Der Silberschatz von La Barranca

Gordon D. Shirreffs
Der Silberschatz von La Barranca

Originaltitel: Barranca (New York : Signet 1966)
Übersetzung: Richard Augustin
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Western 2188)
174 S.
[keine ISBN]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker


Das geschieht:

Arizona 1868: Durch die Wüste des amerikanisch-mexikanischen Grenzgebietes kämpfen sich zwei Flüchtlinge. Matt Dustin und Sheldon Burnett haben im US-Bürgerkrieg auf der ‚falschen‘ – der konföderierten – Seite gekämpft. Weil sie der Sache der Süden treu geblieben sind, haben sie der neuen Regierung nie die Treue schwören wollen. Stattdessen sind sie nach Mexiko gegangen und haben dem unglücklichen Kaiser Maximilian bis zu dessen Ende als Söldner gedient. Nun sind sie zwei Männer ohne Heimat, die unstet umher vagabundieren.

Nur knapp entkommen Dustin und Burnett einer Gruppe Apachen, die in dieser Wüste für Angst und Schrecken sorgen. Die Indianer haben eine Grenzstation überfallen und die Betreiber grausam umgebracht. Frank Harley, den sie gefoltert und geblendet zum Sterben zurückließen, hat überlebt. Zum Dank für seine Rettung weiht er Dustin und Burnett in ein Geheimnis ein: Er kennt den Standort der sagenhaften Silbermine von La Barranca Escondida! Seit ein Jahrhundert zuvor die spanischen Jesuiten Mexiko verlassen mussten, galt sie als verschollen und verflucht. Lange hattn die ebenso frommen wie gierigen Geistlichen die Mine betrieben und die einheimischen Indianerstämme gezwungen, das wertvolle Metall abzubauen. Zu Hunderten sind sie dabei umgekommen und lernten das Silber zu hassen, das sie zu Sklaven des weißen Mannes machte.

Mit Geld lassen sich viele Probleme lösen. Dustin und Burnett schließen deshalb einen Pakt mit Harley: Gemeinsam wollen sie sich zur Mine durchschlagen und die Satteltaschen mit Silber füllen. Der Weg wird zur Höllenfahrt. Die glühend heiße Wüste ist ohne Wasser aber keineswegs menschenleer. Indianer und Räuberbanden lauern auf unvorsichtige Reisende. Der permanente Stress sorgt für Unfrieden. Schon bevor La Barranca erreicht ist, scheint sich der Fluch zu erfüllen …

Schatzsuche als Irrfahrt in den Tod

Der Western – ein Genre, das so simpel scheint, überrascht bei näherer Betrachtung durch seine thematische Bandbreite. „Der Silberschatz von La Barraca“ lässt ‚typische‘ Elemente fast völlig unter den Tisch fallen, ohne dass man sie vermissen würde. Jawohl, es werden Colts und Winchesters gezogen und Indianer greifen ebenfalls an. Das war’s dann aber schon mit den bekannten Klischees.

Tatsächlich wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Die Menschen spielen eine untergeordnete Bedeutung. Im Mittelpunkt steht das Land – eine von der Sonne verbrannte Bergwüste von schier unendlicher Weite, feindlich und gefährlich aber gleichzeitig von hypnotisierender Anziehungskraft. Wer sich in diese Welt wagt, wird von ihr verschluckt und findet sich in einem Vakuum wieder. Das Bekannte bleibt zurück und wird durch eigene Regeln ersetzt. Man hält sich an sie oder kommt um; eine Alternative gibt es nicht.

Die Apachen und die Yaquis diesseits und jenseits der Grenze haben den Schritt vollzogen. Sie können überleben, aber sie wurden geprägt vom Dasein in dieser Öde. Für den ‚zivilisierten‘ Außenseiter wirken sie archaisch grausam und unmenschlich. Der Eindruck wird bei Shirreffs verstärkt, der sie kaum jemals als Individuen zeigt. Die Indianer manifestieren sich als Rauchsäule am Horizont, als berittene Horde, als gesichtslose Bedrohung. Sie addieren sich zur Hitze, zur Trockenheit und zu den anderen Schrecken des Landes.

