Asche und Gold

Eliette Abécassis
Asche und Gold

Originaltitel: L’Or et la Cendre (Paris : Éditions Ramsey 1997)
Übersetzt von Marie Rahn
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2000 (Diana Verlag)
440 Seiten
ISBN-10: 3-8284-0037-X
Neuausgabe: 2001 (Diana Verlag/TB-Nr. 0177)
479 S.
ISBN-13: 978-3-453-18671-2

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Das geschieht:

Der deutsche Historiker Raphael Simmer geht in seiner Doktorarbeit der heiklen Frage nach, zu welchem Zeitpunkt sich Adolf Hitler definitiv für die „Endlösung“ entschied und die systematische Vernichtung der als „lebensunwert“ erachteten Juden beschloss. Gleichzeitig versucht Simmer, dem Wesen des Nationalsozialismus‘ auf die Spur zu kommen.

Im Zuge seiner Recherchen lernt Simmer das jüdische Ehepaar Samy und Mina Perlman – Überlebendes des Konzentrationslagers Auschwitz – und ihre Familie kennen. Doch die Perlmans gelten als unsichere Zeugen, da ihre Aussagen keinen Niederschlag in den zeitgenössischen Quellen gefunden haben.

Der grausame Mord an einem Historiker schreckt Simmer und die Fachwelt auf. Das Opfer ist der deutsch-jüdische Theologe Carl Rudolf Schiller, dessen grausames und bizarres Ende – sein Körper wird in der Mitte durchgeschnitten, die obere Hälfte verschwindet zunächst spurlos – auf Video festgehalten wurde. Schiller war im Besitz eines bisher unbekannten Augenzeugenberichts, in dem ein SS-Mann aus Auschwitz die Gräuel des KZ-Alltags dokumentiert hatte. Dieser Bericht, den die Mutter Mina Perlmans verborgen gehalten hatte, enthält brisante Einzelheiten und ist verschwunden.

Gemeinsam mit seinem Freund Felix, einem Journalisten, begibt sich Simmer auf eine Suche, die ihn um die ganze Welt und wieder zurückführt. Simmer verliebt sich in Lisa Perlmans, Minas Tochter. Sie heiraten, doch die Ehe ist unglücklich. Zudem muss Simmer erkennen, dass ihm vorsätzlich eine Rolle in einem undurchsichtigen, weltweit seit Jahrzehnten gesponnenen Komplott zugedacht wurde, in dem alte und neue Nazis, seltsame Ordensbrüder, jüdische Rächer und jüdische Opfer, publicitysüchtige Forscher und Journalisten und schließlich der Teufel höchstpersönlich die Fäden ziehen …

Am ganz großen Rad drehen

Der Judenmord des „Dritten Reiches“ als Folie für einen (Unterhaltungs-) Roman – das ist ein sensibles Thema, dem sich jene Schriftsteller, die es wählen, entweder mit der dreisten Unbekümmertheit des historischen Ignoranten oder aber hochphilosophisch und mit geradezu heiligem Ernst zu nähern pflegen.

Eliette Abécassis gehört eindeutig zur zweiten Gruppe, was aufgrund ihres beruflichen Werdegangs – sie ist Universitätsdozentin für Philosophie – kaum verwundert. „Asche und Gold“ ist das, was man einen ‚metaphysischen‘ Thriller nennen könnte: Die Handlung dient vor allem als Treibriemen für das eigentliche Anliegen – hier die ewige Frage nach dem Wesen des Bösen in dieser Welt – und bindet Leser, die sonst ob solcher philosophischen Gedankenspiele die Flucht ergreifen würden.

Gelingt es Abécassis, das Thema in den Griff zu bekommen? Das ist nicht leicht zu entscheiden, weil sie nicht mit offenen Karten spielt. Die „Shoah“ – der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden – macht ob der nie gekannten Grausamkeit betroffen. Leider hemmt die daraus resultierende Scheu den Blick des kritischen (oder besser: objektiven) Betrachters. Anders und konkret am Beispiel „Asche und Gold“ formuliert: Eliette Abécassis nimmt sich der Frage von Gut und Böse mit sichtlicher Aufrichtigkeit und Strenge und beachtlichem schriftstellerischen Können an. Erhebt dies „Asche und Gold“ in den Rang eines sakrosankten Meisterwerks?

Faustischer Überbau oder faule Tricks?

