Höllenschlund

Steve Alten
Höllenschlund

Originaltitel: The Trench (New York : Kensington Books 1999)
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1999 (Heyne Verlag)
432 S.
ISBN-13: 978-3-453-16000-2
Neuausgabe: Januar 2001 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/13207)
415 S.
ISBN-13: 978-3-453-17747-5
Neuausgabe (eBook): Juli 2018 (Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-23000-5

alten-hoellenschlund-coverTitel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Vor elf Jahren hatte Tiefseeforscher Jonas Taylor im pazifischen Marianen–Graben eine Begegnung der dritten Art. Dort tauchte plötzlich ein sehr lebendiges Exemplar des seit Jahrmillionen ausgestorben gewähnten „Carcharaodon megalodon“ auf: ein Riesenhai, Zeitgenosse der Dinosaurier, der zwanzig Meter Länge und mehr erreicht und mit entsprechendem Appetit gesegnet ist. Mit Mühe und Not entkam Taylor damals dem Untier. Die folgenden Jahre verbrachte er damit, sich vor der Welt zu rehabilitieren, die ihm seine Entdeckung nicht glauben wollte. Sieben Jahre später hatte er Erfolg – mehr, als ihm lieb war, denn dieses Mal folgte ihm das Monster aus dem Graben, richtete im Oberflächenwasser diverser Ozeane allerlei Unheil an und fraß seine Gattin, bevor es unschädlich gemacht werden konnte. (s. „Meg – Die Angst aus der Tiefe“)

Allerdings verließ das Ungetüm die Welt erst nach der Geburt eines weiblichen Baby-Megalodons, der von Taylor in einer künstlichen Lagune an der kalifornischen Küste gefangen gesetzt wurde. Dort lässt sich Angel, wie der inzwischen auf Eisenbahnwaggon-Größe angeschwollene Gast aus der Tiefsee genannt wird, von dickbäuchigen Touristen beim Vertilgen vollständiger Rinder bestaunen.

Nun wird Angel erwachsen und langsam mannstoll. Auf der Suche nach einem Gefährten rammt sie sich den Weg aus ihrem Gehege frei und stürmt hinaus in die See. Angels Fährte folgt Jonas Taylor, ihr persönlicher Ahab, der sich seit Jahren in düsteren Prophezeiungen genau dessen, was sich gerade ereignet hat, erging und dem selbstverständlich – so fordern es die Regeln des Trivial-Thrillers – niemand Glauben schenken wollte.

Angel ist für Taylor zur fixen Idee geworden, die sein Denken bestimmt und seine zweite Ehe zum Scheitern brachte. Noch-Gattin Terry hat sich in die Dienste des mysteriösen Industriemagnaten Benedict Singer begeben, der von einem Unterwasser-Imperium träumt, in dem er das Sagen hat. Seine neueste Errungenschaft, die Tiefseestation „Benthos“, hat er ausgerechnet im Marianen-Graben verankert, wo es seit kurzem zu rätselhaften Zwischenfällen kommt, was – leider will es zu lange niemand hören – auf weiteren Tiefseemonster-Befall hindeutet …

Blasiges Geblubber statt guter Geschichte

Wie lässt sich ein Roman wie „Höllenschlund“ objektiv bewerten? Er ließe sich mit einem kurzen, den ‚Unterhaltungswert‘ widerspiegelnden und deshalb einfach formulierten Satz erledigen – der Doppelsinn dieser Worte ist Absicht -, der etwa so lauten könnte: „Höllenschlund“ ist ein richtig miserables Buch.

