Sniper

Lee Child
Sniper
(Jack Reacher-Serie, Bd. 9)

Originaltitel: One Shot (London : Bantam Press 2005/New York : Delacorte Press 2005)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe: Februar 2008 (Blanvalet Verlag)
477 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0237-9
Neuausgabe: Juni 2009 (Blanvalet Verlag/TB-Nr. 37208)
477 S.
ISBN-13: 978-3-442-37208-9
eBook: September 2009 (Blanvalet Verlag)
1923 KB
ISBN-13: 978-3-641-02829-9

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Das geschieht:

Eine mittelgroße und weithin unbekannte Stadt im US-Staat Indiana rückt schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit, nachdem James Barr, vor vielen Jahren Elitesoldat und ausgebildeter Scharfschütze, mit einem Präzisionsgewehr kaltblütig fünf Menschen erschossen hat. Schnell hat die Polizei den Schützen verhaftet. Der weigert sich zu gestehen und spricht nur zwei Sätze: „Sie haben den Falschen“ und „Lassen Sie Jack Reacher herkommen.“

Der ehemalige Militärpolizist Reacher, der seit seiner Entlassung aus dem Militärdienst unstet durch die USA vagabundiert, ist höchst verwundert, als er aus dem Fernsehen von diesem Wunsch erfährt. Er hat vor 14 Jahren gegen Barr ermittelt, als dieser im ersten Golfkrieg durchdrehte und mit seinem Hochleistungsgewehr vier Männer umbrachte. Der Fall wurde damals vom Militär vertuscht, und Barr blieb unbestraft, was Reacher hart ankam.

Neugierig geworden reist der Ex-Polizist nach Indiana. Dort halten Polizei und Staatsanwaltschaft die Indizien für einen wasserdichten Fall in ihren Händen. Reacher stimmt ihnen zu. Nur aufgrund der inständigen Bitten von Barrs Schwester und der hartnäckigen Verteidigerin Helen Rodin ermittelt er privat noch einmal selbst – und sticht in ein Wespennest. Reacher wird beschattet, dann in eine Falle gelockt und überfallen. Als das nicht fruchtet, hängt man ihm einen Mord an.

Doch die Unbekannten haben sich mit dem Falschen angelegt. Reacher entdeckt, dass der Massenmord Teil einer Verschwörung ist. Die Polizei und seine Verfolger hart auf den Fersen setzt er seine Nachforschungen fort – bis es an der Zeit ist zu einem Gegenangriff überzugehen, dessen Vehemenz sogar seine skrupellosen Feinde in Furcht und Schrecken versetzt …

Mord als elendes Handwerk betrachtet

Zumindest in einem Punkt passt der deutsche Titel besser als das originale „One Shot“: Auslöser der rasanten Geschichte ist tatsächlich ein Scharfschütze, der militärisch für den Zweck ausgebildet wurde, aus dem Hinterhalt und aus der Entfernung Menschen zu töten – „wegzuputzen“ (to snipe).

Allerdings ist für James Barr nach seinem kurzen Auftritt auf den ersten Seiten seine Rolle eigentlich gespielt. Wir werden ihn nur noch kurz und dann hilflos an ein Krankenhausbett gefesselt erneut treffen. Er hat seinen Zweck erfüllt, denn „Sniper“ ist alles andere als ein weiterer Bodycount-Thriller, in dem das Töten aus großer Distanz zelebriert wird.

Stattdessen ist der neunte Fall für Jack Reacher fast über die gesamte Distanz ein klassischer „Whodunit“? Die Hauptfigur wird mit einem offenbar unmöglichem Mord konfrontiert: Die Beweise gegen den Täter wirken absolut lückenlos. Selbst Reacher kann mit seiner beachtlichen Erfahrung lange keine Lücken in dem Bollwerk der Indizien finden.

Geschickt arbeitet Autor Child gerade dies als Wendepunkt heraus. Die ‚Beweise‘ sind ZU perfekt. Als Reacher erst einmal eine lose Faser – den einen Schuss („one shot“), der zum Schlüssel wird – gefunden hat, dröselt er nach und nach ein beachtliches Komplott auf. Bereits diese Schilderung fesselt das Publikum, denn Child ist ein fabelhafter Erzähler, obwohl – oder weil? – er sich auf kurze, knappe Sätze beschränkt. Sich auf das Wesentliche zu beschränken ist eine Kunst, die gerade im modernen Unterhaltungsroman nicht gerade viele Schriftsteller beherrschen, weil sich hier Schwatzsucht & Seifenoper viel zu breit gemacht haben.

