Feuermeer

feuermeerHelga Zeiner
Feuermeer

Fredeboldundfischer, Köln, Originalausgabe: 9/2008
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Drama, Adventure, Krimi
ISBN 9783939674139
Titelgestaltung von Roland Pecher und Verwendung eines Motivs von Corbis GmbH, Düsseldorf
Autorenfoto von Claudia Kantner

www.fredeboldundfischer.de
http://helgazeiner.com/

Drei junge Frauen – Johanna (Jo Ann), Eva und Isabella – aus Deutschland brechen für ihre Männer – Kurt, Uwe und Dieter – alle Brücken hinter sich ab, um nach Australien auszuwandern. An Bord des Schiffes lernen sich die Paare kennen und freunden sich miteinander an. Die lange Reise und die ersten Wochen in der neuen Heimat sind entbehrungsreich. Als sie Jobs und Wohnungen finden, geht es langsam bergauf. Aber wirklich glücklich ist keine der Frauen, denn untereinander können sie weder reden noch einander helfen. Schließlich kommt Kurt auf die Idee, im Outback nach Opalen zu schürfen. Erneut folgt Johanna ihm klaglos und muss unter Tage hart arbeiten, ohne dass sie auf eine reiche Ader stoßen. Als die anderen Paare zu Besuch kommen, verschweigt Kurt die Wahrheit und lässt Uwe und Dieter in seiner Mine mitarbeiten. Tatsächlich finden sie ein paar kleine Opale, woraufhin die Gäste beschließen, es später ein weiteres Mal zu versuchen.

Bis es soweit ist, verändert sich so manches: Isabella, die als Letzte eine Stelle fand, musste sich auf eine Affäre mit ihrem Chef einlassen, um den Posten behalten und Dieters Karriere fördern zu können. Er ignoriert ihre Notsignale und bekommt es auch nicht mit, als sie dem anderen Mann den Laufpass gibt und deswegen die Arbeit verliert. Die ohnehin schon kriselnde Ehe steht vor dem Ende. Unterdessen stellt Eva fest, dass sie schwanger ist, doch wagt sie nicht, mit Uwe darüber zu sprechen, da er ihren Lohn für die gemeinsame Zukunft fest eingeplant hat. Schon seit langem behandelt er sie lieblos, aber Eva will durchhalten für das Kind und ihren Mann erst später verlassen. Was Johanna jedoch durchmachen muss, ahnt keine…

Beim nächsten Mal ist Kurt nicht gewillt, den gemeinsamen Fund zu teilen. Missgestimmt trennt sich die kleine Gruppe und geht ihrer Wege. Kurt schürft allein in seiner Mine. Johanna bleibt wegen Eva, die die Freundin noch nicht allein lassen wollte, zu Hause. Uwe, Dieter und Isabella reisen ab. Unterwegs wirft Dieter Isabella nach einem heftigen Streit aus dem Auto. Notgedrungen schleppt sie sich zur Mine, hoffend, dass Kurt sie zum Wohnwagen fahren würde. Allerdings landet sie in einem furchtbaren Albtraum, der Johanna und Eva ebenfalls erfasst. Und dann ist Kurt tot! Den Behörden teilen die Frauen mit, dass er von einem Jagdunfall nicht zurückkehrte. Fast dreißig Jahre später taucht sein Skelett auf, und der Horror eskaliert erneut. Johanna wohnt immer noch einsam in der Minen-Stadt; Eva lebt in Sydney, ist mit dem Australier Steve verheiratet und hat von Uwe eine erwachsene Tochter; Isabella ist nach der Trennung von Dieter zurück nach Deutschland gegangen und konnte sich als Unternehmerin etablieren. Gemeinsam versuchen sie, die Vergangenheit, die sie noch immer quält, aufzuarbeiten und herauszufinden, was wirklich geschehen ist und warum…

