verstehen, was sie jeden Tag tun, sondern abgestumpft und zynisch nur noch ihre Vorurteile und Abneigungen bestätigt sehen und sich entsprechend verhalten.

„Long Dark Night“ ist ein ‚großer‘ Polizei-Roman, wie Joseph Wambaugh sie einst schrieb hat. Während dieser jedoch schon seiner einstigen Form hinterherschreibt, schafft es Ed McBain mühelos, die mäandrierenden Stränge seiner irrwitzigen Handlung zu einem schlüssigen Knoten zu schürzen. Der Leser ist weniger darüber erstaunt, dass ihm dies gelingt, sondern verblüfft, dass dies im 48ten (!) Roman einer Reihe geschieht, die seit 1956 (!!) läuft und längst zu den Klassikern des Genres gehört.

Abschließend einige anerkennende (und traurige) Worte zur deutschen Ausgabe: Uwe Anton ist es gelungen, den Originalton zu treffen und ins Deutsche hinüber zu retten. Er war einige Jahren so etwas wie Ed McBains Sprachrohr in diesem unseren Lande und betreute u. a. das ehrenvolle, leider kurzlebige Projekt einer Werkausgabe im Bastei Lübbe-Verlag. Im Europa Verlag fanden beide, Ed McBain und Uwe Anton, eine neue Heimat, in der sie sich wohl fühlen durften – allerdings nur kurz, denn schon nach zwei weiteren Bänden um das „87. Revier“ war Schluss: mit Ed McBain in Deutschland und mit dem Europa-Verlag.

P. S.: Eine Einschränkung gibt es doch. Sie betrifft den Titel, der im Original sehr schön „Nocturne“ – Nachtstück – lautet. Wieso er mit „Long Dark Night“ ‚übersetzt‘ wurde, ist (gelinde gesagt) schwer nachzuvollziehen.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Ghetto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚echten‘ Straßen ihren Job erledigen. Das „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg, es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert -, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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