Was es über das Gros ähnlich schlechter (Mach-) Werke hinaushebt, ist das in jeder Zeile spürbare Bemühen seines Autors um Qualität: Steve Alten möchte durchaus eine spannende, gut recherchierte Geschichte erzählen und sie mit stimmigen Figuren besetzen, aber er kann es einfach nicht. Mit Feuereifer stürmt er in jede Szene seines (nicht von ungefähr an ein Filmdrehbuch erinnernden) Romans, um stets nach wenigen Sätzen dramaturgisch ins Stolpern zu geraten. Gute Schriftsteller – und damit sind jene, die sich primär oder ausschließlich der Unterhaltung verschrieben haben, ausdrücklich eingeschlossen – erzeugen Spannung durch den geschickten Aufbau einer Story. Dafür gibt es Regeln, die sich bewährt haben und die man tunlichst beherzigen sollte.

Ehrgeiziger Anfänger, der er auch mit seinem zweiten Roman immer noch ist, glaubt Alten stattdessen, das Rad neu erfinden zu müssen. Was Ihm tatsächlich ‚gelingt‘, ist die billige Kopie eines James-Bond-Thrillers; gemeint sind die Hanswurstiaden, die das Publikum unter Roger Moore ertragen musste. „Der Spion, der mich liebte“ lässt ganz besonders in der Figur des Unterwasser-Diktators Benedict Singer grüßen. Ein weiterer Irrer greift nach der Weltmacht! Wie wird das wohl ausgehen?

Klischees statt Figuren

Erahnt hat Alten die Sackgasse, in die er sich selbst manövriert, wohl selbst. Für ihn beispielhaft ist die daraus resultierende Dümmlich-‚Lösung‘: Singers inneren Defekte spiegeln sich in seinem bizarren Äußeren wider, und seine geistige Überlegenheit meint der zerdellte Neo-Nemo durch großzügig in die Dialoge eingemischte lateinische Zitate beweisen zu müssen. Aufgrund der Penetranz, mit der Alten sich dieses billigen Tricks bedient, hat der Leser den halbdimensionalen Bösewicht bereits nach wenigen Seiten gründlich satt.

Das trifft auf die übrigen Figuren ebenfalls zu: Pappkameraden wie der unermüdliche, aber unverstandene und von Selbstzweifeln zerfressene Held Jonas (Achtung: Namenssymbolik!) und seine schöne, ihm entfremdete, aber treue Gattin. Als Verstärkung dienen der „beste Kumpel“, der zwischen diversen Rettungsaktionen und kollektiven Saufabenden vermutlich im Schrank des Helden haust, der gütige, alte, herzkranke (Schwieger-) Vater, die wunderschöne, gemeingefährliche Gefährtin des Schurken, die ihren Opfern lachend die Köpfe abbeißt, sich jedoch prompt in den Helden verliebt und Besserung gelobt (Welches Ende hält diese Geschichte wohl für sie bereit?). Grobe Mord- und Metzel-Einlagen übernehmen notorisch vertierte Russen, die zwar keine Kommunisten mehr sind, denen man aber immer noch misstrauen sollte.

Titel bei Amazon.de [eBook]
Titel bei Buch24.de [eBook]
Titel bei eBook.de [eBook]

Vermutlich kann man diese Klischees besser oder nur im Kino ertragen, wo bewegte Bilder und laute Musik die Höllenschlünde im Handlungsbogen verdecken. Allerdings haben nicht gerade unbegabte Filmemacher wie Jan de Bont oder Guillermo del Toro die Waffen gestreckt. Beinahe zwei Jahrzehnte schmorte „Meg“ – Band 1 der „Megalodon“-Serie – in Hollywoods berüchtigter Produktionshölle.

Wissenschaft, die Dummheit schafft

Jenseits vordergründiger Spannung und flacher Charaktere sollen (populär-) wissenschaftliche Einsprengsel das Niveau heben. Alten hat sich informiert über das Leben in der Tiefsee, die moderne Unterwasserforschung, das Meeresklima usw. Er ist kein Autor, der seinem Publikum solche Mühen vorenthalten würde. Freudig und oft verfällt er ins Dozieren und hört, einmal in Schwung gekommen, ungern wieder auf. Mit der ihm eigenen Unbeholfenheit strapaziert er den ohnehin überspannten Geduldsfaden seines Publikums fleißig weiter, indem er solche Suaden plump in aufgesetzte Dialoge des Kalibers „Wie funktioniert das?“ – „Das funktioniert so: …“ verpackt.

