Pompeji

Robert Harris
Pompeji

Originaltitel: Pompeii (London : Hutchinson 2003)
Übersetzung: Christel Wiemken
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Januar 2004 (Heyne Verlag)
381 S.
ISBN-10: 3-453-87748-9
Neuausgabe: April 2005 (Heyne Verlag/TB Nr. 47013)
381 S.
ISBN-13: 978-3-453-47013-2
eBook: März 2013 (Heyne Verlag)
1096 KB
ISBN-13: 978-3-641-10845-8

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Das geschieht:

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft in der süditalienischen Hafenstadt Misenum wird der junge Marcus Attilius Primus hart auf die Probe gestellt. Aus Rom hat man den Wasserbaumeister in die Provinz geschickt, um dort die Aqua Augusta zu warten. Der gewaltige Aquädukt versorgt gleich neun Städte im Umfeld des Berges Vesuv mit dem nötigen Wasser. In der heißen und trockenen Region stellt er die Lebensader dar.

Doch in diesem August 79 n. Chr. versiegt die Aqua Augusta plötzlich. Eine Katastrophe für besagte Städte aber auch für Attilius’ Karriere, bekommt er das Problem nicht umgehend in den Griff. Gaius Plinius, der Befehlshaber der römischen Westflotte, die in der Bucht von Neapel stationiert ist, fordert umgehend Abhilfe. Der fähige Politiker und berühmte Universalgelehrte fürchtet den Zorn des jungen Kaisers Titus, der auf Schwierigkeiten wie diesen gewalttätig zu reagieren pflegt.

In Plinius gewinnt Attilius trotzdem einen Verbündeten. Der junge Mann fasziniert ihn mit einer gewagten Theorie: Der Aquädukt muss direkt am Vesuv gebrochen sein. Seit vielen Jahren schweigt der Vulkan. Immer näher sind ihm die Siedlungen gekommen. Zeichnet sich ein neuer Ausbruch ab? Plinius findet gewisse Anzeichen. Attilius soll vor Ort die Situation prüfen und natürlich die Wasserleitung reparieren.

Mit seinem Team macht sich der Wasserbaumeister nach Pompeji auf. In Sichtweite des Vulkans beunruhigen seit einiger Zeit leichte Erdstöße die Bevölkerung. Die korrupte Stadtregierung fürchtet allerdings eher die Aufdeckung der Tatsache, dass sie seit langer Zeit im Bund mit Attilius‘ Vorgänger die Aqua Augusta heimlich anzapfen lässt. Sie trägt daher Sorge, dass der Wasserbaumeister Misenum nicht mehr erreicht. Der merkt bald, dass er um sein Leben fürchten muss, doch diese Erkenntnis ist nichts gegen die Entdeckung, dass der Vesuv kurz vor einem gewaltigen Ausbruch steht. Alle Warnungen kommen zu spät, und so nimmt das apokalyptische Geschehen seinen Lauf …

Erstarrt unter einem Aschepanzer

Obwohl auf unserer Erde eine erkleckliche Anzahl ruhender und tätiger Vulkane existiert, gibt es relativ wenige historische Ausbrüche, die sich in die Annalen förmlich eingebrannt haben. Der eine ereignete sich 1883, als die indonesische Insel Krakatau in die Luft flog und 36.000 Menschen in den Tod riss; der Knall war noch in vielen tausend Kilometern Entfernung vernehmbar.

Der andere war die Eruption des Vesuvs 79 n. Chr. Nicht nur die Zahl der Opfer sorgte für die Überlieferung. Die Katastrophe ereignete sich praktisch im Herzen des Römischen Reiches und somit in einem bemerkenswert zivilisierten Land. Sie vernichtete blühende Metropolen und wurde bereits von den Zeitgenossen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern genau untersucht und beschrieben. Fast zwei Jahrtausende später kam unter der erstarrten Lava und Asche zudem das nicht vollständig vernichtete, sondern vor allem verschüttete Pompeji wie aus einer Zeitkapsel wieder zum Vorschein und enthüllte eine buchstäblich versunkene antike Welt.

Pompeji war wieder in aller Munde. So ist es bis heute geblieben; die ausgegrabenen und konservierten Ruinen können besichtigt werden. Sie bilden den Schnappschuss einer Historie, der am 24. August 79 abrupt fixiert wurde. Dabei spielten sich Dramen ab, von denen wir ebenfalls wissen: Immer wieder fanden die Archäologen in den Trümmern von Pompeji Hohlräume. Ausgegossen mit Gips stellten sie sich als Negativabdrücke von Leichen dar. Bürger der Stadt waren von der Lava oder der heißen Asche überrascht und im Augenblick ihres gewaltsamen Todes detailgetreu konserviert worden. Wer diese Abgüsse einmal gesehen hat, vergisst sie nicht mehr.

