Outlaw

Lee Child
Outlaw

(Jack Reacher, Bd. 12)

(sfbentry)
Originaltitel: Nothing to Lose (London : Bantam Press 2008/New York : Delacorte Press 2008)
Übersetzung: Wulf Bergner
Dt. Erstausgabe (geb.): November 2011 (Blanvalet Verlag)
447 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0420-5
Taschenbuch: Januar 2013 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 37163)
447 S.
ISBN-13: 978-3-442-37163-1
eBook: November 2011 (Blanvalet Verlag)
740 KB
ISBN-13: 978-3-641-06117-3
Hörbuch-Download: November 2012 (Random House Audio)
Gelesen von Frank Schaff
Laufzeit: ca. 900 min. (ungekürzte Lesung)
ISBN-13: 978-3-8371-1046-3

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Das geschieht:

Seine unstete Wanderschaft durch die USA führt Jack Reacher, den ehemaligen Militärpolizisten, der vor mehr als zehn Jahren vom Dienst ‚freigestellt‘ wurde, nach Colorado. In der wüstenhaften Landschaft liegen die beiden Orte Hope und Despair nur räumlich in dichter Nachbarschaft. Die seltsamen Namen erregen Reachers Neugier, doch er ist kaum in Despair eingetroffen, als er bereits von der Polizei aufgegriffen und vom Schnellrichter als unerwünschter Landstreicher abgeschoben wird.

Reacher hasst es, vertrieben zu werden. Zudem wundert er sich, dass der Richter den Polizeibeamten ignorierte, den er bei der Verhaftung verprügelt hatte. In Hope klärt ihn die Polizistin Vaughan auf: Despair ist Thurmans Stadt. Der Finanzmagnat hat hier ein gigantisches Recycling-Werk für Metall errichtet und ist der einzige Arbeitgeber dieser Stadt, deren Einwohner sich deshalb seiner an die Feudalzeit erinnernden Herrschaft beugen.

In der Nacht schaut sich Reacher in Despair um – und stolpert dabei in der Wüste über die Leiche eines verdursteten jungen Mannes. Nach Hope zurückgekehrt, spricht ihn die junge Lucy Anderson an: Sie vermisst ihren Ehemann. Die Vermutung liegt nahe, dass Reacher ihn gefunden hat, doch Lucys Gatte ist deutlich größer als das Opfer. Vaughan wundert sich, dass die Polizei von Despair den Fund der Leiche nicht gemeldet hat. Man will sie offensichtlich verschwinden lassen. Ohne die gesetzliche Handhabe, in der Nachbarstadt Nachforschungen anzustellen, lässt sich Vaughan auf eine inoffizielle Partnerschaft mit Reacher ein.

Der beginnt zu ‚ermitteln‘ und hinterlässt dabei eine breite Spur gebrochener Knochen. Allmählich beginnt Reacher ein Netz geheimer, halb offizieller sowie definitiv krimineller Aktivitäten zu erkennen, in dem Thurman als mächtige aber völlig durchgedrehte Spinne hockt, die sich berufen fühlt, einen Glaubenskampf zu entfachen, der die ganze Welt in Brand setzen könnte …

Der Fluch des Erfolgs

Auf zehn Bände hatte Lee Child seine Reacher-Serie ursprünglich angelegt und dabei jene Grenzen berücksichtigt, die er durchaus absichtsvoll recht eng gesetzt hatte. Reacher kommt, sieht Unrecht und sorgt primär mit den Fäusten für Abhilfe. Dann verschwindet er im Licht der untergehenden Sonne am Horizont, denn neue Abenteuer locken.

Das Publikum liebt gut geschriebene Thriller, deren Held vor den selbsternannten Großen dieser Welt nicht kuscht, sondern ihnen notfalls kräftig auf die Nasen gibt, wenn sie gegen seinen simplen Ehrenkodex verstoßen: „Ich mag keine fetten, selbstgefälligen Bosse, die Leute nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Und mir gefällt’s nicht, wenn eingeschüchterte Menschen sich das gefallen lassen.“ (S. 220/21) Sind wir nicht selbst einer der Bosse mit der Pfeife, gefällt uns das ebenfalls nicht. Leider müssen wir es uns in der schnöden Realität oft genug gefallen lassen. Da ist es schön, wenigstens im Geiste und stellvertretend durch Reacher Dampf ablassen zu können.

Child unterschätzte den Erfolg, der mit Reacher über ihn kam. Er schmiedet das Eisen, solange es noch heiß ist, und legt jedes Jahr einen weiteren Thriller vor. Dabei ist ihm die Gefahr der Wiederholung durchaus deutlich. Child experimentiert; er hat Reacher aus der Ich-Perspektive erzählen lassen, und es gibt Reacher-Abenteuer aus der Militärpolizei-Zeit des Helden. Freilich konnte Child damit bei seinen Lesern keine Begeisterungsstürme entfachen. Sie lieben Reacher als jüngere Clint-Eastwood-Inkarnation, unter dessen rauer Schale ein buchstäblich ritterliches Herz schlägt.

Der Versuch eines neuen Ansatzes

In „Outlaw“ wahrt Child die beliebte Form und schraubt stattdessen am Plot. Dieses Mal gibt es keine zentrale Schweinerei, die sich im Laufe der Handlung herauskristallisiert und deren Verursacher im großen Finale bitter büßen müssen. Im Recycling-Werk von Despair treibt mehr als ein Bösewicht sein Unwesen. Dabei wird das Urteil allerdings nicht auf der Basis des niedergeschriebenen Gesetzes gefällt. Deutlicher als zuvor übt Child Kritik – Kritik an einer US-Regierung, die den Krieg gegen den „Welt-Terrorismus“ nicht abbrechen will, obwohl er längst gescheitert und zum Fleischwolf verkommen ist, durch den ‚Freunde‘ wie ‚Feinde‘ – ohnehin eine nur vage und zeitlich begrenzt zu differenzierende Gruppe – gleichermaßen gedreht werden.