Das Silber und der Wahnsinn

Dabei bedarf es keiner Indianer, die Verderben und Tod bringen – das schaffen unsere Schatzsucher selbst viel besser. Matt Dustin und Sheldon Burnett kommen bereits als Geschlagene in das Grenzland. Ihre Heimat haben sie verloren, ihre Freundschaft beginnt unter den Belastungen der Dauerflucht zu zerbrechen. Die Suche nach La Barranca ist der verzweifelte Versuch dem Schicksal zu entkommen. Zumindest Shell beginnt dies allmählich zu begreifen.

Von den beiden Hauptfiguren ist er der besonnene und nachdenklichere Part. Als er erzählen soll, was er mit dem Silber kaufen möchte, das womöglich auf die Freunde wartet, fallen ihm ausgerechnet Bücher ein. Obwohl er es sich nicht eingestehen mag, hat Shell begriffen, dass der Krieg vorüber ist und seine Ideale wertlos geworden sind. Die denkwürdige Begegnung mit einem ehemals charismatischen Vorgesetzten, der nun müde ist und den Unterwerfungseid schwören will, öffnet ihm endgültig die Augen: Es gibt ein Leben nach dem Krieg, wenn er sich ihm nur stellen will!

Dusty ist das dunkle Spiegelbild des Freundes. Er entwickelt sich nicht weiter, bleibt der Soldat oder besser Söldner, der sich mit Gewalt nimmt, was er begehrt. Während sich Shell moralische Standards bewahren konnte, ist Dusty seelisch verwildert. Je näher der Schatz von La Barranca rückt, desto deutlicher wird die Veränderung. Dusty plündert und tötet ohne Reue. Zudem hat das Silberfieber Dusty erwischt. In La Barranca lagert ein so großer Schatz, dass zwei Männer in tausend Jahren nicht ausgeben könnten. Dennoch will Dusty ihn am liebsten für sich allein. Dies ist der wahre Fluch von La Barranca. Er vervollständigt die Schrecken des Grenzlandes.

Ein Totentanz ins Nirgendwo

Die ‚Suche‘ nach dem Silberschatz ist reich an Absurditäten. Ständig vergrößert sich die Gruppe, die ins Nichts zieht. Zu den beiden Amerikanern gesellen sich nach und nach ein blinder Träumer, ein merkwürdiger Priester, eine schöne Frau, ihr stummer Leibwächter und ein zynischer mexikanischer Soldat. Dies sorgt für Spannungen und Streitigkeiten, die allein die Gruppe gut beschäftigen. Im Verlauf der Handlung ergeben sich einige Gelegenheiten, das Unternehmen abzubrechen. Wider besseres Wissen kann sich niemand dazu überwinden. Die Anziehungskraft von La Barranca ist zu groß.

Diese inneren Konflikte weiß Autor Shirreffs ebenso spannend zu schildern wie den Zug durch die Wildnis. Trotz einiger Schießereien geschieht wenig. Gefährlicher sind die ständig aufflackernden Streitigkeiten. Dazu kommen Shirreffs grandiosen Landschaftsbeschreibungen. Man meint die Hitze und den Staub förmlich auf der Haut zu spüren.

Klischees bleiben nicht aus. Ihre hässlichen Häupter erheben sich in unerwünschter Vielzahl, als die feurige Rafaela die Szene betritt. Schöne Frau + geile Kerls: Dieser Teil des Geschehens wirkt dem angeblichen Leserinteresse geschuldet, das eine Schatzsuche ohne weibliche Beteiligung offenbar nicht attraktiv gefunden hätte. Immerhin hält sich Shirreffs zurück; die meiste Zeit wirkt Rafaela überflüssig in dem hitzigen Drama, das ganz andere Akzente setzt.

„Der Silberschatz von La Barranca“ ist trotz dieser Schwäche ein erstaunlich unterhaltsamer Roman. Shirreff kennt, was er beschreibt, und er arbeitet ökonomisch. Die obligatorischen Western-Elemente ergänzt er, indem er auf Stilmittel des Abenteuer-Genres und sogar der Phantastik zurückgreift: La Barranca ist letztlich ein zeitloser, verwunschener Ort; mehr Wunsch- oder Albtraum als Realität – und genau das ist die Moral dieser lesenswerten Geschichte!

