Blutige Nachrichten

Stephen King
Blutige Nachrichten

Originaltitel: If It Bleeds (2020)
Deutsche Erstausgabe: August 2020 (Heyne Verlag)
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Cover: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
559 Seiten
ISBN 978-3-453-27307-8

von Gunther Barnewald


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Stephen King hat spätestens mit „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ (im Original „Different Seasons“) bewiesen, dass er ein genialer Autor von Novellen ist. Erzählungen zwischen 50 und ca. 150 Seiten liegen ihm, und spätestens die Verfilmung von drei der vier damaligen Novellen („The Body“ wurde in Deutschland zu „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“, „The Shawshank Redemption“ zu „Die Verurteilten“ und waren definitiv zwei der besten King-Verfilmungen aller Zeiten; auch „Apt Pupil“ als „Der Musterschüler“ ist gar nicht schlecht!) zeigten, welch wunderbare Geschichten der Autor hier in der kürzeren Form zu schreiben in der Lage ist.

Der vorliegende Band enthält drei Novellen (eine von knapp 80 Seiten, zwei mit etwa 110 Seiten) und einen Roman von 240 Seiten. (Früher hätte letzterer als ‚richtiger‘ Roman gegolten, aber im Zeitalter aufgeblähter Fantasy-Unendlich-Serien und Ziegelsteinbücher gilt diese Seitenzahl bei Heyne nur noch als ‚Kurzroman‘).

Die Sammlung beginnt mit der sicheren Nummer „Mr. Harrigans Telefon“, einer typischen Coming-of-Age-Geschichte, wie sie King in „The Body“ oder in „Hearts in Atlantis“ schon ähnlich erzählt hat: Craig ist ein gelehriger und anständiger Junge, der in der Kirche früh öffentlich aus der Bibel vorlesen darf, weil er dies so schön kann. Dabei wird der reiche John Harrigan auf ihn aufmerksam, der sich in dem kleinen Ort, in dem Craig mit seinem Vater wohnt (Craigs Mutter ist verstorben), zur Ruhe gesetzt hat.

Harrigan bietet dem Jungen für das Vorlesen bei sich zu Haus und einige andere kleine Dienste einen bescheidenen Lohn an, und der Junge mag seinen neuen ‚Minijob‘ und bald auch den alten Mann. Aus Dankbarkeit macht er Harrigan sogar mit neuerer Digitaltechnik (Handy, denn die Geschichte spielt teilweise zur Zeit der Blackberrys und ersten Iphone) vertraut). Leider stirbt Harrigan eines Tages an Altersschwäche. Craig verabschiedet den Mann bei dessen Beerdigung würdig. Aus diesem Abschied ergibt sich dann eine etwas gruselige, aber auch sehr interessante Situation …

Wie gesagt ist diese flüssig erzählte Novelle eine sichere Bank, hier gibt es nichts zu meckern oder kritisieren, wer King liebt, kann hier gar nichts einwenden gegen eine weitere tolle und sehr anrührende Jugendgeschichte.

Die nächste Novelle (die kürzeste) erzählt anfangs scheinbar von einer Welt, die ihren „Doomsday“ erreicht hat. Die Zivilisation scheint unterzugehen und mit ihr die ganze Menschheit. Im zweiten Teil tauchen dann aber immer mehr Ungereimtheiten auf, die Erzählung nimmt eine ganz andere Wendung. Erst im dritten Teil begreift der Leser langsam, was wirklich vor sich geht und ist, wenn er denn zu Mitgefühl in der Lage ist (und den Plot versteht), heftig emotional bewegt und betroffen.

„Chucks Leben“ ist vielleicht der Höhepunkt der vier hier versammelten Geschichten. Genial konstruiert, anfangs verwirrend, dann immer verständlicher, erzählt der Autor äußerst bewegend vom Tod eines Menschen und dem Verlust an Wissen, den dieses Ereignis darstellt.

Danach folgt ein Roman, der im gleichen Universum spielt wie die drei Bände der Bill-Hodges-Serie („Mr. Mercedes“, dt. unter gleichem Titel, „Finders Keepers“, dt. „Finderlohn” und „End of Watch“ dt. „Mind Control“) sowie der Roman „The Outsider“ (dt. „Der Outsider“). Der Autor erzählt, wie es Holly Gibney gelingt, einen weiteren „Outsider“ (ein Wesen, welches sich von menschlichem Leid ernährt und inzwischen dazu übergegangen ist, dieses selbst zu verursachen, um sich zu sättigen) aufzuspüren und zu bekämpfen.

Leider vergaloppiert sich der Autor hier total bezüglich des Spannungsbogens. Durch die schwarz-weiß Konstruktion, die nur Gut und Böse zulässt, sind die Fronten schnell klar, das abschließende Duell vorherbestimmt und müsste nur durchgeführt werden, wenn King nicht noch mehr als 100 Seiten schreiben würde, die sich wie Kaugummi hinziehen. Das Ende ist vorhersehbar, der schlussendliche Kampf unvermeidbar, doch der Leser muss sich bis dahin durch völlig unnötige Textpassagen quälen, die den Finalkampf unnötig hinauszögern. Sicherlich werden die Leser der Bücher sich über ein Wiedersehen (Wiederlesen?) mit Holly Gibney freuen, aber dies allein reicht nicht!

Als letztes folgt die Novelle „Ratte“, eine ebenfalls atmosphärisch dichte Geschichte: Ein Universitätsprofessor, der gelegentlich Kurzgeschichten schreibt, hat plötzlich die Idee zu einem Roman. Vor Jahren endete ein erster Versuch in dieser Richtung im Desaster und fast als Katastrophe für ihn und seine Familie, weshalb diese sich sorgt, als der Autor sich in eine einsame Hütte am Arsch der USA zurückzieht. Tatsächlich scheint auch dieses Mal die Situation zu eskalieren. Wird der Autor seine Geschichte in den Griff bekommen, zumal eine heftige Grippe ihn im Griff hat …?

Auch wenn diese Geschichte ähnlich wie „Misery“ oder „Stark – The Dark Half“ wieder einen recht spezifischen ‚Autorenblickwinkel‘ entwickelt, dürfte sie für die meisten Leser recht interessant und vor allem spannungstechnisch gelungen daherkommen. Besonders die Einsamkeit der Hütte, die Bedrohung durch einen aufziehenden Eissturm und die unangenehm heftige Grippe in Kombination mit vermeintlichen Halluzinationen des Protagonisten vermittelt King wieder absolut meisterhaft. (Ansatzweise lässt „Shining“ grüßen.)

Somit ist dieses Buch seinen Anschaffungspreis wert, auch wenn der ‚Kurzroman‘ deutlich schwächelt und Erwartungen enttäuschen dürfte. Andererseits ist er aber nicht so schlecht, dass er den guten Eindruck der drei Novellen schmälert, von denen vor allem „Chucks Leben“ nach scheinbar schwachem, wirrem Beginn großen Eindruck macht. Also kein überragendes Buch von King, aber allemal ein gutes!

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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