Der Plot als Hase – mit Hakenschlägen

Mit der Aufdeckung des Komplotts geht der Krimi in die nächste Runde: Wer sind die Hintermänner? Wieso wurde in großem Stil gemordet? Diese Fragen stellt der Leser umso nachdrücklicher, nachdem Child Reacher in eine Ecke gedrängt zu haben scheint, aus der dieser nicht mehr entkommen kann. Dass ihm genau das gelingt, wissen die erfahrenen Reacher-Fans natürlich, doch sie können sich darauf verlassen, von Child überrascht zu werden.

„Sniper“ funktioniert darin sogar noch besser als sonst. Child fährt den Anteil drastischer Gewalt erstaunlich weit zurück. Im Mittelteil verprügelt Reacher einige Mietstrolche, und im Finale lässt er wieder Genicke krachen und Kehlen klaffen. Ansonsten hält er sich zurück und ermittelt; systematisch, ideenreich und mit einem Rattenschwanz von Polizisten und Gangstern hinter sich, die er mit immer neuen Finten in die Irre führt. Dabei wirkt er nie wie ein unbesiegbarer Supermann, sondern überzeugt durch stoische Professionalität.

Angesichts der sauber inszenierten Verschwörung muss die Auflösung ein wenig enttäuschen. Soviel Aufwand scheint für die Tat, die es zu verschleiern galt, reichlich übertrieben. Doch das ist eine Kritik, die sich auch an manchem Krimiklassiker üben lässt. Irgendwann musste Reacher zudem seinen Killerinstinkt wieder tatkräftig zum Einsatz bringen. Diese Seite seines Wesens hat schließlich ihre eigenen Fans.

Kein Mann ohne Namen

Immer noch zieht Jack Reacher durch sein großes Heimatland. Was vor vielen Jahren als wütender Rückzug aus einer Welt begann, die ihn einfach ausgemustert hatte, ist nun seine Lebensart geworden. Reacher reist, lässt sich treiben, beobachtet – und greift ein, wenn er sich betroffen fühlt. Die Entscheidung trifft nun er, und das ist ihm die liebste Errungenschaft seines eigenartigen Lebens.

Der Wanderer ohne Wurzeln ist die ideale Figur als Kontrollinstanz außerhalb der gesetzlichen Normen, die einen moralischen Kern oft nicht mehr erkennen lassen. „Für einen denkenden Menschen ist es nicht möglich, in einem Gesellschaft wie der unseren zu leben, ohne sie ändern zu wollen.“ (S. 411) Das ist Reachers Credo, und er ist weiterhin bereit seinen Teil beizutragen. Das fällt ihm als Außenseiter leichter, denn er ist quasi unsichtbar.

Selbstverständlich tritt Reacher weiterhin gegen überlebensgroß gezeichnete Gegner an. Figuren wie der bizarre „Zec“ sind der reinen Unterhaltung geschuldet. Ihr monströses Äußeres spiegelt innere Anomalien wider, die ihnen furchterregende aber letztlich übertriebene Übeltaten ermöglichen. Dass der Zec und seine malerisch vertierten Spießgesellen in gewisser Weise selbst Opfer und gleichzeitig Kapitalverbrecher sind, soll schockierend wirken, ist aber so übertrieben, dass es als Mittel zum Zweck allzu deutlich erkennbar wird.

Besser gezeichnet sind die übrigen Figuren. Dabei entsprechen auch sie grundsätzlich bekannten Klischees: der ruhmsüchtige Staatsanwalt, die altruistische Verteidigerin (sie ist die Tochter des Anwalts, was für dramatische Verwicklungen sorgt), der harte aber gerechte Bulle, die treue Schwester (als moralischer Ankus), der reumütige Killer, das rauflustige Großmaul (das von Reacher auf dasselbe kriegt). Doch Child setzt sie ökonomisch ein, statt auf ihnen herumzureiten; er stellt sie in den Dienst seiner Geschichte, die ihm über allem steht. Nur einmal und dann mit negativer Wirkung verlässt er diesen Pfad, als er Reachers alte Flamme Eileen Hutton ins Geschehen bringt, deren Auftauchen offenbar nur Anlass für einen vom Verlag geforderte Liebesnacht geben soll, die Child denn auch (absichtlich rachsüchtig?) unglaubhaft und peinlich hölzern darstellt.

Das sind lässliche Sünden. Es überwiegt das Vergnügen am reinen, ohne jedes Schielen auf ‚literarische‘ Qualitäten handwerklich druckvoll umgesetzten, die Intelligenz des Lesers nie beleidigenden Thriller, der Lust macht auf eine Fortsetzung der Reacher-Odyssee, die darüber hinaus noch möglichst lange andauern mag!

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

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