Die Folgen werden vertuscht, beschönigt oder gewaltsam unter den Tisch gekehrt, um die Öffentlichkeit ruhig zu halten. Wie stark es unter dieser trügerischen Oberfläche gärt, verdeutlicht Child ausgerechnet vor der scheinbar endlosen Wüstenlandschaft Colorados. Das beste Versteck ist dort, wo alle das Verborgene sehen könnten. Sie rechnen nicht damit und übersehen es.

Deshalb muss ein Jack Reacher kommen, der gelernt hat, genau hinzuschauen und mit der Kunst der Lüge vertraut ist. Dieses Mal tappt er länger als sonst im dunkeln, denn selbst ihn verwirren die vielen Indizien, die sich widersprechen, weil sie tatsächlich nicht aus einem Ereignis hervorgegangen sind. Vor allem im Mittelteil irrt Reacher regelrecht durch die Wüste bzw. pendelt zwischen Hope, Despair und Thurmans Werk hin und her, tritt aber eigentlich auf der Stelle. Das weiß Child zwar wie üblich durch seine schnörkellose, auf das jeweils wichtige Detail fixierte Schreibweise wunderbar zu überspielen. Dennoch fällt auf, dass Child hier vor allem Seiten füllt.

Die Wüste als Bühne

Oder liegt es an der kargen Umgebung? Es gibt nicht viel zu sehen in der Wüste, sodass Reacher zwangsläufig immer wieder an denselben Orten landet. Spannend ist daran vor allem ihn zu beobachten, wie er aus den wenigen Requisiten, die ihm das Schicksal (= Child) in die Hand gibt, Schlüsse zieht oder zahlenmäßig überlegene Schlägertrupps zu Boden schickt.

Der verlockende aber politisch deshalb noch weniger korrekte Gedanke dahinter ist, dass Reacher mehr Profi ist als Staatsbeamte und Verbrecher. Sie haben sich so sehr daran gewöhnt, mit Willkür oder Gewalt über die Runden zu kommen, dass sie mit einem Reacher überfordert sind. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe, ohne jemals mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Da Reacher weder Rang noch Gut zu verlieren hat („Nothing to lose“ lautet der Originaltitel; ein „Outlaw“ lässt sich dagegen nirgendwo blicken), ist er nicht korrumpierbar. Die daraus resultierende Überraschung stützt Reacher mit seiner Gewaltbereitschaft im Dienst der guten Sache. Deshalb schlägt er seine Widersacher nicht einfach zu Boden, sondern bricht ihnen mit einem Tritt einige Rippen, um sicher zu gehen, dass sie ihn nicht mehr behelligen werden.

Er funktioniert verführerisch gut. Reacher trägt in „Outlaw“ nur blaue Flecken davon, obwohl er Strolche wie am Fließband niedermacht. Für Feingeister sind diese Thriller aber nicht geschrieben. Hier soll und darf ausnahmsweise die einfache Lösung die beste sein. So haben die Pioniere den US-Westen erobert, wofür sie (unter widerwilliger Anerkennung der hässlichen Begleiterscheinungen) noch heute als Vorbilder verehrt und zitiert werden.

Der Gerechte hilft gern (nach)

Child komplettiert den Rundschlag gegen alles, was schon zu lange stinkt, mit einem Seitenhieb gegen die Auswüchse einer amoklaufenden Religion. Selbst ist in den USA der Mann, und alle Wege stehen dem Tüchtigen offen. Nach dieser Logik ist es deshalb möglich, Gott quasi auf die Sprünge zu helfen sowie auf Erden zu richten, worum er sich leider nicht kümmern will. Thurman hat es aus eigener Kraft (und unter eifrigem Einsatz der Ellenbogen) zu Reichtum und Einfluss gebracht. Er leitet daraus das Recht ab, sich zum Messias aufzuschwingen. Seine Gläubigen schafft er sich selbst, indem er sie mit Jobs, Geld und Drohungen gefügig hält.

Child geht sehr weit in der Schilderung der Konsequenzen; ein wenig zu weit wohl, weshalb es nicht nur ein wenig übertrieben wirkt, wenn Reacher als gerechte Strafe die Apokalypse entfesselt und das Reich des Bösen vom Erdboden tilgt. Rasch versöhnt der Autor die verwunderten Leser wieder, indem er beschreibt, was sich aus den Trümmern erheben wird: ein neues Reich mit weitgehend alten Regeln. Darum kann sich Reacher kümmern, wenn er irgendwann einmal nach Colorado zurückkehrt. Als Child ihn verlässt, hat er sich gerade wieder auf seine ewige Wanderung durch die im Unrecht Vereinigten Staaten von Amerika begeben.

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ex-Militärpolizist Reacher zieht ein weiteres Mal in den selbsterklärten Krieg gegen die Nutznießer der globalisierten Gleichgültigkeit und kommt in der Wüste von Colorado einer ganzen Serie unterschiedlicher Straftaten auf die Spur … – In seinem 12. Abenteuer findet Reacher kaum Zeit, seine Fäuste abkühlen zu lassen; vielleicht übertreibt es der Autor dieses Mal mit den Plot-Wirbeln, doch spannend und gut geschrieben ist „Outlaw“ ungeachtet des deutschen Nonsens-Titels allemal!

[md]

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