Die Bücher, der Junge und die Nacht

Kai Meyer
Die Bücher, der Junge und die Nacht

Originalausgabe = dt. Erstausgabe: November 2022 (Knaur Verlag)
Cover: semper smile, München (unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com und Getty Images)
496 Seiten
ISBN 978-3-426-22784-8

von Gunther Barnewald


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Kai Meyer erzählt eine intelligente und verschachtelte Geschichte, die vor allem in den Jahren 1933, 1943/44 und 1971 spielt. Ausgangspunkt ist das berühmte „graphische Viertel“ in Leipzig, in dem viele Verlage ansässig waren, Buchbinder ihre Werkstätten hatten, Lagerhallen für Bücher standen und auch Antiquariate existierten. Hier verdienten viele Menschen ihr Geld mit dem und rund ums Buch, bis 1943 dieses Viertel bombardiert und fast völlig vernichtet wurde.

Erzählt wird die Geschichte hauptsächlich aus der Sicht zweier Personen. Jakob Steinfeld betreibt im graphischen Viertel ein kleines antiquarisches Geschäft mit Buchbinderei. Ab 1933 sitzen ihm die Nazis im Nacken. Zudem will der mächtige Verleger Pallandt auf Jakobs Gelände eine neue Ausfahrt für seine Druckerei bauen lassen.

Als sich Pallandts Tochter mit einem geheimnisvollen Manuskript an Jakob wendet und er sich in die junge Frau verliebt, steht der Buchbinder endgültig im Kreuzfeuer der Feindseligkeiten.

Ein weiterer Protagonist ist der junge Robert Steinfeld. Er wurde nach seiner Geburt Ende 1933 zehn Jahre in einem Keller voller Bücher im graphischen Viertel gefangen gehalten, bis ihm nach der Bombardierung 1943 die Flucht gelingt. Am selben Tag stirbt sein Vater, der nichts von der Existenz des Jungen wusste.

Ein seltsamer, unheimlicher Mann rettet Robert und nimmt ihn mit auf die Reise durch Kriegsdeutschland. Ihn interessieren verborgene Bücherschätze in zerstörten Häusern, denn er sucht ein bestimmtes Buch, das womöglich einen Teufel in die Gegenwart dieser Welt gebannt hat, aber auch dessen Befreiung in Gang setzen könnte. Er bekomme es, erfährt Robert, wenn er ein anderes, ebenfalls einzigartiges Manuskript auftreiben kann, das Jakob Steinfeld 1933 gebunden hatte.

1971 ist der Patriarch Pallandt verstorben. Sein Sohn beauftragt eine erfahrene Fachfrau mit der Schätzung der väterlichen Büchersammlung und deren Verkauf. Robert Steinfeld wird nochmals in die alte Geschichte hineingezogen. Endlich fügen sich alle Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammensetzen – für ihn und für die Leser …

Dies ist ein wunderbar elegisches, elegantes und melancholisches Buch, dessen Verfasser sich viel Zeit nimmt, die verwickelte Handlung sorgfältig aufzudröseln. Dabei werden alte Zeiten wieder lebendig, denn der Autor hat gut recherchiert. Meyer gelingt es – im Gegensatz zu manchen Kollegen – die Vergangenheit und ihre Atmosphäre glaubhaft zu beschreiben.

Zwar werden nicht alle Klischees vermieden (mächtiger, kaltherziger Verleger; esoterische Ehefrau und Verlegerin etc.), aber Meyer gelingt das Kunststück, den Bogen zu heutigen Esoterikern und Verschwörungstheoretikern zu schlagen, indem er deren naturwissenschaftsfreien Aberglauben bloßlegt, was sich u. a. im Abgang des Gurus der Gläubigen und dessen rückhaltloses Geständnis von Betrug und Täuschung an seinem Lebensende widerspiegelt. Dass auch hohe Nazigrößen (Heinrich Himmler) auf diesen Dummfug abfuhren, birgt keine Überraschung.

So erwartet den Leser ein unterhaltsames, bunt-gruseliges Triptychon aus drei Vergangenheiten, das immer wieder überraschende Wendungen nimmt. Nervenzerfetzende Spannung ist dabei keine Kernkompetenz dieses Buches. Trotzdem ist die Geschichte so packend, dass man als Leser unbedingt das Ende = die Lösung der vielen Rätsel erfahren möchte. (Warum wurde Robert gefangen gehalten und versteckt? Wieso wusste sein Vater nicht von seiner Existenz? Was wurde aus Juli Pallandt, Roberts Mutter? Wo ist Julis Manuskript? Wer besitzt das andere mysteriöse Buch?).

Ebenfalls nicht ganz überzeugend ist der lange und etwas beliebig wirkende Titel, den man sich nur sehr schwer merken kann; unter Marketinggesichtspunkten ist dies kein Highlight, auch wenn John D. MacDonald einst mit seinem Klassiker „The Girl, the Goldwatch and Everything“ bewiesen hat, dass es anders geht in puncto Einprägsamkeit.

Perfekt arrangiert hat der Autor die einzelnen Puzzleteile, die am Ende superb zusammenpassen. Die Frage, ob der unheimliche Lebensretter Roberts schlussendlich seine Erlösung erhält, wird vom Autor geschickt umschifft.

„Die Bücher, der Junge und die Nacht“ hat genau jenen wunderbar leichten, aber realistischen Touch, der die Geschichte glaubhaft macht und ihr trotzdem eine grandios phantastische und unheimliche Atmosphäre erhält. Dieser Roman dürfte neben Meyers wunderbarer Merle-Trilogie sein bisher bestes Werk sein – nicht ganz so phantasievoll wie seine Jugendbücher, aber mitreißend und unterhaltungsstark.

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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