Als die Welt uns gehörte

Liz Kessler:
Als die Welt uns gehörte

Originaltitel: When the World Was Ours (2022)
Deutsche Erstausgabe: (Verlag S. Fischer)
Übersetzung: Eva Riekert.
Cover: Dahlhaus & Blommel/Media Design, Vreden (nach einer Idee von Heather Palisi u. einer Abbildung von Matt Saunders)
302 Seiten
ISBN 978-3-7373-4256-8

von Gunther Barnewald


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Leo, Elsa und Max leben in der Nähe in Wien. Sie sind im Grundschulalter und gehen in dieselbe Klasse. In diesem Jahr 1936 hängen düstere Wolken über Wien: Die Nationalsozialismus bereiten die „Machtübernahme“ in Österreich vor. Antisemitismus ist ein elementares Instrument ihres Terrorregimes.

Die drei Freunde sind noch ahnungslos, zumal Elsas jüdische Eltern nicht religiös sind. Auch Leo hat noch keine Ausgrenzung aufgrund seines Glaubens und seiner „Rasse“ erfahren. Max weiß ebenfalls nichts mit Hitler und seinen Gefolgsleuten anzufangen, zu denen auch sein strenger, humorloser Vater gehört.

An Leos Geburtstag verbringt das Trio einen tollen Tag mit Herrn Grünspan, Leos Vater, im Wiener Prater. Man fährt mit dem Riesenrad,. Und Herr Grünspan macht ein Foto von diesem glücklichen Momente. Jedes Kind bekommt einen Abzug. Zudem lernen die vier ein nettes englisches Ehepaar kennen, das einst durch eine Bürgschaft Leos und seiner Mutter Leben retten wird.

Die Freunde wollen für immer zusammen bleiben, sind glücklich mit ihrem Leben, obwohl der Vater von Max diesem den Umgang mit den „Judenkindern“ verbieten will. Doch schon bald wird alles anders. Im März 1938 wird Österreich Deutschland „angeschlossen“, was bedeutet, dass dessen antisemitische Gesetze jetzt auch hier gelten. Elsa flüchtet mit ihren Eltern nach Prag. Max darf Leo nicht mehr sehen, und dieser wird wie alle jüdischen Schüler ausgegrenzt, in die hintere Bankreihen verbannt, dazu beleidigt und attackiert, bis Leo und die anderen jüdischen Kinder die Schule endgültig verlassen müssen.

Während Max „hart“ und „männlich“ werden soll, nicht mehr weinen darf und militärisch gedrillt wird, flüchtet auch Leo mit seiner Mutter nach England, um dem Naziterror zu entkommen. Nur sie entkommen den Nazis, während Herr Grünspan und Elsa im Konzentrationslager enden, wo Max zwecks ‚Abhärtung‘ Wachdienst leistet – ein grauenvolles Wiedersehen ohne Aussicht auf Happy End …

Mit „Als die Welt uns gehörte“ gelingt Liz Kessler eine anschaulich erzählte Geschichte und ein flüssig lesbares Buch, das die schwere Thematik verständlich transportiert. Den Lesern wird die systematische Entrechtung und Entmenschlichung von Mitbürgern, die teilweise seit Generationen friedlich neben ihnen leben, drastisch vor Augen geführt. Die Verzweiflung der Betroffenen wird genauso deutlich wie Max‘ Zwiespalt. Er wird in das System der Täter gepresst werden, obwohl er kein kaltblütiger Mörder und Sadist ist. Alle wissen um das begangen Unrecht, doch kaum einer wehrt sich gegen Ungerechtigkeit und Verrohung.

Der Autorin gelingt es mit glaubhaft dargestellten Protagonisten, durch deren Augen man abwechselnd das Geschehen verfolgt, nicht nur Mitleid zu erregen, sondern die volle Bandbreite der Gefühle einzufangen, von denen die Kinder ebenso wie von dem brutalen Weltgeschehen überrollt werden. Aus einstigem Glück und der Hoffnung auf eine fröhliche Zukunft wird blanker Horror – auch für Max, der sich mitschuldig macht: Drei junge Menschen müssen erleben, wie ihr Leben in den Abgrund gezogen wird. Dies ist nichts für schwache Lesernerven, aber historische Realität und eine der verheerendsten Katastrophen für alle Menschen in Europa.

Seriös und nicht reißerisch erzählt die jüdische Autorin, deren Vater ähnlich wie der kleine Leo einst dem Konzentrationslager entkam: eine lohnenswerte Lektüre für alle Leser in einem sehr schönen und lesefreundlichen Hardcover-Format.

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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