Stolz, Hochmut und Fall

Die Präsenz der Katastrophe und der mit ihr verbundenen Schicksale bilden die Basis, auf der Robert Harris bauen kann. Hinzu kommt die historische Bedeutung eines Ereignisses, das in die zeitgenössischen Quellen einging, auf die Harris zurückgreifen konnte. Zusammen mit dem, was Archäologen und Historiker in Erfahrung gebracht haben, wurde Harris die (natürlich primär der Unterhaltung verpflichtete) Rekonstruktion der antiken Gegenwart möglich.

Zumindest innerhalb ihrer Grenzen fühlten sich die Römer als Herren der Welt. Militärisch waren sie stark, Technik und Wissenschaft gediehen ebenfalls. Die Aqua Augusta war nur Teil eines ausgeklügelten Systems von Aquädukten, die Wasser noch in die entferntesten, unwirtlichsten Regionen des Reiches brachten und dadurch dessen Besiedlung und Expansion überhaupt erst ermöglichten. Der römische Mensch hatte sich scheinbar die Natur untertan gemacht und war stolz darauf. Aus solchem Stolz erwuchs zu allen Zeiten Überheblichkeit, was zur Fehleinschätzung von Situationen führt, selbst wenn man es besser wissen müsste. Obwohl die Naturwissenschaft im ersten nachchristlichen Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte, wussten römische Forscher – hier repräsentiert durch den historischen Plinius – schon einiges über mögliche Ursachen und vor allem Vorzeichen für Erdbeben und Vulkanausbrüche. Es wollte nur niemand wirklich wissen, denn so etwas konnte doch im Imperium einfach nicht geschehen!

Die Trägen und Selbstgerechten wurden eines Besseren belehrt und schwer erschüttert. Wie konnten die Götter Pompeji untergehen lassen? Nie wurde dieses Naturereignis vergessen. Zwar siedelten Menschen wieder am Vesuv, aber sie achteten nunmehr besser auf warnende Vorzeichen. Eine Katastrophe wie die von 79 ist daher trotz neuerlicher Ausbrüche ausgeblieben.

Werbung als pyroklastischer Strom

Diese starke Kulisse hat Robert Harris klug für seine Geschichte genutzt. Diese fülle den Rahmen freilich nur bedingt aus, wie die stets wachsame Kritik monierte. Ob man ihr zustimmt, kommt auf den Standpunkt an. Harris erzählt eine spannende, vorzüglich recherchierte Story. Er rekonstruiert die zeitgenössische römische Welt mit enormer Anschaulichkeit.

Unterhaltung scheint der genannten Kritik für einen Harris-Roman zu wenig zu sein. Seit „Fatherland“ (1992, dt. „Vaterland“) ist Robert Harris ein Bestsellerautor. Dies soll er für die Verlagswelt tunlichst bleiben, weshalb jedes neue, potenziell einträgliche Werk von einem unerhörten Werberummel begleitet wird. Wenige Harris-Bücher rechtfertigten diesen Aufwand wirklich, aber alle sind sie auf die Bestsellerlisten gepusht worden. „Pompeji“ stellt keine Ausnahme dar.

Macht man sich frei von der Vorstellung, ein ‚bedeutender‘ Autor verkaufe sich unter Wert, und akzeptiert die Tatsache, dass Harris ein guter Handwerker ist, bereitet die Lektüre von „Pompeji“ viel Vergnügen. Harris benutzt (oder missbraucht) die Vergangenheit nicht als exotische Staffage. Das Geschehen kann sich so nur am Golf von Neapel Anno 79 ereignen. Von Geschichte müssen die Leser keine Ahnung haben. Harris liefert alle erforderlichen Fakten und dies wiederum als Element der Handlung.

Sex & Crime als unentbehrliche Treibriemen?

Der Ton ist nüchtern, fast sachlich. Die Ereignisse sprechen ohnehin für sich. Eine schmalzige Lovestory zwischen prasselnden Magmabrocken bleibt fast gänzlich aus. Sie existiert in Ansätzen, wirkt aber eher jenen Teilen des Publikums geschuldet, die angeblich darauf bestehen. Dem apokalyptischen Geschehen eingeflochten ist weiterhin ein kriminalistischer Subplot. Der wäre nicht unbedingt nötig gewesen, aber gab es nicht auch auf der sinkenden James-Cameron-„Titanic“ eine Verfolgungsjagd samt Schießerei?

