Das Experiment

Arkadi und Boris Strugatzki
Das Experiment

Originaltitel: Grad Obretschenny (1988/89)
Deutsche Übersetzung: Reinhard Fischer (bearbeitet und ergänzt von Erik Simon)
Diese Ausgabe: August 2018 (Heyne Verlag/TB-Nr. 31918)
624 Seiten
ISBN: 978-3-453-31918-9

von Gunther Barnewald

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Das vorliegende Buch erschien 1992 erstmals im Ullstein Verlag in deutscher Sprache; es trug den Titel „Die Stadt der Verdammten“. Zwischen 1967 und 1972 von den Brüdern Arkadi (1925-1991) und Boris Strugatzki (1933-2012) geschrieben, verschwand es in deren Schublade, da beide wussten, dass sie diesen Roman in der damaligen Sowjetunion nie würden veröffentlichen dürfen. Stattdessen hätte das Werk zur Verhaftung und Verurteilung führen können.

Boris fertigte zwei Abschriften an, welche die Brüder zwei entfernten, aber vertrauenswürdigen Freunden anvertrauten, die seine Existenz ebenso geheim hielten wie die Autoren (und einige eingeweihte Freunde.) Erst im Zuge von Glasnost und Perestroika konnte die Geschichte (in zwei Teilen 1988 und 1989) endlich veröffentlicht werden.

In seinem Nachwort macht Boris Strugatzki nochmals klar, wie sehr man sich damals als Schriftsteller in der UdSSR in Acht nehmen musste. Dmitry Glukhovsky ergänzt in seinem Vorwort, wie bedeutend die Strugatzkis damals für die sowjetischen Leser waren. Science Fiction gehörte zum Mainstream und wurde nicht von ‚höherer‘ Literatur getrennt. Da der Staat seinen Bürgern eine rosige (= sozialistische) Zukunft versprach, galten zumindest entsprechend gefärbte Geschichten als machbare Utopien, was der SF aus ihrem Nischendasein heraushalf. Doch für eine strahlende Zukunft war „Das Experiment“ viel zu düster und dystopisch.

Geschildert wird die Geschichte des Russen Andrej Woronin, der im Jahre 1951 in eine merkwürdige Stadt kommt. Hier findet angeblich das „Experiment“ statt. Viele Menschen weilen deshalb schon in der Stadt. Sie kommen aus aller Herren Länder, aber aus unterschiedlichen Zeiten, die Mehrheit jedoch aus den Jahren 1945 bis 1967.

Andrej beginnt als Müllfahrer, wobei er die Invasion einer Pavianherde miterlebt, die den Bewohnern schwer zu schaffen macht. Mit vereinten Kräften wird man der aufsässigen Tiere jedoch Herr.

Später freundet sich Andrej mit einem Juden namens Isja Katzmann an, aber auch mit dem ehemaligen SS-Offizier Fritz Geiger. Dies erweist sich bald als Glücksfall, denn Geiger gelingt es, sich ins Bürgermeisteramt zu putschen und die Macht zu übernehmen.

Er rüstet eine Expedition ins Unbekannte aus, die erforschen soll, was jenseits der Stadt existiert. Woronin erhält das Kommando, denn er ist inzwischen Ratsmitglied. Doch die Expedition wird zum Desaster. Durst, Durchfall und Krankheiten plagen die Männer, die Soldaten beginnen zu meutern. Immer wieder stößt man auf Gebäude aus der Vergangenheit, deren Bewohner auf mysteriöse Weise verschwunden sind …

Was im Klappentext als Meisterwerk der Brüder Strugatzki angekündigt wird, erweist sich bei näherer Betrachtung zwar als intellektuell ansprechendes, aber phasenweise langweiliges Buch. Das Geheimnis der Stadt droht schon im zweiten Kapitel enthüllt zu werden, und wird dann aber nie so wirklich erklärt, was freilich viele Deutungsmöglichkeiten zulässt. Viele Anspielungen aus der Zeit des totalitären Sowjetstaats sind heute ohnehin kaum noch verständlich oder nachvollziehbar, obwohl man mit einigen Textanmerkungen verlagsseitig versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch wer diese Zeiten nicht bewusst erlebt hat, dem wird vieles fremd bleiben!

Vor allem leidet „Das Experiment“ an einem mangelhaften Spannungsbogen. Nach der Entdeckung eines schauerlichen „Roten Gebäudes“ passiert erst einmal lange nicht viel. Obwohl der Roman ähnlich angelegt ist wie der Strugatzki-Klassiker „Picknick am Wegesrand“, fehlen diesem Buch die frappierenden, den Leser immer wieder aufs Neue in Bann schlagenden Ideen.

Generell krankt „Das Experiment“ am Versuch der Autoren, zu viel historisch Authentisches und Autobiographisches unterzubringen. Darüber haben die beiden wohl die Leser aus den Augen verloren, während sich andere Strugatzki-Werke dadurch auszeichneten, dass die Brüder meisterhaft die Waage zwischen Unterhaltung und hohem (Subtext-) Niveau halten konnten, ohne eine Seite zugunsten der anderen zu vernachlässigen. Dem „Experiment“ geht dies ab, was dazu führt, dass der Lesegenuss erheblich leidet und zwischenzeitlich bei vielen Lesern ein Gefühl der Langeweile aufkommen dürfte.

Aus diesem Grund ist „Das Experiment“ trotz des anspruchsvollen Inhalts nicht das ‚beste‘ Buch der Strugatzkis, auch wenn es summa summarum noch immer empfehlenswert ist und sicherlich zu Recht wieder aufgelegt wird.

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

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