Die Autorin weiß und kann viel, um es einmal salopp auszudrücken, doch das bewahrt sie nicht davor, sich spätestens im Finale in allerlei Hollywood-Hokuspokus zu verlieren. Den Teufel mag man als Drahtzieher hinter all’ den wortgewaltig (bzw. dialoglastig) heraufbeschworenen Un- und Übeltaten wirklich nicht als Verantwortlichen sehen – sei es, dass dieser vor dem geistigen Auge des Publikums die Gestalt des gelbkontaktlinsig-langfingernagligen Robert DeNiro (aus „Angel Heart“, verfilmt 1986) annimmt, oder sei es (hoffentlich) angesichts der traurigen, aber elementaren Erkenntnis, dass die Nazis und alles Böse auf dieser Welt definitiv hausgemacht ist: Der Mensch benötigt keinen Teufel, um sich die Hölle auf Erden zu bereiten; das schafft er ganz allein. Folglich gibt es – jetzt wieder auf „Asche und Gold“ bezogen – keine übernatürliche Erklärung (oder Entschuldigung) für die sehr realen Verbrechen der Nazizeit. Insofern ist die angebliche Tiefgründigkeit des Romans reine Augenwischerei.

Das heißt nicht, dass „Asche und Gold“ keine intelligente Unterhaltung versprechen und halten könnte. Wo die Autorin nicht gerade in einem ihrer moralphilosophischen Traktate schwelgt – der Titel benennt übrigens eine Skulptur der Bildhauerin Lisa Perlman und ist natürlich gleichzeitig ein weiterer Wink mit dem ethischen Zaunpfahl -, kommt durchaus Spannung auf. Interessant, jedoch auch entlarvend ist die Rahmenhandlung: Die abenteuerliche Hatz um den Globus ist kompetent, aber konventionell in Szene gesetzt und würde Abécassis Minuspunkte ihrer Kritiker garantieren – wenn sie denn nicht den Anspruch auf „hohe“ Literatur erheben könnte …

Das Gute = Interessante überwiegt

In dieselbe Kerbe muss bezüglich der Liebesgeschichte von Raphael Simmer und Lisa Perlman gehauen werden. Das Elend der Welt – hier: des unstrittig auch heute schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden – an zwei Liebenden festzumachen, die nicht zueinander finden können, ist ein ziemlich abgegriffenes Motiv; zumindest Abécassis scheitert daran, es mit echtem neuen Leben zu füllen.

Konsequent und folgerichtig ist immerhin der Verzicht auf „echte“, d. h. womöglich mit dem Blick auf eine spätere Verfilmung konstruierte Identifikationsfiguren. Die ‚Guten‘ tragen keine heldischen Züge, die ‚Bösen‘ faszinieren nicht, doch alle nehmen vor dem geistigen Auge des Lesers durchaus Gestalt an.

„Asche und Gold“ hinterlässt somit einen zwiespältigen Eindruck. Hehre Kunst trifft sich mit schnöder Unterhaltung, wobei die Autorin insgeheim das Schwergewicht auf erstere legen möchte. Das Ergebnis ist weder Fisch noch Fleisch. Macht man sich aber frei von dem leisen Zwang, sich bereits allein wegen des Themas betroffen oder gar schuldig fühlen zu müssen, lässt sich der Roman mit Vergnügen lesen, denn „Asche und Gold“ ist keiner dieser Thriller von der Stange, wie sie gerade im angelsächsischen Sprachraum nach ähnlichem Muster produziert werden und in den Buchhandlungen den wirklich interessanten, weil unkonventionelleren Titeln – zu denen sich Eliette Abécassis’ Roman zählt – viel zu viel Platz rauben.

Autorin

Éliette Abécassis wurde am 27. Januar 1969 im französischen Straßburg geboren. So hat marokkanische Vorfahren, ihr Vater ist der Philosoph, Historiker und Dozent Armand Abécassis, ein Spezialist für jüdische Geistesgeschichte, ihre Mutter Janine Dozentin für Philosophin. Éliette trat in die Fußstapfen der Eltern. Sie besuchte die Elitehochschule „École Normale Supérieure“ in Paris und studierte Philosophie. Als Dozentin unterrichtet sie an der Universität von Caen in der Normandie.

Neben ihren Studien etablierte sich Abécassis als Schriftstellerin. Drei Jahre recherchierte sie für ihr Romandebüt „Qumran“ (dt. „Die Jesus-Verschwörung“), das 1996 erschien und zu einer Trilogie fortgesetzt wurde. Nach anfänglicher Zurückhaltung der Verlage wurde dieses Buch auch international zu einem großen Erfolg, dem die Autorin bereits 1997 den ‚philosophischen Thriller‘ „L’Or et la Cendre“ (dt. „Asche und Gold“) folgen ließ. Abécassis‘ Roman „Kadosh“ (dt. „Die Verstoßene“) wurde 1999 vom israelischen Regisseur Amos Gitai verfilmt.

Mit ihrer Familie lebt Éliette Abécassis in Paris. Über ihre Aktivitäten informiert sie auf dieser Website.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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