Tod im Eis

Matt Dickinson
Tod im Eis

Originaltitel: Black Ice (London : Hutchinson 2002)
Übersetzung: Juniper Hill
Dt. Erstausgabe: Mai 2004 (Goldmann Verlag/TB Nr. 24253)
480 S.
ISBN-13: 978-3-442-45556-0

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Das geschieht:

„Capricorn“ heißt eine kleine Forschungsstation, die in der Antarktis über einem Gletscher errichtet wurde. Fünf Personen bohren hier ein tiefes Loch ins Eis, unter dem ein unterirdischer See liegt, in dem womöglich bisher unbekannte Urtiere hausen. Die Glazialbiologin und Stationsleiterin Dr. Lauren Burgess steht unter Druck; der Zeitrahmen ist eng, die Arbeit gefährlich, der Geldgeber ungeduldig, die Fachwelt missgünstig. Deshalb kommt der Hilferuf einer gescheiterten Polarexpedition denkbar ungünstig. 300 frostige Meilen von der Station entfernt hat der Extremreisende Julian Fitzgerald sich und seinen Gefährten, den Norweger Carl Norland, durch schlechte Planung und eklatante Führungsschwäche in höchste Gefahr gebracht. Lauren Burgess und der Mechaniker Sean Lowery unternehmen den riskanten Versuch, die beiden Männer zu bergen, was wider Erwarten gelingt.

Fitzgerald dankt es seinen Rettern schlecht. Er war bereits in einige Skandale verwickelt. Ein neuerliches Scheitern würde ihn Ruf, Ruhm und Sponsorengeld kosten. Deshalb drängt Fitzgerald auf eine Fortsetzung der Expedition, die aus den „Capricorn“-Beständen ausgestattet werden soll. Dass dies wegen der beschränkten Ressourcen kaum machbar ist, will der arrogante Mann nicht akzeptieren. Ohnehin verfällt er zusehends dem Wahnsinn. Als er herausfindet, dass Norland einen Enthüllungsartikel plant, dreht Fitzgerald durch. Er sabotiert die Funkanlage der Station, plündert deren Vorräte, will ein Schneemobil stehlen und steckt dabei „Capricorn“ in Brand.

Ohne Ausrüstung, Vorräte und Medikamente bleiben die Überlebenden auf dem blanken Eis zurück. Der Gewaltmarsch zu einem fernen Depot bietet die einzige Rettung. Doch Hunger und Kälte machen den Männern und Frauen zu schaffen. Außerdem lauert im Hintergrund der gut ausgerüstete Fitzgerald, der es sich nicht leisten kann, dass Zeugen seiner frevelhaften Taten überleben …

Bühne aus Eis & Schnee

Bekannter Weltenbummler schreibt Expeditions-Thriller: Beim erfahrenen Leser lässt diese Kunde normalerweise die Alarmglocke schrillen. Prominenz ersetzt in solchen Werken häufig die literarische Potenz, was das Ergebnis zum Ärgernis gerinnen lässt. Auch Matt Dickinson ist eher ein geborener als erfahrener Geschichtenerzähler. Ersteres lässt sich als Talent sowieso nicht ersetzen, und letzteres mag noch kommen. „Tod im Eis“ liest sich trotz gewisser Abstriche außerordentlich jedenfalls flüssig und spannend. Dickinson ist weise genug, seine Story einfach zu halten. Im ewigen Eis der Antarktis findet ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel statt. Die strenge, bizarre und reizvolle Kulisse wird optimal genutzt; hier schreibt ein Autor, der diese Landschaft tatsächlich kennt.

Ein wenig holprig setzt die Handlung zunächst ein. „Tod im Eis“ erzählt eigentlich zwei Geschichten. Im ersten Teil lesen wir von der Rettung der Fitzgerald-Expedition. Teil 2 zeigt unsere Retter auf der Flucht, während ihnen der irre gewordene Fitzgerald im Nacken sitzt. So recht wollen sich die beiden Handlungsstränge nicht zueinander fügen. Hier und da fällt zudem auf, dass Dickinson viel Aufwand treibt, der dann im Nichts verpufft. Liebevoll lässt er vor unserem inneren Auge die Station „Capricorn“ Gestalt annehmen. Ausführlich wird jeder Raum beschrieben; es gibt sogar manchen historischen Rückblick auf die moderne Polarforschung.

Dann fliegt „Capricorn“ in die Luft, und wir kennen gerade die Hälfte der Geschichte. Ebenfalls irritierend: Den langen Weg der Flüchtenden zum rettenden Notsender kennen wir schon aus dem ersten Teil. Echte Überraschungen (frische Gletscherspalten, Steilhänge, Pinguine im Hinterhalt) lassen daher auf sich warten. Es bleiben indessen mehr als genug ausführlich und anschaulich geschilderte Plagen wie Hunger, Durst, Kälte oder wundbrandige Gliedmaßen. (Es fehlt nicht die obligatorische Amputation mit dem stumpfen Taschenmesser.) Auf den finsteren Fitzgerald kommt es beinahe nicht mehr an. In der Tat verschwindet er auffällig lange aus dem Geschehen, um sich erst zum nahenden Finale zurückzumelden.