Man darf es vorwegnehmen: Der ‚Frauenroman’ von Helga Zeiner ist tatsächlich so komplex, wie die Inhaltsangabe vermuten lässt, und ein richtiger Pageturner. Die Autorin setzt praktisch nach demselben Baukasten-Prinzip die Geschichte zusammen, wie es die (amerikanischen) Kollegen an den Schreibschulen lernen. In Folge wechselt die Handlung regelmäßig zwischen Gegenwart (etwa Anfang des 21. Jahrhunderts) und der Vergangenheit (vielleicht 1970/80er Jahre), bietet ein exotisches Setting (Australien), nachvollziehbare Frauencharaktere (die Männer sind ausnahmslos Chauvinisten, die ihre Frauen ausnutzen und dann fallen lassen), reichlich Drama, viel Kritik an den Australiern, ihrem Einwanderungssystem, aber auch an den unflexiblen Immigranten und einem altmodischem Erziehungssystem, sowie erstaunlich wenig Romantik. Das alles und der flüssige Stil der Autorin ziehen in den Bann. Man merkt, dass sie auf eigene Erfahrungen (im Alter von 18 Jahren ausgewandert nach Australien, Job bei einer Werbeagentur, mehrere Jahre Marketingleiterin in einer Hongkonger Firma, eigenes Unternehmen in Deutschland, nun wohnhaft mit Ehemann in Kanada) und die Erlebnisse anderer zurückgreifen kann und nur noch mit viel Phantasie abrunden musste.

Es ist ein geschickter Streich, die Zeitebenen immer wieder zu wechseln, sei es an einer relativ banalen oder einer dramatischen Stelle, denn man liest automatisch weiter, da man wissen will, die die Geschichte ab diesem Punkt nach einigen Seiten weiter geht oder was in der vielleicht reizvolleren Passage als nächstes passiert. Dabei bleibt auch die Perspektive nicht dieselbe, sondern pendelt zwischen den drei weiblichen Hauptfiguren und lässt bloß ausnahmsweise einen vagen Einblick in das Denken der Männer zu. So setzten sich dreißig Jahre wie ein Puzzle Stück für Stück zusammen und ergeben erst am Schluss ein rundes Bild, das keine Fragen offen lässt. Als Hintergrund wurde Australien gewählt, das lange Zeit das Mekka der Auswanderungswilligen war. Die Autorin beschreibt die Kulisse nur, wenn es zur Handlung passt und um das Tempo heraus zu nehmen. Sehr viel mehr Gewichtung kommt der Kritik zu: Die Australier sind ein eigentümliches, oft rassistisches Volk, das nicht nur die Aborigines sondern noch viel mehr die Immigranten ablehnt. Viele ihrer gesetzlichen und gesellschaftlichen Regeln sind rückständig, und vor allem als Frau ist man schlecht dran. Eine Teilschuld an den Barrieren zwischen den Bevölkerungsgruppen wird aber auch den Ausländern angelastet, die ohne konkrete Informationen und voller Illusionen einreisen, Sprachschwierigkeiten haben und für sich bleiben, ihrer alten Heimat nachtrauern und sich nicht anpassen können/wollen, dabei die nationale Arroganz genauso pflegen wie die Australier.

Darin eingebettet sind die Schicksale dreier Frauen. Sie stammen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und heiraten jung und nach kurzer Bekanntschaft Männer unterhalb ihres Standes. Die Eltern mögen, wie in Johannas Fall, erkannt haben, dass es keine geeigneten Beziehungen sind, aber Liebe macht bekanntlich blind. Begünstigt wurde dieser Umstand von der konservativen Erziehung. Die um 1960 Geborenen bekamen oft noch die alten Werte mit, dass der Mann der Versorger der Familie ist und in allem das Sagen hat, dass man ihn als Frau unterstützen, neben der Arbeit den Haushalt und die Kinder allein betreuen muss, dass man sich ‚für den Einen’ aufsparen, sich ihm immer willig hingeben und in allem nachgeben, dazu die Fehler bei sich suchen soll, dass Männer einfach ‚anders’ sind und mehr Freiheiten brauchen – kurz: Man gehorchte, machte sich abhängig und wahrte den Schein, wie schlimm es auch kam. Nur wenige Frauen wagten, aus dem Korsett der Konventionen auszubrechen und aufzubegehren, wie Isabella. Aber auch sie konnten sich i. d. R. nicht oder nur unter größten Schwierigkeiten durchsetzen. Diese Erfahrung macht prompt die lebenshungrige Protagonistin, die ihren Mann früh als ‚Waschlappen’ erkennt, aber doch nicht die Kraft aufbringt, die Konsequenzen sofort zu ziehen. Sie geht für ihn durch die Hölle, um dann noch mehrere Tritte von ihm einstecken zu müssen.