Es gibt das traditionelle Problem des Katastrophenromans (oder -films): Das Geschehen spitzt sich auf den buchstäblichen finalen Knall zu, darf sich aber nicht darauf beschränken, weil selbst ein Vulkanausbruch keine mehrhundertseitige Handlung tragen kann. Seit jeher müssen daher Intrigen, Liebesgeschichten und ähnliche zwischenmenschliche Verwicklungen das Publikum bei Laune halten, das indes mit steigender Ungeduld auf das versprochene Inferno wartet. Bricht es dann herein, werden die bisher verfolgten Handlungsstränge Nebensache. Auch in „Pompeji“ regiert ab Seite 291 nur noch der Vesuv. Er schürzt den Handlungsknoten bzw. löst die meisten Figuren in heißer Lava auf. Irgendwann verlässt die Geschichte die beiden Hauptdarsteller; ihr Schicksal ist nicht mehr wichtig angesichts des gewaltigen Untergangs-Panoramas.

Weil dies ist, konnte sich Verfasser Harris die Figurenzeichnungen einfach machen. Oder fällt es nur diesem Rezensenten auf, dass Wasserbaumeister Attilius eine leicht variierte Version des Film-„Gladiators“ Maximus ist? Bereits der war ein Bündel personifizierter Klischees: ein durch und durch redlicher, unbestechlicher Mann mit erzharten ethischen Grundsätzen, der sich so beim verderbten Establishment unbeliebt macht und um sein Leben kämpfen muss, während er gleichzeitig eine wichtige Mission erfüllt. Dies ist in diesem Fall ganz klassisch die Rettung einer schönen Frau. Eine weitere Parallele: Auch Attilius hat gar tragisch seine Familie verloren und ist ein gebrochener Mann, bis ihn eine neue Liebe aus seinem Elend erlöst.

Handfester Nerd als eigentlicher Held

Glücklicherweise geht Attilius einem interessanten Job nach und reist an gefährliche Orte. Zu ihrem Pech kann uns die schöne Corelia mit solchen Attraktionen nicht ablenken. Ihr bleibt nur die – immerhin zeittypische – Rolle der aufmüpfigen jungen Frau mit Grips in einer chauvinistischen Männer-Gesellschaft. Sie darf sich deshalb hier und da gegen den bösen Vater auflehnen und geistige Selbstständigkeit demonstrieren, aber es kommt doch der Punkt, an dem sie auf männliche Rettung – hier durch Attilius – warten muss.

Ein Spiel wie dieses benötigt natürlich einen Bösewicht. Der entstammt dem im antikrömischen Ambiente stets beliebten dekadenten Adel, des Angehörige es sich auf Kosten des Volkes und vor allem unzähliger Sklaven gut gehen lassen, schlemmen, saufen, kleine Jungs notzüchtigen u. a. treiben, das vor allem der Durchschnittsamerikaner gern seinem Bild vom sittenlosen (Alt-) Europa einfügt. Über diesen Geisterbahn-Ganoven thront der gerissene Ampliatus, dem Harris echte Tiefe verleihen kann: Der Ex-Sklave wird nicht von einem diffusen Drang zum Bösen, sondern von seinen Komplexen getrieben, die ihn seine traumatisierende Vergangenheit nicht vergessen lassen. Leider lässt ihn Harris zu schlechter Letzt wahnsinnig werden, was die tragische Ambivalenz dieser Figur umgehend in Vergessenheit geraten lässt.

Die eigentliche Hauptfigur ist Gaius Plinius. Hier zeichnet Harris das überzeugende Bild eines Genies mit menschlichen Schwächen am Ende seines Lebensweges. Plinius ist alt und krank, der neue Kaiser mag ihn nicht und wird ihn kaltstellen. Doch über alle Alltagsprobleme ist Plinius erhaben, sobald sich ihm ein wissenschaftliches Problem stellt. Er ist ein Universalgelehrter, was aufgrund des zeitgenössischen Wissensstandes noch möglich war: Plinius speichert in seinem Hirn quasi das gesamte bekannte Wissen seiner Zeit und zögert nie dazuzulernen. Deshalb stürzt er sich umgehend auf die Chance, einen Vulkanausbruch aus der Nähe zu beobachten, und klagt nicht, als er bemerkt, dass es ihn das Leben kosten wird. Es wäre schön, hätte Harris mehr Figuren mit Plinius-Potenzial geschaffen, aber auch ohne solche Mehrarbeit wurde „Pompeji“ ein Pageturner und Bestseller.

Autor

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Er studierte im vornehmen Cambridge und arbeitete nach seinem Abschluss als Journalist und Redakteur für diverse Zeitungen sowie für die BBC. Als Kolumnist ist er noch heute tätig und wurde 2003 dafür mit dem „British Press Award“ ausgezeichnet.

Harris ist der Verfasser mehrerer Sachbücher. 1992 legte er mit „Fatherland“ (dt. „Vaterland“) seinen ersten Roman vor. Das mit diesem Parallelwelt-Nazi-Garn erregte Aufsehen nützte ihm sehr; auch seine nächsten Werke gelangten auf die Bestsellerlisten. „Enigma“, „Aurora“ und „Ghost“ (dt. „Der Ghostwriter“) erfuhren darüber hinaus den für solche Erfolge üblichen Sprung ins Kino.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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