Exkurs: Sagenhafte Schätze am Ende der Welt

Eine versunkene Silbermine spanischer Kirchenmänner in der Wüste von Mexiko? Dabei kann es sich doch nur um die Erfindung eines unterhaltungsfreudigen Schriftstellers handeln! Weit gefehlt – wieder einmal schlägt die Realität jede Fiktion. Seit jeher ist der Jesuitenorden davon überzeugt, die irdischen Geschicke viel besser lenken zu können als die moralisch verworfenen Machthaber dieser Welt. Ende des 16. Jahrhunderts übertrieben die Jesuiten es in Spanien mit ihrem Machtanspruch so arg, dass es sogar der allerkatholischen Majestät Philipp II. zu viel wurde und er die Privilegien des Ordens stark einschränkte.

Vor Ort fügte er sich, doch in sicherer Entfernung blieb alles wie bisher. Spanien besaß ausgedehnte Kolonien in der Neuen Welt, die vom südamerikanischen Bolivien weit hinauf in den Norden des Doppelkontinents reichten. Hier errichteten die Jesuiten Missionsstationen, die sie dort, wo reiche Gold- und Silbervorkommen anstanden, gern durch Bergwerke ergänzten. Die vor Ort ansässigen Indianerstämme wurden, da gotteslose Heiden, zur Arbeit in den Minen angehalten. Da die Förderung des jesuitischen Reichtums als Gottes Wille galt, wurden sklavenähnliche Arbeitsbedingungen (jedenfalls von den Jesuiten) in Kauf genommen.

Selbstverständlich bekam der König bald Wind von der Sache, gegen die er nichts einzuwenden hatte, wenn er seinen Anteil bekam: 20% forderte er. Die Jesuiten frisierten ihre Abrechnungen und bunkerten Gold und Silber in Amerika, statt es nach Spanien zu schaffen. 1767 ließ der erzürnte König die Jesuiten aus den Kolonien vertreiben. Zurück blieben ihre Minen und zahlreiche Barren und Münzen, die in Erwartung der baldigen Rückkehr sorgfältig verborgen wurden. Daraus wurde jedoch nichts, und das Wissen um diese Schätze ging verloren.

In den Jahrhunderten seit dem Verschwinden der Jesuiten sind immer wieder Reisende zufällig auf alte Minen oder vergrabenes Silber gestoßen. Aufgrund der Größe der meist abgelegenen Berg- und Wüstenlandschaften konnten die exakten Positionen nicht ermittelt werden, und die Stätten versanken erneut in Vergessenheit.

Autor

Gordon Donald Shirreffs wurde im Jahre 1914 in Chicago, Illinois, geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Angestellter der „Union Tank Car Company“, bis er 1940 zur Armee ging und seinen Kriegsdienst leistete. 1946 kehrte Shirreffs ins Zivilleben zurück und schlug sich als Vertreter durch. 1948 eröffnete er einen Laden für Scherzartikel und Spielzeug.

Tagsüber arbeitete Shirreffs, nachts versuchte er sich als Schriftsteller. Er besuchte Schreibkurse in Chicago. 1952 zog er mit seiner Familie nach Kalifornien, wo er sich als professioneller Autor niederließ. Shirreffs begann mit Storys, die in Comics verwandelt wurden. Meist waren es Western: Roy Rogers, Johnny Mack Brown, Auntie Duchess, Rin Tin Tin (ein lassieschlauer Schäferhund im Dienst der US-Kavallerie). 1956 gelang ihm der Verkauf eines ersten Romans („Rio Bravo“, ebenfalls ein Western).

Shirreffs kam gut ins Geschäft, denn er war vielleicht kein begnadeter, aber ein versierter und vor allem schneller Schreiber: In vier Jahrzehnten erschienen mehr als 80 Bücher – nicht nur Western, sondern auch Kinder- und Sachbücher – und 150 Kurzgeschichten, die auch unter Pseudonymen wie Gordon Donalds, Stewart Gordon und Jackson Flynn erschienen. Darüber hinaus schrieb Shirreffs Drehbücher für Kino und Fernsehen.

Seit jeher investierte Shirreffs viel Zeit in die Recherche. Die korrekte historische Darstellung seiner Western war ihm wichtig. Mit über 50 Jahren drückte er noch einmal die Universitätsbank und studierte Geschichte. In seinen späteren Jahren entwickelte Shirreffs auch schriftstellerischen Ehrgeiz – seine Serie um den Westmann Kershaw erreichte geradezu epischen Umfang.

Im Alter von 82 Jahren erlag Gordon D. Shirreffs im Dezember 1996 einem Schlaganfall.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker

Die James-Bande

Die Stunde des Todes

Blutiger Herbst

Pale Rider – Der namenlose Reiter

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.