Johanna und Eva sind sehr viel angepasster. Sie blicken zu ihren großen Männern auf, aber Johanna verwechselt Brutalität mit Stärke und Selbstsucht mit Beschützerinstinkt, Eva Sparsamkeit mit Ausbeutung und Ruhe mit skrupelloser Planung. Während die arglose Eva heimtückisch getäuscht und dann vor vollendete Tatsachen gestellt wird, begreift Johanna früh, dass sie auf einen gemeinen Blender und perversen Sadisten hereingefallen ist. Wie Isabella und Eva schafft sie es nicht, Kurt zu verlassen, da sie Angst hat, dass sie allein chancenlos ist, dass er sie finden und seine Rache alle Schrecknisse in den Schatten stellen wird. Man wundert sich, dass die gequälten Frauen nirgends Hilfe suchen, aber der Roman gibt auch darauf Antwort. Australien ist eine Männer-Welt, die Einwanderer sind weniger wert als die Einheimischen, eingewanderte Frauen ohne Männer sind nahezu rechtlos (und das sicher nicht nur in Australien). Untereinander halten sie die schöne Fassade aufrecht, außerdem ist jede zu sehr in ihre eigenen Probleme verstrickt, um etwas anderes wahrzunehmen, und dann ist da auch noch die Angst vor Kurt.

Die Männer können praktisch machen, was sie wollen. Es sind selbstherrliche Chauvinisten, die Frauen verachten, benutzen, ausnutzen, missbrauchen – physisch und psychisch. Schnell findet man sie unsympathisch, zumal die Autorin keine Zweifel aufkommen lässt, auf wessen Seite sie steht. Und wer hat noch nie erlebt, dass Männer unter verschiedensten Situationen begünstigt werden, nur weil sie Männer sind? Aber es gibt nicht nur schlechte Männer, wie andere Beispiele belegen. Dennoch kommt es zu keinen ausführlichen Romanzen, die Entwicklungen sind angemessen und altersgerecht. Die Situation eskaliert mit einem Verbrechen – Notwehr? Affekt? Egal, man gönnt es Kurt, den man schon sehr viel früher hätte in die Schranken weisen müssen. So sehen es auch die Frauen und vertuschen das Geschehen. Es lässt ihnen jedoch keine Ruhe, denn sie haben ein Gewissen, und es gibt zu viele offene Fragen. Jede verdächtigt eine der anderen – aber wer war es wirklich? Dieser Aspekt des Buchs macht das ansatzweise sozial- und gesellschaftskritische Drama zu einem spannenden Krimi. Bis zum Schluss wird das Geheimnis gewahrt, wenngleich erfahrene Leser aufgrund winziger Details Vermutungen in die entsprechende Richtung anstellen und nicht enttäuscht werden.

Alles in allem ist „Feuermeer“ ein Roman, der vor allem (reifere) Leserinnen anspricht, die den Mix aus Drama, Abenteuer und Krimi mögen. Zusammen mit drei verschiedenen Frauen rollt man Lebensgeschichten und Tragödien auf. Trotz oder gerade wegen der reichlichen Gesellschaftskritik ist das Buch sehr unterhaltsam und fesselt bis zur letzten Seite. (IS)

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