Target 5

Colin Forbes
Target 5

Originaltitel: Target Five (London : Collins 1973)
Übersetzung: Susan und Manfred Meurer
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1974 (Marion von Schröder Verlag)
309 S.
ISBN-10: 3-547-72855-X
Neuausgabe: 1977 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/5314)
270 S.
ISBN-10: 3-453-00686-0
Neuausgabe: Januar 2001 (Pavillon/Heyne Verlag 143)
270 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-17675-1

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Das geschieht:

Mitten in der Nacht und auf offener Strecke holt das FBI Keith Beaumont aus dem Zug, der ihn in die Ferien tragen sollte. Der britische Abenteurer und Arktis-Experte, der schon mehrfach für den US-Geheimdienst tätig geworden ist, muss nach Grönland, um einen ungewöhnlichen Auftrag zu übernehmen. Wir schreiben das Jahr 1973. Der kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion ist auf seinem Höhepunkt. Sogar in der Arktis belauern sich die beiden Supermächte. Die Machthaber beider Seiten plagt die Angst, der Gegner könne über das Dach der Welt eine Invasion starten. Deshalb unterhält man Militärstützpunkte und kleine ‚Forschungsstationen‘.

Eine seltene Laune des aktuellen Polarwinters ließ zwei riesige Eisinseln vor der Ostküste von Grönland einander auf vierzig Kilometer nähern. „Nordpol 17“ trägt eine Station der Sowjets, während die Amerikaner ihrer schwimmenden Insel den Namen „Target 5“ gegeben haben. Auf „Nordpol 17“ nutzt Michael Gorow die Gunst der Stunde. Der Meereskundler hat genug von der Diktatur in seinem Heimatland. Er signalisiert den Amerikanern seine Bereitschaft überzulaufen. In Washington ist man entzückt, denn unter Gorows Leitung wurde gerade ein neues Ortungssystem der UdSSR auf dem arktischen Meeresboden verlegt wurde. Militär und Geheimdienst behalten den Wissenschaftler aus diesem Grund besonders scharf im Auge.

Allein wird Gorow die Flucht über das vereiste Nordmeer nicht schaffen. Deshalb sollen ihn Keith Beaumont und seine beiden alten Freunde und Mitstreiter Sam Grayson und Horst Langer in Empfang nehmen und in Sicherheit bringen. Aber die Russen wissen schon Bescheid. Sie setzen den gefürchteten Oberst Igor Papanin in Marsch. Der Leiter der Sicherheitsbehörde für besondere Aufgaben im arktischen Militärbereich der UdSSR setzt alle verfügbaren Kräfte in Marsch; sollte ihnen Gorow entkommen, werden sie nicht zögern, „Target 5“ anzugreifen.

Als Gorow tatsächlich seinen Häschern entwischt, beginnt in der Eiswüste ein erbitterter Wettlauf. Beide Seiten unterschätzen freilich sträflich ihren eigentlichen Gegner: den Polarwinter, der schon bald erbarmungslos die ersten Opfer fordert …

Ein Globus, geteilt in zwei Hälften

Romane wie dieser sind es, die dem Leser bewusst machen, welcher Verlust das Ende der Sowjetunion für die Unterhaltungsliteratur bedeutet. Wir haben ihn noch längst nicht verwunden; idealere Bösewichte hat es seither nicht mehr gegeben: Ein ganzes „Reich des Bösen“, wie Ronald Reagan es einst so lyrisch nannte, bevölkert von finsteren, bis an die Zähne bewaffneten Kommunistenteufeln, die nur auf ihre Gelegenheit lauerten, über die wahren Verfechter der Freiheit auf diesem Planeten – die Vereinigten Staaten von Amerika und, allerdings weniger von Bedeutung, ihre westlichen Verbündeten (= Handlanger) – herzufallen. Die ganze Welt wurde zum Schachbrett für „das Spiel“ – ein unauffälliges, deshalb nicht weniger verbissenes Ringen um die Vorherrschaft, ausgetragen von den Geheimdiensten der Supermächte, da ein offener Schlagabtausch angesichts des auf beiden Seiten angehäuften Atomwaffen-Arsenals Wahnsinn gewesen wäre.

Dies war der Stoff, aus dem mehr als vier Jahrzehnte lang die (Alb-)Träume waren. Weil der Mensch sich den Dingen, die er fürchtet, gern spielerisch nähert, gibt es eine schier unendliche Zahl von Filmen und Büchern, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spielen. Einige Autoren verdanken ihren Weltruf sogar dem geschickten Spiel mit der Angst vor den „Roten“ und ihren Heimtücken.

