Der Atem einer anderen Welt

Seanan McGuire:
Der Atem einer anderen Welt

Originaltitel: Every Heart a Doorway, Down among the Sticks and Bones, Beneath a Sugar Sky (2016-18).
Deutsche Erstausgabe (geb.): Januar 2019 (Verlag S. Fischer/Fischer TOR)
Übersetzung: Ilse Layer.
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung mehrerer Bilder von Arcangel Images/Marc Owen u. www.buerosued.de
462 Seiten
ISBN 978-3-596-29884-6

von Gunther Barnewald

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Das vorliegende Buch enthält drei Kurzromane bzw. Novellen (jeweils knapp 150 Seiten), die im gleichen ‚Universum‘ spielen. Für deren erste hat die Autorin mehrere renommierte Preise (darunter Hugo, Nebula und Locus Award) erhalten.
McGuires Erzählungen umweht ein zarter Hauch von Melancholie, ihr Niveau schwankt manchmal bedenklich zwischen poetisch-majestätisch, wunderbar kindlich und kindisch. Fühlt man sich zeitweise an L. Frank Baums Meisterwerk „Der Zauberer von Oz“ erinnert, möchte man an anderer Stelle fassungslos vor Schreck über manche nahezu unerträgliche Trivialität das Lesen einstellen.

Die Autorin macht es einem nicht leicht, zumal sie in ihrer zweiten Erzählung vieles behandelt, das sie bereits in der ersten Geschichte thematisierte. Zwar kennt der Leser die Details noch nicht, weiß aber um den weiteren Ablauf der Handlung.
Die dritte Erzählung neigt zu besonderer Trivialität, auch wenn sie die Handlung endlich fortsetzt.

Inhaltlich geht es bei McGuires Universum um eine Welt, in der manche Kinder in ein völlig verrücktes oder besonders schräges Universum gelangen; dies oft banal durch geheimnisvollen Türen. Viele gewöhnen sich an die neue Umwelt, fühlen sich dort wohl und zuhause und kehren niemals zurück. Andere kehren zurück, weil sie sich verabschieden wollen von den Eltern, hinausgeworfen werden, einen Fehler begehen oder einfach aus Versehen in eine banale Realität ohne ‚Magie‘ zurückstolpern.

Während einige der Rückkehrer froh sind, wieder zurück bei ihren Eltern zu sein, gibt es manchen Jugendlichen, der/die sich entwurzelt fühlt, nur zurückmöchte, aber den Weg nicht mehr finden kann. Für diese erschrockenen, verängstigten und frustrierten Fälle gibt es ein besonderes Internat, in das ratlose Eltern ihren Nachwuchs schicken können, nämlich „Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen“.

Eleanor West ist eine gütige Frau, schon fast 100 Jahre alt, obwohl sie deutlich jünger wirkt. Sie selbst kann zwar die Tür zu ihrer speziellen Welt finden und öffnen, hat aber aktuell keinen Zutritt und wartet auf den Fortschritt ihrer beginnenden Demenz, um wieder in dieser einfach strukturierten Märchenwelt willkommen zu sein und für immer bleiben zu können. In der Zwischenzeit will sie Jugendlichen helfen, die nicht damit zurechtkommen, in unsere langweilige, magielose, nüchterne Welt zurückgekehrt zu sein.

Als die junge Nancy in diese spezielle Schule geschickt wird, merkt sie schnell, dass sie unter Gleichgesinnten ist. Auch wenn sie sich weiterhin zurückwünscht in ‚ihre‘ Welt der Toten, beginnt sie sich doch langsam zu akklimatisieren, bis plötzlich ein Mord geschieht, dem bald ein weiterer folgt. Damit die Schule nicht geschlossen wird und keine weiteren Opfer drohen, ermitteln die Jugendlichen, denn der Mörder muss einer oder eine aus dem Internat sein …

Während sich dann der zweite Kurzroman um die Leben und Erlebnisse eines Zwillingsschwesterpaares dreht (und wie schon gesagt zu viel aus Teil 1 bekannt ist, weswegen sich Langeweile beim Lesen einstellen kann), schildert Teil drei den verrückten Versuch, das Mordopfer wieder zum Leben zu erwecken. Da in dessen magischer Welt die Ereignisse fortgeschritten sind, müsste sie dort ‚lebendig‘ sein. Die jugendlichen Ermittler reisen in eine Welt, die wie die bunte Zuckerbäckerwelt aus einem schlechten Videospiel vollständig aus Süßigkeiten und Teig besteht. Begleitet werden sie von der Tochter des Opfers, das wegen des vorzeitigen Todes eigentlich keine Tochter haben kann, weswegen diese Körperteil um Körperteil zu verschwinden beginnt.

Hier beginnt die Geschichte immer unglaubwürdiger und kruder zu werden, die Balance zwischen Realität und Märchenhaftigkeit zerbricht und die Geschehnisse werden immer irrealer, trivialer und abgehobener. Bliebe die ganze Konstruktion der Autorin eindeutiger märchenhafter, wäre dagegen nichts einzuwenden, doch viele Gegebenheiten erinnern allzu frappant an die Realität. Außerdem muss man beim Lesen manchmal an Einrichtungen für missbrauchte, misshandelte oder vernachlässigte Kinder denken, denn um solche (und nur diese) scheint es in der Geschichte zu gehen.

Solche Brüche und das manchmal allzu kleinkindlich wirkende Agieren der Protagonisten stören nicht nur den Lesefluss, sie irritieren auch nachhaltig. Im Gegensatz zu L. Frank Baum gelingt es der Autorin meiner Einschätzung nach nur im ersten Teil der Gesamtgeschichte eine (keineswegs naturwissenschaftlich) ‚glaubwürdige‘ Geschichte zu erzählen und ein kongruentes Universum zu entwerfen. Während McGuire in Teil zwei den Leser langweilt, verdirbt sie in Teil drei alle guten Ansätze und hebt so weit ab von jeder Logik, dass man als Leser irgendwann nicht mehr bereit ist, jeden Unfug zu schlucken und jeder unglaubwürdigen Wendung zu folgen.

Nur der erste Kurzroman bietet zweifellos sehr gute Phantastik, ist unterhaltsam, innovativ und gut erzählt. So ist die vorliegende deutsche Ausgabe meiner Einschätzung nach ein gutes Beispiel dafür, dass manchmal weniger mehr ist und manche ‚Verfeinerung‘ ein gutes Rezept ruinieren kann. Es ist löblich, dass Fischer TOR die drei Teile in einen Band packt, doch eine weitere Fortsetzung würde ich garantiert nicht lesen.

Kurz gesagt: Drei Novellen, von denen nur die erste preiswürdig und gänzlich lesenswert ist.

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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