Wenn Steven Alten gar nichts mehr einfällt, lässt er seinen Monsterfisch auftauchen. Sein einziger Einfall, auf dem inzwischen eine ganze Roman-Serie basiert, war es, den Weißen Hai von 1974 so lange aufzublasen, bis er das Format eines Tyrannosaurus Rex erreicht hatte. Ein simpler Hai von acht oder zehn Metern Länge ist heutzutage offensichtlich nicht mehr furchterregend genug. Aber Alten wäre nicht Alten, hielte er nicht einen weiteren Dumm-Trumpf in der Hinterhand: Im Marianen-Graben treiben außer den Megalodons auch noch mutierte Wassersaurier ihr Unwesen! Dass sie sich verhalten wie die Raptoren in den „Jurassic-Park“-Filmen, ist gewiss nur ein Zufall …

Im Dunkel des Ozeans munkelt noch allerlei thrillertaugliches Getier. Ist der Megalodon tatsächlich der größte Raubfisch aller Zeiten? Was wäre, wenn in der Tiefsee Haie von vierzig, fünfzig oder hundert Metern ihr Unwesen treiben würden; Bestien, die nicht nur unheilverkündend leuchten, sondern vielleicht sogar fliegen können? (Übrigens ein Einfall, der 2018 für „[Nazi] Sky Sharks“ aufgegriffen wurde) Das würde keineswegs die absurdesten Spinnereien abdecken, denn Haie trieben ihr Unwesen inzwischen auch im Tiefschnee („Avanlanche Sharks“, 2011), im Sand („Sand Sharks“, 2011), als untote („Zombie Shark“, 2015), zwei- („2-Headed Shark Attack“, 2012), drei- („3-Headed Shark Attack“, 2015) oder fünfköpfige („5-Headed Shark Attack“, 2017) Schnappfische.

Das dicke Ende kam doch

Das „Meg“-Filmprojekt wurde wie schon erwähnt mehrfach verworfen, vegetierte aber hartnäckig weiter, obwohl Billigschocker wie „Shark Attack 3“ (2002), „Supershark“ (2011) oder „Jurassic Shark“ (2012) das Megalodon-Motiv aufgriffen und Trash-Horror-Klamauk wie „Sharknado“ 1 etc., „Shark in Venice“ (2008) oder „Ghost Shark“ (2013) es ad absurdum führten. Nicht grundlos beherrschen Haie seit Jahrmillionen die Ozeane – sie sind außerordentlich zäh!

So kam „Meg“ 2018 endlich über das Publikum. Jason Statham musste Jonas Taylor mimen, und Regisseur Jon Turteltaub („Trabbi Goes to Hollywood“) durfte eine größere neunstellige Summe verbraten, was immerhin diverse Schauwerte garantierte.

Autor

Steve Alten wurde am 21. August 1959 in Philadelphia, US-Staat Pennsylvania, geboren. Er studierte u. a. Sportmedizin an der University of Delaware. Schon mit seinem Debüt-Roman „Meg“, der die Untaten eines in der Gegenwart buchstäblich wiederaufgetauchten Urzeit-Riesenhais schilderte, gelang Alten 1997 der Durchbruch als Autor. In den nächsten Jahren erschienen in rascher Folge leichtgewichtige bis trashige Horror- und SF-Garne. Auch „Meg“ wurde mehrfach fortgesetzt.

Mit seiner Familie lebt Steve Alten in Boca Raton, Süd-Florida. Über seine Arbeit informiert er auf seiner Website.

Copyright © 2016/2018 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Titel bei Amazon.de [eBook]
Titel bei Buch24.de [eBook]
Titel bei eBook.de [eBook]

Tauchstation

Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee

Gewürm

Dead Sea – Meer der Angst

sfbentry

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.