Die Sowjets erweisen sich als ebenso dankbare Schurken wie die Nazis. Oberst Papanin, der in „Target 5“ auf russischer Seite die Fäden in der Hand hält, ist der roboterhafte Apparatschik par excellence. In der UdSSR ist es immer kalt und dunkel, die Menschen schleichen graugesichtig und geduckt daher, immer gewärtig, von der Polizei oder dem Geheimdienst auf offener Straße verhaftet und verschleppt zu werden, damit man sie foltern und ihnen Landesverrat vorwerfen kann.

Alles Gute kommt vom Westen

Wahre Schurken sind gern ein bisschen dumm. Auf die Sowjets schien dies leider nicht zuzutreffen; es manifestierte sich für den Durchschnittswestler der 1960er und 70er Jahre in der schwer verständlichen, ärgerlichen Tatsache, dass stets sie die Schachweltmeisterschaft für sich entschieden. Natürlich konnte ihnen das nur gelingen, weil sie – anders als die vom wahren Sportsgeist beseelten Amerikaner – das Schachspiel nur als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begriffen. Folglich schleppt auch der grimmige Papanin stets ein Schachspiel mit sich herum, auf dem er in den weniger freien Minuten, die der Große Bruder im Kreml ihm gewährt, die nächsten Züge gegen den Klassenfeind übt. Auch die Verräter-Hatz im Eis betrachtet Papanin als Spiel, das er unter allen Umständen zu gewinnen trachtet.

Den diabolischen Sowjets stemmen sich reinen Herzens die Verteidiger des Westens entgegen. Gut, General Dawes lockt Keith Beaumont mit einem faulen Trick in die Arktis, aber es muss halt so handeln, weil es im Dienst einer guten Sache ist. Und weil er im Herzen ein wahrer Patriot und Dawes zwar ein harter Brocken, aber eigentlich ein patenter Kerl ist, lacht der brave Keith bald wieder anerkennend über seinen schlauen Chef und lässt Gedanken an Manipulation und Machtmissbrauch gar nicht erst aufkommen. Immerhin verlässt er sich doch auf ihn – und dabei ist er nicht einmal Amerikaner! Ganz verleugnen mochte Colin Forbes also seine Herkunft und sein treues britisches Publikum nicht. Ohnehin spielt Beaumonts Nationalität für die Handlung keine Rolle.

Agenten kommen aus der Kälte

Von der holzschnittartigen Weltsicht einmal abgesehen, funktioniert „Target 5“ als Abenteuerroman ausgezeichnet. Die ‚Realität‘ des Jahres 1972 weckt heute nicht nur nostalgische Gefühle, sondern lässt „Target 5“ ebenso irreal wirken wie die leicht Science-Fiction-lastigen Kino-Agententhriller dieser Zeit.

Darüber hinaus fesselt Forbes Roman durch die grandiose arktische Kulisse. Der Kampf des Menschen gegen das ewige Eis stellt sich heute kaum anders dar als 1973. Diese Passagen sind quasi zeitlos, und weil Forbes sein Handwerk versteht, sind sie auch heute noch spannend zu lesen.

Autor

Colin Forbes wurde als Raymond Harold Sawkins 1923 in Hampstead, London geboren. Schon im Alter von 16 Jahren begann für einen Magazin- und Buchverlag als Mitherausgeber zu arbeiten. Den II. Weltkrieg erlebte Sawkins als Soldat in Nordafrika und im Mittleren Osten. Kurz vor Kriegsende wurde er in den Mitarbeiterstab einer Armeezeitung in Rom versetzt.

Nachdem man ihn aus der Armee entlassen hatte, nahm Sawkins seine Verlagstätigkeit wieder auf. Zwei Jahrzehnte arbeitete er in der Branche. Erst in den 1960er Jahren begann er sich eine Zweitkarriere als Unterhaltungsschriftsteller aufzubauen. „Snow on High Ground“, sein Erstling, wurde unter seinem richtigen Namen 1966 veröffentlicht. Es folgten zwei Fortsetzungen. In den nächsten Jahren prüfte Sawkins den Buchmarkt und schrieb Thriller, in denen er mit Themen und Stilen spielte. Dazu bediente er sich der Pseudonyme Richard Raine, Jay Bernard – und Colin Forbes. Dessen erster Roman wurde „Tramp in Armour“ (1969, dt. „Gehetzt“).

Was Forbes verfasste, kam beim Publikum am besten an. Also blieb Sawkins zukünftig bei diesem Alter Ego und legte einen Forbes-Reißer pro Jahr vor: Kriegsgeschichten, Katastrophenromane, Politthriller. Letztere verfasste er sogar ausschließlich, nachdem ihm mit dem Super-Agenten Tweed ein echter Publikumsknüller gelungen war.

Forbes lebte und arbeitete in Surrey südlich von London, nachdem ihn Steuerprobleme bis in die späten 1970er Jahre nach Irland vertrieben hatten. Am 23. August 2006 erlag Colin Forbes einem Herzinfarkt.

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