Die Gruppe als Individuum

Generell bemüht sich Dickinson redlich, in Sachen Figurenzeichnung allzu ausgefahrene Klischee-Pfade zu meiden. Es gelingt ihm, aber er muss einen Preis dafür zahlen: Seine Figuren wirken ‚natürlich‘, doch ihre Alltäglichkeit lässt sie gleichzeitig profilarm wirken. Wenige Personen spielen in unserem Polardrama mit. Nur in Ausnahmefällen erfahren wir mehr von ihnen, und geschieht dies, so fragen wir uns nach dem Sinn, denn die eigentliche Handlung benötigt im Grunde keine Individuen.

Stattdessen steht die viel beschworene Gruppendynamik im Mittelpunkt. Es gibt Zeiten und Orte, da darf es kein „Ich“, sondern nur ein „Wir“ geben. Eine improvisierte Antarktis-Expedition gehört eindeutig in diese Kategorie. Hier müssen alle an einem Strang ziehen. Da der Mensch nun einmal ist wie er (und sie) ist, klappt das selten ohne Zwischenfälle. Die setzen in „Tod im Eis“ die eigentlichen dramatischen Akzente.

Auch hier weiß Dickinson – der selbst an diversen Ausnahme-Expeditionen teilgenommen hat – sehr gut, worüber er schreibt. Extremer Druck lässt das „wahre Ich“ zum Vorschein kommen, was nicht immer eine erfreuliche Erscheinung bietet. Ein wenig schade ist, dass sich uns dies nur bedingt mitteilt: Dickinsons Figuren sind wie gesagt eher flach, so dass unklar bleibt, was sie im Detail antreibt oder schwächt.

Dunkle Seiten prominenter Entdecker

Mit dem Bösewicht in diesem Spiel hat sich Dickinson mehr Mühe gegeben. Julian Fitzgerald ist sichtlich die fiktive Projektion diverser realer Globetrotter. Es gibt ihn wirklich, den multimedialen Abenteurer, den nicht nur die (Sehn-) Sucht an möglichst abgelegene Orte treibt, sondern auch ein ausgeprägter Profilierungsdrang. Dickinson selbst lernte solche Exemplare auf eigenen Reisen kennen, die ihn u. a. auf die Hänge des Mount Everest führten.

Berühmte Reisende und Entdecker sind seit jeher nicht unbedingt liebenswerte Zeitgenossen. Hart zu sich selbst und noch härter zu anderen sind sie, von einem brachialen Willen zu „gewinnen“ beseelt, der sie sich manchmal so verhalten lässt, wie es später nicht in den Geschichtsbüchern stehen wird. Wohl nur so schafft man es vermutlich, sich selbst in exorbitante Höhen oder durch lebensfeindliche Einöden zu knüppeln.

Die Schuld am geistig-moralischen Zusammenbruch des Julian Fitzgerald ist nicht allein in der persönlichen Charakterschwäche dieses Mannes zu suchen. Dickinson stimmt zusätzlich ein in die Klagen über einen Medienzirkus, der Extremreisen als Spektakel vermarktet. Nur wer sich hier mit größeren ‚Sensationen‘ gegenüber der ‚Konkurrenz‘ durchsetzt, erregt Aufmerksamkeit und kann mit Sponsorenmitteln für neue Reisen rechnen. Kein Wunder, dass sich so mancher Abenteurer als Entertainer verdingt!

Die gescheiterte Fitzgerald-Expedition erinnert wohl nicht von ungefähr an Ereignisse aus dem Jahre 1989: Der ehemalige Bergsteiger Reinhold Messner durchquerte mit Arved Fuchs zu Fuß die Antarktis – ein 2.800-km-Marsch. Anschließend kam es zum Skandal, als Messner Fuchs als Schwächling bezeichnete, während ihm dieser Profilierungssucht vorwarf. Es sind halt besondere Menschen, die den Hang zum Extremen leben: Helden womöglich, aber Heilige sind es nicht!

Autor

Matt Dickinson (*1968) verdient sich seinen Lebensunterhalt vor allem mit Dokumentarfilmen. Der studierte Anthropologe, der später zum Fernsehen ging, machte sich nach Lehrjahren bei der BBC 1988 selbstständig und spezialisierte sich auf Reisereportagen der besonderen Art: Dickinson filmte auf hohen Bergen, in tiefen Höhlen, reiste sowohl in heiße als auch in eisige Wüsten, scheute auch die hohe See nicht.

Berühmt wurde Dickinson 1996 durch seine Teilnahme an der äußerst schwierigen Besteigung des Mount Everest von seiner Nordseite. Sein Buch „The Death Zone“ (dt. „Drama am Mount Everest“) wurde 1997 ein Sachbuch-Bestseller. Der Everest bildete auch die Kulisse für Dickinsons ersten Roman, der im Jahre 2000 unter dem Titel „High Risk“ (dt. „Die weiße Hölle“) erschien.

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